Der Terminus „Moralökonomie“ ist seit seiner „Erfindung“ in den 70er Jahren nicht mehr aus wirtschaftsethnologischen und entwicklungssoziologischen Debatten wegzudenken. Bei diesen Diskursen standen die Vertreter des moralökonomischen Ansatzes den Vertretern der liberalen Marktökonomie gegenüber. Diese Trennlinie verlief meist parallel zu der Dichotomisierung in substantivistische und formalistische Theorien. Die empirischen Beobachtungen des Alltags sozialer Akteure in sich entwickelnden Ländern Afrikas und Südostasiens warfen jedoch die Frage auf, inwieweit diese Gegenüberstellungen noch zeitgemäß sind, innerhalb einer globalisierten Welt. Kleinhändler z.B. ließen sich wegen ihrer starken Verbindung zur dörflichen, moralökonomisch geprägten Gemeinschaft, weder in die kapitalistische Marktökonomie einordnen, noch vollständig in die Moralökonomie, da sie ja auch nach den Gesetzen des Marktes handeln mussten, um als Kleinhändler zu überleben. So begannen in den 80er Jahren die ersten Wissenschaftler diesen Dualismus aufzuheben, und Komponenten beider Konzepte aufzunehmen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Moralökonomie bei Hyden
1.1. Hydens Ansatz der Moralökonomie
1.1.1. Afrikanische Kleinbauern
1.1.2. Die Ökonomie der Zuneigung
1.2. Die Ökonomie der Zuneigung und ihre Bedeutung für die ländliche Entwicklung
1.2.1. Die Schwäche des Staates
1.2.2. Die Stärke der Kleinbauern
1.2.3. Zusammenfassung von Hydens Thesen
1.3. Theoretische Einordnung
1.3.1. Die Hauptrichtungen der Wirtschaftsethnologie
1.3.2. Hydens Vorgänger
2. Die Verflechtung von Moralökonomie und Marktökonomie
2.1. Kritik Lemarchands
2.1.1. Konzeptionelle Kritik
2.1.2. Inhaltliche Kritik
2.2. Der Bielefelder Verflechtungsansatz
2.2.1. Kritik an westlichen Entwicklungstheorien
2.2.2. Verflechtung von Subsistenzwirtschaft und Marktwirtschaft
2.2.3. Moralökonomie und Marktökonomie
3. Die Grenzen des Ansatzes der Moralökonomie
3.1. Sicherheit und Moralökonomie
3.2. Die Rolle der Moralökonomie bei Steinwachs
3.2.1. Die Herstellung sozialer Sicherheit durch die soziale Einbettung der Ökonomie
3.2.2. Die Verflechtung moralökonomischer und marktökonomischer Handlungsrationalitäten
3.2.3. Wandel und gesellschaftliche Tendenzen
3.3. Vergleich und Zusammenfassung Hyden und Steinwachs
4. Schlussbemerkung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Rolle der Moralökonomie im Alltagshandeln sozialer Akteure in Tansania. Dabei wird analysiert, inwieweit klassische moralökonomische Konzepte – insbesondere der Ansatz von Goran Hyden – durch neuere empirische Befunde, wie die von Luise Steinwachs, widerlegt oder modifiziert werden müssen, um die Verflechtung von moralökonomischen und marktökonomischen Handlungslogiken in der heutigen Zeit adäquat zu beschreiben.
- Kritische Auseinandersetzung mit Hydens Konzept der „Ökonomie der Zuneigung“.
- Analyse der Verflechtungstheorie der Bielefelder Soziologen.
- Empirische Untersuchung der Herstellung sozialer Sicherheit in Tansania.
- Diskussion über die Verschmelzung von ökonomischen und sozialen Handlungsrationalitäten.
- Betrachtung von Wandel und gesellschaftlichen Tendenzen in Bezug auf neue Formen der Solidarität.
Auszug aus dem Buch
3.2.2. Die Verflechtung moralökonomischer und marktökonomischer Handlungsrationalitäten
Steinwachs definiert Moralökonomie als soziale Einbettung ökonomischer Tätigkeit.
„Gemeinsam sind den Konzepten der Moralökonomie (Scott, Elwert), dass es sich um Übereinkünfte und Normen handelt, wie wirtschaftlicher Austausch innerhalb eines bestimmten sozialen Zusammenhangs oder einer bestimmbaren Gemeinschaft geregelt wird“ (Steinwachs 2004: 127).
Die soziale Einbettung macht sich mehrfach bemerkbar. So finden Handelswegen und die Erschließung neuer Märkte meist entlang von sozialen Beziehungen statt, da soziale Beziehungen aufgrund des ihnen innewohnenden Vertrauens bevorzugt werden (ebd.: 117). Neue Märkte werden mit Hilfe von bereits bestehenden sozialen Beziehungen erschlossen, die dann einer Neuformulierung und –aushandlung unterzogen werden. So kann über die Mitgliedschaft im Kirchenchor ein Kundenstamm bzw. Absatzmarkt aufgebaut werden (ebd.: 121). In diesem Fall überlagern ökonomische Motive (Absatzmarkt) und soziale Beweggründe (Herstellung von Sicherheit), die auf den Prinzipien der Reziprozität basieren (ebd.). Ökonomische Beziehungen werden auf bereits existierende soziale Beziehungen aufgebaut, die dadurch verdichtet und verfestigt werden (ebd.: 124). Innerhalb dieser Unterstützungsbeziehungen finden sowohl ökonomische Aktivitäten (Austausch materieller Güter), als auch soziale Handlungen (immaterielle Unterstützung) statt (ebd.). Aufgrund der sozialen Einbettung der Ökonomie können soziale Beziehungen mehrfach interpretiert werden und eine doppelte Bedeutung erhalten: Neben der ökonomischen Tätigkeit, die innerhalb dieser Beziehungen stattfindet, werden auch situationsspezifische gegenseitige Hilfeleistungen ausgetauscht (ebd.: 126). Dabei ergänzen sich der soziale und der ökonomische Aspekt unterstützend: soziale Beziehungen sind ein Grundlage für ökonomisches Handeln, dieses wiederum verstärkt die soziale Komponente (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung des moralökonomischen Ansatzes und Zielsetzung der Arbeit, die Grenzen zwischen Moral- und Marktökonomie in Tansania zu untersuchen.
1. Die Moralökonomie bei Hyden: Detaillierte Darstellung des Konzepts der „Ökonomie der Zuneigung“ sowie deren Bedeutung für Unterentwicklung und die Rolle der afrikanischen Kleinbauern.
2. Die Verflechtung von Moralökonomie und Marktökonomie: Darstellung der Kritik an Hyden sowie Einführung des Bielefelder Verflechtungsansatzes, der die Trennung zwischen Subsistenz- und Marktsektoren aufhebt.
3. Die Grenzen des Ansatzes der Moralökonomie: Empirische Analyse von Steinwachs zur Herstellung sozialer Sicherheit und dem Aufzeigen der Verschränkung von Handlungsrationalitäten.
4. Schlussbemerkung: Kritische Reflexion über die analytische Relevanz des Begriffs der Moralökonomie angesichts der zunehmenden Verschmelzung von ökonomischen und sozialen Handlungslogiken.
Schlüsselwörter
Moralökonomie, Ökonomie der Zuneigung, Subsistenzwirtschaft, Marktökonomie, Tansania, Soziale Sicherheit, Verflechtungsansatz, Solidaritätskapazität, Handlungsrationalität, Kleinbauern, Transformation, Reziprozität, Soziale Einbettung, Entwicklungstheorie, Haushalt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Bedeutung der Moralökonomie im wirtschaftlichen Alltag von Menschen in Tansania und hinterfragt, ob die klassische theoretische Trennung zwischen moralökonomischem und marktökonomischem Handeln in der Realität noch haltbar ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Themenfelder umfassen die wirtschaftsethnologische Debatte um die „Ökonomie der Zuneigung“, die Kritik an dualistischen Entwicklungstheorien sowie die empirische Untersuchung zur Herstellung sozialer Sicherheit durch informelle Netzwerke.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie soziale Akteure in Tansania durch die Verflechtung von Marktaktivitäten und moralökonomischen sozialen Bindungen ihren Lebensunterhalt und ihre Sicherheit organisieren, und damit klassische wissenschaftliche Konzepte zur Unterentwicklung zu hinterfragen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine theoretische Aufarbeitung bestehender wirtschaftsethnologischer Ansätze (Hyden, Scott, Elwert, Evers) und kontrastiert diese mit den qualitativen empirischen Ergebnissen der Dissertation von Luise Steinwachs.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung von Hydens strukturellem Ansatz, die Kritik und Erweiterung durch den Bielefelder Verflechtungsansatz sowie die detaillierte empirische Widerlegung der strikten Trennung durch die akteursorientierte Studie von Steinwachs.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Moralökonomie, soziale Einbettung, Solidaritätskapazität, Subsistenzsicherung und Handlungsrationalität charakterisiert.
Was genau versteht man unter der „Solidaritätskapazität“ nach Steinwachs?
Es ist die Fähigkeit eines Akteurs, aufgrund seines sozialen und ökonomischen Kapitals an Austauschbeziehungen teilzunehmen, um so ein Netzwerk aufzubauen, das als entscheidender Faktor für soziale Sicherheit dient.
Warum hinterfragt die Autorin die weitere Verwendung des Begriffs „Moralökonomie“?
Die Autorin stellt fest, dass in der Praxis Handlungen so stark zwischen Marktlogik und sozialen Verpflichtungen verschmelzen, dass eine analytische Trennung kaum noch möglich ist, was die ursprüngliche Trennungsgewalt des Begriffs in Frage stellt.
Was bedeutet das „Händlerdilemma“ im Kontext der Arbeit?
Das Dilemma beschreibt die schwierige Entscheidung für Kleinunternehmer in dörflichen Gemeinschaften, zwischen marktwirtschaftlicher Gewinnmaximierung (hohe Preise) und der Erhaltung sozialer Anrechte durch moralökonomische Rücksichtnahme (niedrige Preise) wählen zu müssen.
- Citar trabajo
- Tania Götze (Autor), 2006, Die Grenzen des Ansatzes der Moralökonomie - Zur Rolle der Moralökonomie im Alltagshandeln sozialer Akteure in Tansania, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110902