Nationalismus und Religion bei Benedict Anderson

Empirisch überprüft am Fallbeispiel Deutschland


Hausarbeit, 2008

20 Seiten, Note: 1,7


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nationalismus und Religion bei Benedict Anderson
2.1. Benedict Andersons Nationalismustheorie
2.2. Die Religion in Benedict Andersons Nationalismustheorie

3. Nationalismus und Religion im Deutschland des 19. Jahrhunderts
3.1. Die Entstehung des Nationalismus in ‚Deutschland’
3.2. Der deutsche Nationalismus bis zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs
3.3. Nationalismus und Religion im Kaiserreich von 1871
3.4. Zusammenfassung

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

6. Abstract / Zusammenfassung

1. Einleitung

Warum sollte man sich mit dem Zusammenhang von Religion und Nationalismus beschäftigen? Es ist doch offensichtlich, dass der Nationalismus die Religion historisch abgelöst hat, sozusagen eine „Ersatzreligion“ geworden ist. Eine einfache Abfolge zweier unterschiedlicher Ideologien, von denen die eine die andere schlicht ersetzt.

Dieses Denken vereinfacht den komplexen Zusammenhang, die Wechselwirkungen von Religion und Nationalismus zu sehr. Denn es ist ein Faktum, dass die Religion mit dem Erscheinen des Nationalismus nicht einfach unterging. Schließlich besteht sie bis heute. Die zu stellenden Fragen sollten also eher lauten: Ist Nationalismus ohne die bereits von der Religion geschaffenen Strukturen und Symbole überhaupt denkbar? Gibt es über die offensichtliche Ähnlichkeit hinaus noch tiefer gehende Beeinflussungen des Nationalismus durch die Religion oder der Religion durch den Nationalismus? Hat die religiöse Aufwertung des Nationalismus, seine Verbindung mit der Religion vielleicht sogar zu dessen Radikalisierung beigetragen?

Die vorliegende Arbeit setzt sich zunächst mit der Rolle der Religion in der Nationalismustheorie Benedict Andersons auseinander. Dazu soll im Folgenden in groben Zügen sein Nationalismuskonzept dargestellt werden, wie er es (leider ausschließlich) in seinem viel beachteten Hauptwerk „Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts“ dargelegt hat. Aus diesem soll daran anschließend die Stellung der Religion, insbesondere die des Christentums, herausgearbeitet werden.

In einem zweiten Teil werden die Ergebnisse dieser Untersuchung empirisch auf das Fallbeispiel Deutschland angewendet. Der betrachtete Zeitraum umfasst dabei mit wenigen Ausblicken die Zeit von der Jahrhundertwende um 1800, also dem durch die Abwehrkämpfe gegen das napoleonische Frankreich ausgelösten massenhaften Erscheinen nationalistischer Gesinnungen, bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, als dem Anfang vom Ende des ersten „nationalistischen“ Deutschen Kaiserreiches. Es soll sich auf die das ‚Deutschland’ jener Zeit hauptsächlich prägenden Konfessionen Protestantismus und Katholizismus beschränkt werden. Die ‚deutschen’ Juden werden auf Grund ihrer geringen Zahl, die nur circa ein Prozent der deutschen Bevölkerung des Kaiserreiches ausmachte, vernachlässigt.

2. Nationalismus und Religion bei Benedict Anderson

2.1. Benedict Andersons Nationalismustheorie

Grundlegend für Benedict Andersons Nationalismustheorie ist die Einordnung des Nationalismus als ein „kulturelles Kunstprodukt“, das sich „Ende des 18. Jahrhunderts spontan aus einer komplexen ‚Kreuzung’ verschiedener historischer Kräfte destillierte“ (Anderson 1988: 14). Er stellt den Nationalismus mit Begriffen wie ‚Verwandtschaft’ oder ‚Religion’ gleich, statt ihn in als eine „Weltanschauung“ wie den ‚Liberalismus’ oder den ‚Faschismus’ einzuordnen (Anderson 1988: 15). Man solle ihn nicht in einer Reihe mit bewusst verfochtenen Ideologien, sondern mit den kulturellen Systemen der religiösen Gemeinschaft und des dynastischen Reiches betrachten, „die ihm vorausgegangen sind und aus denen – und gegen die – er entstanden ist“ (Anderson 1988: 20). Fraglich dabei ist, ob nicht auch Religion eine Form der Weltanschauung, beziehungsweise Ideologie ist. Zudem gibt Anderson in seinem gesamten Werk keine konkrete Definition von seinem Nationalismusverständnis.

Im Gegensatz zu diesem Versäumnis steht Andersons Nationsdefinition als eine „vorgestellte politische Gemeinschaft – vorgestellt als begrenzt und souverän“ (Anderson 1988: 15). Sie ist mittlerweile ein Klassiker und gemeinhin akzeptiert.[1] An späterer Stelle soll sie als Bezugspunkt für eine Abgrenzung der Religion von der Nation dienen (s. Seite 7). Ausgehend von ihr soll Nationalismus als das Streben einer Gruppe von Menschen nach einer eigenen Nation im obigen Sinne bezeichnet werden.

Für die Entstehung des Nationalismus und den gleichzeitigen Niedergang der religiösen Gemeinschaft und des dynastischen Reiches sind, auf Europa bezogen, nach Anderson drei Punkte zentral:

1. Die Veränderung in der Zeitwahrnehmung in Verbindung mit der Entwicklung des Buchdrucks und der dadurch möglichen massenhaften Verbreitung von Romanen und Zeitungen (Anderson 1988: 29-32; 44).
2. Die Ausbildung einer Landessprache, bzw. die damit verbundene Erosion der ‚Heiligen Sprache’ Latein (Anderson 1988: 46-53).
3. In diesen Zusammenhängen der Kapitalismus, der laut Anderson die Drucker zwang, früher oder später in der Landessprache zu drucken, da der ‚lateinische’ Markt zu wenig Gewinn versprach (Anderson 1988: 44).

Die Veränderung der Zeitwahrnehmung bezieht sich auf die Ablösung der zirkulären Zeitvorstellung des Mittelalters, also der nicht vorhandenen Trennung von Vergangenheit und Gegenwart, durch eine lineare und kontinuierliche Zeitvorstellung, deren Entwicklung in enger Verbindung mit der Entstehung und Ausbildung der säkularen Wissenschaften steht. Diese lineare und kontinuierliche Zeitvorstellung erzeugt, in Verbindung mit den sie verbreitenden Druckerzeugnissen Roman und Zeitung, eine neue Vorstellung von Gleichzeitigkeit, durch die erst Gemeinschaften des „horizontal-säkularen und historischen Typs“ möglich werden. (Anderson 1988: 30-32; 44)

Die Bezeichnung ‚Heilige Sprache’ soll die enge Verbundenheit des mittelalterlichen Christentums als einer „klassischen Großgemeinschaft“ mit dem Lateinischen und seine Angewiesenheit auf sie zum Ausdruck bringen. Denn ohne diese, an eine überirdische Ordnung geknüpfte, ‚Heilige Sprache’, verbunden mit ihrer Schriftform, sei die religiöse Gemeinschaft des Christentums in ihrer riesigen räumlichen Ausdehnung nicht denkbar gewesen (Anderson 1988: 21). Allerdings unterscheide sich gerade in diesem Punkt die „klassische Großgemeinschaft“ von der modernen vorgestellten Nation. Denn die ‚Heilige Sprache’ sei grundsätzlich erlernbar, auf diesem Wege also die Aufnahme in die klassische Großgemeinschaft möglich gewesen. Dieser in der „Wahrheitssprache“ liegende „Impuls zur Konversion“, zur Ausweitung der Gemeinschaft, sei dem Nationalismus größtenteils fremd (Anderson 1988: 23).

Für die Ablösung der ‚Heiligen Sprache’ macht Anderson vier Faktoren verantwortlich. Zum einen, dass die Wiederentdeckung und –verwendung des antiken Lateins die Schrift selbst zu einem Mysterium machte (Anderson 1988: 46). Zum anderen die Reformation, die in ihrem „Kampf um die Köpfe der Menschen“, dem „religiösen Propagandakrieg“ (Anderson 1988: 46), auf die jeweilige Landessprache zurückgriff, während die Gegenreformation sich immer noch des Lateinischen bediente. Drittens die Ausbildung von Verwaltungssprachen an den einzelnen Höfen aus pragmatischen Gründen, die zum „Niedergang der vorgestellten Gemeinschaft des Christentums“ beitrug (Anderson 1988: 49). Und viertens die Entwicklung der vergleichenden Sprachwissenschaft im späten 18. Jahrhundert, die der ‚Heiligen Sprache’ ihre Einzigartigkeit raubte (Anderson 1988: 75). Außerdem habe die „allgemeine Zunahme der Alphabetisierung, des Handels, der Industrie, der Kommunikation und der staatlichen Organisation, die das 19. Jahrhundert charakterisierte, der Vereinheitlichung der Landessprachen in den einzelnen Dynastien neue und mächtige Impulse“ verliehen (Anderson 1988: 82).

Die vornationalen Höfe und ihre Herrscherdynastien waren auf Grund ihrer legitimierenden Funktion auf die Religion angewiesen. Nach dem Niedergang der religiösen Gemeinschaft mussten die Dynastien daher nach einer neuen Legitimationsgrundlage suchen. In diesem Zusammenhang entstand der „offizielle Nationalismus“, die von ‚oben’ „gewollte Fusion von Nation und dynastischem Reich“ (Anderson 1988: 91). Auf diese Weise gaben sich die Dynastien zwar eine neue Legitimitätsgrundlage, gleichzeitig gestand der jeweilige Herrscher damit aber ein, nur einer unter vielen Gleichen zu sein (Anderson 1988: 90). Die Politik des offiziellen Nationalismus war geprägt durch die Volksschulpflicht, staatlich organisierte Propaganda, eine Umschreibung der offiziellen Geschichte, Militarismus und endlose Bestätigungen der Identität von Dynastie und Nation. Musterbeispiel sowohl für den offiziellen Nationalismus als auch den Untergang der Dynastien ist das Deutsche Kaiserreich unter Wilhelm II., der von sich selbst sagte, er sei der Erste unter den Deutschen. Konsequenterweise erfolgte seine Absetzung nach dem Ersten Weltkrieg ‚im Namen der deutschen Nation’. (Anderson 1988: 90, 106)

Neben den anfangs dargestellten, von Anderson als ‚europäischem Volksnationalismus’ und ‚offiziellem Nationalismus’ bezeichneten Nationalismen, führt Anderson auch einen ‚kolonialen Nationalismus’, der sich in den ehemaligen Kolonialreichen durchsetzte, und die ‚Idee der Bürgerrepublik’, die ihren Ursprung in Amerika hatte, ein (Anderson 1988: 135). Da diese aber für meine Thematik keine Bewandtnis haben, werde ich sie in dieser Arbeit vernachlässigen.

2.2. Die Religion in Benedict Andersons Nationalismustheorie

Das bisher Erläuterte zeigt in Ansätzen die Rolle, die Anderson der Religion in seinem Nationalismuskonzept zumisst. Die ‚religiöse Gemeinschaft’ bildet zusammen mit dem ‚dynastischen Reich’ eine Art Vorläufer des Nationalismus, wobei darauf hinzuweisen ist, dass Anderson sich des fließenden Übergangs und auch der späteren Koexistenz beider bewusst ist. „Genausowenig möchte ich nahe legen, der Nationalismus hätte die Religion historisch ‚abgelöst’“ (Anderson 1988: 20).

Für den Untergang der religiösen Gemeinschaft macht Anderson die Forschungsreisen in die außereuropäische Welt und die damit verbundene Erweiterung des kulturellen und geographischen Horizonts und der Vorstellung der möglichen menschlichen Lebensformen insgesamt, sowie die angesprochene allmähliche Degradierung und Ablösung der ‚Heiligen Sprache’ durch die jeweilige Landessprache verantwortlich (Anderson 1988: 24-26). „Die ‚Entdeckung’ großartiger Kulturen, von denen man bis dahin nur wenig gehört hatte, […] ließ im Laufe des 16. Jahrhunderts einen Pluralismus ins Bewusstsein der Europäer treten, hinter den man nicht mehr zurückfallen konnte. […] So wurde es möglich, Europa als nur eine unter vielen Kulturen zu denken, wobei es nicht die auserwählte oder beste sein musste.“ (Anderson 1988: 73, 74)

[...]


[1] Zur vollständigen Erläuterung dieser Definition und ihrer Inhalte siehe Anderson 1988: 15-17

20 von 20 Seiten

Details

Titel
Nationalismus und Religion bei Benedict Anderson
Untertitel
Empirisch überprüft am Fallbeispiel Deutschland
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V111862
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationalismus, Religion, Benedict, Anderson
Arbeit zitieren
Torben Hinz (Autor), 2008, Nationalismus und Religion bei Benedict Anderson, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111862

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