Ursprünge nationaler Identität der ukrainischen Bauern in Galizien von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum beginnenden 20. Jahrhundert


Bachelorarbeit, 2006
51 Seiten, Note: 1,5

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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Galizien bis
2.1 Galizien bis
2.1.1 Kiewer Rus´ (981)
2.1.2 Königreich Polen-Litauen (1340 bzw. 1387)
2.2 „Königreich Galizien und Lodomerien“ bis
2.2.1 Lage der Bauern
2.2.2 Österreichische Reformen
2.2.3 Auswirkungen der Neuordnung

3 Voraussetzungen für die Neubelebung der ukrainischen Nationalbewegung
3.1 Revolution von 1848/
3.1.1 Kulturelles Erwachen
3.1.2 Politisches Erwachen
3.2 Politische Entwicklungen 1850-
3.2.1 Politik des Neoabsolutismus 1850-
3.2.2 Die konstitutionelle Ära (seit 1859)
3.3 „Der Kampf um Boden, Wald und Wiesen“
3.4 Nationalbewegung und nationale Identität
3.4.1 Erste Organisationsversuche
3.4.2 Überwindung der Distanz?
3.4.3 Neue Generation politisch aktiver Bauern
3.4.4 Zusammenrücken innerhalb der Nationalbewegung

4 Schlussbetrachtung

5 Abstract

6 Anhang

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Übersetzung des Landesnamen „Ukraina“, zu deutsch „Grenzland“, bezieht sich nicht nur auf die geografische Lage des Gebietes im Osten Europas, das sich zwischen den Karpaten im Westen, dem Donezgebiet im Osten, der Krim und dem Schwarzen Meer im Süden und den Pripjet-Sümpfen im Norden erstreckt. Es weist auch hin auf die multikulturelle Grenzlage zwischen Ost und West als Schnittpunkt der Kulturen und Völker zwischen dem Osmanischen Reich im Süden, Russland im Norden und Polen im Westen. Im Laufe seiner Geschichte und aufgrund seiner Attraktivität war das Gebiet der Ukraine immer wieder Gegenstand von Konflikten um seine Herrschaft. Wiederholt wurden seine Bewohner von den angrenzenden großen, polnischen und russischen, Nationen und Herrschern vereinnahmt. Aus nicht stattgefundener Abgrenzung von den Polen und Russen, dem damit verbundenen Assimilationsdruck und fehlender Eigenstaatlichkeit der ukrainischen Nation ergibt sich auch die Erklärung dafür, warum die ukrainische Nation erst im Jahre 1991 selbstständig und unabhängig wurde. Die Ursprünge dieser Entwicklung der Nationsbildung gründen sich auf die Entdeckung/Erweckung nationalen Bewusstseins und Identität, die sich in Europa seit dem 19. Jahrhundert vollzog. Um die Entwicklung des ukrainischen Nationalbewusstseins, das Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist, auf ein theoretisches Gerüst zu stellen, sollen im Folgenden die Begriffe „Nation“, „Nationalbewusstsein“ und „Nationalismus“ erklärt werden.

Hroch definiert „Nation“ als

„Großgruppe, die durch Kombination mehrerer Arten von Beziehungen charakterisiert wird, die sich einerseits aus dem grundlegenden Antagonismus zwischen Menschen und Natur auf einem bestimmten Territorium, andererseits aus dem Reflex dieser Beziehungen im Bewusstsein der Menschen ergeben.“[1]

Diese Beziehungen können zwischen einer bestimmten Zahl von Individuen sprachlicher, wirtschaftlicher oder kultureller Natur bestehen, sie sind nicht voneinander isoliert, sondern hängen voneinander ab. Weiter schreibt Hroch über die Entstehung und Definition von „Nationalbewusstsein“ (bei unterdrückten Völkern). Nach und nach trenne sich von der Großgruppe eine bereits bestehende Gruppe von Menschen ab und nähme zahlenmäßig zu. Diese Menschen werden intensiver durch die Kombination einiger Arten von Beziehungen miteinander verknüpft und leben auf einem von Individuen bewohnten Territorium. Diese intensiver miteinander verbundenen Individuen stehen gegenüber ihrer Umgebung als aktiver Faktor da, bilden eine treibende Kraft, die ihre Umgebung in ein Netzwerk von Wechselbeziehungen einschließt. Daraus ergibt sich laut Hroch die Ausbreitung des Nationalbewusstseins.[2] Bei Veränderungen der Nation als Großgruppe ist dieses Nationalbewusstsein dauerhafter, verändert sich langsamer als das Gruppenbewusstsein und

„bewahrt so den Anschein der Kontinuität einer unveränderten nationalen Existenz noch lange, nachdem schon große territoriale, sprachliche oder ökonomische Verschiebungen eingetreten waren.“[3]

Hobsbawm schafft einen Überblick darüber, wie sich der Nationalismus in der westlichen Welt seit 1780 entwickelt hat. Im Folgenden sollen die dort entwickelten drei Perioden des Nationalismus vorgestellt werden, die auch mit dem Zeitraum des in der vorliegenden Arbeit behandelten Themas übereinstimmen. Der volkstümliche Pronationalismus steht für ihn in direktem Zusammenhang mit Sprache und ethnischer Zugehörigkeit.[4]

„Man kann kaum bestreiten, dass Menschen, die in enger Nachbarschaft miteinander leben, ohne einander verstehen zu können, sich selbst als Sprecher der einen Sprache identifizieren und die Angehörigen anderer Gruppen als Sprecher anderer Sprachen oder zumindest als Nicht-Sprecher der eigenen Sprache.“[5]

Herkunft und Abstammung bilden die gemeinsamen Merkmale der Mitglieder einer Volksgemeinschaft. „Verwandtschaft“ und „Blut“ binden die Mitglieder einer Gruppe aneinander und schließen Außenstehende aus. Dennoch bestreitet Hobsbawm nicht, dass sich nur sehr wenige moderne Nationalbewegungen wirklich auf ein starkes ethnisches Bewusstsein stützen und deshalb erst eines erfinden müssen. Weiterhin bringt Hobsbawm die Religion ins Spiel. Sie sei „eine alte und bewährte Methode, Gemeinschaften durch gemeinsame Bräuche und eine Art Brüderschaft zwischen Menschen herzustellen, die ansonsten nichts miteinander gemein haben.“[6] Während die Religion an sich für ihn kein notwendiges Merkmal von Pronationalismus ist, sind es umso mehr die heiligen Ikonen, die Symbole und Rituale oder kollektiven Bräuche (gemeinsame Bilder oder Praktiken). Meist seien die Ideologien sozial und religiös motiviert gewesen.

Die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts war geprägt von Religion sowie gesellschaftlichen Rangunterschieden. Autonom verfasste Obrigkeiten unterhalb des höchsten Herrschers oder die selbstverwalteten Gemeinden und Korporationen standen wie ein Schutzschirm zwischen Untertan und Kaiser oder König und überließen es der Monarchie, Tugend und Gerechtigkeit zu repräsentieren.

Für den Herrschenden in Europa nach 1789 war die Nation als Territorium definiert, über dessen gesamte Einwohnerschaft er herrschte, durch klar festgelegte Landesgrenzen von anderen derartigen Territorien getrennt. Die politische Herrschaft und die Verwaltung waren unmittelbar und nicht über vermittelnde Systeme von Herrschern und autonomen Körperschaften organisiert. Das Staatsoberhaupt herrschte über ein territorial bestimmtes „Volk“ als höchstes „nationales“ Organ. Seine Stellvertreter erreichten mit der Zeit sämtliche Bewohner. Durch den sich in dieser Periode vollziehenden Demokratisierungsprozess und die Ausdehnung des Wahlrechts auf weite Bevölkerungsschichten, war die Unterstützung des einfachen Mannes gegenüber dem Höherstehenden oder dem Staat nicht mehr automatisch gegeben. Deshalb wurde es notwendig, neue Formen der staatsbürgerlichen Loyalität, eine „Bürgerreligion“ (Patriotismus) zu entwickeln. Ethnische Zugehörigkeit und Sprache rückten in den Hintergrund. Zur Entwicklung des Patriotismus wurde die Kommunikation mit den Einwohnern, besonders in den Grundschulen, genutzt, um das Bild und Erbe der „Nation“ zu verbreiten. Dazu wurden häufig Traditionen oder sogar Nationen von den Herrschenden „erfunden“. Die Loyalität des neuen Nationalismus galt nicht dem „Land“, sondern seiner besonderen Auffassung desselben, einer ideologischen Konstruktion. Nach 1830 nahm der Nationalismus mit der Auffassung, die Sprache sei die Seele der Nation, neue Formen an. Man kam zu der Erkenntnis, dass die Bildung der Massen in einer Landessprache erfolgen musste.[7] Die Erfordernisse des modernen Verwaltungsstaates zwangen mit dem Beginn der Volkszählungen jedermann, seine (sprachliche) Nationalität zu wählen. Dadurch wurde das Aufkommen des Nationalismus begünstigt.

Laut Hobsbawm beanspruchte in der Phase des Nationalismus der Jahre 1880 bis 1914

„(...) jede Gemeinschaft von Menschen, die sich als eine „Nation“ betrachteten, das Recht auf Selbstbestimmung, das letzten Endes das Recht auf einen eigenen, souveränen und unabhängigen Staat auf ihrem Territorium bedeutete. Zweitens und als Folge dieser Vermehrung potentieller Nationen ohne Geschichte wurden ethnische Zugehörigkeiten und Sprache zu zentralen, zunehmend entscheidenden oder gar den einzigen Kriterien für die potentielle Nation.“[8]

Diese „folkloristische Wiederentdeckung“ der einfachen Landbevölkerung wandelte die von der fremden herrschenden Klasse oder Eliten initiierte volkstümliche Tradition in die „nationale Tradition“ der ländlichen Bevölkerung, die von der Geschichte vergessen worden waren.

Laut Hroch stellte die „folkloristische Wiederentdeckung“ für die betroffenen Menschen kein Sprachrohr dar, politische Ziele und Forderungen fehlten. Er bezeichnet diese Periode als Phase A. In der Phase B findet eine aktive nationale Propaganda einer Gruppe von Patrioten statt, die nun auch politische Interessen und das Ziel verfolgen, nationales Bewusstsein in breitere Bevölkerungsschichten zu tragen. Erst in der darauffolgenden Phase C kommt es zur Entstehung einer Massenbewegung. Die Bevölkerung kann mobilisiert und in nationalen Organisationen zusammengefasst werden.[9] Hobsbawm schreibt, dass es 1914 es eine Fülle von Bewegungen gab, die es noch 1879 kaum oder überhaupt nicht gegeben hatte.[10]

Im 19. Jahrhundert teilte sich das Gebiet der Ukrainer auf die Reiche Russland und Habsburg auf. Der österreichische Teil setzte sich aus dem Kronland Bukowina, der ungarischen Karpato-Ukraine und Galizien[11] zusammen. Als ein Beispiel ukrainischer Nationsbildung soll (deshalb) das österreichische Kronland „Galizien und Lodomerien“ Gegenstand dieser Arbeit sein.

Die bereits erwähnte gesellschaftliche Multikulturalität Galiziens traf lediglich für die Stadträume zu. Die ländlichen Regionen waren geprägt durch das Aufeinandertreffen der polnischen und der ukrainischen Welt. Das Ergebnis der Jahrhunderte langen Vormachtstellung des polnischen großgrundbesitzenden Adels gegenüber den (ukrainischen) leibeigenen Bauern war ein konfessioneller, sozialer, wirtschaftlicher und nationalistischer Graben zwischen diesen beiden Nationen.

Die Ursprünge nationaler Identität der ukrainischen bzw. ruthenischen[12] [13] Bauern sollen im Besonderen Gegenstand dieser Arbeit sein. Die Situation der Bauern rund 60 Jahre vor ihrem nationalen Erwachen wird von Reisenden durch die Region folgendermaßen beschrieben:

„Der Bauersmann ist zur Knechtschaft gewöhnt. Er zeichnet sich durch stille Demuth aus, und trägt auch unschuldige Schläge gedultig.[14]

Und weiter:

„Ich kenne so leicht kein elenderes, sklavischeres, selbst bei der möglichen Unterstützung des Staates durch sich selbst gedrückteres Volk, als dieses. Geschmidet an das eiserne Ruder des Aberglaubens, unwissend im Feldbau, (...) dumm, träge, fühllos, mit einer sklavischen Seele, und einem steten siechen, traurigen, durch einen unersättlichen Hang zur taumelnden Trunkenheit entkräfteten, und verunstalteten Körper, schmutzig in Kleidung und Haushaltung, verwöhnt an eine rauche, thierische Kost.“[15]

Die Belange der leibeigenen Bauernschaft hatten wenig bis gar kein politisches Gewicht. Erst mit der Revolutionsbewegung 1848 entwickelten sich Bewusstsein für Nation und nationale Identität und daraus die ukrainische Nationalbewegung, die sich für ihre Rechte einsetzte und politische Teilnahme auch niederer Bevölkerungsschichten ermöglichte. In der vorliegenden Arbeit sollen Antworten auf die Frage gegeben werden, wo die Ursprünge der ukrainischen Nationalbewegung liegen und wie diese, getragen durch die Motivation der Bauernschaft, sich zum Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer Massenbewegung entwickeln konnte. Dazu werden relevante Eckpunkte zum Nationsbildungsprozess aufgezeigt und analysiert werden.

Bezüglich der verwendeten Literatur sind für diese Arbeit folgende Werke von Relevanz: Den Zustand Galiziens nach der ersten polnischen Teilung behandeln Glassl (in Bezug auf Reformen Maria Theresias und Josephs II. und gesellschaftliche Veränderungen) und Brawer. Dieser liefert eine detaillierte Bestandsaufnahme der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse nach statistischem Material. Mises gibt in „Die Entwicklung des gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisses in Galizien bis zu seiner Auflösung (1772-1848)“ die Lage der Bauern bis zu ihrer Emanzipation und Befreiung 1848 wieder. Jedoch lässt sich bei ihm keinerlei Verständnis für das Verhalten der Bauern feststellen. (Für ihn scheinen die josephinischen Reformen wenig Sinn gehabt zu haben.) Magoscis „Historical Survey and Bibliographic Guide“, Bihls „Ruthenen“ und Werdts „Halyc-Wolhynien-Rotreußen–Galizien“ geben einen zuverlässigen Überblick der historischen, kulturellen, politischen und sozialen Entwicklungen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Die detaillierten Monographien Himkas behandeln die Rolle der griechisch-katholischen Kirche, sowie die bäuerliche Dorfgemeinschaft, die soziale Schichtung der galizischen Gesellschaft, immer im Bezug auf deren Einflüsse auf die ruthenische bzw. ukrainische Nationalbewegung. Kappeler vergleicht in „Die ukrainische Nationalbewegung im Russischen Reich und in Galizien: Ein Vergleich“ die Nationalbewegungen des Russischen Reiches und Galiziens und orientiert sich dabei am Hroch´schen Ansatz der Drei-Phasentheorie. Kai Struve thematisiert detailliert die Situation der polnischen und ruthenischen Bauern und die Entwicklung ihrer Nationalbewegungen. Er stellt in seinem Werk, einer überarbeiteten Version seiner Dissertation aus dem Sommersemester 2002 an der FU Berlin mit dem Titel „Bauern und Nation in Galizien“ einen Vergleich zwischen der Integration der bäuerlichen Bevölkerung in die polnische und der ruthenisch- ukrainischen Nation in Galizien an. Er geht der Frage nach, wie sich nationale Identifikationen verbreiteten und nationale Öffentlichkeiten, Vereine und Parteien die Isolation der Dorfgemeinschaften durchbrachen. Der Zusammenhang zwischen den sozialen Interessen der Bauernschaft und der Akzeptanz von nationalen Identifikationsangeboten wird aufgezeigt. Zudem verdeutlicht Struve am Ende der Arbeit, dass die nationale Einbindung der Bauern mit der gesellschaftlichen Ausgrenzung der Juden einherging. Zwar wird das Bild der polnischen und ruthenischen Bauern in der Hochkultur und der Konflikt zwischen Bauern und Gutsherren bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts aufgezeigt, das Hauptaugenmerk legt er jedoch auf die Zeit nach dem „Völkerfrühling“ 1849 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich wie folgt: Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Geschichte Galiziens von 981 bis 1848. Es beschreibt die sich im Mittelalter entwickelnden Voraussetzungen, die in der frühen Neuzeit die Konflikte zwischen „Polen“ „Juden“ und „Ukrainern“ begründeten. Zuerst soll hierzu die frühe Geschichte der Region bis 1340 beleuchtet werden. Dazu zählen die Zugehörigkeit zur Kiewer Rus´, zur Rotyslaviden- Herrschaft und zum Fürstentum Halyc-Wolhynien. Danach wird die polnische Ära und die Zugehörigkeit Rotreußens zum Königreich Polen-Litauen bis zur ersten polnischen Teilung 1772 näher beleuchtet. Im Anschluss wird der zeitliche Abschnitt des „Königreichs Galizien und Lodomerien“ als Teil der Habsburgermonarchie bis zum Beginn der Revolution 1848 behandelt. Dazu werden die josephinischen Gesetzgebungen und Reformen, sowie die gesellschaftliche Schichtung und die Lage der Bauern behandelt. Der zweite Teil dieser Arbeit fragt nach den Voraussetzungen, die für die Neubelebung der ukrainischen Nationalbewegung von Bedeutung waren. Zu Beginn sollen die Revolutionsjahre 1848/49 thematisiert werden. In dieser Zeit betraten die Ukrainer zum ersten Mal die moderne politische Bühne. Ihre Aktivitäten erstreckten sich auf Galizien selbst, auf den Slawen - Kongress in Prag und auf den neu gewählten Reichstag in Wien. Erste nationale Organisationen und ukrainische Zeitungen wurden gegründet. Weiterhin werden die politischen Entwicklungen bis zum beginnenden 20. Jahrhundert beleuchtet. Die Periode des Neoabsolutismus unter Franz Joseph, die konstitutionelle Ära und die polnische Autonomie werden eingehend dargestellt. Auch die sozio - ökonomischen Entwicklungen sollen in dieser Arbeit thematisiert werden. Darunter fällt im Besonderen der Konflikt um die Servituten und Boden, der viele Bauern für die politische Auseinandersetzung mobilisierte. Der nachfolgende Abschnitt zeigt detailliert die Entwicklung der ruthenischen bzw. ukrainischen Nationalbewegung zur Massenbewegung zwischen den 1870er Jahren und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf. Die gewonnen Erkenntnisse werden im Anschluss zusammengefasst und mit der einleitenden Fragestellung in Zusammenhang gebracht. Zur Veranschaulichung der geografischen Gegebenheiten und Ausdehnung Galiziens befinden sich im Anhang Karten der Region der für diese Arbeit relevanten Perioden.

2 Galizien bis 1848

Die Geschichte der Region Galizien, zum größten Teil auf dem Gebiet der heutigen südwestlichen Ukraine und eines kleinen Teils im Süden des heutigen Polen gelegen, war während seiner 1000jährigen Geschichte durch die Zersplitterung auf unterschiedliche Herrschaftsgebiete bestimmt. Sein Ursprung liegt in dem ostslawisch-orthodoxen mittelalterlichen Großreich der Kiewer Rus´. Nach dessen Zerfall gehörte Galizien zum Königreich Polen-Litauen. Als Folge der ersten polnischen Teilung fiel die Region Galizien an die Habsburger Monarchie.

2.1 Galizien bis 1772

2.1.1 Kiewer Rus´ (981)

Informationen über die in dieser Arbeit behandelte Region um das 10. Jahrhundert sind nur spärlich oder gar nicht vorhanden. Gewiss ist jedoch, dass die Kiewer Rus´ selbst nicht mehr als ein lose gestricktes Bündnis von Fürstentümern war. Jedes Fürstentum hatte seinen eigenen oder mehrere Herrscher, die jedoch nicht ganz unabhängig von der übergeordneten Macht des Großfürsten in Kiew regierten. Der Kiewer Einfluss brachte das orthodoxe Christentum und die alt(kirchen)slawische Sprache nach Galizien.

Die erste Erwähnung findet die Region im Zusammenhang mit der Eroberung einiger ihrer Städte, darunter Przemysl und Cherven, durch den Kiewer Großfürsten Volodymyr/Vladimir „dem Großen“ um das Jahr 980 in der ersten Rus´ Chronik aus dem 11. Jahrhundert.[16] (Zur besseren Veranschaulichung siehe Karte 1 im Anhang auf Seite 48.) Der nächste Eckpunkt ist die Teilung des Reiches in die Herrschaftsgebiete Zvenyhorod, Przemysl und Terebovlia im Jahr 1056. 1141 wurden die Gebiete wieder vereinigt, die Hauptstadt Halyc gegründet und das Hoheitsgebiet ausgehend von seiner ursprünglichen Basis entlang der Ober-Buh und Ober-Dniester in Richtung Südosten weiter bis zum Schwarzen Meer erweitert. In dieser Zeit begann Galiziens ökonomischer Reichtum zu wachsen. Dies war hauptsächlich auf den Export von Salz aus Halyc nach Kiew und durch den internationalen Handel mit Byzanz, Kiew und Ostmitteleuropa zurückzuführen. Innen- sowie außenpolitische Machtkämpfe ließen das Gebiet immer wieder Schauplatz katastrophaler Kriege werden und führten schließlich zu seinem Untergang, als sich die Boyaren[17] nach dem 12. Jahrhundert aufgrund der starken Zurückhaltung der Fürsten zu einer politisch und wirtschaftlich einflussreichen Gruppe entwickelten. 1199 sorgten sie dafür, dass es zu der Vereinigung der Fürstentümer Galiziens und Wolhyniens unter dem Fürsten Wolhyniens kam, indem sie ihn zu ihrem Herrscher wählten. Die Vorfahren des Fürsten (wie auch die übrigen Nachbarn Ungarn und Polen) bereits häufig versucht, den galizischen Thron zu besteigen. Nach einer Phase von Bürgerkrieg, fremdem Einmarsch und sinkenden wirtschaftlichen Einnahmen, erreichte Galizien-Wolhynien zwischen 1238 bis 1301 seine Blütezeit aufgrund seiner strategisch wichtigen Lage im Schnittpunkt alter Handelsrouten unter dem Fürsten Danilo und seinem Sohn Lev.[18] Als Kiew seine herausragende politische und wirtschaftliche Machstellung nach und nach verlor, nahm Lemberg als „zweites Kiew“ die vorherrschende Rolle im Süden des alten Rus´ ein.[19] Nach einem erneuten Einfall der Mongolen 1240 suchte Danilo westliche Verbündete zur Stärkung seines autonomen Machtkörpers am westlichen Rand der orthodox geprägten Rus´ und fand die katholische Kirche, die während des 13. Jahrhunderts überaus bemüht war, die christliche Welt zu vereinigen.[20] Die Verleihung und Anerkennung der Königswürde (rex Russiae) durch den Papst im Jahre 1253 bedeutet eine Annäherung und Anbindung einer kulturell orthodox verankerten Gesellschaft an den lateineuropäischen Raum.[21]

Rund 140 Jahre nachdem die Boyaren Galizien unter die Herrschaft des Fürstentums Wolhynien gebracht hatten, töteten sie den letzten männlichen Nachkommen dieser Herrscher-Dynastie. Ein neuer Machtkampf/Konflikt um das Gebiet Galizien zwischen den Königreichen Polen, Ungarn und Litauen entbrannte, aus dem Polen siegreich hervorging.[22]

2.1.2 Königreich Polen-Litauen (1340 bzw. 1387)

Militärisch übernahm Polen Galizien 1387, staatsrechtlich wurde dieser Vorgang erst 1434 geschlossen. Die einst südwestrussischen Gebiete Galizien, Wolhynien und Podolien wurden vom russischen Nordosten abgetrennt und als Russia in das katholische Königreich Polen integriert. Die Länder, die direkt an Polen angeschlossen wurden, erhielten später den Namen „Rotrußland“ bzw. “Rotreußen“. Dieser Teil zwischen Wilna und Lemberg umfasste das alte Fürstentum Halic und bestand aus den Ländern Sanok, Przemysl, Halic und Lemberg.[23] (Siehe hierzu Karte 2 im Anhang auf Seite 49.)

Die Aneignung Galiziens durch Polen nach 1340 beeinflusste die weitere Entwicklung des Landes entscheidend. Die orthodoxe ukrainische Region geriet somit unter die Herrschaft des katholischen polnischen Staatsverbands, löste sich aus dem kulturell-zivilisatorischen Verband der ostslawischen Kiewer Rus´ heraus und wuchs in eine hauptsächlich lateineuropäisch geprägte Gesellschaft hinein. Erste spürbare Maßnahme war die Einführung des ius polonicum im Jahre 1434/35. Im Zuge der polnisch-litauischen Realunion wurden die Länder politisch, rechtlich, administrativ und wirtschaftlich in die polnische Adelsrepublik integriert, wodurch sich der Prozess der „Okzidentalisierung“ bzw. „Verwestlichung“ weiter fortsetzte.[24] Die Ausweitung der Bistumsstrukturen der polnischen katholischen Kirche verschärften den konfessionellen Konflikt mit den orthodoxen Ukrainern/Ruthenen. Der Jesuitenorden setzte sich für eine Kirchenunion zwischen der katholischen und orthodoxen Kirche ein. So kam es 1596 in der Union von Brest[25] zur Gründung der Unierten Kirche[26]. Die Feindschaft zwischen der Ost- und der Westkirche konnte durch die Union nicht beseitigt werden. Die Ostkirche spaltete sich in Unierte und Orthodoxe. Durch die Knüpfung von Vorrechten an den katholischen Glauben und das geringe soziale Prestige und die Diskriminierung[27] der Unierten Kirche, traten viele ruthenische Adlige (und Bojaren, landbesitzender Kleinadel) zum Katholizismus über und wurden so akzeptierte Mitglieder dieser privilegierten und kulturell ausstrahlungsstarken polnischen Oberschicht.[28] So kam es, dass fast nur noch ukrainische Bauern Mitglieder der orthodoxen Kirche waren und diese zunehmend als „Bauernkirche“ abgestempelt wurde. Der Kosakenaufstand von 1648-54 sowie die schwedischen und moskowischen Einfälle trugen zur Entwicklung einer intoleranten und fremdenfeindlichen katholischen Adelsgesellschaft bei. Die Erfahrung, dass Feinde von außen immer auch andersgläubig waren, ließ für den Adel den Umkehrschluss zu, dass auch alle Andersgläubigen Feinde seien.[29]

Von nun an war die soziale, konfessionelle und wirtschaftliche Teilung der Gesellschaft vollzogen, in der sich die Polen als Nutznießer, Unterdrücker und Privilegierte und die Ukrainer/Ruthenen als Ausgebeutete und Untertanen in jeder Form gegenüber standen.

Die Bauern waren vollständig in das System der adligen Gutsherrschaft eingebunden. Sie leisteten für den Grundherren Frondienste, alles wurde von ihm kontrolliert. Der Gutsherr war für den Bauern „omnipotent“ und „omnipräsent“. Juden stellten in ihrer Funktion als Gutspächter oder –verwalter, als Mühlenpächter, Schankwirte oder Händler das Bindeglied zwischen adligen polnischen katholischen Gutsherren und ruthenischen orthodoxen/unierten Fronbauern dar. Diese starre gesellschaftliche Schichtung gründete das starke Konfliktpotential auf wirtschaftlicher und sozialer Ebene zwischen Polen und Ukrainern.

2.2 „Königreich Galizien und Lodomerien“ bis 1848

Im Zuge der ersten polnischen Teilung 1772 fielen Galizien und Podolien an die Habsburgermonarchie. (Siehe hierzu Karte 3 im Anhang auf Seite 50.) Dies bedeutete ein Aufeinandertreffen des vormodernen, ständischen, kooperativen Systems der polnisch-litauischen Adelsrepublik mit dem aufgeklärten habsburgischen Obrigkeitsstaat.[30] [31]

2.2.1 Lage der Bauern

Die soziale Entwicklung stellt sich folgendermaßen dar: die Gesellschaft war vorwiegend agrarisch geprägt, 1900 lebten noch 90% der ostgalizischen Bevölkerung auf dem Land.[32] Die wirtschaftliche und soziale Situation der Bauern war als schlecht und trostlos zu bezeichnen.[33] Sie standen als rechtlose Leibeigene bzw. „Sklaven“ ohne aktive und passive Prozessfähigkeit unter der absoluten Gewalt des Gutsherrn. Ihm mussten sie vielfältige Abgaben und unentgeltliche Arbeitsdienste (Frondienste, Robot) leisten. Durch die Schollenpflicht waren sie an den Gutshof und an den ihnen zugewiesenen Boden gebunden. Beim Herrn lag auch das Handlungsmonopol des Dorfes. So wurden die Untertanen gezwungen, bestimmte Waren vom Gutsherrn zu kaufen oder bestimmte Produkte nur an ihn zu verkaufen. Zudem waren sie verpflichtet, eine bestimmte Menge an Branntwein abzunehmen, den der Gutsbesitzer in seiner eigenen Brennerei herstellte. Das Recht, Alkohol zu brennen und auf ihrem Boden zu verkaufen (Propinationsrecht), war nach und nach zu einer wichtigen Einnahmequelle der Gutsbesitzer geworden.[34] Zum Teil wurden die Höfe an Juden verpachtet, die die Bauernschaft vielfach rücksichtsloser ausbeuteten als der Gutsherr selbst.[35]

Im Osten des Landes, östlich des San, war die Lage der Bauern besser als im Westen. Dort zahlten die überwiegend ruthenischen Bauern geringere Abgaben, mussten weniger Robot leisten und hatten mehr und fruchtbareres Land zu bebauen.[36]

2.2.2 Österreichische Reformen

Joseph II. verfolgte das Ziel, alle Schranken und Gewalten zwischen Herrscher und Untertanen zu beseitigen und alle Formen von Sonderrechten und anderen Organisationsformen abzuschaffen. Er war als aufgeklärter Herrscher von der Gleichheit aller Menschen überzeugt und fühlte sich dem Gemeinwohl verpflichtet. Besonders die Institutionen der adligen Selbstverwaltung (sejmiki) waren von diesen Maßnahmen betroffen. Diese wurde durch einen Landtag ersetzt, der jedoch nur über geringe Kompetenzen gegenüber der zentralen Verwaltung in Wien und den von ihr eingesetzten Statthaltern verfügte. Auch die Selbstverwaltung der Städte wurde aufgehoben. Die städtischen Magistratsbehörden benötigten von nun an die Bestätigung durch das Gubernium oder der Kreisverwaltungen. Die Autonomien der ethnischen und religiösen Gruppen wurden mit dem Toleranzpatent von 1789 durch Joseph II. abgeschafft. Jeder Einzelne war nun direkt dem Staat unterstellt. So wurde die Religion von der rechtlich und gesellschaftlich geprägten Ebene verbannt, zuvor hatten sich die einzelnen Konfessionen und Ethnien selbstverwaltet. Das Bildungswesen wurde ebenfalls nach dem Vorbild der Aufklärung modernisiert, was zu der Bildung von Emanzipations- und Nationalbewegungen beitrug. Aus dem Zusammenleben zwischen Polen und Ukrainern wurde eine nationale Feindschaft.[37]

Durch eine Neuordnung Galiziens sollte die Wirtschaft angekurbelt und dadurch Macht und Reichtum Österreichs weiter gestärkt werden. Dazu waren eine Reihe von Reformen nötig. Im Folgenden sollen nun kurz die Veränderungen vorgestellt werden, die die wirtschaftliche Lage der Bauern verbessern sollten. Die Steuerreform war das oberste Ziel der österreichischen Regierung. Die Okkupation seit 1772 hatte erhebliche Geldmittel verschlungen. Für die Neuordnung und die Deckung der Ausgaben durch die Besetzung des Landes war man deshalb auf die Steuereinnahmen aus der Bevölkerung angewiesen.[38] Die Bauern als größte Bevölkerungsschicht (71,57%) waren jedoch aufgrund ihrer schlechten wirtschaftlichen Situation durch die starke Machtposition des Adels/der Magnaten (3,65% der Bevölkerung)[39] nicht in der Lage, Steuern zu zahlen. Um sie zahlungsfähig zu machen, plante man deshalb, die bäuerliche Untertänigkeit zu mildern. Dies bedeutete eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung. Dazu wurde 1782 die Leibeigenschaft aufgehoben und in eine gemäßigte Untertänigkeit mit Rechten und Pflichten ersetzt. Das Robotpatent von 1786 verfügte, dass nur noch bestimmte Forderungen der Gutsherren Geltung besaßen. Andere wurden aufgrund fehlender Nachweisbarkeit in den Inventaren und Gültigkeit gänzlich abgeschafft/verboten. Von nun an konnten die Bauern den Hof verlassen, wenn sie einen Ersatzmann stellten. Die Frondienste wurden auf maximal drei Tage in der Woche begrenzt, die Hilfsdienste aufgehoben. Die Gerichtsreform verfügte die Übergabe der Gerichtsbarkeit und der Verwaltung an Beamte. 1786 wurde den Gutsherren die Gerichtsbarkeit über ihre Untertanen entzogen. 1772 und 1773 wurde den Bauern eingeräumt, Klage gegen unrechte Behandlung durch den Herrn einzureichen. Den Gutsbesitzern wurde die Erlaubnis zur Vollziehung der Todesstrafe entzogen. 1784 wurde den Gemeinden/ Dörfern erlaubt, einen Dorfrichter und Geschworene aufzustellen.[40] Die Steuerreform verfügte die Abschaffung der Naturalabgaben an den österreichischen Staat und legte fest, dass Steuern nur noch in Geldwert zu zahlen seien. Die Steuerfreiheit des Adels und der Geistlichkeit entfiel. Als Grundlage der Steuern wurde der Grund und Boden angesetzt.[41] Die Grundherren und ihr Eigentum an Boden sollten angemessen besteuert werden, damit sie schneller bereit waren, die Grundeigentumsrechte an die Bauern zu übertragen. „Bauernland beim Bauernstand“ und „Bauerngut dem Bauernsohn“[42] war oberstes Ziel der Agrarreform, die am 1. November 1789 in Kraft trat. Alle Untertanengründe waren für den Übergang in bäuerlichen Besitz bestimmt. Die Pächterwirtschaft wurde ebenfalls abgeschafft, indem die Abgaben direkt an den Grundherren gezahlt werden sollten. Dadurch hatten die Bauern nur noch die Hälfte der Leistungen zu erbringen. Die Steuerlast der Bauern wurde wesentlich herabgesetzt. Nur noch 27% der Erträge mussten an den Grundherrn und den Fiskus abgegeben werden. 1/3 der landesfürstlichen Steuer wurde wegen schlechter wirtschaftlicher Lage erlassen, somit konnte der Bauer ca. 73% seiner Erträge für sich selbst und seine Familie behalten.[43]

Auch in den Status der Konfessionen griff Joseph II. im Zuge seiner Reformen ein. Seit 1774 hieß die ruthenische Kirche offiziell „griechisch-katholisch“. Die Ausbildung der griechisch-katholischen Geistlichen sollte seit 1774 im Barbareum in Wien stattfinden. 1783 wurde auch in Lemberg zu diesem Zweck ein staatliches Generalseminar eingerichtet. Durch ein Diplom Josephs II. wurde 1790 der griechisch-katholische Ritus mit dem lateinischen gleichgesetzt. Dennoch bedeutete dies keineswegs eine volle Gleichberechtigung mit der römisch-katholischen Kirche.[44]

2.2.3 Auswirkungen der Neuordnung

Die Reformen bedeuteten eine erhebliche Erleichterung der Situation der Bauern[45], obwohl die administrativen und justiziellen Rechte der Grundherren nicht angetastet wurden. Die wirtschaftliche Lage des Adels wurde durch die österreichischen Reformen stark geschädigt. Der Adel, der seine bisherige privilegierte Stellung nicht verlieren wollte, stand den Reformen Josephs II. verständlicherweise feindlich gegenüber. Aufgrund dieser Widerstände wurden Teile der Reformen nach dem Tod Josephs II. durch seinen Nachfolger Leopold II. wieder aufgehoben. Die Zentralisierung innerhalb der Verwaltung wurde gelockert, autonome Körperschaften wurden geschaffen oder wieder hergestellt und den Ständen wurde ein Mitspracherecht bei der Steuererhebung gewährt.[46]

Nach der Neuordnung Galiziens durch die erlassenen Reformen besonders im Bezug auf das gutsherrlich- bäuerliche Verhältnis, waren die gegenseitigen Rechte und Pflichten unklar. Dies gab Anlass zu Streitigkeiten. Dabei ging es um die Rechte am Wald, auf die die Grundherren bestanden, ungerechte Behandlung der Untertanen oder nicht geleistete Arbeit durch den Bauer. Die Dominien, die erste Instanz der Gerichtsbarkeit, konnte nicht allen Fällen nachgehen. Es kam zu einer „Verrohung“ der Bauern, die Anzahl der Verbrechen wuchs stark an.

Mises schreibt:

„Auf dem flachen Land lösten sich alle Bande der Ordnung, und nirgends waren mehr Leben und Eigentum sicher.“[47]

Die Kluft zwischen Bauern und Gutsherren wurde unüberbrückbar und äußerte sich in grollendem Hass der Bauern gegen ihre Peiniger. Immer öfter musste das Militär helfen, Bauernrevolten zu unterdrücken. Galizien stand am Vorabend einer sozialen Revolution.[48]

Am Aufstand von 1846 und dessen Niederschlagung waren nur polnische Adlige und westgalizische/polnische Bauern beteiligt. Das Ziel des Aufstandes sollte die Vertreibung der österreichischen Besatzungsmacht und die Machtübernahme durch die polnischen Adligen sein. Der Plan, zu diesem Vorhaben durch die Verkündung der Aufhebung sämtlicher Frondienste durch polnische Adlige auch die polnische Bauernschaft zu aktivieren, scheiterte. Gerüchte, die Gutsherren bereiteten ein Blutbad unter den Bauern vor und die Verkündigung der Bauernbefreiung sei eine Täuschung, veranlasste die polnischen Bauern sich auf die Seite der Monarchie zu stellen und den geplanten Aufstand niederzuschlagen.[49] Ein blutiger Bauernkrieg brach aus, zahlreiche Gutshöfe wurden in Brand gesetzt und viele Hundert Adlige fielen ihm zum Opfer.[50]

Biwald schreibt jedoch in Bezug auf eine ruthenische Beteiligung:

„Es ist bekannt, dass der galizische Bauernaufstand von 1846 gegen die Gutsbesitzer neben der sozialen Komponente auch eine nationale hatte: Er war eine Aktion der ruthenischen (ukrainischen) Unterschichten gegen eine polnische Oberschicht und somit ein nationaler und sozialer Gegensatz.“[51]

Und auch Rosdolsky schreibt, dass „die Stimmung der Bauern (...) auch im östlichen, von Ukrainern bewohnten Teil der Provinz bis zum Siedepunkt erhitzt [war].[52]

3 Voraussetzungen für die Neubelebung der ukrainischen Nationalbewegung

3.1 Revolution von 1848/49

Der Bauernaufstand vom Februar 1846 hatte die Aufhebung der Fronen nicht leisten können und bis 1848 wehrten sich die Bauern gegen die zu erbringenden Arbeitsleistungen.[53] Nur durch massiven Einsatz des Militärs konnte dieser Widerstand gebrochen werden.

Der Polizeidirektor Sacher-Masoch schrieb über die ostgalizische und Bukowiner Bauernschaft im Juni 1846 (drei Monate nach dem 25. März 1846):

„Der Unterthan ist wie mit einem Zauberschlage aus seiner hundertjährigen Lethargie erwacht und zu einem Bewusstsein von Kraft und Berechtigung von Ansprüchen gelangt, welche jedermann, der das Land noch vor 6 Monaten gekannt hat, zu einem regen nachdenken stimmen müssen. Von Lemberg bis Czernowitz rückt ein Bauer kaum seine Mütze mehr, wenn er nicht das Abzeichen einer amtlichen Würde erkennt, welche ihn noch zur altgewohnten Demuth stimmt.“[54]

Die polnischen Gutsbesitzer fürchteten einen erneuten Aufstand und unterbreiteten deshalb der Wiener Regierung immer wieder Vorschläge für die Umwandlung der bäuerlichen Pflichten. Die Zentralregierung war jedoch bestrebt, eine Lösung für die gesamte Monarchie zu finden und das gespannte Verhältnis zwischen Bauern und Gutsbesitzern aufrecht zu erhalten.[55] Nur zwei Jahre nach dem „Alptraum“ von 1846 traten die Gegensätzlichkeiten zwischen dem polnischen Adel und den Bauern stärker denn je zu Tage. Die österreichische Regierung setzte deshalb alles daran, die Kaisertreue der Bauernschaft weiter zu stärken und eine Lösung für die drängende Frage nach der Ausweitung der Agrarreform zu finden.[56]

In Ungarn forderte der Revolutionsführer Lajos Kossuth am 3. März in seiner „Taufrede“ der Revolution konstitutionelle Regierungen für alle Länder Österreichs und weitgehende Selbstständigkeit (für Ungarn). So schwappte die revolutionäre Welle nach Wien über und führte dazu, dass auch die anderen Nationen die gleichen Rechte forderten.[57]

Es kam zum Kampf mit den von General Bem angeführten Insurgenten in der Bukowina, die damals noch zu Galizien gehörte. Bem, selbst Pole, war die große Hoffnung des polnischen Adels und des Bürgertums in Galizien. Man erwartete fast täglich den Einmarsch der Aufrührer in Galizien. Als diese sich in Siebenbürgen der Grenze zur Bukowina näherten, kam es auch in Lemberg zu Unruhen, die vom General Freiherr von Hammerstein rigoros unterdrückt wurden. (Er ließ sogar am 2. November 1848 Lemberg bombardieren.)[58] So konnten die polnischen Unabhängigkeitsbestrebungen eingedämmt und niedergeschlagen werden.[59]

Als am 13. März 1848 Metternich, seit 40 Jahren österreichischer Staatskanzler, gestürzt wurde und nach England flüchtete, sicherte die Staatskonferenz den Aufständischen am 15. März ein konstitutionelles Regime zu, womit die Unruhen zunächst ein Ende fanden.[60] Am 16. März 1848 wurde Ungarn ein eigenes Ministerium zugestanden.[61] Dies bedeutete eine weitgehende Unabhängigkeit des Landes bei Fortbestehen einer Personalunion mit Österreich.[62]

Zur selben Zeit begannen die polnischen Radikalen erneut, die Bauern für sich zu gewinnen. Sie begannen, die Aufhebung der bäuerlichen Untertanspflichten zu diskutieren. Für die österreichische Regierung wurde die Provinz Galizien ebenfalls mehr und mehr zum Problemfall. Sie erkannte, dass ohne die Lösung der Bauernfrage das Kronland Galizien nicht an Österreich zu halten sei. Deshalb plante die Regierung ebenfalls die Aufhebung der Frondienste und eine Entschädigung der Bauern durch den Staat, auch um das „Zustandekommen einer nationalen Front von fortschrittlichem Adel und befreiten Bauern“ entgegen zu wirken. So begann zwischen März und Mai 1848 ein Tauziehen der polnischen Gutsherren/Adligen, des polnischen Landtags und der österreichischen Regierung um die Loyalität der galizischen Bauernschaft durch die Aufhebung der Robotpflichten. Durch gutsherrlich-polnisch feindliche Propaganda und durch Schürung des Misstrauens der Bauern gegenüber den Grundherren seitens der Regierung wurden die Bauern zum Spielball gemacht. Diese machten ihren Gefühlen nach der jahrzehntelangen Unterdrückung und Ausbeutung durch die polnischen Gutsbesitzer Luft. Am 17. April 1848 wurden von der Regierung „alle Roboten und unterthänigen Leistungen gegen eine künftig zu ermittelnde Entschädigung auf Kosten des Staates aufgelassen“ und am 15. Mai in Kraft gesetzt.[63]

So wurde durch die Aufhebung der Untertänigkeit, der „gordische Knoten“ des „unzertrennlichen Zusammenhanges“ zwischen dem Steuerwesen und der Agrarverfassung gelöst.[64]

Die Polen versuchten noch darauf hinzuweisen, dass der eigentliche Anstoß zur Aufhebung der Pflichten von ihrer Seite gekommen sei. Doch es nützte nichts mehr. Die Regierung hatte ihr Ziel erreicht, die Bauern davon zu überzeugen, dass nur durch sie eine erhebliche Verbesserung ihrer Lage erreicht werden konnte.[65]

Mitte Juni 1848 erreichte die Bauernbewegung ihren Höhepunkt durch Ausschreitungen mit kommunistischer Tendenz und Plünderungen adliger Schlösser. Das Militär konnte die Bauern kaum unter ihre Kontrolle bringen und die Behörden mussten mehrfach gegen aufständische Dörfer rohe Gewalt einsetzen.

Der galizische Statthalter Goluchowski beschreibt die Lage in seinem Bericht am 13. Juli 1848 folgendermaßen:

„Die mobilen Kolonnen, die in mehreren, insbesondere in den östlichen Kreisen zu wiederholten Malen gegen renitente Gemeinden entsendet werden mussten, liefern den entsprechenden Beweis; dass das Landvolk in einem sehr aufgeregten Zustande sich befindet.“[66]

3.1.1 Kulturelles Erwachen

Schon 1816 wurde in Przemysl die „Gesellschaft der galizischen griechisch-katholischen Geistlichkeit zur Verbreitung der Bildung und Kultur durch Schriften unter den Gläubigen auf Grund der christlichen Religion“ gegründet.[67]

Die 1784 in Lemberg gegründete Universität wurde 1824 mit Deutsch als Unterrichtssprache wieder eröffnet. 1826 erhielt sie einen Lehrstuhl für polnische Sprache und Literatur und 1848 auch einen für Ruthenische.[68]

In den 1830er Jahren formierten sich auch in Lemberg patriotische Gemeinschaften griechisch-katholischer Geistlicher und Seminaristen.[69] 1834 wurde die erste „ruthenische“ Grammatik und 1837 der erste in ukrainischer Umgangssprache verfasste literarische Almanach mit dem Titel „Die Nymphe des Dniester“ herausgegeben.[70] Dies waren die wichtigsten Ergebnisse der ruthenischen kulturellen Aktivität; sie stellen nach Hrochs Drei-Phasenschema die Phase A dar.

Die ländliche Bevölkerung in Ostgalizien begann, ihre sozialen Interessen als ruthenisch nationale Anliegen zum Ausdruck zu bringen und sich von den polnisch nationalen Bemühungen abzugrenzen.[71] Die bäuerliche Unterdrückung wurde als Unterdrückung der Ruthenen als Nation gesehen. Der Gegensatz zwischen Bauern und Gutsbesitzern wurde zu einem Gegensatz zwischen Ruthenen und Polen. Zudem bestand man darauf, dass die Ruthenen eine eigene Nation mit gleicher Würde und gleichen Rechten wie die anderen Völker in der Habsburgermonarchie seien.[72] Unter den Bauern gab es ein Wissen über die ruthenische Identität und Geschichte. Es existierte ein Bewusstsein der Gemeinsamkeit der Rus´, ihres Gegensatzes zu den Polen und das Wissen, dass die Polen erst später als die Ruthenen das ruthenische Gebiet besiedelt hatten.[73] Die Forderung nach der Teilung Galiziens entlang der ethnischen Grenze in zwei getrennte Provinzen entspricht diesem Bewusstsein.[74] [75]

Die Identifizierung der Bauern mit der ruthenischen Nationalbewegung gründete sich vor allem auf der Zugehörigkeit zur griechisch-katholischen Kirche. Trotz Differenzen, Misstrauen und Verachtung zwischen ruthenischen Bauern und griechisch-katholischer Intelligenz, akzeptierten die Bauern die ruthenischen Räte als ihre Vertretung und sahen sie als ihre Mitstreiter im Kampf um soziale Interessen.

Struve schreibt hierzu:

„Die Umformulierung des sozialen Antagonismus und der religiösen und kulturellen Differenz in einen nationalen Konflikt war daher für die Bauern nur ein kleiner Schritt, der für sie umso attraktiver war, als sie damit die Möglichkeit hatten, ihre sozialen Interessen zu artikulieren, und sich in den Ruthenischen Räten dafür sogar eine institutionelle Vertretung bot.“[76]

Auch die konservative und der Monarchie gegenüber loyale ruthenische Intelligenz war auf die Unterstützung der Bauern mit sozialer Zielsetzung (Unterstützung in Konflikten mit Gutsbesitzern) angewiesen, um bei Wahlen erfolgreich sein und ihre Forderungen zum Ausdruck bringen zu können.[77] So „kam es zu einer Interessenkomplementarität zwischen Bauern und der ruthenischen Intelligenz, die sie in eine gemeinsame politische Bewegung zusammenführte.“[78] Die Einstellung der Bauern 1848 war mehr von Furcht vor der Stärkung der polnischen Gutsbesitzer bestimmt als von Kaisertreue.[79]

Die Revolution von 1848 setzte für die ukrainische Nationalbewegung viel kreative Energie frei. So kam es, dass unter dem Druck der sich intensivierenden revolutionären Atmosphäre 1847 konkrete Schritte unternommen wurden, die Idee zur Herausgabe einer ruthenischen Zeitung in die Tat umzusetzen. Dies geschah auch auf die Initiative des Gouverneurs Stadion hin. Der Ausbruch der Revolution machte diese Entwicklung dringend erforderlich. Die erste Ausgabe des „Zoria Halyc`ka“ (Galizischer Stern) erschien am 15. Mai 1848 und überraschte mit ihrem großen Erfolg. Die Auflage steigerte sich von wöchentlich 4000 Stück im Jahr 1848 auf eine halbwöchentliche Ausgabe von 1500 Stück im Jahre 1849. Bis 1849 erschienen noch sechs weitere ukrainische Zeitungen und Zeitschriften.

Im Oktober 1848 tagte der erste Kongress 99 ukrainischer Gelehrter in Lemberg. (Zudem wurde eine ukrainische Nationalgarde gegründet.) Weiterhin wurden die polnisch-sprechenden griechisch-katholischen Geistlichen zu ukrainischen Politikern degradiert. Sie waren imstande, die Ziele der ruthenischen Nationalbewegung in Wien, beim Slawenkongress in Prag und innerhalb der österreichischen Verwaltung zu verbreiten und voranzubringen. Dabei ging es vornehmlich um die Teilung Galiziens.[80]

Die Ereignisse von 1848 gingen mit einer massenhaften Mobilisierung der ruthenischen Bauern einher und sind nach Hroch der Phase B zuzuordnen.[81]

3.1.2 Politisches Erwachen

Am 2. Mai 1848 wurde auf Initiative der Kirchenführung als ruthenische Vertretung und als Gegengewicht zur polnischen RNC (Rada Narodowa Centralna dem Zentralen Volksrat) unter dem Vorsitz des griechisch-katholischen Bischofs von Przemysl die HRR (Holovna Rus´ka Rada, der Oberste Ruthenische Rat) gegründet. Die HRR bestand aus 66 Mitgliedern, von denen keines dem Bauernstand angehörte. Das Programm enthielt als bäuerliche Forderungen nur die Verbesserung der Bildung der Bauern und die sprachliche Gleichberechtigung. Am 18. Mai 1848 rief die HRR zur Gründung von Kreis- und Dekanatsräten auf. Hierbei waren die Bauern stärker involviert. Die Gründung der Räte wurde zumeist von griechisch-katholischen Pfarrern vorbereitet. Die Räte schworen der Monarchie Treue und lehnten die polnischen Ziele kategorisch ab.[82] Trotzdem die Beteiligung der Bauern in den Räten sehr unterschiedlich war, hatten sie doch in den meisten einen bedeutenden Anteil und wurden mit einbezogen. Die Bauern sahen die Räte als Einrichtung für ihre Interessenvertretung und drängten die HRR durch Hilfegesuche bei Meinungsverschiedenheiten mit Gutsherren oder Kreisämtern zu einem deutlichen Eintreten für ihre Ziele. Die Ruthenischen Räte und Abgeordneten im Reichstag versuchten, Lösungen für die Probleme der Bauern zu finden. Den sozialrevolutionären Bestrebungen der Bauern, die sie im Mai und Juni 1849 unternahmen, weil sie sich teilweise zu wenig von der HRR unterstützt fühlte, trat diese entgegen.[83] Sie sprach sich gegen Landbesetzungen und nicht genehmigte Abholzungen aus. Sie wollte alle Meinungsverschiedenheiten mit den Gutsbesitzern auf legalem Weg lösen.[84]

Ende Juni 1848 fanden die Wahlen zum österreichischen Reichsrat statt. Ausgeschlossen vom Recht zu wählen blieben nur Frauen, besitzlose Häusler und Innleute sowie städtische Arbeiter und Angehörige der Unterschichten. Charakteristisch für das Wahlverhalten der Bauern war eine hohe Abstinenz und die Neigung, nur bäuerlichen oder von Bauern unterstützten Kandidaten mit lokalem Ansehen wie (ehemalige) Gemeindebevollmächtigte oder ehemalige Soldaten ihr Vertrauen und nicht etwa auch Vertretern aus der ruthenischen Intelligenz zu schenken.[85] Aufgrund von Abstinenz oder „Wahlschwindel“ (Manipulation oder Korruption) an den analphabetischen und leichtgläubigen Bauern waren deshalb die Kandidaten der polnischen Gutsbesitzer und Angehörigen der Intelligenz in der Mehrheit, obwohl die Wählerschaft zu 90% aus Bauern bestand. Schon bei den Urwahlen blieben viele der bäuerlichen Wahlberechtigten der Stimmabgabe fern. In vier Wahlbezirken verweigerte fast die gesamte Bauernschaft die Teilnahme. In 21 weiteren konnte nur ein Bruchteil der Wahlmänner gewählt werden. In vielen Distrikten fanden bloße Scheinwahlen statt, an denen lediglich der Adel und seine herrschaftlichen Beamten und Diener teilnahmen.[86] Von den 41 in den ländlichen Wahlbezirken Galiziens nominierten Adligen, wurde keiner rechtmäßig gewählt.[87] Alle 35 bäuerlichen Abgeordneten aus 89 ländlichen Wahlbezirken wurden hingegen gemäß der Wahlordnung vom eigenen Stand gewählt.[88]

Der Adel fürchtete die neue Macht der einstig gepeinigten Bauernschaft und bediente sich deshalb unlauterer Mittel, um den Bauern so wenig Mitsprache wie möglich zuteil werden zu lassen.

Rosdolsky schreibt hierzu:

„Es waren Klassengegensätze, die da zusammenprallten, und von diesem Gesichtspunkt musste natürlich der Grundsatz „noblesse oblige“ den Kürzeren ziehen...“[89]

Die mangelnde Wahlbeteiligung der meist analphabetischen Bauern lag überwiegend am „Unverständnis über das Wesen des Parlamentarismus“ und an dem Misstrauen und der Feindschaft gegenüber den adligen Gutsbesitzern.[90] Diesen warfen sie vor, mit den Wahlkommissaren/Dominikalbeamten gemeinsame Sache in Bezug auf die Wiedereinführung des Robot und Verrat am Kaiser zu machen. Die Aussage „Wir glauben niemandem, nur Gott und Kaiser allein“[91] erklärt den oft geäußerten Willen der Bauern, sich direkt mit dem Kaiser zu verständigen.[92]

Bei der Eröffnung des Reichsrates in Kremisier am 22. Juli 1848 kam es in der Sprachenfrage zu Meinungsverschiedenheiten, da nur wenige ruthenische Teilnehmer der deutschen Sprache mächtig waren. Man einigte sich schließlich darauf, jede Abstimmungsfrage auf Verlangen von 10 Teilnehmern/Abgeordneten ins Polnische, Ruthenische, Tschechische und Walachische zu übersetzen.[93]

Auf der ersten Sitzung des Reichsrates in Wien am 10. Juli 1848 wurde sich sogleich der Bauernfrage angenommen. Die meist analphabetischen Bauern konnten nämlich dem Verlauf der Beratungen aufgrund der deutschen Verhandlungssprache nicht folgen. Die ruthenische Intelligenz billigte die eingeschränkte politische Beteiligung der Bauern und kam der Forderung nach einer Ausweitung der sprachlichen Rechte nicht nach. Das Problem wurde dadurch gelöst, dass in Sitzungsunterbrechungen vor einer Abstimmung den Bauern die Debatten resümiert und erläutert wurden.[94]

Trotz aller Schwierigkeiten des bäuerlichen Debüts auf der politischen Bühne setzten sich die Bauern klar und deutlich für ihre Ziele und Forderungen ein. Dies wurde vor allem in der Diskussion um die Grundentlastung deutlich. Die Bauernabgeordneten sprachen sich ausdrücklich für die Erhaltung der Servituten und keiner Entschädigung für die Gutsbesitzer aus.[95]

3.2 Politische Entwicklungen 1850-1914

3.2.1 Politik des Neoabsolutismus 1850-1859

Am 2. Dezember 1848 wurde der 18-jährige Franz Joseph I. zum Kaiser ernannt. Dieser legte keinen gesteigerten Wert auf einen konstitutionellen Aufbau des Staates und strebte stattdessen eine Herrschaft als autokratischer Fürst an. Am 4. März 1849 wurde der Reichstag, der sich gerade zur Fertigstellung einer Verfassung zusammen gefunden hatte, aufgelöst. In den Jahren 1949/50 übernahmen nach und nach absolutistische Kräfte im Umfeld des Kaisers (wieder) die innenpolitische Führung. Ab April 1851 regierte Franz Joseph ohne Einschränkungen absolutistisch. Mit dem Silvesterpatent 1851/52 wurde schließlich die Zusage einer Verfassung rückgängig gemacht. Damit scheiterte der „dramatische Versuch“ der Modernisierung des Vielvölkerstaates der Jahre 1848-1851. Die sozialpolitische Agrarreform blieb jedoch unangetastet. Die neue Regierung legte erneut ihr Hauptaugenmerk auf die Bewahrung der Unverletzlichkeit der österreichischen Großmacht. Neu hinzu kam die strikte Ausrichtung des Kaisers auf das Militär.[96]

Wollstein schreibt:

„Da sich aber die Nationalitätenprobleme des Vielvölkerstaates in der Folgezeit nicht mehr eindämmen ließen, konnte der absolutistische Staat nach frühneuzeitlichem Muster die angestrebte neue innere Stärke zu keinem Zeitpunkt mehr erreichen.“[97]

Die Provinz Galizien wurde von 1849 bis 1875 von dem polnischen Statthalter Agenor Goluchowski regiert.[98] Dieser unterstützte die Belange der Polen, indem er u.a. Stellen im öffentlichen Dienst mit Polen besetzte und so den Weg für die polnische Machtübernahme 1867 ebnete.[99]

Genau zu dieser Zeit entwickelte sich auch die altruthenische Bewegung, die von griechisch-katholischen Geistlichen geleitet wurden. Diese traten für Kirchenslawisch oder Russisch als Literatursprache ein und sahen die Ruthenen als Zweig des russischen Volkes an. Bis zum Ende der 1880er Jahre kontrollierten sie Konsistorien, Institutionen, Zeitungen, sowie die Reichsrats- und Landtagsabgeordneten. Ein Teil dieser Bewegung hatte Kontakt zu russischen Panslawisten und wurde deshalb „russophil“ genannt.[100] Nachdem unter Goluchowski alle nationalen Organisationen in Galizien aufgelöst wurden, fiel die Nationalbewegung in die Phase A zurück (nach Hroch).[101]

3.2.2 Die konstitutionelle Ära (seit 1859)

Verfassungsreform

Nach der Niederlage Österreichs in Italien 1859 wurden politische Reformen auch für die Provinzen angestrebt. Im Februar 1861 wurden Wahlen zum Landtag in den Kronländern ausgeschrieben. Die Landtage sollten Abgeordnete in den Reichsrat nach Wien entsenden.[102]

Der Landtag bestand aus Abgeordneten, die aus vier Kurien (den Großgrundbesitzern, den Industrie- und Handelskammern von Lemberg, Krakau und Brody, ländlichen Kommunen und 15 Städten) gewählt wurden.[103] Das Wahlrecht in den einzelnen Kurien wurde nach der Höhe der Steuern vergeben, die man zahlte. Die bäuerliche Landbevölkerung hatte 74 von 150 (später 161) Mandate im galizischen Landtag zu besetzen. Wenigstens formal hatte sie so einen gewissen Einfluss.

Die polnischen Eliten fürchteten wie auch schon 1848 das bäuerliche Einwirken und versuchten erneut, ihren Machtverlust einzugrenzen. Sehr erfolgreich waren sie dabei nicht, weil die Bauern ihre Kandidaten in der Hoffnung auf die Klärung des Servitutenstreits stark unterstützten, die Beamten sich eher neutral verhielten und die polnische Organisation die Wahlen noch nicht „zentral und effizient“ vorbereitete. Wie bei den Wahlen 1848 wählten auch 1861 die Bauern überwiegend Kandidaten aus ihren Reihen oder Geistliche. So wurden in den ländlichen Wahlkreisen Ostgaliziens 18 Bauern und 26 griechisch-katholische Priester in den Landtag gewählt. 47 der 48 Abgeordneten der vierten Kurie in den ostgalizischen Wahlkreisen waren Ruthenen. Durch die Konfessionsunterschiede und die fehlende Unterstützung der Pfarrer in Ostgalizien scheiterte der polnische Adel bei seinem Vorhaben, seine Macht durch die Bauern bestätigen zu lassen.

Neben den gewählten Landtagsabgeordneten waren auch griechisch-katholische Bischöfe und Rektoren der Universitäten von Anfang an Mitglieder ex-officio, also Mitglieder des Landtages aufgrund ihrer Funktion.

Nach der Loyalitätsadresse vom 10. Dezember 1866 erreichten die polnischen bäuerlichen zusammen mit den ruthenischen Abgeordneten, dass der Landtag am 2. März 1867 gegen den Willen der polnischen Linken und Konservativen die Entsendung von Abgeordneten aus dem Landtag in den Reichsrat beschloss.[104]

Die Einführung von zwei „Zentralen Vorwahl-Komitees“ 1867 für Ost- und Westgalizien mit Unterkomitees in den Wahlkreisen sicherte lediglich den Erfolg der polnischen Elite bei den Wahlen auf dem Land. Der Einfluss der Bauern in den Komitees und bei der Auswahl der Kandidaten blieb gering. Meist wurden ihnen die Kandidaten lediglich präsentiert. Die stimmberechtigten Wahlmänner wurden oft durch materielle Anreize wie Wodka oder eine „Wahlwurst“ genötigt, für Kandidaten aus den Reihen der Gutsbesitzer zu stimmen. Die polnischen Abgeordneten wollten so die unbequemen ruthenischen Bauern mit dem vorgeschobenen Argument der mangelnden Bildung aus dem Landtag verdrängen.[105] Diese Honoratiorenvertretungen nominierten vor den Wahlen Kandidaten in den verschiedenen Wahlkreisen. So wollte man konkurrierende polnische Kandidaturen vermeiden und verschiedene politische Richtungen unter den Polen einbinden. (Diese Praxis bewährte sich bis 1889.)

In Ostgalizien unterstützte die polnische Wahlorganisation in denjenigen Fällen ruthenische Bauern, in denen die polnischen Kandidaten keine Chance hatten gewählt zu werden. Dadurch und auch wegen der Unzufriedenheit der Bauern über die geistliche Interessenvertretung in Bezug auf die Servituten erhöhte sich die Anzahl der Bauern auf 25. Man erhoffte sich davon, die Bauern leichter als die Geistlichen oder die Intelligenz einschüchtern zu können und eine schwächere Opposition zu haben.

1868 stellten die polnischen Demokraten die Forderung nach der Erweiterung der Autonomie und einer härteren Haltung gegenüber Wien. Polnische bäuerliche Abgeordnete sprachen sich jedoch dagegen aus und forderten, dass ihre Meinung direkt dem Kaiser mitzuteilen sei. Sie fürchteten aufgrund ihres Analphabetismus eine erneute Ausnutzung durch den Adel.

1856 wurde die Gerichtsreform von 1784 durch die Gemeinde- und Bezirksselbstverwaltung neu geregelt. Die meist nur aus einem Dorf bestehenden Einheiten verfügten zwar nur über einen kleinen Kompetenzbereich, waren jedoch das ausführende Organ der übergeordneten Behörden. Die Güter selbst wurden aus den Gemeinden ausgegliedert. Erst 1866 wurde die kommunale Selbstverwaltung durch ein Landesgesetz geregelt. Der Gemeindevorstand, vom Gemeinderat gewählt, setzte sich aus dem Dorfrichter und den zwei bis zwölf Geschworenen zusammen. Gewählt wurde nach dem Dreiklassenwahlrecht und Steuerzensus. Die Gemeinderichter konnten aufgrund ihrer meist geringen Kompetenz die neuen Möglichkeiten nicht optimal für ihre Gemeinde oder ihre Tätigkeit nur zu ihrem Vorteil nutzen. Gründe dafür liegen darin, dass die Mehrheit der Amtsinhaber analphabetische Bauern waren. Die Bezirksräte, also die übergeordnete Instanz war meist mit Gutsbesitzern oder Mitgliedern der Intelligenz besetzt. Diese griffen, wenn sie es für nötig hielten, in die Gemeindeverwaltung ein.[106]

Struve schreibt über die Bedeutung der kommunalen Selbstverwaltung:

„Während die Gemeinden trotz Eingriffen von außen einen Bereich der Politik darstellten, der von den Bauern relativ autonom gestaltet werden konnte und in dem Konflikte zwischen verschiedenen Gruppierungen der Bauernschaft ausgetragen wurden, waren die Bezirke schon die erste Ebene, auf denen Bauern prinzipiell gleichberechtigt mit den anderen sozialen Schichten in einer Vertretungskörperschaft saßen.“[107]

Polnische Selbstverwaltung

Nach den Wahlen 1867 wurde schrittweise die faktische Autonomie Galiziens eingeführt und die Macht an die polnischen Konservativen der neu gegründeten Stanczyk-Partei übergeben.[108] Die Provinz sollte mit einer umfassenden, informellen Unabhängigkeit unter der uneingeschränkten, faktischen Selbstverwaltung des niedrigen polnischen Adels vereinigt werden.[109]

Himka erklärt sich diese Entscheidung der österreichischen Regierung so:

„Vienna´s position was understandable: the Polish gentry constituted the only stratum in Galicia with the necessary cultural and material prequisites for the exercise of power.“[110]

Durch die polnische Herrschaft verschlechterte sich die Stellung der Ruthenen. Staatliche Beamte griffen durch Beeinflussungen in die Wahlen ein und die Bauern verloren allmählich das Interesse an der politischen Mitbestimmung, da sich in puncto Servituten nichts für sie bewegte. So reduzierte sich die Anzahl der bäuerlichen und ruthenischen Abgeordneten immer weiter bis diese schließlich gänzlich aus den Parlamenten verdrängt wurden.[111]

Die neue Situation, die sich aus der Selbstverwaltung in polnischer Hand ergab, schwächte (zwar) die politische Mitbestimmung der Ruthenen und verdrängte sie aus den Parlamenten. Doch dadurch motiviert, kam es zu einer erneuten Mobilisation für die Auseinandersetzung mit den Polen. Die Neubelebung der ruthenischen Nationalbewegung ging einher mit der Etablierung des österreichischen Verfassungsstaates und der Zusicherung bürgerlicher Grundrechte. Zudem wurde die politische Teilnahme für die Ruthenen wieder möglich. Die Phase B (nach Hroch), die durch die Entwicklung und das Einbringung nationalen Bewusstseins auch in breitere Bevölkerungsschichten gekennzeichnet ist, konnte wieder aufgenommen werden.

Die Enttäuschung über die österreichisch-polnische Koalition, besonders im Hinblick auf die ruthenische Loyalität für die Habsburger Monarchie, führte zur russophilen Bewegung und setzte neue Hoffnungen in den russischen Zaren.[112]

Die „jungen“ Ruthenen

Zu Anfang der 1860er Jahre organisierten sich die sogenannten Jungruthenen. Diese neue Bewegung der nationalen Populisten hegte keinerlei Sympathien für Russland mehr. Stattdessen unterstützte sie die Idee einer gänzlich von Polen und Russen unabhängigen ukrainischen Nationalität und setzten sich für die ruthenische Volkssprache als Schriftsprache ein. Sie legte ihr Hauptaugenmerk anfangs auf Bildung und Aufklärung, wodurch sie sich eine solide Basis in der Bauernschaft schuf (und vorherrschend für die ukrainische Politik in den 1880er Jahren wurde.[113] ) Unterstützt wurden die jungen Ruthenen von Grundschullehrern auf dem Land.[114]

Rudnytsky schreibt hierzu:

„It is noteworthy that although some were priests, most were not: this was the first generation of Galicia´s Ukrainian lay intelligentsia. The majority became teachers of secondary schools, and the narodovtsi assuemed the character of a “professor´s party”.”[115]

1868 wurde der Aufklärungsverein Prosvita (Aufklärung) von den Jungruthenen gegründet. Durch die Gründung zahlreicher Lesehallen sollte die Volksbildung verbessert werden.[116] Der Verein war deshalb für die Nationalbewegung von großer Bedeutung, da die anderen Bildungseinrichtungen der Ruthenen, wie z.B. das Volkshaus (Narodnyi Dim) lange Zeit von russophilen Tendenzen geprägt waren.

Durch das Aufkommen des nationalen Populismus verbreiteten sich nationale Ideen und politisches Bewusstsein in der breiten Masse der ostgalizischen Bevölkerung.[117]

3.3 „Der Kampf um Boden, Wald und Wiesen“

Das Fortbestehen des Großgrundbesitzes und die generelle österreichische Politik, die Galizien als landwirtschaftliche Zone und Absatzmarkt für die industriell besser entwickelten westlichen Provinzen wie z.B. Böhmen oder Schlesien, erhalten wollte, führten dazu, dass die Provinz ein wirtschaftlich unterentwickeltes Gebiet bzw. ein Kronland dritter Klasse blieb.[118] Obwohl Galizien 25% des Landes im österreichischen Teil der Monarchie ausmachte, hatte es im Gegensatz dazu nur 9,3% industrielle Unternehmen, von denen die meisten in Westgalizien lagen. Einige Sägemühlen, Gerbereien und Ziegelfabriken existierten zwar im Osten Galiziens und die ersten Ölfelder wurden in den 1890ern erschlossen, doch die kleinen Unternehmen waren in den Händen von Juden, die in den Städten 75% der Einwohner ausmachten. Die Ölindustrie, die 1905 5% der Gesamtfördermenge weltweit ausmachte, war im Besitz von englischen oder österreichischen Investoren. Die Ruthenen in Ostgalizien machten nur 18% des kleinen Industrie - Proletariats aus.[119]

Nachdem 1848 mit der Grundentlastung ein Konfliktpunkt zwischen Bauern und Gutsherren aus dem Weg geräumt worden war, verschärften sich dagegen die Konflikte in Bezug auf die Servituten, die den Bauern (und Gemeinden) die Nutzung von Weiden und Wäldern gestattete. Nach der Aufhebung der Fronen verweigerten viele Gutshöfe den Bauern den Zugang. So wollten sie die Bauern weiterhin zur Arbeit auf den Gütern bewegen.[120] Die Entlohnung für diese Arbeit sollten die Servituten darstellen, da viele Güter den Bauern keinen Lohn mehr zahlen konnten oder die Bauern aus Furcht vor einer Fortsetzung des Robots auch nicht für Lohn auf den Höfen arbeiten wollten.[121]

Teilweise schafften es die Großgrundbesitzer, die Bauern in eine neue Abhängigkeit zu treiben, indem sie ihnen Geld liehen und forderten, die Zinsleistungen als Arbeitstage auf dem Gut abzuarbeiten oder für die Nutzung der Wälder und Weiden zu zahlen bzw. Arbeit auf dem Gut zu leisten. So wurden die einstigen Leibeigenen zu „Wirtschaftsklaven“.[122]

Der Oberste Ruthenische Rat (HRR) engagierte sich 1848/49 stark für die Bauern, verlor jedoch aus Mangel an Erfolgen zunehmend ihr Vertrauen.

Die Periode des Neoabsolutismus war gleichzeitig die intensivste der Servitutenkonflikte. Ein gemeinsames politisches Handeln der ruthenischen Bauern und Intelligenz kam nicht zustande. Die HRR löste sich 1851 auf. Von da an waren die Bauern im Kampf um Wald und Wiesen auf sich allein gestellt.[123]

Ein kaiserliches Patent vom 5. Juli 1853 sah drei Methoden für die Lösung von Streitigkeiten um die Servituten vor. Die erste Möglichkeit war, das Abkaufen der Nutzungsrechte der Grundbesitzer von den Gemeinden oder einzelnen Bauern. Zweitens konnte er die Bauern entschädigen, indem er ihnen Wald- oder Weideland überließ. Die dritte Methode sah vor, die Servitutenrechte, die von einer Kommission geregelt wurden, zu gewähren um die Existenz der Gutsherren zu sichern.[124] Diese Servitutenkommission war von 1855 bis 1895 tätig, um strittige Fragen zu klären. Die Streitfälle wurden fast immer zugunsten der Güter entschieden. Die Gemeinden bzw. Bauern zogen den Kürzeren und bekamen meist nur einen kleinen Teil Wald bzw. Wiese oder eine viel zu geringe Entschädigungssumme.

Himka schreibt:

„(...) the peasant were to spend the next few decades after the abolition of serfdom in a friutless and frustrating struggle to regain their rights to forests and pastures.“[125]

Die Bauern wollten das Unrecht nicht hinnehmen und trieben illegal ihr Vieh auf die Weiden oder drangen in Wälder ein. Wieder wurde das Militär eingesetzt und die Bauern erhielten empfindliche Strafen.

Latente Gewaltdrohungen zwischen Bauern und Gutsbesitzern blieben auch nach der Aufhebung der Fronen bestehen. Die Spannungen führten zu einer erneuten Angst vor einer Wiederholung des Rabatzes von 1846 in den Jahren 1861 und 1886.[126]

Himka führt drei Gründe für die Intensivierung des Streits um die Nutzungsrechte in den 1860er Jahren an. Erstens erkannten die Bauern 1859, dass die Kommission sie legal um ihre Rechte der Nutzung gebracht hatte. Zweitens stand für sie die Aufhebung der Fronarbeit und die politische Freiheit in direktem Zusammenhang mit der Rückgabe der Nutzungsrechte an Wäldern und Weiden. Drittens war die Abschaffung der Leibeigenschaft in Russland für viele Bauern der Anlass, ihre Loyalität zum österreichischen Kaiser durch Hoffnungen in den russischen Zaren zu ersetzen.[127]

Seit dem Ende der 1860er Jahre, begünstigt durch die Verfassungsreformen der österreichischen Regierung, die damit einhergehenden Freiheiten und das anwachsende politische Gewicht der Bauernschaft, rief die ruthenische Intelligenz neue Initiativen ins Leben, um neben der Verfolgung nationaler Ziele die Volksbildung und die Situation der Bauern zu verbessern. Ein weiterer Grund lag in der wirtschaftlich schlechten Situation der Bauern nach der Abschaffung der gesetzlichen Einschränkungen in Bezug auf den Handel mit Ackerland und jüdischen Bodenbesitz gegen Ende der 1860er Jahre. Viele waren gezwungen, ihr Land zu versteigern. Zu diesem Zeitpunkt waren Juden die wichtigste Institution zur Vergabe von Krediten. Deshalb war ein weiteres Ziel der ruthenischen Nationalbewegung die Übernahme von wirtschaftlichen Funktionen und Positionen, die traditionell in der Hand der Juden lagen. Des weiteren waren die Bauern gezwungen, neue Einnahmequellen zu finden, da die Bevölkerung stark zunahm[128] und sich dadurch das Ackerland des Einzelnen reduzierte.[129]

3.4 Nationalbewegung und nationale Identität

Für die ruthenischen Bauern gab es keinen Gegensatz zwischen nationaler und bäuerlicher Identität. Diese wurde vorwiegend religiös oder sozial verstanden. Es gab nur diffuse Vorstellungen von den Ruthenen als Nation.[130]

Struve schreibt:

„To be „Ruthenian“ basically meant to belong to the Greek Catholic Church and to adhere to the Easetrn Rite. A secular understanding of Rutenian identitiy as a national identity developed only slowly.”[131]

Die ruthenische weltliche Intelligenz und die griechisch-katholischen Pfarrer setzten sich für die Gleichberechtigung der Ruthenen als eine Nation in der Habsburger Monarchie ein und stellten sich der polnischen Vorherrschaft entgegen.

Ziel der ruthenischen Nationalbewegung war von Beginn an die politische Mobilisierung und Organisation der Bauern. Diese Ziele sollten durch nationale Bildungsarbeit der Intelligenz unter den Bauern und ihrer Emanzipation über nationale Gleichberechtigung umgesetzt werden. Die Gleichberechtigung sollte eine organisierte Vertretung der bäuerlichen Interessen und die Wahl von Vertretern in die Parlamente (Landtag und Reichsrat), sowie das Ende der Verachtung (Würde) beinhalten. Würde und Achtung, die ihnen zustünde, die sie aber erst verdienen müssten, durch gemeinsame Arbeit an der Verbesserung ihrer Lage und gemeinsames Eintreten für ihre Rechte. Der Aspekt der Beseitigung des Unrechts, welches ihnen widerfahren war und die Wiedererlangung der Stellung der Ruthenen als Nation bot ihnen die Gelegenheit ihre Minderwertigkeitsgefühle gegenüber dem polnischen Adel zu überwinden.

Schon vor der polnischen Selbstverwaltung beherrschten die polnischen traditionellen Eliten, die sich vehement gegen die ruthenischen Bemühungen nach nationaler Gleichstellung wehrten, die Landesverwaltungen. Ein idealisiertes Bild der mittelalterlichen galizisch-wolhynischen Fürstentümer wurde den Polen als den Verantwortlichen für die schlechte Situation der Bauern gegenübergestellt.[132]

3.4.1 Erste Organisationsversuche

1870 wurde in Lemberg durch den griechisch-katholischen Priester Ivan Naumovych[133] und Angehörige der ruthenischen russophilen Intelligenz der Verein „Russkaja Rada“ als erste formelle politische Organisation der Ruthenen gegründet. Dieser sollte den Bauern als politische Vertretung dienen und die zentrale Vorbereitung der Wahlen übernehmen. Die zwei Publikationen des Vereins („Russkaja Rada“ und „Nauka“ (Wissenschaft)), seit 1871 veröffentlicht, thematisierten die Notwendigkeit für dörfliche Selbsthilfe und Selbstverwaltung und gaben konkrete Anleitung zur Gründung und Führung dieser Organisationen (Leseclubs, Kornspeicher, Geschäfte und Kreditinstitute). Die Selbstorganisation wurde für die ruthenischen Bauern zum Sinnbild für ihre reelle bürgerliche Emanzipation und wurde eng mit der nationalen Emanzipation der Ruthenen verknüpft.[134]

Distanz und Misstrauen zwischen „Russkaja Rada“ und den Bauern blieben jedoch bis in die 1880er Jahre unüberwindbar. Die Bauern waren in die Arbeit des „Russkaja Rada“ nicht einbezogen. Der Rat wollte die Anzahl der Bauern in den Landtagen verringern und dafür sorgen, dass 1873 keine Bauern in den Reichsrat gewählt wurden. Zudem nahmen bäuerliche Abgeordnete nur selten an den Sitzungen des ruthenischen Klubs im Landtag teil.

Die Bauern wurden von der Intelligenz als Belastung, prestigeschädigend und gefährlich angesehen, da sich die Ziele der Bauern und der Intelligenz zu stark unterschieden. Es mangelte an Zusammenhalt. Die Distanz der Intelligenz zu bäuerlichen Anliegen war zu groß. Ein Beispiel dafür ist, dass die Intelligenz die Bauern nicht in ihrem Bemühen unterstützte, sich für die Lösung zur Frage um die Servituten einzusetzen. Das führte dazu, dass die Bauern nur noch Bauern wählten, obwohl ihnen von Seiten der Intelligenz nahe gelegt wurde, Ruthenen mit höherer Bildung zu wählen. Bauern wurden jedoch nur gewählt, wenn keine Kandidaten der Intelligenz zur Wahl standen oder keine Unterstützung der Bauern hatten. 1876 reduzierte sich die Anzahl der ruthenischen Abgeordneten weiter, 1861 hatten sie noch 46 Sitze, 1870 23 und 1876 nur noch 14. Dabei reduzierte sich auch die Anzahl der Bauern 1876 von 6 auf 2.

Erfolge der Bewegung bei der Verbesserung der Lage der Dörfer zeigten sich durch die Gründung der ersten ukrainischen Genossenschaft und der sowie der Gründung der „OKM“ (Mykhailo-Kachkovskyi-Gesellschaft) durch Naumovych, die die Verbesserung der Volksbildung und der Situation der Dörfer durch gemeinsame Arbeit zur Aufgabe hatte.[135]

Die Jungruthenen bleiben jedoch nicht unaktiv und gründeten unter anderem 1873 die kulturell-wissenschaftliche Sevcenko-Gesellschaft, benannt nach dem ostukrainischen Schriftsteller Taras Sevcenko. Diese hob das Bildungsniveau der Ruthenen stark an, indem sie bis 1914 rund 300 wissenschaftliche Publikationen herausbrachte, die für den gesamten ukrainischen Kulturbereich relevant waren.[136] Im Laufe der 1870er Jahre bildete sich unter den Jungruthenen eine radikale Bewegung mit positivistischem und sozialistischem Programm heraus.[137] Diese machten, noch mehr als andere politische Gruppen, die Bauern zu Bezugspunkten ihres politischen Handelns und stellten sich gegen die Politik der Jungruthenen und der Russophilen.

Generell kam es jedoch nicht zur Entstehung dauerhafter Strukturen der ruthenischen Nationalbewegung in den Dörfern. Die zahlreich gegründeten Lesevereine (und Dorfläden) verschwanden bis zum Ende der 1870er Jahre wieder. Eine stabile gemeinsame politische Bewegung von Bauern und Intelligenz entwickelte sich nicht. Das mag auch ein Grund dafür gewesen sein, dass sich auf beiden Seiten Enttäuschung und Passivität breit machten.

Erst in den 1880er Jahren erkannte die ruthenische Intelligenz die Relevanz von politisch aktiven Bauern mit gewachsenem Bildungsstand für die ruthenische Identität im nationalen Sinne.[138]

3.4.2 Überwindung der Distanz?

Schon in den 1870er und besonders in den 1880er Jahren häuften sich die Beschwerden über die kritische wirtschaftliche Lage der Dörfer und die nur wenig intakte kommunale Selbstverwaltung. Die vermehrte Gründung von Dorfläden machte die Versorgung der Bauern mit Wissen über das Treiben von Handel nötig. Zudem mussten die Juden aus ihrer Mittlerrolle der ländlichen Wirtschaft gedrängt werden. Die schlechten Bedingungen der dörflichen Gemeinschaft wurden auf den Alkoholismus zurückgeführt, der sich auf das Propinationsrecht der Gutsherren gründete. Die Juden in ihrer Position als Schankwirte verführten die Bauern zum Trinken, um sie dann um ihr Land zu bringen. Das Ziel, die Situation der Dörfer zu verbessern, ging einher mit dem Kampf gegen Alkoholismus und damit auch gegen die jüdischen Schankwirte und deren Praxis der Kreditvergabe.

In den 1880er Jahren kam es zu einer Wiederbelebung der Lesevereine. Diese Klubs waren unabhängige Organisationen, die jedoch Mitglieder der „OKM“ oder der „Prosvita“ waren.

„Russkaja Rada“ war von der Relevanz des Aufbaus eines eigenen Handels überzeugt, da nur so die Ruthenen Gleichberechtigung mit anderen Nationen erreichen könnten und dadurch auch das Problem der Bodenknappheit gelöst werden könne.

1883 gründeten Mitglieder der Nationalbewegung „Naordna Torhovlia“ (Nationaler/Volks-Handel) und versorgten so die ruthenischen Dorfläden mit Waren. (1888 wurden 130, 1896 333 und 1905 801 Läden beliefert.) Dennoch versorgten sich die Läden auch mit Waren von jüdischen Großhändlern, sehr zum Leidwesen der Führer der Nationalbewegung. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde es möglich, den Einkauf bei Juden zu vermeiden.[139]

Das Ergebnis der Reichratswahl 1879, auf der nur noch drei Ruthenen gewählt wurden, führte zu einem stärkeren Bewusstsein für die kritische Lage der Ruthenen. Auf der ersten Versammlung der „Russkaja Rada“ im November 1879 in Lemberg waren deshalb 150 Teilnehmer anwesend, davon 30-40 Bauern. Weiterhin kam es zu einem gemeinsamen Handeln des altruthenischen mit dem hervortretenden Lager der Jungruthenen (narodovci) am 29./30. November 1880 anlässlich der Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Thronbesteigung Josephs II. Mehr als 1000 Ruthenen aus ganz Galizien in der Mehrzahl Bauern, die im ganzen Land zumeist von Pfarrern mobilisiert worden waren, nahmen an der Versammlung teil. Erstmals wurde eine solche massenhafte Versammlung von Ruthenen als politische Demonstration für ihr Anliegen und zur Formulierung eines konkreten politischen Programms genutzt. Dörfliche bzw. bäuerliche Belange nahmen hierbei einen zentralen Platz ein. Auch der erste politische Verein „Narodna Rada“, 1881 von Jungruthenen gegründet, die nun die ruthenische Nationalbewegung dominierten, stellte konkrete bäuerliche Forderungen in den Vordergrund.

Nach den enttäuschenden Landtagswahlen 1883 kam es erneut zu einer weiteren Versammlung in Lemberg nach dem Vorbild von 1880. Die Ruthenen waren nun stark politisch mobilisiert, was auch die größere Beteiligung der Bauern veranschaulicht.

Diese Versammlungen bedeuteten einen wesentlichen Schritt für die Entwicklung eines politischen Programms mit Berücksichtigung der bäuerlichen Interessen. Dies war die Voraussetzung für die Integration der Bauern in die Nationalbewegung und deren aktive Beteiligung. Zudem hatte es einen Wandel in der Haltung der Intelligenz gegeben, die nun davon überzeugt war, für die Bauern dazu sein und nicht umgekehrt.

Die Bauern wurden nun mehr in die politische Arbeit einbezogen. Z.B. wurde in Versammlungen von Angehörigen der Intelligenz über ihre Arbeit im Landtag berichtet. Anliegen der Wähler wurden in ihre Arbeit mit aufgenommen. Bauern wurden nun als wesentlicher Teil der Nation gesehen und zur Teilnahme an der Festlegung politischer Ziele eingeladen. Das Interesse der Bauern an dieser Art von Versammlungen wuchs. Sie waren jetzt weitgehend selbstständig und konnten ihre Anliegen über solche Versammlungen öffentlich zur Sprache bringen und so in die politischen Institutionen bringen.[140]

Die Reichsratswahlen 1885 zeigten, dass die Bauern immer noch für ungeeignet als Abgeordnete betrachtet wurden. Die Intelligenz scheute sich jedoch davor, dies den Bauern auf direktem Wege mitzuteilen. Unter den ruthenischen Kandidaten war kein Bauer.[141]

Nachdem die Altruthenen (und Russophile) mit dem Beginn von Prozessen gegen vermeintliche Russophile zunehmend an Boden in der Bevölkerung verloren[142] [143], gründeten die Jungruthenen (narodovci) nach den Wahlen 1885 eine eigene landesweite Organisation der „Narodna Rada“. Ziel war die Verwirklichung der konstitutionellen Rechte der Ruthenen. Dabei standen die Bauern und deren Interessen und Forderung nach Gleichberechtigung und Entwicklungsmöglichkeiten für die ruthenische Nationalität im Mittelpunkt. Dies bedeutete einen Aufschwung der nationalen Sache und läutete eine politische Umbruchphase ein, die bis Mitte der 90er Jahre anhielt. Charakteristisch war hierbei eine erheblich stärkere Integration der Bauern in die ruthenische Politik und vor allem in die politischen Organisationen und Vereine. Diese arbeiteten nicht überparteilich, sondern verbreiteten das Programm einer Partei unter der Landbevölkerung.[144]

3.4.3 Neue Generation politisch aktiver Bauern

Seit Anfang der 1890er Jahre entstanden regionale politische Vereine in großer Zahl, deren Mitglieder überwiegend aus Bauern bestanden. Über die regionalen Vereine gelangten bäuerliche Interessen in die ruthenische Politik auf Landesebene. Aus dieser Entwicklung heraus gründeten sich auch Vereine, die explizit die Dorfbevölkerung im Namen trugen, wie z. B. „Dörflicher Rat“ oder „Bauernrat“. Dennoch spielten die Bauern im Vorstand kaum eine Rolle. Vorsitzende waren meist Pfarrer; Bauern fungierten, wenn überhaupt, lediglich als Stellvertreter. So verhielt es sich auch im 1893 gegründeten Verein der Radikalen, dem „Rada Volja“. Auch er war stark von der Intelligenz bestimmt. Die Mitglieder waren überwiegend Bauern. Bis 1897 hatte der Verein 723 Mitglieder. Eine Ausnahme bildete der 1896 gegründete „Bauernrat“ (Chlopska Rada). Es war der erste politische Verein mit sechs Bauern von sieben Gründungsmitgliedern im Vorstand. Dieser Verein wollte zwar Unterstützung von Seiten der Intelligenz, hielt diese jedoch aufgrund ihrer materiellen Abhängigkeit zur Durchsetzung der bäuerlichen Interessen und Eigenständigkeit als Angehörige der ruthenischen Nation für ungeeignet.[145] [146]

In den 1890er Jahren wurden die Leseclubs direkt in diese Organisationen eingegliedert. Vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs gab es ca. 2000 dieser Vereine. Die Organisationen sollten die Bauern moralisieren und mehr soziale Ordnung bzw. Disziplin schaffen. Dies sollte durch den Kampf gegen den Alkoholismus und durch Schaffung sozialer Zentren neben den Tavernen/Schänken erreicht werden. Das Motto der „OKM“ (Mykhailo-Kachkovskyi-Gesellschaft) lautete „bete, arbeite, lerne, sei abstinent“.[147]

Dennoch spiegelten sich diese positiven Entwicklungen der bäuerlichen Integration nicht in den Ergebnissen der Landtagswahlen der Jahre 1889 und 1895 wider. Die Ergebnisse lassen sich teilweise auf die Unstimmigkeiten innerhalb der politischen Organisation der Ruthenen zurückführen. 1889 wurden nur zwei Bauern der insgesamt 16 ruthenischen Kandidaten gewählt, obwohl die Jungruthenen mit den Russophilen kooperierten, um eine Konkurrenz zwischen den beiden Lagern untereinander zu vermeiden.[148]

Die Politik der „neuen Ära“ seit 1890 (bis 1894) war gekennzeichnet durch das Anwachsen der Spannungen zwischen Russland und Österreich-Ungarn. Die Befürchtung lag nahe, dass Galizien in absehbarer Zeit zum Schauplatz von militärischen Operationen werden könne. Es kam zu einer Zusammenarbeit zwischen Jungruthenen und der polnischen Seite. Die Polen waren gewillt, den Ruthenen in Bezug auf Bildung und sprachliche Rechte einige Zugeständnisse zu machen.[149]

Dies spaltete jedoch das ruthenische Lager, denn die radikalen Jungruthenen und die Russophilen stellten sich dagegen. Der gemeinsame ruthenische Klub im Landtag löste sich daraufhin auf. 1894 ging ein Teil der gemäßigten Ukrainophilen/Jungruthenen mit dem Vorsitzenden der „Narodna Rada“ wieder zur Opposition über, während ein anderer an der Zusammenarbeit mit der Regierung festhielt.

1890 gründeten der radikale Flügel der Jungruthenen die „Ukrainische Radikale Partei“. Die Zusammenarbeit der jungen Intellektuellen mit einigen griechisch-katholischen Altruthenen, die nach dem sich abzeichnenden Machtverlust zu den Populisten übergetreten waren, hatte zwar großen Erfolg, mäßigte jedoch auch ihre Ziele. Dem stellten sich die Radikalen entgegen.[150] Die „Radikale Partei“ hatte weder eine feste Struktur noch eine formelle Mitgliedschaft, sondern sah sich vielmehr als Opposition aus politisch aktiven Ruthenen zu der „Narodna Rada“ und der „Russkaja Rada“. Ihre Arbeit hatte sie in der Region Przemysl auf dem Land begonnen, wo sie ein Netzwerk politisch aktiver Bauern aufbaute, die sich ohne die Unterstützung der Pfarrer organisierten. Zuerst waren auch hier nur Mitglieder der Intelligenz in den Versammlungen vertreten. Später waren jedoch durch die Bildung von Basisorganisationen und Entsendung von Delegierten auch Bauern auf den Parteitagen anwesend. Die „Radikale Partei“ war in ihrem Programm am stärksten auf die Bauern ausgerichtet.[151]

Die Politik der „neuen Ära“ scheiterte 1894. Der Wandel des politischen Systems, den die Ruthenen angestrebt hatten, blieb aus. Sie fühlten sich getäuscht, während sich die Polen über die Undankbarkeit und den Mangel an Vernunft bei den Ruthenen beklagten. Das nationalistische sowie das marxistische Lager spaltete sich 1895 von den Radikalen ab. Die Nationalisten schlossen sich daraufhin den Jungruthenen bzw. Populisten an.[152]

Bei der Wahl 1895 wurden zwei Kandidaten weniger gewählt als bei der vorherigen, obwohl in 19 von den 42 ostgalizischen Bezirken Bauernkandidaten aufgestellt waren. Das Ergebnis kam aufgrund von Bestechungen und Manipulation durch die polnischen Wahlkomitees und der Regierung zustande. Der Druck auf die Wähler war so hoch wie nie. Als Reaktion entsendeten die Verantwortlichen im Dezember 1895 eine Delegation nach Wien. Sie konnte jedoch auf keine Unterstützung vom Kaiser hoffen, da dieser den Hauptverantwortlichen für die Manipulation zum Ministerpräsidenten ernannt hatte.

Die Aktivität der Bauern zeigte sich auch in den landesweiten Protesten gegen die Manipulation der Wahlen durch die polnische Seite. Die Empörung entlud sich in gewalttätigen Zusammenstößen auch in den Dörfern. Es gab Tote und ca. 800 Personen wurden verhaftet.[153] So kam es zur weiter wachsenden politischen Mobilisierung und der bäuerlichen Einbeziehung in übergreifende Strukturen der Nationalbewegung.

1899 gründeten die „neubelebten“ Jungruthenen die „Nationaldemokratische Partei“, die für demokratischen Nationalismus und Sozialreformen eintrat, während der Teil der Radikalen mit marxistisch-sozialdemokratischen Programm die Opposition bildete. Die beiden Parteien arbeiteten jedoch im Reichsrat und im galizischen Landtag eng zusammen. Ihre Programme glichen sich. Beide traten für die Vereinigung aller Ukrainer in einem Nationalstaat und die politische, wirtschaftliche und kulturelle Unabhängigkeit aller Ukrainer ein.[154]

Rudnytsky bewertet dies folgendermaßen:

„(...) the proclamation of the principle of an independent national state by the major Ukrainian parties in Galicia was a turning point in the evolution of Ukrainian political thought.”[155]

Gegen Ende der 1890er Jahre hatte die Intelligenz erkannt, dass die Einbeziehung der Bauern unabdingbar war, um politisch erfolgreich zu sein. Dass die Distanz zwischen Intelligenz und der Bauernschaft dennoch nicht gänzlich überwunden war, zeigte sich in der weitgehenden politischen Selbstständigkeit und Eigenständigkeit der Bauern während der Wahlvorbereitung. Die geistliche Intelligenz blieb wie am Ende der 1870er Jahre eher passiv. Die vergleichsweise gut gebildeten Bauern waren nun ganz in die Nationalbewegung integriert und bestimmten mehr und mehr das politische Programm.

Kappeler schreibt hierzu:

„Im Laufe der neunziger Jahre vollzog sich dann in Galizien der Übergang zur Phase C, zur Massenbewegung der Ukrainer.“[156]

3.4.4 Zusammenrücken innerhalb der Nationalbewegung

Die Zeitspanne von der Jahrhundertwende bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs war gekennzeichnet durch stärkere bäuerliche Integration in die politischen Eliten. Während im Reichsrat aufgrund ihrer mangelhaften Deutschkenntnisse so gut wie keine Bauern involviert waren, zeigte sich im Landtag ein weiteres Anwachsen der Politisierung der Bauern. Noch 1901 wurden nur vier von insgesamt 13 ruthenischen Kandidaten gewählt. Bereits 1908 waren es 8 von 21 und 1913 dagegen nur 6 von 32. Dies ist jedoch wiederum auf die ebenfalls gestiegene Politisierung der jungen ruthenischen Intelligenz zurückzuführen, die meist auch aus bäuerlichen Familien stammten. Deshalb trauten die Bauern der Intelligenz mehr und mehr zu, ihre Interessen zu vertreten. Die Distanz zwischen Intelligenz und der Bauernschaft verringerte sich weiter. Bäuerliche Interessen wurden nun immer stärker berücksichtigt.

Trotz der wiederholten Forderung der Bauern nach einer Lösung des Servitutenkonflikts und einer gerechten Landaufteilung, behielt der polnische Adel die Oberhand. Um 1900 waren immer noch 40% des Landes in dessen Besitz. Im Durchschnitt besaß jeder Großgrundbesitzer 100 Hektar Land.[157]

Die Nationaldemokratische Partei distanzierte sich daraufhin vom Sozialismus und forderte „so viele materielle Güter wie möglich“ in den Händen der Ruthenen zu versammeln. Dazu sollte Land vom Staat gekauft und zur Nutzung an die Landlosen und armen Bauern verteilt werden. So wurde das zentrale Interesse der Bauern zu einem ruthenischen nationalen Anliegen.[158]

Aufgrund der Unzufriedenheit der Bauern kam es auch nach den 1860er Jahren zu einer Reihe von Streiks (1902, 1903 und 1906). Der Größte fand 1902 statt und hatte 200.000 Anhänger in mehr als 400 Dörfern.[159]

Danach waren die Großgrundbesitzer teilweise bereit, einen kleinen Teil ihres Landes abzugeben. 1905 besaßen rund 52.000 bäuerliche Landbesitzer lediglich zwei bis fünf Hektar Land. Hinzu kam ein schnelles Anwachsen der Bevölkerung von 45% zwischen 1869 und 1910, das nicht durch eine Auswanderungswelle nach Amerika, die in den 1880ern begann, behoben werden konnte.[160] [161]

Für das gleiche, geheime und direkte Wahlrecht für Männer über 24 bei den Reichsratswahlen, das 1907 eingeführt wurde, galt in Galizien, dass in den ländlichen Bezirken je ein Repräsentant der Minderheit (mit mindestens 25% der Stimmen) und ein Repräsentant der Mehrheit (mit mehr als 50% der Stimmen) gewählt wurden. So sollte für Ostgalizien der polnischen Minderheit eine Vertretung gesichert und in Westgalizien eine Verhinderung der Niederlage der Konservativen gegen die bäuerlichen Parteien gewährleistet werden. Dadurch wurde eine starke Vertretung der polnischen Konservativen im Parlament erreicht.[162]

1911 wurden sämtliche ruthenischen Handelsorganisationen in der „Kraievyi Soiuz hospodars`kykhtorhovelnykh spilo“ (Vereinigung wirtschaftlicher Handelskooperativen Galiziens) zusammengefasst. Die ruthenische Nationalbewegung hatte somit ihre eigene nationale wirtschaftliche Struktur geschaffen und dadurch die Abgrenzung innerhalb der polnisch und jüdisch dominierten Gesellschaft erreicht, besonders durch die Errichtung ruthenischer Kreditinstitute in ländlichen Gebieten. In den letzten Jahren vor dem Ausbruch des Krieges war die „Sil´s´kyi Hospodar“ (Der Bauer), 1899 in Olesko gegründet, die wichtigste ruthenische Organisation zur Entwicklung der Landwirtschaft. Diese organisierte landwirtschaftliche (Fort-) Bildungen für Bauern.

Die dörfliche Selbstorganisation brach so aus der Isolation der kommunalen Gemeinschaften aus und integrierte sich in die nationale Ebene. Die Umsetzung des Modells der wirtschaftlichen Selbstorganisation richtete sich explizit gegen die Juden, die so aus ihrer historisch begründeten Mittlerrolle gedrängt wurden. Die ruthenische Nationalbewegung war also überaus erfolgreich nicht nur wegen der Schaffung ihrer eigenen nationalen Gesellschaft durch politische und kulturelle Organisationen und der Entwicklung eines ruthenischen Einflussbereichs, sondern auch aufgrund der Bildung einer wirtschaftlichen Struktur von Kooperativen bzw. Genossenschaften auf der Basis nationaler Zugehörigkeit, die das nationale Gemeinwesen stärkten.

Die schnelle Entwicklung ihrer wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Organisationen nach der Jahrhundertwende zeigt die starke politische Mobilisierung unter den Ruthenen in dieser Periode. Dies bedeutete weiterhin eine wachsende Integration der Bauern in die moderne Nation. Die Forderungen der Ruthenen nach Gleichberechtigung wurden als Forderungen für eine Behandlung als eine separate aber gleichberechtigte Nation artikuliert.[163]

Am 14. Februar 1914 wurde vom Landtag ein neues Provinz-Statut erlassen, das den ersten Schritt zu einem polnisch-ukrainischem Ausgleich bedeutete. Es sah vor, das Kurien-System zu erhalten, dabei aber den Ukrainern 62 von 228 Sitzen im Landtag und im Reichsrat zu gewähren. Zudem erhielten sie zwei Plätze im achtköpfigen Landesausschuss und die Vertretung in allen anderen Komitees des Landtages, deren Kandidaten nach Nationalitäten getrennt gewählt wurden. Der Erlass machte dem polnischen Machtmonopol ein Ende und die Ukrainer zu gleichberechtigten Partnern der provinziellen Regierung.[164]

Kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs schlossen sich 1914/15 ruthenische Reichsrats- und Landtagsabgeordnete mit Vertretern der wichtigsten Korporationen in Galizien und der Bukowina zu zwei zentralen Organisationen, dem „Allgemeinen bzw. Obersten Ukrainischen Rat“ und dem „Klub der ruthenischen Reichsratsabgeordneten“ zusammen. Diese Organisationen hatten die Gründung eines unabhängigen ukrainischen Staates mit einer konstitutionellen- monarchistischen Regierung, demokratischem Wahlrecht und einer Reihe von Agrarreformen zum Ziel. Der ukrainische Rat finanzierte die Gründung einer Legion, die innerhalb der österreichischen Armee eine eigene Einheit darstellen und den Grundstock für eine zukünftige ukrainische Nationalgarde bilden sollte.[165]

4 Schlussbetrachtung

Der Ursprung der Region Galizien liegt in dem ostslawisch orthodox geprägten mittelalterlichen Großreich der Kiewer Rus´. Die Tatsache, dass die Kiewer Rus´ ein lose gestricktes Bündnis von Fürstentümern war und die strategisch günstige Lage Galiziens im Schnittpunkt alter Handelsrouten, ließen die Region immer wieder Schauplatz von Kämpfen unterschiedlicher Herrscher und Völker um den Einfluss in diesem Gebiet werden. Nachdem Lemberg seine Machtstellung gegenüber Kiew immer weiter ausbauen konnte, ließ sich Fürst Danilo, auf der Suche nach westlichen Verbündeten, 1253 vom Papst die Königswürde verleihen. Dies bedeutete eine erste Annäherung der orthodox verankerten Gesellschaft an den lateineuropäischen Kulturraum.

Nach dem Aussterben der Kiewer Fürstendynastie gewann das Königreich Polen das Tauziehen um die umkämpfte Region. Die Integration „Rotrusslands“ in die polnische Adelsrepublik setzte den bereits 1253 eingeleiteten Prozess der „Verwestlichung“ weiter fort und führte zu Konflikten auf unterschiedlichen Ebenen. Am Stärksten wog das Aufeinandertreffen der katholischen mit der orthodoxen Kirche. Die Union von Brest 1596 und die Gründung der Unierten Kirche brachte keine Versöhnung der Ost- mit der Westkirche, sondern führte im Gegenteil dazu, dass sich die Feindschaft noch weiter verschärfte. Das hohe soziale Prestige der polnischen Oberschicht und die an den katholischen Glauben geknüpften Vorrechte ließ viele ruthenische bzw. ukrainische Adlige zum Katholizismus konvertieren. Das führte dazu, dass die verbleibenden Mitglieder der orthodoxen Kirche überwiegend Bauern waren. So vollzog sich eine konfessionelle, soziale und wirtschaftliche Teilung der galizischen Gesellschaft. Polnische Gutsherren waren die Nutznießer dieser Entwicklung, die mit Hilfe der Juden in der Mittlerposition als Händler, Gutspächter oder Schankwirte die ukrainischen bzw. ruthenischen Fronbauern wie leibeigene Sklaven ausbeuteten.

Mit der ersten polnischen Teilung 1772 fiel diese starr geschichtete Gesellschaft unter die Oberhoheit des aufgeklärten Obrigkeitsstaat der Habsburgermonarchie unter Joseph II. Zahlreiche Reformen sollten den ausgebeuteten Bauern ihre Lage erleichtern, jedoch dienten die Reformen nur einem übergeordnetem Ziel: die Stellung der Bauern sollte soweit sozial und wirtschaftlich verbessert werden, dass sie als größte Bevölkerungsschicht ebenfalls Steuern zahlen konnten. Die Besetzung Galiziens hatte nämlich erhebliche finanzielle Ressourcen der Monarchie verschlungen, die mit Hilfe der Steuerreform wieder an den österreichischen Fiskus kommen sollten. Die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Einschränkung der Arbeitsleistungen sowie die Einräumung bäuerlicher Prozessfähigkeit und die angestrebte Übergabe von gutsherrlichem Besitz in Bauernhand, erleichterte die Situation der Bauern erheblich. Sie waren nun in der Lage, rund 73% ihrer Erträge für den Unterhalt ihrer Familien zu verwenden. Zudem versuchte Joseph II. durch die Gleichstellung der beiden Kirchen auch das soziale Ansehen der griechisch-katholischen Konfession anzuheben. Der polnische Adel wollte seine privilegierte wirtschaftliche Stellung nicht aufgeben und stellte sich mit aller Kraft gegen die Reformen. Nach dem Tod Josephs II. wurde der Großteil der Reformen wieder aufgehoben.

Die Neuordnung Galiziens ließ jedoch viele Fragen in Bezug auf das gutsherrlich - bäuerliche Verhältnis ungeklärt. Da die österreichischen Beamten, die für die Klärung solcher Streitigkeiten zuständig waren, nicht allen Anfragen nachgehen konnten, sahen sich die Bauern gezwungen, sich selbst zu helfen. Die Wut der Bauern entlud sich in (kleineren) Aufständen und Plünderungen adliger Güter. Die Bauern wehrten sich immer häufiger gegen die zu erbringenden Arbeitsleistungen und forderten die Aufhebung der Fronen.

Nachdem im März 1848 ungarische Aufständische eine weitgehende Autonomie von Österreich forderten und ihnen diese zwei Wochen später eingeräumt wurde, schwappte die Welle der Revolution auch auf die anderen Kronländer der Monarchie über. Die österreichische Regierung sah Galizien ebenfalls mehr und mehr als Problemfall an und verkündete deshalb am 17. April 1848 die Aufhebung aller Arbeitsleistungen.

Die kulturelle Erweckung der Ruthenen hatte bereits in den 1830er und 1840er Jahren durch erste Veröffentlichungen in ruthenischer Sprache durch griechisch-katholische Geistliche stattgefunden. Auch politisch erwachten die ruthenischen Bauern langsam. Bei den Wahlen zum Reichsrat 1848 wurden ihre Interessen durch den von Priestern repräsentierten Obersten Ruthenischen Rat vertreten. Doch erneut wussten die polnischen Adligen den politischen Einfluss der Bauern durch Wahlmanipulationen einzugrenzen. Der griechisch-katholische Klerus stellte nach der Bauernbefreiung 1848 das institutionelle Netzwerk für die nationalen Organisationen dar. Die Übereinstimmung von Konfession und ethnischer Zugehörigkeit stiftete ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Ruthenen und ließ sie eine gemeinsame Haltung gegenüber dem polnischen Adel einnehmen.

Nachdem in der Phase des Neoabsolutismus die Aktivitäten der ruthenischen Nationalbewegung gänzlich eingeschränkt worden waren, kam es in den 1860er Jahren nach der Verfassungsreform, der damit verbundenen Aufforderung an die Landtage, Abgeordnete nach Wien zur Reichsratswahl zu entsenden, und der Einführung der polnischen Selbstverwaltung zu einer Neubelebung der ukrainischen Nationalbewegung. Mit der Gründung zahlreicher Lesehallen und der Aufforderung zu dörflicher Selbstorganisation durch die Geistlichen in den 1860er und 1870er Jahren, wurde die Bildung der Bauern angehoben und diese für die Veränderungen ihrer Lage mobilisiert. Die Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Bauern war mittlerweile ein dringendes Anliegen geworden, nachdem im Streit um die Servituten, der Nutzungsrechte der Bauern von gutsherrlichen Wäldern und Weiden, keine Lösung in Sicht war, das starke Anwachsen der Bevölkerung zu Landknappheit führte und die Bauern zusätzlich von den jüdischen Schankwirten zum Alkoholismus verführt wurden und so teilweise um ihr Land gebracht wurden.

Bis zum Beginn der 1880er Jahre beherrschte der griechisch-katholische Klerus (bzw. die Altruthenen) die ruthenische Nationalbewegung. Danach wurde er jedoch von einer kleinen Schicht weltlicher Intelligenz, den sogenannten Jungruthenen, abgelöst, die sich bereits in den 1860er Jahren formiert hatte.

Immer stärker wurden Bauern in die Arbeit der Nationalbewegung und die politische Partizipation involviert. Immer stärker wurde ihr politisches Gewicht. Immer mehr verringerte sich die Distanz zwischen ruthenischer Intelligenz und der Bauernschaft. Durch Gründung zahlreicher politischer Vereine und wirtschaftlicher Kooperativen aufgrund des angewachsenen Bildungsstandes der ländlichen Bevölkerung entwickelte sich eine neue Generation politisch aktiver Bauern.

Nach der Jahrhundertwende kam es zu einem Zusammenrücken von Intelligenz und Bauernschaft innerhalb der Nationalbewegung. Die Intelligenz trat mehr und mehr für die Interessen der Bauern ein und forderte, „so viele materielle Güter wie möglich“ in den Händen der Ruthenen zu versammeln. Die große Anzahl von Teilnehmern bei den Agrarstreiks im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts zeigt ebenfalls das gestiegene Interesse der Bauernschaft, sich für ihre Belange einzusetzen und sich der polnischen Vormachtstellung entgegenzustellen.

Die Einführung des gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts für Männer über 24 für die Reichsratswahlen 1907 war ein weiterer Schritt in der politischen Integration der ruthenischen Bauern. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs wurde unter der Bauernschaft ein Netzwerk von Genossenschaften und Institutionen (wie Dorfläden) geschaffen, das die dörfliche Selbstorganisation ermöglichte und die Juden aus ihrem Handelsmonopol drängte.

Nachdem der Forderung der Ruthenen nach Gleichberechtigung mit den Polen während der „Neuen Ära“ zwischen 1890 und 1894 nicht nachgekommen worden war, machte der Erlass vom 14. Februar 1914 dem polnischen Machtmonopol ein Ende. Die Ukrainer wurden so zu gleichberechtigten Partnern der provinziellen Regierung Galiziens.

5 Abstract

Throughout the constant rule of the Polish nobility and the underdeveloped agrarian character of the region, Galicia was one of the poorest provinces of the Habsburg monarchy. In spite of the difficult economic situation, the Ukrainians made a remarkable progress, both politically and culturally. Throughout the social, political and cultural changes during this period the region became a leading center of the Ukrainian national movement in the second half of the 19th century. Supported by peasants´ emancipation, the leading role of the greek-catholic church and the promotion from Vienna, the revolutionary years of 1848/49 meant a great uplift for the national movement and peasants´ mobilization. At this time the peasantry entered the political field for the first time. Its activity took place in the Galician diet, on the Slavic Congress in Prague and the parlament in Vienna. At this time, the first national organisations (Supreme Ruthenian Council) and newspapers were established and a political programm was drafted. The main objectives were the unity of all Ukrainians and the division of the crownland into a Polish and an Ukrainian part. The peroid of neoabsolutism brought the abolition of all national organisations and the movement was set back to cultural issues. The establishment of the Austrain constitution in the 1860s garantied fundamental rule and political participation for all citizens. This meant a new growth for Ukrainian national ideas and at the same time the most productive phase of the national movement. Although the Ukrainian position after the Polish-Austrian coalition was weakened, it came to a new mobilization motivated by the national political argument with the Poles concerning the servitutes, the right of the peasants to use the estates´ forests and pastures. Some Ukrainians set their hopes in the Russian Tsar, because of their dissapointment about the Polish superior position. In the 1880s the conservative and russophile parts of the movement lost influence in favour of a new generation of national populists. The foundation of reading clubs, cultural organisations and literacy activity improved peoples´ education and again spread national ideas. The greek-catholic clerus, which formed the institutional network for national organisations until the end of the 19th century moderated the political goals of the young intellectual Ukrainian leaders. Their reaction was the foundation of the Ruthenian-Ukrainian radical party in 1890. Afterwards the church representatives were replaced by peasant activists and teachers. The Ukrainian mass movement was built throughout the awakening sense of national identity, the national mobilization of the peasantry and the formation of national organisations.

Literaturverzeichnis

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Kappeler, Andreas: „Die ukrainische Nationalbewegung im Russischen Reich und in Galizien: Ein Vergleich“, in: Horst Haselsteiner/ Andreas Kappeler/ Walter Leitsch/ Max D. Peyfuss/ Arnold Suppan und Marija Wakounig (Hg.): Der schwierige Weg zu Nation. Beiträge zur neueren Geschichte der Ukraine, Wien u.a. 2003, 70–87.

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Wollstein, Günter: Gegenrevolution in Österreich und Preußen, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Revolution von 1848, Bonn 1999, 30–38.

Eigenständigkeitserklärung

Ich versichere hiermit, dass ich die vorliegende Arbeit mit dem Thema

„Ursprünge nationaler Identität der ukrainischen Bauern in Galizien von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum beginnenden 20. Jahrhundert“

selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel benutzt habe. Die Stellen, die anderen Werken dem Wortlaut oder dem Sinn nach entnommen wurden, habe ich in jedem einzelnen Fall durch die Angabe der Quelle, auch der benutzten Sekundärliteratur, als Entlehnung kenntlich gemacht.

Ort/ Datum Unterschrift

K. Lubahn

[...]


[1] Hroch (1968): 14.

[2] Vgl.: Ebd.: 14f.

[3] Ebd. (1968): 15.

[4] Die folgenden Überlegungen sind Hobsbawms „Nationen und Nationalismus“ (2005) der Seiten 65 bis 124 entnommen.

[5] Hobsbawm (2005): 65.

[6] Ebd.: 83.

[7] Vgl.: Ebd.: 114.

[8] Ebd.: 122.

[9] Vgl.: Kappeler (2003): 73ff.

[10] Vgl.: Hobsbawm (2005): 126.

[11] Damit soll hier der östliche Teil des Kronlandes Galizien gemeint sein, der vorwiegend von Ukrainern bewohnt wurde.

[12] Bis 1918 wurden Angehörige es ukrainischen Volksstammes offiziell „Ruthenen“ genannt. Sie selbst bezeichneten sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als „rusyny“. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand die Bezeichnung „Ukrainer“ zunehmend Anwendung. (Bihl (1980): 555)

[13] Siehe hierzu die Fotos 1 und 2 auf Seite 46 und 47.

[14] Traunpaur (1787): 175.

[15] Kratter (1786): 217.

[16] Vgl.: Magosci (1983): 50.

[17] Boyaren wurden die Edelleute und Gefolgschaft des Fürsten in der Kiewer Rus´ genannt. In Galizien-Wolhynien war es die Bezeichnung für den landbesitzenden Kleinadel.

[18] Vgl.:Magosci (1983): 52f.

[19] Vgl.: Werdt (1998): 76ff.

[20] Vgl.: Magosci (1983): 52f.

[21] Vgl:: Werdt (1998): 76ff.

[22] Vgl.: Magosci (1983): 52f.

[23] Vgl.: Roth (1999): 165f.

[24] Vgl.: Werdt (1998): 78ff.

[25] Darunter ist einer von mehreren historischen Versuchen gemeint, die in orthodoxe Ost- und katholische Westkirche gespaltene Christenheit unter der Schirmherrschaft des Papstes zusammenzuschliessen.

[26] Die Unierte Kirche stellt die Vereinigung der orthodoxe Kirche mit Rom auf der Grundlage von Rechtsgleichheit mit lateinischen Episkopat dar. Der Papst und die römisch-katholischen Dogmen werden anerkannt. Dabei wird die jeweils eigene Liturgie bewahrt und die Priesterehe für weltgeistliche erlaubt.

[27] Vgl.: Roth (1999): 165ff.

[28] Der ruthenische Adel passte sich nicht nur konfessionell, sondern auch sprachlich-kulturell an die polnische Szlachta an, indem sie die Sprache und die Sitten ebenfalls übernahmen. (Werdt (1998): 78ff.)

[29] Vgl.: Werdt (1998): 78ff.

[30] Vgl.: Ebd. (1998): 69f.

[31] Österreich hatte von den drei Mächten, die während der ersten polnischen Teilung um Galizien stritten, am wenigsten Interesse an diesem Gebiet. Lange war nicht klar, ob das Gebiet nicht doch gegen z.B. Schlesien getauscht werden sollte. Die endgültige Festlegung der Grenzen fand deshalb auch erst 1776 statt. Zudem war Wien über das Gebiet nur wenig unterrichtet. Von Polen existierten nur ungenaue Karten. (Brawer (1910): 7ff.)

[32] Vgl.: Roth (1999): 167ff.

[33] Vgl.: Glassl (1975) 168.

[34] Diese Passage ist Mises´ „Entwicklung des gutsherrlich bäuerlichen Verhältnisses“ Seite 12-19 entnommen.

[35] Vgl.: Brawer (1910): 48ff.

[36] Vgl.: Glassl (1975): 161.

[37] Vgl.: Werdt (1998): 71f.

[38] Vgl.: Glassl (1975): 247 und 170.

[39] Vgl.: Brawer (1910): 22f.

[40] Vgl.: Glassl (1975): 176ff.

[41] Der Abschnitt gibt den Inhalt des Werkes „Das österreichische Errichtungswerk in Galizien“ von Horst Glassl (1975) der Seiten 171 bis 176, sowie der Seite 248 wieder.

[42] Vgl.: Mises (1902): 56f.

[43] Vgl.: Glassl (1975): 183.

[44] Vgl.: Bihl: 565ff.

[45] Mises (1902) schreibt jedoch ohne Verständnis für das Verhalten der Bauernschaft auf Seite 79: „Die Politik der österreichischen Regierung in Galizien war dahin gerichtet, den Bauernstand auf Kosten des Adels zu begünstigen. Die stumpfe Masse des Landvolkes nahm alle Wohltaten hin, ohne ein Zeichen der Dankbarkeit zu zeigen. In den Tag hineinlebend schien sie gar kein Verständnis zu haben für den Kampf, der jetzt um ihr Schicksal zwischen dem Staat und den Gutsherren entbrannte.“

[46] Vgl.: Glassl (1975): 251.

[47] Mises (1902): 99.

[48] Vgl. : Ebd. (1902): 98ff.

[49] Vgl.: Gill (1974): 190ff.

[50] Vgl.: Rosdolsky (1976): 8.

[51] Biwald (1996): 106.

[52] Rosdolsky (1976): 8f.

[53] Besonders geschürt wurde die Angst der Gutsbesitzer und Behörden vor einem erneuten Bauernaufstand als es im Frühjahr 1847 zu einer verheerenden Hungersnot kam, da während der Unruhen 1846 viele Felder nicht bestellt worden waren und erneut viele Bauern die Ableistung des Robot verweigerten.

[54] Rosdolsky (1976): 9.

[55] Vgl.: Struve (2005): 85f.

[56] Vgl.: Biwald (1996): 99.

[57] Vgl.: Wollstein (1999): Märzrevolution und Liberalisierung, Informationen für politische Bildung: Revolution von 1848: 11.

[58] Vgl.: Wagner (1983): Die Revolutionsjahre 1848/49 im Königreich Galizien-Lodomerien: 17.

[59] Vgl.: Wollstein (1999): 31.

[60] Vgl.: Ebd. (1999): 12.

[61] Vgl.: Wagner (1983): 19.

[62] Vgl.: Wollstein (1999): 30.

[63] Vgl.: Biwald (1996): 97ff.

[64] Vgl.: Rozdolski (1961): Die große Steuer- und Agrarreform Josefs II.: 10.

[65] Vgl.: Biwald (1996): 103ff.

[66] Rosdolsky (1976): 19.

[67] Vgl.: Bihl (1980): 556.

[68] Vgl.: Wagner (1983): 20.

[69] Vgl.: Kappeler (2003): 73.

[70] Vgl.: Bihl (1980): 556.

[71] Vgl.: Struve (2005): 85.

[72] Vgl.: Ebd. (2005): 106.

[73] Vgl.: Ebd. (2005): 90f.

[74] Himka (1988): 26.

[75] Eine Sammlung Ruthenische Memoranden und Aufrufe für die Teilung Galiziens finden sich zusammengetragen bei Wagner (1983): 26 bis 73.

[76] Struve (2005): 90.

[77] Vgl.: Struve (2005): 106f.

[78] Vgl.: Ebd. (2005): 89.

[79] Vgl.: Ebd. (2005): 92.

[80] Vgl.: Himka (1988): 31f.

[81] Vgl.: Kappeler (2003): 73.

[82] Vgl.: Struve (2005): 88ff.

[83] Vgl.: Himka (1988): 32ff.

[84] Vgl.: Struve (2005): 88ff und vgl. auch Himka (1988): 34f.

[85] Vgl.: Struve: 94f.

[86] Vgl.: Rosdolsky (1976): 62f und 73ff.

[87] In 21 Bezirken wurden Adlige durch Abstinenz der Bauern gewählt, in 14 trotz Anwesenheit zu weniger Stimmberechtigter und in 6 durch Wahlbetrug. S.77f.

[88] Vgl.: Rosdolsky (1976): 78.

[89] Rosdolsky (1976): 141.

[90] Vgl.: Struve (2005): 96f.

[91] Vgl.: Rosdolsky (1976): 70.

[92] Vgl.: Ebd. (1976): 67ff.

[93] Vgl.: Wagner (1983): 19.

[94] Vgl.: Struve (2005): 99ff.

[95] Vgl.: Ebd. (2005): 100f und siehe auch Rosdolsky (1976): 132-141.

[96] Vgl.: Wollstein (1999): 33.

[97] Vgl.: Ebd.: (1999): 33.

[98] Vgl.: Magosci (1983): 128.

[99] Vgl.: Rudnytsky (1989): 35.

[100] Vgl.: Bihl (1980): 579f..

[101] Vgl.: Kappeler (2003): 74.

[102] Vgl.: Struve (2005): 112.

[103] Vgl.: Magosci (191983): 130.

[104] Vgl.: Struve (2005): 113ff.

[105] Schon 1861 hatten sie versucht durch gezielte Kampagnen und Kandidatenauswahl die Politik der Bauern und Ruthenen einzuschränken.

[106] Vgl.: Struve (2005): 118ff.

[107] Struve (2005): 124.

[108] Vgl.: Ebd. (2005): 119ff.

[109] Vgl.: Himka (1999): 32.

[110] Himka (1999): 32.

[111] Vgl.: Struve (2005): 119ff.

[112] Vgl.: Kappeler (2003): 75.

[113] Der polnische Adel sah in der russophilen Bewegung das kleinere Übel und unterstützte diese deshalb, in der Hoffnung die nationalen Populisten dadurch zu schwächen. (Vgl.: Himka (1999): 32f.)

[114] Vgl.: Rudnytsky (1989): 47.

[115] Rudnytsky (1989): 47.

[116] Bis 1914 belief sich die Zahl der Lesevereine auf rund 3000. (Vgl.: Kapeller (2003): 75.)

[117] Vgl.: Bihl (1980): 577ff.

[118] Vgl.: Magosci (1983): 139.

[119] Vgl.: Magosci (1983): 139ff.

[120] Himka schreibt 1988 in “Galician Villagers” auf Seite 37: „They ( the landlords) recognized that control of the forest was a way of obviating the three-day limit on corvée labour: if the peasant wanted to heat his home in the winter or repair a fence, let him pay for the required wood with extra labour on the estate.“

[121] Vgl.: Struve (2005): 108.

[122] Vgl.: Magosci (1983): 138.

[123] Vgl.: Struve (2005): 109.

[124] Vgl.: Himka (1988): 40.

[125] Himka (1988): 40.

[126] Vgl.: Struve (2005): 110ff.

[127] Vgl.: Himka (1988): 49ff und siehe auch: Himka (1980): Hope in the Tsar: Displaced Naive Monarchism Among the Ukrainian Peasants of the Habsburg Empire.

[128] Zwischen 1869 und 1910 wuchs die Bevölkerung Galiziens um 45% an. (Vgl. : Magosci: 136f.)

[129] Vgl.: Struve (2006): 230ff.

[130] Vgl.: Struve (2005): 236.

[131] Struve (2006): 229.

[132] Vgl.: Struve (2005): 236ff.

[133] Siehe dazu auch: Brock, Peter: Ivan Vahylevych (1811-1866) and the Ukrainian National Identity, in: Andrei S. Markovits/Frank E. Sysyn (Hg.), Nationbuilding and the Politics of Nationalism. Essays on Austrian Galicia, Cambridge 1989, 111-148.

[134] Vgl.: Struve (2006): 232f.

[135] Die Informationen dieses Abschnittes sind Kai Struves „Bauern und Nation in Galizien“ (2005) entnommen. Dabei handelt es sich um die Seiten 236 bis 248.

[136] Vgl.: Kappeler (2003): 75.

[137] Vgl.: Bihl (1980): 581.

[138] Die Informationen dieses Abschnittes sind Kai Struves „Bauern und Nation in Galizien“ entnommen. Dabei handelt es sich um die Seiten 236 bis 248.

[139] Die Überlegungen dieses Abschnittes sind Struves „Peasant Emancipation“ der Seiten 238 bis 240 sowie 243 bis 246 entnommen.

[140] Ein wesentlicher Faktor der politischen Beteiligung in den Dörfern war der Besitz eines Hofes.

[141] Die Informationen dieses Abschnittes sind Struves „Bauern und Nation in Galizien“ der Seiten 248 bis 256 entnommen.

[142] Vgl.: Bihl (1980): 580.

[143] Rivalitäten zwischen den verschiedenen Strömungen innerhalb der griechisch-katholischen Kirche, dem Fernstehen von der jungruthenischen Bewegung und der Einfluss der Polen in die Kirchenpolitik führten immer wieder zu Unstimmigkeiten innerhalb der Kirche. Zudem war dieser Mischritus immer in Gefahr gewesen zwischen dem lateinischen Ritus und der Orthodoxie zerrieben zu werden. (Vgl.: Bihl: 565ff.)

[144] Vgl.: Struve (2005): 255f.

[145] Die Informationen dieses Abschnittes sind Struves „Bauern und Nation in Galizien“ der Seiten 272 bis 277 entnommen.

[146] Dem Versuch der politischen Selbstorganisation war jedoch kein Erfolg beschien, denn nach 1898 wurde die Arbeit der Organisation vom Bezirkshauptmann. Damit war der einzige selbstständige Versuch von ruthenischen Bauern, ihren politischen Bestrebungen eine formelle Grundlage zu geben, ein Ende gemacht.

[147] Vgl.: Struve (2006): Peasant Emancipation: 239.

[148] Die Informationen dieses Abschnittes sind Struves „Bauern und Nation in Galizien“ der Seiten 256 bis 277 entnommen.

[149] Vgl.: Rudnytsky (1989): 57f.

[150] Vgl.: Kappeler (2003): 75.

[151] Die Informationen dieses Abschnittes sind Struves „Bauern und Nation in Galizien“ der Seiten 256 bis 277 entnommen.

[152] Vgl.: Rudnytsky (1989): 58f.

[153] Dies wiederholte sich auch nach den Reichsratswahlen 1897, bei der lediglich neun ruthenische Abgeordnete gewählt wurden.

[154] Vgl.: Rudnytsky (1989): 59f. und siehe in Bezug auf die beiden „kleinen“ Parteien und deren Einfluss auf die Entwicklung von Handelsunionen auch Ebd.: Seite 60.

[155] Ebd.: 60.

[156] Kappeler (2003): 75.

[157] Vgl.: Magosci (1983): 136f.

[158] Vgl.: Struve (2005): 282.

[159] Rudnytsky (1989) schreibt auf Seite 53: „The peasant refused their labor to the manorial estates, trying to obtain improved wages and a more humane treatment. The strike movement had started spontaneously, but organization and guidance was soon given to it by the Ukrainian politcal parties.”

[160] Vgl.: Magosci (1983): 136f.

[161] Bis 1914 emigrierten 42.000 Ruthenen in die USA und Kanada.

[162] Vgl.: Struve (2005): 113f.

[163] Die Informationen dieses Abschnittes sind Struves „Peasant Emancipation“ (2006) der Seiten 246 bis 250 entnommen.

[164] Zudem lag die Kontrolle der ukrainischen Grund- und weiterführenden Schulen nun in der Hand der Ukrainer selbst. Die polnische Seite verpflichtete sich weiterhin, der Gründung einer ukrainischen Universität in Lemberg nicht mehr im Wege zu stehen.

[165] Vgl.: Rudnytsky (1989): 66f.

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Details

Titel
Ursprünge nationaler Identität der ukrainischen Bauern in Galizien von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum beginnenden 20. Jahrhundert
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Wirtschafts- und Sozialgeschichte)
Veranstaltung
Kosaken und andere Sozialrebellen
Note
1,5
Autor
Jahr
2006
Seiten
51
Katalognummer
V111281
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ursprünge, Identität, Bauern, Galizien, Mitte, Jahrhunderts, Jahrhundert, Kosaken, Sozialrebellen
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Kristina Lubahn (Autor), 2006, Ursprünge nationaler Identität der ukrainischen Bauern in Galizien von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum beginnenden 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111281

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