Im Jahr 1774 erschien der Roman "Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang von Goethe. In dem Briefroman schildert der junge Werther seine Gefühle und Erlebnisse in einzelnen Briefen und schickt diese an seinen Freund Wilhelm. Dabei verliebt er sich in Lotte, die bereits mit einem anderen Mann verlobt ist. Doch diese Liebe scheint für ihn hoffnungslos, da seine Gefühle nicht erwidert werden können. Dadurch sieht Werther keinen anderen Ausweg mehr und begeht aus Verzweiflung Selbstmord.
Nachdem Goethe den Roman veröffentlicht hat, löste der darin beschriebene Selbstmord der Hauptperson eine ganze Reihe von Suiziden in Europa aus. Es wurde sogar festgestellt, dass sich einige Nachahmer/innen genauso kleideten wie die Hauptfigur oder den Roman beim Selbstmord dabeihatten. Ein bekanntes Beispiel ist das Mädchen Christine von Lassberg, die sich vier Jahre nach der Veröffentlichung des Buches das Leben nahm. Sie hatte Goethes Werk währenddessen in ihrer Tasche. Doch dieses Phänomen war nicht zeitgenössisch, sondern existiert bis heute. Es handelt sich hierbei um den Werther-Effekt.
Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit diesem Thema und untersucht die Wirkungen des Werther-Effekts. Zuerst werden die theoretischen Grundlagen mithilfe der sozial-kognitiven Lerntheorie erklärt und auf das Presseparadox eingegangen. Anschließend werden vier aktuelle Forschungsergebnisse vorgestellt und zum Schluss wird ein Fazit gezogen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Werther-Effekt – theoretische Grundlagen
2.1 Die sozial-kognitive Lerntheorie
2.2 Zusammenhang der Suizidberichterstattung und des Werther-Effekts
3. Aktuelle Forschungsergebnisse
3.1 Presseberichterstattung über den Suizid von Robert Enke und Entwicklung der Suizidzahlen
3.2 Stellenwert suizidpräventiver Medieneffekte in der deutschen Journalistenausbildung
3.3 Zug-Suizid von Robert Enke und Auswirkung auf spätere Häufigkeit von Zug-Suiziden
3.4 Untersuchung von Suizidberichterstattung und deutscher Suizidrate
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen und die tatsächlichen Wirkungsweisen des sogenannten Werther-Effekts, bei dem eine intensive Medienberichterstattung über Suizide zu einem Anstieg der Selbstmordraten in der Bevölkerung führen kann. Das primäre Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen journalistischer Berichterstattung, Nachahmungseffekten und dem tatsächlichen Suizidverhalten anhand aktueller Studien zu analysieren und die Rolle der Journalistenausbildung in diesem Kontext zu beleuchten.
- Grundlagen der sozial-kognitiven Lerntheorie nach Albert Bandura
- Analyse der Medienberichterstattung am Fallbeispiel Robert Enke
- Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Suizidberichten und der Suizidrate
- Evaluation des Stellenwerts suizidpräventiver Bildungsinhalte im Journalismus
Auszug aus dem Buch
2.1 Die sozial-kognitive Lerntheorie
Der Werther-Effekt ist eine Nachahmungstat und wird in vielen Studien mit der Theorie des Modellernens oder der sozial-kognitiven Lerntheorie von Albert Bandura erklärt. Die Theorie besagt, dass Lebewesen durch Beobachtung der Handlung anderer Lebewesen lernen können. Sie beschreibt Faktoren, die das Lernen und die Nachahmung fördern. Das Lernen durch Beobachtung ist von großer Bedeutung. Hätten die Lebewesen ihr Wissen nur durch direkte Erfahrung erlernt, würde der Prozess der menschlichen Entwicklung sehr stark verzögert werden und dadurch könnte eine Kultur ihre lebensnotwendigen Kompetenzen nicht an andere vermitteln (vgl. Bandura 2000, S. 157f.). Die Bedeutung der „multiplikativen Kraft“ spielt zudem eine große Rolle beim Imitationsverhalten. Denn es kann „[...] im Rahmen des Beobachtungslernens ein einzelnes Modell neue Formen des Denkens und des Verhaltens simultan an eine Vielzahl von Menschen in weit voneinander entfernte Regionen vermitteln.“ (ebd. S. 158).
Infolgedessen haben die Medien, wie beispielsweise das Fernsehen, die Bandbreite der Modelle der Gesellschaft, die sie nutzen, stark erweitert. Dadurch kann symbolisches Lernen sehr schnell verbreitet werden (vgl. ebd. S. 158).
Albert Bandura unterteilt vier Subfaktoren, die festlegen, ob der/die Beobachter/in das Verhalten eines anderen nachahmt: 1. Aufmerksamkeitsprozesse, 2. Prozesse kognitiver Repräsentation, 3. Prozesse der Verhaltensproduktion und 4. motivationale Prozesse. Bei den Aufmerksamkeitsprozessen muss der/die Beobachter/in zuerst das Verhalten des Modells mit ausreichend Aufmerksamkeit enkodieren. Dabei beeinflussen verschiedene Faktoren die Stärke der Aufmerksamkeit, wie beispielsweise kognitive Fertigkeiten oder die Wertpräferenzen von Beobachter/innen. Wenn das Verhalten noch von einem verbalen Ausdruck begleitet wird, kann die Aufmerksamkeit leichter auf das Verhalten gelenkt werden. Zudem erhöht die Ähnlichkeit wie zum Beispiel in Bezug auf Alter, Geschlecht oder Beruf die Chance das Verhalten näher zu betrachten (vgl. Kiesel & Koch 2012, S. 76f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Phänomen des Werther-Effekts ein, erläutert dessen historischen Ursprung in Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ und gibt einen Überblick über den Aufbau der Arbeit.
2. Der Werther-Effekt – theoretische Grundlagen: Hier werden die medienpsychologischen Mechanismen wie die sozial-kognitive Lerntheorie sowie die spezifischen Auswirkungen der Suizidberichterstattung auf Nachahmungstendenzen in der Bevölkerung erläutert.
3. Aktuelle Forschungsergebnisse: Dieses Kapitel präsentiert und analysiert vier relevante wissenschaftliche Studien, die den Einfluss medialer Berichte auf Suizidzahlen und die journalistische Ausbildung in diesem Bereich untersuchen.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Forschungsergebnisse ab und unterstreicht die Notwendigkeit für eine verantwortungsbewusstere und suizidpräventive Medienberichterstattung in der Zukunft.
Schlüsselwörter
Werther-Effekt, Medienwirkungsforschung, Suizidberichterstattung, sozial-kognitive Lerntheorie, Nachahmungseffekt, Robert Enke, Journalismus, Presseethik, Suizidprävention, Modellernen, Medienpsychologie, Nachahmungstat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Werther-Effekt, also der Annahme, dass eine intensive Medienberichterstattung über Suizide das Nachahmungsverhalten und damit die Suizidrate in der Gesellschaft negativ beeinflussen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Medienpsychologie, journalistische Ethik im Umgang mit Suizidmeldungen, die Analyse von Nachahmungseffekten sowie die Ausbildungssituation angehender Journalisten zu diesem sensiblen Thema.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch die theoretische Herleitung und die Auswertung aktueller Studien zu belegen, wie mediale Berichterstattung Suizidhandlungen beeinflusst und warum präventive Ansätze im Journalismus so wichtig sind.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse sowie die kritische Aufarbeitung quantitativer Inhaltsanalysen und empirischer Forschungsstudien, die den Zusammenhang zwischen Medienkonsum und Suizidraten untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen wie die Lerntheorie von Bandura sowie eine detaillierte Auswertung von Studien, darunter die Untersuchung des Suizids von Robert Enke und die Ausbildungspraxis in Journalistenschulen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind der Werther-Effekt, Medienwirkungsforschung, Nachahmungstaten, journalistische Verantwortung und die sozial-kognitive Lerntheorie.
Welche Rolle spielte der Suizid von Robert Enke für die Forschung?
Der Suizid von Robert Enke dient in mehreren Studien als konkretes Fallbeispiel, anhand dessen die drastischen Auswirkungen einer sehr intensiven und teilweise nicht richtlinienkonformen Medienberichterstattung auf die Suizidrate empirisch nachgewiesen wurden.
Was ist unter dem „Papageno-Effekt“ zu verstehen?
Im Gegensatz zum Werther-Effekt bezeichnet der Papageno-Effekt die Beobachtung, dass verantwortungsvolle Medienberichterstattung (etwa über die Bewältigung von Krisen) dazu beitragen kann, Suizidraten zu senken.
Wird die journalistische Ausbildung in der Arbeit kritisiert?
Ja, die Arbeit stellt fest, dass es bislang an einer einheitlichen und verpflichtenden Vermittlung von suizidpräventiven Kompetenzen in deutschen Journalistenausbildungen mangelt und viele Bildungseinrichtungen das Thema nur oberflächlich behandeln.
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- Frederike Grunau (Author), 2021, Der Werther-Effekt. Theoretische Grundlagen und aktuelle Forschungsergebnisse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1112068