Aus dem Hilfesystem entlassen – was dann?

Soziale Orientierungsmuster wohnungsloser Frauen – Ergebnisse einer empirischen Studie in München


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2003

12 Seiten


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Aus dem Hilfesystem entlassen – was dann?

Soziale Orientierungsmuster wohnungsloser Frauen – Ergebnisse einer empirischen Studie in München

In diesem Artikel werden die wichtigsten Schlussfolgerungen aus einer von mir durchge- führten empirischen Follow-up-Studie über soziale Orientierungsmuster und Bewälti- gungsstrategien wohnungsloser Frauen kurz dargelegt[1]. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Strategien der Alltagsbewältigung sowie den Versuchen zur Überwindung der Woh- nungslosigkeit während und nach ihrem Aufenthalt in einer niederschwelligen Notunter- kunft der Wohnungslosenhilfe in München. Ob die Frauen das Hilfesystem als Unterstüt- zung oder als Bevormundung empfinden, hat immanente Bedeutung für die Ausrichtung der Sozialen Arbeit mit wohnungslosen Frauen.

Wohnungslosigkeit von Frauen

Erst seit den 1990er Jahren rückte weibliche Wohnungslosigkeit verstärkt in den Blick der Fachöffentlichkeit. Der Anteil der Frauen an den Wohnungslosen ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen und beträgt heute ca. einen Viertel aller Wohnungslosen. Woh- nungslose Frauen sind durchschnittlich jünger als Männer (ca. ein Drittel ist unter 30 Jah- ren). Im Gegensatz zu Männern sind sie oft nicht alleinstehend, sondern leben mit Partne- rIn und/oder Kindern zusammen[2].

Mit der Sensibilisierung für dieses soziale Problem begann auch der Ausbau des Hilfesys- tems für wohnungslose Frauen und die ersten frauenspezifischen Konzepte wurden erar- beitet. Für wohnungslose Frauen ist jedoch auch heute noch das Hilfeangebot unzurei- chend. Bundesweit gab es im Jahr 2000 für wohnungslose Frauen 24 ambulante Bera- tungsstellen. Übernachtungsstellen ausschließlich für Frauen sind selten. Eine flächende- ckenden Versorgung mit frauenspezifischen Angeboten im Bereich der Wohnungslosenhil- fe ist nicht gewährleistet. Zumeist werden Frauen in gemischtgeschlechtlichen Notunter- künften bzw. Pensionen untergebracht, die keinen ausreichenden Schutz vor Belästigung und Gewalt gewährleisten können[3].

Im Gegensatz zu offensichtlich auf der Straße lebenden ‘Pennern’ sind obdachlose Frauen in der Öffentlichkeit kaum zu sehen. Studien zu auf der Straße lebenden Obdachlosen konstatieren – unabhängig vom Befragungsort – daher ‚nur’ einen Frauenanteil von rund 10 %. Diese sichtbar auf der Straße lebenden Frauen gelten als die typisch wohnungslosen Frauen, sind es aber nicht. Vor allem die verdeckt (latent) gelebte Wohnungslosigkeit ist für Frauen typisch. Aufgrund der weiblichen Sozialisation der Häuslichkeit und Repro- duktionsarbeit sowie gesellschaftlicher Stigmatisierung von Obdachlosigkeit versuchen Frauen ihre Wohnungslosigkeit möglichst lange zu verbergen, weshalb sie oft eine lange Karriere in mietrechtlich ungesicherten Verhältnissen hinter sich haben, bis sie Kontakt zum Hilfesystem aufnehmen. Sie schlüpfen bei FreundInnen/Bekannten unter und gehen oft zweckorientierte Partnerschaften ein. Ausnutzung, Gewalt, Gelegenheitsprostitution bedingen eine Lebenssituation, die von der verdeckten in die sichtbare (manifeste) Woh- nungslosigkeit führen kann. Oder sie kehren mehrmals in die Partnerschaft bzw. zur Her- kunftsfamilie zurück, die sie aufgrund eskalierender Konflikte oder wegen (sexueller) Ge- walt verlassen haben. Sie selbst verstehen sich in der Regel eher als wohnungssuchende und nicht als wohnungslose Frau. Diese Frauen sind – auch wenn sie nicht im Hilfesystem in Erscheinung treten – faktisch wohnungslos. Latent wohnungslos sind weiterhin Frauen, die nach einem Aufenthalt im Krankenhaus, Psychiatrie, Suchtklinik oder Haftanstalten nicht mehr in die alte Wohnung bzw. zur Herkunftsfamilie zurück können.[4] Latent von Wohnungslosigkeit bedroht sind dagegen Frauen, sobald der Mietvertrag über den Ehe- mann, Partner, Vater etc. läuft, was bei Beziehungskonflikten, Gewalt oder Trennung zur Wohnungslosigkeit führen kann, oder wenn der Mietvertrag an die Beschäftigungsstelle gekoppelte ist.

Wohnungslosigkeit ist in aller Regel ein Folgeproblem. Es gehen andere Schwierigkeiten voraus, und oft genug entwickeln sich aus der Wohnungslosigkeit schließlich weitere Probleme. In diesem multidimensionalen Problemszenario entsteht häufig ein defizitäres Bild von wohnungslosen Frauen (und Männern): am Rande des Arbeits- und Wohnungs- marktes, mit geringen Bildungs- und Qualifikationsstandards und einer diskontinuierlichen Erwerbsbiografie, oft vom Mann ökonomisch abhängig, häufig desolate Kindheit und Ju- gend, massive Beziehungsprobleme und ‚destruktive Bewältigungsstrategien‘ wie Depres- sion oder süchtiges Verhalten, oft kombiniert mit körperlicher und/oder psychischer Er- krankungen, Verschuldung etc.. Diese Summe von Problemlagen prägen nicht nur häufig das Bild der wohnungslosen Frau sondern sind auch schwer in einem Erklärungsmodell zusammenfassbar. Denn was hierbei als auslösender Grund, als Ursache oder als Risiko- faktor für die Entstehungsbedingungen von Wohnungslosigkeit und was als direkte oder indirekte Folge zu rechnen ist, lässt sich oft schwer ausmachen, da es sich um wechselsei- tig sich beeinflussende und überlagernde Faktoren handelt. Als entscheidende Mitverursa- cher von weiblicher Wohnungslosigkeit gelten die strukturellen Faktoren Armut und Ge- walt. [5]

Der methodische Ansatz der Untersuchung

Die empirische Untersuchung besteht aus zwei Befragungen (follow up) von wohnungslo- sen Frauen in München. Die erste Befragung (teilstandardisiert) fand im Novem- ber/Dezember 2000 mit 40 Bewohnerinnen des Frauenobdach Karla 51 statt, der zentralen Münchner Notaufnahme- und Beratungsstelle für wohnungslose Frauen (mit oder ohne Kinder). Im Sommer 2001 führte ich eine zweite Befragung mit den 16 ‚auffindbaren’ der 40 ehemaligen Bewohnerinnen der Notunterkunft Karla 51 durch (themenzentriertes Inter- view mit Frageleitfaden).

Den späteren Aufenthaltsort der 40 im Frauenobdach Karla 51 befragten Frauen ausfindig zu machen, stellte sich als äußerst schwierig und zeitintensiv heraus: Nachforschungen bei unterschiedlichen Hilfeinstitutionen und Ämtern, der Telekom-Auskunft, NachbarInnen- bzw. NachmieterInnenbefragungen, Anwesenheit an Zahltagen beim Sozialamt etc.. Auf diese Weise bekam ich von 30 Frauen die Adresse bzw. konnte sie kontaktieren (bei sieben Frauen blieb der Aufenthaltsort unbekannt, zwei waren im Ausland und eine verstorben). Von diesen 30 Frauen verweigerten sechs ein Interview, vier waren nach geplatzten Ter- minen nicht mehr auffindbar und weitere vier konnte ich nicht persönlich erreichen und erhielt auch keine Rückmeldung, so dass ich 16 durchschnittlich 45 minütige Interviews führen konnte, die in der Regel am Wohnort der Frauen stattfanden. Die zweite Befragung fand ca. 10 Monate nach dem ersten Interview statt und durchschnittlich 8 Monate nach Aufenthalt im Frauenobdach Karla 51.

Die Schwierigkeiten, einen Teil der Frauen wiederzufinden sind nicht durch deren sozio- demografische Struktur bedingt, die im Schnitt den bekanten Statistiken über wohnungslo- se Frauen 2 entsprechen. Jedoch ist auffällig, dass zum Zeitpunkt der ersten Befragung von den Frauen, die ich zum zweiten Mal befragen konnte, rd. die Hälfte eine – zumeist un- qualifizierte – Arbeit haben, obwohl sie zu ca. zwei Dritteln keinen Beruf erlernten, was für ihre stärkere Normalitätsorientierung[6] spricht. Dass die Frauen, die nicht auffindbar waren, zu drei Vierteln arbeitslos sind, kann nicht auf ihre schlechtere Berufsqualifikation zurückgeführt werden, denn rd. 70 % von ihren haben einen Berufsabschluss, d. h. sind also sogar besser ausgebildet.

[...]


[1] Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse meiner Diplomarbeit „Wohnungslose Frauen, ihre sozialen Orientierungsmuster und Bewältigungsstrategien – Sozialpädagogische Schlussfolgerungen aus einer empirischen Studie“, die im Oktober 2002 an der Kath. Stiftungsfachhochschule München eingereicht wurde.

[2] BAG - Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (1997): Zahl der Wohnungslosen. Bielefeld. BAG - Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (2000a): Zahl der Wohnungslosen. Weibliche Wohnungsnot In: www.bag-wohnungslosenhilfe.de/index2.html. BAG - Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (2002): Zahl der Wohnungslosen in Deutschland. Pressemitteilung vom 31.01.2002.

[3] Enders-Dragässer, Uta et. al. (2000): Frauen ohne Wohnung; Handbuch für die ambulante Wohnungslosenhilfe für Frauen. Hrsg.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Schriftenreihe 186, 93f; Rosenke, Werena (1999): Erhebung über den Bestand und den Standard kommunaler Übernachtungsmöglichkeiten für wohnungslose Frauen. In: wohnungslos 3/1999, S. 124-129

[4] Enders-Dragässer, Uta et. al. (2000): Frauen ohne Wohnung; Handbuch für die ambulante Wohnungslosenhilfe für Frauen. Hrsg.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Schriftenreihe 186, Köln, 96ff; Enders-Dragässer, Uta (1998): Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit von Frauen in der Wohnungslosenhilfe in Hessen. Hrsg.: Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Frauenforschung e. V., Frankfurt a. M., 21ff; Enders-Dragässer, Uta et. al. (2000): Frauen ohne Wohnung; Handbuch für die ambulante Wohnungslosenhilfe für Frauen. Hrsg.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Schriftenreihe 186, Köln, 100f

[5] Steinert, Erika (1997): Erscheinungsformen und Ausmaß der Wohnungslosigkeit alleinstehender Frauen, Ursachen und Wege in die Wohnungslosigkeit. In: Geiger, Manfred; Steinert, Erika: Alleinstehende Frauenohne Wohnung. Hrsg.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Schriftenreihe 124,Köln, S. 31-66

[6] Die hier verwendete Typologie wohnungsloser Frauen (normalitätsorientiert, institutionenorientiert und alternativorientiert mit ihren jeweiligen Untertypen) ist von Erika Steinert erstellt worden: Steinert, Erika (1997): Wohnungslose Frauen im Spiegel des Selbst; Problemgenese des Wohnungsverlustes, soziale Orientierungen und Bewältigungsstrategien. In: Geiger, Manfred; Steinert, Erika: Alleinstehende Frauen ohne Wohnung. Hrsg.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Schriftenreihe 124, Köln,S. 118-200

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Aus dem Hilfesystem entlassen – was dann?
Untertitel
Soziale Orientierungsmuster wohnungsloser Frauen – Ergebnisse einer empirischen Studie in München
Autor
Jahr
2003
Seiten
12
Katalognummer
V110956
ISBN (eBook)
9783640156757
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hilfesystem
Arbeit zitieren
Ruth Weizel (Autor:in), 2003, Aus dem Hilfesystem entlassen – was dann?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110956

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