Vergleich der ethnologischen Museen Überseemuseum in Bremen und Rijksmuseums für Volkenkunde in Leiden, Niederlande, am Beispiel „Nordamerika“


Hausarbeit, 2006
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das Überseemuseum in Bremen
Die Ausstellung des Bremer Überseemuseums
Die Nordamerika-Sammlung

2. Das Rijksmuseums voor Volkenkunde
Beziehung zum Besucher

3. Zusammenfassung
Eigene Schlussfolgerungen

Einleitung

Ethnologie ist die vergleichende Völkerkunde. Das Wort hat sich aus dem griechischen Éthnos Volk, Schar, entwickelt.[1] Die Sammlungen ethnologischer Museen bestehen aus Artefakten, die mehr oder weniger systematisch in verschiedenen Ländern der Welt akquiriert worden sind. In der folgenden vergleichenden Museumskritik werden zwei ethnologische Museen auf ihre Entstehungsgeschichte und auf ihre heutige Motivation hin untersucht werden. Es handelt sich hier zum einen um das Überseemuseum in Bremen und zum anderen um das Rijksmuseum voor Volkenkunde in Leiden, Niederlande.

Wenn wir untersuchen möchten, wofür ein Museum wirklich steht, dann kann man zum einen auf ihre Öffentlichkeitsarbeit zurückgreifen. Sie besteht vor allem aus Museumskatalogen und Webseiten, die den Besuchern (oder virtuellen Besuchern) zugänglich gemacht werden. Das Erlebnis, das den Menschen im (realen) Museum erwartet, geht jedoch über das erklärte Ziel hinaus. Auf den Besucher warten Eindrücke, die abhängig sind von den oft hunderte von Jahre alten Ausstellungsstücke, von der Art der Inszenierung, von der Museumsarchitektur, von den ausgesprochenen und unausgesprochenen Verhaltensregeln, die in Museumsartigen Einrichtungen gelten und, noch weiter gedacht, von einem „geheimen Lehrplan.“[2]

Die beiden Betrachtungsobjekte sind Museen im traditionellen Stil - sie bestehen seit dem 19. Jahrhundert, haben aber interessanterweise beide in der letzten Zeit ihre Ausstellungen neu konzipiert, bzw. sind noch im Wandel begriffen. Es soll hier untersucht werden, wieso ein Wandel für notwendig gehalten wurde und wie weit er ging. Im gleichen Zuge kann man hier anhand von zeitgenössischer Kritik eine These aufstellen, ob das Museum überhaupt noch ein zulässiges Instrument der kulturellen Erinnerung sein kann und was in der heutigen Zeit von einem Museum erwartet werden könnte.

1. Das Überseemuseum in Bremen

Auf der Webseite des Überseemuseums[3] wird eine lange Geschichte der Entstehung des Museums aufgezeigt. Die ersten Sammlungen wurden 1776 angelegt. Doch erst 1896, zu einer Zeit, in der Museumsgründungen die Norm waren, zog sie unter der Leitung des Zoologen Hugo Schauinsland in das Gebäude des heutigen Überseemuseums ein. Zum einen galt es, nach den Umwälzungen der Französischen Revolution, die Sammlungen, die bis zum Ende des 18. Jahrhundert durch Mitglieder der Oberschichten angelegt worden sind, der

„neuen Öffentlichkeit“ zugänglich zu machen und ihnen ein kultiviertes Angebot zu bieten.[4] Zum anderen gab es zu der Zeit ein Bestreben, der Welt eine wissenschaftliche Ordnung zu geben. Um durch die Sammlungen zu einer empirischen Aussagekraft zu gelangen, wurden sie möglichst umfassend angelegt. Für die Ethnologie bedeutete das, dass „die Völker Welt“ durch charakteristische Objekte definierbar wurden. Diese Verdinglichungen bestimmten eine als unumstößlich empfundene Vorstellung von einem Volk. Die Welt selber wurde zu einem „einheitlichen, ganzen Bild“[5] geformt. In dieses fügte sich die westliche Gesellschaft als, so wurde anhand der gesammelten Artefakte argumentiert, als im Vergleich „höher“ zivilisiert, als übergeordnet ein.

Sharon Macdonald belegt, dass die Entstehung von bürgerlichen Museen mit der Entwicklung einer „nationalstaatlichen Identität“ zusammenhängt.[6] In einer Zeit des zügigen Fortschritts durch die Industrielle Revolution, verloren die Menschen in der Verstädterung der Gesellschaft ihre Gemeinschaftszuordnung. Die Erschließung einer nationalen Identität, die das Bedürfnis nach Zugehörigkeit erfüllen könnte, stieg daher in seiner Bedeutung. Eine „eigene Kultur“, nämlich eine, die sich durch Abgrenzung zu „anderen Kulturen“ definiert, gibt einem Volk eine „Legitimation eines ‚Volkes’, dem eben auch ein gewisses Maß an Rosmarie Beier (Hg.): Geschichtskultur in der Zweiten Moderne. Frankfurt/Main 2000, S. 123- 148.

Autonomie zusteht.“[7] Am Beispiel Bremen lässt sich jedoch auch beobachten, dass sich die Stadt, aufgrund des durch die weit reichenden, hanseatischen Handelsbeziehungen erwirtschafteten Reichtum, mit dem Überseemuseum aber auch selbst ein Zeichen setzen wollte. Nach Macdonald ist schon der Besitz eines Museums in einer Stadt eine „performative Äußerung eigener Identität“. [8] Doch der Bestand einer eigenen Bremer Sammlung von Artefakten aus aller Welt deutete auch auf eine Präsenz Bremens auf dem Spielball Erde hin. Wenn Bremer Handelsleute die ausgestellten Artefakte aus aller Welt mitbringen konnten, ordnete das Bremen als aktives Mitglied der „Bedeutenden“ im Weltgeschehen ein. Auf die spezielle Inszenierung der Rolle Bremens im Bezug auf die anderen Teile der Welt wird in der Beschreibung der Ausstellung noch eingegangen werden.

Die Ausstellung des Bremer Überseemuseums

Im Folgenden soll von einer subjektiven Perspektive aus beschrieben werden, welchen Eindruck das Museum potentiell auf den Besucher macht und welche möglicherweise unterbewusste Wirkung die Inszenierung der Sammlung auf den Betrachter hat: Vor dem Überseemuseum erstreckt sich ein recht großer Grasplatz. Der Eintritt erfolgt über eine Treppe und durch einen Säuleneingang. Von der Eingangshalle aus sieht man durch große Glastüren ein riesiges Foyer und die darin enthaltene, neu konzipierte Ozeanienausstellung. Der offene Innenraum ermöglicht es, dass Tageslicht durch die Glasdecke im dritten Stock das Gebäude durchflutet. Durch die beeindruckende Deckenhöhe finden einige sehr große Ausstellungsstücke Platz und andere hängen von der Decke. Die Farben sind hell und freundlich, verschiedene Blau- und Grüntöne und Weiß überwiegen. Vereint mit dem natürlichen Licht in dem großzügigen Raum und im Zusammenspiel mit den teils echten, teils imitierten Pflanzen und den ausgestellten Tier und Holzartefakten, vermitteln sie den Eindruck eines fantastischen Naturraumes.

Ein Rundgang durch das Museum über seine vier Stockwerke zeigt, dass die Ausstellungsstücke von allen Kontinenten der Welt stammen und systematisch danach geordnet worden sind. Es gibt auch eine Ausstellung zur Evolution und eine zu Bremen. Die Artefakte wurden in Schaukästen und auf Podesten inszeniert. In den unteren Stockwerken gibt es einige interaktive Möglichkeiten, die vor allem auf Kinder und Jugendliche abgestimmt zu sein scheinen. Damit kommt der etwas modernere Aspekt des Unterhaltungscharakters des Museums zum Zuge.[9]

Die Nordamerika-Sammlung

Beispielhaft soll in dieser vergleichenden Museumskritik die „Nordamerika- Ausstellung“ näher betrachtet werden. Dieser Teil der Sammlung ist im zweiten Stock angesiedelt und wurde zuletzt 1979 neu konzipiert, obwohl bis mindestens 1995 Daten und Bilder hinzugefügt worden sind. Der/die Besucher/in spürt jedoch deutlich, dass er/sie hier im dritten Stockwerk auch im älteren Teil des Museums angekommen ist, denn es strahlt etwas von einer vergessenen Ecke (im Gegensatz zum modernen Ambiente des Foyers, wo sich der Ozeanienbereich befindet) aus. Ein erster Eindruck sind die sandigen Farben, die hier vorherrschen, die vielleicht an Prairiesand erinnern sollen. Der Teppich ist grau, die Vitrinen sind grau-braun bis naturholzfarben. Auch die Exponate haben vorwiegend eine „Naturfarbe“. Die Vitrinen reflektieren das volle Licht, das durch die Glasdecke herein kommt, in einer unvorteilhaften Art und Weise.

Die Ausstellung beginnt mit einem zeitgenössischen Siebdruck, einer Darstellung der Figur des mystischen Raben. Der Künstler wird mit Namen benannt und es wird darauf hingewiesen, dass er ein aktiver Künstler ist, und dass dieses Motiv auch im Laden käuflich zu erwerben ist. Dies ist ungewöhnlich, da die meisten Exponate in ethnologischen Museen von anonymen Handwerkern oder Künstlern hergestellt worden sind.

Die folgenden Exponate sind zunächst Fotographien und ausgestopfte Tiere, manchmal wird ihr Zusammenhang mit der Existenz von Menschen in ihrer Umgebung auf den Tafeln erläutert.[10] Der Teil der Ausstellung, der sich mit den „nordamerikanischen Indianern“ befasst wird von lebensgroßen Dioramen dominiert. Es herrscht der Eindruck vor, dass die Exponate teilweise aus einer Zeit stammen, in der die Herkunft nicht von Interesse war. Wird Information über den Erwerb und Ursprung dieser Exponate zur Verfügung gestellt, zeigt sich, dass sie oft nicht aufgrund kohärenter Beziehungen, sondern eher zufällig zusammengeordnet worden sind. Im ersten Diorama befinden sich z.b. ein Mann und eine Frau vor einem Tipi, das den Blackfo]ot-Indianern zugeordnet wird. Das Paar (beide!) jedoch wurde, so mutmaßt man laut den Aussagen der Tafel, nach dem Vorbild einer Zeichnung eines Sioux-Indianers angefertigt.

[...]


[1] Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. (23. erweiterte Auflage) Berlin, New York 1999, S. 236

[2] Z.B. Wolfgang Klafki: Schultheorie, Schulforschung und Schulentwicklung im politisch- gesellschaftlichen Kontext. Ausgewählte Studien. Beltz 2002

[3] www.uebersee-museum.de/Geschichte_3.html , 8.8.2006

[4] Hülsen, S. 221

[5] www.uebersee-museum.de/Geschichte_3.html

[6] Macdonald, Sharon: Nationale, postnationale, transkulturelle Identitäten und das Museum. In:

[7] Handler, Richard: Nationalism and the Politics of Culture in Quebec. Madison (Wisconsin) 1988. Zitiert in Sharon Macdonald, ebd.

[8] Macdonald, S. 127

[9] Vgl: Hülsen, Bernhard von: Werte wandeln. Die Praxis des Sammelns zwischen kulturellem Archiv und profanem Raum. Zeitschrift für Volkskunde 2003/II, 99. Jahrg., S.222-223

[10] Wie z.B., dass die Wolle der Schneebergziegen in Alaska zu Decken mit typischen Mustern gewebt werden.

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Details

Titel
Vergleich der ethnologischen Museen Überseemuseum in Bremen und Rijksmuseums für Volkenkunde in Leiden, Niederlande, am Beispiel „Nordamerika“
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Materielle und visuelle Kultur)
Veranstaltung
Museum und Ausstellung
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V110945
ISBN (eBook)
9783640090716
ISBN (Buch)
9783640704231
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergleich, Museen, Bremen, Rijksmuseums, Volkenkunde, Leiden, Niederlande, Beispiel, Museum, Ausstellung
Arbeit zitieren
Stefanie Mallon (Autor), 2006, Vergleich der ethnologischen Museen Überseemuseum in Bremen und Rijksmuseums für Volkenkunde in Leiden, Niederlande, am Beispiel „Nordamerika“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110945

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