Der König im mecklenburgischen Volksmärchen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. König als Typus

3. Der König als Neben- oder Hauptfigur
3.1. Das Verhältnis von König und Held
3.2. König Fritz

4. Der König als Richter

5. Der König im familiären Umfeld
5.1. Königstöchter
5.2. Königssöhne
5.3. Königinnen

6. Der König in seinem Milieu

7. Herrscher und Volk
7.1. Volksnähe auf sprachlicher Ebene
7.2. Das Standesbewusstsein des Königs

8. Kritische Sichtweisen

9. Symbolcharakter des Königs

10. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Figur des Königs im mecklenburgischen Märchen. Die Textgrundlage bilden Texte aus dem Band Mecklenburgische Volksmärchen von Siegfried Neumann, der mecklenburgische Märchen aus unterschiedlichen Quellen aus unterschiedlichen Zeiten bündelt. Als Korpus für die empirische Arbeit erwählte die Autorin zunächst nur die dort unter dem Abschnitt „Novellenmärchen“ (Neumann 1971, S. 279 ff) erfassten Erzählungen, entschied sich aber in voranschreitender Arbeit dazu, Märchen aus den Abschnitten „Tiermärchen“ (S. 47 ff) und „Zauber- und Wundermärchen“ (S. 83 ff) mit einzubeziehen, um die gewonnenen Erkenntnissen zu untermauern. Vernachlässigt wurden dementgegen die „Märchenschwänke“ (S. 308 ff).

Ausgehend von einer Betrachtung des Typus König wird im Folgenden sowohl darauf eingegangen, welche Funktionen der König im mecklenburgischen Märchen einnehmen kann und welche Darstellungsweisen gewählt werden, um ihn in seinem Wesen und Handeln zu konkretisieren. Nachdem er in seiner Funktion als Figur in einer Handlung beschrieben wurde, wendet sich der Text den konkreten Tätigkeiten des Königs in den jeweiligen Texten zu um aus der Auseinandersetzung mit diesen auch auf charakterliche und moralische Attribute schließen zu können. Dabei wird der König in seiner Tätigkeit als Richter, in seiner Beziehung zu Familienangehörigen, in seinem sozialen Milieu und in seinem Verhältnis zu seinen Untertanen betrachtet. Aus den Ergebnissen, die in diesem Kontext erschlossen werden, werden Rückschlüsse gezogen, die Kritik und Symbolik im Bezug auf den König betreffen.

2. König als Typus

Sowohl in mecklenburgischen Märchen, als auch in europäischen Volksmärchen generell, stellt die Figur des Königs meist einen Typus dar. Uns ist z.B. aus Grimms Kinder- und Hausmärchen bekannt, dass mit den dort vorkommenden Königen weniger eine bestimmte Person oder das Wesen eines konkreten Königs gemeint ist. Anstatt einer Anbindung an eine historische Persönlichkeit der Königsfigur ist von einer relativen Eigenständigkeit dieser zu sprechen. Dementsprechend werden auch meist keine konkretisierenden Angaben darüber gemacht, ob es sich beim besagten König um Kaiser, Herzog, Graf oder Ritter handelt[1]. Der König ist in diesen Fällen ein Herrschertypus, dessen soziale und politische Stellung für die Figur am bezeichnendsten ist. Er repräsentiert Macht, Reichtum, Einfluss und kann in einer metonymischen Beziehung zu den voran genannten Gegenständen gesehen werden. Seine Machtposition äußert sich darin, dass er über Recht und Unrecht entscheiden kann (vgl. Punkt 4. unten), dass er über seine Töchter und Söhne frei bestimmen kann (vgl. Punkt 5. unten) und dass er weitreichende Anordnungen geben kann, wie z.B. alle Spindeln im Land zusammentragen und verbrennen zu lassen (vgl. Neumann 1971, S. 147). Seinen Charakter und seine Funktionen betreffend kommt es im jeweiligen Märchen zu einer Konkretisierung, indem der König exemplarisch durch seine Handlungen charakterisiert wird und ihm durch seine Handlungen eine bestimmte Aufgabe zugewiesen wird. Er kann ideale oder abzulehnende Eigenschaften verkörpern.

Es ist darauf hinzuweisen, dass sich neben Märchen, die durch diese typische Darstellung des Königs bestimmt werden, in den Mecklenburgischen Volksmärchen auch eine Vielzahl von Märchen finden, in denen der König auf genau eine historische Gestalt konkretisiert wird: „König Fritz“ bzw. den „Alten Fritz“. Auf Märchen, die seine Persönlichkeit thematisieren, wird im Zusammenhang mit den unterschiedlichen Aspekten, mit denen sich die folgenden Kapitel beschäftigen, näher eingegangen.

3. Der König als Neben- oder Hauptfigur

3.1. Das Verhältnis von König und Held

In mecklenburgischen Volksmärchen, in denen der König als Typus erscheint, ist dieser im Normalfall nicht der Held der Erzählung, auch, wenn er im Titel des Märchens erwähnt wird (vgl. Nr. 145 „Der König und der kluge Junge“ oder Nr. 146 „Der König und der Priester“) oder gleich im Einleitesatz erscheint (vgl. den Vater der Prinzessin in Nr. 141 „König Drosselbart“).

Der Fall, dass der König als typische Figur im Mittelpunkt des Geschehens steht, wie König Drosselbart im gleichnamigen Märchen stellt eine Ausnahme dar. König Drosselbart bestimmt hier die gesamte Handlung, indem er als Orgelspieler die überhebliche Bauerntochter zur Frau bekommt, und ihr durch diverse Lektionen vor Augen führt, wie sie sich ihr Leben durch ihre Hochmütigkeit verdorben hat. Indem er die Königstochter mit List gewinnt und sie “zähmt” um sie daraufhin über sein wahres Ich aufzuklären, erweist er sich eindeutig als “Gewinner” - und somit Helden des Märchens.

In zahlreichen anderen mecklenburgischen Erzählungen muss der König jedoch hinter anderen Figuren zurücktreten. So wird er unter anderem zugunsten seiner Kinder oder Schwiegersöhne- und Töchter recht farblos gestaltet[2]. Auch hier markiert „König Drosselbart“ ein Paradebeispiel, da der Vater der gebändigten Prinzessin nur eingangs erwähnt wird, woraufhin die Perspektive auf seine Tochter und König Drosselbart umschwenkt und der König für den Rest der Handlung nicht mehr auftaucht.

Ebenso kann es dem König ergehen, wenn er als Freier der Heldin auftritt, bzw. die Heldin ehelicht. In dem Märchen „Die kluge Bauerntochter“ (Nr. 143) vollbringt nicht der König Taten, die ihn ins Zentrum der Aufmerksamkeit geraten lassen, sondern die Bauerntochter, die ihn mit ihrer Klugheit überlistet und dadurch den sozialen Aufstieg zur Königin schafft.

In mecklenburgischen Märchen haben Könige u.a. die Funktion, die Handlung einzuleiten oder voran zu treiben, indem sie den Held oder die Heldin vor gewisse Aufgaben stellen, die dann im Folgenden von diesen bewältigt werden. Oft kann der Held gerade erst durch eine Herausforderung oder neutrale Aufgabe des Königs in den Vordergrund treten. In „Die kluge Bauerntochter“ gibt der König etwa ein Rätsel, das so gut wie unlösbar erscheint und regt damit die Handlung der Bauerntochter an, welche das Rätsel mit großer List löst und somit nicht nur zur Frau des Königs sondern auch zur Heldin der Erzählung avanciert. Ebenso verhält es sich mit dem Müller, der sich in „Der König und der Priester“ erst durch das schwere Rätsel des Königs beweisen kann.

Andere Märchen berichten von Königen, die Aufgaben an Freier ihrer Töchter stellen, deren erfolgreiche Erfüllung Bedingung für die Eheschließung beider ist.

So geschieht es in „Kleb an!“ (Nr. 113), in dem der König seine Tochter demjenigen verspricht, der diese zum Lachen bringt. Ein besonders gutes Beispiel repräsentiert auch „Die Lügenwette um die Königstochter“ (Nr. 137). In dieser Erzählung leitet der König die Handlung ein, indem er verkünden lässt, dass derjenige seine Tochter zur Frau haben soll, der es schafft, ihm so viele Lügen zu erzählen bis er sagt, dass dies nicht wahr ist. Daraufhin kommt ein Bauernsohn („Dummhans“) gereist, der sich an dieser Aufgabe probieren will, und wird vom König in den Stall geführt. Als der König dem Dunnhans seine Ochsen zeigt und offensichtlich auf Bewunderung des Bauern abzielt, gibt dieser die erste Lüge zum Besten: „Ja, de Ossen sünd recht got, oewer mien Vader sien Vader und den sien Grotvader, de hadd die Ossen: Dee hadden so´n Hüürn, dat `n Vagel vieruntwintig Stunnen fleegen müßt von een Huurn nah´t anner“ (Neumann 1971, S. 283). Auch als der König in ähnlichem Wortlaut seinen Kohl und Hopfen anpreist, reagiert Dummhans mit großartigen Lügen. Der König hat hier folglich die Funktion, dem „Dummhans“ eine Vorlage zu bieten, auf die er sich mit seinen Lügen beziehen kann und treibt die Handlung auf diese Weise voran. Er provoziert zudem diejenige Lüge, die ihn zum Ausruf „Dat sünd Lögen!“ (ibid.) verleitet, indem er Hans danach fragt, wann es denn diese wunderbaren Ochsen und den riesigen Kohl und Hopfen gegeben hat. Mit der kecken Antwort „Dat wir donn, as mien Vader un dien Vader Swien tosamen höden deden“ (ibid.), auf die der König mit Protest reagiert und diese als Lüge bezeichnet, gewinnt der Bauer die Königstochter und wird zum Helden des Märchens. Hier offenbart sich ganz deutlich ein weiteres konstituierendes Merkmal vieler mecklenburgischer und auch europäischer Märchen. Sie sind strukturell daraufhin ausgerichtet, dass ein junger sozialer Aufsteiger bzw. der Held der Handlung den alten König ablöst. Dieses Motiv findet sich u.a. auch in den Erzählungen „Der König und der kluge Junge“, „Dummhans kehrt heim“ (Nr. 138) und „Der Junge, der das Fürchten lernen wollte“ (Nr. 69). Konkreter beschäftigt sich diese Arbeit im Kapitel 9 mit diesem Phänomen.

3.2. König Fritz

Eine Ausnahme von der oben erläuterten Regel, dass Könige in Märchen als Nebenfiguren auftreten, bildet ein Korpus von Erzählungen um „König Fritz“, bzw. den „Alten Fritz“, in denen eindeutig die Figur des Königs im Zentrum der Aufmerksamkeit steht[3]. In den Märchen „Der überlistete Ehekandidat“ (Nr. 140), „Der Streit um das Fohlen und `Alten Sattel`“ (Nr. 144), „Der König und der Priester“, „Der König in der Schatzkammer“ (Nr. 148) und „Der König in der Räuberhöhle“ (Nr. 149) wird die Figur des Königs auf die reale historische Persönlichkeit Friedrich II. von Preußen (1712-1786) konkretisiert und somit eine greifbare Vorstellung von einem König initiiert. Hier schlägt sich nieder, dass König Friedrich II. eine große Popularität in der Bevölkerung genoss. Er hatte den Ruf, ein Volkskönig zu sein, der das Beste für sein Volk will und sich um die Belange seiner Untertanen sorgt. Dieser Eindruck wird durch diverse Amtshandlungen Friedrichs zugunsten der Armen und Schwachen gestützt[4]. Auch eine „besondere Ausstrahlungskraft“ (Neumann, In: Heindrichs, 2001, S. 203) förderte den Kult, der um seine Person betrieben wurde, sowie militärische Erfolge um 1750. Seine Fähigkeit, „ganz unkonventionell in der Redeweise des gemeinen Mannes Zugang zu den unteren Sozialschichten zu finden“ (S. 205) und die Bittstellerpraxis von 1744 ließen Friedrich als volksnahen Menschen erscheinen. Selbst der Siebenjährige Krieg, Wirtschaftskrise und seine in Isolierung verbrachten letzten Lebensjahre konnten der allgemeinen Wertschätzung des Königs in der Bevölkerung nichts anhaben.

[...]


[1] Ausnahmen bilden die Märchen „Der Gevatter Tod“ (Nr. 74) und „Die Früchte des Lebens“ (Nr. 102), in denen jeweils ein Kaiser auftaucht.

[2] Nach der Enzyklopädie des Märchens (vgl. S. 141) ist das Phänomen, dass der König nicht als Hauptfigur auftritt auf die Erzähltradition germanischer heroischer Heldenepen zurückzuführen, in denen die Figur des Königs neben anderen heldenhaften Typen zurücktreten muss (z.B. Gunther vs. Siegfried im Nibelungenlied).

[3] In Märchen wie „Prinz Ferdinands Streiche“ (Nr. 147) und „Prinz Ferdinand und seine Retterin“ (Nr. 65) tritt der Bruder von König Friedrich als Hauptfigur auf. Da sich diese Arbeit jedoch auf Königsdarstellungen bezieht und nicht die der Prinzen, werden diese Erzählungen vernachlässigt.

[4] Vgl. die bei Neumann (In: Heindrichs, 2001, S. 201) beschriebenen Handlungen.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der König im mecklenburgischen Volksmärchen
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V111423
ISBN (eBook)
9783640094875
ISBN (Buch)
9783640868285
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
König, Volksmärchen
Arbeit zitieren
Susan Dankert (Autor:in), 2007, Der König im mecklenburgischen Volksmärchen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111423

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