Techniktraining im Straßenradsport


Ausarbeitung, 2007

17 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Entstehung und Anspruch der Arbeit
1.2 Vorgehensweise und Gliederung
1.3 Grundlagen und Quellen

2 Begriffliche Differenzierung
2.1 Was bedeutet Fahrtechniktraining
2.2 Der Fahrtechnikbaum Straße
2.3 Umstrukturierung des Technikbaumes
2.4 Vorläufige Bewertung des umstrukturierten Technikbaumes

3 Fahrtechniktraining in der Praxis
3.1 Warum Fahrtechniktraining auf der Straße?
3.2 Praktische Übungen zum Fahrtechniktraining
3.2.1 Motorisches Grundlagentraining
3.2.2 Rennspezifische Umsetzung
3.2.3 Ökonomisierung der Fahrtechnik

4 Fazit

5 Literatur

1 Einleitung

1.1 Entstehung und Anspruch der Arbeit

Die vorliegende Arbeit ist im Rahmen der Ausbildung zum „Trainer B / Rennsport und Mountainbike“ des Württembergischen Radsportverbandes entstanden. Die Idee dafür entstand einerseits durch die Inhalte der Ausbildung selbst, sowie nach Diskussionen mit anderen Trainerkollegen und eigenen Erfahrungen des Autors als Nachwuchs- und Amateurrennfahrer. Während der Trainerseminare wurde unter anderem das Thema der Fahrtechnik im Straßenradsport angeschnitten. Der entsprechende Inhalt erschien einigen der Seminarteilnehmer als unpräzise und die Unterrichtseinheiten wurden als unbefriedigend wahrgenommen. Nach eingehender Überlegung drängte sich jedoch die Schlussfolgerung auf, dass die Ursache hierfür nicht der Vortrag oder der Dozent selbst waren, sondern viel eher der Blickwinkel auf das sehr komplexe Feld der Technikvermittlung im Radsport.

Ziel dieser Arbeit soll daher sein, Ansätze zu finden, um die Fahrtechnik des Straßenrennsports in der Praxis besser und gezielter vermitteln zu können. Der Blick ist dabei - auch gemäß der Strukturierung der Trainer-B Ausbildung - auf sehr fortgeschrittene, beziehungsweise Kaderathleten gerichtet. Zu betonen ist deswegen, dass es sich bei allen weiteren Ausführungen um die Anforderungen von Radrennen auf hohem und höchstem Niveau handelt, also Wettkämpfe auf der Straße, mit Massenstart und Starterfeldern in der Größenordnung von 200 Rennfahrern. Mit anderen Worten: es geht nicht um die Anforderungen des „Rennrad Fahrens“, sondern um die des „Radrennen Fahrens“.

Diese Arbeit kann sowohl inhaltlich als auch formell nicht die Ansprüche einer wissenschaftlichen Arbeit erfüllen. Das ist auch nicht ihr Ziel und schon allein deswegen kaum möglich, da es zu vielen der angeschnittenen Themen weder empirische Daten, noch ernstzunehmende Publikationen gibt. Der Text ist eher als eine Konzeption zu verstehen, die sich der Thematik strukturiert von Grund auf annähert, um so die Grundlage für weitere und eventuell spezifischere sowie fundierte Überlegungen zu schaffen. Der Praxisteil, der am Ende des Textes steht, fällt dementsprechend ein wenig aus dem Rahmen, ist aber dahingehend begründet, dass diese Arbeit einen direkten Praxisbezug besitzen und einen Ansatzpunkt für Trainer darstellen soll, um direkt mit ihren Athleten arbeiten zu können.

1.2 Vorgehensweise und Gliederung

Bei näherer Betrachtung des Begriffes Fahrtechnik wird dessen Komplexität erst deutlich. Motorische, biomechanische und sicherheitsrelevante Aspekte spielen eine Rolle, lassen sich jedoch in den seltensten Fällen gänzlich isoliert betrachten. Das folgende Kapitel versucht auf Basis der „Technikbäume“, die vom Württembergischen Radsportverband für die Disziplinen Straße und Mountainbike erstellt wurden, die Terminologie zu differenzieren und zu klären, was im folgenden Text mit dem Begriff „Fahrtechnik“ gemeint ist. Hierbei werden noch alle Disziplinen des Radrennsports, also neben den bereits genannten auch Querfeldein und Bahn, in die Erörterung miteinbezogen.

Einigen Praktikern wird der Text bis an jenen Punkt sehr abstrakt vorkommen. Möglicherweise könnte die Frage aufgeworfen werden, ob die im zweiten Kapitel dargelegten Punkte keine Binsenweisheiten sind, die eigentlich keiner Erklärung bedürften. Hierzu sei erneut auf die Zielstellung dieser Arbeit hingewiesen – schließlich geht es nur zum Teil darum, praktische Trainingsvorschläge zu geben. Mindestens ebenso wichtig ist eine strukturierte Begriffsdefinition, die den Rahmen für Ergänzungen bietet, welche sich dann terminologisch an die hier vorgeschlagene Konzeption anschließen lassen. Der praktische Teil in Kapitel drei erhebt daher auch keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und wird strenggenommen auch niemals vollständig sein können. Schließlich sind unbegrenzt viele Möglichkeiten denkbar, um die zuvor vorgeschlagene Auswahl an fahrtechnischen Fertigkeiten zu trainieren. Wenn das letzte Kapitel aktiv tätigen Trainern den Anstoß gibt, die vorgestellten Übungen zu verändern, zu erweitern und zu ergänzen, dann hat dieser Text sein Ziel erreicht.

1.3 Grundlagen und Quellen

Quellen im eigentlichen Sinne lassen sich für diese Arbeit kaum benennen. Wie erwähnt gibt es kaum Literatur zum Fahrtechniktraining im Straßenradrennsport. Nichtsdestotrotz konnte das Buch „Radsporttraining“ von Wolfram Lindner einige Anregungen liefern. Ansonsten geschah die Annäherung an die Thematik aufgrund des bestehenden "Fahrtechnikbaums Straße/MTB", nach welchem im Württembergischen Radsportverband ausgebildet wird. Die im letzen Kapitel aufgezählten praktischen Übungen sind nach Wissen des Autors in dieser Form bisher nicht schriftlich fixiert und entstammen dem in vielen Vereinen praktizierten Trainingsalltag.

2 Begriffliche Differenzierung

2.1 Was bedeutet Fahrtechniktraining

Vielen mag die an dieser Stelle folgende Ausführung zur Klärung der Terminologie als eine übermäßige Theoretisierung erscheinen. Gleichwohl lässt sie sich aufgrund der formulierten Zielsetzung begründen. Soll Fahrtechnik besser und effizienter vermittelt werden, als dies derzeit der Fall ist, so impliziert das stets eine Auseinandersetzung mit dem Vermittlungsinhalt. Anders ausgedrückt: es ist nötig zu hinterfragen, was vermittelt werden soll und dieser inhaltliche Schritt muss vor jeglicher methodischer / didaktischer Überlegung stehen. Als Annäherung sollen an dieser Stelle verschiedene Definitionen gegenübergestellt und in ihrer Sachdienlichkeit überprüft werden.

So kann man Techniktraining auffassen als:

"...die Gesamtheit derjenigen Maßnahmen und Verfahren, die dazu dienen, die Techniken mit ihren sportmotorischen Fertigkeiten, deren Anwendung sowie technischen Einsatz systematisch zu erlernen und in sportartspezifischen Situationen optimale Erfahrungen zu sammeln."[1]

Interessant an dieser Definition ist, dass zwei verschiedene Aspekte des Techniktrainings ihre Beachtung finden. Nämlich einmal das Erlernen der tatsächlichen motorischen Fertigkeiten, was mit dem Fachbegriff der Kompetenz umschrieben werden kann. Zum zweiten die praktische Umsetzung, oder Performanz, also die Fähigkeit, Techniken über die man verfügt, in der Sportpraxis - also auch unter Drucksituationen, wie beispielsweise physischer Erschöpfung - tatsächlich einsetzen zu können. Eine neue Komponente fügt dieser Betrachtungsweise die Definition von Lindner hinzu, was vor allem daran liegt, dass seine Definition von „technisch-koordinativen Leistungsfaktoren“[2] bereits radsportspezifisch ausgelegt ist. Dementsprechend:

„...gehört [dazu] der Gesamtkomplex der Technik (Bewegungsausführung) mit und auf dem Rad, die koordinativen Fähigkeiten und die Bewegungsfertigkeiten. Von besonderer Bedeutung ist die Trettechnik.“[3]

Der ersten Definition werden hier in Form von der Frage nach effizientem Kraftein- und Umsatz biomechanische Aspekte hinzugefügt. Bei der Betrachtung der Definitionen fällt auf, dass es sich bei Techniktraining stets um das Erlernen einer Mischung verschiedener kognitiver und motorischer Elemente handelt. Die Besonderheit im Radsport ist dabei, dass - anders als in Sportarten wie Gerätturnen etc. - der eigene Körper sowie das Sportgerät beherrscht werden müssen. Weiterhin wird deutlich, dass es verschiedenste Aspekte der Fahrtechnikschulung gibt. Diese lassen sich nach verschiedenen Dimensionen kategorisieren.

So können die unterschiedlichen Komponenten zum Beispiel in notwendige und hinreichende Fähigkeiten unterteilt werden. Kurven fahren und sicheres Bremsen sind dabei zweifellos unabdingbar, um ein Radrennen bestreiten zu können. Anders liegt die Sache hingegen beim Überwinden von Hindernissen. Das Überspringen von einem Baumstamm ist wohl die schnellste und effizienteste Art, um ein Cross-Country Rennen fahrerisch zu gestalten. Unter Umständen erlaubt es der Kurs jedoch, einfach abzusteigen und das Hindernis zu umlaufen. Anhand dieses Beispiels wird klar, dass es auch fahrtechnische Fähigkeiten gibt die eher in den Bereich der technischen Vervollkommnung einzuordnen sind. Die Maxime „vom Einfachen zum Schwierigen“, die stets bei der Methodik des Techniktrainings zu beachten ist, lässt sich dementsprechend um die Maßregel „vom Notwendigen zum Idealen“ erweitern. Es liegt an sich auf der Hand, dass ein Fahrer zuerst die technischen Fähigkeiten erwerben muss, um seinen Sport überhaupt ausführen zu können, bevor er daran gehen kann, die Ausführung zu verfeinern, oder ökonomischer zu gestalten. Ökonomische Aspekte, wie der Erwerb einer effizienten Trettechnik, stellen eigentlich völlig eigene Technikkomplexe dar, die kaum in andere Bereiche eingegliedert werden können. Das nächste Kapitel wird zeigen, dass diese an sich simpel anmutende Überlegungen in der Praxis des Radsports nicht immer so klar sind, wie sie in der Theorie vielleicht erscheinen mögen.

2.2 Der Fahrtechnikbaum Straße

Zur Erinnerung soll an dieser Stelle der sogenannte „Fahrtechnikbaum“ Radsport, der die momentane Grundlage für das Techniktraining im Württembergischen Radsportverband darstellt aufgezeigt werden.

Betrachtet man den Fahrtechnikbaum für Mountainbike und Straßenrennsport, so fällt auf, dass dieser dieselben Anforderungen parallel für beide Disziplinen stellt. Das ist hinsichtlich der vermutlichen Entstehung verständlich. Sehr wahrscheinlich wurden dabei die grundlegenden Fähigkeiten der Radbeherrschung in Erwägung gezogen und in logischer, sowie praktisch anwendbarer Form gegliedert. Dagegen ist auch gar nichts einzuwenden. Die zu Beginn der Arbeit formulierte Definition von Fahrtechniktraining als Grundlage zum Erwerb aller Fähigkeiten, um an Wettkämpfen teilnehmen zu können, rückt dies jedoch in einen neuen Kontext. Dies soll am Beispiel des Fahrtechnikkomplexes Nr. 3 „Bergfahren“ verdeutlicht werden.

Bezüglich des Mountainbikens lässt sich durchaus begründen, dass das Bergauffahren eine notwendige Fähigkeit für die Teilnahme an Rennen darstellt. Nicht selten müssen in Wettkämpfen extrem steile und technisch anspruchsvolle Anstiege befahren werden, die von einem Anfänger ohne die entsprechenden technischen Fähigkeiten kaum zu bewältigen sein dürften. Natürlich besteht dann immer noch die Möglichkeit abzusteigen und zu schieben - dies geht jedoch zumeist mit erheblichem Zeitverlust einher und schränkt somit die (erfolgreiche) Wettkampfteilnahme deutlich ein. Anders liegt dies bei einem Straßenrennen. Selbstverständlich gilt es auch hier die Bergfahrtechnik zu üben. Es handelt sich dabei jedoch fast ausschließlich um eine Ökonomisierung der Fahrtechnik in biomechanischer Hinsicht. Also die Fähigkeit effizienter - das heißt bei gleichem Krafteinsatz schneller – zu fahren. Im Straßenrennsport gibt es im Gegensatz zum MTB außer einigen extremen Beispielen - etwa steile und nasse Pflasteranstiege, wie sie bei der Flandernrundfahrt zu befahren sind - praktisch keine Berge, die von fahrtechnischer Seite her nicht ohne Absteigen zu bewältigen wären. Die andere Qualität des Begriffes Fahrtechnik für beide Disziplinen sollte an diesem Beispiel deutlich geworden sein.

Diese Überlegungen sollen nun keinesfalls die Berechtigung des Fahrtechnikbaumes in Frage stellen. Dieser ist ohne Zweifel durchdacht und auch die Überlegung, einen einzigen Fahrtechnikbaum für beide Disziplinen zu konzipieren, lässt sich aus Gründen der Übersichtlichkeit nachvollziehen. So ist eine zunehmende Spezialisierung der Ausbildung für beide Disziplinen nicht unbedingt immer von Vorteil, da die Planung und Steuerung automatisch an Komplexität gewinnt. Deswegen soll im folgenden Kapitel ein Vorschlag zur Neugliederung des Technikbaumes gemacht werden, der zum einen den spezifischen Anforderungen des Straßenradsports gerecht werden kann und zum anderen in seinem Aufbau die bisher angestellten theoretischen Überlegungen berücksichtigt, ohne den alten Fahrtechnikbaum von Grund auf zu verändern. Dies soll die im Rahmen dieser Arbeit angestrebte Verbesserung der Technikvermittlung mit ermöglichen, ohne durch zu viele Neuerungen dieses Anliegen zu verkomplizieren.

2.3 Umstrukturierung des Technikbaumes

Ohnehin ist klar, dass sich ein komplexes Feld wie das der Fahrtechnik nicht in einer einfachen Grafik darstellen oder analysieren lässt. Der Fahrtechnikbaum soll deswegen auch nur einen Anhaltspunkt für Trainer darstellen, welche Techniken den Fahrern vermittelt werden müssen, damit diese eine vollständige Ausbildung erhalten. Hier lassen sich die im Fahrtechnikbaum Straße aufgeführten Techniken in die Grundlagenausbildung einordnen. Denn es ist unzweifelhaft, dass diese Technikkomponenten von jedem Fahrer beherrscht werden müssen, um überhaupt an einem Training in Gruppenform teilnehmen zu können. Gleichwohl sind sie nicht ausreichend, um Radrennen zu bestreiten. Hierbei spielen wiederum die in Kapitel 2.1 angestellten Überlegungen eine wichtige Rolle. Nimmt man nämlich die reine motorische Ausführung als Maßstab, so muss der Radrennfahrer streng genommen tatsächlich nicht mehr Techniken beherrschen, als im Technikbaum aufgeführt sind. Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, diese Techniken auch bei Geschwindigkeiten jenseits von 50 km/h und in einem großen Fahrerfeld anwenden zu können – koordinative und kognitive Aspekte, die gemäß den obigen Ausführungen unter dem Begriff der Performanz zu fassen sind. Diese bezeichnet in dem Fall die praktische Umsetzung zuvor erlernter Techniken.

Vor diesem Hintergrund der praktischen Anforderungen des Straßenradrennsports lassen sich nach den bisherigen Überlegungen drei Kategorien ausmachen, nach denen der Technikbaum neu gegliedert werden könnte. Erstens grundlegende Motorische Fähigkeiten. also Techniken, die zur Radbeherrschung und zum sicheren Fahren in der Gruppe benötigt werden. Zweitens die Einübung der Umsetzung dieser Techniken unter Rennbedingungen, sowie als dritter Punkt Fahrtechnikübungen die der Ökonomisierung der Fahrtechnik, also aus biomechanischer Perspektive einer Steigerung der Effizienz dienen. Der letzte Punkt ist unbestritten von großer Wichtigkeit, fällt jedoch den beiden anderen gegenüber ein wenig aus dem Rahmen. In der folgenden Grafik soll die vorgeschlagene Strukturierung in groben Zügen verdeutlicht werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.4 Vorläufige Bewertung des umstrukturierten Technikbaumes

Betrachtet man die neue Anordnung, so wird deutlich, dass diese außer dem Komplex der Trettechnik keine neuen Elemente enthält. Im Vergleich zum vorigen Fahrtechnikbaum ist der Aspekt der renntechnischen Umsetzung die auffälligste Veränderung. Nun könnte argumentiert werden, dass der alte Fahrtechnikbaum diese Umsetzung bereits impliziert hat. Insofern ließen sich entweder der im Bild links oder mittig dargestellte Strang entfernen, womit der Technikbaum praktisch wieder seine alte Gestalt annehmen würde. Dem ist nichts entgegenzusetzen, was die Vollständigkeit der Technikaspekte angeht, die es von den trainierten Fahrern zu erlernen gilt. Im Sinne eines langfristig sinnvollen didaktischen Aufbaus des Fahrtechniktrainings, in welchem Ziele, Inhalte und Methoden sinnvoll auf die Praxis abzustimmen sind, hat die neue Struktur jedoch den Vorteil, dass sich der inhaltliche Sinn, bzw. die Zugehörigkeit der einzelnen Fahrtechnikkomplexe deutlicher erschließt. Insofern fördert der neue Aufbau die Emanzipation des Trainers, der nicht mehr einen Katalog an Basistechniken vor sich liegen hat, die er seinen Athleten vermitteln soll, muss, oder kann. Der Hintergrund und die Rolle im Gesamtkomplex der Fahrtechnikvermittlung ist besser einsichtig und somit ist zu erwarten, dass der Trainer – einfach ausgedrückt – besser verstehen kann, was er vermittelt und warum er das tut. Im nächsten Kapitel soll die praktische Auswirkung dieser Überlegung noch verdeutlicht werden.

3 Fahrtechniktraining in der Praxis

3.1 Warum Fahrtechniktraining auf der Straße?

Anders als der Titel dieses Kapitels eventuell suggeriert, soll an dieser Stelle nicht von Grund auf begründet werden, ob und warum Fahrtechniktraining für welche Zielgruppen sinnvoll ist. Zwar würde dies den Text vervollständigen, gleichwohl hat dieser nicht zum Ziel, den Ansprüchen einer wissenschaftlichen Arbeit zu genügen, sondern soll in möglichst knapper Form eine Einordnung der Trainingsgestaltung in einen theoretischen Hintergrund ermöglichen. Deswegen wird an dieser Stelle vorausgesetzt, dass Trainer, die sich mit diesem Text auseinandersetzen, über genügende Kenntnis des Radsports verfügen, um selbst einschätzen zu können, wie wichtig das Techniktraining für alle die verschiedenen Technik- und Leistungsklassen ist. Dies zu diskutieren ist nicht Inhalt der Arbeit. Bevor im folgenden Kapitel praktische Trainingsmöglichkeiten zur Fahrtechnikschulung vorgestellt werden, soll nochmals auf die didaktische Strukturierung der Trainingsgestaltung eingegangen werden.

Wie bereits zuvor erwähnt, muss sich der Trainer jederzeit bewusst sein, warum er was trainieren lässt. Anders formuliert: er muss sich Gedanken über Ziele, Inhalte und Methoden seiner Trainingseinheiten gemacht haben. Die Methoden werden in den nächsten Kapiteln betrachtet. Daher soll nun noch einmal ein Blick auf die Ziele und Inhalte geworfen werden, was gewissermaßen eine Zusammenfassung der bisherigen Überlegungen darstellt. Ziel des Fahrtechniktrainings ist es, die Fahrer in den kognitiv und motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu schulen, dass sie technisch in der Lage sind, die Anforderungen, welche die Wettkämpfe an sie stellen, zu erfüllen. Außerdem sollen sie dies möglichst effizient tun. Über die dazu benötigten Inhalte wurden im zweiten Kapitel ausführliche Überlegungen angestellt. Es gilt im Straßenrennsport drei Bereiche zu beachten, nämlich einmal den Komplex der motorischen Grundlagen. Zweitens die rennspezifische Verfeinerung dieser Fertigkeiten, sowie drittens die Ökonomisierung der Fahrtechnik. Dazu geeignete Methoden sollen nun vorgestellt werden.

3.2 Praktische Übungen zum Fahrtechniktraining

3.2.1 Motorisches Grundlagentraining

Wie bereits erwähnt, wurde den Überlegungen zur motorischen Grundausbildung nichts hinzugefügt. Da dieser Bereich seit jeher in den Trainerausbildungen der Landesverbände behandelt wird, kann davon ausgegangen werden, dass alle Trainer, die über eine Übungsleiterlizenz verfügen, ausreichende Kenntnisse besitzen um Grundtechniken wie Bremsen, Anfahren, Vorder- und Hinterrad anheben, etc. vermitteln zu können. Deswegen wird hier auf diesen Punkt nicht mehr speziell eingegangen. Trotzdem war es wichtig, die Bedeutung der motorischen Grundlagentechniken noch einmal zu erwähnen, um ihre Bedeutung im Gesamtkontext der Fahrtechnikausbildung zu verdeutlichen.

3.2.2 Rennspezifische Umsetzung

Dieses Kapitel soll – wie in der Einleitung angesprochen – Denkanstöße liefern, wie Athleten auf die motorischen Anforderungen des Straßenrennsports speziell vorbereitet werden können. Wie erwähnt ist die Auflistung der Übungen keinesfalls vollständig. Es geht eher darum, Ideen zu liefern, die in der Praxis auch verändert oder verfeinert werden können. Vielleicht gelingt es auch, die folgenden Bewegungsbeschreibungen später durch Fotos oder Videomaterial zu ergänzen, um die Bewegungsabläufe noch besser zu verdeutlichen. Prinzipiell richten sich die folgenden Übungen an alle Rennfahrer. Selbst Spitzenathleten berichten mitunter von Problemen, wenn sie beispielsweise nach Verletzungspausen wieder beginnen, in großen Fahrerfeldern zu fahren. Die größte praktische Bedeutung für die Vereinstrainer hat vermutlich die Ausbildung von Fahrern die als fortgeschritten angesehen werden können, sich aber nach und nach an größere Fahrerfelder herantasten müssen. Etwa beim Übergang von der Jugend- in die Juniorenklasse, beziehungsweise bei Mountainbikern, die zeitweise oder ganz auf die Straße wechseln.

Für alle Übungen gilt, dass grundsätzlich auf verkehrsfreien Straßen zu trainieren ist, um die Athleten keiner Gefahr auszusetzen. Bei Übungen, die in den Augen der Trainer Sturzpotential bergen, kann auf Rasenflächen ausgewichen werden. Die Sportler sollten sowohl technisch als auch emotional keinesfalls überfordert werden, da es sich bei vielen Übungen um Situationen handelt, die von vielen Fahrern motorisch problemlos zu meistern sind, wenn erst einmal psychische Blockaden überwunden sind. Es dürfte sich von selbst verstehen, dass Athleten, die schon im Training Probleme mit den unten aufgeführten Übungen haben, sich selbst und andere gefährden, wenn sich an Wettkämpfen teilnehmen. Alle Situationen die in den folgenden Übungsvorschlägen simuliert werden, können so oder in veränderter Form schließlich auch in Straßenrennen auftreten.

Schulter an Schulter um die Kurve:

Zur Gewöhnung an den ständigen Körperkontakt im Fahrerfeld, ist es ratsam diesen auch im Training einzuüben. Zwei oder auch mehrere Fahrer nebeneinander fahren lassen. Diese üben stets gegenseitig Druck mit der Schulter aus und „lehnen sich an“. Ohne den Druck zu vermindern zuerst geradeaus und danach auch um Kurven fahren. Bei verbesserter Radbeherrschung Tempo steigern.

Auf / gegen das Hinterrad fahren:

Zuerst bei geringem Tempo und geradeaus fährt der Hintere von zwei Fahrern entweder mittig mit dem Vorderreifen gegen den Hinterreifen des Vordermannes, oder von der Seite mit seinem Vorderrad gegen das Hinterrad des vorderen Fahrers. Dabei wird geübt, den Kontakt ohne Kontrollverlust wieder zu lösen. Dies möglichst in einer Fahrlinie. Hierfür gibt es verschiedene Möglichkeiten, es eignet sich vor allem seitliches „abkippen“. Bei verbesserter Radbeherrschung Tempo steigern und auch in Kurven üben.

gegen den Hinterbau fahren:

Analog zur vorigen Übung fährt der Hintere Fahrer dem Vordermann ruckartig gegen den Hinterbau dessen Rahmens (Hinterradnabe, bzw. Kettenstrebe). Es handelt sich hierbei um eine an sich harmlose Situation, bei der viele Fahrer jedoch – insbesondere durch den Ruck oder das Geräusch des Aufpralls – erschrecken.

Lenkerberührung:

Analog zur Übung Schulter an Schulter sollten auch Lenkerberührungen während dem geradeaus fahren, sowie in Kurven geübt werden.

Rempeln, Schubsen, Kopfstoßen:

Hierfür gibt es keine geregelten Organisationsformen. Zu zweit oder in der Gruppe rempeln oder stoßen sich die Fahrer gegenseitig während der Fahrt. Gemäß dem Reglement bleiben die Hände stets am Lenker, um unfaires Wettkampfverhalten gar nicht erst aufkommen zu lassen. Besonders bei jüngeren Fahrern ist darauf zu achten, dass das Verhalten in einem verantwortbaren Rahmen bleibt und die Fahrer sich nicht gegenseitig gefährden. Auch im vermeiden oder aussteuern lässt.

Ausweichen ohne Bremsen:

Das erlernen von Notbremsungen – also schnellstmögliches Anhalten aus voller Fahrt - welches eindeutig zur motorischen Grundausbildung gehört, birgt das Problem, dass es den Fahrern teilweise wieder abgewöhnt werden muss. Dies aus dem einfachen Grund, dass ruckartiges Bremsen im Fahrerfeld in fast allen Fällen zu Stürzen führt. Außer in besonderen Situationen müssen die Fahrer ihre Reflexe dahingehend Schulen, dass sie versuchen, plötzlich auftretenden Hindernissen (gestürzte Fahrer, übersehene Verkehrsinseln, Steine, etc.) möglichst ohne Bremsen auszuweichen. Denn: gelingt dies nicht, ist die Folge möglicherweise ein Sturz. Wird voll gebremst, ist ein Sturz eigentlich schon sicher.

Deswegen gilt es, angemessene Situationen zum Training zu simulieren. Beispiele wären (elastische !!) Hindernisse, die übersprungen werden müssen, also beispielsweise Schuhkartons. Oder schnelle Richtungsänderungen, die unvermittelt vom Trainer angezeigt werden. Dies geschieht komplett ohne Bremsen und mit zunehmender Fahrsicherheit unter möglichst rennähnlichen Bedingungen, also realistischer Geschwindigkeit ( > 40 Km/h) und auch mit mehreren Fahrern gleichzeitig.

Zwischen Fahrern „hindurch fahren“:

Eine Übung, die für sehr fortgeschrittene Rennfahrer zu empfehlen ist, simuliert die Situationen, in welchen Fahrer durch Lücken im Feld hindurch möchten, um sich nach vorne zu arbeiten. Dabei fahren zwei Fahrer möglichst dicht nebeneinander her. Ein dritter fährt von hinten heran und versucht mit fairen Mitteln zwischen beiden hindurch zu gelangen.

Bahnradsport:

Funktionell betrachtet stellt der Bahnradsport eine ganzheitliche Übungsform dar, bei der viele verschiedene Faktoren trainiert werden können. Jenseits vom Ehrgeiz, Titel auf der Bahn zu gewinnen, sollte diese Möglichkeit möglichst vielen Fahrern geboten Werden. Durch die speziellen Räder ohne Bremsen und Gangschaltung, sowie die physikalischen Gegebenheiten der Bahn (Kurvenüberhöhung, hohe Geschwindigkeit im Vergleich zur Straße) finden sich Fahrer die Bahnradsport betrieben haben meistens ausgezeichnet in großen Feldern zurecht und sind zudem häufig taktisch äußerst versiert.

„nur Oberlenker“:

Eine Eigenheit des Bahnradsports lässt sich auch auf der Straße simulieren. So kann man Trainingsgruppen dazu anhalten, zeitweise - besonders auf ruhigen Straßen außerhalb vom Stadtverkehr - ausschließlich in Oberlenkerhaltung zu fahren. Gebremst wird nicht, beziehungsweise nur dann, wenn der Verkehr es absolut erfordert. So werden die Fahrer an gleichmäßiges bremsarmes Fahren in der Gruppe gewöhnt.

3.2.3 Ökonomisierung der Fahrtechnik

Auch zur Ökonomisierung der Fahrtechnik lassen sich Übungsempfehlungen geben, jedoch fällt es hier schwer, allgemeine Aussagen zu treffen, da einzelne Fahrer zumeist auch individuelle Stärken oder Problemfelder haben. Dementsprechend muss der Trainer nach Beobachtung oder in Absprache mit den Athleten entscheiden, welche Elemente der einzelne trainieren sollte und verbessern muss. Allgemeine Übungen, die grundsätzlich empfohlen werden können, sind im folgenden aufgezählt.

Einbeinig fahren:

Auf dem Ergometer oder auch während des Straßentrainings ein Bein aus dem Pedal ausklicken und mit dem anderen Bein isoliert treten. So fällt es leichter, ein Gefühl für die toten Punkte des Tretzyklus zu bekommen.

Fahren mit niedriger Trittfrequenz:

Verfolgt das gleiche Ziel wie die Übung davor. Beim Treten mit sehr niedrigen Frequenzen und mittleren Übersetzungen wird ein Gefühl für alle Abschnitte des Tretzyklus erworben, was die Ökonomie der Trettechnik insgesamt fördert.

Bahnradsport / starre Nabe:

Analog zu den Sicherheitsaspekten fördert das Fahren auf der Bahn, bzw. auf einem Rad mit starrer Nabe den runden Tritt. Das Fahren auf der Bahn ist hinsichtlich der Fahrtechnikschulung insofern als noch effektiver zu bewerten, da der Fahrer Geschwindigkeitsänderungen nicht durch Bremsen ausgleichen kann und sein Fahrstil dadurch auf Dauer insgesamt „flüssiger“ wird. Kräftezehrendes Antreten und Abbremsen wird minimiert.

4 Fazit

An dieser Stelle soll der Kerninhalt der Arbeit knapp zusammengefasst werden. Gemessen an der in der Einleitung formulierten Zielstellung wird versucht, den praktischen Nutzen dieser Quintessenz zu bewerten. Aufgrund von theoretischen Definitionen wurde Fahrtechniktraining dahingehend eingegrenzt, dass es die Schulung kognitiver und motorischer Fähigkeiten für die jeweilige Sportart beinhaltet. Der in der Trainerausbildung des WRSV gebräuchliche „Fahrtechnikbaum“ wurde aufgegriffen, um einschätzen zu können, wie sich diese theoretische Definition mit der tatsächlichen Trainingspraxis deckt. In der Folge wurde versucht, den Technikbaum derart umzugestalten, dass fortgeschrittene Fahrtechnikübungen in ihm ihren Platz finden. Zuletzt wurde eine Auswahl an praktischen Übungen vorgestellt, um zu verdeutlichen, wie die neu vorgeschlagenen Fahrtechnikkomplexe im Bereich Straßenradsport trainiert werden könnten.

Überprüft man diese Ergebnisse an der ursprünglichen Zielstellung, nämlich das Fahrtechniktraining für Trainer übersichtlicher und somit leichter vermittelbar zu machen, fallen zwei Punkte auf, die deutlich machen, was diese Arbeit leisten konnte und was nicht. Diese Arbeit ist mit Sicherheit kein umfassender Katalog an Trainingsübungen, aus denen sich die einzelnen Trainer einen Trainingsplan zusammenstellen können, der ohne weitere Planung auf jeden Athleten anwendbar wäre. Dies war auch nicht der Anspruch. Die Arbeit hat aber das Thema Fahrtechnik auf übersichtliche Weise erörtert und Ansätze aufgezeigt, die helfen können dessen Vermittlung besser planen zu können. Es wurde deutlich gemacht welche Technikbereiche von Bedeutung sein können und warum, sowie in welchem Zusammenhang diese zueinander stehen. Es dürfte auch in terminologischer Hinsicht einfacher sein, sich über das Techniktraining auszutauschen, da einzelne Teilbereiche deutlich von einander abgegrenzt wurden. Insofern kann die Arbeit sicherlich in konzeptioneller Hinsicht hilfreich sein, was die Planung und Durchführung der Fahrtechnikausbildung sowohl kurz- als auch langfristig angeht.

5 Literatur

Frey, G. & Hildenbrandt, E. (2002). Einführung in die Trainingslehre. Teil 1: Grundlagen. Schorndorf: Hofmann.

Lindner, W. (2000). Radsporttraining. München: BLV.

Martin, D. et al. (1993). Handbuch Trainingslehre. Schorndorf: Hofmann.

[...]


[1] Martin et al (1999).

[2] Lindner (2000). S. 14.

[3] Ebenda.

2 von 17 Seiten

Details

Titel
Techniktraining im Straßenradsport
Veranstaltung
Trainer-B Ausbildung
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V111173
Dateigröße
368 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Techniktraining, Straßenradsport, Trainer-B, Ausbildung
Arbeit zitieren
Uli Theobald (Autor), 2007, Techniktraining im Straßenradsport, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111173

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