Zum Leistungsfaktor der sportlichen Taktik und Methoden der Ausbildung moderner taktischer Spielweisen im Sportspiel Handball


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

50 Seiten, Note: 2,0


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INHALTSVERZEICHNIS

1. Anforderungen der Hand1ungs regu1ation und tak tisches Verha1ten
1.1. Taktische Determiniertheit von Spie1hand1ungen im Handball
1.2. Anforderungen an die kognitiven Funktionen in der Orientierungsregu1ation
1.3. Anforderungen an die kognitiven Funktionen in der Antriebs- und Entscheidungsregu1ation
1.4. Anforderungen an die kognitiven Funktionen in der Ausführungs- und Kontro11regu1ation

2. Zu den Schwerpunkta ufgaben der tak tischen Ausbi1dung

3. Zusammenhänge und Abhängigkeiten von in dividue11er und ko11ektiver Spie1weise
3.1. Die individue11e Taktik des Abwehrspie1ers
3.2. Gruppentaktische Abwehrhand1ungen
3.3. Die Mannschaftstaktik in der Abwehr
3.4. Die individue11e Taktik des Angriffspie1ers
3.5. Die gruppentaktischen Hand1ungen im Angriff
3.6. Die Mannschaftstaktik im Angriff

4. Methodische Stufen de r technisch-ta ktischen Ausbi1du ng in den Sportspie1en

5. Zur Zyk1isier ung des Taktiktrainings

1. Anforderungen der Hand1ungsregu1ation und taktisches Verha1ten

1.1. Taktische Determiniertheit von Spie1hand1ungen im Handba11

„Die Taktik bezieht sich auf die kurzfristigen, situativen Lösungshandlungen innerhalb eines Spiels, die der Handballspieler - unter Beachtung der eigenen Leistungsfähigkeit und der Spielweise der Mitspieler, Gegenspieler und der externen Faktoren (einschließ- lich der Regeln) - auswählt.“1 Alle Handlungen im Wettspiel beruhen auf WAS- und WIE- Entscheidungen, welche das Ziel haben, eine Spielsituation zweckmäßig zu lösen. Die Re- gulation der Spielhandlungen erfordert vom Spieler, Spielsituationen situationsgerecht wahrzunehmen, zu antizipieren und zu entscheiden. Darüber hinaus müssen Spielsituati- onen motorisch maximal schnell und präzise sowie in ständiger Kooperation mit den Mit- spielern bei direkter gegnerischer Einwirkung gelöst werden. Als Grundlage situationsge- rechter WAS- und WIE- Entscheidungen des Spielers im Wettkampf kann man die Spiel- fähigkeit, die alle Komponenten der Leistungsfähigkeit im Sportspiel integriert und hie- rarchisiert.2 „Spielfähigkeit ist die komplexe Leistungsfähigkeit des Handballers, die es auf der Grundlage konstitutioneller, koordinativer sowie persönlichkeitsspezifischer Leis- tungsvoraussetzungen ermöglicht, die konditionellen, technischen und taktischen Fakto- ren in komplexen Spielsituationen situationsadäquat anzuwenden und damit die Spielan- forderungen zu erfüllen.“3 Die Säulen der sportlichen Leistung im Sportspiel - Taktik, Technik und Kondition - stehen in einem engen, wechselseitigen Zusammenhang.4 Dies wird in der Definition der Taktik als Kernstück der Spielfähigkeit deutlich: „Taktik ist die Fähigkeit zur sinnvollen Anwendung konditioneller und technischer Elemente in Verbin- dung mit individualtaktischen, gruppentaktischen und mannschaftstaktischen Maßnah- men im Spiel, um einen optimalen Spielerfolg zu erreichen.“5 Die komplexe taktische Handlungsfähigkeit basiert auf drei Teilbereichen: Die taktischen Kenntnisse setzen sich aus den Wettkampfregeln und allgemeinen Erfahrungen zum optimalen Verhalten im

Wettspiel zusammen. Die taktischen Fähigkeiten orientieren sich am Verlauf der Hand- lungsregulation und unterteilen sich in Wahrnehmungs-, Antizipations- und Entschei- dungsfähigkeit. Taktische Fertigkeiten stellen automatisierte Handlungsprogramme dar, die ohne bewusste Steuerungsvorgänge im Spiel als so genannte Assoziationslösungen ab- rufbar sind.6 Ausgangspunkt der Erstellung eines taktischen Anforderungsprofils ist die Analyse des Ablaufs der Wettkampfhandlung. Vom Wesen einer allgemeinen Wett- kampfhandlung her ist vordergründig das Typische der taktischen Handlungsfähigkeit abzuleiten. Dabei wird am Beispiel einer Spielhandlung die an den einzelnen Phasen be- teiligten Prozesse, Fähigkeiten und deren Erscheinungsformen, den verschiedenen relativ abgrenzbaren Struktureinheiten der Handlungsregulation zugeordnet (Abb. 1)7.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Struktureinheiten, Prozesse und taktische Fähigkeiten der Handlungsregulation im Sportspiel (BRACK/ HOHMANN 1983)

Die spezifischen Anforderungen im taktischen Bereich liegen in der Komplexität der Spielweise im Angriff und Abwehr sowohl der Mannschaft als auch der Einzelspieler be- gründet. Im Handball generieren sich gruppen- und mannschaftstaktische Handlungen aus der individuellen taktischen Leistungsfähigkeit. Die Anwendung und der häufige Wechsel verschiedener Angriffs- und Abwehrsysteme mit den jeweils unterschiedlichen kollektiven und individuellen taktischen Verhaltensweisen setzen einen hohen Ausprä- gungsgrad taktischen Denkens und Handelns voraus. Hinzu kommen ausgeprägte positi- onsspezifische taktische Aufgaben. Die Taktik kann situativ erfolgversprechend umge- setzt werden, wenn Technik, Koordination und Kondition für die angestrebte Leistung gegnerbezogen integriert sind.8 Die Individualtaktik umfasst also jene Handlungen von Spielern, in denen diese in der Grundsituation l:l versuchen, ohne direkte Einbeziehung der Mitspieler zum Erfolg zu kommen. Beispiele: Torwürfe, Täuschungen, Dribblings, Abwehr von Torwürfen oder von Durchbruchsaktionen eines Angreifers. Gruppentakti- sche Maßnahmen beziehen in die Entscheidungsprozesse eines Spielers immer die Aktio- nen mindestens eines weiteren Mitspielers ein. Anspiele zum Kreisspieler, Sperren, Über- nehmen/Übergeben und Heraustreten/Einordnen sind nur dann sinnvoll einsetzbare Lö- sungen für spezifische Situationen, wenn sie auf einer exakten Abstimmung von 2-er bzw. 3-er Gruppen basieren. Entsprechend erfolgen die mannschaftstaktischen Maßnahmen durch die Festlegung der Einzelhandlungen auf der Grundlage eines gemeinsamen Kon- zepts der gesamten Mannschaft. Die moderne sportliche Spieltätigkeit des Sportspiels Handball, deren Qualität von vielen Leistungsfaktoren bestimmt wird, ist als eine äußerst vielschichtige und komplexe Erscheinung zu verstehen, der folgende Merkmale zugeord- net werden sollen:

- Eine Vielfalt technischer Elemente und ihrer Ausführungsvarianten mit und ohne Ball (Einzeltechniken, Bewegungskombinationen bzw. Handlungsfolgen verschiedener Techniken und ihrer Ausführungsvarianten, gruppenmotorische Handlungen, also die Koordination der Bewegungshandlungen zwischen mehreren Spielern).
- Eine schnelle Aktualisierung von Handlungsprogrammen entsprechend den situativen Erfordernissen des Spiels.
- Eine hohe Variabilität der situationsadäquaten Handlungsausführung.
- Eine große Variationsbreite in der Geschwindigkeit der Handlungsausführung.
- Eine große Genauigkeit der Handlungsausführung (Ziel- und Ablaufgenauigkeit).
- Eine Handlungsausführung bei direkter und indirekter gegnerischer Bedrängung.
- Die Anwendung individueller Täuschungshandlungen.
- Die Handlungsausführung unter psychischer und physischer Belastung.

Betrachtet man die moderne sportliche Spieltätigkeit aus psychologischer Sicht, dann kann sie als Einheit von motivationalen, volitiven, emotionalen und kognitiven Prozesse angesehen werden. All diese Prozesse finden ihren handballspezifischen Ausdruck in der Motorik des Handballspielers.9 Die kognitiven Fähigkeiten haben im System der leis- tungsbestimmenden Faktoren des Sportspiels Handball eine wichtige Stellung inne. Kons- tatierend möchte ich hinzufügen, dass sich die Höhe des Niveaus der einzelnen Leistungs- faktoren (vgl. Abb. 2)10 und ihr Zusammenwirken entscheidend auf die sportliche Leis- tung auswirken.11

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Struktur der Leistungsvoraussetzungen im Sportspiel

LAMES (l994) vertritt die Auffassung, dass „ … insbesondere in den Sportspielen, in de- nen der Zusammenhang zwischen Leistungsvoraussetzung und Wettkampfleistung nicht so eng ist wie beispielsweise in den konditionell determinierten Disziplinen der Leichtath- letik das Wettkampfverhalten als Quelle von diagnostischen Informationen eine überra- gende Bedeutung erlangt.“12 Der Erfolg der taktisch determinierten Wettspielhandlungen

wird wesentlich durch das Entwicklungsniveau perzeptiver und intellektueller Funktio- nen und Fähigkeiten in einer Art Vernetzung mit den anderen Leistungsfaktoren. Cha- rakteristisch für die sportliche Spieltätigkeit im Handball ist ein mehrfaches Bezugssys- tem – Mitspieler, Gegner, Spielgerät (Handball), Ziel (Handballtor), Spielraum -, in dem sich der Handballspieler befindet und mit der er sich ständig aktiv auseinandersetzen muss. Er nimmt in jeder Spielsituation sich verändernde und nicht verändernde Objekte wahr, eigene Bewegungen, Fremdbewegungen (der Mitspieler, des Balls, der Gegner). Wahrgenommen wird der Spielraum mit seinen Spielfeldmarkierungen, das gegnerische als auch das eigene Tor. Das Sportspiel Handball ist also durch komplexere Leistungs- merkmale als andere Sportarten gekennzeichnet und stellt hohe Anforderungen an die optischen Wahrnehmungen (Raumwahrnehmungen, Bewegungswahrnehmungen) und die Antizipation (Fremdbewegungen, Eigenbewegungen) des Handballspielers. Daraus leitet sich die taktische Determiniertheit aller Spielhandlungen ab, wodurch sich vielfälti- ge und hohe Anforderungen an die Informationsaufnahme- und Informationsverarbei- tungsprozesse des Handballspielers ergeben, die unter hohen physischen, psychischen Belastungen über einen langen Zeitraum zu entwickeln sind. Sämtliche Abwehr- und An- griffshandlungen im Handball sind situativ zu lösende Entscheidungshandlungen. Als unerlässliche Voraussetzungen für den Spielerfolg gelten spezifische, schnell verlaufende Wahrnehmungs-, Denk-, und Gedächtnisprozesse. Charakteristisch für das Sportspiel Handball, aber auch für die anderen Sportspiele, sind die vielfältigen taktischen Lö- sungsmöglichkeiten und der außerordentlich hohe Umfang erforderlicher motorischer Handlungsprogramme, die unter Berücksichtigung aktiv und konträr agierender Gegner und in taktischer und motorischer Abstimmung mit den Mitspielern situationsadäquat zur Anwendung kommen. Durch ständiges analysieren der sich laufend verändernden Handlungsbedingungen, durch antizipierendes Inbeziehungsetzen von Situationsbedin- gungen und ihren zukünftigen Veränderungen zu den eigenen Handlungsvoraussetzungen und durch die damit mögliche Vorwegnahme von Handlungsergebnissen ist der Hand- ballspieler im Rahmen seiner Handlungsregulation in der Lage, bewusste Handlungsent- scheidungen zu treffen und aktiv in das Spielgeschehen einzugreifen. Die Fähigkeit des Menschen, seine nach außen gerichteten Handlungen auf der Grundlage verallgemeiner- ter Abbilder der Umwelt und verallgemeinerter Operationsregeln innerlich vorwegzu- nehmen stellt eine grundlegende Voraussetzung für das Antizipieren dar. „Unter Hand- lungsregulation ist die Befähigung der Persönlichkeit zu verstehen, auf der Grundlage psychischer Abbilder, Operationen und Zustände ihr Handeln in einer konkreten (Spiel-) Situation unter Beachtung übergreifender Handlungszielstellungen und unter Berücksich- tigung der konkreten „äußeren“ und personalen Handlungsbedingungen zielgerichtet und anforderungsgerecht selbständig zu kontrollieren und zu regulieren.“13 Als relativ abgrenzbare Struktureinheiten der Handlungsregulation sportlicher Spielhandlungen werden unterschieden:

Die Orientierungsregulation, die Antriebs- und Entscheidungsregulation und die Ausfüh- rungs- und Kontrollfunktion.

l.2. Anforderungen an die kognitiven Funktionen in der Orientierungsregulation

Die Orientierungsregulation als „Steuerungsmechanismus des Handlungsprozesses“14 um- fasst all jene psychischen Prozesse, die der Aneignung „äußerer“ (vorwiegend bildhafter und sprachlich-begrifflicher) und der Reproduktion „innerer“ (gedächtnismäßig gespei- cherter) Informationen dienen, die für die Erarbeitung eines Handlungsprogrammes not- wendig sind. Grundlagen der Orientierungsregulation sind die sensorische Informations- aufnahme und die Informationsverarbeitung sowie bereits vorhandene Bewegungserfah- rungen. Sie sind Voraussetzungen für das „innere Modell“ (operatives Abbildsystem) des Spielers über die Spielsituation, das subjektiv verschiedene Abstraktions-, Differen- ziertheits- und Bewusstseinsgrade aufweisen kann. Umfang und Qualität der Widerspie- gelungen dieser Bedingungen und ihrer Verarbeitung haben entscheidenden Einfluss auf das Handlungsergebnis. Die Qualität der Handlungsorientierung ist für den Gesamtver- lauf und das Ergebnis der technisch-taktischen Handlungen von ausschlaggebender Be- deutung. Sie ist Ausgangspunkt und die ständige Bezugsbasis für alle Phasen der Hand- lungsregulation. Zu den Komponenten der Handlungsorientierung gehören die unterein- ander integrierten Systeme psychischer Abbilder, Prozesse, Zustände und Eigenschaften, die folgende Funktionen erfüllen:

- Kognitive Analyse der Situationsbedingungen und relevanter Handlungserfahrungen
- kognitive Analyse der möglichen Entscheidungen für bestimmte Handlungsziele

- Erarbeitung konkreter Realisierungsschritte bis zur Aufstellung eines Hand- lungsprogrammes auf der Grundlage einer Analyse der Handlungsnormen, der Situa- tionsbedingungen und der eigenen Handlungsmöglichkeiten,
- Erarbeitung von Grundlagen für die aufgabenbezogene Kontrolle der Handlungsaus- führung.15

Die aktuelle Handlungsorientierung auf dem Spielfeld erfordert vom Handballspieler vie- le verschiedene Wahrnehmungen der Spielsituation (äußere Situation) und Wahrneh- mungen der eigenen Tätigkeit in Bezug auf seine Umgebungsobjekte (Abb. 3)16.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Wahrnehmungsobjekte in den Sportspielen

Die spezifischen Anforderungen an Raum- und Bewegungswahrnehmungen werden in der Abbildung 4 deutlich (Abb. 4)17.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Anforderungen an die optischen Wahrnehmungen in den Sportspielen

Die Raumwahrnehmung spiegelt die räumlichen Beziehungen der verschiedenen Umge- bungsobjekte im Nah- und Fernraum des Spielfeldes wider, die Bewegungswahrnehmun- gen hingegen die Ortsveränderungen in der Zeit. Jene Wahrnehmungen basieren auf Raum- und Zeitwahrnehmungen. Zeitwahrnehmungen spiegeln die objektive Dauer, die Geschwindigkeit und die Aufeinanderfolge von Ereignissen wider, sind integrierter Be- standteil der Bewegungswahrnehmungen. Auf Grundlage der Raum- und Bewegungs- wahrnehmungen werden weitere spezielle Anforderungen an die Wahrnehmungsfähigkeit der Handballspieler gestellt:

- großer visueller Wahrnehmungsumfang
- ständiger Wechsel der Wahrnehmungsinhalte
- richtige Auswahl der Wahrnehmungsschwerpunkte
- hoher Genauigkeitsgrad der Wahrnehmungen
- Wahrnehmungen unter starkem Zeitdruck
- Wahrnehmungen unter hohen physischen und psychischen Belastungen den relativ langen Zeitraum einer Spielzeit von sechzig Minuten.

Der Handballspieler muss die Fähigkeit besitzen, in möglichst kürzester Zeit, die sich ständig verändernde Spielsituation zu erkennen bzw. wiederzuerkennen und sich im Ge- samtsystem von Spielraum, Mitspieler , Gegner und Spielgerät lokalisieren zu können, was man unter der Orientierungsfähigkeit zusammenfassen kann. Aber auch seine eige- nen Bewegungen muss er wahrnehmen, um sie entsprechend den variablen Anforderun- gen regulieren zu können. Hervorzuheben ist, dass die Qualität der Wahrnehmungen so- wohl von der objektiven Reizkonstellation (Reizintensität, Differenziertheit, Reizkontrast) als auch von der Funktionalität der Rezeptoren bzw. Analysatoren abhängt, wesentlich durch die Aufmerksamkeit in enger Verbindung mit den Antriebsprozessen (Ziele, Über- zeugungen, Einstellungen, Motive, Bedürfnisse, Interessen, Ideale), den volitiven Steue- rungsprozessen, den emotionalen Prozessen des Handballspielers und seinen Kenntnissen und Erfahrungen (Gedächtnisinhalte) beeinflusst wird.

l.3. Anforderungen an die kognitiven Funktionen in der Antriebs- und Entscheidungsre- gulation

Die Antriebs- und Entscheidungsregulation umfasst die psychischen Prozesse, welche auf der orientierungsregulatorischen Grundlage erfolgen und in Zusammenwirkung mit ihr Entscheidungen für bestimmte Handlungen und die Auslösung der motorischen Hand- lung initiiert. Es kann keine bewusste Willenshandlung ohne Antriebsregulation erfolgen. Dieser Regulationskomplex determiniert Ziel, Inhalt, Intensität, Dauer und Ergebnis der sportlichen Spieltätigkeit. Die Entscheidungsregulation steuert in Wechselwirkung mit der sensorischen Informationsaufnahme und Informationsspeicherung durch das Ge- dächtnis die differenzierte Verarbeitung der aktuellen und gespeicherten Informationen durch das Denken, welches erst ein situationsadäquates Handeln des Handballspielers ermöglicht. Durch analytisch-synthetische Verarbeitung der vielfältigen Wahrnehmungs- inhalte in ihren Beziehungen zueinander und zu den gespeicherten Erfahrungen erfasst der Spieler die komplexen Zusammenhänge zwischen den Einzelerscheinungen, erkennt durch Antizipation die Handlungsabsichten von Mitspielern und Gegnern und leitet dar- aus die entsprechende Spielaufgabe ab, die er zu bewältigen hat. Die Form des Denkens, die unmittelbar während der Sportspieltätigkeit abläuft, ist vorwiegend ein „operatives“ Denken (assoziatives Denken). Das operative Denken, d. h. die Fähigkeit, schnelle und zweckmäßige taktische Entscheidungen zu fällen, zählt zu den wichtigsten Fähigkeiten des Spielers und entscheidet vielfach über den Erfolg von Angriffs- und Abwehrhandlungen. Qualität und Geschwindigkeit dieser Denkprozesse im Spiel sind u. a. abhängig von:

- der Geschwindigkeit und Genauigkeit der Informationsaufnahme;
- der Aktivierung und dem richtigen Einsatz der verschiedenen Arten der Aufmerk- samkeit;
- den taktischen Kenntnissen, Fähigkeiten und Erfahrungen;
- den motivationalen, emotionalen und volitiven Besonderheiten der Spieler. Voraussetzungen für die im Rahmen der taktischen Denkprozesse zu fällenden Hand- lungsentscheidungen sind Antizipationen (gedankliche Vorwegnahmen kommender Er- eignisse), die eng mit den Vorstellungen verbunden sind. Das Handeln des Spielers ist an eine ständige Situationsantizipation gebunden, die die Antizipation der Handlungsabsich- ten von Mitspielern und Gegnern sowie die eigene Ziel- und Programmantizipation ein- schließt (Abb. 5).1819

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Anforderungen an die Antizipation in der sportlichen Spieltätigkeit

Die Spielsituationsantizipation stellt an den Spieler insgesamt hohe Anforderungen, da er bei der Ziel- und Programmantizipation seiner eigenen Handlungen mit wechselnden An- teilen und zu wechselnden Zeitpunkten die Antizipation mehrerer, zumeist unterschiedli- cher Fremdbewegungen einbeziehen muss.

Darüber hinaus sind folgende Anforderungen an die Antizipationsfähigkeit des Handball- spielers hervorzuheben:

- sukzessive und simultane Antizipationsleistungen (die Spielsituation erfordert vor- wiegend Antizipationssequenzen [-folgen], wobei ein gleichzeitiges Antizipieren von Fremdbewegungen verschiedener Objekte, von Fremd- und Eigenbewegungen sowie ein ständiger Wechsel der Antizipationsinhalte [Angriffs- und Abwehrbewegungen u. a.] charakteristisch sind);

[...]


1 Böttcher, G. (1998a). Die Bedeutung der konditione11en Fähigkeiten im Ha11enhandba11. Eine theoretische Stand- ortbestimmung und empirische Untersuchung. Kasse1. S. 23.

2 Vg1. Lames, M. (1998). Leistungsfähigkeit, Leistung und Erfo1g – ein Beitrag zur Theorie der Sportspie1e. In: Sportwissenschaft 28, S. 138.

3 Vg1. Brack, R.; Bubeck, D.; Pietzsch, R.: Spie1fähigkeits- und entwick1ungsorientiertes Nachwuchstraining im DHB. In: Handba11training 18 (1996) 3/4. S. 4.

4 Vg1. Letze1ter, M. (1978). Trainingsgrund1agen. Reinbek. S. 245.

5 Vg1. Hohmann, A. (1985). Zur Struktur der komp1exen Sportspie11eistung. Trainingswissenschaft1iche Leistungs- diagnostik im Wasserba11. Ahrensburg. S. 73.

6 Vg1. Barth, B.: Wettkampfvorbereitung durch komp1exes strategisch-taktisches Training. In: Leistungssport 25 (1995) 1. S. 27.

7 Brack, R.; Hohmann A. (1983). Taktik und Taktiktraining. Unveröffent1ichtes Seminarmanuskript. Stuttgart.

8 Vg1. Mü11er, M., Stein, H.-G., Konzag, I. & Konzag, G. (1992). Handba11 spie1end trainieren. Das komp1ette Übungssystem. Sportver1ag. Ber1in. S. 24.

9 Mädchen und Frauen verstehe ich bei der Nennung der masku1inen Form mit einbezogen.

10 Vg1. Stieh1er, G./ Konzag, I./ Döb1er, H. (1988). Sportspie1e. Ber1in: Sportver1ag Ber1in. S. 49.

11 Ebd. S. 45.

12 Vg1. Lames, M. (1994). Systematische Spie1beobachtung. (Trainerbib1iothek, Band 31). Phi1ippka. Münster. S.

13 Vg1. Stieh1er, G./ Konzag, I./ Döb1er, H. (1988). Sportspie1e. Ber1in: Sportver1ag Ber1in. S. 54.

14 Vg1. Ga1perin, P.J. (1967). Die Entwick1ung der Untersuchungen über die Bi1dung geistiger Operationen. In: Ergebnisse der sowjetischen Psycho1ogie. Akademie-Ver1ag. Ber1in.

15 Vg1. Kossakowski, A., Ettrich, K.U. (1973). Psycho1ogische Untersuchungen zur eigenständigen Hand1ungsre- gu1ation. VEB Deutscher Ver1ag der Wissenschaften. Ber1in. S. 19.

l6 Aus: Stiehler, G./ Konzag, I./ Döbler, H. (l988). Sportspiele. Berlin: Sportverlag Berlin. S. 57.

17 Aus: Stiehler, G./ Konzag, I./ Döbler, H. (l988). Sportspiele. Berlin: Sportverlag Berlin. S. 57.

l8 Vgl. Schellenberger, H. (l98l). Psychologie im Sportspiel. Sportverlag. Berlin. S. 2l-27.

l9 Aus: Stiehler, G./ Konzag, I./ Döbler, H. (l988). Sportspiele. Berlin: Sportverlag Berlin. S. 59.

50 von 50 Seiten

Details

Titel
Zum Leistungsfaktor der sportlichen Taktik und Methoden der Ausbildung moderner taktischer Spielweisen im Sportspiel Handball
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Sportwissenschaft)
Veranstaltung
WS 2004/2005
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
50
Katalognummer
V111531
Dateigröße
1038 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leistungsfaktor, Taktik, Methoden, Ausbildung, Spielweisen, Sportspiel, Handball
Arbeit zitieren
David Schüßler (Autor), 2005, Zum Leistungsfaktor der sportlichen Taktik und Methoden der Ausbildung moderner taktischer Spielweisen im Sportspiel Handball, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111531

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