Geschlecht als performativer Akt


Hausarbeit, 2019

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gender und Sex

3. Identität

4. Der Diskurs und die Norm

5. Die Performativität

6. Fazit

Abstract

The aim of the paper is to present Judith Butler's theory of the performative gender. The thesis will also discuss the presupposed theories of other authors, such as Derrida's theory of iterability, Foucault's theory of discourse and Austin's theory of speech acts. It will be shown that gender identities can be broken down into the categories sex, identification, gender performativity and attribution and that these categories influence each other in the production and maintenance of a coherent gender identity. The meaning of gender identity is not to be assigned a pre-ontological status, but a state of constant construction and negotiation in discourse. In the conclusion part, concerns and questions about the concept are to be expressed.

Das Ziel der Hausarbeit liegt in der Darstellung von Judith Butlers Theorie des performativen Geschlechts. Dabei soll ferner auch auf die vorausgesetzten Theorien anderer Autoren eingegangen werden, so wie Derridas Theorie der Iterabilität, Foucaults Theorie des Diskurses und Austins Theorie der Sprechakte. Es wird gezeigt werden, dass Geschlechtsidentitäten in die Kategorien anatomisches Geschlecht (sex), Geschlechtsidentifikation, Gender Performanz (gender performativity) und Zuschreibung aufgeschlüsselt werden können und diese Kategorien sich wechselseitig bei der Produktion und Aufrechterhaltung einer kohärenten geschlechtlich bestimmten Identität beeinflussen. Dabei soll der Bedeutung von Geschlechtsidentität kein vorontologischer Status zukommen, sondern ein Zustand der stetigen Konstruktion und Verhandlung im Diskurs. Im Fazit sollen Bedenken und Fragen zum Konzept geäußert werden.

1. Einleitung

„We’re all born naked,

and the rest is drag.”

In der Kategorie „Outstanding Reality-Competition Program“ gewann bei den Emmy Awards 2018 überraschend der Drag-Künstler RuPaul, der mit „RuPaul’s Drag Race“ einen internationalen Megaerfolg landete (Television Academy, 2018). Gesucht wird hier eine Drag Queen, die den Titel „America’s Next Drag Superstar“ mit nach Hause nimmt. Drag ist eine performative Kunstform, in der sich (für gewöhnlich) Männer kostümieren und eine satirisch überspitzte Form der Weiblichkeit imitieren und präsentieren.

Drag, so RuPaul, fordere die weitläufig unhinterfragt akzeptierte Überzeugung heraus, dass geschlechtertypisches Verhalten und Auftreten eine „Natursache“ sei, die durch das biologische Geschlecht des Körpers bestimmt wird.

Auch im sozialwissenschaftlichen Diskurs wird zurzeit kaum eine Frage heftiger diskutiert als jene nach der Determiniertheit der geschlechtlichen Identität des als binärgeschlechtlich verstandenen Menschen. Progressive Stimmen lassen verlauten, dass die bisher als natürlich angenommene Unterscheidung der Menschen in die Kategorien Mann und Frau ein soziales Konstrukt sei, welches die Vielfalt der Geschlechteridentitäten unterdrücke und eine kulturelle Hegemonie herstelle, in der Subjekte ausgehend von ihrer Identität in ungleichem Ausmaß an Ressourcen und an Menschenwürde gelangen (Budgeon, 2013, S. 322). Die Individuen würden ihr Verhalten an ein normatives Verhaltensskript angleichen, welches ihnen ohne ihre Zustimmung mit der Geburt auf Basis eines „biologischen Geschlechts“ zugeteilt worden sei.

Die wahrscheinlich prominenteste und aktuell einflussreichste Gegenstimme ist der kanadische Psychologie Professor Jordan Peterson, welcher einwendet, dass es sehr wohl »natürliche« Unterschiede zwischen den Geschlechtern gebe. Er verweist dabei auf Studien, die nach Geschlecht differenziert erhoben wurden und signifikant unterschiedliche Normalverteilungen aufweisen. Zwar gebe es Überschneidungen, aber die Tendenzen seien eindeutig (Peterson, 2017).

Die Philosophin Judith Butler hingegen gilt als die Ikone und Impulsgeberin der Theorie des konstruierten Geschlechts. Beim Erforschen des Gegenstands sollen ihre Gedanken für die folgende Hausarbeit als theoretische Basis dienen. Sie stützt sich in ihren Überlegungen unter anderem auf John L. Austins Theorie der Sprechakte und auf die Macht- und Diskurstheorie von Jacques Derrida und Michel Foucault. Werden unser Verhalten und unsere Überzeugungen durch ein »biologisches Geschlecht« determiniert? Oder erzeugen unser Verhalten und unsere Überzeugungen unsere Geschlechtsidentität? Ist das Geschlecht nur ein soziales Konstrukt?

Diese Hausarbeit ist aus einer Position geschrieben, die grundsätzlich mit konstruktivistischen Ideen sympathisiert und versucht, essentialistische Ideen zu dekonstruieren.

2. Gender und Sex

Der Feststellung, dass das Geschlecht eines Kindes dessen Biographie maßgeblich beeinflusst, werden wohl die wenigsten Menschen widersprechen. Werdende Eltern möchten von den behandelnden Ärzt_innen schon lange vor der Geburt wissen, ob » Es« ein »Junge« oder ein »Mädchen« werden wird. Auf diese Weise entscheidet sich dann, wie das Kind erzogen werden soll; welche Vornamen für das Kind in Frage kommen; die metafunktionale Beschaffenheit der Produkte, die für das Kind gekauft werden; und zu welchem Verhalten es letztlich motiviert werden wird. Plakativ formuliert: wird es ein »Mädchen«, kauft man dem Kind in der Regel rosafarbene Kleidung mit Schleifchen und den Aufdrucken zahnloser Tiergesichter mit großen Kulleraugen und langen Wimpern. Das als weiblich verstandene Geschlecht des Fabelwesens macht der sozialen Umwelt dann klar: es handelt sich bei der Trägerin dieses Baby-Kostüms um ein Mädchen. Die Eltern wissen nun, dass das Mädchen einmal eine Frau sein und Männer begehren wird. Die Biologie entscheidet noch bevor das Kind zur Welt kommt, wie sein Leben verlaufen wird. Fakten sind nun mal Fakten.

Aber stimmt das wirklich?

Die Natur als Determinante sozialer Phänomene zu verstehen wird gemeinhin Essenzialismus genannt. Dem gegenüber steht der Konstruktivismus, der soziale Phänomene als kulturell produziert versteht: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“ (De Beauvoir, 2000, S. 303). Die Feministin Simone de Beauvoir führte schon 1949 in ihrem Werk »Das andere Geschlecht« die Unterscheidung zwischen sex und gender ein. Sex steht hierbei für das als biologisch definierte, anatomische Geschlecht, während der Begriff gender die Rolle beschreibt, die das Subjekt in der Interaktion mit seiner Umwelt einnimmt. Butler greift de Beauvoirs Theorie auf, kritisiert diese aber dafür, dass sie der Verbindung von sex und gender eine Notwendigkeit einräume und so die weibliche Identität essenzialisiere. Denn wenn Butler von der »Konstruktion« der Geschlechtsidentität spricht, dann meint sie damit keinen kulturellen Determinismus, wie sie ihn Teilen der feministischen Bewegung vorwirft. Das »Frau-Sein« ist demnach keine kulturelle Eigenschaft, die notwendigerweise auf dem »biologisch weiblichen« Körper zur absoluten Identität des Subjekts erwächst, sondern auch unter Bedingung des »biologischen« Geschlechts etwas potenziell Kontingentes und Erlerntes – eine soziale Rolle ist (Butler, 1991, S. 25).

Die Grundthese lautet also: gender und sex sind disparate Konstrukte und das eine bedingt nicht notwendigerweise das andere. Einen weiblichen Körper zu haben, ist in dieser Perspektive keine hinreichende und auch keine notwendige Bedingung zur Ausbildung einer weiblichen Geschlechtsidentität. Die Feststellung eines biologisch weiblichen Körpers reicht in dieser Forschungstradition nicht aus, um zu erklären, weshalb der »Tochter« Puppen und dem »Sohn« Autos zum Spielen gegeben werden; warum sie lange und er kurze Haare trägt; warum sie zum Turnen und er zum Fußball geschickt wird. Bei den hier verwendeten Beispielen handelt es sich zum Zweck der Verdeutlichung um sehr offensichtliche Klischees. Doch wenn die Geschlechteridentitäten keine logische Konsequenz der Anatomie des Körpers sind, was sind sie dann eigentlich?

3. Identität

Haben die Personen, wie man sagt, »eine« Geschlechtsidentität, oder handelt es sich um ein wesentliches Attribut, das sie sind, wie im Englischen etwa die Frage »what gender are you?« nahelegt?“ (Butler, 1991, S.25)

Das Konzept der Identität, auf das sich die meisten Menschen bewusst oder unbewusst bei der Verwendung des Begriffs berufen, ist »die Vorstellung einer kontinuierlichen, sich selbst genügenden, sich entwickelnden und entfaltenden inneren Dialektik des Ich.« (Hall, 1994, S. 67).

»Sie enthält den Gedanken des wahren Ich, eines wirklichen Ich, das in uns vorhanden und in den Schalen all der zahlenreichen falschen Ichs verborgen ist, die wir dem Rest der Welt präsentieren. Es ist ein Garant unserer Authentizität. Erst wenn wir uns ganz nach innen kehren und hören, was das wahre Ich zu sagen hat, werden wir wissen, was wir >wirklich< sind.« (Hall, 1994, S.67)

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Geschlecht als performativer Akt
Hochschule
Zeppelin University Friedrichshafen
Veranstaltung
Handlungstheorie
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
19
Katalognummer
V1118856
ISBN (eBook)
9783346481320
ISBN (Buch)
9783346481337
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender, Geschlecht, Handlungstheorie, Performativity, Judith Butler, Foucault, Derrida, Austin, Sprechakte, Diskurstheorie, Doing Gender, De Beauvoir
Arbeit zitieren
Dennis Enßlen (Autor:in), 2019, Geschlecht als performativer Akt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1118856

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Geschlecht als performativer Akt



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden