Seit einigen Jahren stehen Jungen als die "neuen Bildungsverlierer" im Zentrum der bildungspolitischen Berichterstattung. Diskussionen um eine geschlechtergerechte Schule gibt es schon mindestens seit Ende des 19. Jahrhunderts. Damals wurden Debatten um die Mädchen- und Frauenbildung im schulischen Kontext laut. Mit den ersten Ergebnissen der internationalen Schulleistungsstudie PISA im Jahr 2000 rückten jedoch die Jungen in den Fokus.
Seitdem hat ein Wandel in der Geschlechterforschung stattgefunden. Obwohl von geschlechtergerechter Bildung im Allgemeinen erwartet wird, dass Frauen und Männern die Arbeitsmarktbeteiligung und die gesellschaftliche Integration gleichermaßen ermöglicht wird, weisen die Fächer- und Berufswahlen weiterhin eine traditionelle Verteilung auf. Kampfshoff und Wiepcke sehen das Ziel der Gleichstellung von Geschlechterverhältnissen lange noch nicht erreicht.
Als Basis für die weitere Arbeit wird von einer Chancenungleichheit der Geschlechter in der Schule ausgegangen. Diese Annahme beruht auf Ergebnissen von internationalen Schulleistungsvergleichsstudien, die bestätigen, dass die Schule bisher nicht zum Abbau von Geschlechterungleichheiten beigetragen hat, sondern diese eher reproduziert und verstärkt.
Die vorliegende Arbeit greift die oben dargestellten Probleme auf, mit dem Ziel mögliche Maßnahmen für den Schulbetrieb zu identifizieren, um eine geschlechtergerechtere Schule zu erreichen. Hierbei liegt der besondere Fokus auf der Untersuchung der Produktions- sowie Reproduktionsmechanismen von Geschlechterungleichheiten und der Analyse bereits bestehender Konzepte und Strategien.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Wie ist der Geschlechterbegriff definiert?
2.1 Begriffsdefinition „gender“
2.2 Doing gender nach Candace West und Don Zimmermann
2.3 Doing gender in der Schule
3 Zur Begründung eines gender-spezifischen Ansatzes in der Schule
3.1 Jungen und Mädchen in der Schule – Geschlechterrollen und Geschlechtsidentität
3.2 Welches ist das benachteiligte(re) Geschlecht?
3.2.1 Feminisierung des Bildungswesens
3.2.2 Schulisches Verhalten von Mädchen und Jungen
3.2.3 geschlechtsspezifische Vorlieben und Kompetenzen
3.2.4 Geschlechterrollen
3.2.5 Selbstkonzept
3.2.6 unterrichtliches Handeln und Benotung von Lehrkräften
4 Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt an Schulen – LSBTTIQ*
4.1 SCHLAU-Projekt
4.2 Schule der Vielfalt
5 Gender reflektieren - Studien und Konzepte für den Schulunterricht
5.1 Gender Mainstreaming Konzept
5.2 Genderkompetenz als Gesamtkompetenz
5.3 Dramatisierung und Entdramatisierung
5.4 Gendersensible und inklusive Sprache
6 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit identifiziert Maßnahmen für den Schulbetrieb, um eine geschlechtergerechte Schule zu erreichen, wobei ein besonderer Fokus auf den Produktions- und Reproduktionsmechanismen von Geschlechterungleichheiten liegt.
- Analyse der Konstruktion von Geschlecht („Doing Gender“) im schulischen Kontext.
- Untersuchung von geschlechtsspezifischen Leistungsunterschieden und deren Ursachen.
- Evaluation der Situation von LSBTTIQ*-Personen an Schulen und entsprechenden Antidiskriminierungsprojekten.
- Bewertung von Konzepten wie Gender Mainstreaming und Genderkompetenz für den Schulunterricht.
- Reflexion der Rolle der Lehrkräfte in Bezug auf Rollenbilder und Sprachgebrauch.
Auszug aus dem Buch
2.2 Doing gender nach Candace West und Don Zimmermann
Das Konzept des „doing gender“ ist im Kontext der amerikanischen Frauenbewegung und -forschung der 1970er Jahre entstanden und wurde erstmals von Candace West und Don Zimmermann im Jahr 1987 eingeführt. West und Zimmermann haben den Begriff des „doing gender“ geprägt, um hervorzuheben, dass Geschlecht von Männern und Frauen sozial hergestellt wird (vgl. Budde & Venth, 2010, S. 13).
„Doing gender means creating differences between girls and boys and women and men, differences that are not natural, essential, or biological. Once the differences have been constructed, they are used to reinforce the „essentialness“ of gender.“ (West & Zimmermann, 1987, S.137).
Mit dem Konzept des „doing gender“ werden die gesamten (alltäglichen) Interaktionen bezeichnet, in denen Geschlecht hergestellt und die geschlechtliche Zugehörigkeit vermittelt wird. An diesem Vorgang sind immer mehrere Personen beteiligt, zum einen diejenigen, die ihr Geschlecht darstellen und diejenigen die es schließlich (an)erkennen (vgl. ebd., S.14). Demnach muss sich jedes Individuum eine Erkennungspraxis aneignen, um die Geschlechtszugehörigkeit des Gegenübers im Alltag mithilfe von bezeichnenden Objekten (wie Kleidungsstücke, Frisur, Schmuck) und praxeologischen Momenten (wie
Gestik, Mimik und Bewegungen) zuordnen zu können (vgl. Faulstich-Wieland, Weber & Willems, 2004, S.15). Vereinfacht bedeutet dies, dass die meisten Menschen sicherstellen, dass ein Erkennen der eigenen Geschlechtszugehörigkeit sofort möglich ist und dies ebenfalls von ihrem Gegenüber erwarten, um alltägliche Interaktionen zu entlasten, da Geschlecht ein wichtiges Strukturprinzip in der zweigeschlechtlichen Welt darstellt (vgl. Budde & Venth, 2010, S.14). Zentral hierbei ist die Orientierung an der Geschlechtsadäquatheit, der sogenannten „accountability“, weil das Verhalten aller Personen jeweils daran gemessen werden kann (vgl. Faulstich-Wieland, Weber & Willems, 2004, S.15 f.). Der Begriff „accountability“ lässt sich wörtlich mit „Rechenschaftspflicht“ übersetzen. Hiermit wird die Verpflichtung jeder Person bezeichnet, ihre eigene Geschlechtszugehörigkeit in alltäglichen Interaktionen unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen und die Zugehörigkeit der anderen Interaktionspartner zu bestätigen bzw. zurückzuweisen (vgl. Walgenbach, 2017, S.592).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die bildungspolitische Relevanz von Geschlechterungleichheiten und definiert das Ziel der Arbeit, Maßnahmen für eine geschlechtergerechte Schule zu identifizieren.
2 Wie ist der Geschlechterbegriff definiert?: Dieses Kapitel klärt die theoretischen Grundlagen, insbesondere die soziale Konstruktion von Geschlecht durch das Konzept des „doing gender“.
3 Zur Begründung eines gender-spezifischen Ansatzes in der Schule: Es werden die Ursachen für geschlechtsspezifische Leistungsunterschiede, wie Rollenbilder, Selbstkonzepte und Lehrkräfteverhalten, untersucht.
4 Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt an Schulen – LSBTTIQ*: Dieses Kapitel analysiert die Situation von LSBTTIQ*-Personen und stellt Antidiskriminierungsprojekte wie „SCHLAU“ und „Schule der Vielfalt“ vor.
5 Gender reflektieren - Studien und Konzepte für den Schulunterricht: Es werden pädagogische Konzepte wie Gender Mainstreaming und Genderkompetenz vorgestellt, die zur Umsetzung von Geschlechtergerechtigkeit beitragen sollen.
6 Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert die Möglichkeiten und Grenzen der untersuchten Ansätze für die schulische Praxis.
Schlüsselwörter
Gender, Geschlechtergerechte Schule, Doing Gender, Schulische Leistungsunterschiede, LSBTTIQ*, Antidiskriminierung, Gender Mainstreaming, Genderkompetenz, Dramatisierung, Entdramatisierung, Gendersensible Sprache, Geschlechterrollen, Schulpädagogik, Identitätsbildung, Chancengleichheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie Geschlechterungleichheiten an Schulen entstehen und welche pädagogischen Konzepte und Maßnahmen existieren, um eine geschlechtergerechte Schule zu fördern.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Felder sind die soziale Konstruktion von Geschlecht, geschlechtsspezifische Leistungsunterschiede, die Situation sexueller Minderheiten (LSBTTIQ*) im Schulalltag sowie Strategien zur Förderung von Genderkompetenz.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Produktions- und Reproduktionsmechanismen von Geschlechterungleichheiten im Schulbetrieb zu identifizieren und mögliche Maßnahmen für die schulische Praxis zur Erreichung von Chancengleichheit aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine qualitative Untersuchung auf Basis einer Literaturrecherche, die aktuelle Studien und Konzepte der Bildungsforschung analysiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Genderbegriffs, die Analyse von Geschlechterrollen und deren Auswirkung auf Schulleistungen, die Situation von LSBTTIQ*-Personen sowie die Vorstellung konkreter Interventionskonzepte wie Gender Mainstreaming.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Gender, Doing Gender, LSBTTIQ*, geschlechtergerechte Schule, Gender Mainstreaming, Genderkompetenz, Dramatisierung/Entdramatisierung und gendersensible Sprache.
Warum ist das Konzept des „doing gender“ für Schulen so relevant?
Es verdeutlicht, dass Geschlecht im Schulalltag durch tägliche Interaktionen zwischen Lehrkräften und Schülern sowie durch Unterrichtsmaterialien aktiv hergestellt wird, anstatt eine natürliche Gegebenheit zu sein.
Welche Rolle spielt die Sprache bei der Herstellung von Geschlecht?
Die Arbeit zeigt auf, dass das generische Maskulinum und stereotype Formulierungen im Unterricht zur Ausgrenzung führen können, weshalb der Einsatz einer geschlechtergerechten Sprache ein wichtiges Mittel für mehr Sichtbarkeit und Akzeptanz ist.
Was unterscheidet „Dramatisierung“ von „Entdramatisierung“ in diesem Kontext?
Dramatisierung zielt darauf ab, geschlechtsspezifische Differenzen zunächst bewusst wahrnehmbar zu machen, während Entdramatisierung diese Differenzen wieder in den Hintergrund rückt, um die Individualität der Lernenden jenseits von Geschlechterklischees in den Fokus zu stellen.
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- Anonym (Author), 2020, Diskurs um eine geschlechtergerechte Schule, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1119092