Die slowenische Minderheit in Kärnten - Von den Anfängen bis zur Gegenwart


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

57 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichnis

Abstract

1. Einleitung

2. Zur Geschichte der Kärntner Slowenen
2.1 Exkurs
2.2 Von den Anfängen bis zum Zerfall der Donaumonarchien
2.3 Die Zeit zur Volksabstimmung
2.4 Die Zwischenkriegszeit
2.5 Die Zeit unter nationalsozialistischer Herrschaft
2.6 Die Nachkriegszeit

3. Die Minderheitenbestimmungen im Staatsvertrag 1955
3.1 Der Weg zum Staatsvertrag
3.2 Grundsätze über Minderheitenschutz
3.3 Der Artikel 7 des Staatsvertrages
3.4 Die Entwicklung nach der Unterzeichnung des Staatsvertrages
3.4.1 Das Volksgruppengesetz 1976
3.4.2 Darstellung des Schulwesens in Südkärnten

4. Aktuelle Situation der Kärntner Slowenen
4.1 Zur Situation aus sprachwissenschaftlicher Sicht
4.1.1 Allgemeines
4.1.2 Soziolinguistische Lage
4.1.3 Wege zur Erhaltung der Sprache
4.2 Zur Situation aus kulturwissenschaftlicher Sicht
4.2.1 Allgemeines
4.2.2 Kulturelle Aktivitäten
4.2.3 Wirtschaftsleben
4.3 Zur Situation aus literaturwissenschaftlicher Sicht
4.4 Zur Situation aus politischer Sicht
4.5 Zur Zukunft der Volksgruppe

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

Abstract

Die folgende kurze Erzählung von meiner Großmutter soll zeigen, welcher Sprache man sich noch bis vor nicht allzu langer Zeit in Südkärnten im alltäglichen Leben bediente, die heute nur mehr in den südlichsten Teilen des gemischtsprachigen Gebiets von Kärnten täglich gesprochen wird.

«Ate je an qupec u liesu wsraw, pa rit qnle qazu, pa z mehem rit ubrisu, pol je listi isqu,

pa rit lih na viš pomuelu. Pol pa lide prišel,

pa je mama cudne šrajuwa pa qazuwa, da ne.t pride. Pol je pa ate pusqocu pa latu q mam,

Pa je mama pa taq smijawa se, da se je hwace uscawa, Je pa smrqel dow wisu, pa šnajcla cista mewa,

Pol je ate z usrana rit duem latu.»

Povzetek

V tej seminarski nalogi bom poskušal podati pregled o slovenski manjšini na Koroškem.

V prvem poglavju bom povzel zgodovino koroških Slovencev od zacetkov do sedanjosti, se pravi, da bom opisal nastanek Karantanije, razvoj slovenske kulture za casa reformacije, proti-reformacije in r azsvetljenstva, in koncal s prvo in drugo svetovno vojno.

V drugem poglavju bom predstavil avstrijsko državno pogodbo iz leta 1955.

V tej pogodbi je najpomembnejši za koroške Slovence šlen 7, ki se nanaša na pravice slovenske manjšine oziroma vseh avtohtonih manjšin v drugi Republiki Avstriji.

V tretjem poglavju bom opisal aktualno situacijo koroških Slovencev z jezikoslovnega, kulturnega, literaturnega in politicnega vidika in poskušal podati pogled o prihodnosti slovenske manjšine na Koroškem.

Na koncu seminarske naloge bo povzetek o tematiki slovenskega jezika oziroma njegovih narecjih na Koroškem.

1. Einleitung

Am 10. Oktober jedes Jahres gedenkt man in Kärnten der Wiederkehr der Volksabstimmung vom Jahre 1920. Dieser Volksabstimmung sind fast zwei Jahre Besetzung durch die Jugoslawen und kriegerische Auseinandersetzungen vorhergegangen und sie wurde im Rahmen der Friedensverhandlungen von St. Germain für das gemischtsprachige Gebiet Unterkärntens unter dem Eindruck der Kämpfe und nach dem Besuch des späteren Abstimmungsgebietes durch die sog. Miles-Mission im Sinne des von Präsident Wilson zur Grundlage seiner Friedenspläne erhobenen „Selbstbestimmungsrechtes der Völker“ vereinbart.

Ohne Abstimmung wurden das Mießtal und die Gemeinde Seeland/Jezersko an Jugoslawien abgetreten und das zweisprachige Kanaltal an Italien. Im südöstlichen Kärnten wurden zwei Abstimmungszonen eingerichtet; in der Zone A wurde zuerst abgestimmt und wäre das Ergebnis zugunsten Jugoslawiens ausgefallen, wäre auch anschließend in der Zone B (Klagenfurt, Maria Saal, Pörtschach, Velden) abgestimmt worden, doch dazu kam es ja bekanntlich nicht [Pohl 2000, 7].

Dieser Tag ist sowohl für Kärnten und seine Bevölkerung als auch für die junge Erste Republik Österreich ein großer Tag gewesen, den zu feiern immer noch angebracht ist. Rein formal war die Abstimmung am 10. Oktober nicht zwischen

„deutsch“ und „slowenisch“, sondern zwischen Österreich und dem SHS-Staat Jugoslawiens (Kraljevina S rba, H rvata i S lovenaca) und untrennbar damit verknüpft die Frage der Landeseinheit, wenn man von den automatisch abgetretenen Teile Südkärntens absieht.

Im Verhältnis zur Volkszählung 1910, bei der 69% der Bevölkerung Südkärntens Slowenisch und 31% Deutsch als Umgangssprache angegeben haben, müssen rein rechnerisch neben den rund 31% Deutschsprachigen noch etwa 28% Slowenischsprachige für Österreich gestimmt haben, das sind ungefähr 40% der Kärntner Slowenen laut Volkszählung 1910 bzw. fast jeder zweite.

Das Volksabstimmungsergebnis war bei den Kärntner Slowenen ein Sieg der Vernunft über die nationalen Leidenschaften im Zuge des Auseinanderbrechens der Monarchie Österreich-Ungarn. Für einen wesentlichen Teil der slowenischen bäuerlichen Bevölkerung des Kärntner Unterlandes war der Verbleib in einem ungeteilten Kärnten mit freiem Zugang zu den Wirtschaftszentren Klagenfurt und Villach eben attraktiver als ein Randgebiet unter serbischer Vorherrschaft stehenden Jugoslawiens zu werden [Pohl 2000, 8].

Auch südlich der Karawanken hielt sich die Begeisterung über die Gründung des SHS-Staates in Grenzen. Andererseits kann die Frage, was wäre gewesen, wenn die befragte Bevölkerung zwischen Österreich, dem deutschen Reststaat der alten Monarchie, und einem unabhängigen Freistaat Slowenien zu entscheiden gehabt hätte, nicht eindeutig beantwortet werden.

Aber auch den übrigen Slowenen war es nicht vergönnt, in einem Staat vereint zu sein, denn der Westen des slowenischen Sprachgebietes (Görz und Umgebung, Nordistrien, Isonzotal und das Hinterland von Triest) war an Italien gefallen.

Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts kam es zur Ausbildung eines slowenischen Nationalbewusstseins und es entstand der Gedanke, alle slowenischen Länder verwaltungsmäßig im Rahmen der Monarchie zusammenzufassen, aber dies hätte eine Teilung des Landes Kärnten bedeutet, der sich selbst führende Politiker der Kärntner Slowenen widersetzten.

Auch das slowenische Pflichtschulwesen mit slowenischer Unterrichtssprache musste 1869 neu organisiert werden und somit kam es unter den Kärntner Slowenen gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur Herausbildung zweier Lager; eines nationalen und eines deutschfreundlichen [Pohl 2000, 9].

Beide zusammen machen die slowenischsprachige Minderheit aus, wobei ersteres am 10. Oktober für Jugoslawien, letzteres für Österreich stimmte. Die deutschfreundlichen Slowenen wurden schon vor dem Ersten Weltkrieg „Windische“ genannt, zu einem Politikum wurden sie seit den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Sie sind aber rein sprachlich gesehen eindeutig Slowenen, bekennen sich aber nicht ausdrücklich zum slowenischen Volkstum, vor allem politisch nicht!

Unterschiede zwischen beiden Gruppen ergeben sich nur durch die Kenntnis der slowenischen Schriftsprache, die jenen Personen fehlt, die keinen Schulunterricht auf Slowenisch erhalten haben. Diese sog. Windischen sind also Slowenen, die sich aber nicht ausdrücklich zum slowenischen Volkstum bekennen.

Diese Gruppe dürfte bei der Volksabstimmung 1920 den Ausschlag für Österreich gegeben haben, die in der Folge vom damaligen Kärnten als „Heimattreue Slowenen“ bezeichnet wurden. In der nationalpolitischen Auseinandersetzung der 20er Jahre um die Kulturautonomie wurde die sog. „Windischen-Theorie“ geboren, die vom deutschnationalen Historiker Martin Wutte formuliert wurde [Pohl 2000, 10f]:

„Wenn wir diese Mittelschicht der Bevölkerung des gemischtsprachigen Gebietes, die Kärntner Windischen, den nationalen Slowenen gegenüberstellen, so wollen wir damit nicht eine eigene windische Nation schaffen, sondern lediglich die tatsächlich bestehenden Verhältnisse zum

Ausdruck bringen, wie sie auch von slowenischnationaler Seite wiederholt angedeutet wurden. Im Laibacher „Slovenec“ vom 26. April 1927 z.B. werden in einem offenbar von einem Kärntner Slowenen verfasster Artikel drei Gruppen der Bevölkerung in Kärnten unterschieden: die Mehrheit, die Minderheit und ein drittes „Element“, die Nemcurji, die, wie „Slovenec“ sagt, wirtschaftlich und der Gesinnung nach Norden orientiert, kulturell und dem Fühlen nach aber slowenisch sind. Wir allerdings meinen, dass dieses dritte Element, eben unsere Mittelschicht, nicht nur wirtschaftlich und nach der Gesinnung, sondern auch gefühlsmäßig und in ihrem ganzen kulturellen Sinnen und Denken nach Norden orientiert ist, und dass gerade diese ihre wohlbegründete kulturelle Einstellung der Urgrund ihrer politischen Gesinnung ist.“

Mit der „Windischen-Theorie“ ist auch die Frage verknüpft, ob das „Windische“ etwa eine vom Slowenischen verschiedene Sprache sei. Weit verbreitet ist die Ansicht, die windische Sprache sei eine deutsch-slowenische Mischsprache, die mit der slowenischen Schriftsprache nichts zu tun habe.

Entscheidend ist aber jedoch die Grammatik, die mit der slowenischen identisch ist und gleich sind auch Hilfswörter und Grundwortschatz, wobei das „Windische“ massenhaft Lehnwörter und Einflüsse von der überregionalen Verkehrssprache bezieht. Daher ist in den Kärntner slowenischen Mundarten der Anteil deutscher Lehnwörter sehr hoch.

Zusammenfassend kann gesagt werden [Pohl 2000, 9f]:

1. Kärnten hat mehr oder weniger seine Landeseinheit wie in der Monarchie in der Ersten Republik und auch in der Zweiten Republik bewahren können;
2. in Kärnten leben zwei ethnische Gruppen, nämlich aus historisch- ethnographischer Sicht Deutsche und Slowenen, und es gibt eine Art Zwischengruppe bzw. Übergangsgruppe, die sog. Kärntner „Windischen“, die aber kein eigenes Volkstum darstellt;
3. das slowenische Element ist Teil der Kärntner Identität;
4. Kärnten ist heutzutage noch immer, trotz des relativ geringen Prozentsatzes von slowenischsprachigen Mitbürgern, zweisprachig, denn das slowenische Element ist konstitutiv für Sprachlandschaft, Dialektologie und Namengebung.

2. Zur Geschichte der Kärntner Slowenen

2.1 Exkurs

Nicht historische Bauwerke wie die Burg Hochosterwitz, Denkmäler wie der Herzogstuhl auf dem Zollfeld oder Ausgrabungen wie auf dem Magdalensberg sind das älteste kulturelle Erbe, sondern die Sprache, die wir von unserer Elterngeneration vermittelt bekommen haben und die wir normalerweise unseren Nachkommen weitergeben.

Die Fähigkeit mit einer Sprache umzugehen, zu kommunizieren, ist dem Menschen angeboren und gehört zu seinem sog. biologischen Programm, trotzdem ist aber jede Einzelsprache im Kindesalter zu erlernen, sie ist kein genetisches, vielmehr soziokulturelles Erbe. Ein Teil dieses Erbes ist im weiteren Sinne auch unsere Muttersprache und in einem größeren Zusammenhang die heutige südalpine Sprachlandschaft, die das Ergebnis einer mehr als zweitausendjährigen überblickbaren Entwicklung ist. Hier, in unserem Raum, hat es immer schon mehrere Sprachen - und nicht nur eine – gegeben [Pohl 2000, 117].

Der Alpenraum war (wie übrigens das gesamte westliche und mediterrane Europa) ursprünglich weder germanisch noch romanisch oder slawisch, sondern nicht- indogermanisch und wurde vom östlichen Mitteleuropa aus nach und nach indogermanisiert, d.h. es wanderten wiederholt indogermanischsprachige, zuletzt keltische Stämme ein, die die bodenständige Urbevölkerung überlagert haben.

Gegen Ende der Völkerwanderungszeit kamen die Vorfahren der heutigen Slowenen, die Alpenslawen, mit einer turksprachigen awarischen Oberschicht ins Land. Das südwestliche Gebiet der Ostalpen kam in der Völkerwanderungszeit wiederholt unter germanische Herrschaft, so beherrschten die Langobarden weite Teile Italiens. Es kann daher nicht ausgeschlossen werden, dass Ostgoten und Langobarden auch in Kärnten siedelten, aber es wird sich dabei eher um militärische Vorposten gehandelt haben.

Die erste planmäßige Besiedelung Kärntens erfolgte seit dem 9. Jahrhundert durch die Baiern unter fränkischer Oberhoheit, in dem schon seit dem ausgehenden 6. Jahrhundert Slawen ansässig waren. Die bairischen Siedler ließen sich vornehmlich in Gegenden nieder, die noch nicht besiedelt waren, was zu einer bairisch- slawischen Mischbevölkerung im Mittelalter geführt hat. Die bereits anwesenden Alpenslawen wurden also nicht verdrängt, sondern sind nach und nach in der bairischen Bevölkerung aufgegangen [Pohl 2000, 120].

Nur in den südlichen Landesteilen ist das slowenische Element so stark gewesen, dass es dort die Oberhand behielt und die deutsch-slowenische Sprachgrenze, wie sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts beschrieben worden ist, dürfte seit Beginn der Neuzeit bestanden haben.

Völker sind also primär keine Abstammungsgemeinschaften, sondern Produkte von natürlich entstandenen und machtpolitisch organisierten Lebensräumen. Daher war bis ins 19. Jahrhundert die Sprache dem Landesbewusstsein und der Religion untergeordnet; so hat sich das alte Herzogtum Kärnten selbstbewusst „Windisches Erzherzogtum“ genannt wie auch bei der Zeremonie der Herzogseinsetzung beim Fürstenstein auf dem Zollfeld immer die „windische Sprache“ präsent war.

Auch bei der Volksabstimmung im Jahre 1920 war das gemeinsame Kärntner Landesbewusstsein immer noch stark ausgeprägt und stand in Konkurrenz zum nationalpolitischen Empfinden, haben doch ca. 40% derer, die bei der Volkszählung 1910 Slowenisch als Umgangssprache angegeben haben, für Österreich, also für die Einheit und gegen eine ethnographische Teilung Kärntens, gestimmt.

Romanisierung, alpenslawische Landnahme und bairische Kolonisation sind die Ursache dafür, dass in den heutigen Ostalpen vier Sprachen gesprochen werden, nämlich Italienisch, Slowenisch, Deutsch und Rätoromanisch. Alle vier Sprachen sind heute sowohl Mehrheits- als auch Minderheitssprachen, wobei dem Rätoromanischen eine Art „Zwitterstellung“ zukommt, denn es ist lokal wohl Mehrheitssprache, aber in seinem ganzen Verbreitungsgebiet steht es unter einer Prädominanz des Italienischen bzw. Deutschen. Rätoromanisch ist die Sammelbezeichnung für eine Reihe von alpenromanischen Dialekten, die zu keiner gemeinsamen Schriftsprache gefunden haben; es zerfällt in Bünderromanisch, Dolomitenladinisch und Furlanisch [Pohl 2000, 125f].

Wird die historisch bedingte Verwobenheit der Völker unserer Region vor Augen gestellt, kommt man mit Recht zur Frage, was „national“ heute für eine Bedeutung hat. Ein sog. natürliches Nationalbewusstsein sollte kein biologisch zu begründendes Bekenntnis nach der Abstammung, sondern ein offenes, nach seinen historisch-kulturellen Wurzeln gerichtetes sein.

Das Konzept der Kulturnation (als Definition der Nation von der Sprache her) ist heute überholt, wenn auch die Sprachgemeinschaft nach wie vor ein mächtiger Bezugspunkt ist und unter günstigen Bedingungen den Rahmen des Nationalbewusstseins zu liefern in der Lage ist und in der Folge konstitutiv für die

Gründung eines Nationalstaates werden kann, wie wir es in letzter Zeit in Europa erlebt haben [Pohl 2000, 129f].

Doch weder das Österreich des Jahres 1918 noch des Jahres 1945 war ein

„Nationalstaat“, entscheidend war in der Hauptsache die eigenstaatliche Tradition. Daher kann es für Österreich nur eine Doppelidentität geben, eine von der Eigenstaatlichkeit geprägte und durch das Landesbewusstsein ergänzte österreichische und eine durch Geschichte und Sprache ererbte deutsche bzw. slawische Identität, die sich beide in größeren historisch-kulturellen Zusammenhängen verflechten, rückblickend im Rahmen der Österreichisch- Ungarischen Monarchie, zukunftsweisend im zusammenwachsenden Europa.

2.2 Von den Anfängen bis zum Zerfall der Donaumonarchien

In der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts begannen die slawischen Vorfahren der Slowenen den östlichen ´Teil der Ostalpen und deren südliche und östliche Randgebiete zu besiedeln. Die nur spärliche, romanisierte illyrisch-keltische Vorbevölkerung wurde weitgehend slawisiert, wobei zumindest zwei slawische Siedlungswellen belegt werden können; eine ältere, bereits nach 550 einsetzende westslawische und die intensivere südslawische, die in den letzten beiden Jahrzehnten des 6. Jahrhunderts und in der ersten Phase des 7. Jahrhunderts entlang der Flussläufe und Römerstraßen vordrang.

Das von den Ahnen der Slowenen nicht besonders dicht besiedelte Gebiet reichte von der Kolpa und der Triester Bucht im Süden bis zur Donau zwischen Traun und Wienerwald im Norden, vom Plattensee im Osten bis zum Quellgebiet der Drau und bis zum Isonzo im Westen. Die Alpenslawen eroberten die neuen Wohnsitze unter der Oberhoheit der Awaren, wobei ihr Verhältnis zu ihnen sowohl in zeitlicher als auch in örtlicher Hinsicht sehr verschiedenartig war. Es reichte von einer weitgehenden Selbständigkeit im Alpenraum nördlich des Karawankenkammes, die sich der Form eines Bündnisses näherte, bis zur schwer lastenden Unterdrückung im pannonischen Vorfeld und im Bereich der Einfallstraße von Pannonien nach Italien.

Die Alpenslawen wurden nach ihrem Kernland auch Karantaner bzw. Corantani genannt und ihr zentrales Siedlungsgebiet hieß Carantania. Im Zuge der Verteidigung und Absicherung ihres Siedlungsgebietes gegen die Langobarden im Südwesten, gegen die Baiern im Nordwesten und gegen die Awaren im Osten, gründeten sie im ersten Viertel des 7. Jahrhunderts ein selbständiges Fürstentum, das sein politisches Zentrum Karnburg auf dem Kärntner Zollfeld in unmittelbarer Nähe des zerstörten Virunum hatte und noch bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts unabhängig war.

Als sich aber der awarische Druck neuerlich zu verschärfen begann, rief der Karantanerherzog Borut im Jahre 745 die Baiern zu Hilfe. Die Awaren konnten zwar abgewiesen werden, jedoch mussten die Karantaner fortan die fränkische Oberhoheit anerkennen, der auch die Baiern unterstellt waren, sowie als Folge davon dem Christentum Einlass gewähren. Boruts Sohn Gorazd und sein Neffe Hotimir wurden als Geißeln in Bayern getauft und christlich erzogen. Als nach Boruts Tod zuerst Gorazd und danach Hotimir die Herrschaft im Lande übernahm, begann die Christianisierung Karantaniens.

Maria Saal wurde als Bischofssitz gewählt, jedoch führte die christen- und bayernfreundliche Politik Hotimirs zu einer inneren Widerstandsbewegung, die nicht nur gegen das Christentum, sondern auch gegen die Oberhoheit der Baiern gerichtet war. Schließlich brach der Bayernherzog Tassilo III. den Widerstand der Aufständischen und das Christentum konnte durch die Unterstützung der Klostergründungen Innichen und Kremsmünster endgültig Fuß fassen.

Die Eroberung des Langobardenstaates durch die Franken (774) und die Zerstörung des Awarenreiches im pannonischen Raum (791-803) fügten Karantanien noch fester in den Machtbereich des fränkischen Reiches ein. Von folgenschwerer Bedeutung für die weitere Entwicklung der Karantaner und damit der Slowenen war der missglückte Aufstand des Fürsten Ljudevit von Save-Kroatien (819-822), an dem sich auch die Karantaner beteiligten. Karantanien verlor danach seinen slawischen Fürsten, die durch bairische Grafen ersetzt wurden, und auch einen großen Teil seiner obersten Gesellschaftsschicht.

Die weitere Entwicklung des Karantanerstaates konnte sich jedoch wegen des starken Drucks des gesellschaftlich und kulturell höher entwickelten fränkischen Feudalsystems nicht mehr ausschließlich als Resultat eigenständiger sozialer Entwicklung vollziehen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse wurden durch die allmähliche Durchsetzung des fränkischen Feudalsystems grundlegend um- und neu gestaltet.

Häufig mit Bayern verbunden, jedoch stets als eigenes Herrschaftsgebiet, das immer wieder auch eigene Herzöge hatte, war Karantanien in den folgenden Jahrhunderten mehreren territorialen Änderungen unterworfen, bevor es im Jahre 1335 an die Habsburger fiel, in deren Staatsverband es dann bis 1918 verblieb.

Eine Konsolidierung und Konzentration der Herrschaft fand erst im 15. und 16. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem Aufstieg der Landstände statt, wobei sich bei den höheren Gesellschaftsschichten allmählich ein Landesbewusstsein herausbildete, das aber unter Berufung auf die slawische Vergangenheit des Landes geschah. Um die Sonderstellung Kärntens innerhalb der Länder des Heiligen Römischen Reichs hervorzuheben, beriefen sich die Landstände auf den Stellenwert des sog. windischen Herzogtums, deren Anknüpfungspunkt die altertümliche Herzogseinsetzung bildete.

Sie reicht bis in die Frühzeit des Karantanerstaates zurück und lebte bis ins Spätmittelalter fort, und zwar in der bekannten Weise am Fürstenstein bei Karnburg, in der ein sog. „windischer Mann“, der Herzogbauer, den neuen Herzog in Anwesenheit des Volkes in der „windischen Sprache“ einem Prüfungsverfahren unterzog und ihm hernach die Herzogswürde übertrug. Das letzte Mal fand die Zeremonie auf dem Fürstenstein im Jahre 1414 und auf dem Herzogsstuhl im Jahre 1651 statt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Der Fürstenstein[1]

Das feudal-dynastische Gegenstück war der Herzogsstuhl, der zwischen Karnburg und Maria Saal auf dem Zollfeld steht, auf dem vom Herzog die Lehen verteilt wurden, während die Einsetzungszeremonie stets auf dem Fürstenstein erfolgt war. Aufgrund der christlichen Missionierung, bei der auch die Volkssprache herangezogen wurde, erhielten die Slowenen ihre ersten schriftlichen Sprachdenkmäler, die sog. Freisinger Denkmäler (Brižinski spomeniki), um das Jahr 1000 herum, die aus drei liturgischen Texten, wahrscheinlich aus Westkärnten, bestanden.

Danach gab es durch ganze vier Jahrhunderte keine schriftlichen Aufzeichnungen in slowenischer Sprache, erst am Ende des 14. Jahrhunderts tauchte wieder ein slowenisches Sprachdenkmal auf, die sog. Klagenfurter Handschrift (Celovški rokopis). Sie enthält drei Gebete und stand dem heutigen Slowenisch schon recht nahe.

Im 15. Jahrhundert bildete sich schließlich jene Sprachgrenze heraus, die dann im Wesentlichen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts unverändert blieb. Sie begann im Westen südlich von Hermagor, folgte den Kamm der Gailtaler Alpen bis zum Dobratsch, querte südlich von Villach die Drau, verlief über die Ossiacher Tauern, erreichte über Moosburg, Maria Saal und Ottmanach die Saualm bei Diex und endete bei der Mündung der Lavant in die Drau. Rund zwei Drittel des Landes sprach somit ab dem 15. Jahrhundert deutsch und ein Drittel slowenisch, wobei sich auch im slowenischen Landesteil die Oberschicht überwiegend des Deutschen bediente.

Damals kam es jedoch auf die Unterscheidung zwischen der deutschen und slowenischen Sprache nicht an, primär galt die Unterscheidung zwischen Herr und Untertan. Den feudalen Schichten lag eine „nationale“ Voreingenommenheit fern und allen erschien der bäuerliche Untertan ohne Rücksicht auf seine Sprache nur als Wirtschaftsfaktor und Herrschaftsobjekt wichtig.

Aufgrund der Türkeneinfälle gegen Ende des 15. Jahrhunderts und der feudalen Ausbeutung durch den Adel sah der Bauer seinen Schutz nur mehr in Selbstverteidigung. Es bildeten sich Bauernbünde, die den Landständen mit der Einstellung der Steuern drohten, wenn sie nicht bald eine wirksame Abwehr gegen die Türkengefahr zustande brächten.

Im Jahre 1478 kam es dann zur größten Bauernerhebung Kärntens, in der Bauern aus beiden Sprachgruppen gegen die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse kämpften. Außerdem wurde die Wahl der Geistlichen durch die Gemeinde gefordert. Die Verwirklichung dieser sog. „Bauerndemokratie“, mit dem Kaiser an der Spitze, hätte eine revolutionäre Umgestaltung der feudalen Gesellschaftsordnung bedeutet. Im Jahre 1515 entbrannte der größte Bauernaufstand auf slowenischem Gebiet, der sog. „windische Bauernkrieg“. Er erfasste den gesamten slowenisch sprechenden Teil des Landes und auch deutschsprachige Gebiete, wobei auch diesmal sich die Solidarität der Unterschichten im Kampf gegen die Feudalherrschaft ohne Rücksicht auf Sprache und ethnische Herkunft bewährte.

Die unklaren Zielvorstellungen der Bauern über eine zukünftige soziale Ordnung, die mangelnde Erfahrung und Koordination in der Kriegsführung ließen auch diese Erhebung scheitern.

Es muss hier aber auf einen Unterschied zwischen den slowenischen und deutschen Untertanen in Kärnten hingewiesen werden, der sich seit dem 14. Jahrhundert in der besitzrechtlichen Stellung der Bauern äußerte, nämlich die zwei Hauptformen, das Kaufrecht mit Erbrecht und das Freistiftrecht ohne Erbrecht.

Mit fortschreitender Herausbildung der Sprachgrenzen fielen slowenische Bauern größtenteils unter das Freistiftrecht, die deutschen des Oberlandes hingegen unter das Kaufrecht. Somit bewirkten Erblichkeit, verbunden mit größerer persönlicher Freiheit in dem einen Landesteil und drückendere Herrenrechte bei größerer persönlicher Abhängigkeit im anderen Landesteil ein soziales Gefälle innerhalb Kärntens, was auch in der Bewusstseinsentwicklung unterschiedliche Auswirkungen hatte, sodass im 19. Jahrhundert die Grenze zwischen Kaufrecht und Freistiftrecht in der politisch-ideologischen Orientierung der Bevölkerung wieder zum Vorschein kam. Während sich im Gebiet mit Freistiftrecht die konservative Orientierung durchsetzte, überwog im Gebiet mit Kaufrecht die liberale und später deutschnationale Richtung.

Die Reformation erfasste das slowenische Sprachgebiet erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, wobei der Schwerpunkt der slowenisch protestantischen Bewegung in Krain lag. Ihre große Tat war die Schaffung der slowenischen Schriftsprache, die zur Basis für ein eigenständiges kulturelles Leben der Slowenen wurde, auf die sich später das slowenische nationale Erwachen stützen konnte.

So veröffentlichte Primož Trubar im Jahre 1550 das erste gedruckte slowenische Buch, im Jahre 1584 erschienen die slowenische Bibelübersetzung von Jurij Dalmatin sowie die von Adam Bohoriš verfasste slowenische Grammatik. Fast ein Drittel der Druckkosten dieser slowenischen Bibelübersetzung wurde von den Kärntner Landständen getragen, die dazu noch ein Fünftel der Auflage für den Kärntner Bedarf ankauften.

In Klagenfurt errichteten sie eine protestantische Mittelschule, in der sehr wahrscheinlich auch die slowenische Sprache Berücksichtigung fand. Hier wirkte einige Jahre der Humanist und Polyhistor Hieronymus Megiser, der zwei lexikalische Werke herausgab, worin er die gerade damals entstehende slowenische Schriftsprache gleichberechtigt neben die lateinische, deutsche und italienische stellte. Megisers Wörterbücher übten neben der Dalmatin-Bibel und der Bohoric-Grammatik den nachhaltigsten Einfluss auf die weitere Entwicklung der slowenischen Schriftsprache aus.

In Kärnten konnte der Protestantismus auch in der slowenischen Bauernschaft Fuß fassen, z.B. in einzelnen Dörfern im unteren Gailtal konnte er die Gegenreformation überdauern. Durch die gewaltsame Wiedereinführung des Katholizismus erlitten die slowenischen kulturellen Bestrebungen eine starke Einengung.

Die Bestrebungen der Jesuiten im 17. und 18. Jahrhundert beschränkten sich in Kärnten im Wesentlichen auf die Ausbildung slowenischer Prediger, die ab 1620 auch in Klagenfurt wirkten. Bauernaufstände und Reformation schufen die ersten Voraussetzungen für die Ausbildung eines ethnischen Bewusstseins bei den Slowenen, die mit der Begründung einer eigenen schriftsprachlichen Tradition einen Platz im damaligen kulturellen Leben erlangen konnten und Meilensteine in der Entwicklung des slowenischen Volkes und damit auch der Kärntner Slowenen darstellten.

In der ersten Phase des nationalen Erwachens, am Ende des 18. Jahrhunderts, war ein slowenisch bürgerliches Element nur in geringer Zahl vorhanden und die einzige Intelligenzschicht der Kärntner Slowenen war die Geistlichkeit, die durch jenen Typus des slowenischen Landpfarrers repräsentiert wurde, der gleichzeitig Seelsorger, erster Lehrer und auch erster Ökonom des Dorfes war. Das nationale Erwachen hatte bis zum Jahre 1848 den Charakter einer kulturellen Bewegung und wurde in der ersten Phase von wenigen Personen getragen.

In Krain waren es Marko Pohlin und der Kreis um Žiga Zois, z.B. Jurij Japelj, Anton Tomaž Linhart, Valentin Vodnik oder Jernej Kopitar. Sie alle beschäftigten sich mit den normativen Vorarbeiten an der slowenischen Schriftsprache, mit der Erstellung von Grammatiken und Wörterbüchern und einer neuen Bibelübersetzung. Linhart war übrigens der erste, der auf die Rolle des frühmittelalterlichen slawischen Karantanien in der slowenischen Geschichte hinwies.

In Kärnten ist vor allem der Prediger Ožbalt Gutsmann zu nennen, dessen

„Deutsch-windisches Wörterbuch“ ca. 40 Jahre lang das meistgebrauchte slowenische Wörterbuch blieb, und er wollte sein Werk als Beitrag für eine gemeinsame Schriftsprache aller Slowenen verstanden wissen. Auch diese ersten Werke des slowenischen nationalen Erwachens in Kärnten fanden noch Mäzene im deutschen Adel.

[...]


[1] Wikipedia

57 von 57 Seiten

Details

Titel
Die slowenische Minderheit in Kärnten - Von den Anfängen bis zur Gegenwart
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
57
Katalognummer
V111328
ISBN (eBook)
9783640094066
ISBN (Buch)
9783640171637
Dateigröße
855 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minderheit, Kärnten, Gegenwart, Geschichte
Arbeit zitieren
DI Mag Fabian Prilasnig (Autor:in), 2007, Die slowenische Minderheit in Kärnten - Von den Anfängen bis zur Gegenwart , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111328

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