Zwischen Werbung und Kritik - Eine inhaltsanalytische Längsschnittuntersuchung von Filmrezensionen in Schweizer Tageszeitungen


Seminararbeit, 2005
31 Seiten, Note: 5 (Schweiz

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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Forschungsstand und Theorie
2.1 Studien zur Filmberichterstattung
2. 2 Filmrezension im Strukturwandel der Öffentlichkeit
2. 3 Zur Qualität von Filmrezensionen

3 Erkenntnisinteresse
3. 1 Fragestellung
3. 2 Forschungshypothesen

4 Methode
4.1 Stichprobe
4. 2 Codebuch

5 Ergebnisse
5. 1 Fallstruktur
5. 2 Bewertung und Urteilskriterien
5. 3 Ähnlichkeit
5. 3. 1 Filmauswahl
5. 3. 2 Aufbau der Rezensionen

6 Zusammenfassung

7 Literatur

8 Anhang: Codebuch

Tabellen und Grafiken

Tab. 1: Anzahl der Fälle nach Erscheinungsjahr und Zeitung

Tab. 2: Fälle nach Ressort

Tab. 3: Vorhandene formal-ästhetische Beurteilungskriterien

Tab. 4: Gesellschaftskritische Beurteilungskriterien

Tab. 5: Durchschnittliche Anzahl Bewertungskriterien pro Artikel

Tab. 6: Gesamtbewertungen nach Jahr

Tab. 7: Vorhandene funktionale Bausteine (Bewertung) pro Jahr

Tab. 8: Rezensierte Filme nach Genre

Tab. 9: Rezensierte Filme nach Herkunftsland

Tab. 10: Anteil aktueller Filme an der Berichterstattung

Tab. 11: Faktische Bausteine pro Artikel

Tab. 12: Funktionale Bausteine pro Artikel

Tab. 13: Kriterien der Beurteilung pro Artikel

Tab. 14: Gesamturteile nach Zeitung und Jahr

Abb. 1: Durchschnittliche Artikel- und Bildfläche in cm2 im Zeitverlauf

Abb. 2: Prozentualer Anteil positiver, negativer und neutraler Gesamt-bewertungen im Zeitverlauf

1 Einleitung

Schon in seinen frühesten Tagen war das Kino eine populärkulturelle Erscheinung, die grosse Menschenmengen anzusprechen vermochte. Bereits als das Kino noch in erster Linie ein Spektakel war, das kaum künstlerische Ansprüche hatte, war es ein Medium der Massen. Natürlich sind sein künstlerischer Anspruch und seine Akzeptanz als Kunstform seither stetig gewachsen, dennoch hat das Kino auch seine enorme populärkulturelle Relevanz beibehalten. Die Filmindustrien machen heute weltweit Milliardenumsätze und mit dem Fernsehen hat der Film auch seinen Weg in die Wohnzimmer gefunden.

Schon bald hat deshalb das Kino auch in den Printmedien seinen festen Platz erhalten. Allerdings hat das Kino, gemessen an seinem gesellschaftlichen Stellenwert, in der Kunstberichterstattung der Tagespresse einen eher geringen Stellenwert. Dass der Film deutlich hinter den etablierten Kunstformen Literatur, Theater, Musik und den darstellenden Künsten steht, lässt sich nicht nur am relativ geringen Umfang der Filmberichterstattung erkennen. Dies zeigt sich auch darin, dass Filmrezensionen kaum bei der anderen Kunstberichterstattung im Feuilleton zu finden ist, sondern meist in eigenen Ressorts und Rubriken oder gar bei der lokalen Berichterstattung. Trotz dieser Divergenz zwischen populärkultureller Bedeutung und dem Stellenwert in der Berichterstattung hat das Kino dennoch einen festen Stellenwert in der Presse.

Vor allem die Filmrezension hat sich aufgrund des grossen gesellschaftlichen Interesses am Medium Film langfristig in den Zeitungen etabliert. Sie ist die „Königsdisziplin“ (Rössler 1997a: 193) der Filmberichterstattung und ermöglicht es dem Leser, sich in einer Vielzahl von Woche für Woche neu erscheinenden Filmen zu orientieren. Dabei ist anzunehmen, dass Filmrezensionen einen grossen Einfluss auf den finanziellen Erfolg von Filmen haben, da sie das gesellschaftliche Interesse an einem Film beeinflussen können. Es ist dem Kinogänger kaum möglich, sich selbst ein zuverlässiges Urteil über sämtliche neu anlaufenden Filme zu bilden, sodass er auf ein Fremdurteil angewiesen ist, um einen einzelnen Film aus dem breiten Angebot auswählen zu können. Voraussetzung dafür ist, dass der Leser auf ein zuverlässiges Urteil in der Presse vertrauen kann.

Es stellt sich nun die Frage, ob die Filmrezensionen diesen Ansprüchen gerecht werden. Und bei der Überprüfung eines Urteils muss zunächst die Unabhängigkeit des Urteilenden betrachtet werden. Dies soll in der vorliegenden Arbeit geschehen. Sie untersucht, wie sich Filmrezensionen in der Schweiz langfristig entwickelt haben, vor allem in Hinblick auf ihre Unabhängigkeit. Es soll überprüft werden, ob sich die Filmkritiken in den grossen Schweizer Tageszeitungen hin zu einer wachsenden Abhängigkeit von der Ökonomie entwickeln.

2 Forschungsstand und Theorie

Bis heute haben sich nur wenige empirische Arbeiten mit dem Gegenstand der Filmberichterstattung auseinandergesetzt. Die Filmrezension wurde in der Publizistikwissenschaft bisher nur in vereinzelten Studien untersucht, die zu teilweise sehr weit auseinander liegenden Zeitpunkten verfasst wurden. Ausserdem lassen sich die Ergebnisse aufgrund der grossen Unterschiedlichkeit der Studien nur schwer miteinander vergleichen.

2.1 Studien zur Filmberichterstattung

Die früheste empirische Studie zur Filmberichterstattung in der Presse im deutschsprachigen Raum hat Manfred Rohde 1956 veröffentlicht. Zwar bezieht sich seine Arbeit lediglich auf einen einzelnen Zeitpunkt, jedoch berücksichtigt er sämtliche zu dieser Zeit in Deutschland erscheinenden Tageszeitungen. Rohde kommt bei dieser Untersuchung zu einem deutlichen Schluss: Die Filmberichterstattung befindet sich seiner Ansicht nach in einem äusserst bedenklichen Zustand. Rohde stellt ein massives Übergewicht unkritischer Filmbesprechungen gegenüber Filmkritiken fest. Aber auch bei den Filmkritiken beanstandet Rohde die grösstenteils positiven oder neutralen Wertungen (Rohde 1956: 99). Er führte diese Missstände auf Zugeständnisse der Journalisten an die Filmindustrie und an die Leserschaft zurück, die zu einer ungenügenden Erfüllung journalistischer Pflichten führen (vgl. Rohde 1956: 100).

In seiner 1988 veröffentlichten Studie beschäftigt sich Karl H. Müller-Sachse mit sämtlichen kulturbezogenen Inhalten von Zeitungen. Die Studie basiert auf 14 Tageszeitungen und zwei Wochenzeitungen. Müller-Sachse stellt fest, dass die Kulturberichterstattung einen vergleichsweise geringen Anteil an der Berichterstattung ausmacht (Müller-Sachse 1988: 580). Des Weiteren bemerkt er ein Übergewicht an Kurzbeiträgen, längere Berichte und Rezensionen machen nur gerade 40% der Kulturberichterstattung aus. Zudem sind diese Beiträge stark von Kumulationseffekten gezeichnet, das heisst verschiedene Organe greifen jeweils dieselben Themen auf (Müller-Sachse 1988, 581). Für die Filmberichterstattung kann Müller-Sachse nur einen sehr geringen Umfang feststellen: Selbst innerhalb der wenig umfangreichen Kulturberichterstattung macht das Kino nur einen geringen Anteil aus. Gerade einmal 7 Prozent der Kulturberichterstattung befassen sich mit dem Kino, wovon wiederum die Filmkritik lediglich 16 Prozent ausmacht (Müller-Sachse 1988: 582ff). Müller-Sachse sieht allerdings keinen direkten Zusammenhang zwischen der geringen Filmberichterstattung und der gesellschaftlichen Relevanz des Kinos – auch an Orten, an denen die lokale Presse sich kaum mit dem Kino befasst, ist zum Teil eine lebendige Kinokultur auszumachen (Müller-Sachse 1988: 585). Müller-Sachse wirft der Presse eine obsolete Wiedergabe der Kulturlandschaft vor: Die Zeitungen konzentrieren sich hauptsächlich auf die traditionellen, etablierten Kunstformen, nicht institutionalisierte oder populärkulturelle Künste finden hingegen kaum Beachtung (Müller-Sachse 1988: 588).

Die wohl umfangreichste empirische Untersuchung der Filmberichterstattung in der Presse stammt von Patrick Rössler. Die Studie „Film in der Tageszeitung 1994“ erschien 1997 und berücksichtigt 66 Titel über einen Zeitraum von sechs Wochen. Rössler stellt fest, dass Filmberichterstattung zumeist produktzentriert und aktualitätsorientiert ist. Das heisst, sie orientiert sich zumeist an einzelnen, neu erscheinenden Filmen und wird gewöhnlich am Starttermin oder am darauf folgenden Wochenende publiziert (Rössler 1997a: 190). Die Filmrezension geniesst somit einen hohen Stellenwert und wird als die „Königsdisziplin“ (Rössler 1997a: 193) der Filmberichterstattung bezeichnet. Die Ergebnisse der Untersuchung können Rhodes frühere Resultate nicht wiederholen: Im Gegensatz zu dieser früheren Studie stellt Rössler einen gewachsenen Anteil an kritischen Rezensionen fest: 36 Prozent der analysierten Filmkritiken enthalten eine negative Kritik. Der „Gefälligkeitsjournalismus als Gegenleistung für Anzeigenaufträge“ (Rössler 1997a: 201), den Rhode 1956 noch feststellte, ist in der Filmberichterstattung zur Ausnahme geworden. Rössler führt diese Entwicklung auf eine intensive Diskussion der Aufgabe der Filmkritik in den 60er-Jahren und auf den allgemein gestiegenen Professionalisierungsgrad des Journalismus zurück. Dennoch bemängelt Rössler, wie auch schon Müller-Sachse, dass die Filmberichterstattung einen eher defizitären Stellenwert innehat, der der sozialen Relevanz des Mediums Film nicht gerecht wird (vgl. Rössler 1997a: 202f).

1996 hat sich Rössler erneut mit Filmrezensionen beschäftigt: mit Journalisten- sowie Zuschauerbefragungen sowie einer Resonanzanalyse untersucht er den Einfluss von PR-Material auf Filmrezensionen. Dabei stellt er fest, dass zwar PR-Material bei den Journalisten sehr grosse Beachtung findet, allerdings kaum direkt in die Artikel einfliesst (Rössler 1996: 35). In einer weiteren Publikums- und Journalistenbefragung 1997 zeigt Rössler, dass Filmrezensionen für 38 Prozent der befragten Kinobesucher eine wichtige Hilfe bei der Meinungsbildung sind (Rössler 1997b: 138). Eine Bewertung des Filmes halten ein Grossteil der Befragten für entbehrlich.

In der Schweiz hat sich vor allem Ulrich Saxer intensiv mit der Kunstberichterstattung auseinandergesetzt. Seine 1995 erschienene Untersuchung ist auch für die Filmberichterstattung in der Schweiz aufschlussreich. Saxer betrachtet die Kunstberichterstattung verschiedener lokaler, regionaler und überregionaler Zeitungen diachron zu vier Zeitpunkten über den Zeitraum von 1975 bis 1991. Dabei stellt er fest, dass die Filmberichterstattung im Gegensatz zu derjenigen über andere Kunstformen im betrachteten Zeitraum abgenommen hat. Saxer führt dies allerdings zumindest teilweise auf die Behandlung der Filme in separaten Veranstaltungsteilen zurück. Nach Fläche der Artikel kommt der Film bei den untersuchten Kunstgattungen klar an letzter Stelle, ein Befund der auch Müller-Sachses These der obsoleten Kunstwahrnehmung durch die Presse entspricht (vgl. Saxer 1995: 110f). Die defizitäre Stellung der Filmberichterstattung lässt sich allerdings bei Boulevardzeitungen nicht erkennen: Saxer stellt hier mit einem Anteil an der Kunstberichterstattung von 40 Prozent gar einen deutlichen Vorrang des Filmes gegenüber den übrigen Kunstformen fest. Saxers Aufteilung der besprochenen Kunstwerke in Elite-, Populär- und Volkskunst zeigt, dass sich die Boulevardpresse dabei stark auf populärkulturelle Werke konzentriert (Saxer 1995: 116). Die Konzentration der anderen Zeitungen auf die Elitekunst zeigt, dass der Film überwiegend als populärkulturelles Medium betrachtet wird. Die längerfristige Entwicklung der Beurteilung von besprochenen Kunstwerken betrachtet Saxer lediglich gesamthaft und nicht aufgeteilt nach Kunstformen. Deshalb lassen sich filmspezifische Aussagen nur zu einem einzelnen Zeitpunkt machen. Allerdings lässt sich bei der Beurteilung eine starke Konstanz feststellen: in den betrachteten 16 Jahren enthalten jeweils rund ein Drittel der untersuchten Artikel eine Beurteilung. Diese Beurteilung fällt jeweils zu rund drei Viertel der Fälle positiv aus, lediglich drei bis sieben Prozent der besprochenen Filme werden negativ qualifiziert (Saxer 1995: 121). Die Beurteilung von Filmen im Jahr 1991 passt in dieses Schema: 38 Prozent der Artikel beinhalten eine Wertung. Allerdings gibt es bei den Filmen überdurchschnittlich viele negative Kritiken: 17 Prozent der besprochenen Filme werden negativ beurteilt, 62 Prozent positiv und 21 Prozent ambivalent (Saxer 1995: 122).

2. 2 Filmrezension im Strukturwandel der Öffentlichkeit

Die geringe Zahl an empirischen Studien macht es schwer, eine verlässliche Prognose für den heutigen Zustand der Filmrezension zu machen. Auch wenn Rösslers Studie zumindest teilweise auf Rohde zurückgreift, lassen sich selbst diese beiden Arbeiten, die sich ausschliesslich mit der Filmberichterstattung beschäftigen, nur bedingt miteinander vergleichen. Zu gross sind die Unterschiede im gewählten Sample und der methodischen Vorgehensweise. Vor allem die Unterschiede zu den breiter angelegten Arbeiten von Müller-Sachse und Saxer sind enorm und ermöglichen es nicht, eine langfristige Entwicklung der Filmrezension nachzuzeichnen. Dies bedeutet, dass sich die Fragestellung und vor allem die Hypothesen der vorliegenden Arbeit nicht allein auf den Forschungsstand abstützen können, sondern dass eine theoriegeleitete Perspektive eingenommen werden muss. Dieser theoretischen Sicht soll der Strukturwandel der Öffentlichkeit nach Jürgen Habermas zugrunde liegen. Der politische Funktionswandel der Öffentlichkeit lässt im Bezug auf Filmrezensionen vor allem zwei Tendenzen erwarten, die im folgenden Abschnitt dargestellt sind.

Die Ablösung der Presse von der privaten, bürgerlichen Hand und die damit einhergehende zunehmende kommerzielle Ausrichtung hat eine wachsende Abhängigkeit von der werbetreibenden Wirtschaft zur Folge (Habermas 1990: 290). Mit der Entstehung des bürgerlichen Rechtstaates verliert die Presse ihre Stellung im Kampf um eine politisch fungierende Öffentlichkeit und übernimmt wirtschaftliche Interessen. Zeitungen müssen sich nun auch auf dem Anzeigenmarkt durchsetzen und werden zusehends zu wirtschaftlichen Unternehmen, die Anzeigenraum als Ware verkaufen (Habermas 1990: 278). Dadurch werden sie zunehmend durch politische, aber vor allem auch durch wirtschaftliche Institutionen beeinflusst. Im Falle der Filmberichterstattung würde das bedeuten, dass die Filmindustrie vermehrt die Rezensionen in ihrem eigenen Interesse mitbestimmt. Als Folge davon ist eine zunehmend schwindende Kritikfähigkeit der Filmrezensionen zu erwarten. Ein wachsender Anteil positiver oder zumindest neutraler Kritiken bis hin zu dem, was Rössler als „Gefälligkeitsjournalismus als Gegenleistung für Anzeigenaufträge“ (Rössler 1997a: 201) bezeichnet, würde dieser Entwicklung entsprechen. Um die Auswirkung eines Übergewichts an unkritischen Filmrezensionen einordnen zu können, muss allerdings auch die Frage nach der Funktion der Filmrezension gestellt werden. Auf die verschiedenen normativen und immer auch subjektiven Vorstellungen davon, wie Filme rezensiert werden sollten, wird an späterer Stelle eingegangen.

Die zweite Tendenz, die der Strukturwandel der Öffentlichkeit in Bezug auf Filmrezensionen erwarten lässt, ist ein zunehmender Diversitätsverlust. Die einseitige Beeinflussung der Presse durch die Filmwirtschaft zwingt dieser zunehmend die Logik der Filmindustrie auf: Die Filmberichterstattung gehorcht der vorgegebenen Agenda der Filmindustrie und muss sich immer mehr an Premierenterminen und Pressekonferenzen orientieren. Diese wachsende Gleichförmigkeit der Berichterstattung betrifft allerdings nicht nur das zeitliche Agenda-Setting, sondern auch die besprochenen Produkte und die Art der Berichterstattung. Denn entscheidend ist nicht nur, zu welchem Urteil eine Rezension schliesslich kommt, sondern auch, wie dieses begründet wird. Neben den verschiedenen Urteilskriterien bestimmen aber auch andere Bestandteile den Charakter einer Rezension. Aufgrund des Diversitätsverlustes ist zu erwarten, dass die Kritiken sich auch bezüglich ihres Aufbaus und der Urteilsfindung angleichen.

2. 3 Zur Qualität von Filmrezensionen

Da sich die vorliegende Arbeit mit der Entwicklung von Filmrezensionen beschäftigt, muss auch die Frage nach deren Qualität gestellt werden, um die Ergebnisse überhaupt einordnen zu können. Die Diskussion darüber, was eine gute Filmkritik ausmacht ist lang und ohne eindeutiges Ergebnis. Es liegt in der Natur des Kunstwerkes, dass es keine festen Massstäbe für seine Güte gibt. Selbst vermeintlich objektiv bewertbare Kriterien wie die handwerklichen Qualitäten der Schauspielkunst, der Inszenierung oder des Schnittes sind bei genauerer Betrachtung niemals allgemeingültig. Die Art des Schauspielens hängt beispielsweise stark davon ab, was der Schauspieler mit ihr erreichen möchte, genauso verändert sich die Vorstellung von gutem Schauspiel mit der Zeit (Bordwell/Thompson 2001: 170f). Während zum Beispiel Dewey eine objektive, allgemeingültige Filmkritik grundsätzlich für unmöglich hält und einzig eine intersubjektiv nachvollziehbare, begründete Erfahrung eines Kunstwerkes durch den Kritiker für richtig hält (Dewey 1988: 354), betrachtet Stegert zumindest im Rahmen einer dem Kunstwerk angemessenen Fairness eine gewisse Objektivität als möglich (Stegert 1993: 227ff). Aber nicht nur die Urteilsfindung selbst, sondern auch die Auswirkungen der Filmrezension auf die Gesellschaft sind Gegenstand von Diskussionen: Siegfried Kracauer etwa fordert über die Bewertung des Filmes hinaus von der Filmkritik immer auch eine Gesellschaftskritik, die das dem Filme zugrunde liegende Gesellschaftsbild enthüllen soll (Kracauer 1974: 11). Mit den erwähnten Beispielen soll illustriert werden, dass es eine grosse Vielzahl, sich widersprechender Vorstellungen davon gibt, wie eine gute Filmrezension aussehen soll. Diese haben auch einen Einfluss auf die Bewertung der Untersuchungsergebnisse. Je nachdem, welche Forderungen an die Filmrezension gestellt werden, ist ein Übergewicht an positiven Rezensionen mehr oder weniger verheerend. Es darf also nicht vergessen werden, dass es im Zusammenhang mit Kunstkritik im Allgemeinen sowie auch mit Filmkritik im Speziellen niemals eine „richtige“ oder „falsche“ Vorgehensweise geben kann. Vor diesem Hintergrund muss auch immer der Vorwurf der mangelnden Kritikfähigkeit betrachtet werden. Denn dass eine Filmrezension eine Kritik im Sinne einer abschliessenden positiven oder negativen Beurteilung enthalten muss, setzt eine bestimmte Vorstellung von der Aufgabe der Kritik voraus. Im Rahmen einer Inhaltsanalyse ist es notwendig, die Eigenschaften eines Textes auf einzelne Aspekte wie eben diese Beurteilung zu reduzieren. Mit dieser Reduktion kann zwar die langfristige Entwicklung der Filmberichterstattung angemessen untersucht werden, allerdings kann niemals allgemeingültig die Qualität der Filmrezension geprüft werden.

3 Erkenntnisinteresse

3. 1 Fragestellung

Die Betrachtung des derzeitigen Forschungsstands zeigt also, dass es äusserst schwierig ist, anhand der bestehenden Literatur verlässliche Aussagen über den Zustand der Filmrezension zu machen, da sich die einzelnen Studien stark unterscheiden und zum Teil grosse Zeiträume zwischen ihren Veröffentlichungen liegen. Für die Hypothesenbildung zur vorliegenden Arbeit soll deshalb eine theoriegeleitete Perspektive eingenommen werden. Die Arbeit soll Aufschluss über den aktuellen Zustand der Filmrezension in der Schweiz geben. Sie wird sich ausschliesslich auf überregionale Schweizer Zeitungen beschränken, da im Rahmen dieser Arbeit eine grössere Anzahl Untersuchungseinheiten nicht bewältigt werden können. Ausserdem gibt es, wie der Forschungsstand zeigt, bisher kaum Untersuchungen zur Situation in der Schweiz. Aufgrund der mangelnden Vergleichbarkeit der bestehenden Studien soll eine diachrone Untersuchung Aufschluss über die langfristige Entwicklung geben. Die Fragestellung zur vorliegenden Arbeit soll deshalb lauten:

- Wie haben sich die Filmrezensionen in Schweizer Tageszeitungen bezüglich ihrer Abhängigkeit von der Filmindustrie langfristig entwickelt?

3. 2 Forschungshypothesen

Die Filmrezension hat einerseits einen Bezug zur gesellschaftlichen Sphäre der Kunst, gehört aber eindeutig auch zu den Medien und damit auch zur Sphäre der Wirtschaft, da Medien überwiegend gewinnorientierte Unternehmen angehören, die sich zumindest teilweise nach einer wirtschaftlichen Logik richten. Dass sich Medienunternehmen im Spannungsfeld zwischen diesen zwei gesellschaftlichen Sphären an dieser Stelle befinden, ist vor allem auf den politischen Strukturwandel der Öffentlichkeit, wie ihn Habermas beschreibt, zurückzuführen. Die bereits erwähnten zu erwartenden Phänomene der schwindenden Kritikfähigkeit und des Diversitätsverlustes sollen bei der Hypothesenbildung von grosser Wichtigkeit sein. Die Forschungshypothesen lauten deshalb:

-H1: Die Filmrezensionen in Schweizer Tageszeitungen beurteilen Filme zunehmend positiv.
-H2: Die Filmrezensionen in Schweizer Tageszeitungen gleichen sich zunehmend aneinander an.

Mit Hilfe der Inhaltsanalyse sollen nun die Filmrezensionen in Schweizer Tageszeitungen über einen grösseren Zeitraum erfasst und diachron miteinander verglichen werden.

4 Methode

Für die diachrone Untersuchung inhaltlicher und formaler Aspekte von Zeitungsartikeln soll die quantitative Inhaltsanalyse verwendet werden. Sie ermöglicht eine zuverlässige Analyse grösserer Textmengen und erlaubt spätere Rückschlüsse von Texten auf deren nicht manifesten Kontext (Bonfadelli 2002: 53ff). Die Daten für die vorliegende Arbeit wurden zusammen mit Mathias Weber erhoben, der gleichzeitig eine Seminararbeit zu einem ähnlichen Thema verfasste, sodass mit einem gemeinsamen Codebuch die Synergien zugunsten einer erweiterten Stichprobe genutzt werden konnten.

4.1 Stichprobe

Um die Hypothesen hinreichend überprüfen zu können, musst ein möglichst grosser Untersuchungszeitraum gewählt werden. Zudem sollten die drei grössten Schweizer Tageszeitungen berücksichtigt werden. Als Untersuchungszeitraum wurden die Jahre zwischen 1955 und 2000 gewählt. Um diesen Zeitraum im Rahmen einer Seminararbeit bewältigen zu können, wurden zu 10 Zeitpunkten Stichproben gezogen. Jeweils alle 5 Jahre, beginnend mit 1955, wurden sämtliche Filmrezensionen, die während eines Monats erschienen sind, analysiert. Um den Einfluss periodischer Ereignisse (wie zum Beispiel Filmfestivals oder die Häufung von neu anlaufenden Filmen in der Vorweihnachtszeit) zu minimieren, wurde ein künstliches Jahr gebildet. Für jedes Jahr wurde ein anderer Monat untersucht, beginnend im Dezember 1955 und dann im jeweils davor liegenden Monat bis zum März 2000.

An besagten Zeitpunkten wurden sämtliche erschienenen Filmrezensionen in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), im Tages-Anzeiger (TA) und im Blick codiert. Die gewählten Presseorgane sind nicht nur die wichtigsten, überregionalen, deutschsprachigen Schweizer Tageszeitungen, sondern repräsentieren zugleich drei unterschiedliche Zeitungstypen: Qualitätszeitung (NZZ), Forumszeitung (TA) und Boulevardzeitung (Blick). Als Filmrezensionen gelten diejenigen Artikel, die sich überwiegend mit einem einzigen Film beschäftigen. Die Berücksichtigung des Blicks muss dann an späterer Stelle beschränkt werden, da in dieser Zeitung erst seit 1990 Filmrezensionen erscheinen, im Rahmen einer Längsschnittuntersuchung ist dieser also wenig hilfreich, für die Untersuchung der Ähnlichkeit verschiedener Zeitungstypen zu einzelnen Zeitpunkten sind allerdings auch die wenigen Zeitpunkte hilfreich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Anzahl der Fälle nach Erscheinungsjahr und Zeitung.

Insgesamt wurden 327 Einheiten codiert (Tabelle 1). Die sehr tiefe Fallzahl im Jahr 1975 ist vermutlich auf den Einfluss des Filmfestivals Locarno zurückzufüh-ren. Dieses fand im für dieses Jahr untersuchten Monat August statt und liess die Zahl der Festivalberichte auf Kosten der Filmrezensionen ansteigen. Zur Erfassung und Auswertung der codierten Daten am Computer wurde SPSS1 verwendet.

4. 2 Codebuch

Im folgenden Abschnitt sollen lediglich diejenigen Kategorien des Codebuches besprochen werden, die für die vorliegende Arbeit Verwendung gefunden haben. Da aus dem verwendeten Codebuch schlussendlich zwei Arbeiten verfasst wurden, lassen sich im Codebuch auch Variablen finden, die in dieser Arbeit nicht berücksichtigt werden.

Eine wichtige Grundlage bei der Verfassung des Codebuches war die Studie von Rössler. Sein Codebuch basiert weitgehend auf der von Stegert beschriebenen Struktur der Filmrezension. Rössler hat dessen Kategorien erweitert und diese sind so auch in die vorliegende Arbeit eingeflossen. Besonders die Unterteilung in formale, faktische und funktionale Bausteine wurde übernommen. Die einzelnen Bestandteile von Filmrezensionen wurden jeweils in dichotomen Variablen erfasst. Durch die simple Unterscheidung zwischen „vorhanden“, bzw. „nicht vorhanden“, ohne eine mögliche Unterscheidung der Bewertung, soll eine grössere Reliabilität erreicht werden. Statt der Ausprägungen „Ja“ und „Nein“ wären auch Unterscheidungen zwischen den Urteilen „positiv“, „negativ“ und „neutral“ für jeden Bestandteil denkbar gewesen. Allerdings würde diese Unterscheidung häufig über den manifesten Inhalt der Sätze hinausgehen und eine tiefere Interpretation erfordern, da Rezensionen einzelne Aspekte des Filmes häufig nur implizit werten. Zur Gewährleistung der Intersubjektivität erfasst die quantitative Inhaltsanalyse jedoch nur die manifesten Inhalte (Bonfadelli 2002: 81). Die verwendeten binären Variablen führen dennoch zu einer genügenden Validität, da sie auch ohne Berücksichtigung der Wertung einzelner Aspekte des besprochenen Filmes durch die Erfassung der Bestandteile den Aufbau der Rezension genau nachzeichnen.

Das Codebuch erfasst zuerst die wichtigsten Informationen zur jeweiligen Rezension und dem darin besprochenen Film. Anschliessend wird registriert, welche faktischen Bausteine die Rezension enthält. Diese nennen Informationen zu den am Film beteiligten Personen, zur Handlung, Inszenierung, Technik und weiterführenden Kontexten. Die funktionalen Bausteine zeigen, mit welchen Illustrationen dem Leser ein Eindruck des Filmes vermittelt wird und auf welche Weise die Bewertung des Filmes ausgedrückt wird. Anschliessend werden die formal-ästhetischen, gesellschaftskritischen, wirkungspsychologischen und ethischen Kriterien erfasst, die zur Bewertung herangezogen werden. Zum Schluss wird erhoben, zu welchem Urteil die Rezension aufgrund dieser Kriterien kommt. Auf die einzelnen Kriterien wird dann bei der Besprechung der Ergebnisse in Kapitel 5 genauer eingegangen.

Nach einer ersten Testcodierung wurde das Codebuch dann induktiv verbessert und erweitert. Variablen, die im im Rahmen der Testcodierung durchgeführten Reliabilitätstest nur ungenügende Werte erreichten, wurden geändert, oder durch präzisere Codieranweisungen verbessert. Einzelne Variablen mussten nach der Testcodierung auch verworfen werden.

5 Ergebnisse

Bei der Auswertung der Fälle können die Einheiten aus dem Blick meistens nicht miteinbezogen werden. Der Blick veröffentlicht erst seit 1990 Filmrezensionen, bei den weiter zurückliegenden Erhebungszeitpunkten beschränkte sich die Filmberichterstattung auf Starportraits und ähnliches. Aus diesem Grund darf der Blick für die diachronen Analysen ohne Unterscheidung nach Zeitung nicht verwendet werden. Sämtliche folgenden Tabellen und Grafiken beschränken sich demnach, falls nicht anders angegeben, auf die NZZ und den TA.

5. 1 Fallstruktur

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2: Fälle nach Ressort und Jahr

Die Aufteilung der Fallzahlen nach Zeitung und Erscheinungsjahr in Kapitel 4.1 hat bereits gezeigt, dass die Fallzahlen von Jahr zu Jahr stark schwanken. Dies liegt vermutlich vor allem daran, dass sich die redaktionelle Konzeption der Filmrezensi-onen innerhalb der untersuchten 45 Jahre immer wieder geändert hat. Anfänglich waren Filmrezensionen vor allem Teil der lokalen Berichterstattung und erschienen mehrmals wöchentlich, später wurden sie im TA zum Teil in die übrige Kunstbericht-erstattung, zum Teil in separate Beilagen eingegliedert, während die NZZ die Film-berichterstattung in eigenen Filmseiten statt-finden liess. Die Rezensionen massieren sich von nun an im Zeitraum um den Premierentag der Kinos.

Dass diese Veränderung aber nicht einer klaren Linie folgte, zeigt Tabelle 2. Auch wenn Filmrezensionen zum Schluss nicht mehr in der Lokalberichterstattung, sondern vorwiegend in Beilagen und auf eigenen Kinoseiten veröffentlicht werden, ist dies keine lineare Entwicklung. Eine Filmseite ist zum Teil plötzlich nicht mehr zu finden und taucht erst Jahre später wieder auf. Mit jeder Verschiebung der Filmberichterstattung veränd-ern sich die Zahl der rezen-sierten Filme und damit auto-matisch auch die Auswahl der Filme, die überhaupt bespro-chen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einen grossen Einfluss auf die Struktur der Filmrezensionen hat auch der Platz, der dieser zur Verfügung steht. Die Zahl der Beurteilungskriterien und der Reichtum an verschiedenen Rezensionsbausteinen hängen auch stark von der Artikelfläche ab. Diese hat sich im Verlauf der Zeit stark verändert. Grafik 1 zeigt, dass die durchschnittliche Artikelfläche von 1955 bis 2000 tendenziell zugenommen hat. Dies ist zumindest teilweise auf die ebenfalls gewachsene Bildfläche zurückzuführen.

5. 2 Bewertung und Urteilskriterien

Eine Filmrezension charakterisiert sich nicht nur durch das schliessliche, wertende Urteil, sondern vor allem durch die Kriterien, die zu diesem Urteil führen. Rössler hat die möglichen Urteilskriterien in vier Gruppen unterteilt (Rössler 1997a: 199f), eine Unterteilung, die, wie in Kapitel 4.2 bereits beschrieben wurde, auch hier vorgenommen wurde.

In den folgenden Tabellen ist jeweils wiedergegeben, zu welchem prozentualen Anteil der untersuchten Artikel eines Jahres das jeweilige Kriterium zum Zug kommt. Die in Tabelle 3 dargestellten formal-ästhetischen Beurteilungskriterien bewerten vor allem handwerkliche Aspekte von Filmen (ob ein Film „gut gemacht“ ist), aber auch Logik (Schlüssigkeit), Innovation (Avantgarde) und Anspruch (Elitekunst).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 3: Vorhandene formal-ästhetische Beurteilungs-kriterien. Gesamtheit der Artikel eines Jahres entspricht 100 Prozent.

Die Tabelle zeigt, dass keine langfristige, lineare Entwicklung stattgefunden hat. Über den gesamten Zeitraum betrachtet zeigt sich, dass vor allem die handwerklichen Aspekte überwie-gen. Dramaturgie, Regie und Schauspiel sind die am häufigsten verwendeten Kriterien. Hingegen werden Drehbuch und Kamera deutlich weniger oft beurteilt. Wie avantgardistisch, also wie innova-tionsfreudig, ein Film ist, wird gerade einmal in rund 11 Prozent der Fälle untersucht. Genauso wird eine Zuteilung zur Elite- oder Populärkultur nur etwa in jedem fünften Artikel vorgenommen. Über den Zeitverlauf betrachtet lässt sich vor allem beim Drehbuch und der Kamera, trotz der insgesamt eher geringen Relevanz, eine tendenziell wachsende Wichtigkeit feststellen.

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Tab. 4: gesellschaftskritische Beurteilungs-kriterien.

Einen klar geringeren Stellenwert als die formal-ästhetischen Kriterien haben die gesellschaftskritischen. In Tabelle 4 zeigt sich, dass vor allem das aufklärerische und provokative Potential eines Filmes nur zu einem sehr geringen Prozentsatz überprüft wird. Hingegen wird in gut einem Fünftel der Fälle überprüft, ob der Film Kritik an herrschenden Zuständen übt. Auch die Realitätsnähe ist immer wieder Kriterium der Rezensionen.

Die extremen Werte bei 1975 müssen relativiert werden, da für dieses Jahr nur sehr wenige Einheiten codiert wurden. Bei den Urteilskriterien Kritik und Aufklärung lässt sich über die Jahre trotz grosser Schwankungen eine leicht wachsende Relevanz erkennen.

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Tab. 5: Durchschnittliche Anzahl Bewertungskriterien pro Artikel (gerundet)

Die Wirkung eines Filmes auf den Zuschauer erweist sich als wichtiges Bewertungskriterium. In mehr als der Hälfte aller Fälle wird diese herangezogen, über den Zeitverlauf zeigt sich auch eine leicht wachsende Bedeutung. Hingegen wird die ethische Konformität nur selten überprüft, die Relevanz des Kriteriums nimmt im Zeitverlauf sogar leicht ab.

Neben der Frage, welche Bewertungskriterien verwendet werden, interessiert aber auch, wie viele dieser insgesamt 14 Kriterien pro Artikel genutzt werden. Tabelle 5 zeigt die Mittelwerte der Anzahl Kriterien pro Artikel für jedes Jahr. Die Mittelwerte sind relativ konstant, nehmen tendenziell ganz leicht zu. Wie bereits in Kapitel 5.1 festgestellt wurde, ist die durchschnittliche Artikelfläche mit der Zeit gewachsen. Es wäre deshalb anzunehmen gewesen, dass damit auch die Zahl der Urteilskriterien zunimmt. Dies ist allerdings nur in geringem Masse der Fall, eine leichte Steigerung lässt sich aber dennoch erkennen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 6: Gesamtbewertungen nach Jahr.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auch die Analyse des Gesamturteils des rezensierten Filmes (Tabelle 6) zeigt keinen klaren Trend, wie die in Grafik 2 dargestellte zeitliche Ent-wicklung der Wertungen ver-deutlicht. 1955 überwiegen die positiven Wertungen mit 60 Prozent deutlich. Bis 1965 nehmen dann die positiven Wertungen deutlich ab, zugunsten der negativen und neutralen Wertungen, sodass sich 1965 eine ausgeglichene Verteilung von positiven, negativen und neutralen Wertungen abzeichnet. Nach dem Rückgang der positiven Wertungen werden bis 1985, ausser 1980, jeweils gleich viele positive wie negative Wertungen vergeben, während die Vergabe von neutralen Wertungen deutlich zurückgeht. Ab 1985 nehmen dann auch die positiven Wertungen wieder zu, weshalb die negativen sichtlich zurückgehen. Im Jahr 2000 zeigt sich dann wieder eine deutliche Mehrheit an positiven Rezensionen und etwas mehr negativen als neutralen Wertungen, die sich bei rund 20 Prozent eingependelt haben und eine eher nebensächliche Rolle spielen. In der Grafik nicht dargestellt sind die Artikel ohne erkennbare Gesamtwertung, die nur sehr selten auftauchen.

Auf welche Weise diese Urteile geäussert werden, zeigt Tabelle 7. Hier sind die bewertenden, funktionalen Bausteine der Rezensionen pro Jahr aufgeführt. Deutlich zu erkennen ist sogleich, dass explizite Aufforderungen an den Leser so gut wie nicht vorkommen. Die direkte Empfehlung eines Filmbesuches, bzw. das Abraten davon, wird nur in einigen einzelnen Artikeln vorgenommen. Hingegen werden bei einer grossen Mehrheit der Texte zumindest einzelne Aspekte gelobt, etwas weniger, aber dennoch bei weit mehr als der Hälfte der Artikel, wird negative Kritik geäussert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 7: V orhandene funktionale Bausteine (Bewertung) pro Jahr. Gesamtheit der Artikel eines Jahres entspricht 100 Prozent.

Zudem werden in einem knappen Fünftel der Fälle Mängel aufgezeigt, sogar noch etwas häufiger wird der Film polemisch angegriffen. Lob und Kritik werden also in fast allen Artikeln geäussert, dass diese jedoch direkt miteinander verglichen und abgewogen werden, ist nur zu einem geringen Teil der Fall. Ein Fazit aus den geäusserten Argumenten wird aber dennoch in fast einem Drittel der Fälle gezogen.

Die Werte zeigen kaum lineare Entwicklungen. Vielmehr halten sie sich, mit teilweise grösseren Schwankungen, auf dem etwa gleichen Niveau. Vor allem die grosse Wichtigkeit von Lob und negativer Kritik lässt sich über den ganzen Zeitraum hinweg erkennen, das Lob weist sogar eine wachsende Tendenz auf und ist 1990 in über 95 Prozent der Fälle zu finden. Der relativ geringe Stellenwert des Abwägens und der Mängel sowie vor allem der Empfehlung und Warnung, bleibt über den Zeitverlauf relativ konstant. Hingegen weisen sowohl Polemik, die nicht nur eine wertende, sondern vermutlich auch eine unterhaltende Funktion erfüllt, als auch das Fazit um 1965 eine stark gewachsene Wichtigkeit auf, die dann allerdings rapide wieder abnimmt. Anschliessend zeigen beide wieder eine leicht steigende Tendenz.

5. 3 Ähnlichkeit

5. 3. 1 Filmauswahl

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 8: Rezensierte Filme nach Genre

Die vermutete zunehmende Ähnlichkeit der Berichterstattung sollte sich auf zwei Dimensionen zeigen: zum einen bei der Auswahl der Filme, die in einer Zeitung überhaupt rezensiert werden, zum andern beim Aufbau der Rezensionen. Als erstes sollen kurz die Filme analysiert werden, die in den untersuchten Artikeln besprochen werden. Anhand des Herkunftslandes und des Genres sollen die Filme charakterisiert werden. Damit kann untersucht werden, ob die verschiedenen Tageszeitungen eine ähnliche Filmauswahl treffen. Tabelle 8 zeigt die Filme aufgeteilt nach Genre und Zeitung. Das Genre wurde nach der Einteilung im Artikel selbst erfasst, weshalb in einem grossen Teil der Fälle eine klare Zuteilung nicht möglich war.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 9: rezensierte Filme nach Herkunftsland

Bei allen Zeitungen sind die drei Genres Action, Komödie und Drama von grosser Wichtigkeit. Dennoch gibt es Unterschiede: Bei der NZZ sind Actionfilme und Dramen ungefähr gleich stark vertreten, während die Komödie deutlich häufiger vorkommt. Hingegen überwiegen beim TA die Dramen deutlich, Actionfilme und Thriller kommen dafür weit weniger häufig vor. Häufiger noch werden Dokumentarfilme rezensiert, die bei der NZZ erst an vierter Stelle folgen. Beim Blick werden klar am meisten Actionfilme besprochen, etwas weniger Dramen und deutlich weniger Komödien. In allen drei Zeitungen werden Kinder- und Animationsfilme nur selten besprochen.

Unterteilt nach Herkunftsland (Tabelle 9) zeigen sich eher geringe Unterschiede. Bei allen Zeitungen stammt die Mehrheit der rezensierten Filme aus den USA, es folgen Frankreich, Deutschland und Italien. Bei der NZZ überwiegen Filme aus Frankreich, einen etwas geringeren Stellenwert haben Deutschland und schliesslich Italien. Gleich häufig wie Filme aus Deutschland werden bei der NZZ Schweizer Filme rezensiert. Beim TA machen diese nur drei Prozent der Fälle aus, zudem werden hier italienische Filme noch häufiger als deutsche und französische rezensiert.

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Tab. 10: Anteil aktueller Filme an der Berichterstattung.

In Tabelle 10 wird dargestellt, wie viele der Rezensionen aktuelle Filme, d. h. Filme, die im gleichen Jahr wie die Rezension erschienen sind, besprechen. Die von Rössler thematisierte aktualitätsorientierte Berichterstattung zeigt sich bei allen Zeitungen: Über 90 Prozent der rezensierten Filme sind aktuelle Neuerscheinungen.

5. 3. 2 Aufbau der Rezensionen

Um zu überprüfen, ob sich die Filmrezensionen in Schweizer Tageszeitungen im Verlauf der Zeit aneinander angleichen, sollen die Rezension durch ihre Bausteine charakterisiert werden. Diese müssen dann nach Zeitung und Jahr eingeteilt werden. Die Verwendung dieser drei Dimensionen hat relativ komplexe Tabellen zur Folge. Es werden deshalb die Bausteine nicht einzeln betrachtet, sondern immer in Überkategorien zusammengefasst. So kann jeweils analysiert werden, wie viele der Kriterien zum Zug kommen.

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Tab. 11: faktische Bausteine pro Artikel (Mittelwerte)

Bei den faktischen Bausteinen wird jeweils registriert, welche Fakten über den Film in der Rezension wiedergegeben werden. Es sind dies der Titel, die Spielzeit, verschiedene an der Produktion beteiligte Personen (Regisseur, Darsteller, Drehbuchautor, Kameramann, Musiker oder Komponist sowie andere Personen), die Handlung, Inszenierung, Technik sowie Produktionskontexte. Für jeden Artikel wurde erfasst, ob der jeweilige Baustein erwähnt wird oder nicht.

Von diesen 13 Bausteinen werden durchschnittlich pro Artikel 6.8 genannt. Die NZZ nennt im Schnitt etwas mehr (7.1), der Blick etwas weniger (6.4), während der TA den Mittelwert genau trifft (Tabelle 11). Im Zeitverlauf zeigt sich, dass diese Werte leicht angestiegen sind. NZZ und TA nennen 1955 beide etwa gleich viele Bausteine (6.3 und 6.4), anschliessend steigen die Werte insgesamt an, bei der NZZ noch etwas stärker als beim TA. Auch der Blick weist vergleichbare Werte auf und erreicht 2000 sogar die gleichen Werte wie die NZZ.

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Tab. 12: funktionale Bausteine pro Artikel (Mittelwerte), davon Bewertung (Mittelwerte) in Klammern.

Die funktionalen Bausteine (Tabelle 12) von Filmrezensionen setzen sich aus den Unterkategorien Illustration und Bewertung zusammen. Zu den Illustrationen zählen diejenigen Bausteine, die dem Leser helfen, eine Vorstellung des rezensierten Filmes zu gewinnen, nämlich: eine Zusammenfassung des Inhaltes, als Beispiel dienende Beschreibungen von einzelnen Szenen oder Handlungen, Zitate, weiterführende Erklärungen von Themen, werkübergreiffende Bezüge sowie Interpretationen. Die Bewertungen entsprechen den bereits in Kapitel 5.2 genannten Urteilsformen (Tabelle 7).

Von diesen insgesamt 14 Bausteinen werden im Schnitt pro Artikel 5.2 genannt, 2.5 davon sind Bewertungen. Die Illustrationen haben also einen etwas höheren Stellenwert als die Bewertungen. Wie schon bei den faktischen Bausteinen sind die Werte bei der NZZ etwas höher, TA und Blick liegen mit ähnlichen Werten etwas darunter. Sowohl bei der NZZ als auch beim TA steigen die Werte im Zeitverlauf an. Der Blick erreicht 2000 sogar die höchsten Werte.

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Tab. 13: Kriterien der Beurteilung pro Artikel (Mittelwerte)

Die dritte Kategorie von Artikelbausteinen umfasst die Bewertungskriterien. Diese werden in vier Unterkategorien eingeteilt: formal-ästhetische, gesellschaftskritische, wirkungspsychologische und ethische Urteilskriterien. Die einzelnen Kriterien wurden bereits in Kapitel 5. 2 aufgeführt (Tabellen 3 und 4).

Von den insgesamt 14 verschiedenen Kriterien werden pro Artikel durchschnittlich 4.1 hinzugezogen. Auch hier liegen die höchsten Werte bei der NZZ, wobei der Blick etwas höhere Werte als der TA aufweist (Tabelle 13). Ab 1985 weist die NZZ wieder eine steigende Tendenz auf, während die durchschnittliche Anzahl der Urteilskriterien beim TA über den gesamten Untersuch- ungszeitraum betrachtet ungefähr konstant bleibt. Im kurzen Zeitraum, in dem der Blick betrachtet werden konnte, steigen dessen Werte stark an und erreichen 2000 nahezu diejenigen der NZZ.

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Tab. 14: Gesamturteile nach Zeitung und Jahr.

Nach den verschiedenen Bausteinen und den einzelnen Urteilskriterien sollen nun auch die Gesamturteile betrachtet werden. Tabelle 14 zeigt sämtliche Bewertungen, unterteilt nach Zeitung und Jahr. Es zeigt sich, dass nur aus einem verschwindend kleinen Abteil der Artikel keine Gesamtbewertung hervorgeht. Auch neutrale oder ambivalente Urteile machen einen vergleichsweise kleinen Anteil aus. Es scheint, dass die Bewertung eines Filmes als „gut“ oder „schlecht“ tatsächlich die wichtigste Funktion der Filmrezension ist.

Die Unterschiede zwischen den einzelnen Zeitungen sind eher gering. Bei allen werden zum grössten Teil, jeweils bei rund der Hälfte aller Artikel, positive Wertungen vergeben. Negative Wertungen werden bei NZZ und TA bei rund einen Drittel der Artikel vergeben, beim Blick ist dies allerdings fast nie der Fall. Dementsprechend höher sind die Werte für neutrale Urteile beim Blick, wo diese rund einen Viertel der Urteile ausmachen. Bei NZZ und TA sind die Werte nahezu identisch und liegen bei 17.6 und 17.5 Prozent.

Im Zeitverlauf zeigen sich vor allem zwischen NZZ und TA sehr geringe Unterschiede. Starke Abweichungen bestehen vor allem im Jahr 1975, das aufgrund der sehr geringen Artikelzahl allerdings auch nicht repräsentativ abgebildet ist. Abgesehen davon gibt es vor allem bei den positiven Wertungen grosse Ähnlichkeiten zwischen NZZ und TA. Beide haben 1955 einen sehr hohen Anteil an positiven Wertungen, der dann etwas zurückgeht und dann bis auf rund 50 Prozent im Jahr 2000 anwächst. Einzig 1995 weisen die beiden Zeitungen nochmals stark unterschiedliche Werte auf. Auch der Blick folgt ungefähr der Entwicklung der NZZ, erreicht dann aber für das Jahr 2000 sehr viel höhere Werte.

Die negativen Wertungen weisen zu Beginn des Untersuchungszeitraumes grössere Unterschiede auf. Allerdings gehen die Schwankungen dann zurück und ab 1980 gleichen sich die Werte von NZZ und TA auch hier stark. Grosse Unterschiede gibt es allerdings wieder im Jahr 1995, wo sich NZZ und TA in entgegen gesetzter Richtung entwickeln. Die Entwicklung der negativen Wertungen spiegelt sich in den neutralen Wertungen wieder. Auch hier gibt es bis 1980 relativ starke Schwankungen, die dann zurückgehen. Die Werte von TA und NZZ bewegen sich anschliessend nur noch in einem relativ schmalen Bereich.

6 Zusammenfassung

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, zu untersuchen, ob die Filmkritiken in der Schweiz seit 1955 weniger kritisch geworden sind und ob sich die einzelnen Kritiken verstärkt gleichen.

Zuerst zeigen die erhobenen Daten, dass der Stellenwert der Filmrezension in den wichtigsten Schweizer Printmedien gewachsen ist. Zum einen findet Filmberichterstattung nicht mehr in der Lokalberichterstattung statt, sondern hat in eigenen Ressorts und Beilagen Platz erhalten. Im Tages-Anzeiger befinden sich die Filmrezensionen gar zusammen mit der anderen Kunstberichterstattung im Ressort „Kultur“. Zum anderen lässt sich ein gewachsener Umfang feststellen, der teilweise auf das vermehrte Abdrucken von Bildern zurückzuführen ist, jedoch weist auch der Text am Ende des Untersuchungszeitraumes einen grösseren Umfang auf. Dies zeigt, dass die Wichtigkeit des Mediums Film in der Kunstberichterstattung der Tagespresse gewachsen ist.

Eine Zunahme von positiven Wertungen lässt sich hingegen nicht feststellen. Zwar kommt ein Grossteil der Rezensionen zu einem positiven Gesamturteil, zugenommen haben diese Werte seit 1955 aber kaum. Über ein Drittel der Wertungen fällt im Durchschnitt negativ aus. Dieser Anteil ist sogar, vor allem auf Kosten der neutralen Wertungen, gestiegen. Aber selbst bei positiven Gesamturteilen wird Kritik geübt. In etwa 60 Prozent der Fälle wird negative Kritik geäussert. Im Jahr 2000 befindet sich dieser Wert deutlich über dem Durchschnitt in einem Aufwärtstrend. Dieser Wert liegt markant über den 1994 von Rössler festgestellten 36 Prozent.

Betrachtet man die Kriterien, die zur Urteilsführung herangezogen werden, zeigt sich, dass sich diese im Zeitverlauf nur sehr wenig verändert haben. Es dominieren handwerkliche Aspekte, die sich vor allem auf die Handlung des Filmes beziehen. An der Wichtigkeit der Kriterien Dramaturgie, Schlüssigkeit, Drehbuch und Regie hat sich wenig verändert. Das Überwiegen dieser Aspekte gegenüber dem stärker filmspezifischen und visuellen Kriterium der Kamera dautet daraufhin, dass in der Filmrezension immer noch Kriterien anderer Kunstgattungen wie Literatur und Theater herangezogen werden. Es wäre jedoch anzunehmen, dass die Leser von Filmkritiken mittlerweile eine grosse Kompetenz für das Medium Film besitzen und sich auch für die visuellen Aspekte des Films interessieren. Die Filmkritik als Gesellschaftskritik, wie sie Kracauer forderte, hat durchaus ihren Stellenwert. Immer wieder untersuchen Rezensionen, durchschnittlich in einem Fünftel der Artikel, ob Filme Kritik an herrschenden Zuständen äussern. Allerdings lässt sich auch hier keine lineare Entwicklung oder Steigerung erkennen. Insgesamt hat die Anzahl der Kriterien, die bei der Beurteilung Verwendung finden, leicht zugenommen. Die Urteile dürften deshalb besser begründet sein. Eine zunehmende Kritiklosigkeit kann somit nicht nachgewiesen werden.

Betrachtet man die Ähnlichkeiten zwischen den einzelnen Zeitungen bei der Filmauswahl, zeigen sich klare Unterschiede. Zwar lassen sich Ähnlichkeiten feststellen, allerdings legen die Zeitungen die Stellenwerte bei den verschiedenen Genres und Herkunftsländern der Filme durchaus unterschiedlich. Die von Rössler festgestellte Aktualitätsorientierung lässt sich bei sämtlichen Zeitungen feststellen: ältere Filme werden nur sehr selten rezensiert.

Der Aufbau der Rezensionen aus einzelnen Bestandteilen zeigt die erwähnten Unterschiede ebenfalls. Zwar verwenden alle Titel ähnlich viele faktische und funktionale Bausteine sowie Urteilskriterien, innerhalb eines schmalen Spektrums entwickeln sich die Zeitungen aber durchaus unterschiedlich. Die Neue Zürcher Zeitung nennt im Vergleich zum Tages-Anzeiger etwas mehr dieser Bausteine, eine einheitliche Entwicklung im Zeitverlauf lässt sich nicht belegen.

Auch die Gesamturteile gleichen sich bei allen Titeln. Positive Urteile überwiegen, ausgewogene Urteile und Artikel gänzlich ohne Bewertung bilden die Ausnahme. Rund ein Drittel der Filme werden negativ bewertet. Auch hier gleichen sich die Neue Zürcher Zeitung und der Tages-Anzeiger, Unterschiede sind aber durchaus auszumachen, während eine Entwicklung zu einer wachsenden Konvergenz ausbleibt. Vor allem der Blick unterscheidet sich hier stark von den anderen Zeitungen. Negative Rezensionen bilden hier klar die Ausnahme, während der Anteil positiver und neutraler Urteile klar höher ist als bei den anderen Zeitungen. Trotz starker Ähnlichkeiten lässt sich also keine wachsende Angleichung zwischen den einzelnen Titeln erkennen. Die Unterschiede über den gesamten Untersuchungszeitraum sind relativ gering.

Es zeigt sich also, dass Kritiklosigkeit und Gleichförmigkeit in den Filmrezensionen Schweizer Tageszeitungen nicht zugenommen haben. Die Beziehungen zur Produktionsseite des Films bestehen demnach nur in geringem Masse oder sind komplexer gestaltet. Es muss beachtet werden, dass sich eine Zeitung nach zwei Zielgruppen richten muss. Die werbetreibende Wirtschaft ist nur eine davon, einen wohl eher grösseren Stellenwert hat die Leserschaft, deren Bedürfnisse einen hohen Stellenwert geniessen. Dies zeigt die Struktur der Filmrezensionen: die Beurteilung eines Filmes als „gut“ oder „schlecht“ ist, wie diese Arbeit zeigt, wohl der wichtigste Aspekt der Filmrezensionen. Es ist davon auszugehen, dass der Leser ein solches Urteil erwartet, um den Film einordnen und aus der grossen Anzahl aktueller Filme auswählen zu können. Diese Erwartung scheint den Redaktionen der untersuchten Zeitungen bewusst zu sein: Die Missachtung der Lesererwartung zugunsten einer Filmberichterstattung im Sinne der Filmindustrie findet nicht statt. Die Erfüllung der Lesererwartungen stellt demnach eine hohe Priorität dar, plumper Gefälligkeitsjournalismus für die Filmindustrie findet sich jedenfalls in den untersuchten Zeitungen nicht.

Aus diesem Grund wäre es interessant, diese Rezensionen mit denjenigen einer rein werbefinanzierten Zeitung wie „20 Minuten“ zu vergleichen. Solche Zeitungen sind stärker auf die werbetreibende Wirtschaft und nicht auf eine bezahlende Leserschaft angewiesen. Es ist deshalb möglich, dass sich die Beziehungen zur Filmwirtschaft dort stärker zeigen. Bei einer weiteren Studie müssten allerdings die Stichproben auf mehr als einen Monat pro Jahr erweitert werden. Die vorliegende Arbeit hat gezeigt, dass in einem Monat pro Zeitung teilweise nur sehr wenige Filmkritiken erscheinen. Für eine genauere Charakterisierung der rezensierten Filme müssten Genre, Herkunftsland und andere Eckdaten jeweils aus einer anderen Datenquelle recherchiert werden. Aus den Rezensionen selbst lassen sich diese Informationen in einem grossen Teil der Fälle nicht eruieren. Auch wäre ein grösseres Sample mit mehr Erhebungszeitpunkten unter Umständen aufschlussreich, da sich mit der verwendeten Stichprobe kaum langfristige Tendenzen nachzeichnen liessen. Zur weiteren Analyse der Beziehungen zwischen Rezension und Filmindustrie wäre auch eine qualitative Erhebung zu erwägen. Eine Medienresonanzanalyse, die den Einfluss des PR-Materials auf die Berichterstattung in der Presse misst, wäre als Ergänzung zur quantitativen Inhaltsanalyse bestimmt aufschlussreich.

7 Literatur

- Bonfadelli, Heinz (2002): Medieninhaltsforschung. Konstanz.
- Bordwell, David/Thompson Kristin (2001): Film Art. An Introduction. New York.
- Habermas, Jürgen (1990): Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der Bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt am Main.
- Kracauer, Siegfried (1974): Über die Aufgabe des Filmkritikers. In: Witte, Karsten (Hg.): Kino. Essays, Studien, Glossen zum Film. Frankfurt a. M., S. 9-11.
- Müller-Sachse, Karl H. (1988): Trist, trocken, traurig – kulturbezogene Angebote in Zeitungen. Ausgewählte Ergebnisse einer inhaltsanalytischen Untersuchung. In: Media Perspektiven 19, H. 9, S. 576-589.
- Rohde, Manfred (1956): Die Filmbetrachtungen in der deutschen Tagespresse. In: Publizistik 1, H. 2, S. 92-105.
- Rössler, Patrick (1996): Erfolgsaussichten von Alltags-PR. Beispiel Filmverleih: Wie Pressematerial in die Berichterstattung einfliesst. In: Public Relations Forum 2, H. 1, S. 32-36.
- Rössler, Patrick (1997a): Die Filmberichterstattung in der deutschen Tagespresse. FiT 94 – eine Inhaltsanalyse der Beiträge zum Thema Kino in den Printmedien. In: Publizistik 42, H. 2, S. 181-204.
- Rössler, Patrick (1997b): Filmkritiker und Publikum: Diskrepanzen und Übereinstimmungen. Ergebnisse einer Befragung von Filmrezensenten und Kinogängern. In: Media Perspektiven 28, H. 3, S. 133-140.
- Saxer, Ulrich (1995): Kunstberichterstattung: Analyse einer publizistischen Struktur. Zürich.
- Stegert, Gernot (1993): Filme rezensieren in Presse, Radio und Fernsehen. München.

8 Anhang

[...]


1 SPSS (Statistical Package for the Social Sciences) 11.0.1 für Windows, LEAD Technologies Inc.

31 von 31 Seiten

Details

Titel
Zwischen Werbung und Kritik - Eine inhaltsanalytische Längsschnittuntersuchung von Filmrezensionen in Schweizer Tageszeitungen
Hochschule
Universität Zürich  (Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung)
Note
5 (Schweiz
Autor
Jahr
2005
Seiten
31
Katalognummer
V111154
ISBN (Buch)
9783640139521
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwischen, Werbung, Kritik, Eine, Längsschnittuntersuchung, Filmrezensionen, Schweizer, Tageszeitungen
Arbeit zitieren
Andres Hutter (Autor), 2005, Zwischen Werbung und Kritik - Eine inhaltsanalytische Längsschnittuntersuchung von Filmrezensionen in Schweizer Tageszeitungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111154

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