Seit den Anfängen der modernen, gleichermaßen an ideologiekritischen wie an organisationstheoretischen Fragestellungen interessierten Religionssoziologie, die zunächst als Soziologie der christlich-abendländischen Kirchen und ihrer jeweiligen Varianten im Kulturkreis der "Neuen Welt" in Erscheinung trat, sind im Zusammenhang mit Untersuchungen zur "organisierten Heilsanstalt", wie die Kirchen in der Nachfolge Max Webers regelmäßig beschrieben wurden, deren jeweiliger Zeitgestalt, insbesondere ihrer verrechtlichten Form gegenüber immer wieder fundamentale Vorbehalte angemeldet worden. Diese erstrecken sich vor allem auf das Problem, ob "Kirche" als institutionell determinierte, in der Regel mit staatlich verbrieften Rechten ausgestattete Anstalt nicht
notwendigerweise den Realitätskontakt zu ihrer "Basis" verlieren und sich aufgrund ihrer Organisationsstruktur von den alltagspraktischen Bedürfnissen ihrer Anhänger unweigerlich entfremden müsse.
In der Folge dieser soziologischen Tradition hat man sich angewöhnt, in Dualen zu reden. Der soziologische, zu analytischen Zwecken durchaus brauchbare, weil Operationalisierungen gestattende Sprachgebrauch, "Amt" und "Gemeinde", "Volk" und "Hierarchie", "Institution" und "Basis" dualistisch einander gegenüberzustellen, wurde zudem von den entsprechenden ekklesiologischen und pastoralen Sprachbildern, kurz: von theologischer Theoriebildung, teils evoziert, teils legitimatorisch gestützt. Die Theologen selber ergingen sich lange Zeit in idealtypisierenden, soziologisch geprägten dualen Argumentationsfiguren. Inzwischen ist eine Tendenzwende eingetreten. Sie betrifft sowohl die Vorbehalte der betroffenen Gläubigen gegenüber der als Provokation empfundenen historischen Zeitgestalt "ihrer" Religion als auch die theologische "Überwindung" jener Dichotomien, die von der Theologie selber produziert worden waren. Erinnert sei nur an die verschiedenen, miteinander konkurrierenden "modernen" Ekklesiologien, die als innertheologischer Reflex auf den soziologisch zwar konstatierbaren, theologisch jedoch inakzeptablen Tatbestand einer Zwei-Reiche-Lehre innerhalb der einen Konfession zu interpretieren sind. Andererseits ufern die weitgehend privat-egoistisch motivierten Distanzierungsversuche kirchengebundener Religiosität in eine "Bewegung" massenhafter Kirchenaustritte aus – Privatreligion wird allgemein –, gleichzeitig nehmen freikirchliche Gruppierungen an Zahl und Bedeutung zu.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Soziologische Überlegungen zum Verhältnis institutionell verfasster "Religion" (Kir che), volkskirchlicher Massen-Basis und "expressiven Gruppen"
Kapitel 2
Kommunikationstheoretische Überlegungen zum Orientierungsdefizit institutionalisier ter Religion heute
Kapitel 3
Nachrichten für die geistige Provinz?
Zum Strukturdilemma konfessioneller (katholischer) Publizistik
Kapitel 4
Die Kirchen und ihr "image".
Materialien und Meinungsprofile zu ihrer Situation in der Bundesrepublik
Kapitel 5
Der (europäische) Präambelgott.
Fetisch, sakralisierende Überhöhung oder Skandalon?
Über den Atavismus politischer Symbolsprache in "modernen" Staaten
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die soziologischen, kommunikationstheoretischen und organisationsstrukturellen Bedingungen von institutionalisierter Religion in der säkularen Gesellschaft der Bundesrepublik. Das primäre Ziel ist es, das Spannungsfeld zwischen dem institutionellen Anspruch der Kirchen als "Heilsanstalten" und den tatsächlichen, oftmals ambivalenten Lebenswelten und Bedürfnissen ihrer Anhänger sowie der breiteren Öffentlichkeit zu analysieren, um ein tieferes Verständnis der politischen Psychologie kirchengebundener Religiosität zu gewinnen.
- Analyse der organisationslogischen Struktur und Selektivität von Großkirchen.
- Untersuchung der kommunikativen Dysfunktionalität konfessioneller Publizistik.
- Bewertung des Einflusses von religiöser Sozialisation und "expressiven Gruppen".
- Empirische Einordnung der kirchengebundenen Religiosität in das moderne Medienumfeld.
- Deutung der Symbolsprache und institutionellen Selbstdarstellung der Kirchen.
Auszug aus dem Buch
Soziologische Überlegungen zum Verhältnis von institutionell verfasster "Religion" (Kirche), volkskirchlicher Massen-Basis und "expressiven Gruppen"
Seit den Anfängen der modernen, gleichermaßen an ideologiekritischen wie an organisationstheoretischen Fragestellungen interessierten Religionssoziologie, die zunächst als Soziologie der christlich-abendländischen Kirchen und ihrer jeweiligen Varianten im Kulturkreis der "Neuen Welt" in Erscheinung trat, sind im Zusammenhang mit Untersuchungen zur "organisierten Heilsanstalt", wie die Kirchen in der Nachfolge Max Webers regelmäßig beschrieben wurden, deren jeweiliger Zeitgestalt, insbesondere ihrer verrechtlichten Form gegenüber immer wieder fundamentale Vorbehalte angemeldet worden. Diese erstrecken sich vor allem auf das Problem, ob "Kirche" als institutionell determinierte, in der Regel mit staatlich verbrieften Rechten ausgestattete Anstalt nicht notwendigerweise den Realitätskontakt zu ihrer "Basis" verlieren und sich aufgrund ihrer Organisationsstruktur von den alltagspraktischen Bedürfnissen ihrer Anhänger unweigerlich entfremden müsse.
In der Folge dieser soziologischen Tradition hat man sich angewöhnt, in Dualen zu reden. Der soziologische, zu analytischen Zwecken durchaus brauchbare, weil Operationalisierungen gestattende Sprachgebrauch, "Amt" und "Gemeinde", "Volk" und "Hierarchie", "Institution" und "Basis" dualistisch einander gegenüberzustellen, wurde zudem von den entsprechenden ekklesiologischen und pastoralen Sprachbildern, kurz: von theologischer Theoriebildung, teils evoziert, teils legitimatorisch gestützt. Die Theologen selber ergingen sich lange Zeit in idealtypisierenden, soziologisch geprägten dualen Argumentationsfiguren.
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1: Diese soziologischen Überlegungen setzen sich mit der traditionellen Trennung von "Amt" und "Gemeinde" auseinander und führen das Konzept der "expressiven Gruppen" als Differenzierungsmerkmal ein.
Kapitel 2: Das Kapitel analysiert die kommunikationstheoretischen Defizite institutionalisierter Religion, insbesondere in Bezug auf ihre Fähigkeit, als offenes Medium gesellschaftlicher Vermittlung zu fungieren.
Kapitel 3: Hier werden quantitative Daten und das Strukturdilemma der konfessionellen (katholischen) Publizistik untersucht, die oft den Anforderungen moderner Medienkommunikation nicht gerecht wird.
Kapitel 4: Es werden Materialien und Meinungsprofile zur Situation der Kirchen in der Bundesrepublik präsentiert, um deren "Image" und die Diskrepanz zwischen kirchlichem Anspruch und öffentlicher Wahrnehmung zu beleuchten.
Kapitel 5: Abschließend wird der Atavismus politischer Symbolsprache in modernen Staaten am Beispiel des (europäischen) Präambelgottes und seiner Funktion als sakralisierende Überhöhung untersucht.
Schlüsselwörter
Religionssoziologie, Kirche als Institution, Massenbasis, Konfessionelle Publizistik, Organisationslogik, Kommunikationstheorie, Säkularisierung, Politischer Katholizismus, Sozialisation, Religiöse Symbolsprache, Institutionelle Selektivität, Kirchenkritik, Machtstrukturen, Moderne Gesellschaft, Reformbedürftigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch das Verhältnis von institutionalisierten Kirchen und der säkularen Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland, wobei der Fokus auf publizistischen und organisationsstrukturellen Aspekten liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die publizistische Arbeit der Kirchen, die organisationstheoretische Struktur der "Heilsanstalt", der Einfluss von Religionsbindung auf das Sozialverhalten sowie die Rolle politischer Symbolsprache.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Untersuchung der politischen Psychologie kirchengebundener Religiosität und der Frage, warum und wie die Kirche durch ihre Strukturen und Medienangebote als System agiert, das den gesellschaftlichen Anforderungen oft nur eingeschränkt gerecht wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor verwendet einen soziologischen, organisationstheoretischen und kommunikationswissenschaftlichen Analyseansatz, um durch die Verknüpfung von theoretischen Modellen mit empirischen Daten die "praktischen Ambivalenzen" des kirchlichen Systems aufzudecken.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der detaillierten Analyse kirchlicher Kommunikationspolitik, dem Verhalten von kirchlichen Publikationsorganen als "Indoktrinationsinstrumente" und der Rolle konfessioneller Subkulturen in einer modernen Gesellschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Religionssoziologie, Organisationslogik, konfessionelle Publizistik, institutionelle Selektivität und der Begriff der "expressiven Gruppen".
Wie unterscheidet sich die kirchliche Publizistik von profanen Medien?
Die kirchliche Publizistik wird oft als "Dammbautechnik" gegen moderne Einflüsse beschrieben, die primär auf die Bestätigung interner Identitätsmuster und konservativer Werte ausgerichtet ist, anstatt den offenen Diskurs zu suchen.
Was bedeutet "Organisationslogik" im Kontext der Kirche?
Es bezeichnet die Prinzipien, nach denen kirchliche Hierarchien Informationen filtern und Entscheidungen treffen, wobei primär die Selbsterhaltung des Systems vor der individuellen Bedürfniserfüllung der Gläubigen priorisiert wird.
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- Otwin Massing (Author), 2008, Kirchengebundene Religiosität und säkulare Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111752