Das Lick - Ein Tor zur Improvisation


Examensarbeit, 2008

47 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 „Das Lick“ – Begriffsklärung und Sachanalyse

2 Didaktische Analyse

3 Einordnung der Unterrichtseinheit und Groblernziele

4 Bemerkungen zur Klassensituation

5 Übersicht über die Unterrichtseinheit
5.1 Einstieg: Video und Mindmap (20min)
5.2 Modul 1: Blues – Hintergrundwissen (100min)
5.3 Modul 2: Spielen mit vorgegebenen Licks (130min)
5.4 Modul 3: Erarbeitung des Lick-Begriffs (40min)
5.5 Modul 4: Anwendung des Gelernten auf ein typisches Blues-Stück (70min)
5.6 Modul 5: Tondokumentation und Selbstreflexion der SuS (45min)

6 Detailanalyse der einzelnen Unterrichtsstunden
6.1 Erste Doppelstunde
6.2 Zweite Doppelstunde
6.3 Dritte Doppelstunde
6.4 Vierte Doppelstunde
6.5 Neunte Stunde

Einleitung

Klassenmusizieren. Blues ist angesagt. Die Begleitung funktioniert einigermaßen, das Thema klingt auch ganz gut. Jetzt soll Petra[1] ein Solo auf der Querflöte improvisieren. Petra spielt schon ziemlich lange Querflöte. Daher ist sie auch schon ziemlich gut. Sie ist die „Beste“ in der Klasse. – „Die A-Blues-Tonleiter besteht aus a, c, d, es, e und g “, sagt Herr Meier, der Musiklehrer, und zählt ein. Aber Petra spielt nicht. Sie vergräbt sich nur verschämt in die Noten. „Was ist los? Spiel‘ doch!“ – „Aber… ich weiß doch nicht, was …“ – „Hab‘ ich dir doch gerade gesagt: Einfach irgendwas auf der A-Blues-Tonleiter! A, c, d, es, e und g !“ Er zählt wieder ein, Petra spielt ein a, kuckt ihre Nachbarin an, spielt noch ein a, dann ein c und wird schließlich ganz rot im Gesicht. Sie setzt die Flöte ab und schaut diesmal Herrn Meier an statt in die Noten. „Ich weiß nicht, was ich spielen soll… Ich kann das nicht.“ Damit ist das Thema Improvisation innerlich für sie abgeschlossen.

Zugegeben, Petra gibt in diesem Beispiel relativ schnell auf, aber auch Schüler, die einen höheren Grad an Durchhaltevermögen aufweisen und ein Solo über die gesamte „Distanz“ hinbekommen, haben enorme Probleme bei der Auswahl des gespielten Materials, bzw. wissen nicht so recht, was sie jetzt genau spielen sollen. – Und so klingt das dann auch: Ein Ton nach dem anderen, keine Zäsuren, keine Wiederholungen, keine Abwandlungen, nichts Griffiges... Kurz: Für den Solisten unbefriedigend, für die Zuhörer „öde“ und „langweilig“.

Wie schafft man es, ein Solo mit relativ einfachen Mitteln „besser“ klingen zu lassen?

Wie wird ein Solo sowohl für den Solisten als auch für Zuhörer interessanter?

Wie erreiche ich mit Schülern die nächste Stufe des Improvisierens?

Das Aufkommen von Fragen dieser Art leitete mich dazu, mich in der vorliegenden Unterrichtseinheit mit eben diesem Thema auseinander zu setzen und somit den Versuch zu starten, der interessanteren Schülerimprovisation einen Schritt näher zu kommen.

Die vorliegende Arbeit ist so aufgebaut, dass einer kurzen Sachanalyse zur Klärung des Begriffs Lick eine didaktische Analyse folgt, in der Vorteile und ggf. auftretende Schwierigkeiten für die SuS[2] durch die Arbeit mit Licks erörtert werden. Der dritte Teil der Arbeit behandelt die Einordnung des Unterrichtsinhaltes in die aktuellen Lehrpläne und daraus entstehende übergeordnete Lernziele. Einer kurzen Erläuterung der Klassensituation folgt der Hauptteil der Arbeit: ein zweigeteilter Analyseteil, der im ersten Abschnitt den in inhaltliche Module aufgeteilten Unterrichtsinhalt allgemein erläutert, wobei konkrete kleinere Lernziele aufgestellt werden, die sich den groben Lernzielen aus dem dritten Teil der Arbeit unterordnen. Im zweiten Abschnitt dieses Hauptteils wird der tatsächliche Unterrichtsverlauf analysiert, reflektiert und in Verbindung zu den vorher formulierten Lernzielen gebracht.

1 „Das Lick“ – Begriffsklärung und Sachanalyse

Der Begriff Lick stammt ursprünglich aus der Jazz-Musik-Szene, hat sich aber inzwischen auch in der Pop- und Rock-Musik-Szene weitestgehend durchgesetzt. Auch an den Hochschulen wird er inzwischen als gebräuchlicher Ausdruck auf dem Feld der Improvisation verwendet[3]. Er steht für eine melodische Phrase, die in improvisierten Solos[4] als Grundformel verwendet und spontan weiterentwickelt wird. Begriffe wie Pattern, Riff und Vamp sind zwar verwandte Ausdrücke, doch sind diese in einem anderen Sinne zu gebrauchen: Während ein Pattern vor allem im rhythmischen Kontext verwendet wird, stehen die Begriffe Riff (in der Rockmusik) und Vamp (im Jazz) für ein Motiv in der Begleitung und nicht in der Melodiestimme. Leider kommt es in der Praxis häufig zur Verwechslung dieser Ausdrücke, so z.B. auch in einigen Schulbüchern[5].

Zum Aufbau eines Licks ist zu sagen, dass es zum einen aus einem bestimmten Zielton (auf einer bestimmten Zählzeit) und zum anderen aus dem Weg des Erreichens dieses Zieltons besteht. In den folgenden auf der A-Blues-Tonleiter basierenden Beispielen ist der Zielton des Licks immer der Ton a und liegt immer auf der Zählzeit 4+, die bei Stücken, die im sog. Swing-Feeling stehen, den vorgezogenen Taktschwerpunkt darstellt. Der Unterschied der Beispiele liegt im jeweiligen Weg, über den dieser Zielton erreicht wird:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2 Didaktische Analyse

Licks werden in improvisierten Solos hauptsächlich aus dem Grund verwendet, dem Zuhörer eines solchen Solos Wiedererkennungsmöglichkeiten zu bieten und ihm so das Verständnis des musikalisch Dargebotenen zu erleichtern, wodurch ein Solo interessant und nachvollziehbar wird. Daher bietet es sich auch hier an, die Verwendung von Licks als Lösung für das im Vorwort dargestellte Problem der ungriffig und schwammig klingenden Schülerimprovisationen der ersten Stufe[6] heranzuziehen und somit die „Stufe Zwei“ des Improvisieren-Lernens zu erreichen.

Aber auch für den selbst improvisierenden Schüler hat die Verwendung von Licks einen entscheidenden Vorteil: Hat er auf der ersten Stufe lediglich mit der Anweisung „Spiel einfach irgendwas“ gearbeitet – und somit eigentlich nur eine Eingrenzung des ihm zur Verfügung stehenden Tonmaterials von zwölf auf sechs Töne erhalten –, so bieten sich ihm jetzt konkrete Ideen, wie er mit dem erlernten Tonmaterial der Blues-Tonleiter umgehen könnte. Er bekommt auf dieser zweiten Stufe Umgangsweisen mit diesem Material geliefert, die er aufnehmen, verwenden und ggf. weiterentwickeln kann; in jedem Falle jedoch erlangt er dadurch eine gewisse Sicherheit, so dass der Satz Ich kann das nicht! Im Idealfall gar nicht mehr fallen muss, zumindest aber bei den meisten SuS erst etwas später erfolgt.

Ebenso wie die Anwendung von Licks ist der Gebrauch des Begriffs Lick von äußerster Wichtigkeit, da – wie allgemein im gesamten Schulleben – im vorliegenden Themenfeld eine gewisse Authentizität im Gebrauch von Fachtermini besonders wichtig ist, um bei den SuS den nötigen Respekt vor dem Thema einerseits und vor der Lehrperson als Fachmann andererseits zu erlangen. Daher sollte der Begriff Lick von Anfang an verwendet und auf Hilfsbegriffe wie Baustein oder gar Themenschnipsel verzichtet werden.

Allerdings erscheint die genaue Definition des Begriffs erst im weiteren Verlauf der Unterrichtseinheit und nicht schon zu Beginn, damit der hier angestrebte Kompetenzerwerb, wie in den „Leitgedanken zum Kompetenzerwerb für Musik“ nachzulesen ist, „besonders erfolgreich“ verlaufen kann. Dieser Fall tritt dann ein, „wenn [der Kompetenzerwerb] über das eigene Handeln zum Können und erst dann zum Wissen und zu den Begriffen führt“[7],[8].

3 Einordnung der Unterrichtseinheit und Groblernziele

Zur Einordnung der Unterrichtseinheit „Das Lick – ein Tor zur Improvisation“ ist selbstverständlich zunächst der für die betroffene Klasse 9 (Musikzug) geltende „Lehrplan für das Musik-Profil – gültig ab Schuljahr 1996/97“ heranzuziehen. Der Hauptankerpunkt der vorliegenden Unterrichtseinheit liegt hier zweifelsohne in der Lehrplaneinheit 5 „Jazz I“ der Klasse 9, und zwar genauer im Bereich „Jazz-Workshop“ und „Wurzeln und Frühformen des Jazz“. Hieraus ergeben sich auch bereits die beiden groben Lernziele der Unterrichtseinheit:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die SuS sollen laut Lehrplan durch „Höranalyse“, „Musizierpraxis“ und „eigenes Improvisieren“ ein „Gespür für Jazzfeeling“ entwickeln und auf der Basis der „melodischen Grundlage“ der Bluestonleiter und unter Beachtung der stiltypischen „Akzentuierung“ (Off-Beat-Akzente) und „Phrasierung“ (ternäres Feeling) ihre bisherigen Erfahrungen im Bereich der Improvisation vertiefen[9].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Als eher theoretisches Lernziel sollen die SuS hier u.a. die melodischen, rhythmischen, harmonischen und inhaltlichen Besonderheiten des Blues kennen lernen bzw. die schon gelernten Inhalte weiter vertiefen.

Innerhalb dieser beiden übergeordneten Groblernziele lassen sich verschiedene Feinlernziele ermitteln, worauf ich in Kapitel 5 näher eingehen werde.[10]

Hier möchte ich zunächst noch auf ein drittes grobes Lernziel aufmerksam machen, nämlich auf die Querverbindungen, die sich im Sinne des Spiralcurriculums aus der vorliegenden Unterrichtseinheit ergeben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hierfür soll zunächst ein Blick auf weitere LPE dieser Klassenstufe, dann aber auch auf andere Klassenstufen sowie weitere Bildungspläne geworfen werden. In LPE 1 „Klassische Sonate und Sinfonie“ ist von „Motiv“ und „Phrase“ bzw. von „Motivbeantwortung“ die Rede. Übertragen auf die Begrifflichkeit der Blues-Improvisation kann hier durchaus ein Zusammenhang hergestellt werden zwischen Lick und Motiv/Phrase bzw. Call & Response und Motivbeantwortung. Ein weiterer inhaltlicher Zusammenhang kann zwischen der motivisch-thematischen Arbeit im Sonatenhauptssatz und dem Call & Response-Prinzip hergestellt werden. Für die „eigenen Gestaltungsversuche“ in LPE 2 „Darstellende Musik“ dienen die in der hier vorliegenden Unterrichtseinheit relativ umfangreichen instrumentalpraktischen Unterrichtsphasen zumindest als ein weiterer Schritt in Richtung Fertigkeiten im Umgang mit dem eigenen Instrument. Da die Entwicklung des Blues bzw. des Jazz auch auf die Entwicklung der Pop / Rockmusik Einfluss hat, ist eine Querverbindung zur LPE 6 „Pop / Rockmusik II“ sowie zur LPE 7 „Musical“ möglich. Die Verwendung des Computerprogrammes Band-in-a-Box und des Aufnahmetools SONY Sound Forge ermöglichen eine Querverbindung zum Bereich 4 „Musik mit dem Computer“ der LPE 8 „Wahlpflichtbereich“. Darüber hinaus kommt den Bereichen der Musiktheorie (Blues-Schema, Blues-Tonleiter, etc.) und der Gehörbildung (durch Call & Response-Übungen in verschiedenen Varianten) in dieser Unterrichtseinheit besondere Geltung zu.

Beim Blick auf vorangegangene Klassenstufen dieses Lehrplanes sind folgende Zusammenhänge zur vorliegenden Unterrichtseinheit auffällig: „Zusammenspiel im Klassenorchester“ und „Sprechen über Musik“ (Klasse 5), „(Gruppen-)Improvisation“ und „Vom Motiv zum Thema“ (Klasse 6), „Bluesimprovisation mit ausgewählten Tönen“[11] (Klasse 7) sowie der besonderen Aufmerksamkeit auf die Gehörschulung ab Kasse 8. Für die Verbindungsmöglichkeiten in zukünftige Unterrichtsinhalte sprechen folgende Zusammenhänge: „Jazz II“ (Klasse 10, LPE 7), „Praxisbezogene Projekte – Jazzensemble“ (Klasse 11, LPE 7) und die musikpraktischen Bereiche des Kursstufen-Lehrplans[12].

Abschließend möchte ich noch auf die Verbindungen zu dem für diese Unterrichtseinheit in der Zukunft geltenden Bildungsplan eingehen: In den „Leitgedanken zum Kompetenzerwerb“ ist davon die Rede, dass „der Musikunterricht grundsätzlich, wo immer es möglich ist, Musiziererfahrungen ermöglichen“ muss, dass „Musizieren und Improvisieren“ die „Teamfähigkeit und Kreativität“ fördern und dass im Musikprofil auf ebendieses intensive Musizieren und Improvisieren besondere Schwerpunkte gelegt werden sollen. In Kompetenzbereich 1 des Musikprofils ist davon die Rede, „Fähigkeiten im instrumentalen Musizieren“ zu erweitern (bis Klasse 8) und zu vertiefen (bis Klasse 10) und „einfache ‚Antworten‘ auf Motive und Phrasen“ zu improvisieren („Call & Response-Prinzip“). In Kompetenzbereich 2 tauchen Formulierungen auf wie: „komplexere musikalische Strukturen wahrzunehmen sowie ihren Ausdruck und ihre Wirkung differenzierter zu beschreiben“ (Klasse 8) und dieses Wissen dazu zu nutzen, „das eigene Musizieren differenzierter zu gestalten“ (Klasse 10). Im Profil (Klasse 8) ist zusätzlich ganz konkret von „weiteren Ordnungen im Tonraum ([…] Bluestonleiter)“ die Rede. Schließlich finden sich im Kompetenzbereich 3 der Stil „Jazz“ und damit (als Vorform) auch der Blues in Klasse 8 (sowohl in der Normalform als auch im Musikprofil) wieder.[13]

[...]


[1] Alle Namen frei erfunden.

[2] Hier und im Nachfolgenden soll die Abkürzung SuS für „Schülerinnen und Schüler“ stehen.

[3] Bspw. an der Hochschule für Musik (HfM) Mannheim: Prof. Michael Küttner, Prof. Jürgen Seefelder, Prof. Dave King u.a. sowie an der HfM Stuttgart: Ulrich Gutscher, Frank Sikora u.a.

[4] Im Gegensatz zur Pluralform „Soli“, wie sie in der Klassik gebraucht wird, benutzt man im Jazz/Pop-Bereich die Pluralform „Solos“.

[5] „Sehr viele Blues-Melodien bestehen teilweise oder ganz aus wörtlich wiederholten oder leicht veränderten kurzen Motiven. Man nennt diese melodische Spielweise Riff-Technik.“ In: Musik um uns 2/3 – Neubearbeitung. Hannover 2002. S. 114.

[6] Die erste Stufe des Improvisieren-Lernens besteht zumeist aus dem Erlernen des zu verwendenden Tonmaterials (hier. Blues-Tonleiter), ohne dass auf eine nähere Formgebung eingegangen wird. (Siehe: Vorwort)

[7] Alle in: Bildungsstandards für Musik, Stuttgart 2004, S. 271.

[8] Vgl. mit dem Erlernen der Muttersprache: Hier werden neue Begriffe auch zunächst mit konkreten Inhalten versehen und erst im fortgeschrittenen Stadium des Erlernens genauer theoretisiert.

[9] Alle in: Lehrplan für das Musikprofil, Stuttgart, gültig ab Schuljahr 1996/97. Klasse 9, LPE 5 „Jazz I“. (hier und im Folgenden: LPE = Lehrplaneinheit).

[10] Vgl. Kapitel 5 „Übersicht über die Unterrichtseinheit“, S. 7ff.

[11] Vgl. Kapitel 2 „Didaktische Analyse“: Erste Stufe des Improvisieren-Lernens.

[12] „Lehrplan für das Fach Musik in der Kursstufe des Gymnasiums“.

[13] Alle in: „Bildungsstandards für Musik“, S. 270ff bzw. „Bildungsstandards für Musik (Profilfach)“, S. 404ff.

47 von 47 Seiten

Details

Titel
Das Lick - Ein Tor zur Improvisation
Hochschule
Staatliches Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (Gymnasien) Rottweil
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
47
Katalognummer
V111748
ISBN (eBook)
9783640157921
ISBN (Buch)
9783640161416
Dateigröße
2488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lick, Improvisation
Arbeit zitieren
Matthias Jakob (Autor:in), 2008, Das Lick - Ein Tor zur Improvisation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111748

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