Die Minnelieder von Neidhart und deren Natureingang. Analyse ausgewählter Sommerlieder


Hausarbeit, 2021

12 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
Problemaufriss

2. Sprachanalyse
2.1 Sommerlied III

3. Lebensbedingungen und historischer Hintergrund

4. Intendierte Wirkung
4.1 Intendierte Wirkungen von Minneliedern mit Natureingang
4.2 Analyse: Sommerlied V

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Problemaufriss

Minnelieder zeichnen sich in den meisten Fällen durch ihre Zentriertheit der Thematik auf die unerfüllte Liebe1 sowie ähnliche Rahmenbedingungen aus. Gaby Herchert definiert Minnesang darüber hinaus unter anderem folgendermaßen: "Minnesänge [seien] Gesellschaftslieder, in denen öffentlich, in einer gattungsmäßig festgelegten Form, über Liebe geredet wird".2 Demgegenüber steht der Minnesang Neidharts, der neben der Thematisierung der Liebe fünf Motiv- und Begriffskomplexe umreißt. 3 Diese lauten wie folgt: Die Verwendung kennzeichnender Elemente aus der früheren höfischen Lyrik, die Darstellung des Erotischen und Sexuellen, die dörperlichen Grobheiten, die Bezüge auf Tanz und Gesang sowie die Einbeziehung der Natur (ebd.), bzw. die Besonderheit des vermehrten Einflusses differenzierter Naturelemente. Bisher hat das Zusammenspiel aus Mensch und Natur bei Neidhart aber wenig besondere Beachtung gefunden, was der Tatsache zugrunde liegen könnte, dass Neidhart besonders für Satire und Parodien in seiner Dichtung bekannt ist.4 Die Fragestellung, die sich aus dieser Erkenntnis und damit für meine wissenschaftliche Arbeit ergibt, ist:

Auf welche Weise schafft Neidhart einen Natureingang und was will er damit bei seiner Zielgruppe intendieren?

Um diese Frage beantworten zu können, untersucht die Arbeit unterschiedliche Kriterien. Zunächst wird exemplarisch an Neidharts Sommerlied III eine Sprachanalyse durchgeführt, um Naturelemente herauszuarbeiten, die er nutzt, um einen Natureingang zu ermöglichen. Im Anschluss daran werden zudem die Lebensbedingungen und der historische Hintergrund untersucht, um dort mögliche Zusammenhänge festzustellen und daraus Motive für die Verwendung von Natureinflüssen in Minneliedern Neidharts abzuleiten. Der dritte Punkt dieser Arbeit wird die intendierte Wirkung auf die Zuhörerschaft herausstellen, welche abermals exemplarisch anhand eines Minneliedes festgemacht wird. Am Ende dieser Arbeit findet sich ein Fazit, welches die Erkenntnisse zusammenfasst und eine Beantwortung der Forschungsfrage aufzeigt.

2. Sprachanalyse

Aufgrund der Vielzahl an Minneliedern mit Natureingang und im Hinblick auf den Umfang dieser Arbeit, wird im Folgenden ein stellvertretendes Beispiel herangezogen. Dieses zeichnet sich durch eine exemplarische Motivik und weitere Besonderheiten aus, die den Natureingang ermöglichen. Grundsätzlich ist unter Neidharts Namen der umfangreichste mhd. Liedercorpus überliefert, worin die Lieder gewöhnlich nach der Lied- Eröffnung (dem Natureingang), in Sommer- oder Winterlieder eingeteilt werden.5 Das folgende Minnelied entstammt den Sommerliedern.6

2.1 Sommerlied III

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es gibt viele Möglichkeiten hinsichtlich des gezielten Einsatzes sprachlicher Besonderheiten, den Natureingang in einem Minnelied zu ermöglichen. Vor diesem Hintergrund gilt es im Folgenden ein exemplarisches Minnelied, das sogenannte ,,Sommerlied III‘‘, auf seine Besonderheiten hin zu untersuchen. Zunächst kann dies durch die Verwendung unterschiedlicher, wiederkehrender Topoi erfolgen, wie etwa Naturelemente in jeglicher Hinsicht.7 Stereotype Beispiele sind hierbei Gewächse oder Blumen aller Art, Tiere oder Jahreszeiten sowie Klima oder Witterung.8 In dem vorliegenden Sommerlied finden sich genau diese Topoi, beziehungsweise Naturelemente wieder, wie etwa Berg & Tal (Vers 1, Z.1), Vöglein (Vers 1, Z.2), Klee (Vers 1, Z.5), Bäume (Vers 2, Z.1), Reif (ebd.), Reis (Vers 2, Zeile 3), Vögeln (Vers 2, Zeile 4) oder Widder (Vers 3, Z.4). Um einen Natureingang zu ermöglichen, wird zudem maßgeblich mit (paradigmatischen) Assoziationen gearbeitet.9 Dazu wird etwa der vermehrte Einsatz von Adjektiven genutzt, der größtenteils Farben aufweist. Dementsprechend werden bereits vorhandene Verstärkungen und Assoziationen genutzt, um persönliche Verbindungen beim Lesenden zu erwirken und weitgehend einen Natureingang zu ermöglichen.7 Auch in dem vorliegenden Minnelied macht sich Neidhart diverse Assoziationen zu Nutze. Darunter fällt etwa der Einsatz der Farbe ,,grün‘‘ (Vers 2, Zeile 3)10, welche durch den Farbstoff Chlorophyll im engen Zusammenhang mit Pflanzen und Gewächsen steht oder die Farbe ,,braun‘‘, welche schnell mit der Erde assoziiert wird.11 Weitere sprachliche Mittel äußern sich etwa in Form von Allegorien, welche die verschiedenen Jahreszeiten beinhalten.12 Statt der Jahreszeiten werden alternativ die Monate aufgeführt, welche entweder der Sommer- (und Frühling) oder Winterzeit (und Herbstzeit) zugeteilt werden. Daher nutzt Neidhart beispielsweise in Zeile 6 des ersten Verses eine Allegorie, indem er sowohl den ,,Winter‘‘, als auch den Sommer erwähnt. Letzteres geschieht hingegen indirekt durch die Erwähnung des Sommermonats ,,Mai‘‘ in Zeile 6 des zweiten Verses. Auch Vergleiche von Mensch und Tier etwa, sorgen für einen Zusammenhang, der den Natureingang unterstützt.13 Dazu zeichnet sich in der fünften Strophe des ersten Verses ein passendes Beispiel ab (,,(…) die hopste seitdem wie ein Widder umher(…)‘‘). Zudem sind Personifikationen vielfach in Minneliedern mit Natureingang vorhanden, die die Zuschreibung von menschlichen, subjektiven Eigenschaften bedeutet und beispielsweise den Winter (Vers 1, Zeile 6: ,,Entweiche, Winter, du tust weh‘‘) mächtiger darstellt. Auch die Vielzahl an Metaphern, welche die Vorstellung an die Natur und die Geschichte im Minnelied vereinfachen, sind auffällig (Vers 1, Zeile 2&3: ,,erhebt sich der Gesang‘‘).12 Darüber hinaus hilft die Gegenüberstellung von Extremen, also das Aufstellen von Antithesen und Gegenüberstellungen dabei, den Natureingang zu unterstützen, da die Natur parallel ebenfalls häufig Extreme aufweist (Vers 1, Zeile 1: ,,Berg und Tal‘‘, Vers 3, Zeile 2: ,,Tag und Nacht‘‘). Zudem findet sich vermehrt der Diminutiv in Verbindung mit Tieren und Pflanzen, der eine Verniedlichung bewirkt sowie den Dingen somit eine gewisse Ironie zuschreibt, für dessen Verwendung Neidhart bekannt ist (Vers 1, Zeile 2: ,,Vöglein‘‘).14 Zuzüglich können Reime den Natureingang, beziehungsweise einige Naturelemente verstärken, indem ein besonderer Fokus während des Leseprozesses auf diese gesetzt wird (Vers 1, Zeile 5&6: ,,Klee‘‘, ,,weh‘‘).

3. Lebensbedingungen und historischer Hintergrund

Um die intendierte Wirkung des Lesers, beziehungsweise der Leserin zu begründen, müssen sowohl der historische Kontext als auch die damaligen Rahmenbedingungen Beachtung finden, um mögliche Motive Neidharts abzuleiten. Dazu stechen zwei Aspekte besonders hervor, welche im Folgenden genauer beleuchtet werden. Zu Beginn ist es erwähnenswert, dass Sommer und Frühling bei Neidhart zusammengefasst wurden, ebenso wie Winter und Herbst als Eins klassifiziert wurden. Daher beschränken sich die Lieder namentlich auf Sommer und Winter. Im Entstehungszeitraum der Sommer- und Winterlieder war der Agrarsektor mit insgesamt vier Fünftel der Bevölkerung, der wichtigste Wirtschaftsbereich.15 Da die mittelalterliche Kultur auf dem Land wurzelte, das von Bauern bewirtschaftet wurde und den Adel, den Klerus sowie die allmählich anwachsende Bevölkerung der Städte ernährten, lag der Agrarwirtschaft eine gewisse Wichtigkeit bei und betraf alle Bürgerinnen und Bürger.15 Besonders die Arbeiterinnen und Arbeiter hatten dadurch wiederholt Kontakt mit der Natur, beziehungsweise Naturelementen, biologischen Prozessen, Klima, et cetera. Zu dem Thema Natur konnte demnach ein großer Teil der Bevölkerung eine Assoziation herstellen. Zudem wurden den Jahreszeiten eine besondere Bedeutsamkeit zugeschrieben, da beide Jahreszeiten mit einem gewissen Ertrag und einer gewissen Ernte verbunden wurde. Demnach war der (Herbst/) Winter oft kahl und brachte wenig Essen sowie wenig Einnahmen, während sich der (Frühling/) Sommer ernte- und ertragreich gestaltete. Über die damalige Situation hinaus, werden auch heute noch negative Emotionen mit dem Winter verbunden, welcher oft mit Adjektiven wie ,,bitterkalt‘‘, ,,eisig‘‘ und ,,frostig‘‘ kombiniert wird.16 Die Jahreszeiten Sommer und Frühling hingegen werden bis heute durchaus positiv aufgefasst. Bekannte Schriftsteller machten sich die positive Verknüpfung der Menschen mit dem Sommer/ Frühling immer wieder zu Nutze, wie auch Erich Kästner mit Ausrufen in seinem Gedicht, wie: ,,Der Lenz ist da! Die Welt wird frisch gestrichen!‘‘.16 Weitere historische Rahmenbedingungen sind für die Beantwortung der Fragestellung irrelevant, weshalb ich auf diese nicht weiter eingehen werde.

4. Intendierte Wirkung

4.1 Intendierte Wirkungen von Minneliedern mit Natureingang

Aus der sprachlichen Analyse, der Untersuchung des historischen Kontextes sowie den Motiven Neidharts ergeben sich unterschiedliche intendierte Wirkungen für den Lesenden. Zunächst ergibt sich aus den möglichen Motiven Neidharts hinsichtlich historischer Sicht (s.o.: 3.), dass er Interesse für den Minnesang schaffen wollte, indem er ein bekanntes Thema wählt, womit viele Leute etwas verbinden konnte- der Wunsch nach Popularität wäre demnach ein Grund und ein allgemeines Verständnis der Leserschaft wäre eine Intention. Zudem schafft er durch die bereits vorhandenen Assoziationen mit der Natur eine Welt, in der ein Identifizierungsprozess möglich ist. Um weitere Erkenntnisse über die intendierte Wirkung des Lesers zu erlangen, werde ich nun eine Analyse anhand eines exemplarischen Minneliedes (Sommerlied V) durchführen.

[...]


1 Vgl. Weddige, H.: Einführung in die germanistische Mediävistik. München: C.H. Beck oHG 1987, 6. Auflage 2006.

2 Vgl. Herchert, G.: Einführung in den Minnesang. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2010, S.9.

3 Vgl. Schweikle, G.: Minnesang. Stuttgart, Weimar: Metzler, 1995. 2. korrigierte Aufl., S. 105.

4 Vgl. Goheen, J.: Natur- und Menschenbild in der Lyrik Neidharts, 2009. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur. Band 94, S. 348-378.

5 Schweikle, G.: Die Lieder. In: Neidhart. Sammlung Metzler. Realien zur Literatur. Stuttgart: J.B. Metzler, 1990.

6 Lomnitzer, H.: Neidhart von Reuental: Lieder. Reclam, 1984.

7 Strauss L.: Die zentralen Topoi über Sprache und Kommunikation. In: Rhetorikratgeber als Beispiel für Laienlinguistik. Stuttgart: J.B. Metzler, 2018. S.205.

8 Vgl. Roever, D.: Formen lyrischen Erzählens im Minnesang des 12. Bis 14. Jahrhunderts. Berlin: Walter de Gruyter GmbH, 2020. S. 110

9 Hörmann, H.: Psychologie der Sprache. Bochum: Srpinger, 2013. S. 144

10 Vgl. Breiner, T.C.: Farb- und Formpsychologie. Kempten: Springer, 2018. S.88; S. 92.

11 Vgl. Dittmar, K.: Tendenzen der Farbnamengebung: Sprachwissenschaftliche Untersuchung zu Bezeichnungen für Autolackfarben, Magisterarbeit, Germanistik, Hamburg, Deutschland: Diplomica Verlag, 1996. S. 63-64.

12 Vgl. Roever, D.: Formen lyrischen Erzählens im Minnesang des 12. Bis 14. Jahrhunderts. Berlin: Walter de Gruyter GmbH, 2020. S. 62, S. 545- 59

13 Vgl. Goheen, J.: Natur- und Menschenbild in der Lyrik Neidharts, 2009. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur. Band 94, S. 348-378.

14 vgl. Goheen, J.: Natur- und Menschenbild in der Lyrik Neidharts, 2009. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur. Band 94, S. 348-378.

15 Vgl. Rösener, W.: Agrarwirtschaft, Agrarverfassung und ländliche Gesellschaft im Mittelalter. Oldenbourg: Oldenbourger Verlag, 2010. S. 1

16 Vgl. Eichinger, L. M.: Warum Frühling?: Von einer dynamischen Jahreszeit: in: Sprachreport, Bd. 34, Nr. 1, 2018.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Minnelieder von Neidhart und deren Natureingang. Analyse ausgewählter Sommerlieder
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
2,0
Jahr
2021
Seiten
12
Katalognummer
V1119263
ISBN (eBook)
9783346490179
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Natureingang, Neidhart, Mediävistik, ÄDL, Ältere deutsche Literatur, Natur
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Die Minnelieder von Neidhart und deren Natureingang. Analyse ausgewählter Sommerlieder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1119263

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