Die Frauen in Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre"

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Referat (Ausarbeitung), 2005

17 Seiten


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Gliederung:

1 Einleitung

2 Die wandernden Theaterschauspielerinnen
2.1 Mariane
2.2 Philine
2.3 Mignon
2.4 Aurelie

3 Standespersonen
3.1 Die Gräfin
3.2 Therese
3.3 Natalie

4 Zusammenfassung

5 Anmerkungen

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Entstehungsgeschichte von „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ reicht von 1776 bis 1796. Die ursprüngliche, erst 1910 entdeckte Version hieß noch „Wilhelm Meisters theatralische Sendung“ und war sehr von autobiographischen Zügen und besonders von dem im Titel anklingenden Theater-Ideal bestimmt. Entsprechend den Ideen Lessings und beeinflußt von der damaligen Shakespeare-Euphorie sollte das Theater, insbesondere das Nationaltheater, für die höhere Bildung des Menschen wirken. Dieses Romanfragment ging dann zwanzig Jahre später vor allem in die ersten fünf der acht „Bücher“ der „Lehrjahre“ in veränderter Form ein.

Auch für die ersten Bücher der „Lehrjahre“ ist das Theater von entscheidender Bedeutung. Die Hauptfigur Wilhelm will dadurch eine Alternative zum Kaufmannsleben finden, das er auf Wunsch des Vaters eigentlich einschlagen soll. Allerdings zeigt sich dann, daß dies nur eine erste Stufe seiner persönlichen Bildung ist. Im Lauf des Romans gibt sich eine andere geheimnisvolle Instanz zu erkennen, die „Turm-Gesellschaft“, zu der Lothario, Friedrich, Jarno und deren Vorstand, der Abbé, gehören. Sie haben Wilhelm während all seiner Irrungen und Wirrungen unbekannterweise gelenkt und sollen wohl im Sinne Goethes das klassische Humanitätsideal verkörpern.

Die Umänderungen am ursprünglichen Manuskript sind zu einem großen Teil aus der Freundschaft Goethes mit Schiller entstanden. Sie führten zu einem Zurückdrängen der autobiographischen Elemente, zu einer Glättung des Stils und zu einer größeren Typisierung und Idealisierung der Figuren.

Die Veränderungen des Romans sind aber auch vor dem Hintergrund der großen Umwälzungen der historischen Zeit zu sehen. Die Zeit von 1776 bis 1796 markierte das Ende des Feudalismus und die allmähliche Herrschaft bürgerlicher, republikanischer Ideen mit dem Fanal der Französischen Revolution von 1789. Insofern ist auch der Roman als eine Abwendung von den alten feudalen Ordnung und als Suche nach neuen Gesellschaftsformen zu verstehen. Zuerst hat dies Goethe noch im Sinn der Aufklärung mit der Idee eines Nationaltheaters versucht, dann hat er diese Idee mit dem klassischen Bildungsgedanken nochmals überhöht.

Therese spricht diesen Bildungsgedanken im Roman auch einmal selbst an. Therese vergleicht Wilhelm mit Natalie und schreibt an sie über ihn: „...er hat von dir das edle Suchen und Streben nach dem Bessern, wodurch wir das Gute, das wir zu finden glauben, selbst hervorbringen.“[1]

Aus diesem Zitat geht nun aber noch ein Zweites hervor, daß Goethe zumindest im Roman den Bildungsgedanken mit der Auseinandersetzung von Mann und Frau verbindet. Neben der geheimnisvollen Turmgesellschaft gibt es die Frauengestalten, die Wilhelm in Sinne des Bildungsideals der Klassik auf der Suche nach dem Besseren leiten. Die Frauengestalten sind nicht in die Turmgesellschaft integriert. Sie bilden dazu eine Parallelgesellschaft.

Dies ist bisher in vielen Untersuchungen zu „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ übersehen oder zumindest verzerrt dargestellt worden.

Die folgenden Ausführungen sollen die Rolle dieser „Parallel-Gesellschaft“ im Roman besser verstehen lassen und ebenso Goethes allgemeines Frauenbild.

2 Die wandernden Theaterschauspielerinnen

Mariane, Philine, Aurelie und Mignon gehören im Roman zu den wandernden Theaterschauspielerinnen, die auch schon in Goethes Erstfassung aufgetreten sind. Für den zeitgenössischen Kontext ist nun darauf hinzuweisen, daß Schauspielerinnen Ende des 18., Anfang des 19.Jahrhunderts zu den niedrigsten Schichten der damaligen Ständegesellschaft gehörten, fast auf einer Stufe mit Prostituierten.

Warum das so ist, kann man auch einem Zitat Rousseaus ablesen:

„Selbst wenn man leugnen könnte, daß ein besonderes Schamgefühl den Frauen natürlich ist, wäre es doch nicht weniger wahr, daß ihnen in der Gesellschaft ein häusliches und zurückgezogenes Leben zukommt und daß man sie nach den Grundsätzen erziehen muß, die sich daraus ergeben. Wenn Schüchternheit, Schamhaftigkeit, Bescheidenheit, die ihnen eignen, gesellschaftlichen Empfindungen sind, dann ist es für die Gesellschaft wichtig, daß die Frauen diese Eigenschaften erwerben und daß sie in ihnen entwickelt werden, und jede Frau, die sie mißachtet, verletzt die guten Sitten... Ich kehre jetzt zu unseren Schauspielerinnen zurück und frage: Wie kann ein Stand, dessen einzige Beschäftigung es ist, sich öffentlich und, was noch schlimmer ist, gegen Geld zu zeigen, sich für ehrbare Frauen schicken und sich noch über die sittlichen Unterschiede der Geschlechter streiten, damit deutlich wird, wie unwahrscheinlich es ist, daß eine Frau, die sich für Geld zur Schau stellt, sich nicht auch bald für Geld zur Verfügung stellt und sich nicht versuchen läßt, das Verlangen, daß sie mit soviel Mühe erregt, auch zu befriedigen?“[2]

Hieran läßt sich das Ideal aus Schüchternheit, Bescheidenheit und Häuslichkeit erkennen, das damals für Frauen als allgemein gesetzt wurde. Insofern verwundert es nicht, daß Schauspielerinnen als sittlich verwahrlost aufgefaßt wurden.

Im Sinne einer übergreifenden Emanzipationsgeschichte ist es deshalb als besonderes Verdienst Goethes aufzufassen, diese am äußersten Rand der Gesellschaft lebenden, weiblichen Existenzen überhaupt als für einen Roman würdig erachtet zu haben. Zum zweiten setzt er sich mit ihnen differenziert auseinander und hält manchmal mehr, manchmal weniger Abstand zu den gängigen Vorurteilen seiner Zeit.

Wie das geschieht, soll an den Einzelpersonen aufgezeigt werden.

2.1 Mariane

Mariane ist im Roman die erste Frauenfigur, mit der Wilhelm ein schwärmerisch verfolgtes Liebesverhältnis eingeht. Sie ist es auch, die ihn noch in seiner Heimatstadt endgültig das Theater suchen läßt.

Was Wilhelm allerdings nicht und der Leser sehr wohl weiß, ist, daß Mariane noch einen anderen Liebhaber hat, nämlich den Kaufmann Norberg. Der ist durch die alte Barbara mit Mariane verkuppelt worden, um an dessen Geld zu kommen. Mariane selbst stammt zwar aus guter, aber leider verarmter Familie und gehört somit zum Typus des „Gefallenen Mädchens“. Mariane kann auch ihr Doppelleben lange Zeit gegenüber ihrem Liebhaber Wilhelm verheimlichen. Aber als sich Wilhelm am Ende des ersten Buches von Mariane verabschieden will, kommt er dahinter, dass die Geliebte noch einen anderen hat. Wilhelm lässt Mariane im Stich.

Bis dahin entspricht die Darstellung der Mariane ziemlich dem, was bei Rousseaus Charakterisierung der Schauspielerin angeklungen und so auch weitgehend in die Erstfassung eingegangen ist. Wenn man Mariane allerdings vom weiteren Fortgang des Romans her sieht, dann ergibt sich ein ganz anderes Bild.

Mariane war nämlich sehr wohl in Wilhelm verliebt, hatte das Verhältnis mit Norberg schon beendet und war kurz davor, Wilhelm ihr Doppelleben zu offenbaren. Sie hatte also aus eigenen Kräften aus den Verstrickungen ihrer Biographie herausgefunden, war aber auf Grund unglücklicher Zufälle nicht dazu imstande, dies in die Realität umzusetzen. Mehr noch: Mariane ist auch noch die Mutter von Wilhelms Kind, Felix. Eben deshalb wurde sie dann aus der Theatergesellschaft verstoßen und ist bei der Geburt des von Wilhelm empfangenen Kindes gestorben.

Im Fortlauf des Romans ergibt sich hauptsächlich aus Berichten und Erzählungen, die Wilhelm von Drittpersonen hört, eine völlige Neubewertung von Mariane und auch von Wilhelm selbst. Mariane war durchaus, anders als es das damals gängige Vorurteil wollte, von edler Natur. Sie erscheint im nachhinein sogar reifer und Wilhelm überlegen, der im Affekt mit ihr gebrochen hatte.

Allerdings folgt der baldige Tod von Mariane doch wieder dem tragischen Schicksal, das man „Gefallenen Mädchen“ seit jeher zugewiesen hat: Sie stirbt im Elend. Obwohl Goethe also mit der Gestaltung der Mariane eine völlige Umdeutung, sogar Heroisierung der wandernden Theaterschauspielerin vorgenommen hat, fließen am Schluß doch noch Reste der althergebrachten Vorstellungen ein.

2.2 Philine

Goethe selbst hat Philine „reine Sinnlichkeit“ und „Leichtsinn“ zugeordnet. Die Schauspielerin Philine, in deren Vorname das griechische „Philos“ (=Liebe) steckt, ist ein unbeständiges Wesen. Ganz entgegen den damals herrschenden Wertvorstellungen wird sie im Roman als eine Frau vorgestellt, die Männer bezirzt, umwirbt, mit ihnen aber auch ihren Schabernack treibt. So gesteht sie Wilhelm unumwunden ihre liebevolle Zuneigung ein. Sie schleicht sich nachts sogar unerkannt in dessen Bett, womit sie übrigens ihrer Nebenbuhlerin Mignon zuvorkommt, und erschleicht sich damit auch inkognito die sexuelle Erfüllung. Zuvor hatte sie schon ihre Pantoffeln vor Wilhelms Bett gestellt, der aber dann vergeblich nach ihr im Bett und im Zimmer suchen mußte.

Wilhelm weist zwar ihre Liebesbewerbungen in Worten als unmoralisch ab. Andererseits wird durch die Art und Weise, in der ihn Goethe darstellt, aber auch klar, daß diese sinnliche Frau für ihn höchst anziehend ist - wie etwa in der Szene mit den Pantoffeln vor Wilhelms Bett.

Im Verhältnis Philine-Wilhelm baut Goethe eine ironische Distanz ein, die für seine Zeit eher unerhört war.

Anders als Mariane ist Wilhelm auch nicht der einzig geliebte Mann ihres Lebens. Aus vielen Berichten und Schilderungen wird klar, daß sie, ob arm oder reich, zahlreiche Liebes-Verhältnisse hatte.

Auch in ihrem allgemeinen Verhältnissen zu ihren Mitmenschen folgt Philine nur ihrem eigenen Gefühl und läßt sich selbst durch Standesschranken, die im ausgehenden 18.Jahrhundert immer noch unüberwindbar schienen, nicht beirren: „Laßt mir den Staat und die Staatsleute weg, sagte Philine, ich kann mir sie nicht anders als in Perücken vorstellen, und eine Perücke, es mag sie aufhaben, wer da will, erregt in meinen Fingern eine krampfhafte Bewegung; ich möchte sie gleich dem ehrwürdigen Herrn herunternehmen, in der Stube herumspringen und den Kahlkopf auslachen.“[3]

Für das ausgehende 18.Jahrhundert mußte eine Roman-Figur wie Philine ungeheuer skandalös erschienen sein. Sie nimmt nicht minder skandalös empfundene Figuren aus dem literarischen Umfeld des Jungen Deutschland vorweg und ist auch als Nachklang auf Goethes Italienische Reise zu verstehen, als er erstmals die Freuden der Erotik praktisch und die sexuelle Offenheit der griechischen und römischen Antike theoretisch entdeckte.

Folgerichtig ist Goethe die mangelnde Distanzierung von seiner Romanfigur auch von den Zeitgenossen höchst kritisch angemerkt worden. Sein Schwager Schlosser sah wegen der Philine-Figur das Roman-Personal gar im Bordell angesiedelt.[4]

Einen kleinen Tribut an die Zeitgenossen hat Goethe für Philine doch noch aufgespart. Ihr Auftreten im Roman endet mit einer Schwangerschaft, die ihre gesamte Sinnlichkeit in Mütterlichkeit und Häuslichkeit abstumpfen läßt.

2.3 Mignon

Mignon ist in vieler Hinsicht ein zwitterhaftes Wesen: halb Kind – halb Mutter, halb Tochter – halb Geliebte, halb Mädchen – halb Junge, halb Sünderin – halb Heilige. Sie verwehrt sich am ehesten den Typisierungen, die Goethe unter dem Einfluß von Schiller an den Figuren der Erstfassung vorgenommen hat. Aber genau dieses Untypische ist wiederum ihr Typisches.

Die noch kindlich-jugendliche Mignon wird etwa zeitgleich mit Philine im zweiten Buch des Romans eingeführt. Wilhelm hat sie für dreißig Gulden von einem brutalen Theater-Agenten abgekauft. Mignon tituliert Wilhelm als Vater. Sie ist für ihn „sein Kind“. Mehr noch als die anderen Theater-Schauspielerinnen Mariane und Philine hat Mignon, die sich mit Tanz- und Jonglierkünsten durchs Leben bringt, eine Nähe zum Klamauk des „fahrenden Volks“, das Ende des 18. Jahrhunderts sozial sogar noch unterhalb von Theater-Schauspielerinnen angesiedelt war. Goethe sieht in ihr aber keine Ausgestoßene, sondern ein geheimnisvolles, tragisches Wesen, dessen Rätsel sich erst gegen Ende des Romans lüftet, als klar wird, daß sie die Tochter von Sperata und des im Roman immer mehr dem Wahnsinn verfallenden Harfners ist. Sperata und der Harfner sind aber Bruder und Schwester und Mignon somit Ergebnis eines inzestuösen Verhältnisses.

Im Lauf des Romans verwandelt sich Mignon allmählich zur heimlichen Liebhaberin von Wilhelm. Wilhelm reagiert jedoch nur zögerlich auf ihre Reize und wird durch andere Frauen in Beschlag genommen. Zuerst kommt ihr, wie bereits ausgeführt, Philine zuvor, als auch Mignon sich nach der großen Hamlet-Aufführung zu Wilhelm ins Bett schleichen will. Schließlich muß sie erleben, daß sich Wilhelm und die praktisch-vernünftige Therese in ihrer Gegenwart küssen. Letzteres bricht der immer als kränklich Beschriebenen das Herz. Sie stirbt und wird wie eine Heilige im „Saal der Vergangenheit“ von der Turm-Gesellschaft als Mumie aufbewahrt.

Eine zweite Verwandlung vollzieht sich noch im Verhältnis von Mignon und Felix. Mignon tritt immer mehr wie die Mutter von Wilhelms Sohn Felix auf, rettet ihn sogar vor dem Harfner und setzt sich so an die Stelle einer angemaßten Ehefrau von Wilhelm.

Der Tod der gebrochenen Liebhaberin Mignon und der Tod der „Mutter-Figur“ Mignon wird denn auch von Goethe, deutlich an Heiligen-Figuren erinnernd, folgendermaßen beschrieben: „Mignon im langen weißen Frauengewande, teils im lockigen, teils aufgebundenen, reichen braunen Haaren, saß, hatte Felix auf dem Schoße und drückte ihn an ihr Herz; sie sah völlig aus wie ein abgeschiedener Geist, und der Knabe wie das Lebens selbst; es schien als ob Himmel und Erde sich umarmten.“[5]

Mignon ist in ihrer oft als romantisch beschriebenen Zwitterhaftigkeit unter allen Figuren des Romans diejenige, die den rationalistischen Idealen der Turmgesellschaft am fernsten steht. Sie ist eine Irritation auf dem Wege Wilhelms hin zur Turm-Gesellschaft, über der der Abbé scheinbar allwissend thront: erst scheint sie Kind zu sein, dann ist sie eine sexuelle Liebe suchende Frau; erst ist sie ein kleines androgynes Mädchen, dann entpuppt sie sich als liebende, schließlich fast einer Heiligen ähnlichen Mutter. Wenn Goethe Wilhelm in seinem Verhältnis zu Philine ansatzweise parodiert, so läßt der Autor ihn im Verhältnis mit Mignon ratlos und unwissend erscheinen. Insofern ist Mignon auch eine subtil eingebrachte Instanz der Kritik an den Idealen der Turm-Geheimgesellschaft. Hat Goethe in den Figuren der Mariane und Philine mehr als ansatzweise Gegenbilder zur damaligen patriarchalischen Gesellschaft entworfen, so ergibt sich in der Mignon-Figur ein Gegenbild oder zumindest mögliches Korrektiv zum zukünftigen, aus der Aufklärung entstandenen und im 19. Jahrhundert immer mehr allmächtig werdenden Rationalismus.

Aus heutiger Sicht verstörend ist allerdings auch hier, daß der Autor seinem Phantasie-Geschöpf Mignon im Gegensatz zu allen männlichen Protagonisten – mit Ausnahme des dramaturgisch notwendigen Todes von Wilhelms Vater – am Ende nur den Tod überläßt. Offensichtlich zollt Goethe nicht nur den damals allmählich vergehenden, sondern auch neuen, sich allmählich ankündigenden welthistorischen Tendenzen Tribut.

2.4 Aurelie

Wilhelm wird im 4. Buch mit Aurelie durch deren Bruder Serlo bekanntgemacht. Wenn man sich das einleitende Zitat von Rousseau noch einmal vergegenwärtigt, dann ist es besonders Aurelie, die, oberflächlich gesehen, am ehesten dem ähnelt, was dieser Autor unter einer Schauspielerin versteht: sie ist ohne jegliches Schamgefühl, zu keiner Häuslichkeit fähig und hat es stattdessen auf exzessive Selbstdarstellung abgesehen. Sie ist eine Hysterikerin, die extremen Gefühlsschwankungen unterworfen ist. Einmal will sie Wilhelm lieben, dann geht sie ihm mit dem Dolch zu Leibe, kann ihm aber nur eine Schnittwunde zufügen. Über ihre erste Ehe sagt sie: „Er ist mein Mann geworden, ohne daß ich recht weiß, warum... Ich zog meine Tage ohne Freude und Anteil hin.“[6] Sie haßt offensichtlich das häusliche und zurückgezogene Leben, von dem Rousseau spricht. Sie haßt aber auch Männer und noch dazu Kinder.

„Die zunächst empfindsame Absolutsetzung der eigenen Gefühle ist zu einer egomanen Hypersensibilität ausgeartet, in der Aurelie nur mehr ein einziges Gefühl kennt: die haßerfüllte Verachtung der Welt.“[7] Sie ist eine exaltierte hysterische Frau, aber dennoch sagt der personale Erzähler am Schluß über sie, sie allein wäre es, die es unter den Theaterleuten „gut mit ihm, Wilhelm, meinte.“[8]

Goethe geht es mit der Figur der Aurelie mitnichten darum, der Auffassung seiner Zeit entsprechend den hoffnungslosen Fall einer Schauspielerin zu schildern. Es geht ihm mehr um eine psychologische Durchdringung dieser Figur. Ein Grund für ihre Gefühlsschwankungen liegt nämlich darin, daß sie sich mit der ihr eigenen hohen Intelligenz bei ihren Mitmenschen und besonders bei den von ihr geliebten Männern, Lothario und Wilhelm, nicht durchsetzen kann. In puncto Klugheit, analytischem Scharfsinn steht sie durchaus auf einer Ebene mit den anderen Männern, und so stellt sie Goethe auch in zahlreichen Dialogszenen dar. Auf diese Art und Weise macht sie Wilhelm beispielsweise mit der Idee des Nationaltheaters bekannt und führt ihn in ein humanistisches Bildungsideal ein. Aber genau deshalb wird sie von den erhofften Liebhabern auch nicht als liebenswürdig erachtet, und deshalb schreitet sie zur Gegenreaktion. Aurelie selbst beschreibt es so, wenn sie über ihre intelekutellen Vorzüge berichtet: „Und alle diese Vorzüge legen wir euch zu Füßen, wenn wir lieben, sobald wir hoffen, Gegenliebe zu erwerben. O wie hab ich mein ganzes Dasein so mit Wissen und Willen weggeworfen! Aber nun will ich auch verzweifeln, absichtlich verzweifeln.“[9]

Somit wird aber auch die Hysterie Aurelies verständlich, die im Grunde genommen aus der partriachalischen Ständeordnung entsteht. Aurelie versucht daraus auszubrechen, kann aber keinen festen, neuen Standort finden. Es ist ein Frauenbild, das eigentlich in die Zukunft verweist, sich unter den gegebenen Verhältnissen noch nicht einrichten kann.

Nur einen kleinen Halt gibt ihr der Erzähler zu Ende des Buches. „Die Bekenntnisse einer schönen Seele“ helfen ihr ein wenig ihre Zerissenheit zu überwinden und glätten. Dann stirbt auch Aurelie.

3 Standespersonen

Die Gräfin, Therese und Natalie sind weitere Begleiterinnen auf Wilhelms Lehrjahren. Im Unterschied zu den vorherigen leben sie nicht am Rand der Gesellschaft, sondern sind auf hoher sozialer Ebene in diese integriert. – Auch die Stiftsdame gehört in gewisser Weise zu ihnen, tritt allerdings nur durch das Medium ihrer Memoiren und nicht in dramatischer Aktion auf und muß deshalb im weiteren nicht eigens behandelt werden. – Auch sie greifen in das Leben des Haupthelden ein, allerdings weniger auf sinnlicher, sondern mehr auf geistiger Ebene.

3.1 Die Gräfin

Die Gräfin tritt zum ersten Mal im dritten Buch auf, als sie Philine als Zofe anstellt. Sie wird als anmutig, zierlich und freundlich charakterisiert. Wie vor allem seine schwelgerischem Rückerinnerungen im vierten Buch zeigen, ist Wilhelm der Gräfin sehr zugeneigt. Dennoch macht Goethe bald klar, daß sie sehr in den Schranken der Adelsgesellschaft gefangen ist. Philine wie auch Wilhelm sollen ihr nur die Langeweile vertreiben. Sie ist völlig unfähig, sich in andere Stände einzufühlen und setzt sich mit der Schauspielergesellschaft wie mit niedlichen Tieren aus einem Zoo auseinander. „Das Mäzenatentum der Gräfin erweist sich somit als sympathie- und lustgesteuert, unbehelligt von künstlerischem Interesse oder Sachverstand.“[10]

Unter den Frauenfiguren ist die Gräfin am meisten Medium der Kritik Goethes an der allmählich überkommenen, in Formen und Zeremonien ausgehöhlten Adelsgesellschaft. Aber so wie bei allen anderen Fraugestalten begnügt sich Goethe nicht mit einer bloßen Schwarz-Weiß-Zeichnung, sondern läßt der Gräfin, wenn auch in Grenzen, die Möglichkeit einer Entwicklung zu.

Auslösepunkt ist die Kuss-Szene mit Wilhelm, nachdem dieser ihr aus seinem Manuskript vorgelesen hat. Sie erschüttert die Gräfin, die sexuelle Liebe bisher nur aus einer standesgemäßen Zwangsehe kennengelernt hat. Die Erschütterung währt in ihrer Furcht vor einem Krebsleiden fort und mündet schießlich in ihre Zuwendung zur Herrenhuter Gemeinde.

Als sie im achten Buch als geläuterte, dem karitativen Christentum zugewandte Person wieder im Roman auftritt, erscheint sie allerdings immer noch in den Schranken der Adelsgesellschaft befangen. Es ist ein eher von Äußerlichkeiten und Mäzenatentum bestimmtes Christentum, dem sie anhängt.

Goethe überläßt es der Schwester der Gräfin, Natlie, die Überwindung der Adelswelt hin zu einem neuen Gesellschaftsbild und Bildungsideal zu verkörpern.

3.2 Therese

Therese tritt im siebten und achten Buch auf. Im Sinn der Entwicklung der Romangeschichte fällt Therese die Aufgabe zu, Wilhelm aus der Welt des Theaters hinein in die Welt des Bürgertums zu führen. Zwischenzeitlich wird sie sogar seine Verlobte, wobei bei aller gegenseitigen Zuneigung doch auch die pragmatische Seite dieses Verhältnisses nicht zu übersehen ist: Wilhelm macht Therese den Ehe-Antrag, weil er eine Mutter für seinen Sohn Felix sucht.

Therese wird als eine Frau eingeführt, die Erwerbsinn, praktisches Denken, Ordnungssinn über alles stellt. Paradoxerweise trennen sie diese Eigenschaften letztlich von Wilhelm, der nach der Episode mit Therese in Natalie die Erfüllung seiner Ideale findet. Dagegen ist Lothario der wirklich ideale Gatte von Therese.

Therese verkörpert unter allen weiblichen Figuren am meisten die bürgerliche Frau. So wie sie Goethe beschreibt, klingt am Anfang auch das eingangs beschriebene Hausfrauen-Ideal Rousseaus an: die Frau, die ein häusliches und zurückgezogenes Leben führt. Lothario ist von der männlichen Seite her ihr idealer Partner, denn in seiner Vorstellung verschafft die Frau „ihrem Manne die wahre Unabhängigkeit, die häusliche, die innere: was er besitzt, sieht er gesichert, das, was er erwirbt, gut benutzt, und so kann er sein Gemüt nach großen Gegenständen wenden...“[11] Allerdings tritt im Laufe des Verhältnisses zwischen Therese und Lothario eine Veränderung ein. Als klar wird, daß beide nicht mehr in Thereses Haus bleiben werden, sondern über ein großes Gut herrschen werden, bedingt sich Therese folgendes aus: „Wollen Sie mein kleines Haus sogleich mit mir teilen, so sind Sie Herr und Meister, indessen wird der Gutskauf abgeschlossen. Ich wünschte, daß dort keine neue Einrichtung ohne mich gemacht würde, um sogleich zu zeigen, daß sie das Zutrauen verdienen, das Sie mir schenken.“[12] Lothario willigt durchaus in ihre Vorschläge ein.

Somit ergibt sich aber für Goethes Zeit ein fast revolutionäres Element im Liebesverhältnis von Therese und Lothario. Das Verhältnis von Therese zu Lothario besteht nicht in Unter-, sondern in Nebeneinanderordnung. Beide behalten für sich Eigenständigkeit bei und werden in dieser Eigenständigkeit auch vom Partner respektiert. Beide treten eigenständig ins tätige Leben hinaus. „Zweifellos stimmt ihr hauswirtschaftlicher Enthusiasmus in vielen Punkten mit den Pflichten einer Hausfrau überein, so daß man behaupten könnte, sie wünsche nur zu tun, was ihr als Frau und Gattin geziemt. Doch zum einen gehen ihre agrarwissenschaftlichen Kenntnisse sogar über das Maß vieler männlicher Gutsverwalter hinaus, zum anderen fehlt in dieser Aussage die zu erwartende Orientierung am Mann.“[13]

Grenzen gibt es aber dennoch für Therese. Mit Therese tritt nämlich im Roman auch eine Frauengestalt auf, die über ihren Verlobten Lothario direkt mit der Turmgesellschaft verbunden ist. Hier hört aber ihre Selbstbestimmtheit auf. Der Zugang zur Turmgesellschaft und den von ihr propagierten Idealen, die wiederum Goethes Ideale sind, ist ihr verwehrt. Die Turmgesellschaft besteht nur aus Männern.

3.3 Natalie

Natalie tritt schon im vierten Buch auf, ist aber als solche weder für den Leser noch für Wilhelm zu erkennen. Erst später im siebten und achten Buch stellt sich heraus, daß sie zusammen mit dem Abbé die schöne Amazone gewesen ist, die ihn und seine Gefährten aus Räuberhand gerettet hatte. „Die schöne Amazone“ ist es auch, nach der sich Wilhelm im weiteren sehnt und die er kurz und versehentlich mit der Gräfin und Therese identifiziert. Wilhelms Begegnung mit Natalie ist somit auch ein Fluchtpunkt, auf den der ganze Roman hinausläuft. Durch die Verlobung der Baronesse mit dem ehemals bürgerlichen Wanderschauspieler Wilhelm ergibt sich auch eine Verbindung zwischen Mann und Frau, die alle Standesschranken hinter sich läßt.

In ihrer Fürsorge besonders für Mignon und auch für Wilhelms Sohn Felix, in ihrer Verständigkeit, Güte und Edelhaftigkeit erweist Natalie sich schließlich als ideale Frauengestalt. „Ihr Idealcharakter zeigt sich darüberhinaus in ihrer unbeirrten, kampflosen und nur ihren Trieben folgenden Entwicklung zu einer der Nächstenliebe lebenden Figur, deren außergewöhnliche Anlagen ihr erlauben zu sagen, Grundsätze seien nur Supplement der Existenz.“[14] Natalie ist auch den anderen auftretenden Frauengestalten nicht einfach, sondern integriert in sich die progressiven Tendenzen vieler dieser Frauengestalten.

Mit Therese hat sie das tätige Handeln gemeinsam, aber Therese konzediert ihrer Freundin Natalie auch folgendes, indem sie Therese selbst zitiert: „`Wenn wir`. sagtest du, `die Menschen nur so nehmen wie sie sind, so machen wir sie schlechter, wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.` Ich kann weder so sehen noch handeln... Und deiner schönen Seele tret´ ich gern den Rang ab.“[15]

Auch mit ihrer Schwester, der Gräfin, hat sie christliche Ideale gemeinsam, betreibt sie aber nicht in den engen Schranken einer Konfession, sondern als übergreifende Caritas, die durch keine Gebote eingeengt ist. Mit der Schauspielerin Aurelie verbindet sie die Schärfe des Intellekts und die Versuche zur Verbesserung der Menschheit. Jedoch ist ihr die Zerissenheit Aurelies fern, und sie verkörpert ein harmonisch in sich gefestigtes Menschenbild. Mit Mariane verbindet sie ihre Liebesfähigkeit und noch mehr die Tatsache, daß sie Felix wie als dessen eigene Mutter annimmt.

Allein Mignon und Philine weisen in ihrer Widersprüchlichkeit weniges auf, was auf Natalie voranweist.

Waren bei den anderen Frauengestalten in deren diversen Verkleidungen und Verstellungen Überschneidungen mit dem männlichen Geschlecht zu erkennen, so wird dies im Falle der schönen Amazone nochmals gesteigert. In ihrer Darstellung scheint es so zu sein, als ob sie ein allgemeines Menschheitsideal darstellt, das Mann und Frau vereint.

So wie Therese steht auch sie der Turm-Gesellschaft sehr nahe, befreit sogar zusammen mit dem Abbé die Theatergesellschaft aus den Händen der Räuber. Aber anerkanntes Mitglied ist sie ebenfalls nicht, wenn auch all ihre Taten von dieser Gesellschaft mit größtem Wohlwollen verfolgt werden. Es ist auch der Abbé, der sie selbst mit ihren Wünschen und Neigungen bekannt macht.

4 Zusammenfassung

Die „Parallelgesellschaft“ der Frauen, die Wilhelm auf seinen Irrungen und Wirrungen hin zum klassischen Bildungsideal begleitet, läßt sich in die Schauspielerinnen und die weiblichen Standespersonen unterscheiden.

Die Schauspielerinnen fordern ihn in seinen Gefühlen und Geisteskräften heraus. Wilhelm ist ihnen durchaus nicht überlegen, tut ihnen manchmal sogar, besonders im Fall von Mariane, schweres Unrecht.

Daß Goethe in seinem Roman Schauspielerinnen auftreten ließ, mußte in seiner Zeit, ganz besonders bei Philine, ein Skandalon gewesen sein. Insofern war er auch seiner Zeit weit voraus. Als Tribut an diese Zeit ist aber festzustellen, daß alle diese Schauspielerinnen-Figuren ein unglückliches Ende nehmen.

Die weiblichen Standespersonen fordern insbesondere seine Bildungskräfte hin zu einem humanen Idealismus heraus. Insbesondere Therese und Natalie sind nicht nur Begleiterinnen auf Wilhelms Bildungsweg, sondern lehren ihn dieses auch durch das Beispiel ihrer praktischen Tätigkeiten. In ihrem Verhältnis zu Männern nehmen die Therese und und Natalie auch Modelle des Verhältnisses zwischen Mann und Frau voraus, die erst Jahrhunderte später ernsthaft diskutiert wurden.

Insofern ist Goethe seiner Zeit weit voraus. Daß Goethe patriarchalische Denkungsweisen nicht fremd waren, ist aber insbesondere daraus zu schließen, daß Frauen aus der Turmgesellschaft und damit aus dem klassizistischen Menschheitsideal ausgeschlossen sind. So sehr sie auch von Goethe idealisiert und stilisiert werden, so erscheinen sie aus der Perspektive der Turmgesellschaft als jenes einzige Gefäß, von dem Goethe gegeüber Eckermann berichtet hat, „was uns neueren noch geblieben ist, um unsere Idealität hineinzugießen.“[16]

5 Anmerkungen

6 Literaturverzeichnis

Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, München 1984

Goethe, Johann Wolfgang von: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Hamburger Ausgabe hrsg. v. Erich Trunz, Bd.7, München 1981, (=Goethe: Wilhelm Meister)

Rousseau, Jean-Jacques, zit. nach Ursula Geitner (Hg.): Schauspielerinnen: Der theatralische Eintritt der Frau in die Moderne. Bielefeld 1988

Schlosser, Johann an Nicolovius, in: Wilhelm Bode (Hrsg.): Goethe in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen, Bd.2, München 1982

Ladendorf, Ingrid: Zwischen Tradition und Revolution. Die Frauengestalten in „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ und ihr Verhältnis zu deutschen Originalromanen des 18.Jahrhunderts, Frankfurt a.M. 1990

[...]


1 Goethe: Wilhelm Meister, S. 532

2 Rousseau S. 18

3 Goethe: Wilhelm Meister, S.96

4 Schlosser, S.145

5 Goethe: Wilhelm Meister, S.525

6 Goethe: Wilhelm Meister, S.260

7 Ladendorf, S.63

8 Goethe: Wilhelm Meister, S.355

9 Goethe: Wilhelm Meister, S.279

10 Ladendorf: Tradition und Revolution, S.49

11 Goethe: Wilhelm Meister, S.453

12 Goethe: Wilhelm Meister, S.530

13 Ladendorf: Tradition und Revolution, S. 126

14 Ladendorf: Tradition und Revolution, S.133

15 Goethe: Wilhelm Meister, S.531

16 Eckermann, S.221

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Die Frauen in Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre"
Untertitel
-
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V111055
Dateigröße
363 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauen, Goethes, Wilhelm, Meisters, Lehrjahre
Arbeit zitieren
Dr.phil., M.A. Reinhold Rauh (Autor), 2005, Die Frauen in Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111055

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