Empirische Studie über eine ICF-Basis-Schulung mit psychisch kranken Frauen

Wirkungen einer Aktivierenden Befragung in einer Tagesstätte


Hausarbeit, 2006

51 Seiten, Note: 1,0


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Gliederung

1. Einleitung

2. ICF – Konzept und Bedeutung
2.1 Der Begriff der funktionalen Gesundheit und das Normalitätsprinzip im ICF
2.2 Relevanz der ICF für die Praxis
2.3 Chancengleichheit durch das ICF

3. Kontext der ICF-Basis-Schulung in der Tagesstätte
3.1 Aktivierende Befragung im Konzept der Tagesstätte
3.2 Inhalte und Ziele der ICF-Schulung

4. Aktivierende Befragung – die Ergebnisse
4.1 Die Methode der Aktivierenden Befragung
4.2 Durchführung der Aktivierenden Befragung
4.3 Darstellung ausgewählter Ergebnisse
4.4 Überlegungen zur weiteren Aktivierung

5. Fazit

Literatur:

Anhänge
1. Ankündigung der ICF-Basis-Schulung in der Tagesstätte
2. Abbildung der Schulungsunterlagen
3. Fragebogen

1.Einleitung

Gesundheit ist der Zustand des vollständigen physischen, psychischen, geistigen und sozialen Wohlbe- findens und nicht die bloße Abwesenheit von Krankheit und Gebrechlichkeit. Der Genuss des höchsten erreichbaren Niveaus von Gesundheit ist eines der fundamentalen Rechte jedes Menschen ohne Unter- schiede von Rasse, Religion, politischer Überzeugung, ökonomischer und sozialer Stellung. WHO 1948 Mit ihrer 1948 gefassten Definition von Gesundheit hat die WHO einige Kritik hervorgeru- fen. Sie wurde als utopisch angesehen und in der Begriffsfassung als zu statisch empfunden. Der visionäre Charakter der WHO-Definition führte dennoch dazu, dass Gesundheit positiv definiert und mit einem gesellschaftlich-politischen Anspruch verbunden wurde. Das ICF – International Classificacion of Functioning, Disability and Health[1] ist eine Weiterentwicklung dieses Ansatzes, aus dem sich vielfältige Implikationen für das bundesdeutsche Gesundheits- system entwickeln, beispielsweise das SGB IX Rehabilitation und Teilhabe Behinderter Men- schen.

Teilhabe und Partizipation am gesellschaftlichen Leben ist für psychisch kranke Menschen in vielen Fällen immer noch ein schwer erreichbares Ziel. Gesellschaftliche Stigmatisierung und Machtgefälle in den medizinisch-psychiatrischen Institutionen verhindern Emanzipation und Selbstbestimmung der Betroffenen.

Die ICF-Basis-Schulung vermittelt psychiatrie-erfahrenen Besucherinnen der Tagesstätte Ei- genSinn das Wissen über den Paradigmenwechsel der Betrachtung von Gesundheit und Krankheit sowie über den Umgang mit Rechten, die sich aus dem ICF und SGB IX ergeben. Durch Wissen um Rechte wird das Machtgefälle zwischen den „Professionellen“ und den „Kranken“ geringer; ein Ansatz, der sich sowohl im sozialpädagogischen Konzept der Tages- stätte wie auch in den Prinzipien der Aktivierenden Befragung wiederfindet. Entsprechend orientieren sich die ausgesuchten Themen der Schulung an ihrem emanzipativen Potenzial: Welche Bedeutung hat das ICF, welche Rechte lassen sich daraus ableiten? Und ganz wich- tig: Was halten die Besucherinnen davon? Dieser Empowerment-orientierte Ansatz vermittelt Hilfestellung bei der Aneignung von Lebensautonomie und Selbständigkeit und befördert somit Partizipationsmöglichkeiten.

Neu war für uns, den Ansatz der Aktivierenden Befragung als Methode zur Erreichung von mehr Selbstbestimmung und Empowerment zu nutzen. Die Aktivierende Befragung zu den Inhalten der ICF-Basis-Schulung diente uns als Verbindung von praktischer Sozialarbeit (Aktivierung) mit empirischer Sozialforschung (Befragung) mit doppelten Ziel: Motivation zur Partizipation zu fördern und Rückmeldungen über das mitgenommene Verständnis der Schulungsinhalte zu erhalten, um daraus weitere Arbeitsschritte ableiten zu können.

Die Ergebnisse und Analysen der Aktivierenden Befragung mit den psychiatrie-erfahrenen Besucherinnen der Tagesstätte EigenSinn, die den Zentralteil der Arbeit darstellen, finden sich im Kaptitel 4. Zu Beginn (Kapitel 2) wird das Konzept des ICF-Klassifikationssystems erläutert und in seinen Auswirkungen kritisch beleuchtet. Der Kontext und das methodische Konzept der ICF-Basis-Schulung im Rahmen der Tagesstättenarbeit ist Inhalt des Kapitel 3. Als Fazit (Kapitel 5) sind die neuen Erkenntnisse für unsere sozialarbeiterische Tätigkeit zu- sammengefasst.

2.ICF – Konzept und Bedeutung(Ellen Puchstein)

In diesem Kapitel wird auf das Konzept und die Bedeutung der ICF – International Classifi- cacion of Functioning, Disability and Health, die Internationale Klassifikation der Funkti- onsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit –, die zur Family of International Classification der WHO gehört, eingegangen[2]. Dabei werden die Schwerpunkte auf die Umsetzungen in Deutschland gelegt und die möglichen Folgen für Betroffene betont.

Klassifikationen sind ein Spiegel ihrer Zeit. Dies gilt auch für Klassifikationen, welche die Gesundheit von Menschen zu fassen versuchen. Die ersten Fassungen der International Clas- sification of Diseases[3], eine Klassifizierung der Krankheiten – waren letztendlich eine Erfas- sung möglicher Todesursachen. Vor hundert Jahren hieß gesund sein, in erster Linie nicht tot sein (Keel 2001, 1). Entsprechend dem biomedizinische Krankheitsmodell legt die ICD den Fokus auf Krankheitsursachen. Durch medizinischen Fortschritt und höhere Lebenserwartung gibt es immer mehr chronisch kranke Menschen, die langfristiger Behandlung und Pflege be- dürfen, d.h. bei denen eine Gesundung im medizinischen Sinne nicht möglich ist. Um den Ge- sundheitszustand der Bevölkerung zu beschreiben, reicht das Konzept Krankheit nicht mehr aus. Es braucht eine länder- und fachübergreifende einheitliche Sprache zur Beschreibung verschiedener Aspekte des Gesundheitszustandes einer Person oder von Bevölkerungsgrup- pen (Meierhofer 2006, 2).

1972 hat der Arzt Philip Wood aus seinen Erfahrungen mit der Rheumatologie das erste Kon- zept einer rehabilitationstauglichen Klassifikation zusammengestellt (Ueberle 2002, 4), des- sen Weiterentwicklung zunächst ICIDH – International Classification of Impairments, Disa- bilities and Handicaps hieß. Bereits das erste Konzept der ICIDH legte im Unterschied zum ICD den Schwerpunkt auf die Krankheitsfolgen, d.h. es sollte der Gesundheitszustand von Menschen erfasst werden, die unter den Auswirkungen von Erkrankung oder Unfällen leiden (Cloerkes 2001, 4f). Kaum bekannt gemacht wird die ICIDH 1980 im internationalen Jahr der

Behinderten von Betroffenen scharf kritisiert. Denn das Modell wird durch einen medizini- schen Blick der Behinderungen geprägt: Im Mittelpunkt der Betrachtung steht das Defizit, alle gesundheitlichen Probleme sind im Menschen selbst zu finden. Auch die lineare Kausa- lität der ICIDH wird kritisiert. „Behinderung, Schaden, Beeinträchtigung“ – so die Begriff- lichkeiten der ICIDH – wird fast nur als Folge einer erlittenen Krankheit verstanden. Soziale Prozesse werden nur als Wirkung, nicht aber als mögliche Ursache in das Modell einbezogen (Hollenweger 2006, 1f).

Es benötigte eine gesellschaftliche Entwicklungszeit von über 20 Jahren bis aus der ICIDH die ICF wird, die im Mai 2001 von der WHO einstimmig verabschiedet wurde[4]. Prinzip der ICF ist, dass nicht mehr die medizinische Diagnose sondern der ganze Mensch und seine Le- bensbedingungen im Mittelpunkt stehen. Bei den Gesundheits- bzw. Rehabilitationszielen des ICF werden vor allem die Notwendigkeit von Partizipation von Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben einschließlich der beruflichen Tätigkeit deutlich sichtbar ge- macht (Hollenweger 2006, 2f). Die ICF ist immer noch nicht in alle Sprachen übersetzt. In deutscher Sprache liegt bisher eine vorläufige Endfassung vom Oktober 2004 vor (vgl. WHO 2004), mit der aktuell in Deutschland gearbeitet wird. In den letzten fünf Jahren wurde die ICF in vielen Ländern auf den Gebieten der Arbeit, Bildung, Gesundheit und soziale Sicher- heit umgesetzt (VdK 2005).

Mit der ICF liegt nunmehr zum ersten Mal ein global einzusetzendes Grundraster für alle De- finitionen zur funktionalen Gesundheit und damit bei Beeinträchtigungen der Rehabilitations- arbeit vor, bei welchem die Behindertenbewegung einbezogen wurden und es weitgehend ak- zeptiert hat (Wehrli 2006). Die ICF-Klassifikation kann als Schlüssel zur Teilhabe verstanden werden und spiegelt das heutige Verständnis von Behinderung als eines der komplexen bio- psychosozialensozialen Realität der Menschen wieder. Die vorliegende ICF ist in ihrer 1. Fas- sung weit davon entfernt, alle Ansprüche zu erfüllen. Schon jetzt befindet sich die ICF in ei- nem Weiterentwicklungs- und Revisionsprozess.

2.1 Der Begriff der funktionalen Gesundheit und das Normalitätsprinzip im ICF

Der prinzipielle Ansatz der ICF ist der Begriff der funktionalen Gesundheit (Meyer 2004, 64f). Funktionale Gesundheit umfasst nach ICF die Aspekte der Körperfunktionen und -strukturen des Organismus sowie die Aspekte der Ak]tivitäten und Teilhabe einer Person an allen Lebensbereichen vor dem Hintergrund ihrer Kontextfaktoren (Schuntermann 2005a, 9). Funktionsfähigkeit soll vor allem den negativ verstandenen Begriff „Schädigung“ ausschlie- ßen. Die recht komplexe Definition vonFunktionaler Gesundheitnach ICF ist folgende (Oberholzer 2004, 14; WHO 2004, 16ff): Eine Person gilt als funktional gesund, wenn sie

- vor ihrem gesamten Lebenshintergrund (Konzeptder Kontextfaktoren) ihre körperlichen Funktionen (einschließlich des psychischen, mentalen und seelischen Bereichs) und ihre Körperstrukturen, denen eines gesunden Menschen entsprechen (Konzepteder Körper- funktionen und -strukturen[5] ) und
- sie nach Art und Umfang das tut oder tun kann, was von einer Person ohne Gesundheits- probleme erwartet wird (Konzeptder Aktivitäten), und
- sie ihr Dasein in allen ihr wichtigen Lebensbereichen in dem Umfang entfalten kann, wie es von einer Person ohne gesundheitsbedingte Beeinträchtigungen, der Körperfunktionen oder -strukturen oder der Aktivitäten erwartet wird (Konzeptder Teilhabe an Lebensbe- reichen).

Eine Behinderung liegt vor, wenn es in nur einem Aspekt der funktionalen Gesundheit eine Beeinträchtigung gibt: eine Funktionsstörung, ein Strukturschaden, eine Einschränkung der Aktivität oder eine Beeinträchtigung bei der Teilhabe (Oberholzer 2004, 16ff), d.h. die funk- tionalen Auswirkungen von Krankheiten werden in der ICF zusammengefasst und klassifi- ziert.

Der Denkansatz der funktionale Gesundheit ist auf dem Normalitätskonzept aufgebaut: denn gemessen wird die Abweichung von der Norm an Menschen ohne Behinderung bzw. gesund- heitliche Beeinträchtigung. So sieht man Menschen mit Behinderung leicht als zu normalisie- rende und zu integrierende Gruppe, eben als gesellschaftliches Problem (Wacker 2005, 6). Hier liegt auch der Kritikpunkt der Behindertenbewegung (Puschke 2005, 7), die den Norma- lisierungsdruck kritisieren und ein anderes Verständnis davon haben:

„Das Normalisierungsprinzip bedeutet, das man richtig handelt, wenn man für alle Menschen mit Behin- derung, Lebensmuster und alltägliche Lebensbedingungen schafft, welche den gewohnten Verhältnissen und Lebensumständen ihrer Gemeinschaft oder ihrer Kultur entsprechen oder ihnen so nahe wie möglich kommen“ (Bengt/Nirje 1994 zit. n. Sindermann 2003).

Die funktionalen Auswirkungen von Beeinträchtigung sind nach dem Konzept der ICF ein- fach beschreibbar und u.U. auch behebbar. Bei uns gehört es beispielsweise zur Alltagshand- lung zu lesen (Aktivität) und die Lesefähigkeit z.B. in der Freizeit oder im Beruf einzusetzen (Teilhabe). Wenn die Person schlechter sieht (Funktionsstörung) und dadurch weniger lesen kann (Beeinträchtigung der Aktivität „Lesen“), ihr dadurch das Lesen nicht mehr so viel Spaß bringt (Beeinträchtigung der Teilhabe am Lebensbereich „Lesen“) und vielleicht auch noch ihr Arbeitsplatz durch die Sehschwäche gefährdet ist (drohende Beeinträchtigung der Teilha- be am Erwerbsleben), dann beschafft sich die Person eine Brille. Mit der Brille ist die Person wieder funktionsfähig und damit normal (Schuntermann 2005a, 18). Das diese Art der Be- schreibung nicht auf alle Funktionseinschränkungen zutrifft, versteht sich von selbst.

Kontextfaktorenstellen den gesamten Lebenshintergrund eines Menschen dar: die Umwelt- faktoren (Förderfaktoren und Barrieren) und personenbezogene Faktoren. „Wenn es zu einer negativen Auswirkung zwischen einer Person (mit einem Gesundheitsproblem) und ihren Kontextfaktoren sowie auf ihre Teilhabe an einem oder mehreren Lebensbereichen kommt“ (Rahn/Mahnkopf 2005, 84f), liegt eine Behinderung vor. Die Komponenten der Kontextfakto- ren bestehen aus:

-Umweltfaktorensind Faktoren der materiellen, sozialen und einstellungsbezogenen Um- welt, in der Menschen leben und ihr Leben gestalten: z.B. Unterstützung und Beziehungen; Einstellungen (einschließlich Werte und Überzeugungen) in der Gesellschaft; Dienste,

Systeme und Handlungsgrundsätze können als Förderfaktoren oder Barrieren für die funk- tionale Gesundheit wirken (WHO 2004, 17f).

- Als personenbezogene(persönliche) Faktorenbezeichnet man alle Einflussfaktoren, die mit der Person selber, nicht aber direkt mit seiner/ihrer Funktionsfähigkeit assoziiert sind. Dazu gehört der spezielle Hintergrund des Lebens und der Lebensführung eines Menschen. Diese Faktoren können Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Lebensstil, Bewälti- gungsstile, Erziehung, Beruf, Fitneß, Art des Charakters, sozialen Hintergrund und weitere Merkmale umfassen. Nur solche Faktoren die nicht Teil des Gesundheitsproblems der Per- son sind, gehören zu den personenbezogenen Faktoren. In der ICF sind sie nicht klassifi- ziert, um den unterschiedlichen Lebensbedingungen gerecht zu werden (WHO 2004, 22).

Durch die Einbeziehung der Kontextfaktoren in das Modell der funktionalen Gesundheit wird sichtbar welche Kontextfaktoren sich positiv (Förderfaktor) und welche sich negativ (Barrie- ren) auf die funktionale Gesundheit einer Person auswirken (WHO 2004, 21f). So kann sich eine Person beispielsweise aus gesundheitlichen Gründen noch waschen, aber sie braucht we- sentlich länger Zeit oder vielleicht Assistenz. Das hat bisher der Partner (Förderfaktor) über- nommen, so dass die Person funktional gesund ist, denn ihre Teilhabe ist gewährleistet (Schuntermann 2005a, 24f). Oder einer alleinerziehende Mutter, die in einem Dorf wohnt und entsprechend häufig mit Barrieren (z.B. schlechte Verkehrsanbindung, keine Kinderkrippe) konfrontiert wird, kann es nach ICF nicht zugemutet werden, noch während des Heilungspro- zesses aus dem Krankenhaus entlassen zu werden, wenn sie keine Unterstützung (Förderfak- tor) für das Kind hat. Leider sind die Sozialgesetze so noch nicht umgesetzt, so dass sie zu- meist dennoch entlassen wird (Puschke 2005, 7).

Um Funktionsfähigkeit und Behinderung zu erklären, wurden verschiedene Konzepte vorge- schlagen. Sie können in einer Dialektik von medizinischem und sozialem Modell beschrieben werden. Bei dem medizinischen Modell gilt das Interesse der Krankheit, die der medizini- schen Versorgung bedarf. Die Behandlung zielt maßgeblich auf Heilung, Anpassung oder Verhaltenänderung ab, denn Behinderung wird als ein Problem in der Person gesehen. Bei dem sozialen Modell hingegen wird Behinderung hauptsächlich als ein vom gesellschaftli- chen Umfeld verursachtes Problem gesehen. Das Konzept der ICF beruht auf einer Integrati- on dieser beiden gegensätzlichen Modelle, dies wird mit dembiopsychosoziale Ansatzmög- lich (WHO 2004, 25).

„... der Zustand der funktionalen Gesundheit einer Person [kann] betrachtet werden als das Ergebnis der Wechselwirkung zwischen einer Person mit einem Gesundheitsproblem (ICD) und ihren Kontextfaktoren auf ihre Körperfunktionen und -strukturen, ihre Aktivitäten und ihre Teilhabe an Lebensbereichen. Dies ist die Sichtweise der ICF.“ (Schuntermann 2005a, 27)

Die ICF verfolgt einen bio-psycho-sozialen Ansatz, der als Wechselwirkung zwischen den Einflussgrößen 1. Körperfunktionen und -strukturen, 2. Aktivitäten, 3. Partizipation wirksam wird, auf die wiederum die Komponenten Umweltfaktoren und personale Faktoren als Kon- textfaktoren wirken (Biermann/Goetze 2005, 18f). Folgende Abbildung verdeutlicht das bio- psycho-soziale Modell der ICF (aus: WHO 2004, 23).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Relevanz der ICF für die Praxis

Die ICF soll in allen Mitgliedsstaaten der WHO angewendet werden. Daher sind ihre Begriffe möglichst neutral und teilweise auch formal. Was exakt unter einem Gesundheitsproblem o- der unter Funktionsfähigkeit verstanden wird, ist nicht vorgegeben: Es hängt davon ab, was in einem (Sozial-)Staat als gesundheitlich relevant erachtet wird (Bartmann et al. 2005, 7). Die ICF soll auch Anwendung finden auf Gebieten des Versicherungswesens, der sozialen Si- cherheit, der Arbeit, Erziehung/Bildung, Wirtschaft, Sozialpolitik und der Umweltverände- rung (vgl. WHO 2004, 12; Bartmann et al. 2005, 8f; Schuntermann 2005a, 13). Derzeit sei noch nicht absehbar, „ob diese umfassenden Zielsetzungen realisiert werden können“ (Bart- mann et al. 2005, 7). Jedoch ist bereits jetzt erkennbar, dass die ICF Auswirkungen auf das deutsche System der Gesundheitsversorgung und dort insbesondere auf den Bereich Rehabi- litation haben wird. Diese selbst in weiten Kreisen von im Gesundheits- und Sozialsystem Beschäftigten (und Betroffenen) unbekannte Tatsache ist ein großes Manko für die konkrete Ausgestaltung der ICF in der Praxis.

Alle AutorInnen sind sich weitgehend einig, dass die ICF in der aktuellen Fassung Grenzen zeigt, so dass zur Umsetzung o.g. Ziele der Klassifikation zunächst Diskussions- und For- schungsbedarf besteht. Die aktuellen Funktionen und Grenzen können wie folgt zusammen- gefasst werden (Schuntermann 2005a, 13; Schuntermann 2005b, 1f; Bartmann 2005, 10f; Schliehe 2005, 1f; BAR 2006, 9; DRV 2004, 159f; Ciezca 2004, 9):

- Die ICF istkeine Klassifikation funktionaler Diagnosen, worüber Konsens besteht, son- dern mir ihr „können funktionale Befunde und Symptome angegeben werden“ (Schunter- mann 2005b, 9), der technische und administrative Aufwand einer Kodierung mit diesem komplexen Instrument wird jedoch als sehr hoch angesehen[6].
- Die ICF kann nochnicht als Assessmentinstrumentgenutzt werden, da es noch keine standardisierten Instrumente zur Beurteilung der einzelnen Körperfunktionen/-strukturen, der Aktivitäten oder der Umweltfaktoren gibt. Mittels der Strategie der sogenannten Core Sets[7] soll dieses Ziel angestrebt werden, was jedoch in der wissenschaftlichen Diskussion unterschiedlich positiv beurteilt wird (vgl. Schliehe 2005, 2; Bartmann et al. 2005, 11). - Einigkeit besteht in der Fachdiskussion darin, dass es ein großer Verdienst der ICF ist, eineeinheitliche Sprachebereit zu stellen, der eine „hohe kommunikative Bedeutung“ (Schliehe 2005, 2) zugemessen wird.
- Ein Schwerpunkt der Anwendung liegt in dembio-psycho-sozialenModellder ICF, das eine erweiterte Betrachtung von Krankheit bzw. Gesundheit ermöglicht. „Mit dem bio- psycho-sozialen Modell wurde ein bedeutender Paradigmenwechsel vollzogen“ (Schun- termann 2005, 3).
- Beklagt wird, dass dietheoretischen Grundlagen weitgehend unterentwickelt sind(Schliehe 2005, 2). Ein zentrales Problem betrifft dabei den Begriff Teilhabe, denn Teilha- be kann im Grundsatz nur von der betroffenen Person beurteilt werden. Die Leis- tung/Leistungsfähigkeit, die im ICF als Maßstab für den Bereich der Aktivitäten und Teil- habe steht, hingegen hat einen objektiven Charakter und wird in der Regel von anderen beurteilt. Diese zwei Konzepte passen nicht zusammen und eine theoretische Lösung ist hierbei nicht wirklich in Sicht (vgl. Schuntermann 2006, 4).

Die ICF stellt dennoch dem pathogenetisch ausgerichteten biomedizinischen Krankheitsmo- dell (die Abwesenheit von subindividuell lokalisierbarer Krankheit ist Gesundheit) ihr Ver- ständnis von funktionaler Gesundheit gegenüber (Menschen als selbstbestimmte handelnde Subjekt in Gesellschaft und Umwelt), was positive Auswirkungen erwarten lässt. Es gibt eine intensive Diskussion über die Umsetzung, Anwendung und Reichweite der ICF in Wissen- schaft und Praxis, „die für einzelne Interessierte kaum noch überschaubar sind“ (Schliehe 2004, 1). Die gegenwärtige Phase kann als relativ wenig koordinierte „Implementierungspha- se“ (Schuntermann 2005b, 1) bezeichnet werden, die folgende Schwerpunkte in Deutschland hat (vgl. Schliehe 2005):

- Ein großer Teil der derzeitigen Veröffentlichungen und Schulungen (leider nur für Profes- sionelle) hat dieVerbreitung des ICF-Konzepteszum Ziel.
- In derForschungsind zum einen die Arbeiten zu den Core Sets zu nennen. Zum anderen konzentrieren sich Arbeiten auf Assessments (Feststellen von Lücken, Abgleich mit vor- handener Instrumente, vereinzelt Neuentwicklungen) und deren Weiterentwicklung.
- Ein weiterer Schwerpunkt liegt in derAufbereitung für die sozialmedizinische Praxis,die faktisch einige Änderungen für Betroffene hervor gerufen haben, was hier an einigen Beispielen deutlich werden soll.

In der sozialmedizinischen Begutachtung wird das bio-psycho-sozialen Modell der ICF als Orientierungsgrundlage herangezogen. Konkret bedeutet dies, das im Antragsverfahren für Rehabilitationsmaßnahmen nicht mehr nur eine medizinische Diagnose zu nennen, sondern das Gesundheitsproblem des Rehabilitanden differenzierter zu erfassen ist (Deetjen 2005, 23f; DRV 2004, 160 ), was mittels eines – zumindest in kleinen Teilen – an das ICF ange- lehnten Anlageformulars umgesetzt wird.

Für RPK-Einrichtungen wurde ein ICF-Core Set in der Rehabilitation psychisch erkrankter und behinderter Menschen erstellt, um den individuellen Hilfebedarf (Hilfeplanung) im Sinne des bio-psychosozialen Modells beschreiben und davon ausgehend Interventionen (Rehabilitationsmanagement) planen zu können (Grundmann 2005, 30f). Dieses ICF ba- siertes Screening mittels Core Set wird aktuell in allen RPKs angewendet.

Auf der Grundlage der Terminologie und Begrifflichkeiten der ICF werden Instrumente entwickelt, um den fallbezogenen Austausch in multiprofessionellen Teams zu vereinheit- lichen und zu strukturieren, beispielsweise in Rehabilitationskliniken (Ueberle 2005, 29). Ein problematisches Beispiel zeigt sich in der Verwendung des ICF für die Ermittlung des Personalbedarfs. In Kärnten hat ein Kostenträger ein Instrument entwickelt, das auf ein stark reduziertes ICF-Core Set zurückgreift (21 Items), wodurch der individuelle Hilfebe- darf beschrieben werden soll, aus dem wiederum ein entsprechender Personalschlüssel ab- geleitet wird (Fack 2005, 55ff).

[...]


[1] Die ICF - Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit gehört zur „Fa- mily of International Classification“, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2001 verabschiedet wur- de.

[2] Da die ICF noch recht neu ist, gibt es bisher wenig Fachliteratur dazu. Das meiste findet sich in Internet-Fach- und -Disskussionsforen oder Internetveröffentlichungen dazu.

[3] Die Vorläuferversion der heutigen ICD wurde um 1900 eingeführt und ca. alle 10 Jahre revidiert.

[4] 191 Länder gehören der Weltgesundheitsorganisation an, die sich durch die Unterzeichnung verpflichten, die Klassifikation zu verwenden und ihre Implementierung zu fördern.

[5] Körperfunktionen sind die physiologischen Funktionen von Körpersystemen einschließlich psychologischer Funktionen. Körperstrukturen sind anatomische Teile des Körpers wie Organe, Gliedmaßen und ihre Bestand- teile. Beeinträchtigungen dieser Komponente (Körperfunktionen und/oder Körperstrukturen) werden als Schädi- gung bezeichnet (Schuntermann 2005, 9).

[6] Die WHO will mit der ICF möglichst die funktionale Gesundheit für alle Gesundheitsprobleme abbilden kön- nen. Dadurch ist ein sehr umfangreiches Werk mit 1.497 Einzel-Items entstanden, was für die praktische An- wendung jedoch kaum nutzbar ist (Grundmann 2005, 30). Daher gibt es viele Bestrebungen so genannte Kurz- ICF-Versionen oder ICF-Core Sets zu entwickeln.

[7] Generell ist ein Core Set eine reduzierte Sammlung von ICF-Items für einen bestimmten Personenkreis, in dem typische funktionale Gesundheitsmerkmale beziehungsweise Gesundheitseinschränkungen erfasst werden (Grundmann 2005, 30).

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Details

Titel
Empirische Studie über eine ICF-Basis-Schulung mit psychisch kranken Frauen
Untertitel
Wirkungen einer Aktivierenden Befragung in einer Tagesstätte
Hochschule
Hochschule München  (Pasing Masterstudiengang)
Note
1,0
Autoren
Jahr
2006
Seiten
51
Katalognummer
V110955
ISBN (Buch)
9783640157983
Dateigröße
1154 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Empirische, Studie, ICF-Basis-Schulung, Frauen
Arbeit zitieren
Ruth Weizel (Autor)Ellen Puchstein (Autor), 2006, Empirische Studie über eine ICF-Basis-Schulung mit psychisch kranken Frauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110955

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