Mnemotechniken in der Antike


Seminararbeit, 2003

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einführung, Einordnung und Begriffserklärung

2. Die Klassik
2.1. Simonides von Keos (556-468 v. Chr.)
2.2. Platon (428-348 v. Chr.)
2.3. Aristoteles (384-322 v. Chr.)
2.4. Marcus Tullius Cicero (Cicero) (106-43 v. Chr.)
2.5. M. Fabius Quintilianus (ca. 35 bis ca. 96 n. Chr.)
2.6. Ad Herrennium (um 86-82 v. Chr.)
2.7. Technik der Schulung des künstlichen Gedächtnisses aus Ad Herrennium

3. Abschlussbetrachtung zur antiken Gedächtniskunst

4. Literaturverzeichnis

1. Einführung, Einordnung und Begriffserklärung

Die Mnemonik befasst sich mit den Techniken des Speicherns von Inhalten in unserem Gedächtnis. Memoria, das Auswendiglernen, ist ein Teilgebiet der Rhetorik. Genauer betrachtet der vierte Punkt beim Konzipieren einer Rede. Zum Begriff „Gedächtnis" gehören vielfältigste Fähigkeiten, wie etwa das Wieder erkennen vertrauter Personen, das Abrufen und das Erlernen von Fakten, das Erinnern autobiographischer Begebenheiten, Räumliches Orientieren in bekannten Gebieten und auch die Benutzung von Sprache. Erste Erwähnungen der Mnemonik sind nicht genau nachvollziehbar. Es wurde aber bisher auf Einflüsse aus dem pythagoreischen und dem ägyptischen verwiesen. Vorstellbar ist aber auch, dass diese Technik bereits von den fahrenden Sängern und Geschichtenerzählern angewandt wurde. Der Name Mnemonik ist der griechische Göttin der "Erinnerung" und Mutter der Musen „Mnemosyne“ entlehnt. Einen ersten historischen Hinweis ist im Dialexeis, einem griechischen Textfragment, das auf etwa 400 v. Chr. zu datieren ist, zu finden.

„Die größte und schönste Erfindung ist das Gedächtnis, es ist zu allem nütze, in der Weisheit und im Leben. Nämlich erstens, wenn du aufmerkst, so wir dein Geist dessen, worauf du gemerkt hast, besser inne werden; zweitens wiederhole, was du gehört hast, denn durch oftmaliges Hören und Hersagen aus dem Gedächtnis hast du dir alles angeeignet, was du gelernt hast;

drittens, was du hörst, setze auf das, was du schon weißt. Z.B. du sollst den Namen [...] (Chrysippos) lernen. So setze ihn auf [...] (Gold) und [...] (Pferd). Oder den [...] (Glühwurm), zu setzen auf [...] (Feuer) und [...] (leuchten). So viel über Namen.

Bei den Dingen aber so: Tapferkeit zu Mars und Achilleus; Metallarbeit zu Vulkan; Feigheit zu Epeidos.“ [DIE 22]

Gedächtnistricks wie die Methode der Orte waren ein wichtiges Hilfsmittel, bevor Schreibutensilien und Bücher verbreitet waren. Römische Senatoren prägten sich ihre Reden dadurch ein, dass sie deren Inhalt bildlich mit den Säulen in den Wandelhallen verknüpften, in denen sie später die Reden halten sollten. Schauspieler des griechischen Theater merkten sich auf diese Weise lange Monologe, die sie mit Steinblöcken in der Arena in Verbindung brachten.

„Die vermutlich von Simonides eingeführten Erfindungen könnten Anzeichen für das Entstehen einer höher organisierten Gesellschaft sein. Dichter haben jetzt ihren festgelegten ökonomischen Platz-, die vor Einführung der Schrift, in Zeiten der mündlichen Überlieferung, praktizierte Mnemonik wird kodifiziert. Es ist für Zeiten des Übergangs zu neuen Kulturformen normal, dass herausragende Personen als Erfinder bezeichnet werden.“ [YAT 66]

2. Die Klassik

2.1. Simonides von Keos (556-468 v. Chr.)

Für die antike Geisteswelt galt seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. der Dichter Simonides weitgehend als der Erfinder der Mnemotechnik. Laut Cicero und Quintilian soll die erste Gedächtnishilfe dieser Art um das Jahr 500 v. Chr. vom Dichter Simonides aus Keos benutzt worden sein. Dieser jedoch erwähnt in keiner seiner Schriften jene Erfindung, die ihm zugeschrieben wird. Simonides erhielt den Auftrag von dem Faustkämpfer Skopas, ein Loblied zu dichten.

„Bei einem Festmahl, das von einem thessalischen Edlen namens Skopas veranstaltet wurde, trug Simonides zu Ehren seines Gastgebers ein lyrisches Gedicht vor, das auch einen Abschnitt zum Ruhm von Kastor und Pollux enthielt. Der sparsame Skopas teilte dem Dichter mit, er werde ihm nur die Hälfte der für das Loblied vereinbarten Summe zahlen, den Rest solle er sich von den Zwillingsgöttern geben lassen, denen er das halbe Gedicht gewidmet habe. Wenig später wurde dem Simonides die Nachricht gebracht, draußen warteten zwei junge Männer, die ihn sprechen wollten. Er verließ das Festmahl, konnte aber draußen niemanden sehen. Während seiner Abwesenheit stürzte das Dach des Festsaals ein und begrub Skopas und seine Gäste unter seinen Trümmern. Die Leichen waren so zermalmt, dass die Verwandten, die sie zur Bestattung abholen wollten, sie nicht identifizieren konnten. Da sich aber Simonides daran erinnerte, wie sie bei Tisch gesessen hatten, konnte er den Angehörigen zeigen, welches jeweils ihr Toter war. Die unsichtbaren Besucher, Kastor und Pollux, hatten für ihren Anteil an dem Loblied freigebig gezahlt, indem sie Simonides unmittelbar vor dem Einsturz vom Festmahl entfernt hatten.“ [CIC 55]

Simonides gelehrten und veröffentlichen Regeln stammen höchstwahrscheinlich aus älteren mündlichen Überlieferungen. Seine Leistung ist darin zu sehen, dass er als erster in seiner Betrachtung das Sehvermögen, den stärksten aller Sinne mit der Malerei, die er als schweigende Dichtung verstand, verknüpfte. Diese Verbindung von Wort und Bild findet man in der klassischen Gedächtniskunst häufig wieder, indem zu erinnernde Worte durch Bilder symbolisiert werden.

„Simonides Melicus“ der „Honigzungige“, wie er latinisiert auch genannt wurde, wird als Kultheros, als Begründer der Gedächtniskunst von Cicero, Quintilian, Plinus, Aelianus, Ammianus und Suidas anerkannt. In einer Mamortafel von 264 v. Chr. steht geschrieben „Seit der Zeit, da der Keaner Simonides, Sohn des Leoprepes, der Erfinder des Systems der Gedächtnishilfen, den Chorpreis in Athen gewann und zu Ehren des Harmodios und Aristogeiton errichtet wurden, 213 Jahre (d. i. 477 v. Chr.) . “ [JAC 30]

Anhand des Wissens um die rhetorische Mnemotechniken lässt sich der Simonides Mythos als Paradebeispiel der mnemotechnischen Vorgehensweise begreifen. Nähere Erläuterungen dazu unter 2.7.

2.2. Platon (428-348 v. Chr.)

Platon glaubte, „… dass es ein Wissen gibt, dass nicht von Sinneseindrücken abgeleitet ist, und dass in unserem Gedächtnis die Formen oder Modelle der Ideen, jener Wirklichkeiten, von denen die Seele vor ihrem Abstieg nach hier unten wusste, latent vorhanden sind. Wahres Wissen besteht deshalb darin, die Abdrücke der Sinneswahrnehmung mit dem Modell oder Abdruck der höheren Realität in

Übereinstimmung zu bringen, deren Spiegelung die Dinge hier unten sind.[Yat 66]

Seiner Ansicht nach besteht die wahre Funktion der Rhetorik darin, die Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit zu überreden. Diese Erkenntnis der Wahrheit und der Seele besteht im Erinnern, im Widererinnern der Ideen, die alle Seelen einmal gesehen haben und von denen alle irdischen Dinge nur verworrene Abbilder sind.

Er betrachtet die Rhetorik nicht als eine für persönliche oder politische Zwecke verwendbare Kunst der Überzeugung, sondern als Fertigkeit, den Zuhörer zur Wahrheit, zur Wiedererinnerung zu bewegen. Das Gedächtnis im platonischen Sinn ist Grundlage des Ganzen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Mnemotechniken in der Antike
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar
Veranstaltung
Kulturtechniken des Speicherns
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V110981
ISBN (eBook)
9783640090952
ISBN (Buch)
9783640863228
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mnemotechniken, Antike, Kulturtechniken, Speicherns
Arbeit zitieren
Mike Schumacher (Autor), 2003, Mnemotechniken in der Antike, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110981

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