Hegels Einleitung in die Phänomenologie des Geistes - unter besonderer Berücksichtigung des Füres / Füruns


Wissenschaftlicher Aufsatz, 1975

21 Seiten, Note: 1


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Inhaltsverzeichnis

I. Allgemeine Definition der Aufgabe der Phänomenologie des Geistes

II. Über die Durchführung der Aufgabe der Phänomenologie des Geistes

III. Der Übergang von einer Stufe des Bewusstseins zu einer anderen unter dem doppelten Aspekt des Füruns / Füres
Ergebnis der Untersuchung
Anmerkungen
Zitierte Literatur

I. Allgemeine Definition der Aufgabe der Phänomenologie des Geistes

Welche ist die Aufgabe der Hegelschen Phänomenologie des Geistes ? Die Beantwortung dieser Frage soll bei einer Definition Hegels ansetzen : Er definiert die Aufgabe seiner Phänomenologie als die Aufgabe, das Individuum von seinem ungebildeten Standpunkte aus zum wahren Wissen zu führen.(1) Die Phänomenologie hat also die Funktion einer Leiter(2), das Hegel zeitgenössische, ungebildete Individuum, welches er natürliches Bewusstsein(3) nennt, auf den Standpunkt der Wissenschaft zu bringen. Um diese Aufgabe näher zu umreißen, müssen die Begriffe "natürliches Bewusstsein" und "Standpunkt der Wissenschaft" erläutert werden.

Für die Reflexionsphilosophie (gemeint ist die Philosophie des Deutschen Idealismus seit Kant) ist das natürliche Bewusstsein die Gesamtheit des Wissens und Meinens, welche nicht auf der Stufe der Reflexionsphilosophie steht, die sich seit der "kopernikanischen Wende" Kants eine Wissensposition gibt der Art, dass die Gegenstände der Erkenntnis sich nach der Erkenntnis richten müssen, während das "natürliche Bewusstsein" auf der tradierten Vorstellung beharrt, dass die Erkenntnis sich nach den Gegenständen richten müsse.

Vom Standpunkt Hegels aus gesehen fällt aber auch die Bewusstseinsbildungsstufe der Reflexionsphilosophie wie alle anderen Bewusstseinsbildungsstufen, die nicht zur Erkenntnis des Absoluten, d.h. dessen, was an sich ist, gelangen, unter das natürliche Bewusstsein.(Damit ist zugleich auch der Terminus Standpunkt der Wissenschaft erläutert, denn er ist derjenige, auf welchem das Bewusstsein zur Erkenntnis des Wahren und Absoluten, dessen, was an sich ist, gelangt.) Für Kant gibt es keine Erkenntnis des Absoluten, des "Dinges an sich", wie er es nennt; für ihn besteht eine Kluft zwischen dem Erkennen und dem, was an sich ist. Zwar konstituiert das Erkenntnissubjekt bei Kant das Erkenntnisobjekt, doch ist dieses Erkenntnisobjekt immer nur ein Ding in der Erscheinung.

Diesen Zwiespalt, dass das Absolute auf der einen Seite stehe und das Erkennen auf der anderen

Seite(4), diese Kluft sucht Hegel durch seine Philosophie zu überbrücken. Das ihm zeitgenössische Bewusstsein ist durch die kritische Philosophie Kants von der Vorstellung entzweiender Verstandes- gegensätze bestimmt (wie etwa von den Gegensätzen Geist-Materie, Seele-Leib, Freiheit-Notwendig-keit usw.). Dies hat dazu geführt, 'dass das kulturelle Leben des Menschen in vielfacher Hinsicht entzweit wurde' (5). Für Hegel ist diese Entzweiung eine zu überwindende, da das ihm zeitgenössische natürliche Bewusstsein auf einer Bildungsstufe sich befinde, die es dazu befähige (weshalb es für Hegel an der Zeit ist, dass das natürliche Bewusstsein zu einem wissenschaftlichen werde und die Philosophie ihren Namen der Liebe zum Wissen ablege und wirkliches Wissen werde - 6 -), und gerade die kritische Philosophie Kants sei es, die das Mittel zur Verfügung stelle, dieses natürliche Bewusstsein, welches ein noch unwissenschaftliches sei, mit der Wissenschaft zu vermitteln : die Macht der Negativität der analysierenden Verstandestätigkeit.

Dies bedarf einer näheren Erläuterung : Die Entzweiung, so führt Hegel in seiner Differenzschrift(7) aus, sei der Quell des Bedürfnisses der Philosophie. Die Vernunft suche die vom Verstand festgesetzten Gegensätze aufzuheben, nicht, um die Entzweiung überhaupt aufzuheben (denn die notwendige Entzweiung ist ein Faktor des Lebens, das ewig entgegensetzend sich bildet - 8 -), sondern um das absolute Fixieren der Entzweiung durch den Verstand aufzuheben. Das heißt nichts anderes, als dass das Bedürfnis der Philosophie dann entstehe, wenn die Macht der Vereinigung aus dem Leben der Menschen verschwindet und ihre Gegensätze ihre lebendige Beziehung und Wechselwirkung verloren haben und Selbständigkeit gewinnen.(9)

Durch die verstandesmäßige Reflexion ist es also zwar zur Fixierung von Gegensätzen gekommen (und zwar aus dem Grunde, dass sie eine bloß verstandesmäßige und keine spekulativ-vernünftige Reflexion war), doch ist es gerade die Tätigkeit des Verstandes, die es dem natürlichen Bewusstsein, das sich auf seiner gegenwärtigen Bildungsstufe zum verständigen Selbstbewusstsein ausgebildet hat, erlaubt, diese fixierte Entzweiung zu überwinden. Das Mittel des Verstandes wird es sein, das dem natürlichen Bewusstsein die M ö g l i c h k e i t gibt, zur Wissenschaft (auf deren Standpunkt es keine Entzweiung mehr gibt) zu gelangen : Das Verständige ist das schon Bekannte und Gemeinschaftliche der Wissenschaft und des unwissenschaftlichen Bewusstseins, wodurch dieses unmittelbar in jene einzutreten vermag.(10)

Welches ist dieses Mittel des Verstandes ? Es ist die Macht der Negativität, kraft derer der Verstand kritisch zu analysieren, d.h. ein konkretes Ganzes in seine abstrakten Momente zu zerlegen vermag. Zerlegt man auf diese Art und Weise Vorstellungen in ihre ursprünglichen Elemente, so bedeutet das ein Erkennen der Momente, die nicht die Form der vorgefundenen Vorstellung haben, sondern das unmittelbare Eigentum des Selbst ausmachen.(11)

Da das natürliche Bewusstsein als ein verständiges Selbstbewusstsein von sich her die Möglichkeit hat, sich diese Macht der Negativität zunehmend besser zu eigen zu machen, eine Macht, 'die die ganze Substanz zu durchdringen und zu sich zu vermitteln vermag' (12), so hat es für Hegel damit die Möglichkeit, sich zu der ihm innewohnenden Vernunft zu erheben und die Natürlichkeit seiner selbst abzulegen und ein wissenschaftliches Bewusstsein zu werden.

Hegel, für den es die Kluft zwischen dem Erkennen und dem Absoluten, die es für Kant noch gab, nicht gibt, stellt sich in seiner Phänomenologie des Geistes die Aufgabe, dem natürlichen Bewusstsein zu zeigen, wie es denn nun tatsächlich ein wissenschaftliches werden könne, wie es den Standpunkt des wahren Wissens erreichen könne, auf dem es das Absolute, das Ansichseiende, das, was in Wahrheit ist, erkennen könne. Das natürliche Bewusstsein soll sich - unter Preisgabe seiner Natürlichkeit - die ihm scheinbar fremde, es scheinbar bestimmende Substanz, seine unorganische Natur, seine 'geschichtliche Gesamtsituation' (13) zu eigen machen, indem es sich bildet(14), d.h., indem es das geschichtliche Werden des allgemeinen Geistes als seiner unorganischen Natur erneut durchläuft, indem es als das besondere Individuum sich auf die Stufe des allgemeinen Geistes und somit zum Standpunkt der Wissenschaft erhebt mit dem Ziel, das Wahre nicht als Substanz, sondern ebenso sehr als Subjekt aufzufassen und auszudrücken(15), durch welche Zielsetzung der Bildungsweg des natürlichen Bewusstseins ein teleologischer ist. (16)

Diese hier bisher nur allgemein angesprochene Bestimmung der Aufgabe der Hegelschen Phänomenologie soll im nächsten Kapitel konkreter dargestellt werden, bevor in Kapitel III der für den Fortgang von einer Bildungsstufe des Bewusstseins zu einer anderen (im Nachvollzug des Werdens des allgemeinen Geistes durch das natürliche Bewusstsein) erforderliche Übergang von einer Stufe zur anderen in seiner dialektischen Notwendigkeit erläutert werden soll.

II. Über die Durchführung der Aufgabe der Phänomenologie des Geistes

Das natürliche Bewusstsein als das Hegel zeitgenössische Individuum, so war gezeigt worden, soll sich die Erfahrung der Gattung aneignen : Der einzelne muss auch dem Inhalte nach die Bildungsstufen des allgemeinen Geistes durchlaufen, aber als vom Geist schon abgelegte Gestalten, als Stufen eines Weges, der ausgearbeitet und geebnet ist.(17)

Wie aber kommt das natürliche Bewusstsein dazu, sich zu dem festgesetzten Ziel, dem wahren Wissen, fortzubilden ? Nicht von sich selbst her und auch nicht zufällig, sondern das natürliche Bewusstsein wird von der auftretenden Wissenschaft, der Phänomenologie, mit auf den Weg genommen, und zwar auf den einen und bestimmten Weg, der zu diesem Ziele führt. Diese Wissenschaft im Hegelschen Sinne muss auf diesem Weg das natürliche Bewusstsein davon zu überzeugen suchen, dass es und wie es die Position des wahren Wissens erreichen könne und dass das wahre Wissen dieser Wissenschaft das einzig wahre sei. Mit dem Begriff der Erscheinung im Hegelschen Sinne ausgedrückt (für Hegel ist das, was den Anspruch stellt, etwas zu sein, diesen Anspruch aber nicht erfüllt, eine Erscheinung; somit ist für ihn jede Philosophie, die beansprucht, zur Erkenntnis des Absoluten zu gelangen und die diesen Anspruch nicht aufrechterhalten kann, eine Erscheinung), bedeutet das, dass alle anderen Wissenschaften neben dieser Hegelschen nur eine Erscheinung seien und dass das natürliche Bewusstsein diesen Erscheinungscharakter der anderen Wissenschaften erkennen solle.

Aber die Hegelsche Wissenschaft ist, da sie selber erst auftritt neben den anderen, die gleichfalls beanspruchen, im Besitze der Wahrheit zu sein, zu Beginn ihres Weges - da sie ihre Wahrheit noch nicht ausgeführt hat - selber nur eine Erscheinung wie alle anderen Wissenschaften neben ihr. Will sie sich als die wahre Wissenschaft erweisen, so muss sie sich gegen ihren Schein wenden (18). Dies geschieht im Verlauf der Phänomenologie, so dass diese die Darstellung des erscheinen- den Wissens ist, welche ihrerseits der Weg des natürlichen Bewusstseins ist, das zum wahren Wissen dringt. (19)

Nur unter dem besonderen Aspekt dieser Darstellung entsprechen "natürliches Bewusstsein" und "erscheinendes Wissen" einander; denn unabhängig von dieser Darstellung hat das natürliche Bewusstsein eine Fülle von Gestalten, die alle, jede für sich, in einer bestimmten geschichtlichen Situation als konkrete Totalitäten existieren; d.h., unter dem natürlichen Bewusstsein haben wir diese oder jene geschichtliche Gestalt zu verstehen. Diese wird erst dadurch zum erscheinenden Wissen, dass sie innerhalb der Darstellung der Phänomenologie eine Position des erscheinenden Wissens einnimmt.

Im Sinne eines Nachvollzugs durchläuft das natürliche Bewusstsein qua erscheinendes Wissen die Bildungsgeschichte des allgemeinen Geistes, welche als Geschichte der "res gestae" zu diesem Zweck schon erfüllt sein muss. Die D a r s t e l l u n g dieser Bildungsgeschichte (welche damit zu einer "historia rerum gestarum" wird) steht nun aber unter der bestimmten Hinsicht, dass das natürliche Bewusstsein am Ende des Weges zum wahren Wissen gelangt, und zudem verfolgt die Darstellung, wie oben erwähnt, den Zweck, das natürliche Bewusstsein davon zu überzeugen, dass es tatsächlich dieses Wissen erreichen kann und dass dieses Wissen das einzig wahre ist. Um diesem Zweck gerecht zu werden, brauchen nicht alle Gestalten des natürlichen Bewusstseins in die Darstellung des erscheinenden Wissens aufgenommen zu werden; auch braucht nicht auf die chronologische Abfolge geachtet zu werden : 'Nicht der gesamte historische Stoff gehört also in die Phänomenologie; und derjenige, der hineingehört, kommt nicht als historischer für sie in Betracht, sondern als solcher, der das individuell-generelle Bewusstsein dazu befähigt, sich zum absoluten heranzubilden, indem es den Unterschied zwischen sich als individuellem und sich als generellem ausgleicht.' (20)

Um das natürliche Bewusstsein von der Wissenschaft im Hegelschen Sinne als der wahren zu überzeugen, so war gesagt worden, wird es von der auftretenden Wissenschaft mit auf den Weg genommen, welcher Weg eine Abfolge von Bildungsstufen des Bewusstseins ist. Diese Abfolge, die der fortschreitenden Entwicklung der Wahrheit dienen soll, wobei jede Stufe, die überwunden wurde, eine 'relative' (21) Wahrheit ausmacht, muss, da sie überzeugen soll, vollständig sein; dazu Hegel : Die Vollständigkeit der Formen des nicht realen Bewusstseins(d.i. dessen, das dem Anspruch, reales Wissen zu sein, nicht gerecht wird) wird sich durch die Notwendigkeit des Fortganges selbst ergeben.(22)

Hieraus ergibt sich, dass die Frage nach der für die Überzeugungskraft wichtigen Vollständigkeit der Formen zur Frage nach ihrem notwendigen Zusammenhang und damit nach dem notwendigen Übergang von je einer Stufe des Bewusstseins zu einer anderen wird, welche Frage, konkret gestellt, Thema dieser Hausarbeit ist. Doch bevor der konkrete Übergang thematisiert werden kann, ist noch die allgemeine Vorfrage zu klären, wie das natürliche Bewusstsein überhaupt dazu kommt, einen Erkenntnisfortschritt anzustreben.

Das Ziel der Phänomenologie, so sagten wir, ist dann erreicht, wenn das natürliche Bewusstsein zum wahren Wissen gelangt ist, was für Hegel soviel heißt, dass es sich die es bestimmende Substanz zu eigen gemacht hat, wenn ihm seine unorganische Natur nicht mehr als Fremdes gegenübersteht, wenn es erkennt, dass das Wahre nicht als Substanz, sondern ebenso sehr als Subjekt aufzufassen ist. Dann erst ist es im Besitz der Wahrheit, dann erst ist es ein wissenschaftliches Bewußtsein geworden, denn es ist da, wo es nicht mehr über sich selbst hinauszugehen nötig hat, wo es sich selbst findet und der Begriff dem Gegenstande und der Gegenstand dem Begriff entspricht. (23) Bis das natürliche Bewusstsein dieses Ziel aber erreicht hat, ist es unaufhaltsam in seinem Fortgang von einer Bildungsstufe, die nicht im Besitz des realen Wissens ist, zur nächsten auf das vorgenommene Ziel hin, und es vermag auf keiner Stufe vor dem Ziel Befriedigung zu finden. Und diese 'Unruhe' (24) ist in ihm, weil es für sich selbst sein Begriff(25) ist. Warum ?

Begriff meint hier Wesen einer Sache, das, was sie wesentlich ist. Ist das Bewusstsein also für sich selbst sein Begriff, so bedeutet das nichts anderes, als dass es für sich selbst weiß, was es wesentlich ist. Zugleich weiß es seinen Gegenstand aber auch als beschränkt und in eins damit, dass neben dem einzelnen jeweils Gewussten ein Jenseits ist, das es noch nicht erfasst hat und das es noch nicht weiß. Durch dieses Wissen um das Jenseits verlässt es seine jeweilige Position und sucht, indem es über sich selbst hinausgeht, dieses, das in seinem Wissen schon mitgegeben ist, das es aber noch nicht weiß, auch noch als Wissen zu erfassen.

Damit ist der Grund dafür freigelegt, dass das Bewusstsein überhaupt auf Erkenntnisfortschritt aus ist : Es dringt selbst darauf, da es weiß, dass das für es seiende Wissen unvollständig ist. Mit diesem Gedanken ist nun aber allererst der Erkenntnisfortschritt des natürlichen Bewusstseins überhaupt aufgezeigt worden, noch nicht der Übergang von einer Bewusstseinsstufe zur anderen in der Darstellung des erscheinenden Wissens. Dieser Übergang, der Thema dieser Arbeit ist, soll im folgenden Kapitel erläutert werden.

III. Der Übergang von einer Stufe des Bewusstseins zu einer anderen unter dem doppelten Aspekt des Füruns / Füres

Aufgabenstellung : Nachdem gezeigt worden ist, dass das natürliche Bewusstsein, da es für sich selbst sein Begriff ist, über sich selbst hinausgeht, um einen Erkenntnisfortschritt zu erlangen, welcher Erkenntnisfortschritt seinem Inhalte nach aber ein zufälliger wäre, da das Bewusstsein von sich her ziellos über sich nach allen Seiten hinausdrängt, wenn es nicht von der auftretenden Wissenschaft mitgenommen wird auf den Weg, der zum wahren Wissen führt, soll nun die für die Beweiskraft der Phänomenologie erforderliche Vollständigkeit der Formen des nicht realen Bewusstseins in der Darstellung des erscheinenden Wissens, d.h. die Vollständigkeit der Bewusstseinsstufen vom Anfang der Untersuchung bis zu ihrem Zielpunkt (der, wie erwähnt, dann erreicht ist, wenn das Bewusstsein nicht mehr über sich selbst hinauszugehen nötig hat und der Begriff dem Gegenstand und der Gegenstand dem Begriff entspricht), dadurch erwiesen werden, dass gezeigt wird, wie sich aus einer Bewusstseinsstufe mit Notwendigkeit die auf sie folgende ergibt. In eins damit soll die Frage geklärt werden, ob(und wenn, dann inwieweit) bei dieser Aufeinanderfolge der Bewusstseinsstufen dem Phänomenologen, dem bislang lediglich die Rolle des Begleiters des natürlichen Bewusstseins auf dessen Weg zum wahren Wissen zuteil geworden ist, eine über diese bloße Begleiterrolle hinausgehende Aufgabe zukommt oder nicht.

Es war gesagt worden, dass, soll die Vollständigkeit der Formen des nicht realen Bewusstseins im Verlauf der Phänomenologie garantiert werden, die Aufein- und die Auseinanderfolge der einzelnen Bewusstseinsstufen mit Notwendigkeit erfolgen muss. Es genügt also nicht, wenn innerhalb des Entwicklungsprozesses des Bewusstseins jede Position des erscheinenden Wissens, die nicht im Besitz der Wahrheit ist, einfach negiert wird zugunsten einer neuen Position, die unabhängig von der vorangegangenen aufgestellt wird, sondern die neue Position muss aus der vergangenen entstanden (geworden) sein, und dies geschieht durch die bestimmte Negation(27) einer jeden Position innerhalb des sich vollbringenden Skeptizismus(28) der Phänomenologie des Geistes.

Dieser sich vollbringende Skeptizismus (als Weg der Verzweiflung, der mehr ist als ein bloßer Zweifel, da er das erscheinende Wissen nicht vor seinem Ziele ruhen lässt - 28-) ist abzugrenzen vom einfachen Skeptizismus, welcher nur eine bestimmte Stufe des Bewusstseins darstellen wird, die es auf dem Weg zum wahren Wissen zu übersteigen gilt. Dieser einfache Skeptizismus weiß nicht von der notwendigen Entwicklung einer Bewusstseinsstufe aus einer anderen; er negiert das sich ihm als Wahrheit Behauptende nur im Sinne einer einfachen Negation und sieht somit im Resultat seiner Prüfung nur das reine Nichts und abstrahiert davon, dass dieses Nichts bestimmt das Nicht dessen ist, woraus es resultiert.(29)

Anders der sich vollbringende Skeptizismus der Phänomenologie; was das Entscheidende seiner Methode ist, bestimmt Hegel in der Wissenschaft der Logik wie folgt : Das Einzige, um den wissenschaftlichen Fortgang zu gewinnen - und um dessen ganz einfache Einsicht sich wesentlich zu bemühen ist -, ist die Erkenntnis des logischen Satzes, dass das Negative ebenso sehr positiv ist oder dass das sich Widersprechende sich nicht in Null, in das abstrakte Nichts auflöst, sondern wesentlich nur in die Negation seines besonderen Inhalts, oder dass eine solche Negation nicht alle Negation, sondern die Negation der bestimmten Sache, die sich auflöst, somit bestimmte Negation ist.(30)

Die Negation einer jeden Stufe des Entwicklungsprozesses der Phänomenologie ist also eine bestimmte und hat als solche einen Inhalt, wodurch eine neue Form entsprungen und wodurch damit (da der gleiche Vorgang auf jeder Stufe vor dem Ziel zu finden ist) sich der Fortgang durch die Reihe der Gestalten von selbst ergibt.(31)

Die Vollständigkeit der Formen des nicht realen Bewusstseins innerhalb der Darstellung des erscheinenden Wissens scheint auf diese Weise geklärt zu sein, doch ergibt sich aus dem Voran- gegangenen die Frage, wie das Bewusstsein dazu kommt, jede Wissensposition vor dem Ziel als nicht im Besitz der Wahrheit seiend zu negieren. Zu diesem Zwecke muss es doch allererst den Wahrheitsanspruch einer jeden Position geprüft haben, deren jeweiliges Wissen - und zu jeder Prüfung bedarf es eines Maßstabes, an dem das zu Prüfende gemessen wird; wie aber sieht dieser Maßstab aus, an dem das erscheinende Wissen auf jeder seiner Entwicklungsstufen sein jeweiliges Wissen prüft ?

Es ist offenbar, dass die Wissenschaft selbst dieser Maßstab nicht sein kann, da sie erst auftritt und sich selbst noch nicht als die einzig wahrhafte hat erweisen können; ebenso wenig kann dieser Maßstab dem erscheinenden Wissen vom Phänomenologen, der bereits auf dem Standpunkt der Wissenschaft steht, gleichsam von außen angelegt werden, denn das natürliche Bewusstsein ist vom Wissen des Phänomenologen, das ja das Wissen der Hegelschen Wissenschaft ist, aus oben erwähntem Grunde noch ebenso wenig überzeugt wie von der Wissenschaft selbst; daher braucht es den Maßstab, der auf diese Weise in uns und das heißt für Hegel : in den Phänomenologen fiele, nicht anzuerkennen. (32)

Soll aber der Maßstab der Prüfung nicht von außen an das Bewusstsein herangetragen werden, so muss er in es fallen, und die Natur des Gegenstandes, den wir untersuchen, erlaubt es, so Hegel, tatsächlich, dass das Bewusstsein seinen Maßstab an ihm selbst gibt, und die Untersuchung wird dadurch eine Vergleichung seiner mit sich selbst sein.(33) Wie ist das zu verstehen ?

Zur Erläuterung bedarf es zunächst der Begriffsbestimmung von Wissen und Wahrheit:

Das - Wissen ist das Sein von etwas für das Bewusstsein; zugleich ist ihm, dem Bewusstsein, aber auch etwas, das sein Sein auch außerhalb der Beziehung zum Bewusstsein hat, und das ist die Wahrheit. Nun sagt Hegel, dass Wissen (Für-ein-Anderes-Sein) und Wahrheit (Ansichsein) die zwei Seiten sind, die am Bewusstsein selbst vorkommen, so dass die Unterscheidung zwischen dem Wissen einerseits als dem zu Prüfenden und der Wahrheit andererseits als Maßstab dieser Prüfung in es, in das Bewusstsein selbst, fallen. Daran, was das Bewusstsein innerhalb seiner als das Ansich oder das Wahre erklärt, haben wir den Maßstab, den es selbst aufstellt, sein Wissen daran zu messen.(34)

Als Antwort auf oben gestellte Frage nach dem Maßstab der Prüfung können wir also behaupten : Der Maßstab der Prüfung des Wissens des Bewusstseins auf jeder Stufe seines Entwicklungsprozesses ist das, was das Bewusstsein innerhalb seiner als das Wahre aufstellt. Dadurch, dass Begriff (Für-ein-Anderes-Sein) und Gegenstand (An-sich-selbst-Sein)in das zu untersuchende Wissen fallen, können wir die Sache, wie sie an und für sich selbst ist(35), betrachten. (Damit ist schon eine vorläufige Antwort auf die Frage gegeben, ob dem Phänomenologen über die Begleiterrolle hinaus eine Funktion innerhalb der Phänomenologie zukommt oder nicht : Wir, die Phänomenologen, dürfen und brauchen zum ersten gar nicht den Maßstab der Prüfung auf(zu)stellen; zum zweiten wird uns, wie gleich zu zeigen sein wird, auch noch die Aufgabe der Prüfung selbst abgenommen, so dass uns auch hier nur das reine Zusehen(36) bleibt.)

Das Bewusstsein gibt den Maßstab also an ihm selbst, und es vollzieht obendrein die Prüfung selbst, denn, so sagt Hegel, das Bewusstsein ist einerseits Bewusstsein des Gegenstandes, des Ansichseienden, und andererseits Bewusstsein seiner selbst, welches "Selbstbewusstsein" hier als das Bewusstsein seines Wissens von diesem Gegenstand, der in diesem Wissen für ein anderes, für das Bewusstsein ist, aufzufassen ist. (37) Dieses hier angesprochene Selbstbewusstsein ist ein dynamisches, das einerseits darin aufgeht, Bewusstsein des Wissens des Gegenstandes zu sein, das aber andererseits sich, wie zu zeigen sein wird, im Entwicklungsprozess der Phänomenologie auf jeder Stufe mit seinem Wissen ändern wird.

Das Bewusstsein ist somit beides, Bewusstsein des Ansichseins und des Füranderesseins, des Gegenstandes und seines Wissens um diesen Gegenstand. Damit ist es selber die Vergleichung beider Momente, wodurch die Vergleichung Strukturmoment des Bewusstseins ist. In dieser permanenten Vergleichung liegt, wie erwähnt, die Dynamik, die Entwicklung des Bewusstseins.

Hiergegen kann nach Hegel der Einwand erhoben werden, dass der Gegenstand dem Bewusstsein nie in seinem Ansich zugänglich ist, da es ihn nur in seinem Wissen und damit immer nur das Füres des Ansich hat, niemals aber das Ansich selbst, weshalb eine Prüfung des Wissens des Bewusstseins innerhalb seiner selbst unmöglich würde. Seitens des Einwendenden würde zwar zugestanden werden, dass das Bewusstsein überhaupt einen Gegenstand von sich unterscheiden könne, doch bliebe der Einwand, dass dieser Gegenstand, den das Bewusstsein von sich zu unterscheiden weiß, im Wissen dieses Bewusstseins immer mit diesem übereinstimmen müsse. Zwar könne das Bewusstsein Füressein und Ansichsein unterscheiden, aber nur als miteinander übereinstimmend, da es nicht feststellen könne, inwieweit das Ansich anders bestimmt sei als das Füres.

Hegels Gegeneinwand besteht darin, dass er darauf hinweist, dass, indem das Bewusstsein überhaupt von einem Gegenstand wisse, ihm ein Unterschied derart sei, dass es einerseits Bewusstsein des Ansich sei, andererseits Bewusstsein seines Wissens davon : Allein gerade darin, dass es überhaupt von einem Gegenstande weiß, ist schon der Unterschied vorhanden, dass ihm etwas das Ansich, ein anderes Moment aber das Wissen oder das Sein des Gegenstandes für das Bewusstsein ist. Auf dieser Unterscheidung, welche vorhanden ist, beruht die Prüfung.(38)

Konkretere Angaben zur Möglichkeit der Prüfung der Übereinstimmung bzw. Nicht-Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand innerhalb des Bewusstseins gibt Hegel nicht. Doch kann, um zu zeigen, dass eine solche Prüfung tatsächlich möglich ist und dass das Bewusstsein aufgrund ihrer von einer vermeintlichen Erkenntnis des Ansichseienden zu einer anderen fortschreitet, auf das Faktum des Erkenntnisfortschritts in der bereits vollzogenen Bildungsgeschichte des allgemeinen Geistes hingewiesen werden.

Hegel geht also von einer Überprüfbarkeit der Übereinstimmung von Wissen und Wahrheit innerhalb des Bewusstseins selbst aus. Ergibt nun die Prüfung eine Nicht-Übereinstimmung (wie es der Fall sein wird auf jeder Stufe des Bewusstseins vor dem Ziel, dem wahren Wissen, das erst dann erreicht ist, wenn der Begriff dem Gegenstand und der Gegenstand dem Begriff entspricht), so wird das Bewusstsein sein Wissen ändern müssen. Ändert sich aber das Wissen des Bewusstseins, so ändert sich damit zugleich auch der Gegenstand, der Maßstab der Prüfung, denn das Wissen war als Wissen dieses Gegenstandes bestimmt, er gehörte wesentlich diesem Wissen an. (39)

Deutlicher : Durch die Prüfung wird sich jeweils erweisen, dass das Ansich des Gegenstandes, wie es das Wissen vor der Prüfung zu besitzen glaubte, gar nicht das wahre Ansich war, sondern nur das Ansich, welches das Bewusstsein für ein solches gehalten hat; es war nur für es, für das Bewusstsein. Das vom Bewusstsein auf einer jeden Stufe als Ansichseiendes Behauptete wird durch die jeweilige Prüfung zu einem Füres (d.h. für das Bewusstsein auf dieser Stufe) des Ansich.

Das als Ansichseiendes Genommene, der Maßstab der Prüfung, ändert sich also auch, wenn das durch ihn Geprüfte der Prüfung nicht standhält, weshalb die Prüfung nicht nur eine Prüfung des Wissens, sondern auch ihres Maßstabes(40) ist.

Dies bedeutet zugleich, dass es keinen festen Maßstab für alle Entwicklungsstufen des Bewusstseins gibt innerhalb der Phänomenologie des Geistes, sondern jeder Maßstab besitzt nur Gültigkeit für die Bewusstseinsstufe, die ihn als Maßstab der Prüfung aufstellt, welche Gültigkeit er verliert, sobald das Wissen des Bewusstseins auf dieser Stufe seine Gültigkeit verliert.

Dies soll an einem B e i s p i e l aus dem Gedankengang der Phänomenologie erläutert werden : Der Übergang von der Bewusstseinsstufe der sinnlichen Gewissheit zu der der Wahrnehmung ergibt sich dadurch, dass das Bewusstsein erfährt, dass das Einzelseiende, welches der sinnlichen Gewissheit Gegenstand ist, zu einem Allgemeinen w i r d dadurch, dass die sinnliche Gewissheit erfährt, dass ihr Gegenstand, das Einzelseiende, in der Prüfung sich weder als ein Dieses noch als ein Jenes zu erkennen gibt, sondern gleich-gültig dagegen ist, Dieses oder Jenes zu sein, und ein solches ist das Allgemeine. So verliert die sinnliche Gewissheit ihre "Wahrheit", doch durch die Erfahrung, dass das Einzelseiende als ihr Gegenstand, als ihr Ansichseiendes, nur für sie an sich war, w i r d dem Bewusstsein auf einer neuen Entwicklungsstufe, der der Wahrnehmung, ein neuer Gegenstand : das Allgemeine.

An diesem Beispiel wird deutlich, dass das Bewusstsein in der Prüfung eine Erfahrung macht, durch die ihm auf einer neuen Bewusstseinsstufe ein neuer Gegenstand entsteht. Hierin liegt die bestimmte Negation des sich vollbringenden Skeptizismus, die die Wahrheit einer Bewusstseinsstufe nicht einfach negiert und die nicht als Ergebnis ihrer Negation das reine Nichts sieht, sondern für die sich durch die über den als ansichseiend negierten Gegenstand gemachte Erfahrung ein neuer Gegenstand ergibt, der dem Bewusstsein n u n als ansichseiend, als in Wahrheit seiend, gilt.

Der Übergang von einer Entwicklungsstufe des Bewusstseins zu der auf sie folgenden, das Entstehen einer Stufe a u s der anderen, ist geklärt : Durch bestimmte Negation des Gegenstandes der einen Stufe "wird" der Gegenstand der nächsten Stufe. Das Bewusstsein erfährt(innerhalb der Stufenleiter des erscheinenden Wissens dass das Ansich der einen Stufe nur für es, das Bewusstsein, an sich war, und aus dieser Erfahrung "wird" ihm das Ansich der nächsten Stufe. Diese Bewegung nennt Hegel die dialektische(41), weshalb die vom Bewusstsein gemachte Erfahrung auch eine dialektische genannt werden kann.

Bedeutet das, dass man den Übergang von einer Stufe zu der auf sie folgenden mit dem dia- lektischen Dreischritt von Thesis, Antithesis und Synthesis erfassen kann ? Versuchte man es, so entspräche der Thesis das Ansichseiende der ersten Position; die Antithesis wäre die diese Thesis negierende Aufhebung; die Reflexion darauf aber, die Einsicht, dass die Aufhebung der Thesis durch die Antithesis keine bloße Negation, sondern eine bestimmte zu sein hat, wäre dann Aufgabe der Synthesis. Ob diese Begrifflichkeit allerdings weiterhilft, darf bezweifelt werden, denn erhält diese Begrifflichkeit einen mechanischen Modellcharakter (ohne Aussagewert), so wird man mit ihrer "Hilfe" dem Entwicklungsprozess der Phänomenologie, der sich so mechanisch nicht erfassen lässt, nicht gerecht werden. Daher ist es besser, die Anwendung dieses Modells, das wie alle Modelle eine bloße "Krücke" ist und lediglich den zweifelhaften Vorteil einer einfacheren Überschaubarkeit hat, einzuschränken durch den Hinweis, dass die Dialektik innerhalb der Phänomenologie des Geistes jeweils an der Sache selbst aufgesucht werden sollte, da sie von Stufe zu Stufe eine je andere Gestalt hat. Als einziges, auf alle Stufen gleichermaßen anwendbares formales Schema innerhalb dieses Werkes ist die "bestimmte Negation" anzusehen.

Es bleibt nun noch, der zweiten Aufgabe dieses Kapitels gerecht zu werden und die Frage zu beantworten, ob dem Phänomenologen (und damit uns, die wir uns als Phänomenologen begreifen), ob uns also im Fortgang des Bewusstseins von Entwicklungsstufe zu Entwicklungsstufe nicht doch eine besondere Aufgabe zukommt. Dies war bisher in einer vorläufigen Antwort verneint worden, denn es war gesagt worden, dass wir weder den Maßstab der Prüfung des Bewusstseins geben dürfen noch das Wissen des Bewusstseins zu prüfen brauchen, da das Bewusstsein seinen Maßstab an sich selbst hat und zudem selbst sein Wissen an diesem Maßstab prüft. Ist diese vor- läufige Antwort zugleich auch die letzte Antwort Hegels ?

Wenn er das Ergebnis einer jeden Prüfung des Bewusstseins, d.h. das Vergehen des alten und das Entstehen des neuen Gegenstandes, wie folgt zusammenfasst : Dieser neue Gegenstand enthält die Nichtigkeit des ersten, er ist die über ihn gemachte Erfahrung(42), so scheint die vorläufige Antwort sich zu bewahrheiten : Das Bewusstsein prüft auf jeder Stufe sich selbst, indem es den Maßstab der Prüfung in sich trägt und selbst die Vergleichung beider Seiten ist, der des für es Wahren und der seines Wissens um dieses Wahre, so dass es seine Erfahrungen innerhalb des Entwicklungsprozesses tatsächlich ohne Zutun des Phänomenologen zu machen scheint. Jedoch der Schein trügt.

Wenn man von "Erfahrung" spricht, so meint man gewöhnlich nicht, dass das Wissen von einem ersten Gegenstand, das Füres dieses Ansich, zum zweiten Gegenstand wird, sondern man meint, die Erfahrungen von der Unwahrheit unseres ersten Begriffs an einem anderen Gegenstande(43) zu machen, den wir zufälligerweise und äußerlich finden. Und in der Tat weiß das natürliche Bewusstsein nichts vom dialektischen Werden des neuen Gegenstandes aus dem alten; es blickt nicht hinter die Kulissen seines Entwicklungsvorganges, der sich mit dialektischer Notwendigkeit gleichsam hinter seinem Rücken(44) vollzieht. Dieses Werden des neuen Gegenstandes aus dem alten, welches durch seinen Charakter der Notwendigkeit die Vollständigkeit der Formen des nicht realen Bewusstseins garantiert, dieses Werden ist also nicht für es, für das Bewusstsein, sondern nur für uns, für den Phänomenologen. Der Phänomenologe allein vermag das Entstehen des neuen Gegenstandes als ein Werden aus der über den alten gemachten Erfahrung zu betrachten, und diese Betrachtung der Sache ist unsere Zutat, wodurch sich die Reihe der Erfahrungen des Bewusstseins zum wissenschaftlichen Gange erhebt.(45)

Durch diese Erkenntnis, dass das Ansich des Bewusstseins zu einem Für-das-Bewusstsein-Sein des Ansich wird, ist der Phänomenologe in der Lage, das natürliche Bewusstsein auf seinem Weg zum wahren Wissen zu leiten, ihm auf diesem Weg ein(e) Leiter (46) zu sein. Durch diese Qualifizierung des Phänomenologen kann die Phänomenologie ihre Funktion als "Leiter" erfüllen, das unwissenschaftliche natürliche Bewusstsein zum wissenschaftlichen Standpunkt zu führen.

Zwei unterschiedliche Standpunkte müssen also in der Phänomenologie auseinandergehalten werden : Während der Phänomenologe von seinem Standpunkt her erkennt, dass jede Stufe des Entwicklungsprozesses des Bewusstseins mit dialektischer Notwendigkeit aus der vorangegangenen entsteht ("wird"), meint das natürliche Bewusstsein, dass ihm auf jeder Stufe ein neuer Gegenstand gegeben wird, der mit dem vorangegangenen in keinerlei Zusammenhang steht. Es weiß nichts davon, dass der neue Gegenstand geworden ist durch eine Umkehrung des Bewusstseins selbst(47). Was Hegel hier mit der Umkehrung des Bewusstseins meint, liegt auf der Hand : Indem das Bewusstsein sein Ansich als Füres des Ansich erkennt, geht es in sich selbst zurück; diese Bewegung der Reflexion in sich selbst kehrt sich aber unmittelbar um, da das Füressein des Ansich der neue Gegenstand wird. Somit ist die Bewegung des Bewusstseins vom Gegenstand auf sich selbst zurück zugleich eine Bewegung von sich weg auf den neuen Gegenstand hin; darin liegt die Umkehrung des Bewusstseins, welche unsere Zutat ist, erforderlich, da das natürliche Bewusstsein auf keiner Stufe vor dem Ziel sich dieser Umkehrung seiner selbst als eines Movens mit dem Charakter der Notwendigkeit bewusst wird. Diese 'Naivität des erscheinenden Bewusstseins (...), das nicht erkennt, was wirklich seine Erfahrung ausmacht und was sie bewirkt' (48), durchschaut al- lein der Phänomenologe. Es kommt dadurch in seine Bewegung (gemeint ist die Bewegung des Bewusstseins - B.M.)ein Moment des Ansich- und Fürunsseins, welches nicht für das Bewusstsein, das in der Erfahrung selbst begriffen ist, sich darstellt; der Inhalt aber dessen, was uns entsteht, ist für es, und wir begreifen nur das Formelle derselben oder sein reines Entstehen; für es ist dies Entstandene nur als Gegenstand, für uns zugleich als Bewegung und Werden.(49)

Ergebnis der Untersuchung

Die Tatsache, dass es zwei Standpunkte gibt innerhalb der Phänomenologie als der Darstellung des erscheinenden Wissens, welche der Weg des natürlichen Bewusstseins ist, das zum wahren Wissen dringt, nämlich den des Füres (für das Bewusstsein, das die Entwicklung durchmacht) und den des Füruns (für den Phänomenologen, der die Entwicklung leitet), war uns von Anfang an schon dadurch angezeigt, dass das natürliche Bewusstsein zwar von sich her über sich hinausdrängt, um ein besseres Wissen als das von ihm jeweilig erfasste zu erlangen, dass es aber, will es den Weg zum wahren Wissen zielgerichtet bis zu seinem Ende gehen, auf diesem Weg von uns geleitet werden muss. Diese Funktion eines Leiters kommt uns durch unsere Qualifikation als Phänomenologe zu, als der wir unsererseits schon auf dem Standpunkt der Hegelschen Wissenschaft stehen und als der wir damit schon im Besitz des wahren Ansich sind. Als Inhaber dieser Position eines Leiters oder Beg-Leiters sind wir dank unserer Wissensposition zugleich auch Geschichtsschreiber der Bildungsgeschichte des allgemeinen Geistes im Sinne der "historia rerum gestarum", zu welchem Zweck wir aus der faktisch vollzogenen Bildungsgeschichte im Sinne der "res gestae" die mit Notwendigkeit aufeinander folgenden Positionen ausgewählt haben, die in der Lage sind, das natürliche Bewusstsein von unserer Wissenschaft als der einzig wahren zu überzeugen. Von daher ist unsere Voraussetzung, den Einblick in das Entstehen, das Gewordensein einer jeden Stufe aus der ihr vorangegangenen zu haben, während das natürliche Bewusstsein, das die Position des wahren Wissens allererst zu erreichen strebt, diese Einsicht nur mit unserer Hilfe erlangen kann, woraus uns ja überhaupt erst die Aufgabe erwächst, das natürliche Bewusstsein ebenfalls zu einem qualifizierten, zu einem wissenschaftlichen Bewusstsein zu machen. Aus dem Gedankengang der Arbeit heraus ist deutlich geworden, dass wir unsere Funktion, ein(e) Leiter zu sein, zunächst als eine verdeckte, dem natürlichen Bewusstsein nicht einsichtige Tätigkeit vollziehen müssen.

Wenn wir als Phänomenologen das natürliche Bewusstsein bis zum Ziel geleitet (begleitet) haben, wird es in der Lage sein zu durchschauen, dass das Wahre nicht als Substanz, sondern ebenso sehr als Subjekt aufzufassen ist. In der Nachvollziehbarkeit dieses Prozesses des wachsen- den Durchschauens liegt der 'exoterische Charakter' (50) der Phänomenologie, weswegen sie auch die an sich gestellte Aufgabe zu erfüllen vermag, 'das zeitgenössische Bewusstsein, die verständige Reflexionsphilosophie, davon zu überzeugen, dass sie aufgrund des ihr selbst innewohnenden Prinzips zur Wissenschaft hinzutreten könnte, wenn sie nur wollte'. (51)

Zitierte Literatur

Hegel, Theorie Werkausgabe in 20 Bänden, Frankfurt/Main 1970

Kroner, Richard : Von Kant bis Hegel, 2. Auflage Tübingen 1961

Marx, Werner : Hegels "Phänomenologie des Geistes". Die Bestimmung ihrer Idee in

"Vorrede" und "Einleitung"; Frankfurt / Main 1971

Stiehler, Gottfried : Die Dialektik in Hegels PhdG, Berlin-Ost 1964

Wilcocks, R.W. : Zur Erkenntnistheorie Hegels in der PhdG, Halle 1917

Nach Fertigstellung der Arbeit sind erschienen :

Claesges, Ulrich : Darstellung des erscheinenden Wissens. Eine systematische Einleitung in

Hegels PhdG, Bonn 1981

Marx, Werner : Das Selbstbewusstsein in Hegels PhdG, Frankfurt/Main 1986

Weitere Aufsätze des Verfassers unter :

www.philosophersonly.de !

Anmerkungen

(1) Hegel, PhdG, Vorrede Absatz 26

(2) ebd., Absatz 24

(3) Hegel, PhdG, Einleitung Absatz 5

(4) ebd., Absatz 2

(5) Werner Marx, "Hegels PhdG", a.a.O., S. 39

(6) Hegel, Vorrede Absatz 5

(7) Hegel, Differenzschrift, Werke 2, Jenaer Schriften, S. 20

(8) ebd. S. 21

(9) ebd. S. 22

(10) Hegel, Vorrede, Absatz 13

(11) ebd. Absatz 30

(12) Werner Marx, S. 37

(13) ebd. S. 32

(14) vgl. hierzu Hegel, Nürnberger Schriften, a.a.O., S. 258 : Der Mensch als Individuum ver- hält sich zu sich selbst. Er hat die gedoppelte Seite seiner Einzelheit und seines allgemeinen Wesens. Seine Pflicht gegen sich ist insofern teils seine physische Erhaltung, teils, sein Einzelwesen zu seiner allgemeinen Natur zu erheben, sich zu bilden.

(15) Hegel, Vorrede Absatz 16

(16) vgl. hierzu Werner Marx, S.98

(17) Hegel, Vorrede, Absatz 26

(18) Hegel, Einleitung Absatz 4

(19) ebd., Absatz 5

(20) Richard Kroner, "Von Kant bis Hegel", Teil II, S. 378

(21) Gottfried Stiehler, "Die Dialektik in Hegels PhdG", a.a.O., S. 45

(22) Hegel, Einleitung Absatz 7

(23) ebd., Absatz 8

(24) Richard Kroner, Teil II, S. 369

(25) Hegel, Einleitung Absatz 8

(26) Zum Problem des Anfangs vgl. R.W. Wilcocks, "Zur Erkenntnistheorie Hegels in der PhdG", a.a.O., S. 18 - 20

(27) Hegel, Einleitung Absatz 7

(28) ebd., Absatz 6

(29) ebd., Absatz 7

(30) Hegel, Wissenschaft der Logik Teil 1, a.a.O., S. 49

(31) Hegel, Einleitung Absatz 7

(32) ebd., Absatz 11

(33) ebd., Absatz 12

(34) ebd.

(35) ebd.

(36) ebd., Absatz 13

(37) Diese Auffassung von "Selbstbewusstsein" ist abzugrenzen vom intentionalen Modell des Selbstbewusstseins der Reflexionsphilosophie; dort liegt das Selbstbewusstsein als ein statisches allen meinen Vorstellungen zugrunde(beruhend auf dem Schluss : Indem ich weiß, dass ich weiß, weiß ich mich als Wissenden).

(38) Hegel, Einleitung Absatz 13

(39) ebd.

(40) ebd.

(41) ebd., Absatz 14

(42) ebd.

(43) ebd., Absatz 15

(44) ebd.

(45) ebd.

(46) nachträgliche Anmerkung aus der Sicht des Jahres 2007 : Es soll nur kurz darauf hingewiesen werden, dass in diesem Zusammenhang sowohl von e i n e m Leiter gesprochen werden kann wie auch von e i n e r Leiter(letzterer Gedanke wird in meinem Aufsatz zum Philosophie-Unterricht aufgegriffen). Wichtig erscheint mir, dass diese Leiter, nachdem man sie benutzt hat, gerade n i c h t weggeworfen werden darf, wie es William von Baskerville seinem Zögling Adson am Ende von Umberto Ecos "Der Name der Rose" empfiehlt : "Die Ordnung, die unser Geist sich vorstellt, ist wie ein Netz oder eine Leiter, die er sich zusammenbastelt, um irgendwo hinaufzugelangen. Aber wenn er dann hinaufgelangt ist, muss er sie wegwerfen, denn es zeigt sich, dass sie zwar nützlich, aber unsinnig war." In den Begriffen "irgendwo", "nützlich" und "unsinnig" manifestiert sich die Unverbind- lichkeit postmodernen Denkens; dem steht die notwendige Arbeit des Denkens im Sinne Hegels gegenüber.

(47) Hegel, Einleitung Absatz 15

(48) Werner Marx, S. 92

(49) Hegel, Einleitung Absatz 15

(50) Werner Marx, S. 100

(51) ebd.

21 von 21 Seiten

Details

Titel
Hegels Einleitung in die Phänomenologie des Geistes - unter besonderer Berücksichtigung des Füres / Füruns
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1
Autor
Jahr
1975
Seiten
21
Katalognummer
V111103
ISBN (Buch)
9783640130023
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hegels, Einleitung, Phänomenologie, Geistes, Berücksichtigung, Füres, Füruns, Hauptseminar, Deutscher Idealismus, dialektische Methode, dialektische Reflexion, Aufhebung, bestimmte Negation, natürliches Bewusstsein, Thema Phänomenologie
Arbeit zitieren
Bernd Mollowitz (Autor), 1975, Hegels Einleitung in die Phänomenologie des Geistes - unter besonderer Berücksichtigung des Füres / Füruns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111103

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