Die Einführung der Widerspruchslösung bei Organspenden in Deutschland. Die Analyse verschiedener Interessengruppen mittels Framing-Konzept


Hausarbeit, 2021

38 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Aktualität und Relevanz
1.2. Erkenntnisinteresse
1.3. Forschungsfrage und Ausblick

2. Theoretischer Rahmen
2.1. Forschungsstand
2.2. Framing als Strategie sowie Strukturelement
2.2.1. Macro level framing
2.2.2. Micro level framing
2.3. Spezifizierung des Framing-Konzepts
2.3.1. Issue-specific vs. generic
2.3.2. Emphasis vs. equivalence
2.4. Organspende als gesellschaftliche Debatte
2.4.1. Moralische Aufwertung
2.4.2. Gemeinschaftlicher Mangel
2.4.3. Kultur der Gabe
2.5. Konzeption der für die Arbeit verwendeten Framing-Ansätze

3. Methodisches Vorgehen
3.1. Auswahl des Materials
3.2. Deduktive Kategorienbildung der qualitativen Inhaltsanalyse

4. Inhaltsanalyse
4.1. Ergebnisse der equivalence frames
4.1.1. Rettung oder Verlust von Menschenleben
4.1.2. Zuwachs oder Verlust von gesellschaftlichem Zusammenhalt
4.2. Ergebnisse des emphasis frame zum gesellschaftlichen Zusammenhalt
4.3. Bedeutung der Ergebnisse für den Framing-Ansatz

5. Abschlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang
7.1. Kodierleitfaden
7.2. Liste der untersuchten Interessensgruppen und Dokumente

1. Einleitung

1.1. Aktualität und Relevanz

Im internationalen Vergleich weist Deutschland eine geringe Zahl an Organspenden auf. So ist Deutschland laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) „mit einer bundesdurchschnittlichen Spenderrate von 11,2 Spendern pro eine Million Einwohner nach wie vor eines der Schlusslichter im internationalen Vergleich“ (DSO 2020). Die Erklärungsversuche für dieses Phänomen sind dabei relativ unterschiedlich. Sie reichen von einem Informationsdefizit und Misstrauen zu religiösen Beweggründen, und beschäftigen staatliche Stellen seit geraumer Zeit:

“Apart from the various general explanations for different national donation rates, the reason for the ‘organ shortage’ in Germany is commonly taken to be the unwillingness of Germans to donate their organs. Hence, a number of political efforts, to include expensive public campaigns, have been made to motivate the public to ‘save lives’ through their donations.” (Pfaller et al. 2018: 1328)

Das gesellschaftliche Problem des Organmangels stellt dabei ein recht neuzeitliches Problem dar: Erst im Jahr 1954 gelang dem amerikanischen Forscher Joseph Murray in Boston die erste erfolgreiche Nierentransplantation. Spätestens mit der Entdeckung und Entwicklung des Ciclosporin (Sandimmun®) durch Borel im Jahr 1976, konnten Organtransplantationen dank einer dadurch deutlich gesenkten Rate von Abstoßungsreaktionen in größerem Maße vollzogen werden, und ließen Nieren- und andere Organtransplantationen beinahe zu einem Routineverfahren werden. Mit den sich ständig verbessernden medizinischen Transplantationsmöglichkeiten stieg allerdings ebenso der Bedarf an Spenderorganen (Braun et al. 2017: 1).

Die Verabschiedung eines eigenen Transplantationsgesetztes durch den Deutschen Bundestag 1997 führte in Deutschland klare rechtliche Regelungen zur Organspende und Organtransplantation ein, um intransparente Situationen und kommerziellen Organhandel zu unterbinden. In Deutschland gilt die Entscheidungslösung. Organe und Gewebe dürfen nur dann nach dem Tod entnommen werden, wenn die verstorbene Person dem zu Lebzeiten zugestimmt hat. Liegt keine Entscheidung vor, werden die Angehörigen nach einer Entscheidung gefragt (Bundesgesundheitsministerium 2020). In vielen anderen europäischen Staaten, wie zum Beispiel Frankreich, gilt mittlerweile die Widerspruchlösung: Hat die verstorbene Person einer Organspende zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen, zum Beispiel in einem Widerspruchsregister, können Organe zur Transplantation entnommen werden (BPB 2019).

Die gesetzlichen Regelungen bezüglich der Organentnahme werden bereits seit Jahren öffentlich breit diskutiert, wovon auch der kürzlich gescheiterte Versuch des deutschen Gesundheitsministers Jens Spahn, die Widerspruchslösung auch in Deutschland einzuführen, zeugt. Der parallel weiterhin steigende Bedarf an Spenderorganen komplementiert die besondere Brisanz dieses Themas für Gesellschaft und Medizin. Denn nach der Ablehnung des Vorschlags von Jens Spahn durch den deutschen Bundestag, stellt sich weiterhin die Frage, wie in Zukunft die Organspende in Deutschland geregelt werden soll.

Somit wird deutlich, dass das ursprünglich medizinische Thema der Organspende ebenso politikwissenschaftliche Relevanz besitzt, wie Mona Motakef treffend beschreibt:

„Anders als bei anderen medizinischen Therapieoptionen ist die Transplantationsmedizin damit maßgeblich von der Bereitschaft der Öffentlichkeit abhängig, Organe spenden zu wollen. Die gesellschaftliche Akzeptanz der Organspende spielt eine zentrale Rolle. Tatsächlich gibt es immer weniger Hindernisse für Transplantationen, die medizinisch begründet sind. Die Ausweitung der Organtransplantation scheitert an sozialen Aspekten.“ (Motakef 2014: 17)

1.2. Erkenntnisinteresse

Ziel dieser Arbeit soll sein, die soeben skizzierte Debatte um eine Neuregelung der Gesetzgebung anhand der Kommunikationsstrategien verschiedener Interessensgruppen im Bereich der Organspende mit Hilfe des Framing-Konzepts zu ergründen. Es soll also nicht Lobbying „hinter verschlossenen Türen“ analysiert werden, was aus verschiedenen methodologischen Gründen, wie dem Datenzugang, vorerst nicht realisierbar erscheint (vgl. Sack 2016). Vielmehr soll die öffentliche Positionierung der einzelnen Interessensgruppen und ihr Versuch, die verschiedenen Entscheidungsträger sowie die Öffentlichkeit von ihrer jeweiligen Position zu überzeugen, untersucht werden. Die Verwendung des Framing-Konzepts für die vorliegende Analyse ist dabei äußerst sachdienlich, da dadurch die Untersuchung der Argumente und „issue definitions“ dieser Gruppen, „and how this affects their policy influence“ (de Bruycker 2016: 775), möglich wird. Das Konzept von Framing vertritt dabei grundsätzlich die Idee, dass Interessensgruppen strategisch kommunizieren und bestimmte „arguments and issue definitions“ in die Öffentlichkeit tragen. Der Ansatz dieser Arbeit geht dabei davon aus, dass die Interessensgruppen nicht nur Lobbying unter Ausschluss der Öffentlichkeit betreiben, sondern genauso versuchen die öffentliche Meinung mitzugestalten, um letztendlich auch von außerhalb des politischen Systems Druck auf Entscheidungsträger auszuüben (vgl. Baumgartner et al. 2008).

Diese Themenverknüpfung von Organspende, Interessensgruppen und politischer Kommunikation ist vor allem deswegen politikwissenschaftlich relevant, da sie die Aktionspotenziale der Interessensgruppen nicht auf „traditionellen“ Lobbyismus begrenzt, sondern deren öffentlichkeitswirksame Arbeit genauer untersucht (vgl. de Bruycker 2016; vgl. Baumgartner et al. 2008; vgl. Boräng & Naurin 2015). Hinsichtlich des Framing-Konzepts besteht bereits seit mehreren Jahrzehnten ein ausgedehnter Forschungsstrang (hierzu mehr bei 2.1), wobei sich dieser jedoch meist auf Interessensgruppen aus der Privatwirtschaft fokussiert und keine gesellschaftlich-medizinischen Debatten analysiert. Dementsprechend kann diese Neuausrichtung des Themas, aufgrund seiner thematischen Besonderheit, mögliche Grenzen sowie neue Möglichkeiten des Framing-Ansatzes aufzeigen. Aus der folgenden Analyse wird außerdem ein besseres Verständnis der Argumentationsstrategie der verschiedenen Interessensgruppen erwartet. Dies würde erlauben vergleichbare Erkenntnisse für zukünftige Debatten zu erhalten und relevante Schlussfolgerungen auf das Framing-Konzept zu ziehen.

Denn obwohl die Idee des ‚Framing‘ bereits mehrere Jahrzehnte innerhalb der Framing-Forschung ausführlich diskutiert und analysiert wurde, besticht das Konzept doch weiterhin vor allem durch seine konzeptuelle Vielfalt und daraus resultierende Ungenauigkeit (Scheufele & Iyengar 2017: 620). Diese Problematik wird vor allem in Teil 2.1 dieser Arbeit aufgegriffen und skizziert. Auch die Frage, inwiefern die Framing-Strategie der untersuchten Interessensgruppen einen tatsächlichen Einfluss auf die Entscheidung des Bundestages hatte, bleibt in dieser Arbeit zweitrangig. Dies lässt sich unter anderem durch methodologische und konzeptuelle Schwierigkeiten bei der Messung dieses Einflusses erklären, die im zweiten Teil näher erläutert werden. Viel wichtiger für diese Arbeit ist es zu untersuchen, inwieweit das Framing-Konzept die öffentliche Kommunikation der jeweiligen Interessensgruppen einordnet, analysiert und dem Forschenden verständlich macht. Dies bedeutet, dass dieser Arbeit zwei Erkenntnisinteressen zugrunde liegen: Wie bereits beschrieben soll in einem vordergründigen ersten Schritt die Debatte um die Neuregelung der Organspende mit Hilfe des Framing-Konzepts analysiert werden. In einem zweiten konzeptuellen Schritt soll auf Grundlage dieser Analyse die generelle Anwendbarkeit und Operationalisierbarkeit dieses Konzepts genauer beurteilt werden, um dessen Relevanz für weitergehende sozialwissenschaftliche Forschung einschätzen zu können.

1.3. Forschungsfrage und Ausblick

Im Mittelpunkt der Arbeit steht also mehr die Pertinenz und der Geltungsbereich bzw. Anwendbarkeit des Framing-Konzepts, als der Versuch eine Kausalität zwischen einer gewählten Kommunikationsstrategie und dem Ergebnis der Bundestagsentscheidung herauszuarbeiten.

Im Laufe dieser Arbeit soll deshalb folgender Frage nachgegangen werden: Lässt sich eine Kommunikationsstrategie im Sinne des Framing-Konzepts bei den untersuchten Interessensgruppen identifizieren? Inwiefern eignet sich das Framing-Konzept überhaupt zur Beschreibung und Analyse von Kommunikationsstrategien in der öffentlichen Debatte um die Einführung der Widerspruchslösung?

In einem ersten Teil soll das Konzept des Framing erläutert, sowie erste konzeptuelle Schwierigkeiten, die sich auf die Ergebnisse der Arbeit auswirken könnten, betrachtet werden. Hierbei wird auch der für die Analyse verwendete Ansatz genauer vorgestellt und begründet, inwiefern dieser einen Vorteil bei dem Verständnis der Debatte um die Organspendenregelung bietet. Darüber hinaus wird ein Teil der Arbeit den theoretischen Argumenten der Debatte um die Organspende gewidmet, die es erlauben diese im Anschluss leichter zu analysieren und zu klassifizieren.

Im empirischen Teil werden im Voraus identifizierte Interessengruppen innerhalb der deutschen Gesellschaft anhand von veröffentlichten Dokumenten (Pressemitteilungen, Interviews, Internetauftritte) analysiert. Hierbei soll eine qualitative Inhaltsanalyse durchgeführt werden. Anschließend werden die Ergebnisse dieser Analyse im Licht der theoretischen Vorarbeit kritisch betrachtet und mit dem Ziel eingeordnet, Grenzen und Möglichkeiten des Framing-Konzepts aufzuzeigen.

2. Theoretischer Rahmen

2.1. Forschungsstand

Den Forschungsstand zum Framing-Konzept zu skizzieren, bedeutet zu klären, was genau durch den Begriff Framing beschrieben werden soll. Allgemein verkörpert das Konzept des Framing „a context-sensitive explanation for shifts in political beliefs and attitudes“ (Scheufele & Iyengar 2017: 619). Das heißt, man geht davon aus, dass die Art und Weise wie Informationen präsentiert werden sich auf die Meinungsbildung in der Öffentlichkeit auswirkt. Damit grenzt sich die Idee des Framing klar von anderen Phänomenen der politischen Kommunikation ab, die sich mit der Frage beschäftigen, inwiefern selektive Informationsvermittlung eine Rolle bei der Meinungsbildung spielt:

„framing effects refer to behavioral or attitudinal outcomes that are not due to differences in what is being communicated, but rather to variations in how a given piece of information is being presented (or framed) in public discourse“ (Scheufele & Iyengar 2017: 620).

Über diesen vagen Konsens bezüglich der Frage, was Framing genau umfasst, kommt die Forschungsliteratur allerdings nicht hinaus. Auch die Frage wie dieses Konzept spezifiziert und operationalisiert werden kann, wird unterschiedlich beantwortet. Dies lässt sich unter anderem durch die verschiedenen Wissenschaftsbereiche (wie die Soziologie, Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft oder Psychologie) erklären, welche sich zwar alle dem Framing-Konzept bedienen, aber sich auf keine allgemeingültige Definition geeinigt haben (de Bruycker 2017: 776).

Um zu verdeutlichen, was von vielen Sozialwissenschaftlern als Frame verstanden wird, kann jedoch eine viel zitierte Definition von Entman herangezogen werden, die Frames folgendermaßen beschreibt:

“to frame is to select some aspects of a perceived reality and make them more salient in a communicating text, in such a way as to promote a particular problem definition, causal interpretation, moral evaluation, and/or treatment recommendation for the item described.” (Entman 1993: 52)

Diese Definition zeigt, dass Framing als Kommunikationsprozess verstanden wird, welcher sowohl intentioneller als auch strategischer Natur und somit Teil der öffentlichen Kommunikation von Interessensgruppen ist. So wird meist angenommen, dass es sich bei Framing um eine Strategie von Interessensgruppen handelt, die diese aktiv verfolgen und sich ihrer bewusst sind.

Scheufele und Iyengar identifizieren zwei unterschiedliche Forschungsstränge, die als Grundstein der Framing-Forschung betrachtet werden können. Der erste Bereich, der sich mit dem Framing-Phänomen befasst hat, ist die Psychologie, mit denen von Kahnemann und Tversky durchgeführten Experimenten (Scheufele & Iyengar 2017: 622; vgl. Kahnemann & Tversky 1979, 1984). In diesen Experimenten wurde der Begriff Framing folgendermaßen definiert:

„to describe subtle differences in the definition of choice alternatives. Subjects in these experiments were provided choices that were identical in their expected value, but which differed in the terms used to describe the choice options (e.g., a fixed probability of “winning” or “losing” some amount of money)”. (Scheufele & Iyengar 2017: 622)

So zeichnete sich zum Beispiel ab, dass die Teilnehmer des Experiments gewillter waren ein Risiko einzugehen, wenn das mögliche Ergebnis ihrer Wahl als Verlust beschrieben wurde, und nicht als Gewinn.

Der hier skizzierte psychologische Ansatz von Kahnemann und Tversky stützt sich auf zwei Grundannahmen. Erstens wird angenommen, dass „framing refers to differential modes of presentation for the exact same piece of information. The information that is being presented, as a result, is informationally equivalent across different frames“ (Scheufele & Iyengar 2017: 622). Diese Forschungstradition wird daher auch als equivalence framing bezeichnet. Die zweite Grundannahme geht von einer „complete suppression of ambiguity in conscious perception” (Kahneman, 2003: 1454) aus, was bedeutet, dass davon ausgegangen wird, dass die den Frames ausgesetzten Individuen keinen Anlass haben, die vom Frame hervorgehobene Perspektive in Frage zu stellen. Diese zweite Annahme ist durchaus kritisierbar, da sie, abgesehen von geschlossenen Experimenten der Psychologie, wohl kaum in der Realität stimmen kann. So haben auch andere Forscher bereits kritisiert, dass die Öffentlichkeit ein Raum ist, der sich durch konkurrierende Frames auszeichnet, welche somit den Individuen einen nicht unbedeutenden Entscheidungsfreiraum zugestehen (Scheufele & Iyengar 2017: 622).

Diese konzeptuellen Schwierigkeiten des psychologischen Ansatzes hat indirekt zur Entstehung eines zweiten, soziologischen Forschungsansatzes geführt, welcher sich dem Framing-Phänomen auf Makro- bzw. Mesoebene zu nähern versucht. So wird Framing eher als „the relationship between ideas and symbols used in public discourse and the meaning that people construct around political issues” (Scheufele & Iyengar 2017: 623) konzeptualisiert, was wiederum ein breiteres Spektrum an Definitionen zulässt und dazu führt, dass das Framing-Konzept an Schärfe verliert. Diese zweite Forschungstradition zeichnet sich also dadurch aus, dass sie sich auf eine relativ ungenaue Framing-Konzeption – „framing as information that conveys differing perspectives on some event or issue“ (Scheufele & Iyengar 2017: 623) – geeinigt hat. Dieser Forschungsansatz wird als emphasis framing bezeichnet, ist jedoch laut Scheufele und Iyengar in der Hinsicht problematisch, als dass „the observed framing effects represent differences in opinion that cannot be attributed exclusively to differences in presentation. Emphasis-based frames not only vary the perspective or underlying dimension for considering an event, but they also differ in several other respects.” (Scheufele & Iyengar 2017: 623)

Schließlich zeigt sich, dass die bereits bestehende Forschung zum Framing-Phänomen keineswegs einheitlich ist, wodurch sich insgesamt eine konzeptuelle Schwäche ergibt. Des Weiteren muss erörtert werden, welche Elemente der hier skizzierten Forschungsansätze relevant für diese Arbeit sind und deshalb weiter ausgeführt werden müssen. So muss unter anderem entschieden werden, ob Framing auf individueller Ebene oder auf Makroebene untersucht werden soll, sowie ob von einem equivalence frame oder einem emphasis frame ausgegangen wird. Auch das sich herauszeichnende Spannungsfeld, ob Framing eine Kommunikationsstrategie (siehe Entman-Definition) oder vielmehr ein die Öffentlichkeit strukturierendes Element ist, muss im Voraus geklärt werden.

2.2. Framing als Strategie sowie Strukturelement

2.2.1. Macro level framing

Soll ein Framing-Konzept bei der Analyse von Interessensgruppen hilfreich sein, muss zuerst geklärt werden, mit wie vielen Fallzahlen anschließend gearbeitet wird, da dies direkte Auswirkungen auf die Anwendung und das Verständnis des Framing-Konzepts hat. So muss die Entscheidung getroffen werden, ob nur eine einzelne oder wenige Interessensgruppen, oder die gesamte Debatte um eine Policy-Entscheidung beobachtet werden soll (micro vs. macro level framing) (vgl. Baumgartner, Mahoney 2008).

Macro level framing kann als der Prozess angesehen werden durch den die Öffentlichkeit zu einer kollektiven Definition „of what is at stake in a policy debate“ (Daviter 2011: 2) gelangt. Framing wäre damit als Prozess zu sehen, der es erlaubt zu erkennen, wie eine Policy-Debatte öffentlich definiert und verstanden wird. Somit wäre es mehr als strukturierendes Element einer Debatte und weniger als individuelle Kommunikationsstrategie wie bei Entman zu verstehen. Frames sind in dieser Perspektive „a perspective from which a policy problem can be made sense of and acted upon“ (de Bruycker 2016: 779) und dadurch auch abhängig von dominierenden Aspekten einer Debatte, die von aktionsstarken Akteuren, wie öffentlichen Institutionen, Medien und anderen Interessensgruppen, gesetzt werden.

Durch diese Makroperspektive betrachtet ist Framing sowohl als bottom-up als auch als top-down approach zu verstehen. So wird die öffentliche Debatte einerseits durch eben genannte Akteure geprägt. Andererseits existiert sie ebenso als Struktur, welche Konfliktlinien und Mobilisierungsmuster der Akteure, wie Interessensgruppen, begrenzt:

„The definition of what is at stake in policy debates, or the dominant frames, are shaped by, but also structure the formation and mobilization of interests […]. Frames are both seen as tools of political actors to obtain a certain outcome and as societal forces structuring policy and how interests mobilize” (de Bruycker 2016: 779).

2.2.2. Micro level framing

In dem Fall, dass Interessensgruppen das Zentrum der Analyse sind, geht man von einem mikroperspektivischen Ansatz aus. Sogenannte micro-level frames werden dementsprechend als Instrumente von Interessensgruppen wahrgenommen, die das Ziel haben Änderungen der öffentlichen Meinung hervorzurufen. Sie entsprechen Entmans Definition von Framing und gelten als strategisches Kommunikationsmittel.

Baumgartner und Mahoney unterstreichen die Grenzen der mikro- sowie makroperspektivischen Ansätze und heben in folgendem Zitat die Notwendigkeit einer beide Ansätze verbindenden Perspektive hervor:

„Studying the process of framing only at the individual level has little chance of elucidating collective-level changes in framing. At the same time, researchers focusing only on aggregate-level framing will be unable to understand the forces that led to the collective frame without recognizing the micro-level forces that are at play.” (Baumgartner and Mahoney 2008: 436)

Die Autoren heben deshalb die Notwendigkeit von innovativen Forschungsansätzen hervor, die sich z.B. auf die Framing-Versuche von Interessensgruppen in den Medien fokussieren könnten. Dadurch könnte deren individuelle Strategie analysiert, aber ebenso erklärt werden, wie dominante Strukturen in öffentlichen Debatten entstehen (de Bruycker 2016: 780).

Inwieweit in dieser Arbeit von Frames auf Makroebene bzw. Mikroebene ausgegangen wird, soll im weiteren Verlauf des theoretischen Teils, nach der Auseinandersetzung mit der bereits bestehenden Debatte um die Organspende, entschieden werden.

2.3. Spezifizierung des Framing-Konzepts

2.3.1. Issue-specific vs. generic

Die bereits vorgestellten Forschungsströmungen, sowie die Existenz von equivalence und emphasis frames, verdeutlichen die Notwendigkeit einer tiefergehenden Spezifikation des Konzepts von Framing.

So unterscheidet de Vreese zwischen issue-specific und generic frames als Analysewerkzeug:

”Issue-specific frames are tied to the specific nature of the issue or conflict under scrutiny and emerge by looking from the bottom–up. Generic frames are not tied to a specific policy debate or issue, but can be identified across issues” (de Vreese 2005: 54).

Issue-specific frames verwenden dabei einen bottom-up Ansatz, da sie sich auf die Rolle der einzelnen Interessensgruppen innerhalb einer einzelnen Policy-Debatte fokussieren. So können Frames bei Einzelfallstudien als deskriptive Werkzeuge dienen, die es erlauben zu verstehen, mit welchen Argumenten die jeweiligen Interessensgruppen die Debatte führen und (ggf. bei Langzeitstudien) wie sich diese im Laufe der Zeit ändern (de Bruycker 2016: 777). Problematisch sind issue specific frames allerdings, wenn es darum geht, Debatten und Kommunikationsstrategien über Themenfelder hinweg miteinander zu vergleichen.

Dementsprechend gegenteilig funktionieren generic frames, welche explizit darauf ausgelegt sind über Themenfelder hinweg generalisierbare Ergebnisse zu produzieren (de Bruycker 2016: 778). So haben Boräng und Naurin in ihrer Studie zu Lobbyismus in der EU zwischen self-, other-, public- and ideal-regarding frames unterschieden (vgl. Boräng & Naurin 2015), und damit generalisierbare Frames konzipiert. Die Konzeption solcher generic frames hat sich in den letzten Jahren verstärkt, vor allem in Hinblick auf das Ziel Framing-Studien mit großen Fallzahlen durchzuführen (de Bruycker 2016: 778).

Für die hier vorliegende Arbeit stellt sich somit die Frage, ob sich für die Analyse der Debatte zur Organspense ein issue-specific frame oder ein generic frame besser eignet. Dies hängt einerseits mit den Merkmalen der Debatte zusammen, aber mindestens ebenso stark von der Frage, ob die Ergebnisse der Arbeit außerhalb des Felds der Organspende an Relevanz behalten sollen.

2.3.2. Emphasis vs. equivalence

Die Unterscheidung zwischen emphasis und equivalence frames lässt sich auf die beiden unterschiedlichen Forschungstraditionen zurückführen, wie in Teil 2.1. beschrieben wurde.

Wie der Name bereits vermuten lässt, versuchen emphasis frames eine Perspektive gegenüber anderen Alternativen hervorzuheben: emphasis framing „refer[s] to situations where, by emphasizing a subset of potentially relevant considerations, a speaker leads individuals to focus on these considerations when constructing their opinions” (Druckman 2004: 672).1 Hier zeigt sich zum Beispiel bereits der Unterschied zur ursprünglichen Annahme der psychologischen Forschungstradition, welche weniger der Hervorhebung bestimmter Informationen, sondern rein der unterschiedlichen Beschreibung eines gleich bleibenden statements Wert zuspricht: „issue framing effects do not involve logically equivalent ways of making the same statement. Rather, issue frames focus on qualitatively different yet potentially relevant considerations” (Druckman 2004: 672).

Ein großes Problem bei emphasis frames ist die Tatsache, dass der beobachtete Framing-Effekt nicht von anderen Faktoren bzw. erklärenden Variablen getrennt werden kann, denn „emphasis frames are often endogenous to the underlying interests and positions represented“ (de Bruycker 2016: 778). Das soll heißen, dass sich die Frames der einzelnen Interessensgruppen nicht aufgrund einer strategischen Überlegung ergeben, sondern lediglich die Reflektion ihrer ursprünglichen Interessen sind.2 Vor allem aus diesem Grund verlangen unter anderem Scheufele und Iyengar einen stärkeren empirischen Fokus auf equivalence frames, da diese besser in der Lage sind Framing-Effekte von anderen Faktoren zu unterscheiden (vgl. Scheufele & Iyengar 2017).

[...]


1 Ein Beispiel für einen emphasis frame könnte Folgendes sein: „Describing a hate group in terms of free speech as opposed to public safety causes people to base their rally opinions on free speech instead of public safety considerations. Both types of framing effects cause individuals to focus on certain characterizations of an issue or problem instead of others.” (Druckman 2004: 672)

2 So lässt sich annehmen, dass z.B. Umweltschutzorganisationen vornehmlich mit emphasis frames arbeiten, die Umweltaspekte hervorheben und wirtschaftliche Argumente vernachlässigen.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Die Einführung der Widerspruchslösung bei Organspenden in Deutschland. Die Analyse verschiedener Interessengruppen mittels Framing-Konzept
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
38
Katalognummer
V1119340
ISBN (eBook)
9783346496546
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einführung, widerspruchslösung, organspenden, deutschland, analyse, interessengruppen, framing-konzept
Arbeit zitieren
Benedikt Henninger (Autor:in), 2021, Die Einführung der Widerspruchslösung bei Organspenden in Deutschland. Die Analyse verschiedener Interessengruppen mittels Framing-Konzept, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1119340

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