Die Fremde in "The travels of Sir John Mandeville"


Seminararbeit, 2002
17 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Soziologische Fremdbetrachtung im Bezug auf die Darstellung des Autors

III. Die Darstellung der Griechen

IV. Das Heilige Land

V. Die Sarazenen

VI. Fremde jenseits des Heiligen Landes

VII. Das Land des Grossen Khan

VIII. Erstrebenswerte Fremde: Priester Johann, die Brahmanen und das Paradies

XI. Die Verwendung der Fremde bei Mandeville

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

The Travels of Sir John Mandeville [1] wurden im 14. Jahrhundert bekannt und erlangten große Popularität vor allem als Quelle für geographische und ethnographische Informationen; Leonardo da Vinci und Kolumbus nutzten sie für ihre Entdeckungsreisen. Doch de facto handelt es sich bei den Travels nicht um den realistischen Reisebericht eines weit gereisten englischen Ritters, sondern vielmehr um ein fiktives Werk in der Gattung des travelogue [2] , einer hybriden Gattung bestehend aus deskriptiven, autobiographischen und erzählerischen Elementen. Das Werk entsprach dem mittelalterlichen Anspruch einer ernsten moralischen Absicht mit den drei wesentlichen Themen: die Unwürdigkeit der Christen Palästina zu besitzen, die Korruptheit der westlichen Kirche und die Darstellung guter Nichtchristen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Autor der Travels, wer auch immer er war, nicht gereist ist, sondern sein Wissen nachweislich aus anderen Quellen bezog mit dem Ziel durch die Beschreibung fremder Länder und Völker die moralische Verwerflichkeit und die Korruptheit der westlichen christlichen Welt darzustellen.

Es ist erstaunlich, dass so bedeutende Entdecker wie Kolumbus die Travels als faktische Grundlage für ihre Entdeckungsreisen nahmen. Daher möchte ich in dieser Arbeit die literarische Darstellung der Fremde und die ihr immanente Intension betrachten. Der hohe literarische Wert des Werkes resultiert gerade aus dem Umstand, dass jemand ohne die Völker und Orte tatsächlich besucht zu haben, die er beschreibt, eine teilweise äußerst präzise und detaillierte Darstellung der Fremde gibt, die jahrzehntelang für wahr gehalten wurde.

Bei der Untersuchung der Fremddarstellung soll die Chronologie des Werkes auch Vorlage dieser Analyse werden. Die Travels können in zwei Bereiche aufgeteilt werden: die erste Hälfte befasst sich mit dem Weg zum Heiligen Land und der Darstellung der auf diesem Weg lebenden Völker, während es in dem zweiten Abschnitt um die Darstellung des Fernen Ostens geht. Der erste Teil entspricht dabei dem damaligen Interesse an der Pilgerfahrt, ein wesentlicher Grund für die Popularität des Werkes, der zweite Teil entspricht der Neugier[3] gegenüber einer noch unbekannten Welt.

Neben der literarischen Analyse möchte ich soziologische Auffassungen von Fremde in die Untersuchung einfließen lassen, um die aus der Lektüre resultierende Wirkung auf den Leser zu untermauern.

II. Soziologische Fremdbetrachtung im Bezug auf die Darstellung des Autors

Fremderfahrung kann auf unterschiedlichen Ebenen gemacht werden. Nach Waldenfels[4] gibt es drei Stufen der Fremderfahrung: die Fremdheit auf gleicher Stufe, auf früherer Stufe und die Fremdartigkeit abartiger Zustände. Allgemein betreffe Fremdheit Erfahrungsgehalte und

–bereiche. Alles, was über die Eigenheitssphäre[5] hinausgehe, also keine Zugehörigkeit, Vertrautheit oder Zugänglichkeit besitzt, wird als fremd bezeichnet. Fremdartiges übersteige „Grenzen bestimmter Ordnungen“, wobei diese Ordnungen das enthalten, was man als bekannt oder eigen bezeichnen kann. Mandeville berührt in seinem Werk diese drei Stufen von Fremdheit. Die Griechen sind als Fremde durch ihren christlichen Glauben dem Eigenen sehr ähnlich, so dass man hier von Fremdheit auf gleicher Stufe sprechen kann. Im Allgemeinen versucht der Autor gerade bei absolut andersartigen Bräuchen eine Nähe zum Eigenen aufrechtzuerhalten, so dass das Fremde oft vertraut, das Vertraute oft fremd er-scheint[6]. Es ist daher sehr schwer eine Fremdheit auf früherer Stufe zu finden. Die Fremdartigkeit abartiger Zustände trifft man im zweiten Teil des Werkes an: so beschreibt er hässliche Menschen mit nur einem Auge auf der Stirn und anderen körperlichen Abnormalitäten. Mandeville nutzt vor allem eine Stufe von Fremdheit, die ich als Fremdartigkeit auf höherer Stufe bezeichnen möchte: die Fremde fungiert als Vorbild. Das Land des Großen Khans soll als gutes Beispiel den schlechten Christen zu Hause vorangehen.

Da Fremde außerhalb einer bekannten Ordnung liegt, bedarf es einer Form von Bewältigung um das Fremde einzudämmen oder zu bändigen. Waldenfels nennt dafür die Aneignung der Fremde, die Mandeville durch seinen nüchternen, rationalisierenden Stil dem Leser ermöglicht. Die Aneignung geschieht, „[...] indem es [das Fremde] am Eigenen gemessen wird [...] .“ (B.W.: Der Stachel des Fremden, 61) . Je weiter östlich sich Mandeville bewegt, umso stärker kehrt er dieses Prinzip um. Denn er misst das Eigene am Fremden, indem er das fromme Verhalten von Christen und Nichtchristen im Fernen Osten den heimischen Christen als Spiegel ihrer selbst vorhält. Eine Auslieferung an das Fremde findet sich bei Erläuterungen wie „ [...] as men say, for I myself have not seen it [...] “ (MT, 53). Dies findet sich bei Mythen und Legenden oder bei der Beschreibung des irdischen Paradieses. Das Fremde bleibt durch die Nichtbestätigung des Autors dem Eigenen fern und unzugänglich, aber gerade durch diese Offenheit bedrohlich oder verlockend.

III. Die Darstellung der Griechen

Im Prolog zu seinem Werk stellt der Autor seine Intention dar: als guter Christ unterstützt er das Bestreben das Heilige Land und vor allem Jerusalem als Mittelpunkt der Erde zurückzuerobern, da es das den Christen rechtmäßig zustehende Erbe sei. Zu Beginn des Werkes entsteht der Eindruck, dass der Autor einen Kreuzzug[7] führen wird zur Wiederinbesitznahme des Heiligen Landes:

For we are called Christian men from Christ our Father; and if we be true children of Christ, we ought to lay claim to the heritage that our Father left to us, and win it out of strange men’s hands. (MT, 44)

Es folgt aber keine Anleitung zur Rückgewinnung, sondern die Beschreibung von Wegen zum Heiligen Land und die Darstellung der gerade erwähnten seltsamen, fremden Menschen, ihrer Länder und Sitten. Der erste umfassende Gegenstand der Fremddarstellung ist Griechenland. Er zeichnet sich aus durch den starken religiösen, christlichen Bezug in der Beschreibung des Landes. Dieser christliche Hintergrund zieht sich unterschiedlich stark durch das ganze Buch. Neben geographischen, ethnographischen, mythischen und wundersamen Darstellungen stellt die christliche Religion für den damaligen Leser das Band dar, welches das entfernte, fremde Griechenland mit der Heimat verbindet. Ich möchte daher diese Fremddarstellung unter dem Aspekt einer nahen und zugänglichen Fremde anhand der Kapitel drei, vier und fünf analysieren.

Einen religiösen Einstieg schafft Mandeville durch die Vorstellung von Konstantinopel

(MT, 49 ff.). Dort liege die Heilige Anne, Mutter von Maria. Nach einigen Details über den Stadtaufbau geht der Autor über zu geographischen Informationen über Griechenland und seine Inseln. Zwischen diese Fakten mischt er entweder historische Begebenheiten, wie zum Beispiel über Aristoteles und seine Geburtsstadt, oder er stellt Sitten dar, wie das jährliche Fest am aristotelischen Grab, oder er berichtet über Wundersames, wie über die trockene Luft auf dem Berg Athos. Dort seien von weisen Männern Briefe geschrieben worden, die nach einem Jahr aufgrund der trockenen Luft unverändert vorgefunden wurden. Der Autor bietet angebliche Beweise, um das Wundersame glaubhaft zu machen. Auf ein weiteres Wunder in Konstantinopel, wo eine goldene Tafel gefunden wurde, die schon vor 2000 Jahren die Geburt Jesu Christi voraussagte, folgt eine längere Abhandlung über die religiösen Besonderheiten des griechischen Christentums. Gerade diese Konzentration auf die Religion schafft dem gläubigen Leser im Mittelalter den Zugang zur Fremde. Obwohl Unterschiede zum eigenen Glauben dargestellt werden, ist dieser doch Grundlage der Darstellung und schafft somit einen bequemen Übergang vom Eigenen zum Fremden. Ein wesentlicher Unterschied beispielsweise ist, dass die Griechen dem Papst nicht gehorchen, ihn sogar als habgierig bezeichnen. Hier schwingt schon die Kritik am westlichen Christentum mit, die später weiter ausgebaut wird. Die Griechen haben eine andere Bezugsperson, den Herrscher über Konstantinopel. Er steht über den anderen Geistlichen als weltlicher und religiöser Herrscher. Weitere Unterschiede bei der Taufe, bei Essgewohnheiten und bei der Auffassung vom Bart als Symbol der Männlichkeit ergänzen die Darstellung des griechischen Glaubens und ermöglichen durch die Nüchternheit der Aufzählung einen schnellen Bezug zu diesen fremden Sitten. Ein ähnlicher Fremdzugang findet sich bei der Auflistung des griechischen Alphabets, das sich zwar vom Eigenen unterscheidet, aber immer noch ein System von Buchstaben ähnlich dem heimischen ist. Zu Beginn des vierten Kapitels rechtfertigt der Autor seine Ausschweifungen und sein Abkommen von der Beschreibung des Weges zum Heiligen Land, indem er das zentrale Mittel für seine Kritik am westlichen Christentum ausdrückt:

And although these things do not bear on teaching you the way to the Holy Land, nevertheless they do touch on what I promised to show you, that is to say the customs, manners and diversities of countries. (MT, 52)

[...]


[1] C.W.R.D. Moseley (Herausgeber). The Travels of Sir John Mandeville. London, 1983. Im Weiteren abgekürzt durch MT

[2] Stephan Kohl. Reiseromane/ Travelogues: Möglichkeiten einer ‘hybriden’ Gattung. In: Fremderfahrung in Texten des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, herausgegeben von Stephan Kohl und Günter Berger. Trier, 1993, 149-153

[3] Hans Blumenberg. Der Prozeß der theoretischen Neugierde. Frankfurt am Main, 1973, 24

[4] Bernhard Waldenfels. Der Stachel des Fremden. Frankfurt am Main. 3.Auflage, 1998, 59 ff. Im Weiteren abgekürzt B.W.: Der Stachel des Fremden

[5] Edmund Husserl. „ Grundlegende Untersuchungen zum phänomenologischen Ursprung der Räumlichkeit der Natur“. In: Philosophical Essays in Memory of Edmund Husserl, herausgegeben von M. Farber, Cambridge, Mass., 1940

[6] Stephen Greenblatt. Wunderbare Besitztümer. Berlin. 3. Auflage, 1998, 71. Im Weiteren abgekürzt S.G.: Wunderbare Besitztümer

[7] S.G.: Wunderbare Besitztümer, 50

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Fremde in "The travels of Sir John Mandeville"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Anglistik und Amerikanistik)
Veranstaltung
PS Medieval and Early Modern Travel Narratives
Note
2,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V11166
ISBN (eBook)
9783638173995
ISBN (Buch)
9783638799096
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fremde, John, Mandeville, Medieval, Early, Modern, Travel, Narratives
Arbeit zitieren
Johanna Wünsche (Autor), 2002, Die Fremde in "The travels of Sir John Mandeville", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11166

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