Die Industrialisierung Englands und Russlands im Vergleich

Gemeinsamkeiten und Unterschiede zweier Prozesse


Seminararbeit, 2018

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Allgemeines zur Industrialisierung

3 Gemeinsamkeiten

4 Unterschiede
4.1 Pionier versus Nachzügler
4.2 Industrielle Revolution versus Revolution des Proletariats
4.3 Freie Marktwirtschaft versus Pyatiletka
4.4 Erfinden versus Nachahmen
4.5 Adlige Großgrundbesitzer versus Zwangskollektivierung

5 Conclusio

6 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Diese Proseminararbeit, welche im Rahmen der Lehrveranstaltung Räume und Dimensionen der Geschichte mit Schwerpunkt auf die Industrialisierung Europas und der Welt entsteht, befasst sich mit den Industrialisierungsvorgängen zwei diesbezüglich äußerst unterschiedlicher Länder.

Einerseits wird das Mutterland der Industrialisierung - England - und andererseits einer der europäischen Nachzügler in dieser Entwicklung - Russland, beziehungsweise ab 1922 die Sowjetunion behandelt. Mit diesem vergleichshistorischen Zugang werden anhand der gewählten, zu vergleichenden Länder zeitliche, strukturelle, ökonomische und politische Umstände in Relation gestellt und interpretiert. Die diesbezügliche Forschungsfrage ist wie folgt formuliert: Wie verlief die Industrialisierung in England verglichen mit der Russlands? Als Hypothese wird angenommen, dass die Industrialisierungsvorgänge stark unterschiedlich verliefen und es kaum ähnliche oder gar gleiche Phänomene gab.

Im begrenzten Umfang dieser Arbeit sollen die eklatantesten Unterschiede und gegebene Gemeinsamkeiten der Entwicklungen dargestellt werden, die die beiden Länder von Agrar- zu Industriegesellschaften umstrukturierten. Als Kernliteratur dienen die Werke Geschichte Russlands von Hans-Heinrich Nolte sowie diverse Fachbücher des renommierten Wirtschaftshistoriker Robert C. Allen, wobei auch noch weitere Darstellungen zum Aufbau dieser Arbeit herangezogen werden.

Der Aufbau dieser Proseminararbeit ist so gestaltet, dass nach der Einleitung zunächst ein grober Überblick zur Industrialisierung im Allgemeinen gegeben und auch auf die Frage der Terminologie eingegangen wird. In diesem kurzen Kapitel werden auch die Zeitabschnitte und Zäsuren erläutert, die für die Industrialisierung eine Rolle spielen. Im darauf folgenden Teil dieser Arbeit liegt der Fokus auf den Gemeinsamkeiten, die England und Russland (beziehungsweise die Sowjetunion) in Bezug auf den Industrialisierungsprozess aufweisen. Sind diese Gemeinsam- oder Ähnlichkeiten bearbeitet, widmen sich die nächsten Kapitel den unterschiedlichen Phänomenen. Hierzu werden in einigen Unterkapiteln die Unterschiede nebeneinandergestellt und interpretiert, wobei die Situationen in den Ländern selbst beschrieben werden, um einen besseren Überblick zu erhalten. Im abschließenden und zusammenfassenden Kapitel werden die im Hauptteil der Proseminararbeit genannten Punkte grob gegenübergestellt und hinsichtlich der aufgestellten Hypothese bewertet.

2 Allgemeines zur Industrialisierung

Bevor die Industrialisierungsprozesse in den beiden zu behandelnden Ländern genauer beschrieben werden, wird in diesem kurzen Kapitel ein grober Überblick zur Industrialisierung im Allgemeinen dargeboten. Auch der viel diskutierten Frage über die Terminologie, also ob der Begriff der Industriellen Revolution als Synonym gebraucht werden kann, oder unter welchen Umständen er das kann, werden abschließend ein paar Zeilen gewidmet.

Der Begriff Industrialisierung wird grundsätzlich für die Zeit von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis hin ins frühe 20.Jahrhundert verwendet, in der es, beginnend in England, zu gravierenden Umwälzungen in ökonomischen, gesellschaftlichen und mentalen Belangen kam. Wirtschaftlich gesehen bedeutete dies ein Verschiebung von einer agrarisch dominierten Volkswirtschaft hin zu einem Übergewicht des im sekundären Sektors erwirtschafteten Einkommen. Der Startschuss für diese Entwicklungen fiel in England, wo die Textil- und Schwerindustrie wirtschaftlich eine tragende Rolle spielten. Mit unterschiedlichen zeitlichen Verzögerungen entwickelten sich auch andere Staaten von Agrar- zu Industrienationen. Deutschland und die USA gelten als Musterbeispiele für Länder, in denen der Prozess der Industrialisierung besonders schnell vollzogen war. Für die Sowjetunion beispielsweise kam dieser Umschwung erst nach dem Ersten Weltkrieg in Gange. (Vgl. Tenfelde, 1997, S.207f.)

Als Voraussetzungen für die Industrialisierung gelten unter anderem starkes Bevölkerungswachstum und damit einhergehend ein gewisser Grad an Urbanisierung, Erfindungen im Bereich der Technik, die das Angebot von gefragten Gütern erhöhen und als Voraussetzung dafür auch das Vorhandensein der benötigten Rohstoffe. Auch ein entfeudalisierter Agrarsektor, sowie ein gewinn- und effizienzorientierte Wirtschaftsgedanke sind notwendig, um Industrialisierung erst möglich zu machen. Besonders hervorzuheben sind hier noch die großen gesellschaftlichen Umwälzungen, welche die Industrialisierung zur Folge hatte. Manche von ihnen fanden bereits vor der Industrialisierung statt und bereiteten dieser den Weg, andere entsprangen ihren Auswirkungen. So entwickelten sich neue soziale Schichten und Klassen in Form der Arbeiterklasse und eines neuen Mittelstandes mit höherer sozialer Mobilität. Durch die steigende Lebenserwartung und die wachsende Geburtenrate veränderte sich allgemein das gesamte Gesellschaftsgefüge. Auch die Rolle der Frau in der Familie und in der Arbeitswelt wurde stark von den neuen industriellen Bedingungen beeinflusst. Es entwickelte sich ein neues Geschlechterverständnis, welches in Emanzipationsbewegungen mündete. (Vgl. Tenfelde, 1997, S.217f.)

Ist bei all diesen Veränderungen die Industrialisierung als Industrielle Revolution zu sehen? Als abschließenden Punkt dieses allgemeinen Kurzüberblicks wird die Frage nach der korrekten Terminologie gebotener Kürze behandelt, da es in der Alltagssprache keine Unterscheidung zwischen den beiden Bezeichnungen des Zeitabschnitts vorgenommen wird. Die Terminologie der Industriellen Revolution ist angebracht, wenn sie sich auf die Vorgänge in England bezieht, die dort cirka von 1760 bis 1830 stattfanden, da hier in historisch kurzer Zeit die Weichen für globale und einschneidende Veränderungen gestellt werden. Der Begriff der Industrialisierung wiederum umfasst einen viel größeren Zeitraum und beinhaltet auch langsamere und daher weniger revolutionäre Prozesse. Die beiden Bezeichnungen sind also beide wissenschaftlich korrekt, jedoch nicht synonym zu gebrauchen. (Vgl. Mokyr, 2003, S.49)

3 Gemeinsamkeiten

Bevor sich diese Proseminararbeit auf die Unterschiede zwischen den Industrialisierungsprozessen in England und Russland fokussiert, sollen in diesem Kapitel erst die vorhandenen Gemeinsamkeiten thematisiert werden. Diese Gemeinsamkeiten erscheinen vielleicht trivial, der Vollständigkeit halber werden sie bei dieser vergleichshistorischen Arbeit angeführt. Eine erste Gemeinsam- oder zumindest Ähnlichkeit dieser so grundverschiedenen Prozesse der Industrialisierung liegt darin, dass sich in beiden Ländern der Anteil der im sekundären Sektor arbeitenden Erwerbstätigen in historisch gesehen kürzester Zeit stark erhöht hat. Die gewählten Zeiträume sind zwar nur schwer zu vergleichen, doch auf die Ursachen für die zeitlichen Differenzen zwischen der Industrialisierung England und Russlands wird im nächsten Kapitel eingegangen.

Die folgende Tabelle zeigt eine prozentuelle Verdopplung der Arbeiter und Angestellten innerhalb von nur 24 Jahren. Waren im Jahr 1913 nur knapp 17 Prozent der russischen Bevölkerung in einem Arbeiter- oder Angestelltenverhältnis tätig, so wuchs dieser Anteil bis 1937 auf über 34 Prozent.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1.1

Eine ähnliche Entwicklung zeigte sich, allerdings hundertfünfzig Jahre zuvor, aber nicht weniger extrem, in England. 1759, also noch in einer frühen Phase der Industriellen Revolution, werden gut eine Million erwerbstätige Menschen der Arbeiterklasse zugeteilt. Ungefähr hundert Jahre später, im Jahr 1867, hat sich diese Zahl mehr als verdreifacht und es sind über 3,6 Millionen Männer und Frauen als Arbeiterinnen und Arbeiter tätig.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1.2

Diese Entwicklung geht mit der Urbanisierung einher, die ebenfalls sowohl in England, als auch in Russland, beziehungsweise der Sowjetunion, das Leben der Menschen veränderte. Schließlich zogen die Menschen in die Städte, da dort Arbeitsplätze geschaffen worden waren. In Großbritannien verdoppelte sich die Bevölkerung im 18.Jahrhundert beinahe und der Anteil der Menschen, die in Städten lebten stieg von 17 auf über 27 Prozent. Durch diesen rasanten Zustrom in die Industriestädte verschlechterte sich die Wohn- und Lebensbedingungen drastisch. Wichtige Industriestandorte wie Manchester oder Leeds wurden erst durch die Industrielle Revolution im 18. Jahrhundert zu interessanten Anlaufstellen für arbeitssuchende Auswanderer, wodurch sie zu großen Städten anwuchsen. (Vgl. Deane, 1998, S.48)

Auch in der Sowjetunion kommt es in der Phase der Industrialisierung zu einer sehr hohen Urbanisierungsquote. In den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts verdoppelte sich die Anzahl der in den sowjetischen Städten lebenden Menschen. Über 80 Prozent der neu Angesiedelten kamen aus ländlichen Gebieten. Ein Grund für diese Landflucht war, ebenso wie in England, die Aussicht auf Arbeitsplätze in der Baubranche oder der Schwerindustrie. Durch die Verfügbarkeit von solch einer Vielzahl an Arbeitskräften wurde die Industrialisierung noch schneller vorangetrieben. In der nachfolgenden Tabelle werden nicht nur die tatsächlichen Zahlen, sondern auch die geplanten Entwicklungen nach Stalins Politik der Zwangskollektivierung beziehungsweise eine Simulation der Entwicklungen, wäre die Neue Ökonomische Politik (NEP) in Kraft geblieben. (Vgl. Allen, 2003, S.186f.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1.3

Eine weitere Gemeinsamkeit zeigt sich darin, dass sowohl in England, als auch in der Sowjetunion die Schwerindustrie das Zugpferd der Industrialisierung war. In England war sie das gemeinsam mit der florierenden Baumwoll- und Textilindustrie. Beispielsweise konnte die Sowjetunion in den Jahren der ersten Fünfjahrespläne seine Roheisenproduktion beinahe verfünffachen. Zu Beginn des ersten Planjahrs 1928 lag die Produktion von Roheisen bei 3,3 Millionen Tonnen. Gut zehn Jahre später, im Jahr 1940 erhöhte sich die Produktion auf knapp 15 Millionen Tonnen Roheisen pro Jahr. (Vgl. Allen, 2003, S.91f.)

In England, wo die Roheisenproduktion im Jahr 1750 noch bei 2000 Tonnen pro Jahr lag stieg die Produktion bis 1785 sprunghaft auf rund 70 000 Tonnen pro Jahr an. Zu Begründen ist diese Vervielfachung durch die Entwicklung neuer technischer Verfahren, steigender Nachfrage und dadurch hohen Preisen. Bis 1835 steigerten die Briten ihre Roheisenproduktion auf über 900 000 Tonnen pro Jahr und waren somit mit weltweit führend in der Produktion von Roheisen. (Vgl. Fremdling, 1986, S.31ff.)

4 Unterschiede

4.1 Pionier versus Nachzügler

Während die Industrialisierung in England bereits Mitte des 18. Jahrhunderts begonnen hatte, dauerte es bis ins späte 19. Jahrhundert, bis in Russland Schritte in diese Richtung gesetzt wurden. England gilt als Vorreiter und Mutterland der Industriellen Revolution. Russland (bzw. ab 1922 die Sowjetunion) hingegen war einer der letzten europäischen Staaten, in denen die Industrialisierung erfolgte. Erst im Zuge des ersten Fünfjahresplans 1929 wandelte sich die sowjetische Gesellschaft von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft. (Vgl. Nolte, 2012, S.239)

Es gibt mehrere Faktoren, warum die Industrialisierung genau in England und nicht in einem anderen Land Europas ihren Ursprung nahm. Der erste Faktor ist jener, dass es in England eine hohe Nachfrage nach Produkten aus chinesischem Porzellan oder indischer Baumwolle gab. So begannen britische Unternehmen diese zu imitieren. Zweitens trug die Ausweitung des Britischen Empire dazu bei, dass neue Märkte für die in England produzierten Waren erschlossen wurden. Drittens herrschten durch das hohe Lohnniveau und die relativ günstige Energiequellen in England günstige Bedingungen, um eine Wissenschaftliche Revolution voranzutreiben. So wurden im 17. Jahrhundert bereits wichtige technologische und strukturelle Grundsteine zur Industrialisierung gelegt. (Vgl. Allen, 2017, S.35f.)

Nicht nur diese Wissenschaftliche Revolution spielte eine wichtige Rolle. Es traten in England verschiedene Phänomene auf, die sich wechselseitig beeinflussten, oder einander erst ermöglichten. Somit war die Industrielle Revolution einerseits der Grund für Veränderung, andererseits auch die Folge von Veränderungen. Wie im obigen Absatz bereits erwähnt, spielten die bahnbrechenden technologischen Erfindungen und Weiterentwicklungen eine wichtige Rolle im Industrialisierungsprozess. Die Bedeutendsten davon kamen in der Textil- und Eisenindustrie, sowie auch in der Energieerzeugung zum Einsatz. Um nur eine der Innovationen zu nennen, die die Basis für viele weitere ist, kommt hier die Dampfmaschine zur Erwähnung, welche im frühen 18. Jahrhundert von Thomas Newcomen erfunden und in den 1760er Jahren hinsichtlich ihres Wirkungsgrades von James Watt verbessert wurde. (Vgl. Allen, 2017, S.4f.)

Weiters ging der Industrialisierung Englands ein demografischer Wandel voran, in dem, wie im zweiten Kapitel bereits erwähnt, die Bevölkerungszahl stark anwuchs und diese sich immer mehr in Städten konzentrierte. Dieser Wandel ging wiederum mit einer Veränderung in der Landwirtschaft einher, denn die wachsende Bevölkerung musste schließlich auch ernährt werden. Der immer steigende Bedarf an Nahrungsmitteln, der irgendwann nicht mehr ausschließlich von britischen Bauern gedeckt werden konnte, führte zur nächsten Veränderung, der Kommerziellen Revolution, in der Importe und Exporte stark an Gewicht in Englands Staatseinnahmen zugewonnen. Mit dem Handel entwickelte dich auch der Transport weiter und mit der Erfindung der Eisenbahn und des Dampfschiffes wuchs der Einfluss Englands auf den Welthandel noch weiter. (Vgl. Allen, 2017, S.5ff.)

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Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Industrialisierung Englands und Russlands im Vergleich
Untertitel
Gemeinsamkeiten und Unterschiede zweier Prozesse
Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
21
Katalognummer
V1119218
ISBN (eBook)
9783346487100
ISBN (Buch)
9783346487117
Sprache
Deutsch
Schlagworte
industrialisierung, englands, russlands, vergleich, gemeinsamkeiten, unterschiede, prozesse
Arbeit zitieren
Simon Haas (Autor:in), 2018, Die Industrialisierung Englands und Russlands im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1119218

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