Harishcandra von Benares


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
15 Seiten, Note: 2.3

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Inhalt

1.Vorwort

2. Biographisches

3. Historischer Hintergrund

4. Literaturgeschichtlicher Hintergrund

5. H ariçcandras Forderungen an eine indische Literatur

6. Sprachgeschichtlicher Hintergrund

7. H ariçcandras Forderungen an eine indische Sprache11

8. H ariçcandras Forderungen an eine indische Nation

9. Quellennachweis

1. Vorwort

In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts begann in Indien eine Zeit des Umbruchs. Nach einer jahrhunderte andauernden Zeit der Fremdherrschaft wurde auf dem Subkontinent das Verlangen nach Unabhängigkeit immer lauter. Die Inder begannen nach ihrer Identität zu suchen und arbeiteten dabei die eigene Tradition auf, um, auf dieser Tradition fußend, etwas Neues und doch Eigenes zu erschaffen.

So kann man die letzten Dekaden dieses Jahrhunderts als einen Dreh-und Angelpunkt für die Geschichte des indischen Selbstbewußtseins bezeichnen. Maßgeblich beteiligt an dem Prozeß der Selbstfindung war die Diskussion um eine Nationalsprache der Inder. Zur Verbreitung der Argumente war die Entwicklung öffentlicher Medien sehr von Vorteil. Hier nun tritt die Figur Hariçcandras in den Vordergrund. Er war ein großer Förderer der öffentlichen Medien und hat selbst mehrere Zeitschriften herausgegeben, die er als Diskussionsforen und als Möglichkeiten, neue Arten der Literatur zu erproben, verstand und nutzte.

Sicherlich ist es fragwürdig, Hariçcandra als den Erfinder der modernen indischen Literatur zu bezeichnen, klar dürfte jedoch sein, dass er einer ihrer Wegbereiter war.

Im Folgenden nun soll Hariçcandras Rolle in Bezug auf die historische und literaturgeschichtliche Entwicklung in Indien zu seiner Zeit beschrieben werden. Hierzu wird, nach einer kurzen Darstellung der Hintergründe, Hariçcandras Argumentation in Bezug auf die Fragen einer Nationalsprache und –literatur aufgegriffen, um seine Forderungen an eine indische Nation aufzuzeigen.

Beginnen will ich diese Arbeit jedoch mit der Darstellung einiger biographischer Eckdaten Hariçcandras.

2. Biographisches

Hariçcandra wurde im Jahre 1850 in der Gegend von Benares geboren. Er entstammte einer streng viñëuitischen Familie aus der Agarvalla-Kaste, die durch Bankgeschäfte und Handel zu erheblichem Reichtum gekommen war, was ihm in seinem späteren Leben sehr zu Gute kommen sollte. Jedoch nicht nur materielle Reichtümer, sondern auch den Hang zum literarischen Schaffen erbte er von seinem Vater Gopalchandra. Dieser nämlich war ebenfalls als Dichter tätig gewesen, und obwohl er bereits mit 27 Jahren starb, hinterließ er an die vierzig Werke, deren Schaffung ihm zugeschrieben wird. Des weiteren unterhielt er eine „einzigartige Sammlung von Hindé- und Sanskritwerken“[1]. Von diesem vielseitigen Mann, dessen Haltung durch den viñëuitischen Glauben geprägt war, wurde Hariçcandra in den ersten zehn Jahren seines Lebens erzogen. Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1860 wurde die Erziehung durch den Großvater und den Onkel mütterlicherseits übernommen. Nach der sanskritisch-viñëuitischen Prägung durch seinen Vater kam er nun in den Genuß einer eher persisch orientierten Schulung. Den Abschluß seiner Lernphase bildet ein Besuch des `Queen`s College` in Benares, das er jedoch ohne einen Abschluß verließ. Dies jedoch sicherlich nicht aufgrund von Unvermögen, denn es ist bekannt, dass Hariçcandra sowohl Sanskrit und Persisch beherrschte, als auch des Englischen und verschiedener indischer Sprachen, hierunter Hindé, Bengali, Urdü, Maharatti, Gujerati, Mervari, Panjabi, mächtig war. Ferner erlernte er das Spielen verschiedener Musikinstrumente. Sein größtes Interesse scheint jedoch der Literatur gegolten zu haben, und so zeigt er sich bereits früh als spendabler Gönner von Dichtern.

Das Interesse am eigenen Land wird deutlich durch diverse Reisen, die er während seiner Jugendzeit durch den Norden Indiens unternahm. Auf seinen Reisen machte er Bekanntschaft mit der bengalischen Literatur, was ihm den Anstoß dafür gab, über die Entwicklung einer Literatur in Hindé, die bis dahin so gut wie nicht existierte, nachzudenken. Seine Öffentlichkeitsarbeit begann er im Alter von 16 Jahren mit der Gründung einer Schule in Benares, die bis heute besteht und den Rang einer Oberschule hat.

Wohl zunächst um seine eigenen Werke zu veröffentlichen- seit seinem achtzehnten Lebensjahr ist Hariçcandra regelmässig literarisch tätig- gibt er im Jahre 1867 seine erste Zeitung mit Namen `Kavivacanasuddhä` heraus. Bis zum Jahre 1871 erschien diese Zeitschrift monatlich und wurde kostenlos verteilt, da die Finanzierung aufgrund des Reichtums Hariçcandras möglich war. Ab 1871 wurde sie vierzehntägig herausgegeben. Ihre Inhalte waren zunächst literarischer Natur, wurden jedoch zunehmend kritischer, zum einen gegen einige indische Traditionen- so zum Beispiel das Verbot der Wiederverheiratung der Witwen-, zum anderen aber auch gegen die Politik der Briten in Indien.

Kavivacanasuddhä wurde zum Sprachrohr Hariçcandras, blieb aber nicht die einzige Zeitschrift, die er veröffentlichte: 1873 folgte `Haris Chandra`s Magazine` und 1874 `Bälbodhiné` , eine Frauenzeitschrift.

Sein literarisches Wirken spiegelt sich weiterhin in der Schaffung diverser Gedichtbände, dies zunächst in `Braj Bhäñä`, später auch in Hindé, aber auch in diversen Übersetzungen von Sanskritwerken ins Hindé. Des weiteren schuf er eine Oper in Hindé, die den schlechten Zustand, in dem sich Indien damals befand, aufzeigt.

Weitere Öffentlichkeitsarbeit leistete Hariçcandra mit der Gründung des `Kavitä Varddhiné Sabhä`, eines Dichtervereins, ebenso des `Penny Reading Club`, und schliesslich des `Tadéya Samäj` , der eine mehr politische Vereinigung darstellte. Zusätzlich unterstützte er Vereine, die er nicht selber gegründet hatte.

Das Wirken Hariçcandras, der von seinen Zeitgenossen den Ehrentitel `Bhäratendu`(Mond Indiens) erhielt, wurde im Jahre 1885 durch seinen frühen Tod beendet, sein Werk jedoch lebt in der modernen Hindé-literatur bis heute fort, und manch ein Inder hält ihn für den Vater dieser Literatur.

3. Historischer Hintergrund

Als die britische `Ost Indian Company´ im Jahre 1600[2] gegründet wurde, blickte Indien auf eine jahrhunderte andauernde Fremdherrschaft durch muslimische Herrscher zurück. Während dieser Zeit wurde die hinduistische Tradition stark vernachlässigt und durch die persische Kultur überlagert. Nach dem Tod des letzten großen muslimischen Herrschers mit Namen Aurangzeb im Jahre 1707 zerfiel das Großreich in viele Einzelreiche, die sich untereinander nicht einig waren und deshalb neuen Eroberern nicht standhalten konnten. Dies nutzte die britische Handelsgesellschaft aus, indem sie immer mehr Terretorien unter ihre Herrschaft stellte. Waren die Briten also zunächst aus wirtschaftlichen Gründen nach Indien gekommen, so nahmen sie nun immer größeren politischen Einfluß. Dieser war jedoch nicht darauf ausgerichtet, die hinduistische Tradition wieder aufzubauen, sondern vielmehr die bestehenden Verhältnisse soweit sie für Großbritanien von Vorteil waren, beizubehalten und nur dort Veränderungen vorzunehmen, wo ihnen das alte System unzureichend erschien. Das bedeutete, dass die persische Kultur weiterhin gefördert wurde, also nicht durch die den Hindus eigene sanskritische ausgetauscht wurde, und, dass vor allem auf der Verwaltungsebene nach britischem Vorbild regiert wurde. Für die Inder, die in den Briten zunächst die Befreier von der muslimischen Fremdherrschaft gesehen hatten, war dies eine schwere Enttäuschung. Sie sahen sich nun von einer Fremdherrschaft in die nächste manövriert. Nach der Meuterei der indischen Berufssoldaten der Ost Indian Company im Jahre 1857 wurde der Handelsgesellschaft die Macht entzogen und Indien wurde der britischen Krone unterstellt. Damit war nun die Herrschaft Großbritaniens über den indischen Subkontinent besiegelt und erlangte ihren rechtlichen Höhepunkt mit der Annahme des Titels `Kaiserin von Indien` durch Königin Victoria von Großbritanien. Trotz aller Proteste auf Seiten der Inder, bei denen auch Hariçcandra eine große Rolle spielte (siehe weiter unten), sollte der Zustand der Fremdherrschaft durch die Briten noch bis ins Jahr 1947 andauern.

4. Literaturgeschichtlicher Hintergrund

Beginnend mit den Schriften des `Veda` blickte Indien[3] auf eine mehr als zweitausend Jahre alte Literatur zurück, die jedoch sprachlich und thematisch sehr eingegrenzt war. So scheint es bis ins fünfzehnte Jahrhundert beinahe ausschliesslich Texte in der Sanskritsprache mit religiösem Inhalt zu geben. Auch die äußere Form dieser Texte war durch eine streng organisierte Metrik festgelegt. Mit der Einnahme Indiens durch die Muslime wurde das Sanskrit durch die persische Sprache verdrängt, jedoch weder beim Sanskrit noch beim Persischen handelte es sich um eine Sprache, mit der man das `Volk` erreichen konnte, mit deren Hilfe das `Volk` sich verständigen und Geschichten oder Legenden weitergeben konnte. Zwar scheint es wahrscheinlich, dass es schon früh Erzählungen in Volkssprachen gab, allerdings hatten diese weder einen großen Verbreitungsgrad, da sie wohl in Dialekten verfaßt waren, die nur regional begrenzt verständlich waren. Des weiteren wurden sie nur oral tradiert, was ihrem Überleben ebenfalls hinderlich war. Zum dritten ist anzunehmen, dass ihre Thematik den religiösen Sanskrittexten entlehnt war, und sie somit kein eigenständiges Genre bildeten. Erst der Beginn der `Bhakti`-Bewegung, einer religiösen Gegenströmung zum so genannten `Brahmanismus`, wurden Texte in Braj Bhäñä, einem Dialekt aus der Gegend von Agra und Mathura, verfasst. Somit fand nun eine Volkssprache Einzug in die Literatur, ihre Thematik aber war weiterhin rein religiös und ihre äußere Form an die sanskritische Metrik gebunden.

Ein weiterer Dialekt hielt ab dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts Einzug in die Literatur Nordindiens: Khaåé Bolé ist ein Dialekt, der in der Gegend von Delhi und Meerut gesprochen wurde. In dieser Sprachform sind einige Prosatexte erhalten, aber auch Übersetzungen von Sanskritwerken. Es macht den Anschein, dass dieser Dialekt (Khaåé Bolé= gemachte Sprache) einen Vorläufer des Hindé und Urdü darstellt und vor allem für Prosa benutzt wurde, während Braj Bhäñä bis in die Zeit Hariçcandras für metrische Texte verwandt wurde. Ein Aufbrechen der strengen thematischen und metrischen Regeln geschieht erst ab der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und Hariçcandra spielte in diesem Prozeß eine große Rolle, die im nächsten Kapittel näher erläutert werden soll.

5. Hariçcandras Forderungen an eine indische Literatur

Durch seine Erziehung selbst vetraut mit den Texten der Sanskritkultur und den Dichtungen in Braj Bhäñä verfasste Hariçcandra ebenfalls metrische Werke in diesem Dialekt, der zu seiner Zeit als die einzige Sprachform ausserhalb des Sanskrit angesehen wurde, in der Lyrik möglich war. Allerdings hatten ihn seine Reisen durch Nordindien und sein Kontakt zur `einfachen` Bevölkerung gelehrt, dass die Masse der Bevölkerung nicht mit Hilfe dieser Sprache zu erreichen war.

Da sein Begehr nicht von `schöngeistiger` Natur war, sondern er sich als Erwecker eines indischen Selbstbewußtseins und politischer Aufklärer sah, ging es ihm jedoch genau darum, eine größtmögliche Bevölkerungsschicht zu erreichen. Auf sprachlicher Ebene bedeutete dies, einen Code zu benutzen, der für viele Menschen in Indien verständlich war (auf die Forderungen Hariçcandras an eine indische Sprache soll in einem späteren Kapitell dieser Arbeit eingegangen werden). Auf thematischer Ebene nun hieß das, die alten religiösen Themen aufzugeben und neue, politisch orientierte einzuführen. Allerdings wurden die religiösen Themen nicht gänzlich verworfen, da sie die indische Tradition spiegelten und zur Erweckung eines indischen Nationalbewußtseins von großem Belang waren. So übersetzte Hariçcandra einige Sanskritwerke in die Sprache, die er für die Bevölkerung für verständlich hielt und die ` Hindé ` genannt wurde.

Mit dem gleichen Ziel der Erweckung des Selbstbewußtseins schrieb er einige Aufsätze mit der Thematik der indischen Geschichte in der gleichen Sprache, welche die glorreiche Vergangenheit der Hindus darstellten (wenn auch sie vom historischen Blickwinkel aus oft unhaltbar scheinen)[4]. Auch die Oper Hariçcandras mit Namen `Bhärat Janané` verfolgte das Ziel, das indische Volk aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit zu erwecken“[5],indem sie den trostlosen Zustand, in dem Indien sich damals befand, metaphorisch darstellt. In seinen Zeitschriften veröffentlichte Hariçcandra zum einen eigene Texte und auch die anderer Schriftsteller, die mit neuen Formen der Metrik arbeiteten, oder auch Prosatexte. Aus dichterischer Sicht stellten diese Zeitungen also ein Feld des Experimentierens dar und gaben somit die Möglichkeit zur Erprobung neuer Genres. Zum anderen waren diese Zeitschriften aber auch Foren der politischen Diskussion und enthielten - vor allem bis 1879- starke Kritiken am Führungsstil der Briten. Nachdem diese 1879 eine Zensur für indische Zeitschriften eingeführt hatten, den so genannten `Press Act`, verlagerte Hariçcandra seine Kritik auf das eigene Volk, wiederum mit dem Begehr, den Fortschritt Indiens zu fördern. Es scheint also klar, dass Hariçcandras Forderungen an eine indische Literatur aufklärerischer Art waren, dass er seine Öffentlichkeitsarbeit dazu nutzte alte Muster aufzubrechen und mit Hilfe der gedruckten Medien die Masse der Inder zu erreichen, um diesen ihren derzeitigen Zustand zu vergegenwärtigen. Hariçcandras Ziel war immer Indien in den Fortschritt zu führen; und hierfür benutzte er die Medien, das forderte er von der Literatur.

6. Sprachgeschichtlicher Hintergrund

Die Entwicklung der Sprachform, die heute als ` Hindé ` bekannt ist,[6] unterlag zum einen dem Zusammentreffen der nordindischen Sprachen und Dialekte mit der perso-arabischen Kultur, bedingt durch Handelsbeziehungen dieser beiden Kulturräume und die langwährende Fremdherrschaft der Muslime, die die persische Sprache in Indien einführten. Zum anderen jedoch ist das Hindé als ein Konstrukt anzusehen, an dessen Erarbietung die Engländer großen Anteil hatten.

Bis heute werden in Nordindien eine Vielzahl von Dialekten gesprochen, die zwar alle miteinander verwandt sind- wenn auch nur durch ihre Zugehörigkeit zu der so genannten `indo-arischen Sprachfamilie`- , sich aber oft in ihrer Lexik so stark unterscheiden, dass sie untereinander nicht mehr verständlich sind. Zur Zeit der muslimischen Herrschaft wurde der Dialekt der Gegend um Delhi-das so genannte Khaåé Bolé- zur Standardsprache ernannt. Diese Sprachform scheint das grammatikalische Gerüst der Sprachen Hindustans darzustellen und eignete sich somit am Besten als Verkehrssprache. Auch war es die Sprachform, mit der die fremden Herrscher in Delhi, dem Zugang nach Indien und der oftmaligen Hauptstadt der Muslime, meist konfrontiert waren. War die Khaåé Bolé, bedingt durch ihre Entwicklung aus dem Sanskrit und den mittelindischen Sprachen, von einer sanskritischen Lexik geprägt, so wurde sie nun von perso-arabischen Wörtern durchsetzt. Dies jedoch legte den Grundstein für den späteren Konflikt zwischen ` Hindé ` und `Urdü`. Als nämlich die Engländer nach dem Zusammenbruch des Moghulreiches ihre Macht in Nordindien manifestierten und ausbreiteten, hielten sie zunächst das Persische als Amtssprache aufrecht. Da jedoch schnell klar wurde, dass diese Sprache vom Volk der Inder nicht verstanden wurde, ersetzten sie diese durch Urdü, welches sich ebenfalls der arabischen Schriftzeichen bediente. Die Engländer erkannten dies als `Volkssprache`, sahen aber auch, dass es durch persische Lexik und Schrift geprägt war, die den nicht muslimischen Indern nicht eigen waren. Der Konflikt, der daraus entstand, macht sich an Lexik und Schriftbild fest und hatte ein Auseinanderdriften von muslimischen und hinduistischen Indern zur Folge. Dieser Konflikt wurde dadurch verstärkt, dass die Engländer auf ihrer Suche nach einer Volkssprache Hindustans am `Fort William College` begannen, eine Sprache zu kreieren, die frei von persischen Lehnwörtern war und in der Nägarischrift geschrieben wurde. Die Erforschung dieser Sprache hatte den Hintergrund, die Kommunikation der Engländer mit den indischen Berufssoldaten zu ermöglichen und geschah mit Hilfe einheimischer Gelehrter. Es wurden Schulbücher, Grammatiken, Wörterbücher in einer Sprache geschrieben, die nun Hindé genannt wurde. Auch englische Missionare leisteten einen Beitrag, indem sie christliche Werke in diese Sprache übersetzten. Zu diesem Zeitpunkt- Ende des 18. bis Anfang des 19. Jahrhunderts- war das Begehren der Engländer also lediglich die Förderung der Kommunikation zwischen ihnen und den Indern. Im weiteren Verlauf der Bemächtigung Indiens durch Großbritanien allerdings wurde das Sprachproblem dahingehend politisiert, dass den Engländern klar wurde, dass sie mit seiner Hilfe die Muslime und Hindus nach dem Motto ` teile und herrsche` gegeneinander ausspielen konnten. Sorgten die Machthaber für ein uneiniges Volk, so war ihnen ihre Machtposition sicher. Aus der Trennungslinie zwischen Urdü und Hindé, festgemacht an Schriftbild und Lexik der beiden sich sehr ähnlichen Sprachen, wurde also eine Trennungslinie zwischen hinduistischen und muslimischen Indern. Diese wurde allerdings von beiden Seiten aufgenommen und im Zuge nationalistischer Politik weiter verstärkt- und das bis in die heutige Zeit.

7. Hariçcandras Forderungen an eine indische Sprache

Hariçcandras Forderungen an eine indische Sprache waren, wie alle seine Forderungen, darauf ausgerichtet, das Selbstbewußtsein des indischen Volkes zu erwecken. Das bedeutet, dass er diese Forderungen nicht dazu benutzte, die Trennungslinie zwischen Hindus und Moslems zu verstärken. Sein Begehr war es, sich gegen die englische Sprache abzugrenzen. Es war ihm, wie bereits erwähnt, klar, dass Unabhängigkeit von den Fremdherrschern nur dann möglich war, wenn die Inder sich als eine Nation erkannten, unabhängig von ihrem Glauben. Nichts desto trotz war er sich des Konflikts bewußt, der aus der verschiedenen Lexik und Schreibweise der beiden Sprachen ` Hindé ` und `Urdü` entstanden war. Somit musste er innerhalb dieser Problematik Stellung beziehen, und da er selber in hinduistischer Tradition stand, scheint klar, dass er für eine indische Nationalsprache das persisch-arabisch geprägte Urdu und sein Schriftbild verwarf. Das heißt jedoch nicht, dass er auf ein sanskritisch durchsetztes Hindé zurückgriff. Vielmehr versuchte er das Sprachproblem dadurch zu lösen, dass er für eine Nationalsprache ein solches Ideom forderte, dass für alle Inder verständlich war. Er sprach sich für eine Sprachform aus, die jedem Inder verständlich ist. Für ihn war eine Nationalsprache gleichbedeutend mit der Muttersprache. Es war die Sprachform, die von der Mutter auf das Kind übertragen wird. Das bedeutet, dass die Grundlage der Nationalsprache die tatsächlich gesprochene Sprache sein mußte. Es war die Sprache des `einfachen Volkes`, die Sprache, die im Haus vermittelt wurde, die Sprache, die in den Straßen und auf den Märkten gesprochen wurde. Das diese weder mit persischen noch mit sanskritischen Begriffen durchsetzt sein durfte, scheint klar.

8. H ariçcandras Forderungen an eine indische Nation

Im Folgenden sollen Hariçcandras Forderungen und seine Beweggründe noch einmal zusammenfassend anhand seiner letzten Rede, die er als Gast des Baliyä-Instituts im Jahre 1884 hielt, dargestellt werden. Die Adressaten waren Angehörige der gebildeten Mittelschicht und waren sowohl Anhänger des muslimischen als auch des hinduistischen Glaubens. Des weiteren befanden sich in der Hörerschaft auch Briten. Wie wenig radikal Hariçcandra in seinem Denken war, wie sehr er darauf aus war, Vorteile zu nutzen, egal auf welchem Hintergrund diese entstanden waren, wird in dieser Rede sehr deutlich. Bereits der Titel `Wie ist Indiens Forschritt möglich` (`bhäratvarñ ké unnati kaise ho sakté hai`) macht klar, dass Hariçcandra keinen radikalen Nationalismus vertrat, sondern dass es ihm wie immer um Indiens Fortschritt ging.

Zunächst gilt es zu beleuchten, was Hariçcandra unter einer indischen Nation verstand und wen er als Bürger einer solchen ansah. Aufgrund seines viñëuitischen Glaubens machte Hariçcandra keinen Unterschied zwischen Hindus, Moslems oder Christen. Für ihn war der Glaube an Gott nicht von dessen Namen oder Erscheinungsform abhängig. Somit war die Bezeichnung `Hindu` keine Religionsbezeichnung, sondern vielmehr eine geographische. Ein Hindu war derjenige, der im `Hinduland` geboren war. All diese Hindus, alle Inder müssen Indien einig in den Fortschritt führen: „hindü, jain, musalmän sab äpas meà milie“[7]. Forderte er also Zusammenhalt von seinen Landsleuten, so grenzte er sich jedoch von den Briten ab. Zwar erkennt er die Segnungen, die sie nach Indien eingeführt hatten, ihren Willen zum Fortschritt und ihre Fähigkeit, im internationalen Wettbewerb eine führende Position einzunehmen, doch klagte er die ausbeuterische Haltung, mit der sie in Indien herrschten, an. Hatte Hariçcandra in seinen frühen Jahren seine Kritik auf die Briten gelegt, so waren es in seiner letzten Rede die eigenen Landsleute, denen er vorwarf, sich ausbeuten zu lassen: „...tum aise ho gae ki apne nij ke käm ké vastu bhé nahéà banä sakte“[8]. Warf er also den Briten ihre skrupellose Ausbeutungshaltung vor, so sagte er doch ganz deutlich, dass nur die Inder selbst und durch eigene Anstrengung in die Unabhängigkeit gelangen konnten. Diese Anstrengung bezieht sich nicht nur auf den Zusammenhalt der verschiedenen Religionsgemeinschaften, sondern ebenso auf ein Überdenken der eigenen hinduistischen Traditionen. So spricht Hariçcandra sich gegen Traditionen aus, die dem Fortschritt im Wege stehen: ” sab aisé bätoà ko choòo jo tumhäre is path ke kaëöak hoà...“[9]. Diese sind zum Beispiel das Verbot, den Ozean zu überqueren, die frühe Verheiratung von Mädchen, die schlechte Ausbildung von Frauen, aber auch gegen seiner Meinung nach sinnlose religiöse Bräuche spricht er sich aus[10]. Er fordert seine Landsleute auf, aus ihrer Lethargie zu erwachen und ihre Zeit nicht mit Müßiggang zu verbringen:„bhäiyoà ab to nénd se cauìko... jismeà tumhäré bhaläé ho vaisé hé kitäb paòho, vaisé hé khel khelo, vaisé hé bätcét karo“[11].

Den Schlussapell seiner Rede bildet der Aufruf an die Zuhörer, sich ihrer eigenen Sprache zu bedienen und nicht in einer nichtindischen Sprache, hiermit ist wohl vor allem die englische gemeint, zu kommunizieren: „apne deç meà apné bhäñä meà unnati karo“[12].

Diese letzte Rede von Hariçcandra zeigt in einfacher, klar verständlicher Sprache seine Forderungen an ein indisches Volk, mit dem Ziel diesem ein indisches Selbstbewußtsein zu vermitteln. Sie hat einen sehr apellativen Charakter, und Hariçcandra arbeitete darin mit gut nachvollziehbaren Bildern (so z.B. die Beschreibung Indiens im Wettbewerb der Weltmächte als ein führerloses Pferd in einem Pferderennen). Hariçcandra übt nicht harrsche Kritik, weder an den Briten, noch an seinen eigenen Landsleuten, sondern er ruft die Inder auf, sich selbst zu befreien.

Hariçcandra war also, wie man erkennen kann, stolz auf seine indische Herkunft, und sein Begehr war es zeitlebens, sein eigenes Land zu fördern, ohne dabei radikal zu sein. Er hatte erkannt, dass die Briten viele Vorteile nach Indien gebracht hatten, die er gerne für sein Land in Anspruch nahm, nichts desto trotz ging es ihm um Indiens Unabhängigkeit, und er war bereit, weder Kosten noch Mühen zu scheuen, um auf diese hinzuarbeiten.

9. Quellennachweis

Für die vorliegende Arbeit wurden ausschliesslich die im Folgenden genannten Quellen verwendet:

Dalmia, V.: The Nationalization of Hindu Traditions: Bhäratendu Hariçcandra and

Nineteenth-century Banaras. Oxford university Press, Delhi 1997

H ariçcandra: Bhäratvarñ ké unnati kaise ho sakté hai? In: Bhäratendu- grathävalé; ed.: Däs, B.R. Bd. 3. V.S. 2010

Kulke, H. ; Rothermund D.: Geschichte Indiens: von der Lütt, J.: Hindu-Nationalismus in Uttar Pradeç 1867-1900 . in: Kieler Historische Studien, Band 9, Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1970

McGregor,R.S.: The Rise of Standard Hindi, and Early Hindi Prose and Fiction; in: Clark,T.: The Novel in India: “It’s Birth and Development”; London 1970

[...]


[1] Lütt, J.: Hindu-Nationalismus in Uttar Pradeç 1867-1900 . in: Kieler Historische Studien, Band 9, Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1970, Seite 66.

[2] Umfassend behandelt bei: Kulke, H. ; Rothermund D.: Geschichte Indiens: von der Induskultur bis heute; C.H. Beck Verlag, München 1998; Seiten 207- 346

[3] umfassend bei: McGregor,R.S.: The Rise of Standard Hindi, and Early Hindi Prose and Fiction; in: Clark,T.: The Novel in India: “It’s Birth and Development”; London 1970

[4] So Lütt a.a.O. Seiten 80f.

[5] Frei nach Immanuel Kant

[6] umfassend bei: Dalmia, V.: The Nationalization of Hindu Traditions: Bhäratendu Hariçcandra and Nineteenth-century Banaras. Oxford university Press, Delhi 1997; Seiten 146- 191

[7] H ariçcandra: Bhäratvarñ ké unnati kaise ho sakté hai? In: Bhäratendu- grathävalé; ed.: Däs, B.R. Bd. 3. V.S. 2010; Seite 901

[8] H ariçcandra: Bhäratvarñ ké unnati kaise ho sakté hai? a. a. O. Seiten 902f

[9] H ariçcandra: Bhäratvarñ ké unnati kaise ho sakté hai? a. a. O. Seite 899

[10] H ariçcandra: Bhäratvarñ ké unnati kaise ho sakté hai? a. a. O. Seiten 900f

[11] H ariçcandra: Bhäratvarñ ké unnati kaise ho sakté hai? a. a. O. Seite 903

[12] H ariçcandra: Bhäratvarñ ké unnati kaise ho sakté hai? a. a. O. Seite 903

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Harishcandra von Benares
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Veranstaltung
Seminar "Sprache und Nation"
Note
2.3
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V111390
ISBN (Buch)
9783640338191
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Harishcandra, Benares, Seminar, Sprache, Nation
Arbeit zitieren
Dirk Dollet (Autor), 2004, Harishcandra von Benares, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111390

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