Das Tibetische Totenbuch


Hausarbeit, 2004
17 Seiten, Note: gut

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1. historisches

2. inhaltliches
2.1 der Zustand des klaren Lichtes
2.2 die Erscheinung der Gottheiten
2.2.1 die friedvollen Gottheiten
2.2.2 die zornigen Gottheiten
2.3 der Nachtod-Körper auf der Suche nach Wiedergeburt

3. das Totenritual

4. interpretatorisches
4.1 ein Wegweiser für die Toten
4.2 ein Wegweiser für die Sterbenden
4.3 ein Wegweiser für die Lebenden
4.4 C.G. Jung´s psychoanalytischer Interpretationsansatz

5. Literaturverzeichnis

Vorwort

Zur Erstellung der nachfolgenden Arbeit wurde die ins deutsche übertragene, von W.Y. Evans-Wentz herausgegebene Fassung des Totenbuches verwandt. Eine Recherche in Originaltexten war mir aufgrund von Unkenntnis der tibetischen Sprache nicht möglich. Dieser Mangel meinerseits hatte des weiteren zur Folge, dass ich mich bei der Umschrift der tibetischen Worte auf die im vorliegenden Buch gewählte Schreibweise beziehen musste. Hierbei handelt es sich um eine Lautschrift und nicht um die wissenschaftlich anerkannte Umschrift.

Inhaltlich ist darauf hinzuweisen, dass das Totenbuch der Tibeter eine solche Fülle von Themen beinhaltet, die von schamanistischer Religion über Buddhismus bis hin zu Ritualistik führen, dass ich mich in dieser Arbeit stark beschränken musste auf eine Darstellung der verschiedenen Nachtodzustände, wie sie im Buch beschrieben werden, und so die interpretatorische sowie auch die ritualistische Seite sehr vernachlässigt habe.

Einleitung

Das tibetische Totenbuch, von W.Y.Wentz als „Weisheitsbuch der Menschheit“ bezeichnet, scheint ein rituelles Handbuch zu sein, das für den Verstorbenen gelesen wird. In diesem Sinne stellt es eine Art `Reiseführer` durch die Totenwelt dar und soll dem wandernden Geist des Verstorbenen dazu verhelfen, innerhalb seiner Wanderung Befreiung vom Kreislauf der Wiedergeburten zu erlangen, indem er die Worte des Vorlesenden vernimmt, verinnerlicht, und so nach den vernommenen Weisungen handelt. Aus diesem Grund ist die Übersetzung „tibetisches Totenbuch“ völlig unzulänglich, und die genauere Übertragung des tibetischen Titels „Bardo Thödol“ lautet:

„Lehre von der Befreiung durch Hören im Zwischenzustand“

Das Werk selbst, und somit auch die Bereiche der Totenwelt, ist unterteilt in zwei Hauptabschnitte. Der erste Teil der Wanderung des Geistes durch das Totenreich ist gekennzeichnet durch die Möglichkeit Befreiung von der Wiedergeburt zu erlangen. Er wird weiterhin unterteilt in zwei Abschnitte, von denen der erste Tschikhai-Bardo genannt wird und der zweite Tschönyi-Bardo heißt.

Das zweite Buch innerhalb des Bardo Thodöl, der Sipa-Bardo, ist weniger ein Führer durch die Visionen, die dem Geist im Totenreich wiederfahren, als vielmehr eine Aufforderung und Hilfestellung für den, der in den vorhergehenden Zwischenzuständen keine Befreiung erlangen konnte. Dieser befindet sich nun nach der Lehre des Totenbuches auf der Suche nach einem Neuen materiellen Körper in den er wiedergeboren werden soll, und der Sipa-Bardo gibt Anweisungen, welcher Körper sinnvoll für eine neue Geburt ist.

In der vorliegenden Arbeit nun sollen die verschiedenen Zustände, die der Geist des Verstorbenen durchwandert im Einzelnen dargestellt, die Handhabung des Buches innerhalb des tibetischen Totenrituals vorgestellt und daraufhin einige Interpretationsansätze aufgezeigt werden. Zunächst jedoch scheint es von einigem Interesse zu sein, die Entstehungszeit des Werkes zu beleuchten, wenn auch an dieser Stelle schon gesagt sei, dass eine genaue Festlegung derselben nicht möglich scheint.

1. historisches

Das tibetische Totenbuch wird traditionell in seiner Entstehung dem Padmasambhava zugeschrieben. Dieser lebte wohl im achten Jahrhundert nach Christus, und so ist dies auch der Zeitraum, in dem dieses Werk zum ersten Mal niedergeschrieben wurde. Ob in der Tat Padmasambhava der alleinige Verfasser des Werkes ist, oder ob vielmehr er es war, der die „Aufzeichnung des Glaubens unzähliger Generationen[...]“[1] getätigt hat, ist nicht zu bestimmen.

Als im Zuge der Verfolgung des Buddhismus im späten 8. Jhdt. durch den König Lang Darma, der selbst ein Anhänger der Bön Religion war, die buddhistischen Werke versteckt werden mussten, scheint auch der Bardo Thödol für die Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten zu sein. Erst mit der zweiten Verbreitung des Buddhismus in Tibet, die mit der Einladung des indischen Gelehrten Atisha durch den König Lha Lama Yeshe Oed im Jahre 1042 begann, wurden die alten Werke, nun Ter (= Schatz) genannt, wieder entdeckt. Der Bardo Thödol scheint durch Rigzin Karma Ling-pa ans Licht gebracht, und so wird dieser auch Tertön (=Schatzfinder) genannt.

Bis das Buch `von der Befreiung durch Hören` in den Westen kam, vergingen aufgrund der geographischen Abgeschiedenheit Tibets und seiner Scheu Ausländern gegenüber wiederum einige Jahrhunderte bis in die Anfänge des 20. Jhdt.

2. inhaltliches

Idealerweise ist zum Zeitpunkt des Todes eines Menschen ein Lama (=Priester) zugegen, der den Moment des Austritts aus dem Körper feststellt und daraufhin mit den Unterweisungen wie im Bardo Thödol beschrieben, beginnt. Sinn dieser ist es, dem Geist im Totenreich zu erklären, was für Visionen ihm begegnen und wie er mit diesen verfahren soll, um Befreiung vom Kreislauf der Wiedergeburt zu erlangen. Prinzipiell wird der `Tote` ermahnt, die Visionen als Spiegelungen seines eigenen Geistes und damit mit ihm identisch zu erkennen, sich mit ihnen zu identifizieren und somit in ihnen aufzugehen. Dadurch erlangt er Befreiung. Gelingt ihm das nicht, so ist er gezwungen, in die nächste Stufe der Nachtod-Welt hinab zu wandern, wo er erneut die Chance der befreienden Erkenntnis hat. Erst im Sipa Bardo ist die Befreiung nicht mehr möglich.

2.1 der Zustand des klaren Lichtes

Im dem Moment, in dem der Geist aus dem Körper des Versterbenden austritt, erfährt dieser den Tschikhai Bardo genannten Zustand vollkommener Freiheit. Wird der Geist dieser Freiheit gewahr, so präsentiert sie sich ihm als ungetrübt klares Licht. Allerdings besteht auch die Möglichkeit, dass der Geist den Zustand, in dem er sich befindet nicht akzeptiert, an seinem alten materiellen Sein festhält und so das klare Licht nicht erkennt. Ist dies der Fall, so entsteht eine erste geistige Eintrübung, die sich durch eine Trübung des erscheinenden Lichtes manifestiert.

Um die Eintrübung des Geistes zu verhindern beginnt der Priester (oder ein anderer, der dem Verstorbenen zu Lebzeiten ein Lehrer war) mit seinen Unterweisungen, indem er darauf aufmerksam macht, dass der Geist den Körper verlassen hat. Daraufhin ermahnt er ihn, das klare Licht als seinen eigenen freien Geist zu erkennen, in ihm aufzugehen und dadurch völlige Befreiung zu erlangen:

„Jetzt erfährst du die Strahlung des Klaren Lichtes Reiner Wirklichkeit. Erkenne sie. [...] Dein jetziger Geist, seiner Natur nach leer, [...] ist die wahre Wirklichkeit [...].“[2] „Die Leere deines Geistes als Buddhaschaft zu erkennen und sie für dein eigenes Bewusstsein zu halten, lässt dich in dem (Zustand des) göttlichen Geistes des Buddha verharren.“[3]

Diesen Zustand zu verwirklichen scheint jedoch nur möglich für jemanden, der sich schon zu Lebzeiten mit den Nachtod-Erfahrungen vertraut gemacht hat. Ungeübte und Unwissende nehmen den ungetrübten Geist nur für einen sehr kurzen Moment wahr, bevor sich das Licht verdunkelt und die Erscheinung des sekundären Lichtes einstellt.

Dieses kann für einen längeren Zeitraum bestehen bleiben, prinzipiell gilt aber hier das gleiche wie oben. Gelingt es also dem Geist nicht das Licht als seinen eigenen reinen Geist zu realisieren, so wird er immer unfreier, was bedeutet, das die ihm widerfahrenden Visionen nun beginnen Substanz anzunehmen.

2.2 die Erscheinung der Gottheiten

In den ersten Tagen nach dem Ablegen des materiellen Körpers erscheinen dem Geist des Verstorbenen optische und akustische Visionen, die ihn verängstigen können. Er ist sich der Situation seines Todes nicht bewusst, und deshalb obliegt es dem Führer durch das Totenreich ihn darüber zu belehren. Hat der Verstorbene sich mit seiner Situation abgefunden, so beginnt für ihn der Zwischenzustand, der durch die Erscheinung von Gottheiten und ihren Begleitern gekennzeichnet ist und Tschönyi Bardo genannt wird.

2.2.1 die friedvollen Gottheiten

Hat der Verstorbene im ersten Bardo nicht Befreiung erlangen können, so erscheinen ihm im folgenden die Visionen der friedvollen Gottheiten. Das tibetische Totenbuch stellt diese Erscheinungen dar, wie sie auf buddhistischen Mandalas zu sehen sind. Im Zentrum der Vision steht eine bestimmte Gottheit, die umgeben wird von verschiedenen Begleitern.

Die Gottheiten repräsentieren eine bestimmte Emotion und ihre Umgebung ist entsprechend der tibetischen Farbsymbolik in die zu dieser Emotion passenden Farbe getaucht. Das gesamte Bild ist hell und licht, jedoch bildet ein eingetrübtes Licht gleicher Farbe wie das helle, welches das Mandala markiert, einen Gegenpol. Der Verstorbene wird aufgerufen, die auftauchenden Visionen als Spiegel seiner selbst zu erkennen und, wie auch schon im ersten Bardo, sich mit ihnen zu vereinigen, um dadurch Befreiung zu erlangen.

Vor dem trüben Licht im Bild wird ausdrücklich gewarnt, denn es stellt einen Ort der Qual dar. Der angesprochene Geist wird aufgefordert, nicht auf dieses zuzugehen.

Im Bardo Thödol ist die Rede von sieben Mandalas, die an sieben aufeinander folgenden Tagen erscheinen, in wie weit jedoch diese Zeitangabe den Tatsachen entspricht scheint fraglich und wahrscheinlich handelt es sich hierbei eher um eine Zahlenmystik (siehe hierzu W.Y. Wentz, Seiten 81 ff).

Im folgenden seien die Hauptgottheiten der verschiedenen Mandalas aufgelistet:

1. Tag: es erscheint Vairocana als Repräsentant der Weisheit in weißem Licht vor blauem Hintergrund. Als Gegenpol steht das eingetrübte weiße Licht der trüben Devas.

2. Tag: es erscheint Vajrasattva-Akshobhya als Repräsentant des reinen Bewusstseinsprinzips in spiegelhaft weißem Licht vor blauem Hintergrund. Als Gegenpol steht rauchiges Licht als Symbol für den Zorn.

3. Tag: es erscheint Ratnasambhava als Repräsentant der Wesensgleichheit in gelbem Licht. Den Gegenpol bildet ein gelb-blaues Licht, welches symbolhaft für Ich-Bewusstsein steht.

4.Tag: es erscheint Amitaabha als Repräsentant der Gesamtheit der Wahrnehmung und Unterscheidungskraft in rotem Licht. Gegenpol ist hier das trüb rote Licht des Pretaloka als Symbol für Anhaftung.

5.Tag: es erscheint Amoghasiddhi als Repräsentant der alles wirkenden Weisheit in grünem Licht. Das trübe grün des Asuraloka symbolisiert hier den Streit und die Eifersucht.

6.Tag: hier nun Vereinigen sich die Gottheiten der letzten Mandalas zu einem einzigen.

7.Tag: das letzte Mandala der friedvollen Gottheiten stellt die fünf wissenshaltenden Gottheiten gereinigter Neigungen vor. In der Mitte der Vision befindet sich der oberste Wissenshalter, umgeben in Norden, Süden, Osten und Westen von den vier übrigen.

Hier nun wurden nur die Hauptgottheiten aufgezeigt, denn ein jedes dieser Mandalas ist bevölkert von Begleitern männlicher und weiblicher Gestalt.

Der Geist des Verstorbenen wird während der sieben Tage immer wieder aufs Neue dazu ermahnt, sich mit dem ihm begegnenden Gott zu vereinigen in der Erkenntnis, dass das ihm Widerfahrende ein Spiegelbild seiner selbst ist:

„So du weißt, dass es die Strahlung deines eigenen Geistes ist[...], werden der Göttliche Körper und das Licht unzertrennlich in dich eingehen, und du wirst Buddhaschaft erreichen.“[4]

2.2.2 die zornigen Gottheiten

Gelingt dem wandernden Geist die Vereinigung mit einer der friedvollen Gottheiten nicht, so wird er in die nächste Stufe des Tschönyi Bardo eintauchen. Dieser Zustand ist gekennzeichnet durch das Erscheinen der Mandalas der zornigen Gottheiten. Diese sind „Personifikationen der Überlegungen“[5].

Die zornigen Gottheiten sind nichts anderes, als die „friedlichen Gottheiten in verwandeltem Aspekt“[6]. Nach den Lehren des Bardo Thödol erscheinen sie vom achten bis vierzehnten Tag in ähnlicher Weise wie die Friedvollen Gottheiten. Auch sie erscheinen in Mandalas:

8. Tag: es erscheint der Buddha Heruka in dunkelbraunem Licht.

9. Tag: die bluttrinkenden Vajra-Götter in dunkelblauem Licht.

10. Tag: die Götter der Juwelenordnung

11. Tag: die Götter der Lotusordnung in rot-schwarz

12.Tag: die Götter der Karmaordnung in dunkelgrün

13. Tag: die Vereinigung der zornigen Götter in einem Mandala

14. Tag: die Vervollständigung des Mandalas aller zornigen Götter.

Auch in der Zeit des achten bis vierzehnten Tages besteht für den Verstorbenen die Möglichkeit durch Vereinigung mit dem Erfahrenen Befreiung zu erlangen. Allerdings ist es sehr unwahrscheinlich, dass er die Erkenntnis, dass die grausamen Visionen, die charakterisiert sind durch Gewalt und Qual, ein Spiegelbild seines vom Verstand eingetrübten Geistes sind, verwirklichen kann. Wurde er bereits durch die Visionen der leuchtenden Gottheiten in Angst versetzt, wie sehr dann durch die bluttrinkenden Gottheiten. Deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass, trotzt aller Belehrungen und Ermahnungen, der Geist in den nächsten Bardo eingeht.

2.3 der Nachtod-Körper auf der Suche nach Wiedergeburt

Hat der Geist des Verstorbenen während des Tschikhai Bardo und während des Tschönyi Bardo nicht Befreiung erlangen können, so hat er seine Chance vertan und geht nun in den Zustand über, der Sipa Bardo genannt wird. Dieser ist gekennzeichnet dadurch, dass der Geist einen `karmischen Körper` erhält, d.h. einen Körper, der ihm ein Ich-Bewusstsein vermittelt und mit Hilfe dessen er die Möglichkeit hat, sich durch die Nachtod-Welt zu bewegen. Mit diesem Körper begibt er sich nun auf die Suche nach einem neuen materiellen Körper, oder vielmehr nach einem Elternpaar, das ihm einen solchen geben kann.

Laut der Lehre des Bardo Thödol dauert der Zustand des Sipa Bardo bis zum neunundvierzigsten Tag nach Austritt aus dem materiellen Körper. Der karmische Körper, auch Wunschkörper genannt, ist in diesem Zwischenbereich weder an Zeit noch an Ort gebunden, und Kraft der Gedanken ist der Verstorbene fähig, alles zu tun, was ihm beliebt. Hat der Geist jedoch nicht die Fähigkeit sich zu kontrollieren, so wird er durch die `karmischen Winde` durch eine Welt voller schreckenerregender oder auch angenehmer Halluzinationen getrieben. Auch begegnen ihm Visionen der Orte, an denen eine Wiedergeburt möglich ist. Ob die Visionen von Freude, Leid oder Gleichgültigkeit geprägt sind, hängt vom Karma des Verstorbenen ab.

Der Lehrer und Vorleser des Totenbuches ermahnt ihn immer wieder, sich nicht von einem dieser Trugbilder angezogen zu fühlen, sondern den Geist „im Zustand der Entsagung [...] verharren [zu lassen].“[7] Ist ihm das möglich, so kann er auch im Sipa Bardo noch Befreiung erlangen.

Ein charakteristisches Merkmal im Sipa Bardo ist die Vision des Totengerichtes. Vor dem Totengott werden die guten und schlechten Taten des Verstorbenen anhand von weißen und schwarzen Kieseln gegeneinander abgewogen. Das Resultat dieser Zählung bestimmt den Ort, an dem der Geist wiedergeboren werden soll. Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine endgültige `richterliche` Entscheidung, denn wie schon in den vorhergehenden Zwischenzuständen, so hat der Verstorbene auch hier die Macht, Kraft seiner Gedanken das Folgende zu beeinflussen. Es gibt verschiedene Orte, an denen der Geist wiedergeboren werden kann. Die Palette der Möglichkeiten reicht von den Bereichen der Hölle bis in die Bereiche der Götter.

Allerdings sagt der Bardo Thödol, der Geist tue gut daran, in die Familie eines religiösen Menschen einzufahren, da er nur hier die Möglichkeit hat, sich dahingehend weiterzuentwickeln, Befreiung vom Kreislauf der Geburten zu erlangen.

Dem Verstorbenen begegnen nun Visionen des Ortes, an dem seine nächste Geburt stattfinden soll, oder auch Bilder seines zukünftigen Elternpaares. Mit Hilfe seiner Gedanken soll er nun den richtigen Platz auswählen und die anderen verlassen. Es werden verschiedene Methoden vorgestellt, den Eingang in den falschen Körper zu verhindern, um damit unter den bestmöglichen Umständen geboren zu werden. All diese Praktiken sind meditativ und dienen der Gedankenkontrolle.

3. das Totenritual

Idealerweise sollte zum Zeitpunkt des Todes ein religiöser Führer anwesend sein. Dieser wird die Zeichen des Todes deuten können und den Moment bestimmen, in dem der Geist den Körper verlässt. Ist dieser Moment erreicht, so beginnt das Verlesen des Bardo Thödol. Da die verschiedenen Zwischenzustände nach den Lehren des Totenbuches eine bestimmt Zeit durchlebt werden, wird das Buch in der Nähe des Verstorbenen abschnittsweise vorgelesen; so die ersten drei bis vier Tage der Tschikhai Bardo, die folgenden vierzehn Tage die Teile des Tschönyi Bardo und bis zum neunundvierzigsten Tag der Sipa Bardo. Ein geschulter Lama soll wohl auch feststellen können, in welchem Zustand der Geist des Verstorbenen sich gerade befindet.

Da der Leichnam nicht während der gesamten Zeit aufbewahrt werden kann oder im Falle eines Unfalls eventuell gar nicht mehr vorhanden ist, werden die meisten Teile der `Lehre von der Befreiung durch Hören` an einem Ort gelesen, der dem Verstorbenen vertraut und lieb war. Auch besteht die Möglichkeit, den Bardo Thödol vor einem Bild des Verstorbenen zu lesen. Es wird davon ausgegangen, dass der Geist des Verstorbenen sich zu den ihm vertrauten Orten hingezogen fühlt, sie besucht und dort die Weisungen des laut Gelesenen vernehmen kann. Am Ende des neunundvierzigsten Tages wird das Vorlesen beendet, da man davon ausgeht, das der Geist sich nun eine neue Verkörperung ausgewählt hat.

4. interpretatorisches

Der Bardo Thödol bietet eine Fülle von Material, dass es zu deuten wert wäre. Vor allem in bezug auf die tibetisch buddhistische Lehre gäbe es einiges zu sagen; so zum Beispiel die Beziehung zwischen den drei Bardos und der `Drei-Körper Lehre`. Auch die Wanderung eines Geistes durch die Zwischenzustände und die Darstellung der auftretenden Visionen als Spiegelung desselben, die Symbolik der Mandalas des Tschönyi Bardo und auch die Interpretation des Totengerichtes sind von einigem Interesse. Da diese Fülle an Material jedoch diese Arbeit sprengen würde, möchte ich hier nur auf das von W.Y. Wentz veröffentlichte Werk „Das Tibetanische Totenbuch“ verweisen[8], in dem einige dieser Themen in den „einleitende[n] Abhandlungen und Kommentare[n]“[9] behandelt werden.

Im Folgenden soll deshalb lediglich in Kürze auf die Bedeutung eingegangen werden, die das Werk für Verstorbene, Sterbende und Lebende hat. Im Anschluss daran soll die `westliche` Interpretation von C.G. Jung vorgestellt werden.

4.1 ein Wegweiser für die Toten

Das tibetische Totenbuch ist ein Ritualhandbuch, das dazu dient dem Geist des Verstorbenen zu erklären, wo er sich befindet und wie er in seiner Situation sinnvoll handelt. Es stellt einen Führer durch das Totenreich dar und soll dazu verhelfen, Befreiung zu erlangen oder, wenn das nicht möglich ist, eine gute Wiedergeburt. Der Geist wird mit den ihm begegnenden Visionen vertraut gemacht, und der Vorlesende versucht ihn vor Gefahren zu bewahren und ihn in den Zustand des klaren Lichtes zu versetzen.

Die Symbolik, die dabei benutzt wird ist allerdings spezifisch für den tibetischen Buddhismus, tradiert und erlernt. So ist dieser Reiseführer zunächst nur für Menschen mit diesem Hintergrund geeignet und muss in seiner Symbolik für Menschen anderer Tradition vollkommen umgeschrieben werden.[10]

Es ist jedoch nach meiner Meinung durchaus anzunehmen, dass das Werk eine genaue Darstellung des nachtodlichen Zustandes angibt, der aufgeteilt ist in völlige geistige Freiheit, gefolgt von immer stärker werdender Eintrübung mit der Folge von Wahrnehmung göttlicher Visionen. Geht man von der Wiedergeburtslehre aus, so entbehrt auch der Sipa Bardo nicht der Logik, denn der Geist muss einen neuen Körper finden. Des weiteren dürfte wohl klar sein, dass die Gedanken lebendiger Menschen ihnen die Macht geben, sich selbst zu bestimmen und aus Qualen zu befreien. Warum sollte dann nicht auch nach Ablegen des materiellen Körpers ein solches machtvermittelndes Organ bestehen, das dem Geist des Verstorbenen die Möglichkeit gibt, Befreiung vom Kreislauf oder eine gute Wiedergeburt zu erlangen? Da diese Frage letztendlich nicht beantwortet werden kann, bleibt wohl ungeklärt, ob Der Bardo Thödol für den Verstorbenen einen Nutzen hat und ob seine Lehren der Wahrheit entsprechen, und somit bleibt auch ungeklärt, ob sie einen Nutzen für den haben, der sich auf den Tod vorbereiten will.

4.2 ein Wegweiser für die Sterbenden

Im Totenbuch wird des öfteren erwähnt, das derjenige, der sich bereits zu Lebzeiten mit den Lehren des Bardo Thödol vertraut gemacht hat, eine größere Chance hat, die ihm begegnenden Visionen als Spiegelbilder seines eigenen Geistes zu erkennen. Diese Erkenntnis verhilft ihm dann dazu sich von seinen Ängsten und Süchten dem Geschauten gegenüber zu befreien, sich mit dem klaren Licht oder den Gottheiten zu vereinen und dadurch Befreiung zu erlangen. Also ist der Bardo Thödol ein Übungsbuch für den, der sich auf seinen Tod vorbereiten will.

4.3 ein Wegweiser für die Lebenden

Sicherlich ist in vielen Kulturen die Aufgabe des `Ich-Bewusstseins` ein Teil einer Initiation. Betrachtet man nun die Initiation als Übergang des Seins in eine höhere Stufe des Bewusstseins mit all der Selbsterkenntnis und Verantwortung, die dies mit sich bringt, so ist also die Aufgabe des Ich-Bewusstseins ein notwendiger Prozess in der persönlichen Entwicklung eines jeden Menschen.

Die vollständige Aufgabe des Ich-Bewusstseins jedoch geschieht im Sterbeprozess und schließt mit dem Tod als Höhepunkt ab. Somit ist also ein Werk, welches den Todesprozess darstellt und den Weg durch das Reich des Todes vermittelt ein wertvolles Werk für den, der seine persönliche Entwicklung vorantreiben will.

Die meditative Erfahrung der Lehren des tibetischen Totenbuches gibt so dem Übenden die Möglichkeit, das Ich-Bewusstsein zu überwinden und sich mit der eigenen göttlichen oder reinen Natur des Geistes zu verbinden.

4.4 C.G. Jung´s psychoanalytischer Interpretationsansatz

C.G. Jung deutet das tibetische Totenbuch auf eine völlig von Religion und Spiritualität losgelöste Weise. Er liest das Buch von hinten nach vorne, beginnend mit dem Sipa Bardo und endend mit dem Tschikhai Bardo. Für ihn ist das Werk nicht ein Führer durch die nachtodlichen Zwischenzustände, sondern vielmehr eine Darstellung der Phasen, die ein Mensch im Zuge der Analyse seiner Psyche durchläuft.

Zunächst befindet sich der Mensch auf der Ebene des Sipa Bardo. Hier ist er verhaftet an Ich-Bewusstsein, Körperlichkeit und dem Wunsch zu leben. In diesem Zustand ist die Psyche des Menschen angefüllt mit sexuellen Phantasien und Traumata. Ist der Mensch gewillt, diese Stufe des Seins zu durchbrechen, so wird er in die tiefliegenderen Schichten seiner Psyche eindringen. Den Moment der Aufgabe des Ich-Bewusstseins vergleicht Jung mit dem Totengericht innerhalb des Bardo. Den darauf folgenden Bereich der Visionen des Tschönyi Bardo setzt er gleich mit dem Einbruch in das, was er `kollektives Unterbewusstsein` genannt hat. Dieser Bereich ist ein Speicher für allgemeingültige vererbte Inhalte der Psyche.

Diese Inhalte sind zwar allgemeingültig, aber zunächst unspezifisch. Jung nennt sie `Archetypen`. Sie werden spezifiziert durch Erlernen der Inhalte der jeweiligen Tradition.

Hier, im kollektiven Unterbewusstsein, werden zunächst die negativ beladenen Inhalte erfahren und daraufhin die positiven. Die Auflösung dieser Visionen bedeutet eine vollständige Befreiung von der Objektverhaftung. Dies wird dargestellt durch das klare Licht. Somit beschreibt für Jung der Bardo Thödol „einen umgekehrten Initiationsweg“[11].

5. Literaturverzeichnis

Die Informationen dieser Arbeit wurden zum größten Teil entnommen aus:

W.Y. Wentz (Hrsg.): „Das Tibetanische Totenbuch. Ein Weisheitsbuch der Menschheit“

Walter-Verlag AG, Olten, 1971. 13. Auflage der Sonderausgabe 1990

Des weiteren wurden folgende Werke und Internetseiten zu Rate gezogen:

Dalai Lama: „Logik der Liebe“ Wilhelm Goldmann Verlag, München, 1989

Timothy Leary, Ralph Metzner, Richard Alpert: „Psychedelische Erfahrungen.

Ein Handbuch nach Weisungen des Tibetanischen Totenbuches“

Raymond Martin Verlag, Markt Erlbach, 1993

http:// www.tibetfocus.com

[...]


[1] W.Y. Wentz (Hrsg.): Das Tibetanische Totenbuch; Walter-Verlag AG Olten, 1990, Seite 151

[2] W.Y. Wentz a.a.O. S. 170

[3] W.Y. Wentz a.a.O. S. 172

[4] W.Y. Wentz a.a.O. S. 187

[5] a.a.O. S. 107

[6] a.a.O.

[7] W.Y. Wentz a.a.O. S.244

[8] siehe Literaturverzeichnis

[9] W.Y. Wentz a.a.O. S. 7

[10] So auch der Dalai Lama in seinem Buch „ Logik der Liebe “, Goldmann Verlag, München, 1989. S.228 Eine Neufassung des Bardo Thödol, die dem westlichen Menschen dessen Symbolik verständlich machen will, gibt es von Timothy Leary, Ralph Metzner, Richard Alpert: „ Psychedelische Erfahrungen. Ein Handbuch nach Weisungen des Tibetanischen Totenbuches “, Raymond Martin Verlag, Markt Erlbach, 1993. Leary und seine Mitverfasser deuten die religiösen Symboliken des Bardo Thödol so um, dass sie für eine technokratische Welt zutreffen; so spricht er zum Beispiel nicht mehr von Visionen zorniger Gottheiten, sondern von Maschinen die den Geist bedrohen. Zwar ist Learys Werk kein Totenbuch, sondern eher ein Führer durch Zustände, die hervorgerufen wurden durch den Genuss bewusstseinserweiternder Drogen, trotzdem empfinde ich seine Interpretation als hilfreich für ein Verständnis des Bardo Thödol.

[11] W.Y. Wentz a.a.O. S.53

2 von 17 Seiten

Details

Titel
Das Tibetische Totenbuch
Untertitel
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Veranstaltung
Einfuehrung in den tibetischenBuddhismus
Note
gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V111385
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tibetische, Totenbuch, Einfuehrung
Arbeit zitieren
Dirk Dollet (Autor), 2004, Das Tibetische Totenbuch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111385

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