Die Grenzen des Ansatzes der Moralökonomie - Zur Rolle der Moralökonomie im Alltagshandeln sozialer Akteure in Tansania


Seminararbeit, 2006

36 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe


Inhalt

Einleitung

1. Die Moralökonomie bei Hyden
1.1. Hydens Ansatz der Moralökonomie
1.1.1. Afrikanische Kleinbauern
1.1.2. Die Ökonomie der Zuneigung
1.2. Die Ökonomie der Zuneigung und ihre Bedeutung für die ländliche Entwicklung
1.2.1. Die Schwäche des Staates
1.2.2. Die Stärke der Kleinbauern
1.2.3. Zusammenfassung von Hydens Thesen
1.3. Theoretische Einordnung
1.3.1. Die Hauptrichtungen der Wirtschaftsethnologie
1.3.2. Hydens Vorgänger

2. Die Verflechtung von Moralökonomie und Marktökonomie
2.1. Kritik Lemarchands
2.1.1. Konzeptionelle Kritik
2.1.2. Inhaltliche Kritik
2.2. Der Bielefelder Verflechtungsansatz
2.2.1. Kritik an westlichen Entwicklungstheorien
2.2.2. Verflechtung von Subsistenzwirtschaft und Marktwirtschaft
2.2.3. Moralökonomie und Marktökonomie

3. Die Grenzen des Ansatzes der Moralökonomie
3.1. Sicherheit und Moralökonomie
3.2. Die Rolle der Moralökonomie bei Steinwachs
3.2.1. Die Herstellung sozialer Sicherheit durch die soziale Einbettung der Ökonomie
3.2.2. Die Verflechtung moralökonomischer und marktökonomischer Handlungsrationalitäten
3.2.3. Wandel und gesellschaftliche Tendenzen
3.3. Vergleich und Zusammenfassung Hyden und Steinwachs

4. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Terminus „Moralökonomie“ ist seit seiner „Erfindung“ in den 70er Jahren nicht mehr aus wirtschaftsethnologischen und entwicklungssoziologischen Debatten wegzudenken. Bei diesen Diskursen standen die Vertreter des moralökonomischen Ansatzes den Vertretern der liberalen Marktökonomie gegenüber. Diese Trennlinie verlief meist parallel zu der Dichotomisierung in substantivistische und formalistische Theorien. Die empirischen Beobachtungen des Alltags sozialer Akteure in sich entwickelnden Ländern Afrikas und Südostasiens warfen jedoch die Frage auf, inwieweit diese Gegenüberstellungen noch zeitgemäß sind, innerhalb einer globalisierten Welt. Kleinhändler z.B. ließen sich wegen ihrer starken Verbindung zur dörflichen, moralökonomisch geprägten Gemeinschaft, weder in die kapitalistische Marktökonomie einordnen, noch vollständig in die Moralökonomie, da sie ja auch nach den Gesetzen des Marktes handeln mussten, um als Kleinhändler zu über- leben. So begannen in den 80er Jahren die ersten Wissenschaftler diesen Dualismus aufzuheben, und Komponenten beider Konzepte aufzunehmen.

In meiner Arbeit möchte ich vor allem zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen zum moralökonomischen Ansatz vorstellen: Den von Hyden, der noch stark von jener Dichotomie geprägt ist, und den Ansatz von Steinwachs, in dem die Grenzen zwischen Moral- und Marktökonomie nahezu vollständig zu verwischen scheinen. Ausgangspunkt ist der moralökonomische Ansatz von Goran Hyden. Sein Konzept der Ökonomie der Zuneigung wird im ersten Kapitel der vorliegenden Arbeit vor- gestellt. Zudem werde ich in diesem Abschnitt die Bedeutung der Ökonomie der Zuneigung für die Entwicklung in Afrika nach Hyden darstellen. Anschließend im zweiten Teil der Arbeit behandele ich, ausgehend von der Kritik Lemarchands an Hydens Konzept, weitere moralökonomische Ansätze, insbesondere die Verflechtungstheorie der Bielefelder Soziologen. Dies baue ich als einen Übergang auf zu der Studie von Steinwachs über die Herstellung sozialer Sicherheit in Tansania. Im dritten Kapitel werde ich aufzeigen, inwiefern Steinwachs sowohl den moralökonomischen Ansatz von Hyden, als auch den der Bielefelder Theoretiker empirisch widerlegt.

1. Die Moralökonomie bei Hyden

1.1. Hydens Ansatz der Moralökonomie

In seinem Buch „Beyond Ujamaa in Tanzania. Underdevelopment and an uncaptured Peasantry”, das 1985 erstmals veröffentlicht wurde, behandelt Hyden die Unter- entwicklung in Afrika. Ausgangspunkt seiner Studie ist die Produktionsweise der Kleinbauern. Diese werde ich im ersten Teil dieses Kapitel erläutern. Im zweiten Teil gehe ich auf Hydens Konzepte zu Entwicklung und Unterentwicklung ein. Zum besseren Verständnis einer wissenschaftlichen Arbeit ist ihre theoretische Einordnung unerlässlich. Diese werde ich im dritten Teil vornehmen.

1.1.1. Afrikanische Kleinbauern

Innerhalb der Wirtschaft des subsaharischen Afrikas überwiegen die zahlenmäßig dominierenden Kleinbauern (Hyden 1985: 9)[1]. Diese sind stark von der natürlichen Ressourcenausstattung abhängig. Die Einkommensunterschiede beruhen innerhalb der Bauernschaft nicht auf Landakkumulation, sondern auf den unterschiedlichen Fähigkeiten der Landnutzung und den regionalen ökologischen Unterschieden (ebd.: 10). Die Felder sind klein, was aber nicht an einer Landknappheit liegt, sondern eine Folge des Arbeitskräftemangels ist (ebd.). Der Kleinbauer betreibt eine auf Ressourcen basierende Landwirtschaft, die dadurch ausgezeichnet ist, dass sie sich effektiv an die ökonomische und physische Umwelt anpasst (ebd.: 15). Nachteilig wirken sich auf die Landwirtschaft in tropischen Gebieten die schlechte Qualität des Bodens und die unregelmäßigen Regenfälle und Regenmengen aus. Der Bauer ist in erster Linie von diesen natürlichen Bedingungen abhängig (ebd.: 15). Auch wenn er keine Kontrolle über diese Faktoren ausüben kann, so hat er dennoch eine Kenntnis von seiner Umwelt (ebd.). Das Wissen über die richtige Technik basiert auf früheren Erfahrungen und wird von Generation zu Generation weitergegeben (ebd.).

Zur Beschreibung des kleinbäuerlichen Typus benutzt Hyden den Begriff der Produktionsweise. Er erweitert jedoch die marxistische Definition, die die Produktionsweise, die Produktionsverhältnisse und die Produktivkräfte zusammen- fasst um eine soziale Komponente: „Any mode of production is more than a matter of production. It has its own way of organizing reproduction of both material and social conditions, circulation of goods and services, and consumption” (ebd.: 12). Die marxistische Definition des Begriffes muss im afrikanischen Kontext auch deswegen modifiziert werden, da die Produktionsweise die Verhältnisse einer komplexen wirtschaftlichen Struktur beschreibt, innerhalb der der Mensch in antagonistischen Beziehungen gefangen ist (ebd.). Dies trifft jedoch nicht auf die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Afrika zu.

Die Produktionsweise des afrikanischen Bauern zeichnet sich vor allem durch eine geringe Arbeitsteilung und Produktspezialisierung, sowie eine rudimentäre land- wirtschaftliche Technologie aus (ebd.: 13). Produktions- und Konsumtionseinheit ist der bäuerliche Haushalt (ebd.). Das Handeln des Kleinbauern ist vom Gesetz der Subsistenz bestimmt, dass heißt er produziert für den eigenen Bedarf und den seines Haushaltes, sowie für reziproke Gaben[2]. Das Ziel des Bauern ist demnach, die Lebensgrundlage seines Haushaltes auf eine verlässliche Weise nachhaltig zu sichern (ebd.: 14). Die Befriedigung der minimalen Bedürfnisse ist abhängig von der Größe und der Zusammenstellung des Haushaltes (ebd.). In das Handeln des Bauern sind auch nachfolgende Generationen mit eingeschlossen (ebd.). Die nachhaltige Planung betrifft jedoch nicht die produktiven, sondern die sozial reproduktiven Notwendigkeiten (ebd.). Nicht die Entwicklung der Produktionsmittel steht im Vordergrund, sondern die Bedürfnisse des Individuums (ebd.). Polanyi bezeichnet darum Gesellschaften, die nach dem Prinzip der Subsistenz handeln als humaner, da die Sicherung der Lebensgrundlage jedes Gesellschaftsmitgliedes (bzw. Haushaltmitgliedes) vor der Produktionssteigerung kommt (Polanyi 1957: 163f.; zit. n. Hyden 1985: 14).

Wegen des intensiven Landbaus und der geringen Produktspezialisierung kann der Kleinbauer trotz der kleinen Größe seines Landes sozial unabhängig existieren und seine Reproduktion sichern (ebd.: 10). Dies hält den Austausch zwischen den Produktionseinheiten auf einem geringen Niveau und verhindert die Entstehung einer funktionellen wechselseitigen Abhängigkeit, die eine Voraussetzung für soziale Ungleichheit ist, und die Bildung reziproker Beziehungen zwischen den Haushalten (ebd.: 13). Zwar gibt es gelegentlich eine Zusammenarbeit bäuerlicher Haushalte, doch diese ist zeitliche begrenzt und nicht formalisiert (ebd.). Die Basiseinheiten in einer bäuerlichen Gesellschaft sind nicht nur untereinander unabhängig, sondern auch relativ autonom gegenüber dem Staat (ebd.: 16). Innerhalb der bäuerlichen Ökonomie wird jedem ein Teil des totalen Arbeitsproduktes garantiert, so dass es nicht zu Hungeropfern kommt (ebd.). Dieser fundamentale Egalitarismus bedeutet jedoch nicht automatisch, die Existenz einer ökonomischen Gleichheit, er sichert lediglich die Lebensgrundlage jedes Individuums (ebd.). Das Individuum ist dem Kollektiv bzw. dem Haushalt untergeordnet, der Wohlstand dem St]atus (ebd.: 17). Das Paradoxon des Bauern ist, dass er für die Reproduktion seines Haushalts keine Ausbeutung oder andere soziale Klassen braucht, dass man ihn allerdings erst als Bauern bezeichnen kann, wenn Teile der ländlichen Produktion von anderen sozialen Klassen gebraucht werden, und er somit teilweise in den Markt integriert wird (ebd.: 16). Der Bauer ist Eigentümer seiner Produktionsmittel (ebd.: 9), er hat einen direkten Zugang zu Land (ebd.: 11), sein Land ist keine Ware (ebd.:10), die Produktion innerhalb des Haushaltes findet mit der Hilfe der Haushaltsmitglieder statt und erfolgt vor allem für den eigenen Konsum (ebd.: 11), von anderen Klassen ist der Bauer weitgehend unabhängig. Dies alles verhindert eine starke Einbindung in die monetäre Ökonomie. Gleichzeitig ist er aber in eine größere soziale Ökonomie eingebunden, an der er sich anhand von Steuern oder Renten beteiligen muss (ebd.). Er wird vom Staat gezwungen den Überschuss seiner Ernte – auch wenn dieser nur gering ist – abzugeben. Als soziale Klasse sind die Bauern eine Konstruktion der kolonialen Macht (ebd.: 10). Der Bauer steht somit zwischen dem „primitiven Landwirt“ und dem „kapitalistischen Farmer“ (ebd.: 11). Was den Bauern von ersterem unterscheidet ist der effektive Abzug vom Überschuss (ebd.).

Die Prozesse die zum Zeitpunkt seiner Studie in Afrika vorgehen bezeichnet Hyden deswegen als „Verbäuerlichung“ und nicht als „Proletarisierung“ (ebd.). Mit dieser Charakterisierung des Bauern in Afrika unterstellt Hyden verallgemeinernd, dass „der afrikanische Bauer“, der unterhalb der Sahara lebt, ein Kleinbauer ist. Er geht dabei nicht auf innerafrikanische unterschiedliche landwirtschaftliche Produktionsformen ein[3].

1.1.2. Die Ökonomie der Zuneigung

Jeder Produktionsweise entspricht eine bestimmte Ökonomie. Die Ökonomie, die sich aus der bäuerlichen Produktionsweise entwickelt bezeichnet Hyden als „economy of affection“ bzw. „Ökonomie der Zuneigung“ [4] (Hyden 1985: 18). Innerhalb der Ökonomie der Zuneigung dominieren emotionale Bindungen, die auf der gemeinsamen Deszendenz und Residenz beruhen. Die Ökonomie der Zuneigung konzentriert sich auf das Problem der Reproduktion und nicht auf das der Produktion (ebd.). Gesellschaftliche Schichtung und soziale Ungleichheit basiert nicht auf der Kontrolle über die Produktionsmittel, sondern auf der Macht über die Reproduktions- mittel (also über die Frauen) (Meillassoux 1976: 58f., 64).

Investitionen für den Erhalt sozialer Netzwerke sind keine Verschwendung und nicht irrational, da sie die potentiellen Ansprüche auf Vermögen erweitern und damit die Fähigkeit Risiko zu tragen (Hyden 1985: 19). Austauschbeziehungen und wirtschaftliches Handeln finden innerhalb des primordialen Rahmens statt.

Gegenüber der Marktökonomie beweist sich die Ökonomie der Zuneigung als äußerst resistent (ebd.). Die ökonomische Struktur in Afrika wird beeinflusst von den zwei zueinander in Konkurrenz stehenden Produktionsweisen, der bäuerlichen und der kapitalistischen (ebd.). Die Marktkräfte haben lediglich einen Einfluss auf den Komfort der Bauern, nicht aber auf deren Existenz (ebd.: 21). Letztere wird nur von einer Transformation der Produktionsmittel beeinflusst (ebd.). Da der Bauer diese jedoch selbst kontrolliert (da er ja deren Eigentümer ist), ist eine gravierende Veränderung der Produktionsmittel ohne Zwang unwahrscheinlich. Die Achillesverse >der bäuerlichen Produktionsweise ist ihre Abhängigkeit von den Bedingungen der natürlichen Umwelt (ebd.: 17). Ein drastischer Wandel der natürlichen Umwelt kann zum Ende der bäuerlichen Produktionsweise führen; die Bauern sind dann gezwungen sich nach außen hin zu orientieren, dass heißt sie müssen außerhalb der moralökonomischen Zusammenhänge agieren (ebd.).

[...]


[1] Hydens Definition des Kleinbauerns bezieht sie sich auf die Bauern unterhalb der Sahara. Diese sind im Folgenden gemeint, wenn vom Bauern die Rede ist.

[2] Definition nach Elwert 1984: 384.

[3] s. dazu auch die Definition von Netting (1993: 1-29): Netting unterscheidet den Kleinbauern („smallholder“) von anderen landwirtschaftlichen Produzenten. Hauptkennzeichen des Kleinbauern ist demnach der permanente, intensive landwirtschaftliche Anbau. Netting schließt mit seiner Definition Bauern aus, die eine andere landwirtschaftliche Anbauweise, wie Wanderfeldbau und Schwendfeldbau, betreiben.

[4] Im Folgenden werde ich diesen Begriff in seiner deutschen Übersetzung als „Ökonomie der Zuneigung“ verwenden.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Die Grenzen des Ansatzes der Moralökonomie - Zur Rolle der Moralökonomie im Alltagshandeln sozialer Akteure in Tansania
Hochschule
Universität Bayreuth  (Soziologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Ländliche Entwicklung und Armut in der Dritten Welt
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
36
Katalognummer
V110902
ISBN (eBook)
9783640090396
ISBN (Buch)
9783656367123
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grenzen, Ansatzes, Moralökonomie, Rolle, Moralökonomie, Alltagshandeln, Akteure, Tansania, Hauptseminar, Ländliche, Entwicklung, Armut, Dritten, Welt
Arbeit zitieren
Tania Götze (Autor:in), 2006, Die Grenzen des Ansatzes der Moralökonomie - Zur Rolle der Moralökonomie im Alltagshandeln sozialer Akteure in Tansania, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110902

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