Der italienische Futurismus und die Anfänge seiner Rezeption in Deutschland. F.T. Marinettis Eroberungsversuch der deutschen Avantgarde


Hausarbeit, 2006
34 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der italienische Futurismus
2.1 Gesellschaftlicher und politischer Kontext: Italien um die Jahrhundertwende
2.2 Manifest des Futurismus 1909 – Die Geburtsstunde einer Avantgarde
2.2.1 Die narrative Einleitung – Initiation des Futuristen
2.2.2 Die Programmpunkte – Forderungen der Futuristen
2.2.3 Das beschwörende Finale – „Wenn wir vierzig sind“
2.3 Die Poetik des Futurismus: Technisches Manifest der futuristischen Literatur und Zerstörung der Syntax. Drahtlose Phantasie. Befreite Worte. – Die Avantgarde lernt literarisch laufen

3. Der italienische Futurismus in Deutschland
3.1 Die Sturm -Ausstellung der italienischen Futuristen in Berlin 1912
3.2 Die ambivalente Rolle Herwarth Waldens

4. Rezeption: Abkehr, Adaption oder beides?
4.1 Die enttäuschten Hoffnungen: Alfred Döblin
4.2 Der futuristische Rausch: Johannes R. Becher

5. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung

„Marinetti hat endlich den letzten Schritt getan und eine Religion gegründet. In einem Manifest, natürlich, seinem zwanzigsten oder hundertsten, ich weiß es nicht.“1 Auf diese Art und Weise kommentiert René Schickele 1916 in den Weißen Blättern eine italienische Avantgardebewegung – den Futurismus.

Der spöttische Grundtenor jener Aussage ist offensichtlich, doch ist er auch exemplarisch für die allgemeine Futurismusrezeption der zeitgenössischen deutschen literarischen Avantgarde? Wie und von wem wurden die Werke der italienischen Futuristen dem deutschen Publikum überhaupt zugänglich gemacht? In welchen Punkten lassen sich Berührungspunkte finden; wo nur ablehnende Kritik? Diese Fragen sollen im Laufe der vorliegenden Arbeit beantwortet werden.

Um überhaupt ein Verständnis von der Radikalität der Umwälzung – der Revolution aller Künste – zu erlangen, erweist es sich als sinnvoll, zunächst die Anfänge des italienischen Futurismus ab 1909 näher zu betrachten. Welche gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen motivierten die Genese des Futurismus? Was

forderten die um den Initiator der Bewegung, Filippo Tommaso Marinetti, gruppierten Künstler2 und welches waren ihre Mittel, diesen Forderungen Ausdruck zu verleihen? Eine Analyse der wichtigsten Manifeste gibt Antwort auf beide Fragen zugleich. Hierbei sollen vornehmlich die grundlegenden Publikationen Marinettis Manifest des Futurismus von 1909, Technisches Manifest der futuristischen Literatur von 1912 und

Zerstörung der Syntax. Drahtlose Phantasie. Befreite Worte. von 1913 im Zentrum der Untersuchung stehen.

Nach der Darstellung dieser theoretischen sowohl ideologischen als auch technischen Grundlagen verlassen wir Italien und ziehen mit den italienischen Künstlern nach Deutschland, in das Berlin des Jahres 1912 – zur zweiten von Herwarth Walden organisierten Ausstellung in der Sturm -Galerie. Der unvermeidbare Diskurs, der durch eine Konfrontation zweier Avantgardebewegungen evoziert wird,

i.e. der Expressionismus und der Futurismus, soll im dritten Teil dieser Arbeit

geschildert werden. Das Forum für diese Futurismusdebatte bilden (neben anderen vorwiegend expressionistischen Zeitschriften wie zum Beispiel den oben genannten Weißen Blättern) vor allem Herwarth Waldens Der Sturm und Franz Pfemferts Die Aktion. Walden selbst fungiert hierbei quasi als Propagandist der neuen Bewegung. Dennoch gelingt es ihm nicht, den Futurismus als Gesamtkunstwerk, gesellschaftliche Wirklichkeit und Lebensform adäquat zu präsentieren bzw. zu etablieren.

Im letzten Teil der Arbeit soll anhand zweier Beispiele – Alfred Döblin und Johannes

R. Becher – aufgezeigt werden, wie der italienische Futurismus durch die Generation des expressionistischen Jahrzehnts aufgenommen bzw. revidiert wurde.

2. Der italienische Futurismus

2.1 Gesellschaftlicher und politischer Kontext: Italien um die Jahrhundertwende

Seit 1870 ist Italien ein Nationalstaat mit Rom als Hauptstadt. Trotz dieser Einheit waren jedoch die Unterschiede in wirtschaftlicher, sozialer, gesellschaftlicher, kultureller und auch sprachlicher Hinsicht immer noch so groß, dass die Nation in der Bevölkerung keinen echten inneren Zusammenhalt hatte. Zwischen dem Norden, der teilweise von den Franzosen und Österreichern besetzt gewesen war und einer Industrialisierung nach dem Standard anderer europäischer Nationalstaaten entgegenstrebte, und dem traditionell von der feudalistischen Landwirtschaft geprägten Süden gab es immer schon große Unterschiede und Verständigungs-

schwierigkeiten, die von der kurzfristig ausgebrochenen Einheitseuphorie nicht so schnell überbrückt werden konnten.3

In kultureller Hinsicht waren diese Differenzen noch gravierender: allein die sprachlichen Unterschiede zwischen dem im Norden gesprochenen Italienisch und den im Süden gebrauchten Dialekten erschwerten eine Verständigung innerhalb der neuen Nation. Hinzu kamen die unterschiedlichen Sitten und Gebräuche, die primär das gesellschaftliche Leben betrafen und eine Vermischung der verschiedenen Volksteile fast unmöglich machten.

Diese sprachlichen und gesellschaftlichen Barrieren konnten auch von der Kunstszene nicht überwunden werden, die in ihrer Gesamtheit nicht den Anschluss an die internationale Entwicklung finden konnte. Selbst in den Städten des industrialisierten Nordens war sie alles andere als fortschrittlich: Akademismus und die in Italien übliche Rückwendung zu den vergangenen glorreichen Kunstepochen führten zu einem Stillstand des öffentlichen Geschmacks, der sich beharrlich weigerte, irgendwelche aus dem Ausland kommenden Einflüsse zuzulassen. Im Süden und in der Mitte des Landes war die Situation noch desolater: Der Konservatismus der Kirche und die von einer feudalistischen Landwirtschaft geprägte

Gesellschaft waren allem Neuen von Grund auf abgeneigt, insbesondere dann, wenn das Neue aus dem Norden Italiens oder gar aus anderen Ländern kam.4

Bezogen auf die bildende Kunst beschreibt Umberto Boccioni das Problem wie folgt:

Die futuristische Malerei befindet sich in einer besonders schwierigen Lage. Sie ist in Italien entstanden und hat sich hier entwickelt, in einem Land also, das keinerlei Tradition auf dem Gebiet der modernen Kunst hat und für sie blind ist. In dieser

Hinsicht gilt Italien als das Böotien Europas.5

In diese konservative Atmosphäre platzt im Jahre 1909 Filippo Tommaso Marinetti mit seinen revolutionären Bestrebungen nach einer Umgestaltung der Künste. Mit seinen in Form eines Manifestes aufgestellten Forderungen reagiert er auf die Einflüsse der sogenannten ,zweiten industriellen Revolution’, die in Italien sehr spät, dafür aber umso rascher stattgefunden hatte. Gerade die Großstädte des Nordens, Mailand und Turin, haben um 1900 ihr Gesicht wesentlich verändert. Rauchende Schornsteine der Fabriken, Eisen- und Straßenbahnen, Autos und Flugzeuge dominierten jetzt plötzlich die Lebenswelt der Bevölkerung: eine veränderte Lebensrealität, die nun ihre Entsprechung in der Kunst finden soll, in einer Ästhetik des neuen Lebensgefühls6.

Hinter Marinettis Überlegungen stand aber auch ein nationalistischer Aspekt: Eine kulturelle Bewegung, die modern, italienisch und landesweit angelegt war und die nicht nur die üblichen Gattungen der Kunst umfasste, sondern fast alle Lebensbereiche einschloss, sollte der Bevölkerung zu einer nationalen Identität und somit zugleich zu einer Einheit in den Köpfen verhelfen, die von der Politik nicht erreicht werden konnte.7 Und wo anders sollten die Hauptzentren dieser Bewegung entstehen, wenn nicht in Mailand und Turin, wo Urbanität und Metropolenkultur als wichtigste Grundpfeiler einer jeden Avantgardebewegung bereits gegeben sind?

2.2 Manifest des Futurismus 1909 – Die Geburtsstunde einer Avantgarde

Gottfried Benn schreibt, dass „[d]as Gründungsereignis der modernen Kunst in Europa [...] die Herausgabe des futuristischen Manifestes von Marinetti, das am 20. Februar 1909 in Paris im ,Figaro’ erschien“8 gewesen sei. Hansgeorg Schmidt- Bergmann betont zwar in seiner Abhandlung über die Anfänge der literarischen Avantgarde in Deutschland, dass nur „Wenige [...] so nachdrücklich [...] den italienischen Futurismus zum Ursprung der historischen Avantgarde erklärt“9 haben – eines jedoch kann als gesichert gelten: Marinetti selbst stimmt in dieser Einschätzung gewiss mit Benn überein!

Nachdem auf der Titelseite jener großen Pariser Tageszeitung sein unter dem Titel Le Futurisme verfasstes Manifest veröffentlicht wird, in dem er in rebellischen und aggressiven Tönen die Geburt einer neuen künstlerischen Bewegung ankündigt, war die Leserschaft schockiert. Marinetti wählte den Ort dieser Publikation aus strategischen Gründen: der Figaro war eine der mächtigsten europäischen Zeitungen und zwar eine konservative! Marinettis intendierte Provokation glückte somit

unweigerlich und der Futurismus wurde erstmals über die Grenzen Italiens10 einer

breiten Öffentlichkeit bekannt. Und auch in Italien selbst erfolgte der wirkliche Durchbruch erst nach diesem skandalösen internationalen Auftakt.

Sein Manifest bekam den Rang einer wichtigen Nachricht – als Leitartikel auf der ersten Seite wurde seine Feier einer heroischen Moderne verkündet. Mit dem Abdruck im Figaro wurde Marinetti nicht allein in Frankreich für kurze Zeit zum einflußreichsten

Promotor der modernen Kunst.11

Marinettis Selbstinszenierung bekam die Dimension eines europäischen Werbe- feldzuges, und wofür er warb war ein Produkt, das in gewissem Sinne noch gar nicht auf dem Markt war – eine futuristische Kunst! Marcel Duchamp nannte ihn den

,Manager des Futurismus’12, ein Ausdruck, der eher auf den Bereich Wirtschaft als den der Künste rekurriert. Aber die Mittel derer sich Marinetti bedient, um sein

,Produkt’ in den Markt einzuführen sind äquivalent: Eine neuartige Form13 der

Werbung (die des Manifestes), strategisch bestens platziert (die Titelseite des Figaro), um die größtmögliche Masse zu erreichen und eine intendierte Schockwirkung, um in der Öffentlichkeit diskutiert zu werden, um ,im Gespräch zu sein’.

Was zum erhofften Erfolg zuletzt noch fehlt ist ein aussagekräftiger Markenname:

Am 11. Oktober, nachdem ich 6 Jahre lang in meiner internationalen Zeitschrift

,Poesia’ dafür gearbeitet hatte, den vom Tode bedrohten lyrischen Genius Italiens von den Fesseln der Tradition und des Krämergeistes zu befreien, fühlte ich auf einmal, daß die Artikel, die Gedichte und die Polemiken nicht mehr genügten. Wir mußten unsere Methode völlig ändern: hinaus auf die Straße mußten wir, die Theater im Sturm nehmen und den Faustschlag in den künstlerischen Kampf einführen. Meine Dichterfreunde [...] suchten mit mir nach einem Losungswort. Ich zögerte einen Augenblick zwischen ,Dynamismus’ und ,Futurismus’. Mein italienisches Herz schlug

höher, als meine Lippen mit lauter Stimme das Wort ,Futurismus’ erfanden.14

Ob die ,Verkaufsstrategie’ des Managers Marinetti sich in der Bilanz positiv niedergeschlagen hat, wird noch zu untersuchen sein. Zuvor soll aber das Produkt genauer in Augenschein genommen werden.

Marinettis erstes Manifest liest sich als Generaloffensive gegen den Vergangenheits- kult, den ,Passatismus’, d.h. gegen die Gesamtheit aller traditionellen Vorstellungen, die den literarischen und künstlerischen Ausdruck bisher beherrschten.

[...]


1 Schickele, René, in: Die Weißen Blätter, 3, 11, Nov 1916.

2 Namentlich die sogenannte ,Gruppe der Fünf’: Giacomo Balla, Umberto Boccioni, Carlo Carrà, Luigi Russolo, Gino Severini.

3 Reinhardt, Volker: Geschichte Italiens. Von der Spätantike bis zur Gegenwart, München 2003, S. 124f.

4 Vgl. Nobis, Norbert: Die historischen Grundlagen des Futurismus, in: Benesch, Evelyn und Ingried Brugger [Hrsg.]: Futurismus. Radikale Avantgarde, Wien 2003, S. 27f.

5 Boccioni, Umberto: Der futuristische Dynamismus und die französische Malerei, in: Appolonio, U.: Der Futurismus. Manifeste und Dokumente einer künstlerischen Revolution 1909-1918, Köln 1972, S.134.

6 Vgl. Schmidt-Bergmann, Hansgeorg: Futurismus. Geschichte, Ästhetik, Dokumente, Reinbek bei Hamburg 1993, S. 21. (Im Folgenden zitiert als: Schmidt-Bergmann: Futurismus.)

7 Vgl. Pierre, José: Futurismus und Dadaismus, Lausanne 1967, S. 19.

8 Benn, Gottfried: Probleme der Lyrik, in: ders.: Essays, Reden, Vorträge, Wiesbaden 1959 ( = Gesammelte Werke in vier Bänden. Hrsg. von Dieter Wellershoff. Band 1), S. 498.

9 Vgl. Schmidt-Bergmann, Hansgeorg: Die Anfänge der literarischen Avantgarde in Deutschland. ÜberAnverwandlung und Abwehr des italienischen Futurismus. Ein literarhistorischer Beitrag zum expressionistischen Jahrzehnt, Stuttgart 1991, S. 12. (Im Folgenden zitiert als: Schmidt-Bergmann: Anfänge.)

10 Schon zuvor ,operierte’ Marinetti von seiner ,Machtbasis’ Mailand aus: Teile des Manifestes hatte erbereits 1908 niedergeschrieben, Ausschnitte kursierten in Mailand schon im Januar 1909 als Flugblatt unter dem Titel „Manifesto del Futurismo“, das von der von Marinetti selbst herausgegebenen Zeitschrift Poesia publiziert wurde. Mehrere italienische Zeitungen druckten Abschnitte des Manifestes– die Resonanz blieb jedoch gering. Vgl. hierzu: Benesch, Evelyn und Ingried Brugger [Hrsg.]: Futurismus. Radikale Avantgarde, Wien 2003, S. 231.

11 Schmidt-Bergmann: Anfänge, S. 52.

12 Vgl. Schmidt-Bergmann: Futurismus, S. 35.

13 Vgl. Schmidt-Bergmann: Futurismus, S. 57f.

14 Marinetti, F.T.: Guerra sola igiene del mondo, Mailand 1915, S. 5; zitiert nach Baumgarth, Christa: Geschichte des Futurismus, Reinbek bei Hamburg 1966, S. 7.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Der italienische Futurismus und die Anfänge seiner Rezeption in Deutschland. F.T. Marinettis Eroberungsversuch der deutschen Avantgarde
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
34
Katalognummer
V110852
ISBN (eBook)
9783640090044
ISBN (Buch)
9783640454303
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Futurismus, Anfänge, Rezeption, Deutschland, Marinettis, Eroberungsversuch, Avantgarde-
Arbeit zitieren
Nicole Tzanakis (Autor), 2006, Der italienische Futurismus und die Anfänge seiner Rezeption in Deutschland. F.T. Marinettis Eroberungsversuch der deutschen Avantgarde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110852

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