Theorien zur Novelle und die Novelle bei Kleist


Seminararbeit, 1997

15 Seiten, Note: 2


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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Gattungsbegriff „Novelle“
2.1 Versuche der Klassifikation
2.1.1 über die Länge
2.1.2 über die Begebenheit
2.1.3 über die „Konzentration“
2.1.4 über die „Urform“
2.2 Die Novelle als literarische Gattung
2.2.1 Theorien
2.2.2 Ergebnisse

3 Die Novelle bei Kleist
3.1 Die Gattungsgeschichte hinter Kleists Erzählungen
3.2 Die Realisation der Theorien in „Das Erdbeben in Chili“
3.2.1 Kleist im Urteil der Zeitgenossen
3.2.2 Kleist in neuerer Betrachtung

4 Zusammenfassung

5 Verwandte Literatur
5.1 Textgrundlage
5.2 Sekundär- und Forschungsliteratur

1 Einleitung

Wie der Titel dieser Arbeit impliziert, sollen in ihrem Verlauf zwei Hauptpunkte behandelt werden: zum einen die - vielfältigen und z. T. konträren - Theorien zur Novelle, zum anderen die Novelle bei Kleist, insbesondere die Manifestation der möglichen Grundlagen einer solchen Literaturform in „Das Erdbeben in Chili“, erschienen im Jahre 1807.

Dabei wird die Leitfrage zum ersten Punkt sein, ob es überhaupt eine allgemeingültige, stets zutreffende Theorie der Novelle gibt; und wenn es sie gibt, ob sie auf alle (potentiellen) Novellen zutrifft oder nicht vieleher eine „pigeon-hole theory“[1] ist, in die man nach Belieben alles einsortiert, was hineinpaßt. Eng damit verbunden sind die unterschiedlichen Merkmale, die im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte der Novelle zugeschrieben wurden; auch sie sollen im Hinblick auf ihre Übereinstimmung mit der Literatur untersucht und ggf. auf die Nenner reduziert werden, die auf behutsamste Weise die Gattung Novelle beschreiben.

Im Hinblick auf Kleists „Das Erdbeben in Chili“ werden weniger Handlung und Interpretation im Mittelpunkt stehen, sondern vielmehr die Frage, wie der Verfasser zur Novelle kam, ob er theoretische Grundlagen hatte und inwieweit sie mit den im ersten Punkt genannten korrespondieren. Ebenfalls soll kurz die Wirkung der Kleist’schen Novelle auf Zeitgenossen betrachtet werden, wobei insbesondere Goethes Urteil - gerade im Kontext mit den Theorien zur Gattung - von Interesse sein wird.

2 Der Gattungsbegriff „Novelle“

Gibt es die Novelle als literarisches Genre? So könnte man, als Frage formuliert, die Arbeitshypothese Bennetts für die vorliegende Arbeit übernehmen. Das gleiche gilt für seine Warnung am Anfang des ersten Kapitels: „The attempt to define a particular literary genre presents two […] dangers: to restrict it to a certain very definite characteristics and to insist that these are essential to the genre […].“[2] Ein Nebeneffekt dieser „Klassifizierungswut“ ist, daß sich ebenso viele „typische“ Merkmale wie Theoretiker zur Novelle finden lassen, so daß eine „kaum überschaubare Menge deutscher Novellentheorien droht […], sich weiter zu vervielfachen.“[3]

In welchem Zusammenhang dabei die Literaturform Novelle mit der „eigentlichen Novelle“ im juristischen Sinne - dem Nachtragsgesetz zu einem bereits bestehenden Gesetz - steht, soll hierbei nicht weiter betrachtet werden, weil es zu weit vom Thema wegführte.

Wie absurd jene Theorien und Klassifikationsmerkmale oftmals anmuten, soll im Folgenden dargestellt werden.

2.1 Versuche der Klassifikation

Sie gebe ich nur pars pro toto wieder, da sie ansonsten den Rahmen der Arbeit um ein Vielfaches sprengten. Grundsätzlich kann man festhalten, daß das Wort „Novelle“ von novus, lat. neu kommt (mit Entsprechungen in allen romanischen Sprachen)[4] und die literarische Form der epischen Erzählung nahe kommt[5].

2.1.1 über die Länge

Schon in diesem, augenscheinlich simplen Punkt, differieren die Meinungen erheblich. So finden sich Angaben zwischen 75 bis 150 Seiten, zwei bis sechs gedruckten Bögen, 20.000 bis 40.000 Wörtern oder, über die „Leselänge“ definiert, fünf bis 60 bzw. 60 bis 120 Minuten. Am praktikabelsten erscheint die Annäherung über „Erzählung mittlerer Länge“, die allerdings die Frage aufwirft, was mittlerer Länge heißt.[6] Dieses Merkmal, erweitert um den Vergleich mit den Nachbargattungen Roman oder Anekdote, ist fruchtbringender als zuerst angenommen, birgt jedoch wiederum die Gefahr der steten Relativität, da zwangsläufig auch nicht alle Romane bzw. Anekdoten gleichen Umfangs sind.

Somit erscheint mir diese Möglichkeit eher sophistisch als sinnvoll und nicht einmal im Ansatz hilfreich; im Gegensatz dazu führt das nächste Merkmal weiter.

2.1.2 über die Begebenheit

Der Begriff „Begebenheit“ in diesem Zusammenhang geht auf Goethes berühmte Äußerung zurück, eine Novelle sei nichts anderes als „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“[7]. Und weiter definierte er: „[…]: was gibt einer Begebenheit den Reiz? Nicht ihre Wichtigkeit, […], sondern die Neuheit.“[8]

Mithin muß diese Begebenheit sowohl überraschend, unbekannt, außerordentlich und charakteristisch - eben „unerhört“ -, als auch aktuell, unterhaltsam und einmalig - die „quid novi“-Frage sollte eine Antwort erhalten -, als auch in der Realität verwurzelt sein.[9]

Bennett korrespondiert hier teilweise mit der tradierten, Goethe’schen Ansicht, doch dazu später mehr; im weiteren erst einmal noch zwei Klassifikationsmöglichkeiten.

2.1.3 über die „Konzentration“

„Konzentration“ bedeutet dreierlei: ein Wende-/ Dreh-/ Mittelpunkt, Vorherrschen der Symbolik sowie das Vorhandensein eines Rahmens.[10] Die Novelle ist darauf konzentriert, da ihr, im Zusammenhang mit der Länge, nicht viel Zeit bleibt, um ihr Anliegen zu entwickeln; ergo bedarf sie der - ich möchte es plakativ so nennen - „Knall-auf-Fall-Dramatik“ und der Verdichtung des Stoffes durch ein tragendes Symbol. Der Rahmen hält sie entsprechend zusammen, wobei er ein Einzelrahmen, aber auch eine Rahmenerzählung sein kann, die zwischen Erzählrändern und dem Kern vermittelt.

Dieses Merkmal bringt ebenfalls eine Erkenntnis, die Bennett in seiner Abhandlung, die grundlegend für diese Arbeit ist, verwendet; dazu unten weitere Ausführungen.

2.1.4 über die „Urform“

Gerade dieser Punkt erregt großes Interesse unter den Literatur-wissenschaftlern, die sich der Gattung der Novelle zuwenden: gibt es eine „Urform“ der Novelle, einen typischen Vertreter, den man immer zitieren kann?[11] Der Rückgriff auf individuelle (!) Leistung als gattungsbildendes (!) Merkmal bildet den kritischsten Punkt in der Reihe der Merkmale. Cervantes, Boccaccio, Kleist oder Goethe mit ihrem typischen, unverwechselbaren - und damit nur persönlichen Stil - als Richtschnur für die Gattung Novelle: eine pratikable Möglichkeit oder eine simplifizierende Idee im Sinne des oben erwähnten Schubladendenkens? Ohne Zweifel sind die aufgeführten Schriftsteller wegweisend, „Klassiker“ der Novelle und eng mit ihr verknüpft, aber sie „sind“ nicht die Novelle; sie sind nur Vertreter, vielleicht Protagonisten, Beispiele oder Vorbilder, doch nie die „Archetypen“ der novellistischen Gattung.

Genau wie die Sammelbarkeit als Merkmal der Novelle[12] übergeht Bennett diesen Punkt in seiner Geschichte der Novelle, der ich mich nun zuwenden werde.

2.2 Die Novelle als literarische Gattung

Nach dem gegebenen - wenn auch rudimentären - Überblick über Klassifikationsversuche in bezug auf die Novelle, möchte ich nun der m. E. profunderen und ergiebigeren Herangehensweise an die Gattung das Kapitel einräumen. Hierbei werden in erster Linie Bennetts oftmals bereits zitiertes Werk über die Geschichte der Novelle, Hirschs Abhandlung zum Gattungsbegriff, die Schriften von Schlegel, Wieland und Ernst zur Novelle, die neuere Arbeit Mackensens und der schon aufgeführte Artikel Schunichts berücksichtigt werden.

2.2.1 Theorien

Die älteren Arbeiten greifen auffällig oft auf Boccaccio und Cervantes zurück; dabei betont Schlegel, daß bei Boccaccio die Subjektivität ins Auge sticht, und somit die Novelle an sich geeignet sei, „subjektive Stimmung und Ansicht […] darzustellen.“[13]. Weiterhin stellt er fest, die Novelle sei eine Anekdote, die eine unbekannte Geschichte erzählt, für die sich jeder interessieren könne[14]. Hier findet sich wiederum die Neuheit des zu erzählenden Geschehnisses, ein bisher vernächlässigter Gedanke ist jedoch die Subjektivität, die gerade in der Schrift Hirschs aufgegriffen wird; so sagt er in seiner Zusammenfassung zur Gattung der Novelle: „Der Novelle eigentümlich ist die in artistischer Formgebung verhüllte Subjektivität, eine Aussprache des Persönlichen […].“[15]

Des weiteren wird die „Alltäglichkeit“ als konstituierend für eine Novelle gesehen: „…wo […] die Begebenheiten zwar nicht alltäglich sind, aber sich doch […] alle Tage allenthalben zutragen könnten.“[16] Somit findet eine Abgrenzung zum Märchen statt bzw. zu gänzlich erfundenen Geschichten statt; die Novelle „verfremdet“, überzeichnet die Realität, ist dennoch darin verhaftet, was in Zusammenhang mit der Verdichtung der Ereignisse und der „Neuheit“ zu sehen ist.

Die starke Abstraktion innerhalb der Novelle stellt Ernst heraus, und kommt zu dem Schluß, daß sie ein Paradigma sei. Gerade die Verdichtung des „Geisteszustandes der Person“[17] auf hintergründige Motive und deren stenographische Darstellung sind falltypisch für den novellistischen Stil, so Ernst. In seinem Aufsatz unterteilt er drei Arten der Novelle: die erste (und „vornehmeste“[18] ) schildert eine entscheidende Schicksalsstunde im Leben eines Menschen; die zweite gibt eine eigentümliche, aber nicht ganz so entscheidende Begebenheit wieder, während die dritte eine „geistreiche Antwort“[19] darstellt. Er erklärt diese Unterart der Novelle so, daß sie, wegen der Anstrengung, seine Gedanken pointiert in Worte zu fassen, auch den Titel Novelle verdiene.[20]

Mackensen betont die Verwurzelung der Novelle in der Mündlichkeit[21] und verneint indirekt die Vorbildfunktion insbesondere Boccaccios, indem er feststellt, bereits die direkten Nachfolger (i. e. Cervantes) hätten nur noch äußerlich Ähnlichkeit mit ihm[22]. Damit sei der o. g. und schon dort kritisierten „Urform“ nochmals widersprochen. Im zweiten Teil schließlich konstatiert Mackensen folgende Merkmale für die Novelle, welche an dieser Stelle nur unkommentiert wiedergegeben werden sollen: Mündlichkeit, Kürze (unter der Voraussetzung der Vortragbarkeit bei Boccaccio: fünf bis 60 Minuten), Unterhaltsamkeit sowie Geschlossenheit in der Form.[23]

Auch Schunicht untersucht die Beziehung der deutschen Novelle zu Boccaccio und setzt sich mit der vermeintlichen Urform auseinander, wozu er bemerkt, wenn es sie gäbe, könne man die „Geburt einer völlig neuen epischen Form […] mit standesamtlichen Daten […] fixieren.“[24] Er will in seinem Aufsatz die innere Form der Novelle, ihre Struktur untersuchen; diesem Gedanken folgen wir nicht, sondern kommen zu einem Resümee über die „Gattung Novelle“.

2.2.2 Ergebnisse

Es ist schwierig, die gültige Definition für die Novelle zu nennen, ohne formelhaft oder klassifikationswütig zu werden, ohne das eine hineinzunehmen und dabei das andere zu verstoßen. Wie wir gesehen haben, gibt es so viele Ansichten dazu, wie es Wissenschaftler gibt, die sich darüber geäußert haben. Wie ließe sich nun die Frage, ob es die Novellengattung gibt, beanworten? Zuerst muß davor gewarnt werden, in blindem Eifer zu versuchen, Merkmale für die Konstatierung einer Gattung festzustellen; denn was immer man finden mag, es wären nur „Markierungspunkte“[25], die nicht den Wert, sondern nur die Äußerlichkeit annähernd beschrieben. Andererseits gibt es bestimmte Signifikanten, die das „Naturell“ einer Novelle in einen groben Umriß bringen; diese möchte ich aus der „summary“ Bennetts, die vermutlich auch nur den Idealfall postuliert[26], wiedergeben:

„Die Novelle ist eine epische Form, und als solche behandelt sie weniger Handlungen als Geschehnisse; sie beschränkt sich selbst auf ein einzelnes Geschehnis (oder eine Situation oder einen Konflikt), wobei sie die Betonung in erster Linie auf das Geschehnis legt und die Auswirkung eben dieses Geschehnisses auf eine Person oder eine Personengruppe zeigt. […] Sie muß einen Aspekt des Lebens […] präsentieren, der durch seine Fremdheit und Entfernung vom alltäglichen Leben Interesse erregt, zur selben Zeit jedoch muß die Handlung in der Realität, nicht in der puren Imagination, stattfinden. […]. Charakteristisch für dieses Konstrukt ist ein sicherer Wendepunkt, an welchem die Entwicklung der Erzählung unerwartet in eine andere Richtung, als es erwartet wurde, läuft, und sie [die Erzählung, A.d.Ü.] kommt zu einer Schlußfolgerung, die überrascht, aber zur selben Zeit logisch zufriedenstellt. Sie sollte einige bestimmte […] Sujets behandeln, die sie […] von jeder anderen Novelle klar unterscheiden. […]. Gerade durch ihre Objektivität als literarische Form erlaubt sie dem Poeten, subjektive und lyrische Stimmungen indirekt und symbolisch darzustellen. […]. Ihre Herkunft und Heimat ist die kultivierte Gesellschaft.“[27]

Mir erscheint diese Umrahmung der Möglichkeiten der Novelle am treffendsten, da sie nicht nur fast alle Ansätze harmonisch verbindet bzw. einbindet, sondern vielmehr noch, weil sie kein starres Gerüst liefert, das dem Schubladendenken Tor und Tür öffnet, und genügend Freiräume für „untypische“ Novellen läßt. Müßte ich eine Defintion für die Gattung „Novelle“ angeben, so wählte ich diese; da ich es nicht muß, setze ich sie nur an den Schluß des allgemeinen Teiles, bevor ich nachfolgend im zweiten Teil die Kleist’sche Novelle und deren Merkmale - so es sie gibt - und Ursprünge behandeln werde.

3 Die Novelle bei Kleist

Im zweiten Teil der Arbeit wird es darum gehen, Kleists Erzählung „Das Erdbeben in Chili“ im Hinblick auf ihre novellistischen Anteile im Sinne der o. g. Definition Bennetts, ergänzt durch Teile der Klassifikationsversuche, zu untersuchen. Zuvor jedoch möchte ich die Benennung des „Erdbebens“ durch den Verfasser selbst betrachten und, sofern es möglich ist, eine Einordnung in einen „gattungsgeschichtlichen Hintergrund“ versuchen.

3.1 Die Gattungsgeschichte hinter Kleists Erzählungen

Es gibt in diesem speziellen Punkt, ebenso wie im oben abgehandelten theoretischen Teil, divergierende Meinungen zu der Frage, in welcher Tradition die Novellen - oder hier besser noch Erzählungen genannt - Kleists stehen. Grundsätzlich gibt es zwei Richtungen: zum einen die, die seine Werke in den Kontext der Novelas ejemplares des Cervantes stellen, zum anderen diejenigen, die sie eher in der Tradition der französischen contes moreaux bzw. contes philosophiques sehen.

Festgehalten werden kann, daß das „Erdbeben“ zusammen mit sieben anderen Erzählungen (darunter die Marquise von O., Michael Kohlhaas und Der Findling[28]) im Jahre 1810 unter dem Titel „Erzählungen“ erschien, obwohl Kleists selbst die Titulierung „Moralische Erzählungen“ vorgeschlagen hatte.[29]

Darin sehen die Befürworter der „ contes -Tradition“ einen Beleg für ihre Theorie; sie führen an, die durch Marmontel im Jahre 1763 geschriebenen contes moreaux, 1770 ins Deutsche übersetzt und 1782/84 durch Sophie von LaRoche unter dem Titel Moralische Erzählungen im Geschmack Marmontels aufgegriffen, seien Kleist eine Inspiration für seine Erzählungen - und das nicht nur für den Titel - gewesen. Weiterhin führen sie aus, möglicherweise läge eine Beziehung zu der „Untergattung der contes moreaux “, den contes philosophiques [30], vor; diese wurden insbesondere durch Voltaire in seinem Candide (1759) geprägt, der damit ein „Philosophieren mit den Mitteln des fiktionalen Schreibens“[31] einführte. In diesem Punkt jedoch soll, so die Vertreter der Theorie, Kleist von dem „Vorbild“ Voltaire abweichen, da er nicht die Philosophie an sich in den Mittelpunkt stellte, sondern seinen Erzählungen ein „philosophisches Problemfeld“[32] zugrunde lag, in welchem sich die Geschichte entspann.[33]

Bennett scheint zum Teil ebenfalls eine Verbindung zu den contes zu sehen, obwohl er diesen Gedanken nicht explizit anführt. In seiner Einleitung zu der „Metaphysischen Novelle“[34] Kleists bringt er den Begriff „moralische Erzählungen“ ein, die er als Erzählungen definiert, in welchen „moralische Probleme, mit denen nicht nur die Hauptcharaktere, sondern auch die untergeordneten Charaktere umzugehen haben, vorgelegt werden.“[35] Im weiteren jedoch weicht er von der strengen Linie der „ contes -Befürworter“ ab. Er sieht Kleist nicht in einer besonderen Tradition (obgleich er eine Verbindung mit Boccaccio nicht ausschließt[36] ), sondern sieht ihn als Begründer einer speziellen Art - eben der „Metaphysischen Novelle“ - die zwischen der klassischen (Goethe) und der romantischen steht, dabei jedoch eher zur Vorlage der romantischen Novelle dient.[37] Das Eigentliche an seinen Novellen sieht er in dem metaphysischen und irrationalen Moment, wobei er das Irrationale bereits im allgemeinen Teil als konstatierend für die Novelle betrachtete.[38] Dieses Element offenbart sich in den Ereignissen, die den Protagonisten und untergeordneten Personen seiner Novellen widerfahren: sie haben „mit Merkwürdigem/ Fremdem zu kämpfen, dem Ungewöhnlichen, Außergewöhnlichen. Erdbeben, Krieg, Revolution, Mord, Vergewaltigung - dieses sind die Aspekte des Lebens, die er zeigt.“[39] Daneben spiele das Exotische in Kleists Novellen eine Rolle, so Bennett; außerhalb von familiären und zeitgemäßen Zirkeln drifte Kleist in eine „exotische Distanz des Ortes oder der Zeit“[40]. Ebenso sei der Wendepunkt ein Merkmal seiner Erzählungen, von dem ab das Geschehen in eine völlig andere Richtung laufe. Bemerkenswert an diesen Ausführungen ist, daß sie eingangs die Abwesenheit eines Erzählrahmens ob der Abwesenheit eines Erzählers hervorheben[41]. Gerade in diesem Punkt scheint mir Bennett zu voreilig zu argumentieren: im „Erdbeben in Chili“ gibt es, wie ich zeigen werde, sehr wohl einen Erzähler, der allerdings eine „Kleist-typische“ Distanz einhält und nur bisweilen ostentativ zu Tage tritt - doch dazu später mehr.

Abschließend für dieses Kapitel noch die Verfechter der Cervantes-Tradition bei Kleist.

Insbesondere Aust, unter Zitation Samuels, verweist auf die Beziehung zu Cervantes, die sich im Titel „Moralische Erzählungen“ zeigen soll. Eine spezielle Grundlage sieht er in „Die Macht des Blutes“, die die Novellen Kleists „in die Tradition eben der europäischen Novelle“[42] stellen mag. In der Umkehrung und der Ad-absurdum-Führung der herrschenden Moral seien Cervantes und Boccaccio sich ähnlich, so Aust bzw. Samuel.[43] Mir mutet dieses Konstrukt zu unwahrscheinlich, und nur schwerlich kann ich es nachvollziehen, so daß ich auf eine weitere Ausführung verzichten möchte, um stattdessen lieber zu überprüfen, inwieweit sich die theoretischen Ansätze im „Erdbeben“ verifizieren oder falsifizieren lassen.

3.2 Die Realisation der Theorien in „Das Erdbeben in Chili“

Die Überschrift dieses Kapitels setzt bereits eine Realisation einiger theoretischer Ansätze und Klassifikationsmöglichkeiten voraus. Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, daß der Gutteil der aufgeführten Theorien nach der Entstehungszeit der Novellen entwickelt wurde; mithin darf es nicht verwundern, wenn Übereinstimmungen auftauchen. Aus diesem Grunde stelle ich zwei quasi zeitgenössische Ansichten über Kleists Erzählungen voran.

3.2.1 Kleist im Urteil der Zeitgenossen

Eine positive Beurteilung - und zugleich eine Bestätigung des novellistischen Stils - der „Erzählungen“ Kleists lieferte Wilhelm Grimm im Jahre 1812. Er führte an, die Erzählungen verdienten es, „vorzugsweise Novellen genannt zu werden, im eigentlichen Sinne dieses Wortes; denn das wahrhaft Neue, […], Außerordentliche in den Charakteren, Begebenheiten, Lagen und Verhältnissen wird in ihnen dargestellt, […] mit einer so tiefen Gründlichkeit […], daß das Außerordentliche als so unbezweifelbar gewiß […] erscheint wie die gewöhnlichste Erfahrung.“[44] Nicht nur, daß Grimm die Kleist’schen Werke unzweifelhaft als Novellen betrachtete, er führte auch bereits Elemente an, die wir schon bei Bennett gesehen haben - das Außerordentliche, das Neue - oder das Gewöhnliche im Außerordentlichen.

Goethe hingegen, der „Klassiker“[45] unter den Novellisten, sah in Kleists Erzählungen keine Novellen, denn ihm fehlten „Heiterkeit, Anmut und fröhlich bedeutsame Lebensbetrachtung italienischer Novellen“[46]. Anscheinend war es gerade das Irrationale, Metaphysische, Dunkle, was Goethe an Kleist nicht mochte; oder wie Aust anführt: das „nicht zu bewältigende Unschöne[n] und Beängstigende[n] des hypochondrischen Nordländers“[47] sah Goethe im Gegensatz zum eigentlichen Inhalt der Novelle.

Wie nun sehen heutige Literaturwissenschaftler die Werke Kleists?

3.2.2 Kleist in neuerer Betrachtung

Gemessen an Bennett und Hirsch handelt es sich bei „Das Erdbeben in Chili“ eindeutig um eine Novelle. Das, was Bennett als typisch für Kleist - aber auch für die Novelle an sich - postuliert hat, wird erfüllt: das irrationale Element von außen - das Erdbeben -, mit dem die Protagonisten - Jeronimo, Josephe - und untergeordnete Personen - vom erschlagenen Bischof bis zum Schuster Pedrillo - zu kämpfen haben; die Exotik findet sich im Schauplatz Chili (heute Chile) oder konkreter St. Jago (heute Santiago). Es findet sich ein Ereignis mit Auswirkung auf einen Personenkreis - i. e. S. auf Jeronimo, Josephe, Don Fernando und die Familie, i. w. S. auf die gesamte Bevölkerung St. Jagos -, das Sujet ist ziemlich einmalig in der Novellengeschichte. Ein Erdbeben mit derart gravierenden, ja brachialen Folgen und so viel Unglück ist nach meinem Wissen nicht ein zweites Mal literarisch verarbeitet worden. Das Geschehen findet in der Realität statt, ist nicht der Auswuchs purer Imagination; Kleist hat erwiesenermaßen sorgfältig recherchiert, bevor er sein „Erdbeben“ nach Chile verlegte[48]. Der Wendepunkt jedoch bietet eine gewisse Problematik: ist er im Erdbeben zu sehen, das die Liebenden vor dem Tode rettet, oder eher im Tale (locus amoenus), wo ein glückliches Ende möglich scheint, oder doch in der Endszene in der Dominikanerkirche, wo das schreckliche Ende ansteht? An allen drei potentiellen Punkten ändert sich der Verlauf der Novelle ändert; Bennett selbst sieht den Wendepunkt im Erdbeben, da es das Leben zweier, zum Tode verurteilter, Liebender rettet.[49] Wie dem auch sei, es treffen weitere Faktoren zu, die ich jedoch nur der Vollständigkeit halber erwähne, weniger wegen deren Relevanz: die Länge entspricht der geforderten (18 Seiten[50], Lesezeit ca. 20 - 30 Minuten), die Begebenheit ist, wie oben schon angedeutet, sowohl „unerhört“ als auch neu, der Inhalt ist konzentriert auf das Schicksal Jeronimos und Josephes, wobei ihr gemeinsames Kind Philipp eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.

Hirsch sieht den Beginn der Erzählung durch das Erdbeben als typisch novellistisch an: „Im Erdbeben aber vollzieht sich der ungeheuerliche Einsatz eines ganz neuen Geschehens, […], und dieses erst wird zum Thema der Novelle.“[51] Auch er bezeichnet es als Wendepunkt und erkennt ihm die irrationale Gewalt an, der die Personen der Erzählung ausgesetzt sind.[52]

Zum Abschluß noch einmal Bennett und seine Behauptung, es ermangele eines Erzählers; sicherlich findet sich kein hervorgehobener Erzähler im „Erdbeben“, aber er läßt sich vereinzelt, insbesondere dann, wenn es um das harte Schicksal Jeronimos und Josephes geht, feststellen.[53] So in 51,28 bis 52,16: ohne explizit aufzutreten oder sich zu äußern, bekundet der Erzähler Mitleid mit Josephe (junge Sünderin ohne Rücksicht auf ihren Zustand, 51,29/30; wegen ihres sonst untadelhaften Betragens lieb gewonnen, 52,3/4) und betrachtet diejenigen, die sich am „Schauspiele“ (52,14) ergötzen wollen, mit urteilendem Sarkasmus (fromme Töchter, 52,13; schwesterlichen Seite, 52,15). In der Schilderung des locus ameonus zeigt er sich darin, daß er die Gedanken der Liebenden beschreibt (vgl. 59,22 ff.); das einzige Mal ostentativ tritt der Ezähler in 52,35 zu Tage, wo er sagt: „Eben stand er, wie schon gesagt, an einem Wandpfeiler, …“. Damit dürfte Bennetts These widerlegt sein, und ich werde nicht weiter darauf eingehen, ob es sich um einen auktorialen Erzähler handelt, wie Kircher meint[54], ob er objektiv oder subjektiv erzählt oder wie typisch der Erzähler für die Kleist’sche Novelle ist. Es führte zu weit vom Thema weg, das ich mit einer Zusammenfassung beenden möchte.

4 Zusammenfassung

Mit Bezug auf die in der Einleitung aufgeworfenen Leitfragen läßt sich folgendes festhalten: eine allgemeingültige Theorie zur Novelle gibt es nicht, aber eine hilfreiche Annäherung durch Bennetts wiedergegebene Definition. Viele Versuche, die Novelle in ein Schema zu pressen, führten nur dazu, daß man zwar eine Theorie hatte, aber alles, was nicht zu ihr paßte, als Novelle verneinte und in andere Gattungen verwies. Ob es, eingedenk der z. T. verzweifelt anmutenden Klassifikationsversuche, überhaupt sinnvoll ist, Kategorien herauszuarbeiten und als Optimum darzustellen, sei dahingestellt und liege im Ermessen des Lesers, dem ich einige Anhaltspunkte geben konnte.

Sind Kleists Erzählungen - insbesondere das „Erdbeben“ - Novellen? steht noch als Frage im Raum. Im Sinne der überzeugenden Argumentation Bennetts muß man sie mit einem ‘Ja’ beantworten, und bei der Betrachtung des „Erdbebens in Chili“ kann man nur zu dem Schluß kommen, daß diese Begebenheit de facto „unerhört“ ist und in ihrer konzentrierten Form ihresgleichen sucht. In welcher Tradition Kleist steht resp. ob er überhaupt in einer steht, überlasse ich wiederum dem Leser; auch hier hoffe ich, ausreichende Anhaltspunkte und Argumente zur Urteilsbildung gegeben zu haben.

5 Verwandte Literatur

5.1 Textgrundlage

Kleist, Heinrich von, Die Marquise von O…, Das Erdbeben in Chili, Stuttgart 1996

5.2 Sekundär- und Forschungsliteratur

Appelt, Hedwig und Grathoff, Dirk, Heinrich von Kleist, Das Erdbeben in Chili. Erläuterungen und Dokumente, Stuttgart 1993;zit.: Appelt/ Grathoff, Das Erdbeben in Chili

Aust, Hugo, Novelle, Stuttgart 1990; zit.: Aust, Novelle

Bennett, E. K., A History of the German Novelle, Cambridge 1961; zit.: Bennett, History of Novelle

Hirsch, Arnold, Der Gattungsbegriff „Novelle“, Berlin 1928; zit.: Hirsch, Gattungsbegriff

Kircher, Hartmut, Heinrich von Kleist, Das Erdbeben in Chili, Die Marquise von O… Interpretationen, München 1992; zit.: Kircher, Das Erdbeben in Chili

Krämer, Herbert (Hrsg.), Theorie der Novelle. Arbeitstexte für den Unterricht, Stuttgart 1995;

zit.: Krämer, Theorie der Novelle

Kunz, Josef (Hrsg.), Novelle, Darmstadt 21973;zit.: Kunz, Novelle

Wiese, Benno von, Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka. Interpretationen, Düsseldorf 1965;zit.: Wiese, Deutsche Novelle

[...]


[1] Bennett, History of Novelle, S. 15

[2] ebd., S. 1

[3] Schunicht, Falke am Wendepunkt, in: Kunz, Novelle, S. 439

[4] Aust, Novelle, S. 20

[5] Bennett, History of Novelle, S. 3 f.

[6] alle Angaben aus Aust, Novelle, S. 9

[7] Eckermann, Gespräche mit Goethe, in: Kunz, Novelle, S. 34

[8] Goethe, Unterhaltungen Ausgewanderter, in: Kunz, Novelle, S. 29

[9] Aust, Novelle, S. 10 f.

[10] ebd., S. 13 ff.

[11] Aust, Novelle, S. 16

[12] cf. Aust, Novelle, S. 17

[13] Schlegel, Poetische Werke des Boccaccio, in: Kunz, Novelle, S. 40

[14] ebd., S. 41

[15] Hirsch, Gattungsbegriff Novelle, S. 146

[16] Wieland, Gesammelte Schriften, in: Kunz, Novelle, S. 28

[17] Ernst, Technik der Novelle, in: Krämer, Theorie der Novelle, S. 53

[18] ebd., S. 55

[19] ebd., S. 56

[20] Ernst, Technik der Novelle, in: Krämer, Theorie der Novelle, S. 51 - 57

[21] Mackensen, Novelle, in: Kunz, Novelle, S. 394 ff.

[22] ebd., S. 398

[23] ebd., S. 407 f.

[24] Schunicht, Falke am Wendepunkt, in: Kunz, Novelle, S. 440

[25] ebd., S. 443

[26] Schunicht, Falke am Wendepunkt, in: Kunz, Novelle, S. 441

[27] Bennett, History of Novelle, S. 18 f.; selbst übersetzt und gekürzt

[28] Bennett, History of Novelle, S. 37

[29] Appelt/ Grathoff, das Erdbeben in Chili, S. 76 f.

[30] ebd., S. 78

[31] Appelt/ Grathoff, Das Erdbeben in Chili, S. 79

[32] ebd.

[33] Ansatz in: Appelt/ Grathoff, Das Erdbeben in Chili, S. 76 - 79; vgl. dazu auch: Kircher, Das Erdbeben in Chili, S. 22 - 24

[34] Bennett, History of Novelle, S. 37 - 46

[35] ebd., S. 37

[36] ebd., S. 37

[37] ebd., S. 39 und 46

[38] ebd., S. 40; vgl. auch S. 5 f.

[39] ebd., S. 42

[40] Bennett, History of Novelle, S. 44

[41] ebd., S. 37 f.

[42] Aust, Novelle, S. 73

[43] ebd., S. 74

[44] in: Aust, Novelle, S. 75

[45] vgl. Bennett, History of Novelle, S. 20

[46] Aust, Novelle, S. 74

[47] ebd.

[48] vgl. Appelt/ Grathoff, Das Erdbeben in Chili, S. 35 - 50 und Kircher, Das Erdbeben in Chili, S. 9 f.

[49] Bennett, History of Novelle., S. 45

[50] in der verwandten Reclam-Ausgabe (ebenso in den folgenden Angaben)

[51] Hirsch, Gattungsbegriff Novelle, S. 126

[52] ebd., S. 127

[53] vgl. dazu Wiese, Deutsche Novelle, S. 54 f.

[54] Kircher, Das Erdbeben in Chili, S. 65 - 68

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Theorien zur Novelle und die Novelle bei Kleist
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Novellen und Erzählungen des 19. Jhd.
Note
2
Autor
Jahr
1997
Seiten
15
Katalognummer
V111225
ISBN (Buch)
9783640127368
Dateigröße
400 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorien, Novelle, Kleist, Novellen, Erzählungen
Arbeit zitieren
Jochen O. Ley (Autor), 1997, Theorien zur Novelle und die Novelle bei Kleist, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111225

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