Bereits in den 60er Jahren, als das Fernsehen noch „jung“ war, prophezeite Marshall McLuhan die „literarische Endzeit“ – die elektronischen Medien (z.B. Kabelfernsehen und Internet) würden die Lesekultur beenden und eine nachliterarische Epoche der Kommunikation herbeiführen. Seit damals sind die besorgten Fragen von Eltern, Psychologen und Lehrern nicht verstummt, ob das Buch gegen den Ansturm der elektronischen Medien wird bestehen können. Ob das Buch wirklich durch andere Medien verdrängt wird, darum soll es in der vorliegenden Hausarbeit gehen – mit speziellem Blick auf die geschlechtsspezifische Sozialisation.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Geschichte des Lesens – historischer und sozialgeschichtlicher Rückblick
2.1. Die Anfänge: Klassisches Griechenland bis Mittelalter
2.2. Der Übergang vom monastischen zum scholastischen Lesen
2.3. Das 18. Jahrhundert
2.4. Bildungsbürgertum und Massenpublikum: 19. bis Anfang 20. Jahrhundert
3. Literarische Sozialisation heute
3.1. Von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit
3.2. Drei Instanzen der Lesesozialisation und ihr (möglicher?) Wandel
3.3. Geschlechtsspezifische Forschungsansätze
3.3.1. Empirische Befunde zum Leseverhalten der Geschlechter
3.3.2. Theoretische Erklärungsansätze
4. Verdrängt das Fernsehen das Buch?
4.1. Sozialisation durch die Massenmedien
4.1.1. geschlechtsspezifische Perspektive
4.2. Buchlesen im Medien- und Freizeitvergleich
4.3. Fernsehkinder – die neuen Analphabeten?
4.4. Ansätze der Medienpädagogik
4.4.1. geschlechtsspezifische Medienpädagogik
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen der traditionellen Buchkultur und den elektronischen Massenmedien, insbesondere dem Fernsehen, unter dem Aspekt der geschlechtsspezifischen Sozialisation. Ziel ist es, zu klären, ob das Fernsehen das Lesen tatsächlich verdrängt und welche Rolle das Geschlecht bei der Entwicklung von Lesekompetenzen und Mediennutzung spielt.
- Historische Entwicklung der Lesekultur vom Mittelalter bis zur Moderne
- Bedeutung der sozialen Instanzen bei der literarischen Sozialisation
- Empirische Unterschiede im Leseverhalten zwischen Mädchen und Jungen
- Medienpädagogische Ansätze zur Förderung aktiver Rezeption
- Diskussion über Gender-Stereotype in Medien und Bildung
Auszug aus dem Buch
3.3.1. Empirische Befunde zum Leseverhalten der Geschlechter
Unterschiede zwischen Häufigkeit und Dauer von Buchlektüre zwischen Männern und Frauen sind schon länger bekannt, auch in der Qualität von Leseerfahrungen gibt es deutliche Differenzen, aufgedeckt unter anderem durch die Studie „Leseklima in der Familie“ (Hurrelmann et al. 1993). Demnach ist für 71% der Väter beim Lesen die Erweiterung von Kenntnissen am wichtigsten – wohingegen 76% der Mütter einfach „abschalten“ wollen, sie lesen eher aus Zwecken der Unterhaltung. Gleichzeitig hat für Frauen das Lesen nach wie vor eine emotional große Bedeutung – in Abgrenzung zum eher zweckorientierten Lesen der Männer – deutlich wird dies beispielsweise durch die nach wie vor stärkere Abwehrhaltung der Frauen (und Mädchen) gegenüber Pflichtlektüre.
Diese Unterschiede wiederholen sich bei den Kindern und Jugendlichen. Die Repräsentativuntersuchung „Lesen im Alltag von Jugendlichen“ von Bonfadelli/Fritz (1993) ergab, dass Geschlecht und Bildungsgrad beim Lesen eine wichtige Rolle spielen – Mädchen lesen auf jedem Bildungsniveau deutlich mehr als Jungen. In Zahlen ausgedrückt: 63% der Mädchen lesen mindestens einmal pro Woche Bücher – gegenüber 40% der Jungen. Noch deutlicher wird die Differenz beim Vergleich der Nicht-LeserInnen-Zahlen: 70% der Jungen und 30% der Mädchen nehmen in ihrer Freizeit überhaupt kein Buch in die Hand – gleichzeitig werden 68% der Mädchen als „Leseratten“ bezeichnet – zu vergleichsweise (nur) 32% der Jungen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Sorgen um das Überleben der Buchkultur angesichts elektronischer Medien und definiert das Ziel der Arbeit mit Fokus auf die geschlechtsspezifische Sozialisation.
2. Die Geschichte des Lesens – historischer und sozialgeschichtlicher Rückblick: Dieses Kapitel zeichnet die Entwicklung des Lesens von den Anfängen in Mesopotamien bis zur Etablierung des Bildungsbürgertums nach.
3. Literarische Sozialisation heute: Hier werden die Bedingungen für den Erwerb literarischer Kompetenzen und die Rolle verschiedener Instanzen wie Familie und Schule analysiert.
4. Verdrängt das Fernsehen das Buch?: Der Hauptteil untersucht kritisch die Konkurrenz zwischen Fernsehen und Buch sowie verschiedene medienpädagogische Konzepte zur Bewältigung medialer Einflüsse.
Schlüsselwörter
Lesesozialisation, Geschlechtsspezifische Unterschiede, Massenmedien, Fernsehen, Medienpädagogik, Buchkultur, Leseverhalten, Sozialisation, Literatur, Gender, Leseförderung, Medienwirkung, Schriftlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Wechselverhältnis zwischen der traditionellen Schriftkultur und elektronischen Medien wie dem Fernsehen und beleuchtet dabei kritisch, wie die Sozialisation von Mädchen und Jungen im Medienumgang geprägt wird.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen die historische Entwicklung des Lesens, die Bedeutung der Sozialisationsinstanzen, empirische Unterschiede im Leseverhalten von Geschlechtern und verschiedene Ansätze der Medienpädagogik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die oft kulturpessimistische Befürchtung der Verdrängung des Buches durch elektronische Medien wissenschaftlich zu prüfen und den Einfluss des Geschlechts auf diese Prozesse aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Analyse vorgenommen, die auf empirischen Studien, historischen Rückblicken und medienpädagogischen Theorien basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Frage, ob das Fernsehen das Buch verdrängt, diskutiert Sozialisationsprozesse in der Familie sowie durch Massenmedien und stellt verschiedene pädagogische Konzepte wie die Bewahrpädagogik und Kommunikations-Erziehung vor.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Lesesozialisation, geschlechtsspezifische Mediensozialisation, Medienpädagogik, Fernsehen, Gender, Buchkultur und soziale Sozialisationsinstanzen.
Welche Bedeutung hat das „Leseklima in der Familie“ für das Leseverhalten?
Studien belegen, dass das Leseverhalten der Eltern, insbesondere der Mutter, eine entscheidende Rolle für die Lesemotivation und das spätere Leseverhalten der Kinder spielt.
Warum ist das Thema Gender-Vielfalt laut der Autorin relevant?
Die Autorin betont, dass eine wirkliche Chancengleichheit in der Mediennutzung nicht nur in der Unterscheidung zwischen männlich und weiblich gedacht werden sollte, sondern eine differenzierte Auseinandersetzung mit individuellen Lebensgestaltungen und Gender-Vielfalt erfordert.
- Arbeit zitieren
- Kathrin Schultz (Autor:in), 2003, Geschlechtsspezifische Lesesozialisation - Betrachtung und Diskussion im Hinblick auf die elektronischen Massenmedien (speziell auf das Fernsehen), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11190