Die Mnemonik befasst sich mit den Techniken des Speicherns von Inhalten in
unserem Gedächtnis. Memoria, das Auswendiglernen, ist ein Teilgebiet der Rhetorik.
Genauer betrachtet der vierte Punkt beim Konzipieren einer Rede. Zum Begriff
„Gedächtnis" gehören vielfältigste Fähigkeiten, wie etwa das Wieder erkennen
vertrauter Personen, das Abrufen und das Erlernen von Fakten, das Erinnern
autobiographischer Begebenheiten, Räumliches Orientieren in bekannten Gebieten
und auch die Benutzung von Sprache. Erste Erwähnungen der Mnemonik sind nicht
genau nachvollziehbar. Es wurde aber bisher auf Einflüsse aus dem
pythagoreischen und dem ägyptischen verwiesen. Vorstellbar ist aber auch, dass
diese Technik bereits von den fahrenden Sängern und Geschichtenerzählern
angewandt wurde. Der Name Mnemonik ist der griechische Göttin der "Erinnerung"
und Mutter der Musen „Mnemosyne“ entlehnt. Einen ersten historischen Hinweis ist
im Dialexeis, einem griechischen Textfragment, das auf etwa 400 v. Chr. zu datieren
ist, zu finden.
„Die größte und schönste Erfindung ist das Gedächtnis, es ist zu allem nütze, in der
Weisheit und im Leben. Nämlich erstens, wenn du aufmerkst, so wir dein Geist
dessen, worauf du gemerkt hast, besser inne werden; zweitens wiederhole, was du
gehört hast, denn durch oftmaliges Hören und Hersagen aus dem Gedächtnis hast
du dir alles angeeignet, was du gelernt hast;
drittens, was du hörst, setze auf das, was du schon weißt. Z.B. du sollst den Namen
[...] (Chrysippos) lernen. So setze ihn auf [...] (Gold) und [...] (Pferd). Oder den [...]
(Glühwurm), zu setzen auf [...] (Feuer) und [...] (leuchten). So viel über Namen.
Bei den Dingen aber so: Tapferkeit zu Mars und Achilleus; Metallarbeit zu Vulkan;
Feigheit zu Epeidos.“ [DIE 22]
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung, Einordnung und Begriffserklärung
2. Die Klassik
2.1. Simonides von Keos (556-468 v. Chr.)
2.2. Platon (428-348 v. Chr.)
2.3. Aristoteles (384-322 v. Chr.)
2.4. Marcus Tullius Cicero (Cicero) (106-43 v. Chr.)
2.5. M. Fabius Quintilianus (ca. 35 bis ca. 96 n. Chr.)
2.6. Ad Herrennium (um 86-82 v. Chr.)
2.7. Technik der Schulung des künstlichen Gedächtnisses aus Ad Herrennium
3. Abschlussbetrachtung zur antiken Gedächtniskunst
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung und Anwendung mnemotechnischer Verfahren in der Antike. Das primäre Ziel ist es, den Ursprung sowie die methodische Ausgestaltung der antiken Gedächtniskunst aufzuzeigen und deren Rolle innerhalb der Rhetoriktheorie historisch einzuordnen.
- Historische Herleitung mnemotechnischer Prinzipien
- Die Verbindung von Raumvorstellung und Gedächtnisbildung
- Analyse antiker Quellen wie Platon, Aristoteles, Cicero und Ad Herrennium
- Techniken der Memoria als Teilgebiet der klassischen Rhetorik
- Die Transformation der Gedächtniskunst in der rhetorischen Praxis
Auszug aus dem Buch
2.7. Technik der Schulung des künstlichen Gedächtnisses aus Ad Herrennium
Bei dem Versuch des Nachvollziehens des Inhaltes von Ad Herrennium wird der Leser feststellen, dass dies keine leichte Aufgabe ist, denn es wendet sich an die Rhetorikschüler des Autors, dennoch sei einer angestellt.
Das künstliche Gedächtnis besteht aus Orten und Bildern. (Constat igitur artificiosa memoria ex locis et imaginibus). Ein locus ist ein Ort, welcher leicht vom Gedächtnis zu erfassen ist. Für jeden dieser Schritte, die Bildfindung, die Gestaltung und Ordnung der Bilder und die Wahl des Raumes entwerfen die Rhetoriker einen Regelkatalog, den es zu beachten gilt. Als erster Schritt gilt meist das Beschaffen von Stellen im Raum, an denen die Bilder platziert werden können. Diese Plätze können, einmal ausgewählt, immer wieder benutzt werden. Die Orte (loci) werden in einer unabänderlichen Reihenfolge im Raum angeordnet, z. B. in einem Haus mit vielen Zimmern, entlang eines langen Weges oder in einem Tempel. Diese Räume können sowohl ausgedacht als auch Vorstellungen von echten Gebäuden sein. Die räumliche Ordnung ist das Kernstück der Mnemotechnik und muss besonders beachtet werden, denn wird die Ordnung der loci richtig behalten, ist es möglich, die Erinnerung an jeder beliebigen Stelle einsetzen zu lassen und sich je nach Belieben vor oder rückwärts zu bewegen. Die loci sind wie Wachstäfelchen die bleiben, auch wenn das Geschriebene ausgelöscht ist, und welche bis zur erneuten Beschriftung bereit sind.
Daher schlägt der Autor des Ad Herennium auch vor, jeden fünften Ort mit einem speziellen Zeichen zu versehen, z. B. mit einer goldenen Hand, da die Hand fünf Finger hat und Gold besonders auffällig ist. Empfohlen wird außerdem, einen gewissen Abstand zwischen den Orten einzuhalten und sie, um sie nicht zu verwechseln, optisch deutlich voneinander zu unterscheiden. Auch finden sich Regeln über die Größe und die Helligkeit der loci. Ist so ein Ordnungsschema entstanden, können Bilder für das zu Erinnernde gefunden und angeordnet werden. Während die Orte des künstlichen Gedächtnisses meist aus dem öffentlichen Raum stammen, entspricht die Auswahl der Bilder den subjektiven Vorlieben und geheimen Phantasien des Mnemotechnikers. Die Bilder, die das zu Erinnernde repräsentieren, müssen möglichst auffällig sein, um einen Eindruck zu hinterlassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung, Einordnung und Begriffserklärung: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Mnemonik als Teilgebiet der Rhetorik und skizziert erste historische Hinweise auf Gedächtnistechniken.
2. Die Klassik: Dieser Hauptteil beleuchtet die theoretischen Grundlagen und Vertreter der mnemotechnischen Lehre in der Antike.
2.1. Simonides von Keos (556-468 v. Chr.): Der Dichter Simonides wird als legendärer Erfinder der Mnemotechnik eingeführt, wobei besonders die Verbindung von Sehvermögen und Bildsymbolik hervorgehoben wird.
2.2. Platon (428-348 v. Chr.): Platon wird als Philosoph behandelt, dessen Ideenlehre das Gedächtnis als Grundlage für die Wiedererinnerung an eine höhere Realität begreift.
2.3. Aristoteles (384-322 v. Chr.): Aristoteles liefert durch seine Erkenntnistheorie die Grundlage für die Assoziationsgesetze, die das Speichern von Inhalten durch bildliche Vorstellungen erklären.
2.4. Marcus Tullius Cicero (Cicero) (106-43 v. Chr.): Cicero wird als bedeutender Rhetoriker dargestellt, der sowohl die theoretische als auch die praktische Anwendung memorialer Systeme in der antiken Redekunst dokumentiert.
2.5. M. Fabius Quintilianus (ca. 35 bis ca. 96 n. Chr.): Quintilianus wird als einflussreicher Rhetoriklehrer porträtiert, der die klassische Rhetorikausbildung sowie intensive Stilkritik im antiken Rom prägte.
2.6. Ad Herrennium (um 86-82 v. Chr.): Dieses Kapitel stellt das anonyme Lehrbuch vor, welches die wichtigste lateinische Quelle zur antiken Gedächtniskunst darstellt und den Begriff des „künstlichen Gedächtnisses“ prägte.
2.7. Technik der Schulung des künstlichen Gedächtnisses aus Ad Herrennium: Eine detaillierte Analyse der Loci-Methode, die den Einsatz von Orten und einprägsamen Bildern zur Strukturierung von Inhalten beschreibt.
3. Abschlussbetrachtung zur antiken Gedächtniskunst: Das Fazit fasst die Rolle der Memoria in der antiken Rhetorik zusammen und reflektiert deren Übergang zur scholastischen Wissenschaft.
Schlüsselwörter
Mnemonik, Gedächtniskunst, Memoria, Rhetorik, Ad Herrennium, Simonides von Keos, Platon, Aristoteles, Cicero, Loci-Methode, künstliches Gedächtnis, Assoziation, Redekunst, Bildgedächtnis, Antike.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den theoretischen Grundlagen und praktischen Anwendungsmethoden der Gedächtniskunst (Mnemonik) in der griechischen und römischen Antike.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entwicklung der Memoria als Bestandteil der Rhetorik, die philosophischen Ansätze von Denkern wie Platon und Aristoteles sowie die konkreten Techniken des künstlichen Gedächtnisses.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den Ursprung der Gedächtnishilfen in der Antike nachzuvollziehen und den Regelkatalog zu analysieren, den antike Rhetoriker für das Einprägen von Redeinhalten entwickelten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer philologischen und historischen Textanalyse relevanter antiker Quellen, insbesondere der Schriften von Cicero, Quintilian und dem anonymen Werk „Ad Herrennium“.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der chronologischen Betrachtung bedeutender antiker Theoretiker und der detaillierten Beschreibung mnemotechnischer Verfahren, wie der Loci-Methode und der Nutzung von Gedächtnisbildern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Mnemonik, Memoria, Loci-Methode, Rhetorik, Assoziation, antike Geistesgeschichte und die Verbindung von Bild und Wort.
Warum gilt Simonides von Keos als Begründer der Mnemotechnik?
Er gilt als Begründer, da antike Autoren wie Cicero und Quintilian ihn als denjenigen beschreiben, der als Erster die Bedeutung des Sehvermögens und der räumlichen Ordnung für das Gedächtnis erkannte.
Was ist das „künstliche Gedächtnis“ im Sinne des Ad Herrennium?
Es bezeichnet ein durch systematisches Übungstraining geschultes Gedächtnis, das durch die bewusste Anwendung von „Orten“ (loci) und „Bildern“ (imagines) komplexe Informationen speichern kann.
Welche Rolle spielt die Klangähnlichkeit bei den vorgestellten Merktechniken?
Die Klangähnlichkeit wurde genutzt, um abstrakte Begriffe oder komplizierte Sätze in dramatische, bildhafte Vorstellungen zu übersetzen, was das Auswendiglernen von Texten effizienter gestalten sollte.
- Quote paper
- Mike Schumacher (Author), 2003, Mnemotechniken in der Antike, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110981