Die Differenzierung der Gesellschaft in der Marxistischen Theorie


Seminararbeit, 2001

23 Seiten, Note: 1,7


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Gliederung

2 Diskussion der Leitfragen in bezug auf die Theorie von Marx und Engels
2.1 Was differenziert sich? (Definition des Gesellschaftsbegriffs bei Marx)
2.2 Wie differenziert sich die moderne Gesellschaft?
2.3 Welches sind die Gründe und Ursachen gesellschaftlicher Differenzierung ?
2.4 Welche Folgen hat gesellschaftliche Differenzierung?
2.5 Was hält die Gesellschaft zusammen?

3 Die Differenzierung der Gesellschaft in Michel Houllebecqs „Ausweitung der Kampfzone“ im Vergleich mit dem Marxistischen Gesellschaftsmodell

4 Literatur

2 Diskussion der Leitfragen in bezug auf die Theorie von Marx und Engels

2.1 Was differenziert sich?

(Definition des Gesellschaftsbegriffs bei Marx)

Schimanck hat in seiner „differenzierungstheoretischen Agenda“[1] als erste seiner fünf leitenden Überlegungen für die soziologischen Klassiker die Frage nach dem „Was differenziert sich“ gestellt. Er unterscheidet zwischen der Ebene der Rollen, die Menschen in der Gesellschaft spielen, und der Ebene der gesellschaftlichen Teilsysteme, die die Beziehungen und Verknüpfungen verschiedener Teilbereiche der Gesellschaft (Kultur, Politik, Wirtschaft...) miteinander darstellen soll.

Generell sind die Annahmen von Marx und Engels durch eine Vorrangstellung der wirtschaftlichen Entscheidungen, also des ökonomischen Teilsystems, gegenüber den anderen Gesellschaftsbereichen (wie der Politik oder Kultur) gekennzeichnet. Die Theorie von Marx und Engels ist geprägt durch eine empirische und die Ökonomie in den Vordergrund stellende Grundhaltung. Dies geschieht basierend auf der Annahme, dass Gesellschaften immer in bezug auf die Befriedigung von Bedürfnissen und somit auf den Grad der Fähigkeit zur Produktion von Gütern (also zum Zweck der Befriedigung) geprägt werden. Hier vollzieht sich auch die generelle Differenzierung der verschiedenen Gesellschaften. Marx und Engels unterscheiden zwischen Gesellschaften, in denen Kollektiveigentum an den sogenannten „Produktivkräften“ (den Produktionsfaktoren) vorliegt und die somit klassenlose Gesellschaften sind (Urgesellschaft und Sozialismus/Kommunismus) und jenen Gesellschaften, die dadurch differenziert sind, dass Einige Eigentum an den Produktivkräften haben und viele Andere dies nicht haben und somit weitgehend von einer Entscheidungsfindung im Produktionsbereich ausgeschlossen sind. In den Gesellschaftsformationen der Sklavenhaltergesellschaft und des Feudalismus ist zudem festzuhalten, dass häufig eine Personalunion zwischen jenen Personen, die politische Geschicke bestimmen, und denjenigen, die die wirtschaftliche Produktionsentscheidung steuern, vorliegt. Der Kapitalismus ist dagegen durch eine förmliche Trennung zwischen wirtschaftlicher und politischer Macht gekennzeichnet (wenngleich Entscheidungsträger häufig in beiden Bereichen agieren). Es fällt jedoch klar auf, dass in der heutigen Zeit eine Verschiebung der Machtverhältnisse zugunsten der wirtschaftlichen Großkonzerne und zum Nachtteil der politischen Macht gegeben ist. Dies lässt sich heute besonders im Zuge der Globalisierung der Wirtschaft und der Schwächung der politischen Kompetenzen durch fehlende internationale Kooperation der Staaten beobachten. Somit lässt sich ein Übergreifen des wirtschaftlichen Teilsystems und des absoluten Gewinnstrebens auf andere Teilbereiche (insbesondere der Politik) festhalten.

Auf der Ebene der Rollen, die Menschen in der Gesellschaft einnehmen, ist somit eine klare Differenzierung gegeben. Auf der einen Seite findet sich eine kleine Zahl von Inhabern der Produktionsmittel, die, nach absolutem Gewinn strebend, die an einem Festhalten des status quo in bezug auf die Verteilung der Eigentumsverhältnisse interessiert sind und als Arbeitgeber und laut der Theorie von Marx und Engels somit als Ausbeuter der Arbeiterklasse durch die Aneignung des Mehrwertes (der Wertschöpfung des Arbeiters über die eigene Reproduktion hinaus) auftreten. Sie verhalten sich statisch, sind lediglich an einer Rationalisierung der Produktion und somit einer Gewinnsteigerung interessiert.

Auf der anderen Seite steht dagegen eine Vielzahl von Arbeitern, die kein Eigentum an den Produktivkräften haben, jedoch als Wertschöpfer für die Arbeitgeber auftreten. Sie gehen hierbei ein Zwangsverhältnis gegenüber den Arbeitgebern ein, da sie für ihre eigene Reproduktion (=Lohn) aufkommen müssen und auf eine konstante Erwerbsquelle angewiesen sind. Da sie jedoch in den meisten Fällen nicht an der Steuerung der Produktion partizipieren, nehmen sie eine reine befehlsempfangende Position zu den Arbeitgebern ein, was sie auch von der Identifikation mit dem von ihnen mitgeschaffenen Produkt entfernt und zu einer Entfremdung mit dem Produkt führt. Durch dieses Zwangsverhältnis gilt die Arbeiterklasse in Marxschen Theorie als die gesellschaftliche Änderungen herbeiführenden Klasse, da sie mit den bestehenden Eigentumsver­hältnissen nicht zufrieden sind.

2.2 Wie differenziert sich die moderne Gesellschaft?

Gemäß Marx und Engels differenziert sich die Gesellschaft durch den zunehmenden Grad der Arbeitsteilung mehr und mehr. Während die Differenzierung zunächst auf physiologischen und natürliche Unterschieden basiert, also durch körperliche Unterschiede und unterschiedliche Ausprägung der Ressourcen gekennzeichnet ist, äußerst sie sich in späterer Zeit in zunehmenden Maße auf soziologischer Ebene, da Aspekte der Mechanisierung und Technisierung und ökonomische Prämissen, einhergehend mit dem Bedeutungsverlust der räumlichen Entfernung, zunehmend die entscheidenden Faktoren der Entwicklung eines Wirtschaftsraums sind.

Marx und Engels definieren dabei auch die Differenzierung durch die Herausbildung verschiedener Lebens- und Produktionsbereiche. So unterscheiden sie die Ausrichtung dieser verschiedenen Standorttypen. Während im ländlichen Raum die Produktion auf die Erzeugung landwirtschaftlicher Güter eingestellt und somit in früherer Zeit vorwiegend der Subsistenzwirtschaft gewidmet ist und Kapital hier in erster Linie durch Besitz- beziehungsweise Verfügungsrechte an Boden gekennzeichnet ist, ist in den Städten die Tendenz zur Beschäftigung im industriellen Sektor erkennbar. Kapital ist hier in erster Linie als Besitz von Geld beziehungsweise Maschinen und anderer Ressourcen zu definieren.

Somit differenziert sich die Gesellschaft durch die unterschiedlichen Besitzverhältnisse, die unterschiedliche Beschäftigung in den verschiedenen Sektoren und die letztlich unterschiedlichen Einkommensverhältnisse und -bedingungen. Nach und nach gewinnt dabei der Faktor der Arbeitsteilung eine für Marx und Engels entscheidende Bedeutung. Dadurch, dass der Einzelne immer geringeren Anteil an der Schaffung eines Produkts hat, also nicht mehr alle Arbeitsschritte der Produktion selbst erledigt, verliert er seine Fähigkeit zur Schaffung eigener Werte zum Zwecke des eigenen Unterhalts. Er gerät in ein Abhängigkeitsverhältnis zu den Eigentümern der Produktivkräfte, da diese ihm erst die Möglichkeit geben, Werte zu produzieren, da ihm sowohl die Grundvorrausetzungen in bezug auf notwendige Investitionen als auch die Kenntnisse zur Erledigung des gesamten Produktionsprozesses fehlen. Dies fördert die Kumulation von Kapital auf der Seite der Produktivkräfte-Eigentümer, wodurch es immer schwieriger wird, die Polarisierung der Verhältnisse zu durchbrechen und selbst zum Kapitalisten, einem selbst Mehrwert aneignenden Produktivkräfteinhaber zu werden.

Die Differenzierung der Gesellschaft basiert außerdem auf dem von Marx und Engels entwickelten dialektischen Gegensatz zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen. Die Annahmen basieren hierbei auf dem dialektischen Prinzip Hegels, der aus einer These und der daraus aufkommenden Antithese eine evolutionäre Synthese entwickelt, die gute Annahmen beider Positionen in eine qualitativ höherstehende übernimmt. In diesem speziellen Fall sind die Produktivkräfte die für Marx und Engels gültige Bezeichnung für die klassischen ökonomischen Produktionsfaktoren Boden, Kapital und Arbeit. Die Produktionsverhältnisse dagegen stellen die Beziehungen der Menschen dar, die bei Produktion, Kauf und Verkauf, also jedweder Art von Sozialbeziehungen beim Umgang mit Gütern entstehen.

Diese schließt insbesondere die Eigentumsverhältnisse an den Produktivkräften und damit die Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit ein. Diese beiden Elemente vereinigen sich in der Synthese der jeweiligen Produktionsweise, einer Ausprägung der Entwicklung innerhalb der von Marx und Engels entwickelten Stufentheorie.

Hieraus ergibt sich eine doppelte Dynamik der gesellschaftlichen Weiterentwicklung und somit der fortlaufenden Differenzierung. Dadurch, dass die Produktivkräfte einem langsamen, aber stetigen Fortschritt unterliegen, der sich in der technischen Weiterentwicklung und steigendem Bildungsgrad, also der größeren Effektivität und dem Grad der Ausnutzung der einzelnen Produktionsfaktoren erklärt, sich die Produktionsverhältnisse aber, da die Eigentümer an den Produktivkräften an einem Erhalt des status quo interessiert sind, gleichzeitig statisch verhalten, kommt es zu einem steigenden Ungleich­gewicht zwischen diesen beiden Elementen. Bei maximalem Grad der Entwicklung der Produktivkräfte innerhalb einer Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung der Produktionsverhältnisse kommt es nach Marx und Engels zu einem sehr konfliktreichen und intensiven Wandel der Produktionsverhältnisse und damit der Produktionsweise.

2.3 Welches sind die Gründe und Ursachen gesellschaftlicher Differenzierung ?

Als ein wesentlicher Grund für eine Differenzierung der Arbeitsverhältnisse in zwei Hauptparteien kann die Maxime angesehen werden, einen möglichst hohen Grad an Bedürfnisbefriedigung zu erreichen. Als grundlegendes Schema der Entwicklung der Wirtschaft sei hier die sogenannte „Effizienzthese“ des schottischen Moralphilosophen Adam Smith angegeben, die im Folgenden in einem Kreislaufschema skizziert wird.

Das Schema basiert dabei auf der Prämisse, dass Menschen nach einer Maximierung von Nutzen und Kosten ihrer Arbeitsleistung und somit einer effektiveren Gestaltung und Verbesserung ihrer Lage streben. Dies führt letztendlich zu einer Steigerung der Differenzierung der Arbeit, da so die Arbeit spezialisiert werden kann und man zu einer höheren Effektivität in den einzelnen Teilbereichen gelangt. Dies führt auch dazu, dass pro Mengeneinheit von den Produktivkräfteeigentümern weniger investiert werden muss, also die Effektivität der Produktion ansteigt. Dies geschieht hauptsächlich durch Verbesserung der Fähigkeiten der Arbeiter sowie durch den Einsatz effektiverer Maschinen oder Ähnlichem. Dadurch steigt der Gewinn für die Produzenten, der zu Teilen auch an die Arbeiterschaft weitergegeben wird. In der Folge steigt der Reallohn für die Arbeiter, wodurch auch die Güternachfrage steigt, was höhere Gewinnaussichten zulässt und somit einen weiteren Anreiz zur Produktion und der weiteren Arbeitsteilung bringt.

Marx und Engels sehen jedoch diesen Prozess in entscheidenden Punkten abweichend von der These Smiths. Wesentlicher Unterschied ist dabei die Verteilung der Gewinne, die in den einzelnen Wirtschaftssektoren abfallen. Sie sehen es als gegeben an, dass diese Gewinne in entscheidendem Maße an die Produktivkräfteinhaber fallen, die wiederum aufgrund des hohen Konkurrenzdrucks zu einer Rationalisierung gezwungen sind und somit eine Entwicklung zustande kommt, wo durch den billigeren und effektiveren Einsatz von Maschinen immer weniger menschliche Arbeitskraft nachgefragt wird. Marx und Engels skizzieren diesen Prozess im Gesetz vom Fall der Profitrate im kapitalistischen System.

Die These basiert auf der Annahme, dass sich die Kapitaleigentümer einen Teil des von der Arbeiterschaft geschaffenen Wertes („Mehrwert m“) aneignen. Der Mehrwert ist dabei der geschaffene Tauschwert einer Ware (W) abzüglich der Kosten, die zur Produktion des Gutes aufzubringen sind (C als Investitionen in Boden und Maschinen +V als Lohn der Arbeiter), also m = W-C-V.

Die Maße für den Profit des Arbeitgebers sind dabei durch die sogenannte „Profitrate“, die sich in der Formel m/c+v ausdrückt, die Mehrwertrate (m/v) und die organische Zusammensetzung des Kapitals (c/v) fixiert. Bei steigendem Kapitalwert und konstanter Mehrwertrate beginnt somit die Profitrate zu sinken, wodurch ein geringerer Gewinn und Investitionsanreiz für die Produktivkräfteeigentümer entsteht, die schließlich das Verhältnis zwischen menschlicher und maschineller Arbeitskraft noch mehr verrückt. Dies führt in der Folge zu einer vergrößerten Divergenz zwischen Produktivkräfteeigentümern und denen in Kaufkraft und Reallohn geschwächten Arbeitnehmern. Marx und Engels sehen somit die Differenzierung nicht unbedingt wie Smith durch die alleinige weitere Entwicklung im Arbeitsmarktsektor, sondern vielmehr durch die steigenden Unterschiede im Eigentum gekennzeichnet. Die Veränderung dieser Entwicklung ist in der Marxistischen Theorie nur durch eine Revolution des Proletariats zu erreichen, da durch die gegeben Strukturen, die den Produktivkräfteinhabern weitgehende Formen der Machtsicherung gestatten, eine Veränderung des status quo nicht auf dem demokratischen Weg der gewaltfreien Konfrontation von Ideen, sondern nur durch totale Ablehnung der bestehenden Verhältnisse zu erreichen ist.

Ein weiterer Grund für das Fortschreiten der gesellschaftlichen Differenzierung ist in der Transformation der Funktion des Geldes zu sehen. Zu unterscheiden ist hierbei dessen Funktion innerhalb vormoderner und innerhalb moderner Gesellschaften.

In vormodernen Gesellschaften hat das Geld die reine Funktion der Erleichterung des Tauschhandels und fungiert somit als reines Tauschmittel. Durch das Ersetzen vieler Tauschbeziehungen durch die Festlegung des einheitlichen anerkannten Tauschmittels Geld ist eine starke Reduktion der Summe der Tauschverhältnisse in bezug auf den Vergleich des Wertes aller Waren möglich. Kern der vormodernen Funktion des Geldes ist dabei die Austauschfunktion W-G-W, die besagt, dass Waren gegen Geld eingetauscht werden, um letztendlich damit andere Waren erwerben zu können.

Das Geld ermöglicht hiermit lediglich eine bessere Bedürfnisbefriedigung und effektivere Gestaltung des Warentausches.

In der modernen Gesellschaft ergibt sich hingegen ein Wechsel zur Formel G-W-G, was sich darin ausdrückt, dass nunmehr nicht mehr die Bedürfnisbefriedigung und im Wesentlichen der Tausch von Gütern im Vordergrund steht, sondern vielmehr der Einsatz von Geld zum Zwecke des Erwerbs von Gütern, um diese schließlich mit Gewinn und somit zum Erhalt von noch größeren Geldmitteln zu nutzen. Im kapitalistischen System ist somit eine „Verkehrung des Geldes vom Mittel zum Zweck“[2] zu beobachten. Der Grund dafür ist die Erweiterung der Funktionen des Geldes (zuvor eine reine Tauschmittelfunktion) durch die Wertaufbewahrungsfunktion. Man besitzt eine gewisse Summe an Geldes, tauscht diese dann gegen Waren ein, nur um damit noch mehr Geld erhalten zu können. Dies fördert nach Marx und Engels die Differenzierung der Gesellschaft, da die Kumulation des Geldes auf Seiten der Produktivkräfteinhaber eine weitere Konzentration fördert, da die Arbeitnehmer nicht die finanziellen Mittel besitzen, um Investitionen in Produktivkräfte in großem Umfang tätigen zu können und somit ihrerseits ihre Kapitalmittel zu vergrößern. Dieses Streben nach Profit und Kapital erfordert auf Seiten der Produktivkräfteinhaber schließlich ein Denken auf der Basis absoluter Gewinnmaximierung, um in der Konkurrenz bestehen zu können, somit ein effektiveres Wirtschaften und in der Folge (wie oben ausgeführt) ein Berauben der Arbeitnehmer an Kapital durch Aneignung des Mehrwertes sowie die stärkere Verlagerung der Produktion und Investition in Richtung des konstanten Kapitals c (in Maschinen und Boden). Letztendlich ergibt sich durch diese Entwicklung das Gesetz vom Fall der Profitrate, woraus sich folgern lässt, dass das kapitalistische System dieser Entwicklung nicht entgegenwirken kann und somit seinem Niedergang entgegengeht.

2.4 Welche Folgen hat gesellschaftliche Differenzierung?

Die Folgen der gesellschaftlichen Differenzierung sind innerhalb des marxistischen Systems nur in eine Richtung angedacht. Einzig mögliche Folge der gesellschaftlichen Entwicklung ist dabei der Niedergang, nicht aber eine Transformation der Grundbedingungen des Kapitalismus. Entscheidend ist dabei, dass Marx und Engels die gesellschaftliche Entwicklung generell als eine zwanghaft ablaufende Stufentheorie betrachten. Dabei ist die logische Abfolgung der gesellschaftlichen Formationen (Stufen oder Produktionsweisen):

Urgesellschaft (klassenlos) è Sklavenhaltergesellschaft è Feudalismus è Kapitalismus è Sozialismus/Kommunismus (klassenlos)

Diese zwingende Abfolge wird laut Marx und Engels jeweils durch das Missverhältnis von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen vorangetragen. Somit entsteht eine neue Produktionsweise jeweils durch die wachsende Differenzierung zwischen technischer Entwicklung und den Sozial- oder Tauschbeziehungen zwischen Menschen innerhalb der vorangegangenen Stufe oder Produktionsweise. Als Endstufe wird dabei der Sozialismus angesehen, der sich vor allem dadurch von den drei vorangegangen Produktionsweisen unterscheidet, dass sie nicht länger eine Klasseneinteilung kennt, da alle Produktivkräfte in der Hand des Staates, also im eigentlichen Sinne das Eigentum aller Bürger sind. Somit ist die Klassenlosigkeit und das Eigentum Aller an allen Gütern letztendlich für Marx und Engels als zwingende Folge der vorangegangenen Formationen anzusehen.

Die strikte Trennung der Klassen durch die Kumulation des Kapitals auf Seiten der Produktivkräfteeigentümer beinhaltet auch die Einschränkung der Kreativität der in Lohnabhängigkeit stehenden Arbeiterklasse, dem Proletariat und wirkt somit in sich verstärkend. Ursache dafür ist, dass den Arbeitern durch die geringe Summe des Eigenkapitals die Möglichkeit auch in der Zukunft weitgehend genommen ist, eigene Güter zu produzieren und somit selbst zum Kapitalisten zu werden. Es entsteht somit eine festgefahrene Situation mit einer dualen Differenzierung der Gesellschaft zwischen Bourgeoisie und Proletariat (bei gleichzeitigem Verschwinden des Mittelstandes durch die starke Konkurrenz zu billiger produzierenden Großbetrieben).

In der Folge verkümmern die sozialen Beziehungen zu reinen Tauschbe­ziehungen[3]. Dies geschieht insbesondere durch die gemeinsame Basis von Besitz und Arbeit. Durch die Tauschbeziehungen, die die Menschen eingehen, ergibt sich eine bestimmte Höhe von Profit der Unternehmer und Einkommen der Arbeitnehmer und somit ein gewisser Grad an Zwang der Produktion und des Konsums verschiedener Produkte.

Es ergibt sich eine Interdependenz von Mensch und Gesellschaft, also die Bestimmung der Entscheidungen von Einzelpersonen durch gesellschaftliche Vorgaben sowie die Prägung der Gesellschaft durch die Ideen der Menschen. Dies ergibt in der Folge eine gewisse „Pfadabhängigkeit“ der gesellschaftlichen Entwicklung. Dieser durch D.C. North[4] geprägte Begriff meint eine Zwanghaftigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung, weil zu radikale Änderungen der Verhältnisse aufgrund der bestehenden Verhältnisse und der zu hohen (materiellen und ideellen) Kosten der Änderung nicht möglich ist.

Es lassen sich positive und negative Folgen der gesellschaftlichen Differenzierung innerhalb des von Marx und Engels konstruierten Ablaufs finden.

Zunächst zu den positiven Auswirkungen der Differenzierung für die Gesellschaft und die Einzelperson. Es ist zu beobachten, dass durch die fortlaufende Ausdifferenzierung innerhalb der Gesellschaft eine ständige Steigerung des Grades der Bedürfnisbefriedigung stattgefunden hat. Es herrscht heute, mehr als jemals zuvor, in weiten Teilen der industrialisierten Welt ein hohes Maß von Angebot und Nachfrage nach Gütern, der durch einen geringeren Grad an Arbeitsteilung und Differenzierung nicht hätte erreicht werden können. Dies wird ermöglicht durch eine ständige Steigerung der Effektivität der einzelnen Produktionsfaktoren, insbesondere der Arbeit und der Weiterentwicklung der Maschinen. Diese wiederum basiert auf dem extremen Profitstreben der Produktivkräfteinhaber, die eine Steigerung der Effektivität der einzelnen Produktionsfaktoren anstreben und damit die Weiterentwicklung auf diesem Gebiet ständig vorantreiben.

Negative Faktoren der Ausdifferenzierung der Gesellschaft sind in großer Zahl zu benennen. Schimanck zählt hierzu „Bankrotte, Arbeitslosigkeit, Verelendung, entfremdete Arbeit, extreme soziale Ungleichheit, konjunkturelle Krisen, Inflation, Imperialismus, Umweltprobleme, soziale Disparitäten.“[5] Es zeigt sich, dass Marx und Engels den Kapitalismus als ein System mit positiven Effekten mit gleichzeitiger starker negativer Entwicklung ansehen.

Dargestellt werden sollen hier die Negativ-Faktoren der Ausbeutung, Verelendung und Entfremdung sowie, in kurzer Form, Ursachen des Imperialismus und der Umweltgefährdung. Entscheidend ist hierbei, dass Marx und Engels diese Faktoren nur im kapitalistischen System erkennen und diese als im Sozialismus nicht auftretende Elemente betrachten.

Die Ausbeutung ist zunächst definiert als die Aneignung des zuvor dargestellten „Mehrwertes“ durch die Produktivkräfteinhaber. Der Mehrwert, entstehend aus der von den Arbeitern über den eigenen Lohn hinaus geschaffenen Güterwerte, wird damit als Profit der Arbeitgeber beim Verkauf des geschaffenen Gutes angeeignet und ist als alleiniger Profit der Arbeitgeber, obwohl von ihnen nicht geschaffen, anzusehen. Marx und Engels sehen dies als Ausbeutung der arbeitenden, besitzlosen Klasse an. Im Sozialismus ist diese Form der Ausbeutung systembedingt nicht auftretend, da die als Überschuss erwirtschafteten Profite als Staatseigentum zur Ausprägung kommen und somit nicht als Eigentum Weniger gelten, sondern im Sinne der kommunistischen Idee in das Eigentum aller zu gleichen Teilen übergehen.

Zweite negative Folge der Ausdifferenzierung ist die Verelendung des Proletariats. Hierbei handelt es sich um den Gedanken, dass das Proletariat im Laufe der Entwicklung des Kapitalismus mit einer Verschlechterung seiner Lebens- und Arbeitsbedingungen zu rechnen hat. Begründet wird diese Annahme durch den zuvor erwähnten Gedanken des maximalen Strebens nach Profit durch die Arbeitgeber und dem daraus folgenden Gedanken der Gewinnmaximierung. Dieser, basierend auf dem Zwang der Rationalisierung durch die globale Konkurrenz, fördert eine Entwicklung hin zum Ersetzen der menschlichen Arbeitskraft durch einen maschinellen, hochtechnisierten und automatisierten Produktionsablauf. Dies führt schließlich zu einem Anwachsen der Arbeitslosigkeit und zu dem von Marx geprägten Begriff der „industriellen Reservearmee“, die nicht länger in großer Zahl für automatisierte Arbeiten im Produktionsablauf gebraucht wird. Die in den Betrieben verbleibenden Arbeiter konkurrieren dabei immer stärker mit der auf dem nun größeren Arbeitsmarkt auftretenden „Reservearmee“, weshalb sie mit Einschränkungen der Arbeitsqualität und einer Senkung der Löhne zu rechnen haben.

Der Begriff der „Entfremdung“ meint nun eine Loslösung der Bindung des Arbeiters von dem von ihm geschaffenen Gut. Der Arbeiter selbst hat in einer durch Arbeitsteilung gekennzeichneten Gesellschaft durch die Lohnabhängigkeit nicht mehr die Produktionsentscheidung in seiner Hand und ist auch nur an wenigen Schritten der Fertigstellung des Produktes beteiligt. Auch die Existenz des Privateigentums fördert eine Entfremdung des Individuums von gewissen Produkten, die zu kaufen / besitzen er nicht in der Lage ist und somit von der Nutzung ausgeschlossen ist.

Die Begriffe des „Imperialismus“ und der „Umweltgefährdung“ sind im Prozess der globalen Konkurrenz und den Rationalisierungszwang der Unternehmen begründet.

Der Imperialismus der Unternehmen ist nur in Zusammenhang mit dem Zwang der Schaffung neuer Märkte und somit das Eindringen in bereits bestehende Märkte in geringer industrialisierten Regionen der Erde zu verstehen. Wenn hier der Imperialismus auch im Sinne der Internationalisierung der Produktion aufgefasst werden darf, so liegt dies sicherlich in den günstigeren rechtlichen und ökonomischen Grundvorrausetzungen in den weniger industrialisierten Ländern begründet. Unternehmen gliedern ihre Produktion aus, um Kosten zu sparen. Auch der Gedanke des Umweltschutzes ist sicherlich sehr oft nur solange in Unternehmen als primär mitentscheidender Grund der Handlungsweise zu finden, solange er nicht in Widerspruch zu Gewinnmaximierung beziehungsweise ökonomischem Handeln steht.

2.5 Was hält die Gesellschaft zusammen?

Betracht man diese Frage im Kontext der von Marx und Engels entwickelten Theorie, so fällt zunächst auf, dass es sowohl möglich ist, Kriterien zu finden, die die Gesellschaft zusammenhält, als auch solche, die ein Auseinanderdriften und eine Veränderung der Gesellschaft bewirken. Zu unterscheiden sind dabei jene Gesellschaftsformen, die durch Differenzierung gekennzeichnet sind (insbesondere der Kapitalismus), und diejenigen, die durch das kommunistische Eigentumsverhältnisse gekennzeichnet sind. Bemerkenswert ist bei dieser Unterscheidungsform, dass sich Differenzierung beziehungsweise Zusammenhalt von Gesellschaften bei Marx und Engels lediglich auf der ökonomischen Ebene definieren.

Als Zusammenhalt beziehungsweise Zusammenwirken einer Gesellschaft kann die gegenseitige Abhängigkeit einzelner Gesellschaftsebenen bezeichnet werden. Eine Interdependenz und somit eine Beeinflussung liegt zwischen allen Bereichen innerhalb einer Gesellschaft vor, beispielsweise zwischen Wirtschaft und Politik, da sowohl die Wirtschaft auf Regulierung und Regelhaftigkeit von Transaktionen durch die Politik angewiesen ist, als auch die Politik ihre Machtposition nur durch Abgaben der Wirtschaft (direkt als Unternehmenssteuern oder indirekt über die Abgaben der in den Betrieben Beschäftigten) erhalten und sichern kann. Somit kann (auch wenn heute Globalisierungstendenzen tendenziell einer Deregulierung der Märkte und somit einem geringeren Einfluss der Politik folgen) davon ausgegangen werden, dass beide Parteien den jeweiligen Partner zum eigenen Fortbestand und Erfolg benötigen.

Eine weitere Interdependenz ergibt sich bei der Betrachtung des „Marktes“. Hier besteht sogar eine dreifache Form der Abhängigkeit der Beteiligten in verschiedenen Bereichen. Auf dem Gütermarkt ist der Anbieter (der Kapitalist, der Produktivkräfteeigentümer) abhängig vom Absatz, um den wirtschaftlichen Erfolg zu sichern und der Käufer (der Lohnempfänger und Nachfrager) abhängig vom Angebot, um seine Versorgung mit Gütern und damit einen möglichst hohes Maß an Bedürfnisbefriedigung zu erreichen. Das genau umgekehrte Bild ergibt sich dagegen auf dem Faktormarkt, dem Arbeitsmarkt. Hier ist der Produzent von Gütern bis zu einem gewissen Grad abhängig davon, dass Arbeitskräfte für seine Produktion zur Verfügung stehen und auch daran interessiert sind, für ihn zu arbeiten. Andererseits wiederum ist der Arbeitnehmer gezwungen, zu arbeiten, um Lohn zu empfangen und damit erst die Möglichkeit zu erhalten, auf dem Gütermarkt Nachfrage zu schaffen. Somit ergibt sich auf beiden Ebenen des Marktes eine gegenseitige Abhängigkeit von Angebot und Nachfrage nach Gütern und Arbeit sowie eine Abhängigkeit der beiden Ebenen untereinander, da als Nachfrager im einen Markt nur auftreten kann, wer im anderen Markt Profit erzielt hat.

Unterscheiden muss man in Hinblick auf die Fragestellung jedoch zwischen den einzelnen Stufen der Marxistischen Stufentheorie. Während sich, ausgehend von der von Marx und Engels prognostizierten Entwicklung, für die zwingende Endstufe des Sozialismus durchaus plausibel die Frage stellen lässt, was die Gesellschaft zusammenhält, so muss man für den Kapitalismus vielmehr eine Art der Gegenfrage stellen, nämlich die, was die Gesellschaft nicht zusammenhält, vielmehr was sie auseinander treibt.

Im Kapitalismus entsteht eine steigende Differenzierung der Gesellschaft durch die Öffnung der Schere zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Während sich die Produktivkräfte immer mehr entwickeln und letztlich eine maximale Ausprägung innerhalb einer Stufe erreichen, so verbleiben die Produktionsverhältnissen auf einem Niveau. Da der Kapitalismus auch durch die zunehmende Konkurrenzsituation der Unternehmen gekennzeichnet ist und somit durch die dargestellten Abläufe der Mehrwertaneignung, des Faktoraustauschs (Maschinen statt menschlicher Arbeitskraft) und dem Entstehen einer „industriellen Reservearmee“ die Geldreserven immer mehr auf Seiten weniger Konzerninhaber zusammenlaufen, ergibt sich der Zwang des Auseinanderbrechens der Gesellschaft, und, im Falle des Kapitalismus, der Übergang zur neuen Stufe des Sozialismus. Begründbar ist dieser Zwang des Wechsels und Umsturzes auch auf Seiten der Arbeitnehmer durch die Gegensätze der immer geringeren Finanzmittel und die gleichzeitig aber bleibenden beziehungsweise gestiegenen Bedürfnisse des Konsums von Gütern aller Art. Da diese Bedürfnisse nicht länger befriedigt werden können, da nicht ausreichend Finanzmittel zur Verfügung stehen, entsteht der Zwang zur Änderung der Einkommensverhältnisse und damit letztendlich die Grundbedingung, dass alle am Einkommen der Unternehmen partizipieren, nicht nur ein äußerst begrenzte Anzahl von Eigentümern der Produktivkräfte.

Der Sozialismus hingegen ist nach den Änderungen im Bereich der Ökonomie durch einen größeren Zusammenhalt der Gesellschaft gekennzeichnet. Entscheidend ist dabei das Eigentum aller Bürger sowohl an den Produktionsfaktoren als auch an einer größeren Zahl öffentlicher Güter. Da der Mehrwert nicht mehr als Profit an Wenige geht, sondern an den Staat und somit letztendlich alle davon profitieren, ergibt sich auch eine größere Partizipation und Identifikation des Arbeiters mit seinem Produkt und damit ein geringeres Maß an „Entfremdung“ einer Gesellschaft. Ebenso ergibt sich dadurch, das mehr öffentliche Güter zur Verfügung stehen, ein höherer Grad an Bedürfnisbefriedigung ohne exzessiven Konsum der Bevölkerung.

Auch die negativen Faktoren im Kapitalismus der „Ausbeutung“ und „Verelendung“ sind nicht länger auftretend, da der Mehrwert an den Staat fällt und durch ein geringeres Maß an Produktivität und durch die Beschäftigungspolitik der Regierung ein höherer Grad an Beschäftigung vorherrscht. Denkt man den sozialistischen Gedanken in idealistischer Weise weiter, so ergibt sich weiterhin der Gedanke des gemeinsamen Arbeitens zum Zwecke des Schaffens eines gemeinsamen Volksproduktes. Basierend auf dem Gedanken des gemeinsamen Interesses an möglichst hoher Bedürfnisbefriedigung aller und damit der Glaube an die Existenz an ein über das Eigeninteresse des Einzelnen bestehendes Gemeinschaftsbewusstsein ergibt sich auch ein hohes Maß an Zusammenarbeit und Kooperation innerhalb der Bevölkerung.

3 Die Differenzierung der Gesellschaft in Michel Houllebecqs „Ausweitung der Kampfzone“ im Vergleich mit dem Marxistischen Gesellschaftsmodell

Betrachtet man Michel Houllebecqs Roman „Ausweitung der Kampfzone“, so lassen sich auch hier Ausdrucksformen einer differenzierten Gesellschaft im Sinne von Marx finden.

Eine Differenzierungsform bei Houllebecq lässt sich zunächst durch die Unterscheidung von Menschen in ökonomischer und sozialer (insbesondere sexueller) Hinsicht finden. Houllebecq unterscheidet hier zwischen Menschen, die in einem, in beiden oder in keinem dieser beiden gesellschaftlichen Teilbereiche Erfolg haben.[6] Als Grund für dieses duale System des Erfolgs oder Misserfolgs gibt er die liberale Gesellschaft an, die durch die freie Wahl das ständige Bevorzugen erfolgreicherer und attraktiverer Menschen (in sexueller oder wirtschaftlicher Hinsicht) impliziert und somit weniger attraktivere Menschen vom Erfolg auf einer oder beiden Ebenen zu großen Teilen ausschließt. Die Konsequenz dieser Einteilung der Klassen in erfolgreiche und –lose Menschen sind schließlich mit den der von Marx und Engels entwickelten Theorien zu großen Teilen übereinstimmend. Einige wenige häufen Reichtümer und Werte durch ständigen Erfolg an, andere wiederum sind von Erfolg permanent ausgeschlossen, was in ökonomischer Hinsicht in hoher Arbeitslosigkeit und in Zusammenhang mit sozialer Erfolglosigkeit in Verelendung von Teilen der Gesellschaft endet.

Gerade durch den Ausschluss Vieler vom Erfolg auf sozialer Ebene kommt es zu einer Verarmung der zwischenmenschlichen Kontakte, die nunmehr lediglich (wie bei Marx) auf Tauschbeziehungen, also reine Arbeitsbeziehungen beschränkt sind. Das beste Beispiel für diese Entwicklung ist ja in Houllebecqs Hauptperson selbst zu sehen, die außerhalb der Arbeitswelt nur äußerst wenige Beziehungen zu anderen Menschen unterhält, aber selbst in diese nur sehr wenig bis nichts investiert und zumeist keinen großen Wert auf deren Fortbestand legt („Im Übrigen verkehre ich nur wenig mit Menschen“[7] )

Die „Ausweitung der Kampfzone“ ist für die Hauptperson in einer Konkurrenzsituation auf jeden Einzelnen (ohne Ausnahme) auf beiden Teilsystemen der Gesellschaft definiert. Der Mensch ist um Erfolg in wirtschaftlicher und sexueller Hinsicht bemüht, jedoch ist durch die deterministische Sichtweise der Verhältnisse („In einem völlig liberalen Gesellschaftssystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt.“[8] ) ein Wechsel in das erfolgreiche Lager nicht möglich, ebenso wie bei Marx ein Wechsel zur erfolgreichen Seite der Kapitalisten nahezu ausgeschlossen ist. Beide Modelle des Gesellschaftssystems sind somit durch eine Beschränktheit individueller Freiheiten gekennzeichnet, die eigene Entscheidungen nur bis zu einem gewissen Maß zulassen. Auch die Hauptperson ist genau dieser Ansicht, da er seine eigenen Freiheiten auf ein Mindestmaß reduziert („Zigarettenrauchen ist das einzige Stück echter Freiheit in meinem Leben. Das Einzige, was ich aus voller Überzeugung und ganzer Seele tue. Mein ganzer Lebensinhalt“[9] ).

Generell kann die Hauptperson des Romans als Paradebeispiel für einige von Marx und Engels prognostizierten negativen Auswirkungen der kapitalistischen Gesellschaft gelten. Neben der Verelendung, die hier vor allem durch die Verarmung der sozialen Kontakte zu kennzeichnen ist, finden sich auch Ausprägungen der Entfremdung. Die Hauptperson, von der ja bereits bekannt ist, dass sie keinerlei Produktionsentscheidung mitträgt, zeigt auch klassische Merkmale der „Entfremdung“ vom eigenen Produkt („Ich erkläre ihr, dass ich auch nicht entscheide, was wir verkaufen.

Und schon gar nicht, was wir produzieren. In Wirklichkeit entscheide ich überhaupt nichts. Weder sie noch ich entscheiden irgendwas“[10] ). Die Produktion der Software, die ja sogar weit entfernt ist von der industriellen Produktion ohne wirklich gestaltende Arbeit und vielmehr gerade durch den Programmierer in großem Umfang mitgesteuert wird, ist für die Hauptperson trotzdem absolut nebensächlich, sie zeigt kein großes Interesse für das Produkt und seinen Erfolg.

Auch die Ausbeutung kann, wenngleich in etwas abstrahierender Form von der von Marx und Engels geprägten Definition, in Houllebecqs Roman nachgewiesen werden. Die Hauptperson, abhängig von der Entscheidungsmacht der Vorgesetzten, wird in sofern ausgebeutet, da sie beispielsweise (ohne Absprache) nahezu den ganzen Dezember auf eine Reise zur Vorstellung des neuen Produkts geschickt wird und somit zum Wohle des Unternehmens und damit des Profits auf Kosten des eigenen Soziallebens (wenngleich die Hauptperson im Grunde gar keines mehr hat) ausgebeutet wird.

Letztendlich sind dadurch beide Theorien durch eine negative Betrachtung des kapitalistischen Systems gekennzeichnet. Besonders die Hauptperson, die sich selbst während des ganzen Romans als Mensch ohne Anteilnahme mit dem Denunzieren seiner Mitmenschen beschäftigt, zeichnet sich durch ein destruktives Verhalten und damit durch eine starke Abgrenzung von den anderen Menschen aus. Er betreibt und verstärkt somit durch die Abgrenzung eine Individualisierung (wenngleich Vereinsamung) seiner eigenen Person, die auf die Maßstäbe der Individualisierung der marxistischen Theorie übertragbar ist. Die Hauptfigur lehnt also das bestehende System ab, da sie die Lebensweise der Anderen als absolut negativ betrachtet, ist aber gleichzeitig nicht bereit, an den Verhältnissen durch eigene Initiative Veränderungen vorzunehmen. Er sieht sich selbst als Person, die ihre bestehende Rolle schätzt („Ich stelle mir vor, dass ich im Rollenspiel, das sich gerade entwickelt, den ´Systemmenschen´ abgebe, [...] zutiefst unfähig, mit dem Benutzer ins Gespräch zu kommen. Das passt mir ausgezeichnet.“[11] ), da er gleichzeitig die Kommunikation mit Anderen auf ein Mindestmaß reduzieren kann, wenngleich er mit seinem Leben ansonsten nicht im Mindesten zufrieden ist und eigentlich nur geringes Interesse an seinem Fortbestand hat („Trotzdem haben sie immer noch keine Lust zu sterben“[12] ).

Somit finden sich deutliche Parallelen der Gesellschaftsmodelle von Marx und Houllebecq, insbesondere in der Formung der Hauptperson, in der sich deutliche Charakterzüge des von Marx skizzierten vereinsamten, verelendeten und ausgebeuteten, in Lohnabhängigkeit stehenden Arbeitnehmers finden. Beiden Theorien gemein ist letztendlich die deutlich negative Weltsicht mit dem Unterschied, dass sie bei Houllebecq nicht beendbar scheint und auch nicht wirkliches Interesse an einer Veränderung besteht. Die Personen in Houllebecqs Roman sind also in der Rolle des Arbeitnehmers festgehalten, aber nicht durch revolutionäre Bestrebungen, wie von Marx und Engels prognostiziert, gekennzeichnet, sie nehmen vielmehr die Position der am Verbleiben des status quo interessierten Produktivkräfteinhabers ein.

4 Literatur

Houllebecq, Michel (2000):

Ausweitung der Kampfzone, 3. Auflage September 2000

Lahusen, C.; Stark, C. (2000):

Modernisierung: Einführung in die Lektüre klassisch-soziologischer Texte

Schimanck, U. (1996):

Theorien gesellschaftlicher Differenzierung

Schüller, A.; Krüsselberg, H.-G. (Hrsg.) (1998):

Grundbegriffe zur Ordnungstheorie und Politischen Ökonomik

außerdem:

Fachschaft Wiwi (2000):

Ordnungstheorie, Skript zur VWL-Vorlesung von Prof. Dr. Leipold

Eigene Aufzeichnungen zu obiger Vorlesung

[...]


[1] Schimanck, U. (1996), S.78

[2] (Pohlmann)

[3] Schimanck definiert dies als „cash nexus“, als Netzwerk von Warenaustauschbeziehungen

[4] Weiterentwicklung der Smithschen Effizienzthese durch den Gedanken der Persistenz von Institutionen als Ausprägung gesellschaftlicher Vorstellungen

[5] Schimanck, U. (1996): Theorien gesellschaftlicher Differenzierung, S.76

[6] Ausweitung der Kampfzone, Teil 2, Kapitel 8, S.108+109

[7] Ausweitung der Kampfzone, S. 19

[8] Ausweitung der Kampfzone, S.108

[9] Ausweitung der Kampfzone, S. 67

[10] Ausweitung der Kampfzone, S. 29

[11] Ausweitung der Kampfzone, S. 59

[12] Ausweitung der Kampfzone, S. 15

3 von 23 Seiten

Details

Titel
Die Differenzierung der Gesellschaft in der Marxistischen Theorie
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Theorien Gesellschaftlicher Differenzierung
Note
1,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
23
Katalognummer
V111458
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Differenzierung, Gesellschaft, Marxistischen, Theorie, Theorien, Gesellschaftlicher
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Timo Cyriax (Autor), 2001, Die Differenzierung der Gesellschaft in der Marxistischen Theorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111458

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