Methodische Probleme der historischen Demographie - Am Beispiel der Bevölkerungsentwicklung des Hoch- und Spätmittelalters


Seminararbeit, 2008
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Hoch- und Spätmittelalterliche Quellen als Grundlage statistischer Erhebungen

2 Historische Demographie und Bevölkerungsentwicklungen
2.1 Methoden der Bevölkerungsschätzung
2.1.1 Lokale Hochrechnungen
2.1.2 Regionale Hochrechnungen
2.2 Ergebnisse von Bevölkerungsschätzungen

3 Weiterführende Interpretationen: Bevölkerungsrückgang und Agrarkrise
3.1 Die Neo-Malthusianische Interpretation
3.2 Die Marxistische Interpretation

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Quantitative, damals praktisch ausschließlich sozialstatistische Methoden fanden in der deutschen Geschichtswissenschaft allgemein - und so auch in der Mediävistik – bereits um 1900 Eingang. Entscheidend war hier dein Einfluss der neu entstehenden Disziplin der Nationalökonomie.[1] Frühe, wegweisende Ansätze für eine historische Demographie stellen unter anderem die Arbeiten von Karl Julius Beloch über die Bevölkerung der klassischen griechisch-römischen Antike[2], sowie speziell für das Mittelalter Karl Büchers Studie über die Bevölkerung Frankfurts am Main im 14. und 15. Jahrhundert dar.[3] Ihre eigentliche Hochphase erlebte die historische Demographie im internationalen Forschungsdiskurs aber in den Jahren zwischen 1930 und 1970. Die intensivierte Nutzung sozialwissenschaftlicher Ansätze in der Geschichtsforschung seit den 1960er Jahren ließ auch die Mittelalterforschung nicht unberührt. Die quantitative Forschung profitierte dabei auch von den neuen Möglichkeiten der Datenverarbeitung mittels Computer. Auf der theoretischen Seite begann ab dieser Zeit eine Beschäftigung mit dem breiten sozialhistorischen Ansatz der „Annales“-Schule, die auch die Arbeit mit historischer Demographie verstärkte und Versuche einer umfassenden Interpretation demographischer Entwicklungen als „Phänomene langer Dauer“ – „longue durée“ - anregte.[4]

Die Bevölkerungsentwicklung könnte dabei den Hintergrund anderer Prozesse gebildet haben, gleich ob es sich dabei um politische, kulturelle, soziale, politische oder ökonomische Prozesse handelt. Genauso aber steht die Bevölkerungskurve in Abhängigkeit zu politischen Entscheidungen wie Kriegen, ökonomischen Prozessen wie agrarischem Sturkturwandel, oder sozialen Prozessen wie sexuellen Tabus, um nur einige Beispiele zu nennen. Darüber hinaus wirken sich im Mittelalter mit seiner vorherrschenden Subsistenzwirtschaft klimatische Bedingungen aus, oder auch hygienische wie im Falle der Seuchenverbreitung.

Wie jedes spezielle Erkenntnisinteresse verfügt auch die historische Demographie über einige spezifische Vorteile, sowie erkenntnistheoretische Blindstellen. Diese Blindstellen vor allem sind es, denen in dieser Arbeit nachgegangen werden soll. Als Beispiel bietet sich die west- und mitteleuropäische Bevölkerungsentwicklung am Übergang von Hoch- zu Spätmittelalter an, wo das Ende eines lang anhaltenden Bevölkerungswachstums durch die Pestepedemie von 1348 markiert wird. Die Schätzung der Seuchenverluste wie auch die Einordnung dieses demographischen Knicks in die größeren Zusammenhänge der spätmittelalterlichen Krisenerscheinungen erlauben Rückschlüsse auf die Leistungsfähigkeit historischer Demographie. In einem ersten Schritt wird die Quellensituation des Mittelalters hinsichtlich ihrer Ergiebigkeit und gängiger Probleme erläutert. Das Spätmittelalter liegt weit hinter der frühen Neuzeit zurück, sowohl was den Umfang der Schriftlichkeit betrifft als auch in der Genauigkeit bzw. überhaupt dem Vorhandensein schriftlicher Zeugnisse, die Rückschlüsse auf Bevölkerungsentwicklungen zulassen. Zur Erläuterung wird im nächsten Schritt auf einige Ergebnisse der einschlägigen Forschung zur Bevölkerungsentwicklung zurückgegriffen und die Methoden dargestellt, mit denen sie ermittelt werden. In einem weiteren Schritt werden konkurrierende Interpretationsansätze der demographischen Daten im Kontext der allgemeinen Faktoren der Gesellschaftsentwicklung dargestellt, namentlich die Neo-Malthuisianische und die Marxistische Schule, die beide die Agrarkrise des Spätmittelalters und ihre Zusammenhänge in den Fokus nehmen. Das Augenmerk soll dabei auf ihrer Abhängigkeit von der Präzision der quantitativ erhobenen demographischen Daten liegen, sowie in ihren Erklärungsleistungen, Schnittmengen und Widersprüchen.

Als Fazit dieser Arbeit sollten folgende Fragen geklärt sein:Was sind die Schwächen spätmittelalterlicher Quellen bei der demographischen Auswertung? Wie präzise sind die auf den Quellen basierenden Schätzungen der Einwohnerzahlen? Und sind die Daten verlässlich genug, um umfassendere Interpretationen der gesellschaftlichen Verhältnisse der untersuchten Zeit zu fundieren?

1 Hoch- und Spätmittelalterliche Quellen als Grundlage statistischer Erhebungen

Eine Erfassung der sozialen Rahmendaten aus genuinem Interesse an ihnen, in einer streng statistischen Form, existiert erst seit dem 18. Jahrhundert.[5] Quellen aus früherer Zeit, aus denen Historiker statistische Rückschlüsse über absolute und relative Bevölkerungsentwicklungen ziehen wollen, müssen daher bestimmte Bedingungen erfüllen. Je größer der Anteil der erfassten Bevölkerung ist, desto weniger ist der Historiker auf mehr oder weniger fundierte Schätzungen zur Berechnung nicht erfasster Gruppen angewiesen.[6] Die in der Quelle erfassten Daten müssen also zahlreich sein und sowohl inhaltlich als auch formal einer einheitlichen Struktur folgen, wenn eine statistische Auswertung vorgesehen ist.[7] Diese Quellen werden auch als „statistische Dokumente“ bezeichnet, da sie eine statistische Auswertung erlauben, ohne selbst zu diesem Zwecke gefertigt worden zu sein. Davon zu trennen sind „deskriptive Dokumente“, die zwar soziale Zusammenhänge qualitativ erschließbar machen, z.B innerhalb der Familie. Solche Aufzeichnungen, z.B. von Chronisten, Reisenden o.ä., sind jedoch im Hinblick auf ihre durchaus vorhandenen Hinweise auf demographische Entwicklungen und enthaltenen Zahlenwerte nicht verlässlich. Meist können die Angaben nicht verifiziert werden und es muss davon ausgegangen werden, dass es sich bestenfalls um grobe Schätzungen handelt. Für die historische Demographie sind sie somit nicht zu verwenden.[8]

„Statistische Dokumente“ im Sinne Herlihys finden sich vereinzelt bereits ab ca. 750, hauptsächlich jedoch im Hoch- und Spätmittelalter. Davon sind bis zum 13. Jahrhundert vor allem kirchliche Dokumente überliefert.[9] Kirchenbücher, die Sakramentshandlungen wie Taufen, Trauungen und Patenschaften dokumentierten, wurden im 14. Jahrhundert üblich. Diese ermöglichen im Idealfall Familienforschung und sind die unentbehrliche Grundlage zur Erhebung von demographischen Werten z.B. für Lebenserwartung oder Geburten- und Todesraten.[10]

Solche „seriellen Aufzeichnungen“ erlauben im Normalfall jedoch keine Rückschlüsse auf die Gesamtbevölkerungszahl zu, auch nicht indirekt, da keine Haushaltszusammensetzungen erfasst werden (siehe 2.1).[11] Die ebenfalls im 13. Jahrhundert in den Städten entstehenden Bürgerbücher können begrenzte Hinweise auf Wanderungsbewegungen sowie teilweise auf die Reichtumsverteilung liefern, jedoch nur für einen Teilbereich der Bevölkerung. Die ländlichen Amtsbücher, sowie Notariatsarchive und kaufmännisches Schriftgut, die alle zu ähnlicher Zeit entstanden, liefern vor allem Hinweise auf finanzielle und ökonomische Trends.[12] Für Schätzungen der Gesamtbevölkerungszahl von besonderer Bedeutung sind fiskalische Dokumente. Sie sind - im Gegensatz zu „seriellen Aufzeichnungen“ – „Überblicke“ („surveys“ im engl. Original) die zu einem gegebenen Zeitpunkt eine große Zahl der Bevölkerung erfassen.[13] Seltener handelt es sich dabei um Steuerlisten, die auf Kopfsteuern („chevage“) basieren. Diese Art der Erhebung findet sich im späten 14. Jahrhundert in England, Deutschland, den Niederlanden und Frankreich. Sie erfassen im Normalfall alle Personen über 14 Jahren, also etwa zwei Drittel der Bevölkerung ihres Erfassungsgebietes. Häufiger und in ganz Europa zu finden sind Quellen zur „Herdsteuer“, also die Steueraufzeichnung auf der Berechnungsgrundlage eines Haushalts oder Hauses. Frühestes Beispiel für eine derartige Erhebung ist das englische „Domesday Book“ von 1087, die meisten Quellen für das Mittelalter finden sich jedoch auch hier im 14./15. Jahrhundert. Sie waren in ganz Europa verbreitet, meistens in Bezug auf jeweils eine Stadt oder Landgemeinde.[14] Eine zentralisierte Erfassung dieser Steuerlisten wie in England seit dem 12./13. Jahrhundert hat es in Deutschland durch den häufigen Wechsel der Dynastien und die Zersplitterung des Reiches sowie mangels einer Hauptstadt nicht gegeben.[15] Um von der Zahl der Feuerstätten auf die Einwohnerzahl rückschließen zu können bedarf es eines allerdings eines Multiplikators der die durchschnittliche Zahl der Angehörigen eines Haushaltes darstellt (siehe 2.1). Weiterhin lässt sich von diesen Verzeichnissen die Dichte der Besiedlung erschließen. Eine Verifizierung der Daten ist begrenzt mittels Abgleich mit den Ergebnissen der Auswertung der Kirchenbücher möglich.[16] Problematisch stellen sich diese Quellen allerdings auch in Hinsicht auf ihre begriffliche Präzision dar: Die Definition eines „Herdfeuers“ differierte sowohl regional als auch über die Zeiten hinweg.[17]

Unverzichtbar ist neben den „Statistischen Dokumenten“ der Beitrag der archäologischen Erkenntnisse über die Anatomie der mittelalterlichen Stadt. Josiah C. Russell betont, Feldforschung ist insbesondere wichtig um die Bevölkerungsdichte einer Stadt zu ermitteln und um geschätzte Ergebnisse aus Dokumentenquellen zu verifizieren. Die mittelalterliche Stadt war demnach weitestgehend gleichmäßig bebaut und füllte die Grenzen ihrer – dem Forscher heute meist bekannten –Stadtmauern im Regelfall völlig aus. Erweiterungen der Befestigung lassen sich zeitlich bestimmen und geben so weitere Hinweise auf demographische Entwicklungen. Das Antlitz der mittelalterlichen Stadt des 14. Jahrhunderts lässt sich oft noch heute mit einem Blick auf den Stadtplan rekonstruieren, da sich die Anlage der Straßen wesentlich von der späterer Epochen unterscheidet.[18] David Herlihy hingegen gesteht solchen Erkenntnissen nur dort eine Bedeutung zu, wo wenige geschriebene Quellen vorliegen, was für das Frühmittelalter generell, oder Zentraleuropa und Skandinavien auch später noch gilt. Allgemein hält er fest: „[T]he historical demography of core European areas in the central and late Middle Ages has rested primarily on written documents“.[19]

[...]


[1] Vgl. Matthias Meinhardt u. a. (Hrsg.): Oldenbourg Geschichte Lehrbuch Mittelalter, München 2007, S. 321.

[2] Vgl. Karl Julius Beloch: Die Bevölkerung der grieschisch-römischen Welt, Berlin 1886. Zur Bedeutung der Arbeit vgl. Josiah C. Russell: Late Ancient And Medieval Population, Philadelphia 1958, S. 7.

[3] Vgl. Karl Bücher: Die Bevölkerung von Frankfurt am Main im XIV. und XV. Jahrhundert, Tübingen 1886.

[4] Vgl. Meinhardt: Mittelalter, S. 321 und S. 394f.; sowie Ulf Dirlmeyer / Gerhard Fouquet / Bernd Fuhrmann: Europa im Spätmittelalter 1215-1378, München 2003 (=Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Band 8), S.165.

[5] Ernst Pitz: Entstehung und Umfang statistischer Quellen in der vorindustriellen Zeit, in: HZ 223 (1976), S. 1-39, hier S. 4.

[6] Vgl. Josiah C. Russell: Die Bevölkerung Europas 500-1500, in: Carlo M. Cipolla / Knut Borchardt (Hrsg.): Bevölkerungsgeschichte Europas. Mittelalter bis Neuzeit, München 1971, S. 10

[7] Pitz: Statistische Quellen, S. 1.

[8] Vgl. David Herlihy: Outlines of Population Developments in the Middle Ages, in: Bernd Herrmann / Rolf Sprandel (Hrsg.): Determinanten der Bevölkerungsentwicklung im Mittelalter, Weinheim 1987, S. 1-23, hier S. 2-4.

[9] Vgl. Herlihy: Population Developments, S. 4.

[10] Vgl. Pitz: Statistische Quellen, S. 6-10.

[11] Vgl. Herlihy: Population Developments, S. 6

[12] Vgl. Pitz: Statistische Quellen, S. 13-17.

[13] Vgl. Herlihy: Population Developments, S. 6f.

[14] Vgl. Russell: Bevölkerung Europas, S. 11; sowie Herlihy: Population Developments, S. 6f.

[15] Vgl. Pitz: Statistische Quellen, S. 18f.

[16] Vgl. ebd., S. 23.

[17] Vgl. Roger Mols: Introduction à la démographie historique des villes d’Europe du XIVe au XVIIIe siècle, Band 1, Gembloux / Löwen 1954-1956, S. 251-259; sowie allgemein: Pitz: Statistische Quellen, S. 1f.

[18] Vgl. Russell: Bevölkerung Europas, S. 12f.

[19] Herlihy: Population Developments, S. 2.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Methodische Probleme der historischen Demographie - Am Beispiel der Bevölkerungsentwicklung des Hoch- und Spätmittelalters
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Historisches Seminar )
Veranstaltung
Proseminar: Das Spätmittelalter – Krise und Aufbruch
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V111648
ISBN (eBook)
9783640097364
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Methodische, Probleme, Demographie, Beispiel, Bevölkerungsentwicklung, Hoch-, Spätmittelalters, Proseminar, Spätmittelalter, Krise, Aufbruch, Historische Demographie, Annales, logue duree, Pest, Methode, Methodologie, Quellen, Quellenbasis, Malthus, Malthusianer, Neo-Malthusianer
Arbeit zitieren
Christoph Sprich (Autor), 2008, Methodische Probleme der historischen Demographie - Am Beispiel der Bevölkerungsentwicklung des Hoch- und Spätmittelalters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111648

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