Heinrichs Metanoia - Wahrnehmung und Erkenntnis in Hartmanns "Der arme Heinrich"


Seminararbeit, 2007

26 Seiten, Note: 1


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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die „peep“-Szene
1.1. Ablauf
1.2. Wahrnehmung und Erkenntnis

2. Die güete der Meierstochter
2.1. Die Meierstochter - äußere und innere Schönheit
2.2. Heinrich – Krankheit und Verfehlung
2.3. Die Nacktheit während der Opferung
2.4. Heinrichs Erkenntnis und Heilung
2.5. Kritikpunkte

3. Martyrium
3.1. Die Nacktheit während der Opferung
3.2. Heinrichs Erkenntnis und Heilung
3.3. Kritikpunkte

4. Liebe, Sexualität, Sadomasochismus
4.1. Heinrichs sexuelle Erregung
4.2. Sadomasochistische Elemente
4.3. Heinrichs Erkenntnis und Heilung
4.4. Bewertung und Intertextualität

5. Konfusion der Geschlechteridentität
5.1. Die Feminisierung Heinrichs
5.2. Die Maskulinität der Meierstochter
5.3. Heinrichs Wahrnehmung und Heilung
5.4. Bewertung

Ergebnis

Bibliographie

Einleitung

Der arme Heinrich ist ein Adeliger, der sämtliche Tugenden in sich vereint und hohes Ansehen genießt. Doch eines Tages wird er – vermutlich aufgrund eines Mangels an Gottesfürchtigkeit – vom Aussatz befallen und forthin von seinem Umfeld gemieden und geächtet. Ein Arzt in Salerno sieht keine Hoffnung für ihn, da das einzige Heilmittel das Herzblut einer Jungfrau sei. Heinrich zieht sich schließlich zu einer Meiersfamilie zurück, die für ihn ein Stück Land bewirtschaftet. Er entwickelt ein inniges Verhältnis zur Tochter dieser Familie, welche sich letztlich dazu entschließt, sich für Heinrich zu opfern. Nach einigen Diskussionen, akzeptieren sowohl Heinrich als auch die Eltern des Mädchens seinen Beschluss und Heinrich reist mit ihm nach Salerno. Dort muss das Mädchen noch den Arzt überzeugen, bevor schließlich die Opferung vorbereitet wird.

Hier folgt die Schlüsselszene, auf der auch das Hauptaugenmerk dieser Arbeit liegen soll. Der Arzt zieht sich mit dem Mädchen in ein Zimmer zurück und bindet sie dort nackt auf einen Tisch. Um sicher zu gehen, dass die Operation gut verläuft, beschließt er sein Messer noch einmal mit einem Wetzstein zu schärfen. Heinrich hört das Wetzgeräusch, blickt durch ein Loch in der Wand und sieht die Meierstochter nackt und an den Tisch gebunden und empfindet ihren Körper als sehr schön. Dieser Anblick löst in ihm einen plötzlichen Sinneswandel, eine starke innere Reflexion aus. Für diesen Prozess wird in der Sekundärliteratur der altgriechische Begriff „Metanoia“ verwendet[1].

Bei der Analyse dieser entscheidenden Szene sind folgende Punkte genauer zu betrachten:

1.) Wie wird die Handlung dargestellt? Was nimmt Heinrich wahr?

2.) Wieso löst diese Wahrnehmung die besagte Metanoia aus? Wie nimmt Heinrich die Szene wahr?

3.) Wieso führt sein Sinneswandel schließlich über den Verzicht auf das Opfer zu seiner Heilung?

Im folgenden ersten Kapitel soll die „peep“-Szene aufgeschlüsselt und unstrittige Punkte festgemacht werden. In den folgenden Kapiteln werden verschiedene Interpretationsansätze kritisch durchleuchtet und auf ihre Haltbarkeit überprüft. Diese Interpretationsansätze sollen hier folgendermaßen benannt werden:

1.) Die güete der Meierstochter

2.) Martyrium

3.) Liebe, Sexualität, Sadomasochismus

4.) Konfusion der Geschlechteridentität

[Anmerkung: Beim Zitieren von Bibelstellen wurden diese mit Hilfe der Online-Bibelkonkordanz „Elbikon“ ausfindig gemacht. Diese wird in der Bibliographie angeführt, jedoch nicht mehr bei den jeweiligen Bibelzitaten. Bei diesen wird nur mehr auf die jeweilige Stelle in der Bibel hingewiesen.]

1. Die „peep“-Szene

1.1. Ablauf

Nachdem die Meierstochter den Arzt Aufgrund seiner Zweifel an ihrer Entschlossenheit beschimpft hat, sieht sich dieser von ihrem Vorhaben überzeugt und führt sie in ein separates Zimmer unter Ausschluss Heinrichs. Dort reißt sie sich die Kleider vom Leib und steht ohne jede Scham vor dem Arzt. Dies ist ein durchaus ungewöhnliches Bild. Diese Nacktheit ohne Scham wird in den folgenden Interpretationsansätzen eine wichtige Rolle spielen. Der Arzt empfindet ihren Körper als schön. Er bindet sie nackt an einen Tisch und beschließt sein Messer noch einmal zu schärfen, da er ihr unnötiges Leid ersparen will. Heinrich hört das Wetzgeräusch und blickt durch ein Loch in der Wand, wodurch er das Mädchen nackt an den Tisch gebunden sieht. Er empfindet ihren Körper als sehr schön, was in ihm einen Sinneswandel hervorruft. Heinrich will die Opferung verhindern. Er klopft an die Tür und spricht durch diese mit dem Arzt, bis er schließlich die Opferung abwenden kann.

1.2. Wahrnehmung und Erkenntnis

Auch wenn das Hauptaugenmerk dieser Arbeit auf Heinrich liegt, soll hier auch kurz auf die Wahrnehmung des Arztes hingewiesen werden, da dadurch auch Parallelen zu Heinrichs Wahrnehmung aufgezeigt werden können. Als der Arzt das nackte Mädchen sieht, empfindet er, „daz schoener crêatiure / al der werlte wære tiure“[2] Er empfindet durch ihren Anblick auch so starkes Mitleid mit ihr „daz im daz herze und der sin / vil nâch was dar an verzaget“[3] Dieses Mitleid veranlasst ihn schließlich auch, sein Messer noch einmal zu schleifen. Diese durchaus starke Reaktion des Arztes ist bereits ein Hinweis darauf, welch starke Wirkung der Anblick des Mädchens auf Heinrich haben wird, der ja scheinbar von einer Sekunde auf die andere seine gesamte Weltsicht umkehrt.

Heinrich hört das Wetzen des Messers an dem Wetzstein. Dieses Geräusch erzeugt bei Heinrich nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch starke Emotionen und interessanterweise ist dieser auditive Input mit einem visuellen Reiz gekoppelt. Das Messerwetzen löst in Heinrich größtes Bedauern darüber aus, „daz er sî niemer mêre / lebende solte gesehen“[4]. Trotz dieses real nur auditiv existierenden Reizes, scheint die visuelle Wahrnehmung klar zu dominieren. Heinrich sieht förmlich das Bild der Meierstochter vor Augen.

Durch das Loch in der Wand sieht er nun die Meierstochter „nacket und gebunden“[5]. Und nun folgt jener Satz an dem sich die Geister scheiden: „ir lîp der was vil minneclich“[6]. Es stellt sich die Frage ob mit „lîp“ ausschließlich ihr Körper, ihre äußere Hülle, gemeint ist oder ob damit vielmehr die Meierstochter als Ganzes beschrieben wird, im Sinne der Kalokagathie, der Kongruenz von Innerem und Äußerem, von Körper und Geist/Wesen. Doch noch viel kontroverser ist der Begriff „minneclich“, der ein sehr breites Spektrum an Bedeutungen hat: „ minnec/ic-lich, min(ne)-, minnenc-, minninc-lich Adj., -lîche(n) Adv. lieblich, liebreizend, schön; liebenswert; freundlich, liebevoll, innig, lieb; gütig, gnädig; willig, zärtlich, herzlich“[7]

Heinrichs Empfindung kann hier auf verschiedenste Weise gedeutet werden. Dies reicht von Mitleid über Erkenntnis ihrer Güte bis hin zu rein sexueller Erregung.

Beim Anblick des Mädchens entwickelt Heinrich eine „niuwe güete“[8] und folgende Erkenntnis:

„dû hâst ein tumben gedanc, / daz dû sunder sînen danc / gerst ze lebenne einen tac, / wider den niemen niht enmac. / du enweist ouch rehte, waz dû tuost, / sît dû benamen ersterben muost, / daz dû diz lasterlîche leben, / daz dir got hât gegeben, / niht vil willeclîchen treist / unde ouch dar zuo niene weist, / ob dich des kindes tôt ernert. / swaz dir got hât beschert, / daz lâ dir allez geschehen. / ich enwil des kindes tôt niht sehen.“[9]

Heinrich scheint hier in einem radikalen Sinneswandel Gottesfürchtigkeit zu entwickeln. Interessant ist auch sein letzter Satz in dieser Passage, in dem er sagt, er wolle den Tod des Kindes nicht sehen. Wiederum scheint der Sehsinn dominant zu sein. Dies zeigt sich auch in der folgenden Szene, als Heinrich an die Tür klopft und mit dem Arzt durch die Tür spricht und dieser jedoch kaum reagiert. Erst als Heinrich mit der Schönheit des Mädchens (und finanzieller Entlohnung) zu argumentieren beginnt und beteuert, er könne den Tod des Mädchens nicht mit ansehen, lässt der Arzt von ihr ab.

In den folgenden Kapiteln wird nun diese Szene und vor allem Hartmanns Blick auf das Mädchen und sein folgender Erkenntniswandel auf Basis der in der Einleitung genannten Interpretationsansätze beleuchtet.

2. Die güete der Meierstochter

Dieser Interpretationsansatz war lange Zeit der geläufigste. Man geht von einer grundsätzlichen Reinheit des Mädchens aus, die in einem signifikanten Kontrast zu Heinrichs Verfehlungen und Unzulänglichkeiten steht. Dieser Kontrast zeigt sich auch in der außergewöhnlichen Schönheit der Meierstochter auf der einen und Heinrichs durch die Krankheit entstelltem Äußeren auf der anderen Seite. Auf den ersten Blick wirkt dieser Interpretationsansatz plausibel, erweist sich nach näherer Betrachtung jedoch nur als bedingt haltbar. Im Folgenden sollen jene Aspekte festgemacht werden, die für und gegen eine solche Interpretation sprechen.

2.1. Die Meierstochter - äußere und innere Schönheit

Die Figur der Meierstochter ist nach dem Prinzip der Kalokagathie, die man häufig in der mittelalterlichen Dichtung vorfindet, dargestellt. So decken sich ihre Äußeres und ihr Inneres, ihre Schönheit und ihre Güte. So wird sie nicht nur als außerordentlich schön beschrieben („sî waz ouch sô genæme, / daz sî wol gezæme / ze kinde dem rîche / an ir wætliche“[10] ), sondern auch als besonders gütig („wan sî truoc tougen / nâhen in ir gemüete / die aller meisten güete, / die ich von kinde ie vernam“). Heinrich wird aufgrund seiner Krankheit von den Menschen gemieden, doch sie scheut seine Nähe nicht und kümmert sich hingebungsvoll um ihn. Dieses Phänomen der inneren und äußeren Schönheit der Meierstochter wird in der Sekundärliteratur vielfältig und beinahe ausschweifend kommentiert. So ist etwa die Rede von „überirdischer Schönheit [als Ausdruck ihrer] überirdischen Güte“, von „ihrer leiblichen Vollkommenheit […], die eine sinnbildliche Vollkommenheit ist“, von „Ausstrahlung vollkommener innerer Güte“ oder von „engelsgleiche[r] Güte, Schönheit der Vollkommenheit“[11].

2.2. Heinrich – Krankheit und Verfehlung

Heinrich, zunächst ein angesehener, tugendhafter Adeliger, wird vom Aussatz (Lepra) befallen und forthin geächtet und gemieden. Geht man davon aus, dass Heinrich eine Kontrastfigur zur Meierstochter darstellt, so kommt man zu dem Schluss dass die Krankheit eine Strafe Gottes und/oder (wiederum nach dem Prinzip der Kalokagathie) Ausdruck innerer Unreinheit ist.

Bereits in der Antike betrachtete man Lepra nicht nur als physische Krankheit sondern auch als Krankheit der Moral oder Seele. Ein unreiner Körper ist die Bestrafung für eine unreine Seele, welche wiederum nur die reinste aller Substanzen gereinigt werden kann – durch das Blut eines unschuldigen Menschen (womit die Meierstochter wieder ins Spiel kommt und dieser Interpretationsansatz noch immer sehr schlüssig wirkt)[12].

Im frühen Mittelalter wurde Lepra mit einer Reihe von Sünden und Verfehlungen assoziiert, unter anderem Ketzerei, Hochmut, Hinterlist, Blasphemie, Zorn, Gier, Wolllust[13]. Bei Heinrichs Verfehlung dürfte es sich wohl um „ dei neglegentia, [um] Gottesvergessenheit“[14] handeln.

„Das Krankheitsmerkmal der Lepra signalisiert ein Ungenügen im Leben des Ritters, das sich bereits im Titelattribut ‚arm’, d.h. ursprünglich einer Sache beraubt, hier auf Heinrichs fehlende Einsicht und Glaubensfestigkeit bezogen, avisiert hat. […] [Durch] weltlichen Ruhm um seine Person und […] übermäßigen Ehrenerwerb[…], durch das Blendwerk der äußeren Glücksgüter und Ehren vermag der Ritter von Aue das Wesentliche, das Wahrhaftige in seinem Leben nicht mehr zu erkennen.“[15]

Ein weiteres Indiz für die Krankheit als Strafe Gottes ist die so genannte „Bekenntnis-Szene“[16]. In dieser spricht Heinrich mit dem Vater der Meierstochter über seine Krankheit. Er spricht darüber, dass er sein Leben in Wohlstand und Ansehen ohne Hinblick auf Gott gelebt habe und somit diese Strafe Gottes verdient habe:

„Ich hân den schemelîchen spot / vil wol dienet umbe got. / […] / daz herze mir dô alsô stuont, / als alle werlttôren tuont, / den daz rætet ir muot, / daz si êre unde guot / âne got mügen hân. / […] / got hât durch râche an mich geleit / ein sus gewante siecheit, / die nieman mac erlœsen.“[17]

2.3. Die Nacktheit während der Opferung

Es kommt zur Vorbereitung der Opferung der Meierstochter. Hierbei spielt ihre Nacktheit eine wichtige Rolle. Schönheit wurde im Mittelalter mit Würde und prunkvollem Auftreten assoziiert. Nacktheit hatte keine ästhetische Signifikanz.[18] „[Auch ] von der medizinischen Praxis des Mittelalters her besteht für die völlige Nacktheit des Mädchens kein Grund. Zeitgenössische Abbildungen zeigen, dass nur die zu behandelnde Stelle aufgedeckt wurde“[19] Umso auffälliger ist die Beschreibung der Nacktheit in dieser Szene. Hartmann scheint sie geradezu zu betonen, weshalb sie eine bestimmte Bedeutung haben muss. Sie wird sehr unterschiedlich gedeutet, in diesem Fall als Symbol der Reinheit bis hin zur Heiligkeit.

Besonders auffällig ist, dass sich die Meierstochter völlig ohne Scham die Kleider vom Leib reißt und daraufhin ebenfalls völlig ohne Scham nackt vor dem Arzt steht: „si zarte diu kleider in der nât. / schiere stuont sî âne wât / und wart nacket unde blôz / sî enschamet sich niht eins hâres grôz“[20]. Diese Nacktheit ohne Scham erinnert sehr stark an Adam und Eva im Paradies: „Und sie waren beide nackt, der Mensch und das Weib, und schämten sich nicht“[21]. Adam und Eva schämen sich nicht, da sie ohne Sünde sind, doch nach der Vertreibung aus dem Paradies entwickeln sie plötzlich Scham vor der Nacktheit: „Da wurden ihre beiden Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schürze“[22]. „Und er [Adam] sprach: Ich hörte deine Stimme im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum verstecke ich mich“[23]. Wenn nun Adam und Eva ohne Sünde keine Scham vor der Nacktheit, nach dem Sündenfall jedoch schon Scham vor der Nacktheit zeigen, könnte man die Meierstochter als unbefleckt, ohne Sünde betrachten, wodurch sie geradezu in die Position einer Heiligen gebracht würde.

Diese vollkommene Reinheit bis hin zur Heiligkeit wird durch ein weiteres Bild verstärkt. Das Mädchen ist am Tisch festgebunden, was von manchen Forschern in Analogie zu Jesus am Kreuz gesehen wird[24]. Des Weiteren bezeichnet der Arzt in Salerno das Mädchen als „krêâtiure“[25], was als Hinweis auf die Schöpfung Gottes gesehen werden könnte und das Mädchen als Geschöpf Gottes hervorhebt.

2.4. Heinrichs Erkenntnis und Heilung

Aufgrund der beschriebenen Faktoren können im Hinblick auf Heinrichs Wahrnehmung in der „peep“-Szene und seine Heilung folgende Punkte festgemacht werden:

Das Geräusch des Metzerwetzens löst bei Heinrich tiefste Bestürzung darüber aus, dass er ein solch reines Wesen nie wieder sehen soll. In einer früheren Szene sagt das Mädchen zu Heinrich, als sie ihn von ihrem Vorhaben überzeugen will: „iuwer leben ist nützer dannez mîn“[26]. Heinrich scheint durch dieses auf den Tod hinweisende Geräusch des Messerwetzens zu der genau umgekehrten Erkenntnis zu kommen. Sie ist ein wesentlich gütigerer und tugendhafterer Mensch als er, ihr Leben ist mehr wert als das seine. Deshalb wäre es eine Katastrophe, wenn sie wegen ihm sterben müsste.

Erst, als Heinrich durch das Loch in der Wand das Mädchen in ihrer Nacktheit erblickt, erkennt er ihre wahre Reinheit und Güte. Sie liegt buchstäblich unverhüllt vor ihm, so wie Gott sie schuf. Ihre Nacktheit lässt sich aufgrund der beschriebenen Christus- bzw. Adam-und-Eva-Symbolik als Reinheit rechtfertigen.

Dadurch, dass er nun ihre Reinheit und Güte erkannt hat, erkennt er nun auch seine eigenen Verfehlungen. „Nû sach er si an unde sich“[27]. Er betrachtet sich selbst und das Mädchen und erkennt den starken Kontrast. Er sieht seinen durch die Krankheit entstellten Körper und die Schönheit des Mädchens, seine eigenen Verfehlungen und ihre Reinheit (wiederum das Prinzip der Kalokagathie).

Heinrichs Heilung erfolgt nun aus folgenden Gründen: Wie bereits im Ansatz in der Bekenntnis-Szene erkennt er nun endgültig seine Verfehlungen und Sünden, die zu seiner Krankheit geführt haben. Er realisiert auch, dass sein Handeln selbstsüchtig war, dass er das Mädchen für sein eigenes Wohlergehen benutzt hat. Er lernt eine Lektion über den Umgang mit der Welt und seinen Mitmenschen und es kommt zu einer „Relativierung des Selbst“[28]. Durch seine Egozentrik und Mangelnde Gottesfürchtigkeit kam es ursprünglich zur Erkrankung. Durch jene Relativierung des Selbst wird der Ursprung der Krankheit und folglich diese selbst ausgelöscht.

Nicht zuletzt lernt Heinrich auch seine Krankheit einfach als gottgegeben zu akzeptieren. Er sieht ein, dass die Opferung des Mädchens für ihn nur ein billiger Ausweg aus der Bürde ist, die Gott ihm auferlegt hat.[29] Entscheidend ist hier auch, dass Heinrich freiwillig auf das Opfer verzichtet. Somit kommt es zu Heinrichs „niuwe[r] güete“[30], zur Vereinigung des eigenen mit dem göttlichen Willen und somit zu Heinrichs Heilung.[31]

2.5. Kritikpunkte

Wie bereits erwähnt war dieser Interpretationsansatz für lange Zeit der geläufigste. Doch in der neueren Forschung wird dieser Interpretationsansatz immer kritischer hinterfragt und andere Thesen werden aufgestellt. Als Abschluss dieses Kapitels sollen einige Punkte angeführt werden, die an diesem Interpretationsansatz kritisiert werden könnten.

Die Meierstochter ist nicht so rein und gütig wie sie oft dargestellt wird. Denn neben der Heilung Heinrichs und den Schutz der Eltern vor einem strengeren Lehnsherren hat sie auch den Gewinn der Himmelskrone, des ewigen Lebens als Motiv. Dabei wird sie in der Forschung zum Teil als Hysteria beschrieben. Sie versucht mit allen Mitteln ihr vorhaben zu verwirklichen und versucht mit all ihrer Kraft die Menschen in ihrem Umfeld von ihrem Vorhaben zu überzeugen. Als die Opferung scheitert kommt es bei ihr zu einem was wir heute wohl als hysterischen Zusammenbruch bezeichnen würden.

Die Nacktheit als Ausdruck ihrer Reinheit und Göttlichkeit ist auch nur bedingt haltbar. Gerade der Vergleich mit Jesus am Kreuz ist kritisch zu hinterfragen. So hing Jesus etwa nicht nackt am Kreuz. Außerdem wurde er ans Kreuz genagelt. Die Meierstochter ist jedoch gebunden und nicht genegelt.[32] Zudem stellt etwa Schirokauer fest, dass ein nackter Körper für die Theologie der Zeit keinen Wert hatte[33]. Gerade diese Nacktheit und wie Heinrich auf sie reagiert und sie wahrnimmt wirft noch einige Fragen auf, auf welche andere Interpretationsansätze (vor allem jene, die in Kapitel 4 und 5 beschrieben werden) andere Erklärungsmodelle präsentieren.

3. Martyrium

Eng verknüpft mit dem ersten hier beschriebenen Interpretationsansatz ist jene Interpretation, das Mädchen als Märtyrerin zu deuten. Der arme Heinrich ist keine reine Legende, da in Legenden Heilige der Kirche behandelt werden. Hartmanns Text ist eher „legendenhaft“, „weil [darin] die Helden überwiegend Gott zugewandt erscheinen“[34] Man könnte jedoch den Text als Legende behandeln und somit die Meierstochter in den Zentrum des Textes rücken. Sie wäre somit eine Heilige und in diesem Fall eine Märtyrerin.

3.1. Die Nacktheit während der Opferung

Der Grund, das Mädchen als Märtyrerin zu betrachten, ist, dass dies eine Möglichkeit ist, ihre schamlose Nacktheit während der Opferungsszene zu rechtfertigen und zu deuten. „Beauty in the Middle Ages was associated with dignity and costly apparel. There was no aesthetic significance in naked beauty. Nudity was a disgrace, and tolerable only in connection with martyrdom”[35]. Und wiederum erinnert das an den Tisch gebundene Mädchen an Jesus am Kreuz.

3.2. Heinrichs Erkenntnis und Heilung

Geht man davon aus, dass sich die Meierstochter als Märtyrerin für Heinrich aufopfert, um ihn von seiner Krankheit zu erlösen, kommt man zu einem neuen Schluss bezüglich Heinrichs Wahrnehmung Erkenntnis. Wenn es heißt „ir lîp der was vil minneclich“[36], so ist mit „lîp“ wohl in diesem Fall das Mädchen als Ganzes, als Mensch, als Heilige gemeint und „minneclich“ als gütig oder gnädig. Heinrich erkennt das Vorhaben des Mädchens als Martyrium und allein ihr Entschluss genügt in diesem Moment, das Wunder der Heilung Heinrichs zu bewirken. Betrachtet man den Text unter diesem Gesichtspunkt, so spielt Heinrich nur mehr eine passive Rolle und mutiert beinahe zur Nebenfigur. So spielt auch seine Wahrnehmung nur mehr eine Untergeordnete Rolle, da es das Mädchen ist, welches das Wunder vollbringt. Ein Umdenken bzw. ein Entwicklungsprozess von Seiten Heinrichs spielt somit keine Rolle mehr.

3.3. Kritikpunkte

Die Kritikpunkte, welche in Kapitel 2 angeführt wurden, können auch hier wieder verwendet werden. Der Jesusvergleich ist nicht haltbar, da Jesus erstens ans Kreuz genagelt und nicht gebunden wurde und dabei zweitens nicht nackt war. Eine große Rolle spielen auch die Motive der Meierstochter. So ist wohl auszuschließen, dass ihr einziges Motiv, die Heilung Heinrichs ist. Es ist ohnehin rein spekulativ, zu behaupten, die Meierstochter verfolge nur ein bestimmtes Ziel. Vielmehr scheinen die Motive der Rettung Heinrichs, des Schutzes der Eltern vor einem strengeren Lehnsherren und das eigene Seelenheile die Meierstochter alle zu einem bestimmten Grad zu lenken.

Das größte Problem bei diesem Interpretationsansatz besteht jedoch darin, dass die Meierstochter streng genommen gar keine Märtyrerin sein kann. So entschließt sie sich selbst zur Opferung. Dies könnte aus einem modernen Blickwinkel als Anstiftung zur Beihilfe zum Selbstmord, der in der kirchlichen Lehre als schwere Sünde gilt, gedeutet werden. Des Weiteren stirbt (oder in diesem Fall eben nicht) die Meierstochter nicht für ihren Glauben, sondern für eine profane Sache – für die Heilung der Krankheit Heinrichs. Und schließlich lassen sich jene Kriterien, aufgrund welcher eine Person als Märtyrer oder Märtyrerin gilt, nur mit durch eine sehr offene Interpretation auf die Opferung der Meierstochter umsetzen. So könnte das Kriterium der Gefangenschaft durch die Fesselung des Mädchens gedeutet werden oder das Kriterium der Folter durch das Wetzen des Messers und die dadurch (vielleicht) bei dem Mädchen entstehende Todesangst. Letztendlich ist dieser Interpretationsansatz jedoch relativ schwer haltbar und wenn, dann auch nur durch eine sehr freie Interpretation.

4. Liebe, Sexualität, Sadomasochismus

Während die beiden zuvor beschriebenen Interpretationsansätze religiöse Thematiken aufgreifen, erscheinen neuere Interpretationsansätze eher profan. So wird etwa darauf verzichtet, die Nacktheit des Mädchen als Zeichen ihrer Reinheit zu deuten, vielmehr wird etwas in den Fokus der Analyse gerückt, das was wohl als erstes mit Nacktheit assoziiert wird: Sexualität.

4.1. Heinrichs sexuelle Erregung

Heinrich betrachtet den nackten Körper des Mädchens. „Her naked body is sexually highly attractive to his eyes“[37]. In diesem Fall ist die Zentrale Stelle “ir lîp der was vil minneclich“[38] erneut neu zu deuten. Mit „lîp“ ist hier nun wirklich der Körper des Mädchens gemeint. Und „minneclich“ bedeutet in diesem Fall wohl „liebreizend“ oder „schön“. Zu erwähnen sei hier noch, dass dieses Wort zum Teil aus den Handschriften als „wünneclîch“ gedeutet wird[39], was die sexuelle Komponente dieser Szene stärker hervorstreichen würde:

wunnec/ic-lich, wünnec-, wünnic-, wun(nen)c-lich Adj., -lîche(n) Adv. herrlich, schön, prächtig; liebreizend; (glück-) selig, glücklich; wonnevoll; beglückend; erquickend.“[40]

In einer psychologischen Interpretation spielen hier zwei bei Freud wichtige erogene Zonen eine Rolle: das Auge und die Haut. „The two organs [are] the erogenous zones that carry out the mechanics of the erotic experience“[41]. Außerdem scheint es als würde Heinrichs Erregung aus einer sadomasochistischen Neigung heraus entstehen.

4.2. Sadomasochistische Elemente

In der „peep“-Szene sind einige sadomasochistischen Elemente enthalten. Zunächst sehr offensichtlich sind die Fesselung des Mädchens und Heinrichs voyeuristischer Blick durch das Loch in der Wand. Doch die gesamte Szene gestaltet sich noch wesentlich komplexer. So identifiziert Margetts einige sexuelle Metaphern[42] im Messerwetzen des Arztes. Er erscheint schließlich seltsam, dass bei einem so angesehenen Arzt die Instrumente nicht selbstverständlich in Ordnung sind. So sieht Margetts etwa das „mezzer“[43] als ein Phallussymbol. Der „wetzestein“[44] steht für einen Teil der weiblichen Genitalien, die Klitoris. „Ane strîchen“[45] wird als Metapher für die Defloration und/oder Befruchtung gesehen. Schließlich steht „wetzen“[46] für die Kopulation. Nun mag diese Interpretation weit hergeholt erscheinen, doch Margetts stellt weiter fest, dass es eine breite Überlieferung von sexuellen Metaphern gibt, so etwa für „Messer“ und „wetzen“ im Schwäbischen Dialektwörterbuch, sowie bei Neidhart und Oswald von Wolkenstein[47]. Zudem sei noch zu erwähnen, dass bereits das Geräusch des Messerwetzens bei Heinrich Aufmerksamkeit und Erregung erzeugt, da dieses Schmerz und Blutvergießen ankündigt.

Verbindet man nun diese sexuelle Metaphorik mit der Fesselung und kompletten Nacktheit, so erscheint die gesamte Szene als äußerst gewaltvoll und beinahe als metaphorisch für eine Vergewaltigung. Heinrich beobachtet dies und wird dadurch erregt. Heinrich befindet sich hierbei in einer sehr interessanten Position, in der er sowohl Sadismus als auch Masochismus in sich vereint. So vereint er das sadistische Element des Voyeurismus mit dem masochistischem Element der Scham sowie das sadistische Element der Aktivität (er beobachtet das Mädchen durch das Loch in der Wand) mit dem masochistischen Element der Passivität (er ist in dieser Situation handlungsunfähig, da ihm der Raum, in dem die Opferung stattfinden soll, nicht zugänglich ist)[48].

4.3. Heinrichs Erkenntnis und Heilung

Natürlich macht diese Interpretation keinen Sinn, wenn man einzig und allein die sexuelle Erregung Heinrichs fokussiert. Auch darf man den Sadomasochismus nicht als Perversität bzw. sexuelle Abnorm deuten. Vielmehr scheint Heinrich an der emotionalen Unfähigkeit, zu anderen Menschen auf normalem Wege eine Beziehung aufzubauen, zu leiden. Dies zeigt sich bereits sehr früh im Text. Heinrich kann die Zuneigung zur Meierstochter hauptsächlich auf einer materiellen Ebene ausdrücken. Er überhäuft sie mit Geschenken und besorgt ihr vor ihrem Aufbruch nach Salerno die schönsten Kleider. Er scheint sich seiner Gefühle nicht wirklich bewusst zu sein. Weiters scheint es so, als sei der Schmerz hier eine Art Katalysator. Erst durch das Element des Schmerzes, das durch den Anblick des Mädchens ins Spiel kommt, werden bei Heinrich Gefühle und Zuneigung freigesetzt. Heinrich kommt hier durch die Liebe zu einem anderen Menschen von seiner Selbstliebe weg und wird dadurch geheilt.

4.4. Bewertung und Intertextualität

Die „peep“-Szene in Der arme Heinrich erscheint hier wirklich außergewöhnlich, wenn man sie auf Basis dieses Interpretationsansatzes analysiert. Die Erotik bekommt hier nämlich einen (für die Zeit) revolutionären Stellenwert. Die Erotik existiert nicht streng getrennt von der Spiritualität, vielmehr ist die Erotik der Grund für Heinrichs spirituellen Wandel[49]. Diese Interpretation erscheint auch äußerst plausibel, wenn man in Betracht zieht, dass Schmerz auch Hartmanns anderen Werken bei der Zuneigung eines Mannes zu einer Frau eine große Rolle spielt, so etwa in Iwein. Die Szene, in der Laudine um ihren getöteten Ehemann weint[50], weist erstaunliche Ähnlichkeit zur „peep“-Szene in Der arme Heinrich auf.

Iwein erblickt Laudine und ist der Meinung „daz er nie wîbes lîp / alsô schœnen gesach“[51]. Wie bei der Meierstochter steht hier „lîp“ für die gesamte Person (bzw. nur für den Körper allein, je nachdem wie man die Szene interpretiert). Laudine leidet sehr und betrauert den Tod ihres Mannes. Innerhalb dieser kurzen Textpassage werden mehrmals Wörter aus dem lexikalischen Feld „Schmerz“ verwendet: „leider“ (V. 1312), clage (V. 1319), swære (V. 1319), „beswærde“ (V. 1322), „jâmers grimme“ (V. 1324), „kumber“ (V. 1344). Iwein beobachtet Laudine durch ein Fenster- eine auffällige Parallele zum Loch in der Wand in Der arme Heinrich. Und ebenso wie Heinrich erblick Iwein die nackte Haut der Frau, die sich in diesem Fall die Kleider zwar nicht vom Leid gerissen, diese jedoch zerrissen hat. Und auch er vereint Sadismus und Masochismus in sich. Auf der einen Seite beobachtet er in voyeuristischer Weise Laudine, die für ihn in ihrem Schmerz außergewöhnliche Schönheit ausstrahlt (Sadismus), auf der anderen Seite empfindet er starke Schuld darüber, ihr solches Leid bereitet zu haben, und würde lieber sterben als sie weiter so leiden sehen zu müssen (Masochismus).

Aufgrund dieser unleugbaren Parallelen, kann festgestellt werden, dass Schmerz bei der Zuneigung von Hartmanns männlichen Figuren zu seinen weiblichen Figuren eine entscheidende Rolle spielt, was wiederum die in diesem Kapitel beschriebene Interpretation der „peep“-Szene plausibel und haltbar macht.

5. Konfusion der Geschlechteridentität

Kerry Shea schreibt in ihrem Artikel „The H(I)men Under the Kn(eye)fe. Erotic Violence in Hartmann's Der Arme Heinrich." von einer Konfusion der Geschlechteridentität. Sowohl Heinrich als auch die Meierstochter sind ihren Geschlechterrollen entrückt, durch die alles entscheidende „peep“-Szene wird die alte Ordnung wieder hergestellt.

5.1. Die Feminisierung Heinrichs

Shea stellt fest, dass Heinrich durch seine Krankheit feminisiert wird, da Lepra das Äußere extrem entstellt und Heinrich so zum Objekt fremder Blicke wird[52]. Was die extreme Entstellung angeht, hat Shea durchaus Recht. Hierbei muss man jedoch vom medizinischen Standpunkt und Wissen des Mittelalters ausgehen. Man unterschied zwischen drei Arten von Lepra:

1.) Lepra ausgelöst durch Gefräßigkeit und Trunksucht. Die Symptome sind rote Schwellungen und rötliche Geschwüre und Eiterbeulen.

2.) Lepra ausgelöst durch Leberschäden. Die Symptome sind schwarze Fleischwunden bis hinunter zu den Knochen.

3.) Lepra ausgelöst durch Wollust. Sie Symptome sind offene, verkrustete Wunden.[53]

Alles in allem muss diese Krankheit auf die Menschen äußerst abstoßend gewirkt haben und dies ist der Punkt, an dem Sheas Interpretation etwas hinkt. Heinrich wird zwar zum Objekt fremder Blicke, dies ist jedoch nicht einer Feminisierung gleichzusetzen. Auch wenn Frauen oft das Ziel männlicher Blicke sind, so sind diese Blicke eher lustvoll und bewundernd. Heinrich wird jedoch von den Menschen gemieden, sie ekeln sich vor ihm. Die Feminisierung besteht viel mehr darin, wenn man den Kontrast zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit beibehalten will, dass Heinrich von seiner hohen Position gestürzt wird. Er verliert sein gesamtes Ansehen und verfällt in eine absolut passive Rolle und in eine nicht zu überwindende Ohnmacht. Und in dieser entstandenen Passivität und Ohnmacht Heinrichs besteht seine Feminisierung.

5.2. Die Maskulinität der Meierstochter

Ebenso wie Heinrich verfällt auch die Meierstochter in eine Konfusion der Geschlechteridentität. Sie befindet sich in einer maskulinen Rolle. Und diese wiederum ist so zu verstehen, dass sie das typisch „männliche“ lebt: Dominanz, Überlegenheit und Stärke. Dies kommt schon in den ersten Beschreibungen der Meierstochter zum Ausdruck. So wird sie extrem unter ihren Geschwistern hervorgehoben (es ist nämlich keineswegs so, dass sie das einzige Kind der Familie ist: „ir habet ouch mê kinde“[54] ). Auch erhebt sie sich aufgrund ihrer außergewöhnlichen Schönheit („sî was ouch sô genæme / daz sî wol gezæme / ze kinde dem rîche / an ir wætlîche“[55] ) aus dem Bauernstand. Des Weiteren erhebt sie sich über die Eltern, indem sie um jeden Preis ihr Vorhaben durchsetzt, und selbst über Gott, indem sie davon ausgeht (beinahe einfordert), dass ihr aufgrund der Opferung das ewige Leben gewährt wird. Und am wichtigsten ist, dass Heinrich von ihr abhängig ist. Sie ist seine einzige Aussicht auf Heilung und so erhebt sie sich auch über ihn.

5.3. Heinrichs Wahrnehmung und Heilung

Im Gegensatz zu den vorherigen Kapiteln, wird in diesem nicht auf Heinrichs Erkenntnis, sondern auf seine Wahrnehmung allein hingewiesen, da diese bei Shea im Zentrum steht und auch sehr plastisch dargestellt wird. Durch den Blick durch die Wand auf das nackte Mädchen penetriert er ihr Hymen mit seinem phallischen Auge (man vergleiche dazu das Prinzip des Sehstrahls). Durch diese Handlung und da er ihr Opfer zurückweist, gewinnt er Macht über das Mädchen, die Konfusion der Geschlechteridentität wird aufgelöst, die alte Ordnung wieder hergestellt und Heinrich von seiner Krankheit geheilt. Das Mädchen gerät zurück in die Position der Frau, nicht zuletzt als Ehefrau Heinrichs[56].

5.4. Bewertung

Sheas Interpretation ist durchaus schlüssig, auch wenn sie vermutlich zu sehr gendertheoretisch geprägt ist. Man würde vielleicht mit einer weniger restringierten Interpretation zu einem noch besseren Ergebnis kommen. So sollte man etwa das Gesellschaftssystem in den Fokus der Analyse rücken und nicht einzig und allein das Spannungsfeld Mann-Frau. Betrachtet man die Mittelalterliche Lehenspyramide, so wäre die Meierstochter ganz unten, Heinrich im mittleren/oberen Bereich und Gott – als gedachter oberster Lehnsherr - an der Spitze:

Nun verhält es sich so, dass sowohl Heinrich als auch die Meierstochter ihren Platz in diesem gottgewollten Gefüge nicht beibehalten wollen. Heinrich strebt nach immer mehr Ruhm und Ansehen und vergisst dabei, dass er sich Gott unterordnen soll. Ähnlich verhält es sich mit der Meierstochter. Aus ihrer Beschreibung kann man schließen, dass sie versucht, sich aus dem Bauernstand zu erheben. Bei ihr geht dies schließlich so weit, dass sie sich sowohl über Heinrich, der sich bereits über Gott erhebt hat, erhebt (sie ist schließlich seine einzige Hoffnung auf Heilung) als auch über Gott (sie verlangt quasi von Gott das ewige Seelenheil als Entlohnung für ihr Opfer). Dadurch wird die Pyramide bildlich gesprochen auf den Kopf gestellt und ein Ungleichgewicht, eine labile Lage entsteht. Die Meierstochter befindet sich nun an der Spitze, Heinrich befindet sich in der Mitte und Gott ganz unten:

Die weitere Interpretation kann nun nach Shea erfolgen. Dadurch, dass sich Heinrich wieder über das Mädchen erhebt und gleichzeitig Gottesfurcht entwickelt, wird die natürliche Ordnung wieder hergestellt (erste Pyramide). Durch diese Interpretation wird auch der Zusammenbruch des Mädchens nach der abgebrochenen Opferung verständlich. Dieser Zusammenbruch ist Ausdruck ihres Absturzes von der Spitze nach ganz unten.

Ergebnis

Aufgrund dieser sehr unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten ist wohl das einzige definitive Ergebnis, zu dem kommen kann, jenes, dass Hartmanns Text so polyvalent ist, dass es kaum möglich ist, eine Interpretation als die schlüssigste zu klassifizieren. Vielmehr findet man in jeder der Interpretation schlüssige und haltbare Punkte, jedoch auch strittige und nur bedingt haltbare Punkte. An dieser Stelle sollen noch einmal die wichtigsten möglichen Ergebnisse der Interpretationen zu Heinrichs Metanoia angeführt werden:

1.) Heinrichs Sinneswandel wird durch den Kontrast zwischen ihm und der Meierstochter, den er erkennt, ausgelöst. Durch den Anblick des wunderschönen Mädchens erkennt er ihre Güte und seine eigenen Verfehlungen, wodurch er geheilt wird.

2.) Die Meierstochter ist als Märtyrerin zu betrachten (im weiteren Sinn). Sie opfert sich für Heinrich auf. Durch ihren Anblick wird er an Jesus am Kreuz erinnert und erkennt ihr Martyrium. Allein durch ihre Absicht sich aufzuopfern erlangt sie für Heinrich Heilung.

3.) Schmerz ist ein wichtiges emotionales Bindeglied zwischen Mann und Frau bei Hartmanns Figuren. Durch den Anblick der sadomasochistischen Opferungsszene wird sich Heinrich über den Faktor Schmerz seiner Gefühle für das Mädchen bewusst. Durch die Liebe zu einem anderen Menschen kommt er von seiner Selbstliebe los und wird geheilt.

4.) Sowohl Heinrich als auch das Mädchen leiden an einer Konfusion der Geschlechteridentität. Heinrich wird durch seine Krankheit feminisiert, während das Mädchen eine maskuline Position einnimmt. Der Blick auf das Mädchen ist als Akt der Macht zu verstehen. Durch diesen und Heinrichs Zurückweisung des Opfers erhebt er sich wieder über das Mädchen und löst die Konfusion der Geschlechteridentität. Zusammen mit einer Entwicklung von Gottesfurcht führt dies zu Heinrichs Heilung.

Bibliographie

Primärtexte

Hartmann von Aue. Der arme Heinrich. Stuttgart: Reclam, 1993.

Hartmann von Aue. Iwein. Urtext und Übersetzung. Berlin, New York: De Gruyter, 1981.

Monographien

Brunner, Horst. Geschichte der deutschen Literatur des Mittelalters im Überblick. Stuttgart: Reclam, 1997.

Clark, Susan. Hartmann von Aue. Landscapes of Mind. Houston: Rice University Press, 1989.

Cormeau, Christoph u. Störmer, Wilhelm. Hartmann von Aue. Epoche – Werk – Wirkung. München: Verlag C.H. Beck, 1998.

Fiddy, Andrea. The Presentation of the Female Characters in Hartmanns „Gregorious“ and „Der arme Heinrich“ (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 715). Göppingen: Kümmerle Verlag, 2004.

Schmidt-Krayer, Barbara. Kontinuum der Reflexion. Der arme Heinrich. Mittelalterliches Epos Hartmanns von Aue und modernes Drama Gerhard Hauptmanns (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 598). Göppingen: Kümmerle Verlag, 1994.

Tobin, Frank J. “Gregorius” and “Der arme Heinrich“. Hartmann’s Dualistic and Gradualistic Views of Reality (Stanford German Studies 3). Bern und Frankfurt/M.: Verlag Herbert Lang, 1973.

Artikel

Margetts, John. “Observations on the Representation of Female Attractiveness in the Works of Hartmann von Aue with Special Reference to ‘Der arme Heinrich’”, in: Hartmann von Aue. Changing Perspectives. hrsg. v. Timothy McFarland u. Silvia Rana Wake. Göppingen: Kümmerle Verlag, 1988, S. 199-210.

Schirokauer, Arno. „Die Legende vom Armen Heinrich“. Germanisch-Romanische Monatsschrift 33, S. 262-268.

Shea, Kerry. "The H(I)men Under the Kn(eye)fe. Erotic Violence in Hartmann's Der Arme Heinrich."Exemplaria Fall 1994, S. 385-404.

Weiss Adamson, Melitta. “Illness and Cure in Hartmann von Aue’s Arme Heinrich and Iwein”, in: Gentry, Francis G. (Hrsg.): A companion to the works of Hartmann von Aue (Studies in German literature, linguistics, and culture 6). Rochester, New York: Camden House, 2005, S. 125-140.

Wörterbücher

Henning, Beate. Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 2001.

Websites

Demgensky, Norbert. "Die Elektronische Bibel-Konkordanz Im Internet." Elbikon. 2005. 15 Feb 2007 <http://www.bibel-konkordanz.de>.

[...]


[1] So etwa in Weiss Adamson, Melitta. “Illness and Cure in Hartmann von Aue’s Arme Heinrich and Iwein”, in: Gentry, Francis G. (Hrsg.): A companion to the works of Hartmann von Aue (Studies in German literature, linguistics, and culture 6). Rochester, New York: Camden House, 2005, S. 125-140, hier S. 133. und Tobin, Frank J. “Gregorius” and “Der arme Heinrich“. Hartmann’s Dualistic and Gradualistic Views of Reality (Stanford German Studies 3). Bern und Frankfurt/M.: Verlag Herbert Lang, 1973, S. 96.

[2] Hartmann von Aue. Der arme Heinrich. Stuttgart: Reclam, 1993, V 1199-1200.

[3] ebda. V. 1202-1203.

[4] ebda. V. 1226-1227; Hervorhebung nicht original.

[5] ebda. V. 1232

[6] ebda. V. 1233

[7] Henning, Beate. Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Tübingen: Max Niemeyer Verlag, 2001, S. 224.

[8] Der arme Heinrich, V. 1240

[9] ebda. V. 1243-1256.

[10] Der arme Heinrich, V. 310-314.

[11] s. Fiddy, Andrea. The Presentation of the Female Characters in Hartmanns „Gregorious“ and „Der arme Heinrich“ (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 715). Göppingen: Kümmerle Verlag, 2004, S. 121.

[12] vgl. Adamson: Illness and Cure, S. 127.

[13] vgl. Fiddy: The Presentation of Female Characters, S. 127.

[14] Schmidt-Krayer, Barbara. Kontinuum der Reflexion. Der arme Heinrich. Mittelalterliches Epos Hartmanns von Aue und modernes Drama Gerhard Hauptmanns (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 598). Göppingen: Kümmerle Verlag, 1994.

[15] ebda.

[16] vgl. Tobin: „Gregorius“ and „Der arme Heinrich“, S. 85-86; s. Hartmann: Der arme Heinrich, V. 383-457.

[17] Hartmann: Der arme Heinrich, V. 383 – 411.

[18] vgl. Fiddy: The Presentation of the Female Character, S.122.

[19] Hartmann: Der arme Heinrich, S. 108

[20] ebda. V. 1191-1196.

[21] Mose 2,25.

[22] Mose 3,7.

[23] Mose 3,10.

[24] s. Margetts, John. “Observations on the Representation of Female Attractiveness in the Works of Hartmann von Aue with Special Reference to ‘Der arme Heinrich’”, in: Hartmann von Aue. Changing Perspectives. hrsg. v. Timothy McFarland u. Silvia Rana Wake. Göppingen: Kümmerle Verlag, 1988, S. 199-210, hier: S. 204; s. Tobin: “Gregorius” and “Der arme Heinrich”, S. 96; s. Fiddy: The Presentation of the Female Characters, S.122.

[25] Hartmann: Der arme Heinrich, V. 1199

[26] Hartmann: Der arme Heinrich, V. 926.

[27] Hartmann: Der arme Heinrich, V. 1234.

[28] Cormeau, Christoph u. Störmer, Wilhelm. Hartmann von Aue. Epoche – Werk – Wirkung. München: Verlag C.H. Beck, 1998, S. 158.

[29] vgl. Clark, Susan. Hartmann von Aue. Landscapes of Mind. Houston: Rice University Press, 1989, S. 158.

[30] vgl. Hartmann: Der arme Heinrich, V. 1240.

[31] vgl. Tobin: „Gregorius“ and „Der arme Heinrich“, S. 100.

[32] vgl. Margetts: Female Attractiveness, S. 204-205

[33] vgl. Schirokauer, Arno. Die Legende vom Armen Heinrich (Germanisch-Romanische Monatsschrift 33). S. 262-268, hier: S. 266.

[34] Brunner, Horst. Geschichte der deutschen Literatur des Mittelalters im Überblick. Stuttgart: Reclam, 1997, S. 199.

[35] Fiddy: The Presentation of the Female Characters, S. 122; Hervorhebung nicht original.

[36] Hartmann: Der arme Heinrich

[37] vgl. Margetts: Female Attractiveness, S. 200.

[38] Hartmann: Der arme Heinrich, V. 1233.

[39] vlg. Margetts: Female Attractiveness, S. 201

[40] Henning: Mhd. Wörterbuch, S. 482

[41] Adamson: Illness and Cure, S. 133.

[42] vgl. Margetts: Female Attractiveness, S. 202.

[43] Hartmann: Der arme Heinrich, V. 1209

[44] ebda. V. 1218.

[45] ebda. V. 1219.

[46] ebda. V. 1221.

[47] vgl. Margetts: Female Attractiveness, S. 202.

[48] vgl. Margetts: Female Attractiveness, S. 204.

[49] vgl. Tobin: „Gregorius“ and „Der arme Heinrich“, S. 98.

[50] s. Hartmann von Aue. Iwein. Urtext und Übersetzung. Berlin, New York: De Gruyter, 1981, V. 1305-1354.

[51] Hartmann: Iwein. 1308-1309.

[52] vgl. Shea, Kerry. "The H(I)men Under the Kn(eye)fe. Erotic Violence in Hartmann's Der Arme Heinrich." Exemplaria Fall 1994: 385-404, hier: s. 392-393.

[53] vgl. Adamson: Illness and Cure, S. 127-128.

[54] Hartmann: Der arme Heinrich, V. 837.

[55] ebda. V. 311-314.

[56] vgl. Shea, S. 398-399.

26 von 26 Seiten

Details

Titel
Heinrichs Metanoia - Wahrnehmung und Erkenntnis in Hartmanns "Der arme Heinrich"
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für deutsche Sprache, Literatur und Literaturkritik)
Veranstaltung
Hören und Sehen in der mittelalterlichen Dichtung
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
26
Katalognummer
V111456
ISBN (Buch)
9783640163670
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrichs, Metanoia, Wahrnehmung, Erkenntnis, Hartmanns, Heinrich, Hören, Sehen, Dichtung, von Aue, Mittelalter, Legende, Meierstochter
Arbeit zitieren
Stefan Hinterholzer (Autor), 2007, Heinrichs Metanoia - Wahrnehmung und Erkenntnis in Hartmanns "Der arme Heinrich", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111456

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