Zwei Geständnisszenen der Französischen Klassik - Ein Vergleich von Madame de Lafayettes "La Princesse de Clèves" und Jean Racines "Phèdre"


Hausarbeit, 2007
18 Seiten, Note: 2,0

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Inhalt

1. Einleitung

2. Die äußeren Handlungen: Resümees der Texte
2.1. Madame de Lafayette: „La Princesse de Clèves“
2.1.1. Die Vorgeschichte zum Roman: kurzer Einblick in das Leben der Mme de Lafayette
2.1.2. Zum Roman „La Princesse de Clèves“: Der Handlungsablauf
2.2. Jean Racine: „Phèdre“
2.2.1. Das Leben des Jean Racine
2.2.2. Die Tragödie „Phèdre“: Inhaltliche Analyse und Handlungsablauf

3. l’aveu: Die Geständnisszenen im Vergleich
3.1. Wie kommt es zur Beichte?
3.1.1. La Princesse de Clèves’ Weg zum Geständnis
3.1.2. Phèdres dreifache Beichte
3.2. Gemeinsamkeiten und Unterschiede

4. Schluss: Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Le ciel mit dans mon sein une flamme funeste“ – so klagt Phèdre im letzten Akt Jean Racines gleichnamigen Werk von 1677. Diese Äußerung spiegelt wieder, was Racines Hauptfigur und die der Madame de Lafayette, die Princesse de Clèves, um die es im Folgenden gehen wird, zu tragischen Figuren werden lässt: beide erleben die passion zu einem Mann, den sie nicht lieben dürfen, beide kämpfen – mehr oder weniger stark – für ihre raison. Die Geschichte der Princesse de Clèves versteht sich als „heroischer, doch vergeblicher Kampf eines leidenschaftlich bewegten Willens um innere Klarheit, Autonomie und Moralität“1. Wie die Tragödie Racines „[bringt sie] die pathologische Natur der Liebe zum Ausdruck“2, welche die uns vorliegenden Erzählungen zu literarisch-geschichtlichen Wendepunkten macht.

„Phèdre“ von Racine und „La Princesse de Clèves“ von Madame de Lafayette gelten als maßstäbliche Vertreter ihrer Gattungen für das 17. Jahrhundert in Frankreich. Die Tragödie „Phèdre“ und Lafayettes Roman haben formal nur wenige (allerdings erstaunliche) Gemeinsamkeiten, und sind noch gegensätzlicher bezüglich ihres Ansehens im klassischen Frankreich. Die Tragödie galt als das „vorbildhafteste“, einflussreichste Genre, während Madame de Lafayette den Roman einer wesentlichen Wandlung unterzieht. So war der heroisch-galante Barockroman „zu dickleibig“3, der Roman der Klassik wird zudem zu einem „psychologische[n] Roman in historischem Gewand“4. Racine gilt als „magicien des unités“5, er perfektioniert die drei aristotelischen Einheiten und wird oft in Konkurrenz zu seinem Zeitgenossen Pierre Corneille gestellt. Was beide umso mehr, allerdings nur inhaltlich, verbindet, ist die Szene der Beichte über eine Liebschaft an den eigenen Mann.

In dieser Arbeit soll die Schlüsselszene beider Werke, die des Geständnisses, vergleichend analysiert und interpretiert werden. Zunächst gehe ich auf grundlegende Aspekte der beiden Texte ein um das Verständnis für den Höhepunkt der Handlungen zu schärfen. Anschließend stelle ich die beiden Szenen inhaltlich und formal gegenüber um wichtige Gemeinsamkeiten und grundlegende Unterschiede herauszuarbeiten.

2. Die äußeren Handlungen: Resümees der Texte

2.1. Madame de Lafayette: „La Princesse de Clèves“

2.1.1. Die Vorgeschichte zum Roman: kurzer Einblick in das Leben der Mme de Lafayette

Als Madame de Lafayette schrieb Marie-Madeleine Pioche de la Vergne (1634 – 1693, Paris) den „besten Roman“6 zur Zeit der französischen Klassik. Beachtlich ist die Tatsache, dass sie als Fürstin von Lafayette eigentlich von zu hohem sozialen Rang war, um als Schriftstellerin tätig zu sein. Ihr Vater Marc Pioche war Offizier und Festungsbauer für das Militär, er starb allerdings schon 1649. Durch die zweite Ehe ihrer Mutter lernte sie die Marquise de Sévigné kennen, die ihre langjährige Freundin wird. 1655 heiratet sie den Comte de Lafayette, mit dem sie eine Vernunftehe eingeht und zwei Söhne von ihm bekommt. Ihre ersten Novellen „La Princesse de Montpensier“ (1662) und „La Comtesse de Tende“ (posthum 1724) erschienen noch anonym, Hilfe beim Verfassen erhielt sie damals schon von Pierre Daniel Huet, einem Geistlichen und Gelehrten, und Jean Regnault de Segrais, einem französischen Dichter, der auch Mitglied der Académie Française war. In beiden Texten spricht sie von der leidenschaftlichen Liebe, die von der gesellschaftlichen Restriktion der Vernunftehe verhindert wird. In den 1660er Jahren trifft sie den Schriftsteller Duc de La Rochefoucauld und sympathisiert mit dem Jansenismus, den wir nachher bei Racine noch näher kennen lernen werden. 1668/1669 erscheint unter Segrais’ Namen ihr dritter Roman „Zayde“, der ebenfalls wieder das Thema der großen unerfüllten Liebe behandelt. Drei Jahre später schließlich wird der von uns betrachtete kurze Roman „La Princesse de Clèves“ veröffentlicht, allerdings auch noch unter Segrais’ Namen; man vermutet weiterhin die Mithilfe von La Rochefoucauld. Zunächst soll der Roman auch nur die Mémoiren der Lafayette darstellen, da sie, wie anfangs erwähnt, es einer Gräfin unwürdig empfand, Romane zu schreiben.7

2.1.2. Zum Roman „La Princesse de Clèves“: Der Handlungsablauf

Der relativ kurze Roman (circa 150 Seiten im Original) ist formal in vier Teile gegliedert; bei der weiteren Analyse werden wir auch formale Ähnlichkeiten mit Racines „Phèdre“ bemerken, wie zum Beispiel die Exposition und die Peripetie.

Im „Tome premier“ stellt Madame de Lafayette zunächst wie im klassischen Dramenaufbau die mitwirkenden Figuren, die Szenerie und die Zeit, in der die Handlung stattfindet, vor. Es wird sehr detailreich der Hof Henri II. von 1558 beschrieben; der erste Satz stellt schon allein das Leben zu dieser Zeit dar:

„La magnificence et la galanterie n’ont jamais paru en France avec tant d’éclat que dans les dernières années du règne Henri second.“ 8

Lafayette überträgt dabei das Leben des Hofes ihrer Zeit auf den historischen Hof Henri II. und erzeugt somit eine Art „Mischcharakter der Erzählung“9, die auch auf die Ereignisse im Roman übertragen wird, wenn immer wieder kleine Geschichten zur Erinnerung in das Schicksal der einzelnen Personen eingeflochten werden.

Die Hauptfigur Mademoiselle de Chartres wird im ersten Teil in den Hof eingeführt; sie genoss eine moralische Erziehung ihrer Mutter Madame de Chartres. Sie ist von Schönheit und Anmut gesegnet, sodass sie am Hof als „Neuankömmling“ sogleich auffällt und das Interesse der Leute an ihr weckt. Der Prince de Clèves ist von ihr besonders angetan, ist er doch auch im heiratsfähigen Alter; und sieht sie das erste Mal in einem Juweliergeschäft. Der Prince ist so überwältigt („ surpris “) von ihrer Schönheit , „qu’il ne put cacher sa surprise“ 10. Schließlich wird die Ehe im Louvre vollzogen, doch ist die Liebe nur einseitig, da Madame de Clèves, wie sie von nun an heißt, keine aufrichtige Liebe für den Prince empfinden kann. Auf einem königlichen Ball lernt sie nun den Duc de Nemours kennen, von dem sie schon viel gehört hat, und erkennt ihn auch sogleich als diesen. Als er sie sieht, ist er wie der Prince „tellement surpris de sa beauté“ 11. Ihr geht es gleich, und sie bemerkt, dass sie für den Duc andere, vor allem aber leidenschaftliche, Gefühle hegt, als für den Prince, dem sie eigentlich gelten sollten. So versucht sie Nemours immer wieder auszuweichen um nicht gegen die bienséance am Hofe zu verstoßen. Ihrem Mann und ihrer Mutter, der sie am meisten vertraut, gesteht sie zunächst nichts über ihre verbotene Liebe. Im stillen Bewusstsein um die Gefühle ihrer Tochter stirbt jedoch Madame de Chartres bald an einer Krankheit.

Am Anfang des zweiten Teils erzählt der Prince seiner Frau die Geschichte der Madame de Tournon, die er während einer Reise auf das Land erfahren hat . Madame de Tournon stand vorher hoch in seiner Gunst, doch als der Prince von ihren vielen Liebschaften erfuhr, teilt er der Princesse die Gründe seiner Enttäuschung mit. Diese verspürt sogleich Reue, da sie sieht, in welch ähnlicher Situation sie sich befindet: „Elle y trouva un certain rapport avec l’état où elle était“ 12 und sie erkennt die erste Möglichkeit zu gestehen, doch schweigt lieber. Inzwischen merkt sie, wie sie die Liebe zu Nemours nicht mehr unterdrücken kann und sie stattdessen immer stärker wird. So empfindet sie eine heftige Eifersucht, als ein Brief einer angeblichen Geliebten Nemours am Hof in Umlauf ist.

Im dritten Teil nun kommt es zur Peripetie, zum Wendepunkt der Handlung, die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Nachdem sich die Prinzessin ihren Gefühlen für Nemours sicher ist, will sie immer wieder auf das Land fliehen um ihm auszuweichen und ihrem Mann keine Möglichkeit zur Eifersucht zu geben. Er fährt mit ihr nach Coulommiers, sie werden jedoch von Nemours verfolgt, der jede Gelegenheit sucht, mit der Princesse allein zu sein. Hier findet dann auch die Schlüsselszene statt, in der die Princesse ihrem Mann ihre Liebschaft gestehen wird. Da eine detaillierte Analyse der Geständnisszene folgen wird, sei hier nur folgendes gesagt: die Princesse formuliert immer wieder die Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit ihrer Beichte – „je vais vous faire un aveu que l’on n’a jamais fait à son mari“ 13 .

Nemours erzählt dieses Geständnis unter Pseudonymen am Hof weiter, aber auch der Prince und die Princesse hören davon und verdächtigen sich nun gegenseitig, ihr Vertrauen missbraucht zu haben. Der Prince ist schließlich so von Eifersucht und Misstrauen geplagt, dass er Nemours verfolgen lässt, als dieser wieder der Princesse nachreist, als sie sich in Coulommiers erholen will. Der Prince fühlt sich in seiner Vermutung bestätigt und wird aus Kummer todkrank. Als die Princesse zu ihm zurückkehrt, liegt er bereits im Sterben; sie kann sein Vertrauen nicht mehr gewinnen ihr zu glauben ihn niemals betrogen zu haben. Nach seinem Tod zieht sie sich lange zurück, bis sie von Nemours ein letztes Mal aufgesucht wird, der sie bittet, ihre Liebe nun auszuleben. Doch sie weist ihn zurück, da sie immer noch die Pflicht verspürt ihrem verstorbenen Mann treu zu bleiben. Schließlich geht sie in ein Kloster in den Pyrenäen und stirbt wenig später.

2.2. Jean Racine: „Phèdre“

2.2.1. Das Leben des Jean Racine

Jean Racine (1639, Ferté-Milon – 1699, Paris) wurde schon im Alter von vier Jahren Waise, seine Eltern stammten aus dem niederen Amtsadel, und er kam schließlich zu seinen Großeltern. Auch sein Großvater starb früh und so kam er früh in den Kontakt mit dem Jansenismus, nachdem sich seine Großmutter dem Kloster Port-Royal des Champs anschloss und er in der Nähe zu Pflegeeltern kam. In der Schule des Klosters erfuhr er eine umfangreiche geistige Bildung, lernte Griechisch und Latein und las alte Theaterstücke. 1659 ging er nach Paris, wo er zahlreiche adlige Familien kennen lernte und in näheren Kontakt mit dem Theater kam. Er begann zu schreiben und schien sich vom Jansenismus Stück für Stück zu entfernen. Nachdem er viel mit dem Komödiendichter Molière zusammengearbeitet hatte, wurde er mit dem Stück „Andromaque“ 1667 berühmt. Hier geht es, wie bei Madame de Lafayettes Werken, um die schicksalhafte, leidenschaftliche Liebe, die nicht bienséant ist und bei Racine die „Liebenden in den Untergang treibt“14. Racine wird von nun an mit dem bisherigen erfolgreichsten französischen Dichter Corneille gleichgestellt. 1677 erscheint „Phèdre“, es hat aber zunächst nur mäßigen Erfolg und Racine zieht sich vom Schreiben zurück. Eine spätere Freundin, Madame de Maintenon, bewegt ihn dazu, wieder mit dem Schreiben anzufangen; und auch dem Jansenismus nähert er sich wieder. Dadurch verfällt er am Hof allerdings in Ungnade, da dieser das Kloster Port-Royal schließen lassen will, und er stirbt letztendlich in Verbitterung weit weg vom königlichen Hof.15

2.2.2. Die Tragödie „Phèdre“: Inhaltliche Analyse und Handlungsablauf

Racine galt nicht ohne Grund als einer der größten Konkurrenten Pierre Corneilles. Letzterer schrieb mit „Le Cid“ (1636/1637) nicht nur sein erfolgreichstes, sondern auch ein kontrovers diskutiertes Stück. Beim Publikum war es aufgrund der schockierenden Handlung – er lässt die Hauptfigur „Chimène den Mörder ihres Vaters lieben“16 – äußerst beliebt. Dieser Verstoß gegen die bienséance sowie weitere gegen die „ doctrine classique “, die die drei Einheiten von Ort, Zeit und Handlung fordert, führten schließlich zur „Querelle du Cid“.

Bei Racine sind solche Regelwidrigkeiten nicht zu finden. Er befolgt exakt und geschickt alle Regeln des Dramenaufbaus, der drei Einheiten, der Metrik und andere Aspekte, die hier nicht im Mittelpunkt stehen. „Phèdre“ kann als eines der besten Beispiele hierfür angesehen werden.

Die Tragödie „Phèdre“ besteht aus fünf Akten, die jeweils die notwendigen dramatischen Elemente beinhalten. Der erste Akt stellt die Exposition dar, die Figuren erzählen in ihrer Rede von den bisherigen Ereignissen und bereiten somit den Leser auf die Handlung vor. Im ersten Akt erscheint Hippolyte, der Sohn des Königs Theseus, der seinem Erzieher Théramène sagt, er werde seinen verschollenen Vater suchen. Doch auch die unerlaubte Liebe zu der Gefangenen Aricie treibt ihn fort, sowie die Macht seiner Stiefmutter Phèdre, von der er sich gehasst fühlt. In der dritten Szene erfahren wir, dass auch Phèdre von einem „geheimnisvollen Kummer gequält“17 wird. Sie vertraut ihrer Amme Œnone an, dass sie ihren Stiefsohn Hippolyte liebt und ihn verbannt, um der inzestuösen Liebe keine Chance zu geben. Sie äußert bereits hier schon den Wunsch zu sterben, um nicht schuldig zu werden. Mithilfe eines Botenberichtes, durch den die Einheit des Ortes gewahrt bleibt, erfährt man nun, dass der verschollene Theseus gestorben sei, und Œnone kann ihre Herrin überzeugen, dass die Liebe zu Hippolyte nun nicht mehr „verbrecherisch und hoffnungslos“18 sei. In diesem zweiten Akt verlangt Phèdre also mit Hippolyte zu sprechen, und sie gesteht ihm ihre leidenschaftliche Liebe. Doch Hippolyte ist schockiert, und reagiert mit Kälte auf ihr Geständnis, ist ihm doch ihr bisheriges, scheinbar hasserfülltes Verhalten noch zu wirklich. Phèdre verlangt daraufhin, dass er sie mit seinem Schwert tötet, doch Hippolyte weigert sich, verspricht ihr aber, niemandem von ihrer Liebe zu erzählen. Zum Dramenaufbau stellt dies die Peripetie dar, der Handlungs höhe punkt sowie Handlungs wende punkt. Es ist die fünfte Szene im zweiten Akt, der Wendepunkt befindet sich also genau in der Mitte des Stücks. Am Ende des Aktes erfährt man nun von dem Gerücht, dass Theseus doch am Leben ist; und tatsächlich hat er im dritten Akt seinen ersten Auftritt. Phèdre klagt Hippolyte nun bei Theseus auf Rat Œnones an sie überfallen zu haben. Als Theseus Hippolyte im vierten Akt zur Rede stellt, verrät dieser nichts und schweigt, denn sonst müsste er auch seine Liebe zu Aricie beichten. Entsetzt über das angebliche Verbrechen seines Sohnes verflucht ihn Theseus im Namen Neptuns, der Phèdre rächen soll. Diese ist inzwischen voller Schuldgefühle, da sie die Unrechtmäßigkeit ihrer Tat erkannt hat. Doch dann erfährt sie von der Liebe zwischen Hippolyte und Aricie und wird von „rasender Eifersucht“19 geplagt und so erzählt sie Theseus nichts von dem wahren Hergang des Geschehens. Stattdessen verstößt sie nun Œnone, da sie die Anstifterin des Unheils ist, sodass Œnone sich von der Klippe ins Meer stürzt.

Im letzten Akt enthüllt Hippolyte seiner Geliebten Aricie die Wahrheit und sie beschließen gemeinsam in die Verbannung zu gehen um sich zu vermählen. Als Theseus zu Aricie geht, erahnt er schließlich die Wahrheit und fleht Neptun an, seinen Fluch zurückzunehmen. Doch dann erfahren wir von Théramène durch einen Botenbericht, durch den geschickt die Einheit des Ortes gewahrt bleibt, dass sich ein Meeresungeheuer Hippolyte auf dem Weg in die Verbannung entgegenstellte und er an seinem Wagen mitgeschliffen wurde, bis „tout son corps n’est bientôt qu’une plaie“ 20 (Akt V, Szene VI). In der letzten Szene erscheint Phèdre, die kurz zuvor ein Gift einnahm und nun im Sterben liegt. Sie bekennt sich ein drittes Mal vor ihrem Tod gegenüber ihrem Mann Theseus und spricht somit gleichzeitig Hippolyte seiner angeblichen Schuld frei . „C’est moi qui, sur ce fils chaste et respectueux, osai jeter un oeil profane, incestueux.“ 21 (Akt V, Szene VII). Theseus klagt ihre Tat an, als sie den letzten Atemzug („Elle expire, seigneur!“) getan hat und will seinem Sohn seine letzte Ehre erweisen, weiß er doch nun um seine Unschuld.

3. l’aveu: Die Geständnisszenen im Vergleich

3.1. Wie kommt es zur Beichte?

3.1.1. La Princesse de Clèves’ Weg zum Geständnis

Die Geständnisszene der Princesse de Clèves wurde sehr kontrovers zur Zeit des Erscheinens des Romans diskutiert. Wie bei Köhler zu lesen ist, kritisierte Bussy-Rabutin, ein Cousin der Madame de Sévigné, besonders dass das Geständnis „ extravagant “, „ extraordinaire “ und „ invraisemblable “ sei22. Hier erscheint auch die Kritik, dass Nemours Anwesenheit anstößig und ebenfalls „ extraordinaire “ sei, so Valincour, ein Mitglied der Académie Française und Freund Racines und Boileaus23.

Das Geständnis ist die Schlüsselszene des Romans, es stellt wie bei Racines Phèdre den Höhepunkt, die Peripetie der Handlung dar. Als solche wendet sich hier also das Schicksal der Protagonisten, sie sind hoffnungslos in die Handlung verstrickt, und können den Konsequenzen nicht mehr entkommen. So verliert auch hier die Princesse ihre Autonomie – wenn sie nicht gar nur noch mehr eingeschränkt wird, hat sie doch dank bienséance und préciosité von Natur aus wenig Selbstbestimmung – und muss sich ihrem Schicksal fügen. Ihre vorherigen Pläne Nemours auszuweichen und ihrem Mann immer treu zu bleiben, scheitern letztendlich am eigentlich wahrhaftigen Geständnis, dessen beabsichtigte Wirkung genau ins Gegenteil verkehrt.

Die erste Begegnung mit Nemours, die auf einem königlichen Ball stattfindet, also eine viel öffentlichere und vornehmere Situation als die der Begegnung mit dem Prince de Clèves, veranschaulicht schon sehr deutlich die Schicksalhaftigkeit ihres Zusammentreffens. In diesem Moment steigt die „ surpris “, die die Protagonisten immer wieder zu Handlungen treiben wird, in ihr hoch und sie erkennt ihn sofort als denjenigen, der am Hofe die schönsten Komplimente erhält. Von ihm geht eine „air brillant“ aus, die die Princesse sogleich verzaubert. Von nun an glaubt sie zunächst nur, verliebt zu sein und es noch aufhalten zu können. Sie beachtet alle Äußerungen, die Nemours betreffen und ob sie vielleicht bei seinen Handlungen eine Rolle spielt: „Madame de Clèves ne faisait pas semblant d’entendre“ 24. Im Gespräch mit ihrer Mutter erkennt sie schließlich, dass ihr Nemours gar nicht gleichgültig zu sein scheint, , denn „l’intérêt qu’elle prenait à M. de Nemours: elle n’avait encore osé se l’avouer à elle-même“ (Seite 66).

Sie ist sich nach dem Tod ihrer Mutter sicher, dass sie ihre Gefühle nicht mehr unterdrücken kann, da sie sehr gut fühlt, „qu’elle ne pouvait s’empêcher de le trouver aimable“ (72).

Nachdem der Prince von einer Reise auf das Land wiederkehrt, erfährt die Princesse von der Geschichte der Madame de Tournon, die ihr die erste Möglichkeit zum Geständnis bietet, befindet sie sich doch in einer ähnlichen Situation wie Madame de Tournon. Doch sie schweigt lieber, auch wenn ihr Mann ihr den Rat gibt, dass „la sincérité me touche d’une telle sorte que je crois que si ma maitresse, et même ma femme, m’avouait que quelqu’un lui plût, j’en serais affligé sans en être aigri. Je quitterais le personnage d’amant ou de mari pour la conseiller et pour la plaindre.“ (80).

Sie verbringt einige Zeit später ein paar Tage auf dem Land, als sie zum Hof zurückkehrt um ihren Pflichten nachzukommen, fühlte sie sich „plus tranquille sur M. de Nemours qu’elle n’avait été“ und sie glaubte, dass „ses sentiments [...] étaient entièrement effacés“ (87). Doch als sie davon hört, dass Nemours aus unerkennbaren Gründen, die ihr aber umso klarer sind, der Krone entsagt, verlässt sie diese Ruhe wieder. In ihr „[s’éleva] le trouble [...] dans son âme“ (91). Als er sie schließlich allein besucht, spürt sie Verlegenheit und errötet, seine Rede, in der er ihr implizit seine Liebe gesteht, gefällt ihr und verletzt sie zugleich und sie bemerkt eine Verwirrung, „dont elle n’était pas maîtresse“ (95). Diese Begegnung überzeugt sie endgültig von seiner Liebe und sie ist sich ihrer umso mehr bewusst. Aber: „Elle ne se flatta plus de l’espérance de ne le pas aimer; elle songea seulement à ne lui en donner jamais aucune marque.“ (96). Wieder zieht sie sich vom Hofleben zurück, indem sie Feste und Veranstaltungen meidet, auf denen sie dem Herzog von Nemours begegnen könnte. Ihr Mann bemerkt natürlich ihre andere Art und sagt ihr, dass sie auf keinen Fall ihre Lebensweise ändern solle. Nun ist die zweite Gelegenheit für ein Geständnis für die Prinzessin gekommen, Madame de Lafayette stellt ihr schon die Worte bereit, doch sie würden nicht der vollen Wahrheit entsprechen und so schweigt die Princesse de Clèves erneut. Von nun an gerät die Princesse von einer schwierigen Situation in die nächste, immer wieder muss sie ihre Leidenschaft verbergen, und umso größer scheint sie noch zu werden. Nemours gelingt es sogar, ein Porträt von ihr in ihrer und Monsieur de Clèves Anwesenheit zu stehlen, und als ihr Mann einen Scherz über den Diebstahl macht, sieht sie sich wieder in der Möglichkeit alles zu gestehen: „il lui sembla qu’elle lui devait avouer l’inclination qu’elle avait pour M. de Nemours“ (109). Darauf folgen Gegebenheiten, wie dem Turnier, auf dem sie in Sorge um den verletzten Nemours ist und dann schließlich ein Brief umhergereicht wird, in dem von einer angeblichen Geliebten des Nemours gesprochen wird, der in der Princesse eine starke Eifersucht entstehen lässt. Als sie feststellt, dass der Brief nicht an ihren geliebten Nemours gerichtet ist, hilft sie ihm sogar noch ein Geheimnis eines Anderen zu bewahren, das mit dem Brief an die Öffentlichkeit gelangt wäre. Doch die Vorstellung, Nemours könnte eine andere Geliebte haben, und sie wäre gewissermaßen betrogen worden, zeigen ihr, wie sich Misstrauen und Eifersucht anfühlen und in welcher Situation ihr Mann sein würde: „[les soupcons] ne laissèrent pas de lui ouvrir les yeux sur le hasard d’être trompée et de lui donner des impressions de défiance et de jalousie qu’elle n’avait jamais eues“ (147). In einem Monolog stellt sie die Sinnlosigkeit ihrer bisherigen Entschlüsse fest, sie steht im Konflikt zwischen raison und passion, der die Literatur der Klassik so eigen war. „Toutes mes résolutions sont inutiles; je pensai hier tout ce que je pense aujourd’hui et je fais aujourd’hui tout le contraire de ce que je résolus hier.“ (148). Der Leser spürt den aufkommenden Wendepunkt, der unaufhaltsam der Erzählung ihre Schicksalhaftigkeit bestimmen wird.

Und so folgt das nicht mehr zu verhindernde Geständnis. Der Prince und die Princesse wollen einige Tage auf dem Land, in Coulommiers, verbringen, da sich die Prinzessin nicht wohl zu fühlen scheint. Doch sie werden dabei von Nemours verfolgt, der der Prinzessin nicht mehr von der Seite weichen will und hofft sie allein in Coulommiers antreffen zu können. Als er dort eintrifft, befindet sich das Paar gerade im Pavillon des Landsitzes und Nemours kann sie von einem Versteck aus beobachten. So sieht und hört er, wie der Prince versucht seine Frau zum Reden zu bewegen und ihm zu sagen, was sie so traurig macht. Sie weicht ihm zunächst noch aus, begründet ihre Niedergeschlagenheit mit der Hektik am Hof. Doch der Prince bleibt unverständlich, er befürchtet eher, sie möchte von ihm getrennt sein. Dies verwirrt sie jedoch noch mehr, dass er bereits von ihrer Liebschaft zu ahnen scheint. Er drängt sie daraufhin weiter, weicht sie ihm doch immer mehr aus und schließlich geht sie so weit anzudeuten: „à vous avouer une chose que je n’ai pas la force de vous avouer“ (152). Das tatsächliche Geständnis folgt nun plötzlich, aber die Prinzessin formuliert es doch überlegt:

„Eh bien Monsieur, [...] je vais vous faire un aveu que l’on n’a jamais fait à son mari; mais l’innocence de ma conduite et de mes intentions m’en donne la force. Il est vrai que j’ai des raisons de m’éloigner de la cour et que je veux éviter les périls où se trouvent quelquefois les personnes de mon âge. Je n’ai jamais donné nulle marque de faiblesse et je ne craindrais pas d’en laisser paraître si vous me laissiez la liberté de me retirer de la cour ou si j’avais encore Mme de Chartres pour aider à me conduire. Quelque dangereux que soit le parti que je prends, je le prends avec joie pour me conserver digne d’être a vous. Je vous demande mille pardons si j’ai des sentiments qui vos déplaisent, du moins je ne vous déplairai jamais par mes actions. Songez que, pour faire ce que je fais, il faut avoir plus d’amitié et plus d’estime pour un mari que l’on en a jamais eu; conduisez-moi, ayez pitié de moi, et aimez-moi encore, si vous pouvez.“

Hier wird wie eingangs erwähnt die Außergewöhnlichkeit ihres Geständnisses betont: etwas ähnliches wurde noch nie für einen Ehemann getan, sie ist doch unschuldig, und diese Tat verlangt mehr Freundschaft und Achtung für den Ehemann, als je empfunden wurden. Auch als er den Namen ihres Geliebten erfahren will, erwähnt sie die singularité ihrer Handlung und verschweigt ihm Nemours Namen.

3.1.2. Phèdres dreifache Beichte

Das Geständnis der Phèdre von Jean Racine vollzieht sich sprachlich etwas eindeutiger als das der Princesse de Clèves von Madame de Lafayette. Allerdings geschieht es auch nicht nur einmalig, Phèdre beichtet sogar dreimal. Und auch ihr Wesentliches, das zweite Geständnis an Hippolyte, ist die Szene, die der Handlung ihren Wendepunkt verleiht.

Roland Barthes sieht den Konflikt Phèdres insbesondere in Schweigen und Nicht-Schweigen: „Dire ou ne pas dire? Telle est la question.“25 Was problematisch ist, ist nicht ihre Schuld, sondern ihr Schweigen, denn „Phèdre atteinte d’un mal qu’elle s’obstine à taire.“ Barthes bemerkt es auch, dass Phèdre in ihren Beichten „approche d’un état toujours plus pur de la parole"26 und sich ihre Absichten von Narzissmus über die Darstellung ihrer Liebe und schließlich zum offiziellen Bekenntnis wandeln.

Phèdres erste Beichte richtet sich an Œnone, im 1. Akt, 3. Szene; es ist zugleich auch Phèdres erster Auftritt im Stück. Œnone ist Phèdres „double maternel“, sie beichtet ihre Liebe gewissermaßen nur sich selbst. Aber dieses Geständnis macht ihr umso deutlicher, umso unumgänglicher, dass ihre Liebe zu Hippolyte wahrhaftig ist, und nicht mehr verhindert geschweige denn verdrängt werden kann. Œnone überredet sie nach einigen Äußerungen des Kummers von Phèdre, die Gründe ihres Schwermuts zu offenbaren. „De l’amour j’ai toutes les fureurs.“, klagt Phèdre, bevor sie Œnone den Namen ihres Geliebten Hippolyte verrät.

Das zweite Geständnis, das an Hippolyte gerichtet ist, entsteht auf Drängen der Amme Œnone, die die Liebe Phèdres zu Hippolyte nicht mehr als hoffnungslos ansieht, als die Nachricht des Todes Theseus’ eintrifft. Als Phèdre zu Hippolyte geht, graut es ihm bereits vor dem „fâcheux entretien27. Anfangs täuscht sie noch die Sorge um ihren leiblichen Sohn vor, der seinen Vater verloren zu haben scheint. Sie erwähnt ihren angeblichen Hass auf Hippolyte, obwohl „un soin bien différent me trouble et me dévore!“ (19). Dann gibt sie zu wie sehr sie Theseus liebe, doch nicht den Theseus, der gerade starb, sondern denjenigen, der vor ihr steht, des Theseus Sohn. Hippolyte versteht ihre Umschweife sogleich, doch empfindet für sie eher Schrecken als gegenseitige Liebe. Sie sagt ihm noch einmal in aller Deutlichkeit, dass sie liebt: „J’aime. Ne pense pas qu’au moment que je t’aime, innocente à mes yeux, je m’approuve moi-même“ (20). Und sie fügt die unfreiwillige Notwendigkeit ihres Geständnisses hinzu: „Que dis-je? Cet aveu que je te viens de faire, cet aveu si honteux, le crois-tu volontaire?“ (21). Ihre Gefühle übersteigen ihre raison, sie bezeichnet sich selbst als „monstre affreux“ Hippolyte reagiert nicht auf ihre Beichte, er ist entsetzt, und so setzt sich Phèdre sein Schwert an die Brust, mit dem er zustechen soll, sodass er seinen toten Vater rächen kann, und so auch sie von ihrer Schuld befreit. Sie hat die Kontrolle über ihre Vernunft verloren, und Œnone taucht wieder als ihre personalisierte raison auf, um eine Bluttat zu verhindern.

Das letzte Mal, als Phèdre ihre Gefühle offenbart, liegt sie bereits im Sterben. Nun ist es Theseus, der ihren Worten lauschen muss, die ihn umso mehr treffen, da doch sein schuldig geglaubter Sohn Hippolyte durch seinen Fluch getötet wurde. In diesem Geständnis an Thésée erscheint auch wieder die von Roland Barthes erwähnte silence, als Phèdre das ungerechte Schicksal des Hippolyte rechtfertigt: „ Non, Thésée, il faut rompre un injuste silence. “ (49), die Hippolytes innocence erklären soll. Doch auch als sie ihre passion für Hippolyte rechtfertigen und damit eigentlich ihre Schuld beweisen will, weicht sie auf ihre „ détestable “ Mittäterin Œnone aus, die „ conduit tout le reste “ (49). Sie ist zwar in diesem Moment bereit, sich für alles zu bekennen, doch obwohl ihr Tod kurz bevor steht, ist sie nicht in der Lage alle Schuld auf sich zu nehmen und legt einen Teil der Last auf ihre raison, Œnone, ab. Hier erkennt man erneut den Kampf zwischen raison und passion. Phèdres Gifttod gibt schließlich dem Tag, den sie „befleckte“28 „toute sa pureté“ (49) zurück.

3.2. Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Was beide Frauen hier gemeinsam haben, ist die Verinnerlichung ihrer Gefühle, vor ihren Geständnissen wussten nur sie um ihre Zuneigung und es war beiden durch gesellschaftliche Grenzen wie bienséance und préciosité unmöglich, ihre Gefühle öffentlich zu machen. Die bienséance verbietet es der Princesse de Clèves eine Liebschaft mit einem anderen Mann zu haben, während sie verheiratet ist, und noch plus invraisemblable wirkt dieses Verhältnis, da es aus passion geschehen würde.

Auch die vraisemblance, die laut Köhler abhängig von der bienséance ist29, ist in beiden Texten „das Kriterium des ästhetisch Verantwortbaren“30. So galt das Geständnis der Princesse an ihren Ehegatten zwar als possible, „aber unwahrscheinlich, [...] weil eine Frau ihres Standes dem idealen Gesetz dieses Standes nach ein solches Geständnis nicht machen durfte und konnte“31. Dennoch gestehen beide Frauen aufgrund der raison, die sie auch davon abhält, ihre Leidenschaft, ihre passion, zu verwirklichen. So besteht bei beiden ihre Vernunft aus einer vertrauten Person und aus den Regeln der bienséance. Bei der Princesse de Clèves ist die Vertrauensperson ihre verstorbene Mutter, die noch auf dem Sterbebett, die Gefahr ihrer Tochter, erahnend, sie zu ihrer Vernunft ermahnt. „Songez à ce que vous devez à votre mari; songez à ce que vous vous devez à vous-même, et pensez que vous allez perdre cette réputation que vous vous êtes conquise [...].“ 32 heißt es am Ende des ersten Teils des Romans. Œnone wirkt als Vernunft zwar nicht dahingegen, der bienséance des Standes zu entsprechen, doch ihr Drängen Hippolyte alles zu gestehen, begründet sich auf der Nachricht des Todes von Theseus und dem Versuch, Phèdre vom Tode abzubringen: „Thésée en expirant vient de rompre les nœuds qui faisaient tout le crime et l’horreur de vos feux.“ 33.

Es kommt bei beiden Texten hinzu, dass Phèdre und die Princesse de Clèves relativ vorbereitet zum Geständnis kommen können. Wie unter 3.1. erläutert, hat die Princesse de Clèves schon zuvor mehrere Möglichkeiten ihrem Mann zu beichten. Und so ist letztendlich das Geständnis nicht mehr nur ein „Akt ehelicher Treue“, sondern „zugleich ein egoistische Tat der Selbstbefreiung“34 ; wie es auch dem ersten Geständnis Phèdres gegenüber Œnone entspricht, welches nach Roland Barthes wie erwähnt eine narzisstische Beichte sei.

Zudem stellen beide Geständnisse den Höhepunkt der jeweiligen Handlung dar, das heißt sie bilden somit auch den Wendepunkt, und ohne die Beichte wäre es in beiden Texten nicht zum Umschwung der Handlung gekommen. Bei Racine kommt es gar zur Katastrophe – der Unschuldige muss sterben und auch die Schuldige sieht ihren einzigen Ausweg im Tod, was natürlich der Regelpoetik entspricht, wodurch es zur Katharsis, also der seelischen Reinigung des Lesers, kommt.35

Eine weitere Gemeinsamkeit ist die des Menschenbildes der Autoren, denn beide kommen im Laufe ihres Lebens mit der jansenistischen Lehre in Kontakt, die sich bei Racine noch etwas deutlicher zeigt, als bei Madame de Lafayette. So sind die Handlungen und der Willen der Hauptfiguren nur von ihrem Schicksal bestimmt, sie können also gar nicht anders handeln als zu beichten.

Was beide Geständnisse voneinander unterscheidet, ist zum Einen das Gegenüber; so beichtet die Princesse ihre Liebschaft ihrem Ehemann, während Phèdres eigentliches Geständnis dem Grund für ihre passion gilt, Hippolyte. So muss die Princesse mit der Rache und dem folgenden Misstrauen ihres Mannes rechnen, Phèdre hingegen muss sich direkt offenbaren, auch wenn sie keine Furcht mehr vor der Illegitimität ihrer Liebe haben muss. So sind die Geständnisse auch verschieden aufgebaut. Die Princesse kann ohne Umschweife ihrem Mann zumindest darlegen, dass sie zu beichten hat, auch wenn sie ihm nicht viel verrät, außer der Außergewöhnlichkeit ein solches Geständnis abzulegen. Wörtlich sagt sie ihm hingegen nicht, was der Gegenstand ihrer Beichte ist, der Prince muss selbst hinterfragen und schließt aus ihrem Schweigen und ihrem Ausweichen darauf. So sagt nur der Prince explizit, was die Prinzessin zu beichten hat: „Je n’ai jamais pu vous donner de l’amour, et je vois que vous craignez d’en avoir pour un autre“ 36. Das implizite Geständnis ergibt sich aus dem Handlungsablauf, aus dem Verhalten der Prinzessin und ist weniger plötzlich als das der Phèdre, welches natürlich auch aufgrund der Kürze des Stückes unvermuteter wirkt.

So kann Phédre das Geständnis schon einmal vor ihrem Eigentlichen „proben“, ihr Wortlaut wird somit eindeutiger und genauer als beim ersten Mal. Außerdem bekommt sie vorher Rat von ihrer Amme Œnone, wie sie das Gespräch mit Hippolyte einleiten soll, sodass er nicht verschreckt wird. Immer wieder ist sie allerdings verwirrt, und weiß nicht weiter, verstrickt sich dabei in einer immer leidenschaftlicher werdenden Liebeserklärung.

So macht Phèdre aber im Gegensatz zur Princesse auch ein explizites, wörtliches Geständnis, denn sie sagt Hippolyte ja ausdrücklich, dass sie liebt – „j’aime. Ne pense pas qu’au moment que je t’aime“.

4. Schluss: Zusammenfassung

Letztendlich sind die beiden Protagonistinnen durch den Konflikt zwischen raison und passion verbunden, der sich wie vorher erwähnt immer wieder in der französischen Literatur des 17. Jahrhunderts wiederfindet. So können wir bei Köhler lesen:

„Der heroische Versuch der Princesse de Clèves, kraft der normativen raison, den Lebenswert der individuellen passion zu retten, muss scheitern, weil der hinter dem Gegensatz von passion und raison verborgene Grundwiderspruch der ganzen Epoche unaufhebbar war [...]. Rückzug aus der Welt und baldiger Tod besiegeln das Scheitern des mit dem Verzicht unternommenen Versuchs, passion und raison, individuelles Wesenserlebnis und normativ-rationale Lebensordnung zu versöhnen.“ 37

Ebenfalls dort erfahren wir über das Stück Phèdre, dass „ihre Tragik beschlossen [ist], und diese Tragik, erwachsen aus der geschichtlichen Bedingtheit der Auseinandersetzungen des 17. Jahrhunderts, weitet sich in Racines Tragödie zu einem universellen menschlichen Drama: Phèdre ist die eigentlich menschliche Gestalt, deren Absolutheitsanspruch am Gesetz der Welt scheitert und dieses Scheitern als fatales Schicksal erlebt.“38

Wir befinden uns damit wieder am Anfang dieser Arbeit, wir erkennen den kanonischen Wert der beiden Stücke, die die jeweils „besten Exemplare“ ihrer Gattung darstellen. Madame de Lafayette und Racine verfassten Werke, die die Thematik des klassischen Jahrhunderts in Frankreich wiederaufgreifen und mit ihrer Sprache und Form literarische Meilensteine darstellen.

Literaturverzeichnis

Primärliteratur:

Lafayette, Madame de : La Princesse de Clèves, Paris: Librairie Générale Francaise, 1958

Racine, Jean: Phèdre, Dortmund: Lambert Lensing

Racine, Jean: Phädra, übertragen von Friedrich Schiller, Stuttgart: Reclam, 2003

Sekundärliteratur:

Ansmann, Liane: Madame de Lafayette. La Princesse de Clèves, in: Der französische Roman. Vom höfischen bis zum realistischen Roman, hg. von Klaus Heitmann, Düsseldorf: Bagel 1975

Barthes, Roland: Sur Racine, Paris: Editions du Seuil, 1979

Grimm, Jürgen; Hausmann, Frank-Rutger; Miething, Christoph: Einführung in die französische Literaturwissenschaft, 3. Auflage, Stuttgart: Metzler, 1987

Hess, Gerhard: : Madame de Lafayette und ihr Werk, in: (ders.): Gesellschaft, Literatur, Wissenschaft, Gesammelte Schriften, München: Fink, 1967

Köhler, Erich: Klassik I. Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur, Stuttgart: Kohlhammer, 1983

Köhler, Erich: Madame de Lafayettes „La Princesse de Clèves“ : Studien zur Form des klassischen Romans, Hamburg: Cram, de Gruyter, 1959, wieder abgedruckt in: ders.: Vermittlungen, München: Fink 1976

Köhler, Erich: Vorklassik. Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur, Stuttgart : Kohlhammer, 1983

Maulnier, Thierry: Racine. Paris: Gallimard, 1988

Von Stackelberg, Jürgen: Die französische Klassik, München: Fink 1996

Internetquelle:

Pinkernell, Gert: Vorlesungsskripte und Begleitmaterialien. Namen, Titel und Daten der französischen Literatur. Ein chronologisches Repertorium wichtiger Autoren und Texte von 842 bis ca. 1960, http://www.pinkernell.de/romanistikstudium/Internet1.htm. Stand: 28.12.2006

Anmerkungen:

Weiterführende Quellen, die in der Arbeit erwähnt werden:

Aristoteles: Poetik, griechisch/deutsch, Stuttgart: Reclam, 2002

Académie Française: Biografie Valincours, http://www.academie-francaise.fr/

Verweise auf die Primärliteratur erfolgen ab Seite 10 in runden Klammern nach dem jeweiligen Zitat.

[...]


1 Ansmann, Liane: Madame de Lafayette. La Princesse de Clèves, in: Der französische Roman. Vom höfischen bis zum realistischen Roman, hg. von Klaus Heitmann, Düsseldorf: Bagel 1975, S. 121

2 ebd.

3 Von Stackelberg, Jürgen: Die französische Klassik, München: Fink 1996, S.158

4 ebd., S. 161

5 Maulnier, Thierry: Racine. Paris: Gallimard, 1988, S. 81

6 vgl. Pinkernell, Gert: Vorlesungsskripte und Begleitmaterialien. Namen, Titel und Daten der französischen Literatur. Ein chronologisches Repertorium wichtiger Autoren und Texte von 842 bis ca. 1960,. http://www.pinkernell.de/romanistikstudium/Internet1.htm. Stand: 28.12.2006

7 vgl. ebd.

8 Vgl. Lafayette, Madame de : La Princesse de Clèves, Paris: Librairie Générale Francaise, 1958, S. 5

9 Hess, Gerhard: Madame de Lafayette und ihr Werk, in: (ders.): Gesellschaft, Literatur, Wissenschaft, Gesammelte Schriften, München: Fink, 1967, S.105

10 Vgl. Lafayette, Madame de : La Princesse de Clèves, Paris: Librairie Générale Francaise, 1958, S. 28

11 ebd., S. 47

12 ebd., S. 80

13 ebd., S. 152

14 vgl. Pinkernell, Gert: Vorlesungsskripte und Begleitmaterialien. Namen, Titel und Daten der französischen Literatur. Ein chronologisches Repertorium wichtiger Autoren und Texte von 842 bis ca. 1960, http://www.pinkernell.de/romanistikstudium/Internet1.htm. Stand: 28.12.2006

15 ebd.

16 Grimm, Jürgen; Hausmann, Frank-Rutger; Miething, Christoph: Einführung in die französische Literaturwissenschaft, 3. Auflage, Stuttgart: Metzler, 1987, S. 61

17 Köhler, Erich: Klassik I. Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur, Stuttgart: Kohlhammer, 1983, S. 73. [Anmerkung: Die folgende Zusammenfassung des Stücks basiert auf dieser Arbeit.]

18 ebd., S. 74

19 ebd.

20 Racine, Jean: Phèdre. Dortmund: Lambert Lensing, S. 47

21 ebd., S. 49

22 Köhler, Erich: Madame de Lafayettes „La Princesse de Clèves“ : Studien zur Form des klassischen Romans, Hamburg: Cram, de Gruyter, 1959, wieder abgedruckt in: ders.: Vermittlungen, München: Fink 1976, S.165

23 zur Biografie Valincours: http://www.academie-francaise.fr/immortels/base/academiciens/fiche.asp?param=126

24 S. 61

25 Barthes, Roland: Sur Racine, Paris: Editions du Seuil, 1979, S. 109

26 ebd., S. 110

27 Racine, Jean: Phèdre, Dortmund: Lambert Lensing, S. 18

28 Racine, Jean: Phädra, übertragen von Friedrich Schiller, Stuttgart: Reclam, 2003

29 Köhler, Erich: Vorklassik. Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur, Stuttgart : Kohlhammer, 1983, S. 120

30 Hess, Gerhard: : Madame de Lafayette und ihr Werk, in: (ders.): Gesellschaft, Literatur, Wissenschaft, Gesammelte Schriften, München: Fink, 1967, S. 106

31 Köhler, Erich: Vorklassik. Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur, Stuttgart : Kohlhammer, 1983, S. 124

32 Vgl. Lafayette, Madame de : La Princesse de Clèves, Paris: Librairie Générale Francaise, 1958, S. 70

33 Racine, Jean: Phèdre, Dortmund: Lambert Lensing, S. 10

34 Hess, Gerhard: : Madame de Lafayette und ihr Werk, in: (ders.): Gesellschaft, Literatur, Wissenschaft, Gesammelte Schriften, München: Fink, 1967, S. 113

35 zur aristotelischen Poetik: Aristoteles: Poetik, griechisch/deutsch, Stuttgart: Reclam, 2002

36 Vgl. Lafayette, Madame de : La Princesse de Clèves, Paris: Librairie Générale Francaise, 1958, S. 153

37 Köhler, Erich: Klassik I. Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur, Stuttgart: Kohlhammer, 1983, S. 70

38 ebd., S. 112

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Zwei Geständnisszenen der Französischen Klassik - Ein Vergleich von Madame de Lafayettes "La Princesse de Clèves" und Jean Racines "Phèdre"
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Der Roman der Klassik
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V111119
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwei, Geständnisszenen, Französischen, Klassik, Vergleich, Madame, Lafayettes, Princesse, Clèves, Jean, Racines, Phèdre, Roman
Arbeit zitieren
Ulrike Hager (Autor), 2007, Zwei Geständnisszenen der Französischen Klassik - Ein Vergleich von Madame de Lafayettes "La Princesse de Clèves" und Jean Racines "Phèdre", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111119

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