Die Angst vor dem späten Gegentor im Fußball

Eine psychologische, sowie psychophysiologische Analyse von Angstmomenten im Fußball


Studienarbeit, 2021

20 Seiten, Note: A+


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Angst
2.1 Die Angst vor dem späten Gegentor als fußballspezifische Phobie

3 Angst im Fußball
3.1 Exkurs: „Torschusspanik“
3.2 Psychophysiologische Auswirkungen

4 Direkte Auswirkungen der Angst auf das Spielgeschehen
4.1 Versagen unter Druck
4.2 Gegenmodelle zur Reduktion von Angst im Fußball
4.3 Ernährung gegen die Spätfolgen von Stress und Angst

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wer kennt es nicht? Egal ob als Spieler, Trainer oder Zuseher, die letzten Spielminuten scheinen oftmals die spannendsten zu sein. Nach dem Motto „unverhofft kommt oft“ fallen laut unserer subjektiven Erfahrung und Erwartung nach, die meisten Tore - die entscheidenden Tore - in den letzten Spielminuten. Dieses Phänomen wird nicht nur von Laien beobachtet, sondern findet regelmäßig Beachtung im Profisport und der Wissenschaft. Regelmäßig finden wir Berichte in Zeitungen oder Videoplattformen über das Phänomen des späten Gegentores (Rose, 2020, Gonscherowski, 2015). Oft wird in diesen Artikeln auch von Angst berichtet. Eine Mannschaft führt scheinbar souverän, nur um dann in den letzten 15 Spielminuten noch zwei Gegentore zu erhalten - das Spiel geht doch noch verloren oder endet unentschieden.

Im Zuge dieser Arbeit soll primär der Fragestellung nachgegangen werden, ob es im Fußball die Angst vor dem späten Gegentor gibt. Dazu werden Statistiken sowie Spielberichte analysiert. In weiterer Folge behandelt diese Arbeit die Auswirkungen der Angst im Fußball bzw. explizit der Angst vor einem späten Gegentor. Daneben wird analysiert, welche Faktoren späte Gegentore begünstigen. Um diese Themenbereiche ausführlich zu erklären bzw. zu analysieren, werden sowohl Statistiken, Monografien, Artikel, sowie subjektive Berichte herangezogen.

Henkel und Schneider (2014) haben interessante Verbindungen zwischen der Ausübung von Sport auf dem höchsten Niveau und der Genese psychischer Problemstellungen offengelegt. Zwei wichtige Faktoren, welche die Entstehung psychischer Erkrankungen begünstigen sind Angst und Stress. Bei dieser Arbeit wird weniger darauf eingegangen, welche Stressoren das Leben als professioneller Athlet mit sich bringt, sondern viel mehr, wie sich diese Stressfaktoren auf explizite Spielsituationen auswirken. Dabei wird ein Phänomen des Fussballs besonders hervorgehoben: die Angst vor einem späten Gegentor.

Im ersten Teil der Arbeit wird untersucht, ob es überhaupt die empirische Voraussetzung für die untersuchte Grundproblemstellung dieser Arbeit gibt. Mithilfe von Statistiken aus der deutschen Bundesliga wird überprüft, ob die oft zitierte Angst vor einem späten Gegentor überhaupt gerechtfertigt erscheint. Im Zuge dieser Analyse wird auch das Prominente Beispiel des FC Bayerns beleuchtet, bei dem es scheinbar eine statistische Anomalie gibt, die bereits Gegenstand wissenschaftlicher Arbeiten war (Voelpl & Lanwehr, 2009).

Danach wird der Begriff der Angst erklärt und in den Kontext des Fußballs gesetzt. Zuerst kommt es zur grundlegenden Definition von dem, was Angst eigentlich ist und welche Komponenten des Angsterlebens für diese Arbeit von Interesse sind. In diesem Kontext wird auch erklärt, wie es zur Verfestigung von ängstlichen Verhaltensweisen kommt. In einem Unterteil des Kapitels Angst wird der Frage nachgegangen, ob die Angst vor dem späten Gegentor als fußballspezifische Angst vergleichbar mit dem Phobiebegriff ist, wo es Parallelen und wo es Unterschiede gibt.

Anschließend findet eine Analyse der psychophysiologischen Auswirkungen von Angst und immer wiederkehrendem, chronischem Stress statt.

Im nächsten Teil wird erläutert, wie sich Angst konkret auf das Spielgeschehen auswirkt und verschiedene Spielkomponenten von Stress und Angst beeinflusst werden. Dabei wird näher auf das Phänomen, dass manche Athleten unter Druck zum Versagen neigen, eingegangen.

Im letzten Teil des Hauptteils werden Strategien offengelegt, wie man Angst im Fußball vorbeugen und damit verhindern kann. Dabei werden auf das Training und die Ernährung als wichtiger präventiver Faktor eingegangen.

Der Schlussteil liefert die gebündelten Ergebnisse sowie eine zukünftige Perspektive dieses Gebiets.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Statistik der Bundesligasaison 2016/17 (erstellt durch den Autor)

Interessant ist noch vor Beginn ein Blick auf die Statistik. Sie steht auch für die Relevanz des Themas. Nach der Analyse der Toranzahl nach Zeitintervallen, wird klar, dass das Phänomen des späten Gegentores mehr als nur ein Fußball-Mythos ist. Die Statistik der Bundesligasaison in der Saison 2016/17 belegt die Vermutung des späten Gegentores (Quellen nach APA zitieren, o.D.). Die Tabelle auf der linken Seite zeigt, dass die meisten Tore, gemessen an der absoluten Anzahl, im letzten Sechstel des Spieles (ohne Berücksichtigung der Nachspielzeit) gefallen sind. Von insgesamt 814 Toren, die während der regulären Spielzeit (exklusive der Nachspielzeiten) fielen, sind 172 zwischen der 76. und 90. Minute gefallen. Das sind 21.13% der gesamt erzielten Treffer. Unter Berücksichtigung der Nachspielzeit zeigt sich ein ähnlicher Effekt.

In der deutschen Bundesliga gab es laut einem Onlineartikel von sport1 (2017) im Jahr 2016 eine durchschnittliche Nachspielzeit von vier Minuten. Unter Berücksichtigung der oben angeführten Statistik sind in der Saison 2016/17 während diesen vier Minuten 63 Tore gefallen.

Wenn man nun die regulären 90 Spielminuten in Intervalle zu je 4 Minuten unterteilt, ergeben sich 22.5 Intervalle. Nach einer Berücksichtigung der insgesamt 814 Tore (während der regulären 90 Minuten) und einer Abrundung auf 22 Intervalle ergeben sich durchschnittlich 37 Tore für jedes dieser 22 (gerundeten) Intervalle. Es fielen während der Saison 2016/17 in vier Minuten Nachspielzeit demnach ungefähr 0.7 Tore mehr, als während der regulären Spielzeit.

Diese Tendenz kann man nicht nur während der Saison 2016/17 beobachten, sondern auch in der nachfolgenden Saison (Quellen nach APA zitiert, o.D.).

Obwohl diese Zahlen nicht auf ihre Signifikanz überprüft wurden, kann man anhand der Statistiken eine klare Tendenz ausmachen. Je fortgeschrittener das Spiel, desto mehr Tore werden erzielt.

Das gerade analysierte Phänomen wird nicht nur allgemein beobachtet, sondern auch bei einzelnen Clubs bzw. Vereinen ausgemacht. Beim FC Bayern, zum Beispiel, wird das Phänomen des späten Tores als sogenannter „Bayern-Dusel“ bezeichnet (Schallenberg, 2008). Der „Bayern-Dusel“ bezeichnet dabei das anscheinende Glück des FC Bayerns bzw. von einzelnen Spielen des Vereins, gerade in den letzten Minuten und in der Nachspielzeit anscheinend überdurchschnittlich viele Tore erzielen zu können. Was auch mit dem „Bayern-Dusel“ in Verbindung gebracht wird, ist die anscheinende Bevorteilung des FC Bayerns bei Schiedsrichterentscheidungen. Der „Bayern-Dusel“ wurde bereits mehrfach und auf verschiedenen Ebenen wissenschaftlich aufgearbeitet. Neben der statistischen Bestätigung dieses Mythos wurden auch Erklärungen geliefert, wie es zu diesen scheinbar glückreichen Momenten kommen kann. Nicht nur der FC Bayern profitiert von günstigen Schiedsrichterentscheidungen, sondern etablierte Vereine generell (Nohe, 2016).

In einem Interview mit der Zeitung „Der Westen“ (Gieselmann, 2009) behauptet Reinhard Sprenger, dass bei den Bayernspielern etwa ab der 85 Minute eine enorme Erfolgszuversicht greift und diese Zuversicht im selben Maße bei den Gegenspielern schrumpft.

Lanwehr und Voelpel (2009) postulieren, dass jedem Spieler der Bayern als eine Art Aufnahmezeremonie das sogenannte „Bayern-Gen“ „eingeimpft“ wird. Nach dem Motto „Mir san Mir“ (sic!) solle den Spielern vermittelt werden, dass sie es mit jedem Gegner aufnehmen können. Die Verbindung von Bevorzugung durch die Schiedsrichter mit dem gesteigerten Selbstvertrauen und der erhöhten Erfolgszuversicht ab der 85. Minute ermöglichen den Bayernspielern dann, ihren berühmten „Bayern-Dusel“ in die Tat umzusetzen. Äußerst interessant sind Faktoren, welche Angst vor dem Gegner verstärken. So haben Recourse und Briki (2015) entdeckt, dass sich die Trikotfarbe Rot beim Gegner negativ auf die Performance der Spieler auswirkt. Die Standard-Trikotfarbe des FC Bayern ist bekanntlich Rot.

Nun wurde geklärt, dass es tatsächlich das Phänomen des späten Gegentores gibt. Der Analyse des „Bayern-Dusels“ kann nun entnommen werden, dass die Bayern weniger Angst vor dem späten Gegentor haben müssen, schließlich wird ihnen vermittelt, dass sie diejenigen sein sollten vor deren späten Toren man sich fürchten sollte. Die Bayern werden sozusagen durch die Angst des Gegners vor einem späten Gegentor in ihrer Spiel- und Denkweise begünstigt und erringen als Verursacher später Gegentore oftmals noch den Sieg. Im nächsten Teil behandelt diese Arbeit das Gefühl, wie es eher bei den Gegnern, sozusagen den Opfern später Gegentore, vorkommt: das der Angst.

2 Angst

Um zu analysieren, wie sich Angst generell und die spezifische Angst vor dem späten Gegentor auf die Spieler und deren Moral auswirken, muss zuerst der Begriff der Angst und die verschiedenen Formen die Angst annehmen kann geklärt werden.

Im Lexikon der Psychologie, herausgegeben von Markus A. Wirtz (2013) wird Angst als „ein mit Beengung, Erregung, Verzweiflung verknüpftes Lebensgefühl, dessen besonderes Kennzeichen die Aufhebung der willensmäßigen und verstandesmäßigen Steuerung der Persönlichkeit ist“ definiert. Für diese Arbeit relevant ist noch die Definition der Angst als Eigenschaft und die Angst als Zustand.

Die Angst als Eigenschaft wird als eine erworbene, zeitstabile Verhaltensdisposition betrachtet, in der das Individuum eine Vielzahl von objektiv wenig bedrohlichen Situationen als Bedrohung wahrnimmt (Wirtz, 2013). Angst als Zustand bedeutet, dass die Angst einen emotionalen Zustand darstellt, der durch Anspannung, Besorgtheit, Nervosität, innere Unruhe und Furcht vor zukünftigen Erlebnissen gekennzeichnet ist sowie eine Korrelation mit einer erhöhten Aktivität des autonomen Nervensystems zulässt (Wirtz, 2013). Unter Berücksichtigung dieser Angstdefinitionen wird erkenntlich, welche Auswirkungen das Angsterleben auf ein Individuum haben kann. Diese stark einschränkenden Attribute könnten nach einer logischen Schlussfolgerung das Spielvermögen der Spieler beeinträchtigen.

Die Angst der Spieler vor einem etwaigen Gegentor kann sich nun aus einigen Faktoren zusammensetzen. Auf der einen Seite tritt die Angst als Eigenschaft hervor. Zum Beispiel kann es der Fall sein, dass ein Spieler durch andere Faktoren bedingt bereits Zeuge der späten Gegentore wurde - er hat diese Angst durch Erfahrung erworben. Die Erfahrung - das erlernte ängstlich sein - bedingt nun die Angst als Zustand. Die Angst als Zustand zeigt auf der einen Seite einschneidende psychische Auswirkungen, auf der anderen Seite bietet sie auch physiologische Korrelate welche die Performance der Spieler zum negativen, aber auch positiven (Hermann, 2006, Landwehr & Voelpl 2009) beeinflussen können.

2.1 Die Angst vor dem späten Gegentor als fußballspezifische Phobie

Vergleicht man vor allem das Fehlen der lebensbedrohlichen Komponente der Angst vor dem Gegentor scheint diese Angst nun irrationaler Natur zu sein. Je nach Schweregrad und der Frequenz des Auftretens kann man Überlegungen bezüglich einer Chronifizierung der Angst tätigen. Der Begriff Phobie wird durch Dorschs Lexikon der Psychologie als zwanghaft auftretende Symptombildung, bei der die Angst (ohne wirkliche Gefahr) vor bestimmten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Multifaktorielle Bedingungen für ein spätes Gegentor (durch den Autor erstellt)

Objekten oder Situationen Leitsymptom ist und das Verhalten einengt (Wirtz, 2010). Nach lerntheoretischer Überlegung handelt es sich bei einer Phobie zudem um eine Angst, die mit jederart Objekt und Situation in Verbindung gebracht werden kann (Wirtz, 2010). Diese Überlegung erlaubt es, den Phobiebegriff bei zahlreichen Objekt- bzw. Situationsgebundenen scheinbar irrational wirkenden Ängsten zu verwenden.

Während eine Kynophobie, die Angst vor Hunden, einen Menschen darin hemmt, im normalen Alltag zu funktionieren, kann die Chronifizierung der Angst vor dem späten Gegentor dazu führen, dass der Spieler in der effizienten Spielführung gehemmt wird.

Im ICD-10 (International Classification of Deseases) findet man unter der Kennzeichnung F40 phobische Störungen. Dabei wird erwähnt, dass allein die Vorstellung, dass die phobische Situation eintreten kann eine gewisse antizipatorische Angst auslöst (Dilling & Freyberger, 2019).

Während die erforderlichen Diagnosekriterien zur Diagnose einer Phobie vor dem späten Gegentor wahrscheinlich nicht erfüllt sind, treten aller Voraussicht nach, gewisse Symptome auf, die auf eine starke Stressbelastung schließen lassen. Das ICD-10 gibt als typisch für eine Phobie an, dass die belastenden Situationen vermieden oder nur mit schwerer Furcht durchgestanden werden (Dilling & Freyberger, 2019). Um diese Frage wissenschaftlich aufarbeiten zu können, bedarf es der quantitativen Erhebung von Angstmerkmalen durch geeignete reliable sowie valide Testverfahren. Mithilfe des State-Trait Anxiety Inventory wäre diese Erhebung möglich. Anhand der Verbreitung, Beliebtheit und Wirtschaftskraft, die mit dem Fußballsport einhergehen, wäre die Entwicklung eines wissenschaftlichen Testverfahrens explizit zum Messen des Angstempfindens unter Fußballspielern ratsam. Dieses Instrument könnte der Optimierung im professionellen sowie semi-professionellem Bereich des Sports dienlich sein.

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Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Angst vor dem späten Gegentor im Fußball
Untertitel
Eine psychologische, sowie psychophysiologische Analyse von Angstmomenten im Fußball
Veranstaltung
Wissenschaftliches Arbeiten und angewandte Forschungsmethoden
Note
A+
Autor
Jahr
2021
Seiten
20
Katalognummer
V1118490
ISBN (eBook)
9783346480224
ISBN (Buch)
9783346480231
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fußball, Psychologie, Angst, Sport, Sportwissenschaften, Sportpsychologie
Arbeit zitieren
Lukas Mott (Autor:in), 2021, Die Angst vor dem späten Gegentor im Fußball, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1118490

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