Der Integrationsverlust durch die Veränderung der Religionen in der modernen Gesellschaft


Seminararbeit, 2008

22 Seiten, Note: 1,4


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Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. THEORETISCHES KONZEPT NACH BERGER UND LUCKMANN
2.1. Legitimation der institutionalen Ordnung
2.2. Symbolische Sinnwelten als höchste Legitimationsebene
2.2.1. Die Ebenen der Legitimation
2.2.2. Symbolische Sinnwelten
2.2.3. Die theoretische Absicherung der symbolischen Sinnwelten
2.3. Religionen als symbolische Sinnwelten

3. RELIGION IN DER MODERNEN GESELLSCHAFT
3.1. Säkularisierung
3.2. Pluralismus

4. DER MENSCH IN DER MODERNEN GESELLSCHAFT
4.1. Das moderne Bewusstsein
4.2. Eine Vielfalt von Wahlmöglichkeiten
4.3. Neue Plausibilitätsstrukturen

5. DER ZWANG ZUR HÄRESIE
5.1. Vom Schicksal zur Wahl
5.2. Häresie in der modernen Gesellschaft

6. FAZIT: INTEGRATION OHNE SYMBOLISCHE SINNWELTEN?
6.1. Zusammenfassung
6.2. Freiheit und Entfremdung
6.3. Religion, Integration, Wissenschaft?

7. LITERATURVERZEICHNIS
7.1. Bücher
7.2. Internetquellen

1. Einleitung

In ihrem zuerst 1969 erschienen Werk „Die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit“ schildern die Autoren Peter L. Berger und Thomas Luckmann, wie anhand von Legitimierung die Menschen innerhalb einer Gesellschaft in eine Normen, Werte und Wirklichkeit spendende symbolische Sinnwelt integriert werden. Diese Hausarbeit möchte, von diesem Konzept der Integration in eine Sinnwelt ausgehend, die dort geschilderten Aspekte auf die späteren religionssoziologischen Arbeiten von Peter L. Berger beziehen. In seinen Büchern „Der Zwang zur Häresie. Religion in der pluralistischen Gesellschaft.“ und „Sehnsucht nach Sinn. Glauben in einer Zeit der Leitgläubigkeit“ stellt der bekennende Christ Berger dar, wie unter den heutigen Bedingungen der Modernität die Heterogenität innerhalb einer Gesellschaft zunimmt, und dass dies die alte Sicherheit der ehemals allgemeingültigen religiösen Sinnwelten einschränkt.

Nach Peter L. Berger ist Religion in der modernen westlichen Gesellschaft durch Pluralisierung und Endmonopolisierung gekennzeichnet. Es existiert ein Nebeneinander vieler verschiedener religiöser Ausrichtungen in ein und derselben menschlichen Alltagswelt. Der einst durch die symbolische Sinnwelt konstruierte heilige religiöse Kosmos wird destabilisiert, da keine religiösen Traditionen mehr als fraglos gelten und die Auschließlichkeit bestimmter religiöse Sinnstrukturen nicht mehr gegeben ist. Dies führt dazu, dass sich der einzelne Mensch einzelne Sinnstrukturen aus der religiösen Sinnwelt herausgelöst selbst zusammenstellen muss. Durch religiöse Konkurrenz, Privatisierung und Globalisierung wandelt sich die Rolle der Religion in der modernen Gesellschaft. Zunehmend kann auch nicht-religiöses für die Sinngebung verantwortlich sein (vgl. Knoblauch in Weyel 2006: 281). Die moderne Wissenschaft beispielsweise liefert einen weltlichen Erklärungsansatz, der nicht nur außerhalb der Religion steht, sondern sogar strikt gegen diese gerichtet ist und deren Richtigkeit von Grund auf ausschließt.

Wie dieser Prozess im genauen besteht, möchte ich in dieser Hausarbeit aufzeigen. Angefangen bei dem theoretischen Modell der Wirklichkeitskonstruktion von Berger und Luckmann gelange ich über Bergers Pluralisierungstheorie schließlich zum Begriff der Integration in der modernen Gesellschaft. Während Berger nun versucht, diese neue Begebenheit im Hinblick auf die Genesung von Religionen zu untersuchen, möchte ich im letzten Teil meiner Arbeit auf den veränderten Integrationscharakter in der Moderne eingehen.

2. Theoretisches Konzept nach Berger und Luckmann

2.1. Legitimation der institutionalen Ordnung

Die prozesshafte Legitimation (Legitimierung) ist nach Berger und Luckmann die „[...] »sekundäre« Objektivation von Sinn“ (Berger & Luckmann 2007: S. 98) . Sie ist nötig, wenn eine institutionale Ordnung an eine neue Generation vermittelt werden soll. Diese war nicht zugegen, als die ursprünglichen Übereinkünfte über die Struktur der Ordnung getroffen wurden. Obwohl den Institutionen schon verschiedene Bedeutungen anhaften, muss deren Sinn einer Generation glaubhaft vermittelt werden, um „[...] »primäre« Objektivationen, die bereits institutionalisiert sind, objektiv zugänglich und subjektiv ersichtlich zu machen.“ (ebd.: S. 99) Somit bildet die Legitimierung zunächst eine Erklärung der institutionalen Ordnung, indem diese in einen zusammenhängenden Kontext eingebettet und ihr eine kognitive Gültigkeit zugeschrieben wird. Gleichzeitig ist sie durch das Setzten von neuen, verbindlichen Normen als Rechtfertigung zu verstehen. Die Zweiseitigkeit ist leichter zu verstehen, wenn man sie auf das Beispiel einer beliebigen Handlung überträgt. Die Legitimierung zeigt einerseits an warum eben diese Handlung durchgeführt werden soll. Sie impliziert die normativen Werte, die ihr zu Grunde liegen. Auf der anderen Seite wird auch angezeigt, was diese Handlung bedeutet. Ihr Sinn wird durch das mit der Legitimierung erlangte Wissen manifestiert..

Nach Berger und Luckmann ist das Ziel und die Funktion einer Legitimation als Prozess daher die nahtlose Integration neuer Teilnehmer in eine bereits vorhandene institutionale Ordnung, damit diese auch weiterhin für alle gleich bleibend gültig und ersichtlich ist.

In diesem Zusammenhang weisen die Autoren auf eine Unterteilung in zwei verschiedene Ebenen der Integration hin. Auf der horizontalen Ebene soll „[...] das Ganze einer institutionalen Ordnung sinnhaft erscheinen, und zwar für die an verschiedenen institutionellen Prozessen Beteiligten übereinstimmend sinnhaft.“ (ebd.: S. 99) So werden verschiedene Positionen, Berufe, Stellungen oder Handlungen für alle in der Gesellschaft lebenden Menschen gleich bleibend bedeutend, wie beispielsweise die Beziehung zwischen einem Malermeister und seinem Lehrling. Der Meister ist als Befehligender fest definiert, der Lehrling als derjenige, welcher gehorchen muss. Eine Umkehr der beiden Positionen ist in einer durch Integration zur Sinnhaftigkeit gewordenen Ordnung kaum möglich. Die vertikale Ebene der Integration wiederum sorgt dafür, dass „[...] dem Einzelnen das Ganze seines Lebens, das Nacheinander seines Weges durch verschiedene Teilordnungen einer ganzen institutionalen Ordnung subjektiv Sinnhaft dargeboten werden.“ (ebd.: S. 99) Der Lehrling erkennt so an, dass es in der Chronologie des Lebens wenig Sinn macht, seine Malerlaufbahn in der Positionen des Meisters zu beginnen. Es ist verankert, dass er zunächst die Schule absolviert, anschließend als Lehrling den Beruf des Malers erlernt, seine Gesellenprüfung ablegt und die Funktion des Malermeisters erst am Ende dieser Kette zu erlangen ist.

2.2. Symbolische Sinnwelten als höchste Legitimationsebene

2.2.1. Die Ebenen der Legitimation

Peter L. Berger und Thomas Luckmann stellen vier verschiedene sich empirisch gegenseitig überlagernde Ebenen der Legitimation fest. Den Beginn bildet die mündliche Weitergabe institutioneller Regeln durch einfache sprachliche Feststellungen. Auf der nächsten Ebene werden diese in ein rudimentäres, nicht beweisbares Sinngefüge eingebettet, wie es etwa in den klassischen Lebensweisheiten und Volksmärchen geschieht. Die dritte Ebene wiederum besteht aus Legitimationen, die bereits „mehr oder weniger geschlossene Bezugssysteme liefern.“ (Berger & Luckmann 2007: S. 101). Die Institutionen werden anhand eines umfangreichen und differenzierten Wissensbestandes gerechtfertig und legitimiert.

2.2.2. Symbolische Sinnwelten

Symbolische Sinnwelten schließlich stellen nach Berger und Luckmann die höchste Ebene aller menschlichen Legitimationen dar, auf der alle Elemente zum Absoluten zusammen kommen. Diese Ebene vereint Horizontales und Vertikales, Objektiviertes und Subjektiviertes. Symbolische Sinnwelten sind als „als Matrix aller gesellschaftlich objektivierten und subjektiv wirklichen Sinnhaftigkeit zu verstehen.“ (Berger & Luckmann 2007: S. 103) Sie bilden ein allumfassendes Bezugssystem für alle Ausschnitte der institutionalen Ordnung. Auf dieser höchsten Ebene werden Ordnung und Recht gesetzt, das Leben gesellschaftlich und individuell gerechtfertigt (vgl. ebd.: S.104). Dennoch sind auch symbolische Sinnwelten gesellschaftlich produziert worden. Sie müssen jedoch nicht für jedes einzelne Individuum vollständig ersichtlich sein. Der Mensch kann eine symbolische Sinnwelt „bewohnen“, ohne all ihre Facetten zu kennen. Bedeutsam ist viel mehr die potentielle Möglichkeit, dass die ganze durch die Sinnwelt gesponnene Wirklichkeit theoretisch wissbar ist (vgl. ebd.: 108). Diese Wirklichkeit bildet eine Alltagswelt, welche den Ausgangspunkt der Erfahrungen aller in ihr lebenden Menschen konstituiert.

2.2.3. Die theoretische Absicherung der symbolischen Sinnwelten

Problematisch werden symbolische Sinnwelten in dem Moment, wenn die sie tragende Gesellschaft mit einer differenten Gesellschaft konfrontiert wird, die ihre eigene symbolische Sinnwelt besitzt. Denn „[das] Auftauchen einer alternativen symbolischen Sinnwelt ist eine Gefahr, weil ihr bloßes Vorhandensein empirisch demonstriert, daß die eigene Sinnwelt nicht wirklich zwingend ist.“ (Berger & Luckmann 2007: S. 116) So werden schließlich beide miteinander konfrontierten Gesellschaft dazu gezwungen, ihre jeweils eigene Sinnwelt mit Hilfe von Stützkonzeptionen abzusichern, um deren besondere Attraktivität aufzuzeigen. Dies liegt vor allem im Interesse der Mächtigen einer Gesellschaft, jene, denen die existente Sinnwelt für die Durchsetzung ihrer Ziele als besonders günstig erscheint. Zwar räumen Berger und Luckmann ein, dass eine solche intergesellschaftliche Konfrontation in der Geschichte meist durch Waffengewalt ausgetragen wurde. Dennoch regt sie stets auch die Theoretiker einer Sinnwelt an, diese nach innen und außen stabiler erscheinen zu lassen (vgl. ebd.: S. 117). Die beiden wichtigsten Formen der sinnsichernden Stützkonzeptionen sind die Therapie und die Nihilierung. Die Therapie versucht, potentielle Abweichler mit Hilfe der vorhandenen Legitimationstheorien in teilweise individueller Anwendung von der Richtigkeit der eigenen Sinwelt zu überzeugen. Die Nihilierung versucht, ebenfalls durch Anwendung des Legitimationsapparats, alles außerhalb der eigenen Sinnwelt per se für nichtig zu erklären. Die theoretischen Stützkonzeptionen beruhen also meist auf den grundsätzlichen und ursprünglichen Legitimationen der einzelnen Institutionen einer Gesellschaft. Aus den einfachsten Erklärungs- und Ermahnungsmethoden niedrigster theoretischer Stufe entstehen imposante Denkkonstruktionen, die einen ganzen Kosmos deuten können (vgl. ebd.: S. 117).

Besonders charakteristisch für die theoretische Absicherung einer symbolischen Sinnwelt ist die Theologie, welche eine Weiterentwicklung der urmystischen Grundlagen der Wirklichkeitserklärung bildet. Im Gegensatz zur Mythologie ist der theologische Wissensbestand vom allgemeingesellschaftlichen Wissensvorrat jedoch weiter entfernt und schwerer zugänglich (vgl. ebd.: S. 120).

2.3. Religionen als symbolische Sinnwelten

Auch Religionen sind also als symbolische Sinnwelten zu verstehen. Sie sind der menschliche Versuch, einen ihn selbst überragenden und alles umschließenden Überbau zu errichten, der alle gesellschaftlichen Sinnstrukturen zu begründen vermag, zuständig für eben die Sphäre menschlichen Lebens, welche das rein materielle übersteigt. Durch eine sinngebende Religion rechtfertigt der Mensch seine Existenz und seinen Tod, sie regelt das gesellschaftliche Gemeinwesen, stiftet Frieden und Trost, liefert eine Erklärung für das Unerklärliche (vgl. Schnettler in Weyel 2007: 84). Ein wichtiges Beispiel: Durch die Erschaffung eines Paradieses und einer Hölle, welches oder welche der Mensch nach seinem Tode bewohnen wird, bekommt der Tod eine Perspektive verliehen und das Leben selbst eine besondere Wichtigkeit. Nach dem Ableben wird in der christlichen Religion nicht mehr zwischen arm oder reich, adelig oder leibeigen unterschieden. Durch ein gutes, nach den Regeln der Sinnwelt ausgeübtes Leben kann im Paradies die ewige Erlösung stattfinden. Diese Hoffnung treibt die Menschen während ihres erdlichen Daseins zu einer erhöhten Leidensfähigkeit, da auf die Unendlichkeit bezogen diese Phase nur eine äußerst kurze Zeitspanne darstellt. Gerade die christliche Religion besitzt daher eine besondere Attraktivität für die Massen der unteren Schichten, deren strukturelle Benachteiligung nach dem Tode gemäß des Ewigkeitskonzeptes von Himmel und Hölle aufgehoben wird.

3. Religion in der modernen Gesellschaft

3.1. Säkularisierung

Über lange Zeit hinweg bildeten Religionen als symbolische Sinnwelten die theoretischen Bezugssysteme der meisten Gesellschaften. Sie setzten Norme und Werte, waren die sinnstiftenden Erklärungsmodelle der menschlichen Welt, indem eine ganze, religiös geprägte Weltanschauung geschaffen wurde.

Die Säkularisierungstheorie nimmt jedoch eine allgemeine Verweltlichung der Gesellschaften in der Moderne an. Sie beschreibt den sowohl öffentlichen als auch individuellen Niedergang der Religionen. Grund dafür ist nach Ansicht der meisten Forscher die moderne Wissenschaft, welche den Menschen neue, rationale Möglichkeiten bei der Bewältigung von Problemen bereitstellt. Diese Behauptung, so Berger, basiere auf der Ansicht, „es sei die Unbegreifbarkeit der Welt und die Hilflosigkeit der Menschen in dieser für sie unbegreifbaren Welt, die der Religion den Boden bereiteten und sie, wenn sie nicht mehr gegeben seien, gleichsam automatisch ihre Bedeutung einbüßen ließen.“ (Berger 1999: S. 32) Die religiös geprägten Sinnwelten wären so ihrer symbolischen Stützkonzeptionen beraubt. Die Wissenschaft hingegen wird durch eine durch die Aufklärung hervorgerufene Geisteshaltung begünstigt, die eher nach rationalen Erklärungen sucht als der Übernatürlichkeit einen Platz einzuräumen (vgl. ebd.: S. 33).

22 von 22 Seiten

Details

Titel
Der Integrationsverlust durch die Veränderung der Religionen in der modernen Gesellschaft
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Exemplarische Analyse sozialwissenschaftlicher Theorien
Note
1,4
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V111839
ISBN (Buch)
9783640167197
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Integrationsverlust, Veränderung, Religionen, Gesellschaft, Exemplarische, Analyse, Theorien, Berger, Soziologie, Konstruktion
Arbeit zitieren
Tobias Kraeft (Autor), 2008, Der Integrationsverlust durch die Veränderung der Religionen in der modernen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111839

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