Wissenschaftliche Verantwortung oder Verantwortung eines Wissenschaftlers - Fritz Haber - genialer Wissenschaftler oder skrupelloser Kriegsverbrecher?


Essay, 2007

8 Seiten, Note: 1,7


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Wissenschaftliche Verantwortung oder Verantwortung eines Wissenschaftlers

Wissenschaftliche Verantwortung oder Verantwortung eines Wissenschaftlers

Fritz Haber – genialer Wissenschaftler oder skrupelloser Kriegsverbrecher

„Heute sind es nicht mehr die Cholera- uns Pestbazillen die uns bedrohen, sondern...das Ausweichen der Wissenschaftler vor der Verantwortung.“

Max Born[1]

Laut Duden bedeutet Verantwortung die Verpflichtung einen Auftrag richtig und ordnungsgemäß auszuführen und für etwaige Folgen geradezustehen. „Verpflichtung dafür zu sorgen, dass das jeweils Notwendige und Richtige getan wird“ und „für etwas Geschehenes einstehen (sich zu verantworten)“.

Laut Werner A. P. Luck[2] bedeutet Verantwortung mit der ganzen Person zur Antwort zu werden auf eine durch das eigene Tun gestellte Frage, und ein zu stehen für die Folgen des eigenen Tuns.[3]

Doch was bedeutet wissenschaftliche Verantwortung oder sollte man besser sagen Verantwortung eines Wissenschaftlers? Kann die Wissenschaft als Institution die Verantwortung tragen oder kann eine Institution keine Verantwortung tragen und liegt die Verantwortung in der Hand einer Person, der des Wissenschaftlers?

Kann zum Beispiel die Chemie als Wissenschaft die Verantwortung für das übernehmen, dafür gerade stehen, was irgendein Chemiker entwickelt oder erforscht und damit den Menschen schadet. Nein, meiner Meinung nach kann sie dies nicht. Gerade stehen, Verantwortung übernehmen, können nur Personen, keine Institutionen und somit trägt die Wissenschaft, also die Chemie keine Schuld daran, wenn irgendein Wissenschaftler etwas Falsches tut. Für das was nicht so gelaufen ist wie es sich die Menschheit erhofft hat muss der Wissenschaftler, dem dies zu verdanken ist oder der dies verschuldet hat alleine gerade stehen und die Verantwortung tragen.

Doch nun stellt sich eine weitere Frage. Wann muss ein Wissenschaftler gerade stehen, Verantwortung tragen?

Muss ein Wissenschaftler der ein Medikament entwickelt, welches viele Menschen heilt dafür gerade stehen und in die Verantwortung treten wenn es Menschen missbrauchen und als Droge einsetzen oder es dazu nutzen anderen Menschen Schaden zuzufügen, in dem sie es ihnen verabreichen um sie zu töten?

Muss man dafür gerade stehen, wenn man etwas Gutes im Sinn hatte und dem Menschentum durch sein Schaffen weiter bringen, ihnen helfen wollte und andere Menschen das, was man geschaffen hat einem anderen Zweck zuführen, als dem für den es ursprünglich gedacht war, um anderen Menschen bewusst oder unbewusst zu schaden? All dies sind Fragen, welche meiner Meinung nach nicht eindeutig mit ja oder nein zu beantworten sind. Man muss sehen, dass ein Wissenschaftler viele Freiheiten hat, mit welchen er Macht ausüben kann. Der verantwortungsvolle Umgang mit Freiheiten setzt die Fähigkeit voraus, Folgen von Entscheidungen abschätzen und bewerten zu können. Forscher besitzen hier aufgrund ihres Spezialwissens eine zentrale Rolle. Ihr besonderes Wissen impliziert auch eine besondere Verantwortung.

Im Falle des Chemikers und Nobelpreisträgers Fritz Haber kann man sagen, dass nicht die Chemie als Wissenschaft die Verantwortung für dessen Handeln trägt bzw. tragen kann, sondern er selbst dafür gerade stehen muss. Wenn man jedoch hört, dass Haber Nobelpreisträger ist kommt einem im ersten Moment in den Sinn, dass er für sein Handeln sicher gerne gerade steht und die Verantwortung für sein Schaffen trägt. Der Nobelpreis ist einer der höchsten, wenn nicht die größte Auszeichnung, die einem Wissenschaftler zu Teil werden kann, also muss es sich bei Fritz Haber um einen genialen und herausragenden Wissenschaftler handeln.

Doch die Realität sieht anderes aus. Fritz Haber lebte in den Jahren von 1868 bis 1934, also zur Zeit des Ersten Weltkrieges. Vor diesem hat er seine preisgekrönte Ammoniaksynthese gemeinsam mir Carl Bosch entwickelt. Diese dient zur Synthese von Ammoniak aus Wasserstoff und Luftstickstoff. Auf den ersten Blick war diese ein Segen für die Menschheit, da der in der Synthese gewonnene Ammoniak dringend in der Kunstdüngerproduktion benötigt wurde und noch immer benötigt wird, da Ammoniak in der Natur nicht in ausreichend großen Mengen vorliegt. Habers Zeitgenossen taufen das Verfahren aus diesem Grund „Brot aus Luft“. Doch das Verfahren hatte bzw. hat auch seine Schattenseite und war/ist deshalb nicht nur Segen für die Menschen, sondern zugleich ein Fluch. Dank des Ammoniaks ist nicht nur für genügend Nahrungsmittel gesorgt, die viele Menschen vor dem Hungertod bewahrten, sondern auch eine scheinbar unerschöpfliche Menge an Sprengstoffen, so dass der Erste Weltkrieg nicht „frühzeitig“ zum erliegen kam. Aus dem Ammoniak kann Nitrat synthetisiert werden, der in der Kriegsindustrie dringend benötigt wurde. Doch dies war nicht alles was Fritz Haber für Deutschland im Ersten Weltkrieg geleistet hat. Nachdem er im Jahr 1911 zum Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts ernannt wurde, welches später dem Kriegsministerium unterstellt wurde, forschte er an Giftgasen und wie diese im Krieg eingesetzt werden können. Durch seine Forschung starben tausende Soldaten qualvoll in den Schützengräben, da sie dem Gas nicht entrinnen konnten, da es sich um eine bis zu diesem Zeitpunkt unbekannte Waffe handelte.

Auf Grund der Tätigkeit Fritz Habers im Ersten Weltkrieg stand sein Name gemeinsam mit dem Walter Nernsts[4] auf der List der auszuliefernden Personen, da die Ententemächte Haber als Kriegsverbrecher suchten und dessen Auslieferung forderten um ihn vor Gericht zu stellen. Laut Margit Szöllösi-Janze habe sich Haber einen Vollbart wachsen lassen, um nicht erkannt zu werden und sei, ausgestattet mit einem falschen Pass, überstürzt in die neutrale Schweiz geflohen. Wäre es zum Prozess gegen Fritz Haber gekommen, so hätte sich zum ersten Mal ein Wissenschaftler wegen Verstoßes gegen das Völkerrecht verantworten müssen. Haber traf vor seiner Flucht noch Maßnahmen die einen Prozess gegen ihn erschwert hätten und vernichtete Unterlagen im Kaiser-Wilhelm-Institut, welche ihn hätten belasten können. Dieses Verhalten Fritz Habers zeigt, dass er nicht für seine wissenschaftliche Arbeit gerade stehen wollte. Zu einem Prozess kam es jedoch nie, in Gegenteil Haber wurde nachträglich für 1918 im Jahr 1919 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Der Nobelpreis galt schon vor dem Ersten Weltkrieg als größte Auszeichnung, die einem Wissenschaftler zu Teil werden konnte Diese Auszeichnung Habers mit dem Preis löste zum Teil große Empörung in der ausländischen Presse aus. So zum Beispiel fragt die New York Times am Folgetag sarkastisch ob man nicht auch Generalstabschef Erich Ludendorff, einem der Hauptverantwortlichen für den Ersten Weltkrieg einen Nobelpreis für idealistische und erfundene Literatur zu Teil kommen lassen sollte.

“[…] why the Nobel prize for idealistic and imaginative literature is not given to the man who wrote General Ludendorff´s daily communiqués to the German people on the absorbing subject of strategic retirements.”[5]

Auch verweigerten sich zwei französische Wissenschaftler, welche in dem genannten Jahr ebenfalls ausgezeichnet werden sollten ihre Preise entgegenzunehmen. Diplomaten und andere Preisträger erschienen nicht zur Zeremonie.

Die anderen Länder bezogen ihren Frust weniger gegen die Tatsache das Haber die Giftgasangriffe zu verantworten hat, als gegen die Erfindung des Haber-Bosch-Verfahrens, welches zwar auf der einen Seite positive Auswirkungen auf die Ernährungsprobleme der Bevölkerung hatte, aber eben auch dazu eingesetzt wurde um Sprengstoff herzustellen ohne den der Erste Weltkrieg schon früher zum Ende gekommen wäre, da Deutschland ohne Munition gewesen wäre. Und vor allem darüber das dieses Verfahren dann auch noch mit einem der höchsten Preise in der Wissenschaft ausgezeichnet wurde.

Fritz Haber ging in seiner Rede bei der Preisverleihung in Stockholm nicht auf die Vorwürfe ein, die gegen ihn im Raum standen. Weder darauf, dass er im Krieg Giftgase entwickelt hat und damit vielen tausend Soldaten das Leben genommen hat und ihm den Spitznamen „Vater des Gaskriegs“ eingebracht hat. Noch darauf das Deutschland durch seine Giftgase gegen die „Haager Landkriegsordnung“ verstieß, mit der man sich verpflichtet hatte keine Gifte und erstickenden Gase zu militärischen Zwecken einzusetzen. Hier flüchtete Fritz Haber vor der Verantwortung sich für das zu rechtfertigen, was er der Menschheit durch seine Erfindungen angetan hat.

Fritz Haber ist eigentlich ein Mann, der in seiner wissenschaftlichen Karriere alles erreicht hat, was man als Wissenschaftler erreichen kann. Er hat 1908 ein Bahn brechendes Verfahren entwickelt, welches viele Millionen Menschen vor dem Hungertod bewahrt hat. Für dieses Verfahren erhielt er die höchste Auszeichnung die einem Wissenschaftler zu Teil werden kann, den Nobelpreis im Jahr 1919, nachträglich für das Jahr 1918. Betrachtet man nur diesen Ausschnitt aus dem Leben Fritz Habers so scheint er ein genialer Wissenschaftler und Segen für die Menschheit gewesen zu sein.

Doch werden die zwischen der Entwicklung des Verfahrens und der Preisverleihung liegenden Jahren vom Ersten Weltkrieg und dem Handeln Habers in diesem überschattet. Sein preisgekröntes Verfahren der Ammoniaksynthese wurde wie schon gesagt nicht nur zum Erhalt der Menschenleben eingesetzt, sondern brachte viele Soldaten ums Leben, da das Verfahren zur Herstellung von Sprengstoffen eingesetzt wurde. Sein weiteres Eingreifen in den Verlauf des Krieges war ebenso wenig Ruhmes wert. Er entwickelte Giftsgase die gleichsam viele Soldaten hinrichteten wie die Sprengsätze, dabei preist Haber selbst die Giftgase als „humane Waffen“ an.

Das Agieren Fritz Habers im Ersten Weltkrieg kann man ich in keinem Fall als verantwortungsvoll bezeichnen, da er vielen Menschen das Leben nimmt und der Krieg nur andauern kann, da er Waffennachschub liefert. Auch kann er für sein Handeln nicht gerade stehen oder nach Kriegsende eingestehen Fehler begangen zu haben, wie sich bei der Nobelpreisverleihung zeigt, als er mit keinem Wort seine Taten im Ersten Weltkrieg anspricht auch wenn sie zum Teil direkt mit dem Verfahren, dem er den Preis zu verdanken hat verknüpft sind.

Es hat den Anschein als sei Fritz Haber seine wissenschaftliche Karriere wichtiger gewesen, als alles andere in seinem Leben. Zugunsten dieser Konvertierte er vom jüdischen zum christlichen Glauben da an deutschen Universitäten zu dieser Zeit der Antisemitismus immer höhere Wellen schlug und es einem jüdischen Wissenschaftler nicht möglich gewesen wäre Erfolg zu haben. Im Kriegsfall war Haber meiner Meinung nach von blindem Patriotismus besessen. Es wird gesagt, dass er dem Militär die Giftgase nahezu aufgedrängt habe und sie ihnen als „humane Waffe“ anpries. Über diesen Patriotismus übersah er wie sehr sein Handeln seine erste Frau Clara Immerwahr, ebenfalls Chemikerin, belastete, sie nahm sich wenige Tage nach den ersten Giftgasangriffen im Ersten Weltkrieg das Leben.

Abschließend kann man sagen, dass ein Wissenschaftler gerne die Verantwortung dafür trägt, wenn er etwas entwickelt oder entdeckt, dass für die Menschheit von Vorteil ist und sie rettet oder ihnen heil bringt, er aber ausweicht, wenn es nicht den gewünschten Erfolg bringt oder es vom größeren Teil der Menschheit als negative Entwicklung erachtet wird.

Noch schwerer wird es für einen Wissenschaftler, wenn er zu Zeiten wirkt, in welchen er sich auf eine Seite schlagen muss, so zum Beispiel in Kriegszeiten und er somit nicht mehr zum Wohl der gesamten Menschheit wirkt, sondern nur zum Wohl derer, auf deren Seite er steht und denen er den gewünschten Erfolg bringen will.

Jedoch muss man zum Schutz der Wissenschaftler sagen, dass man nicht immer im Voraus wissen kann wohin einen das führt, was man gerade entwickelt. Für diese „Unbedachtheit“ in der Wissenschaft stellt wiederum Fritz Haber ein gutes Beispiel dar. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs forschte Fritz Haber in der Schädlingsbekämpfung. Auch hier hatte er es wiederum mit Gasen zu tun. Eines davon war Zyklon B, welches jedoch nicht durch die Schädlingsbekämpfung populär wurde, sondern durch den Einsatz dessen in den Gaskammern des Zweiten Weltkrieges um Deutsche jüdischen Glaubens zu töten. Fritz Haber, stammt selbst aus einer jüdischen Familie. Hunderttausende Juden starben im Zweiten Weltkrieg in den Gaskammern der Nazis, unter ihnen könnten Familienangehörige Habers gewesen sein. Ein absurder Gedanke das Nazis das passende Mittel zur Tötung der Juden einem „Juden“ zu verdanken haben, dem die Folgen seiner Arbeit nicht bewusst.

Aus diesem Grund sollte man, wenn man über die Verantwortung der Wissenschaftler nachdenkt ein Zitat von Gottfried Küenzlen[6] im Hinterkopf behalten.

„Je mehr wir wissen, desto weniger wissen wir, wohin uns dieses Wissen führt.“

Gottfried Küenzlen

Verwendete Literatur:

Margit Szöllösi-Janze: Fritz Haber 1868-1934. München 1998.

http://www.staff.uni-marburg.de/~gvw/infogvw.html

(letzter Besuch 08. März 2007 3.45 Uhr)

[...]


[1] Physiker und Zeitgenosse Fritz Habers.

[2] Mitglied der „Gesellschaft für Verantwortung in der Wissenschaft e. V.“

[3] http://www.staff.uni-marburg.de/~gvw/infogvw.html (letzter Besuch 08. März 2007 3.45 Uhr)

[4] Deutscher Chemiker und Physiker

[5] Margit Szöllösi-Janze: Fritz Haber 1868-1934. München 1998, S. 432.

[6] Professor für Evangelische Theologie unter besonderer Berücksichtigung der Sozialethik.

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Details

Titel
Wissenschaftliche Verantwortung oder Verantwortung eines Wissenschaftlers - Fritz Haber - genialer Wissenschaftler oder skrupelloser Kriegsverbrecher?
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Wissenschaftsgeschichte
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
8
Katalognummer
V111318
ISBN (eBook)
9783640093977
Dateigröße
352 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissenschaftliche, Verantwortung, Wissenschaftlers, Fritz, Haber, Wissenschaftler, Kriegsverbrecher, Wissenschaftsgeschichte
Arbeit zitieren
Annalena Schmidt (Autor:in), 2007, Wissenschaftliche Verantwortung oder Verantwortung eines Wissenschaftlers - Fritz Haber - genialer Wissenschaftler oder skrupelloser Kriegsverbrecher?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111318

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