Kritik an der Offenen Gesellschaft bei William W. Bartley und Joachim Fest. "Schwierige Freiheit" und "Flucht ins Engagement"


Akademische Arbeit, 2018

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Joachim Fest: Die schwierige Freiheit
II.1. Der Preis der Freiheit
II.2. Die Sinnleere liberaler Ordnungen
II.3. Wie sich Offene Gesellschaft selbst zerstören können
II.4. Die Abhängigkeit von ökonomischen Rahmenbedingungen
II.5.1. Esoterik und Terrorismus: Die Flucht vor der Sinnleere
II.5.2. Die Auflösung der Normen
II.6. Fests Lösungsvorschlag: Die strikte Verteidigung elementarer Normen
II.7.1. Zusammenfassung und Evaluation: Fests Verfallsargument
II.7.2. Gedankenexperiment: Geschlossene Verhältnisse trotz bürgerlicher Tugenden?
II.7.3. Ein alternativer Vorschlag: Die Offene Gesellschaft für die Humanität
II.7.4. Ein Lebenssinn für die Offene Gesellschaft
II.7.5. Zwischenfazit: Die Gefahr für die Offene Gesellschaft

III. William Bartley und die Flucht ins Engagement
III.1.1. „Natur und Grenzen der Kritik“ - Bartleys philosophisches Anliegen
III.1.2. Das Dilemma der Letztbindung und das Tu-quoque-Argument
III.2. Bartleys Fideismus-Vorwurf
III.3.1. Das ,Autoritätsproblem' der neuzeitlichen Philosophie
III.3.2. (Pan)kritischer Rationalismus: Von der Begründung zur Kritik
III.4. Mögliche Konsequenzen für Poppers politische Philosophie
III.5. Nur „Pseudokritik?“ - Hinterbergers Metakritik an Bartley
III.6.1. Popper: Ein konsequenter Fallibilist?
III.6.2. Kriterien für die Widerlegung der jeweiligen Interpretation
III.6.3. Popper will keine Begründung liefern
III.7. Zwischenfazit

IV. Schluss

Literaturverzeichnis

Abstract

In dieser Arbeit werden die Kritiken betrachtet, die Joachim Fest und William W. Bartley an der Offenen Gesellschaft geübt haben, und diese Kritiken wiederum kritisch evaluiert. Joachim Fest äußert Zweifel an der inneren Stabilität Offener Gesellschaften und fordert die Bewahrung bürgerlicher Tugenden. In einem Gedankenexperiment wird gezeigt, dass diese Strategie unzureichend ist. Es wird die Betonung der Verbindung von Offener Gesellschaft und Humanität im Sinn Poppers empfohlen. Des weiteren wird William Bartleys Fideismus-Vorwurf gegenüber Popper betrachtet. Es wird argumentiert, dass dieser auf einer Fehlinterpretation Poppers beruht und unzutreffend ist. Zusammenfassend wird argumentiert, dass eine Offene Gesellschaft für Humanität eintreten und auch ihre eigenen Grundlagen der Kritik gegenüber offen halten muss.

I. Einleitung

Die Offene Gesellschaft ist ein Gesellschaftsmodell, das von Karl Popper ausgearbeitet wurde. Eine Offene Gesellschaft steht im Gegensatz zu geschlossenen oder totalitären Verhältnissen.1 Ein wesentliches Charakteristikum ist der „kritische Dualismus“, die Unterscheidung zwischen normativen Gesetzen und Naturgesetzen. Diese Unterscheidung ermöglicht es, normative Gesetze rational zu kritisieren und zu verändern.2

Dieses Gesellschaftsmodell wird jedoch auch selbst kritisiert. Wie man auch zu einer Offenen Gesellschaft stehen mag, erscheint es sinnvoll, sich mit solcher Kritik auseinanderzusetzen: entweder, um Argumente gegen eine Offene Gesellschaft weiterzuentwickeln oder um aus der Kritik konkrete Vorschläge zur Verbesserung der Offenen Gesellschaft abzuleiten.

Thema dieser Arbeit sind zwei Autoren, die der Konzeption der Offenen Gesellschaft zwar kritisch, aber nicht fundamental ablehnend gegenüberstehen. Kritik dieser Art verspricht, bei der Entwicklung konkreter Verbesserungen besonders hilfreich zu sein. Die jeweilige Argumentation soll vorgestellt und im Sinne Karl Poppers einer kritischen Würdigung unterzogen werden. Die Ansätze der zwei hier betrachteten Kritiker sind in gewisser Weise komplementär zueinander: Während Joachim Fest die dauerhafte Stabilität einer Offenen Gesellschaft bezweifelt, stellt William Bartley die Rationalität offener gesellschaftlicher Verhältnisse infrage. Fest bringt eher empirische, Letzterer apriorische Argumente gegen die Offene Gesellschaft vor. Da beide Aspekte Beachtung verdienen, wurde hier für jeden jeweils ein Vertreter gewählt.

II. Joachim Fest: Die schwierige Freiheit

II.1. Der Preis der Freiheit

In seinem Essay Die schwierige Freiheit formuliert Joachim Fest eine detaillierte Kritik offener gesellschaftlicher Verhältnisse. Fest steht der Offenen Gesellschaft zwar nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber, bezweifelt jedoch, dass eine solche Gesellschaft auf Dauer stabil sein kann, und schlägt Maßnahmen vor, um einen möglichen Zusammenbruch zu verhindern. Das Eintreten in offene gesellschaftliche Verhältnisse sieht Fest dabei als eine Art Handel an, bei der die Eindeutigkeit und Einfachheit des Lebens gegen Freiheit und einen vergrößerten Handlungsspielraum eingetauscht wird: „Sinnverlust, Mehrdeutigkeit und Daseinsunsicherheit [...] sind der Preis für die gegen all Vergangenheit ungemein erweiterten Entscheidungsspielräume und Beteiligungschancen jedes Einzelnen. Sie beschreiben nur die Gegenleistung dafür.“3 Dieser Preis scheint jedoch vielen Menschen als zu hoch, weshalb sie sich den Regeln der Offen Gesellschaft entweder verweigern oder direkt auf ihre Aufhebung und die Rückkehr in geschlossene Verhältnisse hinarbeiten.

II.2. Die Sinnleere liberaler Ordnungen

Als „Grundthese“ von Fests Essay bezeichnet Herfried Münkler4 folgende Textstelle über das Defizit liberaler Gesellschaften5, Sinn zu stiften:

Denn es ist der große, gleichsam angeborene Mangel liberaler Gesellschaften, daß sie keinen greifbaren, die Leiden und Ängste der Menschen rechtfertigenden Lebenssinn vermitteln. Auch halten sie keinen mobilisierenden Zukunftsprospekt bereit und werfen den Einzelnen auf lediglich das zurück, was er als individuelle Erfüllung begreift.6

Diese Textstelle könnte jedoch in die Irre führen, wenn die unmittelbar vorangehenden Sätze, die das „Dilemma der liberalen Ordnung“7 beschreiben, außer Acht gelassen werden. Man könnte nämlich versucht sein, Fests Kritik an ,Sinnverlust‘ Poppers Ausführungen über den Sinn der Geschichte entgegenzuhalten. Dies würde den Kern der Sache jedoch nicht treffen, denn:

Das Dilemma ist, daß sie [die offenen Gesellschaften, Anm. der Verfassers] zugleich, weniger als jede andere Ordnung, in der Lage sind, die von ihnen herbeigeführten Orientierungsverluste aus eigner (sic!) Kraft zu bewältigen. Denn es ist der große, gleichsam angeborene Mangel […]8

Das heißt, Fest beklagt den Sinnverlust nicht etwa um seiner selbst willen, sondern weil er es in seinen Augen unmöglich macht, mit „Orientierungsverlusten“ umzugehen, und damit zur Destabilisierung der Offenen Gesellschaft beiträgt.

II.3. Wie sich Offene Gesellschaft selbst zerstören können

Dieser Destabilisierung gilt Fests Hauptsorge: Er kritisiert das Selbstzerstörungspotential Offener Gesellschaften. Diesen Prozess der Selbstzerstörung und „seine fatalen Zirkelbewegungen“9 beschreibt er folgendermaßen:

Ein freies Gemeinwesen gelangt dank der nicht zuletzt materiellen Energien, die es über den hergebrachten strengen Grundsätzen entfaltet, zu Wohlstand und sogar Reichtum. Aber schon ein oder zwei Menschenalter später beginnt das Bewußtsein für den Zusammenhang zu zerreißen, der zwischen diesen Prinzipien und dem allgemeinen Wohlergehen besteht, zwischen der Freiheit und dem Kanon jener unbezweifelten Normen, die in der politischen Philosophie seit je unter dem Begriff der »öffentlichen Tugenden« beschrieben wurden. Und ohne daß eine sichtbare Veränderung auszumachen wäre, zersetzen die trügerischen Selbstverständlichkeiten unmerklich alles Denken, der Reichtum geht in den Luxus über, das Gefahrenbewußtsein weicht der Bequemlichkeit, und [...] zerbricht allmählich das Fundament, auf dem der scheinbar festgegründete Bau errichtet wurde.10

Entscheidend für den Erfolg einer Offenen Gesellschaft sind für Fest nicht allein die „materiellen Energien“, sondern deren Verbindung mit „hergebrachten strengen Grundsätzen.“ Entsprechend ist nicht etwa der materielle Reichtum allein problematisch, sondern das Abreißen der Verbindung zwischen wirtschaftlich effizientem Verhalten und bestimmten Prinzipien, den „öffentlichen Tugenden“ oder „Bürgertugenden“, die Fest als „Bewußtsein für Formen und Institutionen, Vernunft und Weitsicht, auch Verläßlichkeit, Mut, Toleranz und Gesetzestreue“11 konkretisiert. Der Verlust dieser Bürgertugenden führt auch zum Verlust des materiellen Wohlstandes, sodass am Ende die „Reichtümer wie die Wahrheiten dahinschmelzen.“12

II.4. Die Abhängigkeit von ökonomischen Rahmenbedingungen

Wenn das Bewusstsein für den Zusammenhang zwischen Wohlstand und öffentlichen Tugenden verloren geht, entstehen Gesellschaften, „die sich daran gewöhnt haben, nur auf materielle Anreize zu antworten[.]”13 Die wirtschaftliche Prosperität ist, für sich genommen, jedoch nicht zufriedenstellend, die „[...] materiellen Kompensationen, die das Versprechen und die verwundbare Stelle der offenen Gesellschaften sind, gewähren nicht mehr als trügerische Sicherheiten.“14 Was die Offene Gesellschaft „verwundbar“ macht, ist ihre Abhängigkeit von ökonomischen Rahmenbedingungen. Die Verkürzung des gesellschaftlichen Lebens auf jene „materiellen Kompensation“ lässt die Menschen verunsichert zurück. Sie spüren „das wenig Verläßliche und zugleich Unzureichende eines Daseins, das sie nur noch als Konsumenten erfaßt und den einst unendlichen Horizont einer im Fernen aufleuchtenden Verheißung auf steigende Tariflöhne oder die Ferienparadiese dieser Welt verkürzt.“15 Die ökonomischen Erfolge allein werden als zutiefst unbefriedigend empfunden. Dabei kommt wiederum der Mangel an Sinnstiftung zum Tragen.

II.5.1. Esoterik und Terrorismus: Die Flucht vor der Sinnleere

Um dem Gefühl des Mangels und der ,Sinnleere‘ zu entgehen, stürzen sich manche Menschen in pseudoreligiöse oder pseudopolitische Ersatzhandlungen:

Am eindeutigsten zählt dazu das Sektenwesen, das so auffälligen Zulauf findet, das Wirken „alchimistischer Zirkel oder »biospiritualistischer Zirkel« und Gebetskreise, die zunehmende Wendung zu östlichen Meditationstechniken sowie die Anziehungskraft fundamentalistischer Gruppen.“16 [...] Nur im scheinbaren Gegensatz dazu stehen die unter widersprüchlichen Vorzeichen sich zusammenrottenden aktionistischen Gruppierungen, die durch ausbruchartig um sich greifende Gewaltakte blinde Verwahrung gegen den Weltzustand im ganzen einlegen.

Diese Tendenzen sehen „nicht wenige Beobachter“ (und Fest mit ihnen) zu einer „antirationalistischen »Grundwelle«“ vereinigt, einer „Gegenreformation, in der ein zweihundert Jahre altes Weltbild, das den Traum von der Erlösbarkeit des Menschen durch sich selber träumte, zu Bruch gehe.“17 Diese Entwicklung ist gegen die von Max Weber postulierte „Entzauberung“ dem „Ineinander von Freiheitsgewinn und Bindungsverlust“, gerichtet, womit sie im Einklang mit „Bagwhan, New Age und andere[n] Zusammenschlüsse[n]” steht.18

II.5.2. Die Auflösung der Normen

Obwohl „die demokratische Ordnung auf einen ethischen Minimalkonsens angewiesen ist“19, wird dieser im Zuge einer „von so vielen Seiten wie im Wettlauf betrieben Aufkündigung des Wertzusammenhangs“20 unterminiert. Bei diesem Verfall der Normen weist Fest nicht nur den Esoterikern und Terroristen, sondern auch dem Kulturbetrieb eine entscheidende Rolle zu:

Es gab und gibt keinen Regelverstoß, keine Verhöhnung von Tabus und Restriktionen, die auf diesem Felde [des Kulturbetriebs, Anm. des Verfassers] nicht rasche Prominenz, Umsatz, auch Einschaltquoten und Ermunterung von vielen Seiten einbrächte.21

Im Bezug auf das Paradoxon der Freiheit, dass es „überhaupt keine Freiheit [gibt,], wo nicht zugleich freiheitsbeschränkende Regeln gelten, sei es in Form von Gesetzen oder selbstauferlegten Verboten“, erklärt Fest, eine solche Selbstbeschränkung liege „den libertären Gesellschaften der Gegenwart unendlich fern.“22

Die letzte Behauptung verdient besondere Aufmerksamkeit. Denn damit behauptet Fest implizit, dass sich die Freiheit der westlichen Gesellschaften schon selbst aufgehoben habe oder zumindest im Begriff sei, dies zu tun. Im Bezug auf das Erscheinungsjahr 1993 und die folgenden Jahre kann eine solche These als empirisch widerlegt angesehen werden: Die Freiheit in Europa und Amerika ist zwar immer bedroht, aber nicht verschwunden. Allerdings kann dieser Umstand nicht über die auch in westlichen Gesellschaften unübersehbaren Bestrebungen hinwegtäuschen, die Offenheit dieser Gesellschaften zu beenden oder doch wesentlich einzuschränken. Strittig ist weniger die Bedrohung der Offenen Gesellschaften als die von Fest postulierte Erklärungspotential der permanenten Normenüberschreitung, etwa durch Esoteriker, Angehörige des Kulturbetriebs usw. Diese Verbindung soll noch diskutiert werden.

II.6. Fests Lösungsvorschlag: Die strikte Verteidigung elementarer Normen

Was Fest zur Lösung der von ihm aufgezeigten Probleme vorschlägt, ist eine entschlossene Verteidigung der moralischen Prinzipien, die die Grundlage der freien Ordnung bilden, ein „rigoroses Beharren auf den wenigen elementaren Normen, die sie verlangt, sowie eine mit glaubwürdigen Sanktionen bewehrte Sicherung ihrer Grundregeln.“23

Wie Fest selbst zugibt, wird dies „als vorwiegend defensive Anstrengung wenig befriedigend sein, zumal es das Pathos der großen Lösung vermissen läßt, auf die sich viele unklare Erwartungen richten.“24 Es hat auf der anderen Seite den Charme eines ,vernünftigen‘ Ansatzes, der von gesunden Menschenverstand‘ zeugt – im Gegensatz zu utopistischen Ansätzen.

Im Rahmen von Fests Analyse entbehrt er auch nicht einer gewissen Zwangsläufigkeit: Denn wenn bestimmte bürgerliche Normen und Prinzipien neben der wirtschaftlichen Dynamik das Erfolgsrezept der offenen Gesellschaften darstellen, dann scheint uns die Absicherung jener Normen und Prinzipien, der Lösung schon ein gutes Stück näher zu bringen. Eine ausführliche Diskussion dieses Lösungsvorschlags wird sich an die Diskussion von Fests Argument für den Verfall offener Gesellschaften anschließen.

II.7.1. Zusammenfassung und Evaluation: Fests Verfallsargument

Fests Argument, warum die Offene Gesellschaft Gefahr läuft, sich selbst zu zerstören, lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

(1) Die Offene Gesellschaft und ihr Erfolg beruhen auf der Verbindung von bestimmten moralischen Prinzipien (öffentlichen oder Bürgertugenden), Freiheit und wirtschaftlicher Effizienz.
(2) Sowohl Freiheit als auch wirtschaftliche Effizienz hängen von den moralischen Prinzipien ab.25
(3) Mit der Zeit geht die Verbindung von moralischen Prinzipien, Freiheit und wirtschaftlicher Effizienz verloren, was sich etwa in permanenter Normenüberschreitung zeigt.
(4) Weil diese Verbindung verloren geht, hebt sich die Freiheit selbst auf, und die wirtschaftliche Effizienz geht verloren. Konklusion: Die Offene Gesellschaft bricht zusammen.

Dieses Verfallsargument bietet ein besonderes Erklärungspotential insofern, dass es die Bedrohung der Offenen Gesellschaft aus deren inneren Dynamik heraus erklärt. Es liefert eine plausible Erklärung für ihren Erfolg (1), die mit der Erklärung für ihre Bedrohung (3) kohärent ist. Problematischerweise kann das Argument jedoch andere mögliche Ursachen für den drohenden Zusammenbruch offener gesellschaftlicher Verhältnisse nicht ausschließen.

Es kann nicht zeigen, warum der Verlust der bürgerlichen Tugenden für die Bedrohung der Offenen Gesellschaft entscheidend ist. Selbst wenn die Argumentation soweit unanfechtbar wäre, wären andere mögliche Ursachen zu diskutieren, damit der Zusammenhang zwischen moralischem Verfall und der Bedrohung für die Offene Gesellschaft zwingend wird: etwa Furcht vor Globalisierung und globalen Fluchtbewegungen; materielle Zukunftsängste, die aus der Unsicherheit über die ökonomische Entwicklung resultieren; Ressentiment gegenüber den Funktionseliten, der marktwirtschaftlichen Ordnung und dem technischen Fortschritt; auch schlichten Rassismus und Fremdenhass. Eine solchen Ausschluss anderer Gründe bleibt Fest schuldig.

II.7.2. Gedankenexperiment: Geschlossene Verhältnisse trotz bürgerlicher Tugenden?

Wie unzureichend das Argument daher ist, lässt sich in einem Gedankenexperiment zeigen: Angenommen, das Bewusstsein für die Verbindung zwischen Freiheit, wirtschaftlichem Erfolg und moralischen Prinzipien sei unverändert stabil, und wir lebten in nicht nur offenen, sondern auch im Sinn der „Bürgertugenden“ gestalteten, d.h. normen- und gesetzestreuen Verhältnissen. Wenn jedoch gleichzeitig Fremdenhass und Rassismus fortexistierten würden und materielle Zukunftsängste und Ressentiments gegenüber Funktionseliten und einer marktwirtschaftlichen Ordnung bestehen blieben, könnte nichts davon die Offene Gesellschaft vor ihrem Untergang retten. Normentreue und Vernunft zum Trotz, könnten solche Gesellschaften totalitären Versprechungen zum Opfer fallen. Sie würden sie für diese Versprechungen sogar anfällig machen.

Ein naheliegender Einwand gegen diese Sichtweise wäre, dass Vernunft, Normentreue etc. gar nicht mit Rassismus und anderen Ressentiments vereinbar sind, dass also Fests Argument diese Bedrohung der Offenen Gesellschaft durchaus einschließt. Wer so argumentiert, unterschätzt jedoch, wie stark die Anziehungskraft totalitärer Ideen gerade auf gebildete und normentreue Menschen sein kann, inwiefern gerade Bildung und Normentreue sogar dafür anfällig machen können: So kann der Entschluss, Normen zu bewahren, gerade in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Öffnung und Liberalisierung, die die alten Normen zu bedrohen scheinen, für die Versprechungen radikaler, rechts-,konservativer‘ Parteien empfänglich machen, und gerade das Ziel, die Welt ,vernünftig‘ zu gestalten, kann die totalitäre Hybris, eine Gesellschaft von Grund auf neu zu gestalten, eine „völlige Reinigung der Leinwand“,26 wie sie sich viele totalitäre Richtungen vorstellen, attraktiv erscheinen lassen.

[...]


1 Wie Brunnhuber ausführt, gehen Offene Gesellschaften allerdings über ein bloßes „Negativ-Programm gegenüber dem Totalitarismus“ hinaus. (Vgl. Brunnhuber, 1999, S.11) Als Kennzeichen nennt er etwa theoretischen Institutionalismus, methodischen Individualismus, das Prinzip der Abwählbarkeit, abstrakte Sozialbezüge, negativen Utilitarismus und das sog. Descartes-Prinzip, neben einer positivistischen Rechtsauffassung noch „quasi-naturrechtliche“ Rationalitätskriterien zuzulassen, woraus etwa die Nachhaltigkeit des Wohlstandes und ein garantiertes Mindesteinkommen abzuleiten seien. (Vgl. Brunnhuber, 1999, S. 17 ff.)

2 Vgl. Popper, 1945a, S. 135

3 Fest, 1993, S.120

4 Münkler, 1994, in: DIE ZEIT, online einsehbar unter http://www.zeit.de/1994/15/zu-kurz-gesprungen

5 Fest spricht gleichermaßen von ,liberalen‘ als auch ,offenen‘ Verhältnissen. Da er keine explizite Abgrenzung formuliert, werden die Begriffe hier als für seine Analyse synonym angenommen.

6 Fest, 1993, S. 31

7 Fest, 1993, etwa S.15

8 Fest, 1993, S. 30 f.

9 Fest, 1993, S. 31

10 Fest, 1993, S. 31 f

11 Fest, 1993, S. 35

12 Fest, 1993, S. 31

13 Fest, 1993, S. 46

14 Fest. 1993, S. 49

15 Ebenda.

16 Fest, 1993, S. 57

17 Fest, 1993, S. 56

18 Fest, 1993, S. 58

19 Fest, 1993, S. 64

20 Ebenda.

21 Fest, 1993, S. 65

22 Fest, 1993, S. 63

23 Fest, 1993, 85 f

24 Fest. 1993 S. 85

25 Um sich nicht im Paradoxon der Freiheit selbst aufzuheben, bedarf die Freiheit der Einschränkung durch moralische Prinzipien. Über die genaue Art der Verbindung von moralischen Prinzipien und wirtschaftlichem Erfolg äußert sich Fest bedauerlicherweise nicht. Dass er sie annimmt, zeigt sich hauptsächlich in seiner Schlussfolgerung, dass infolge des moralischen Verfalls „die Reichtümer wie die Wahrheiten dahinschmelzen.“ (Fest, 1993, S. 31)

26 Vgl. Popper, 1945a, S. 400

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kritik an der Offenen Gesellschaft bei William W. Bartley und Joachim Fest. "Schwierige Freiheit" und "Flucht ins Engagement"
Hochschule
Universität Bayreuth  (Kulturwissenschaftliche Fakultät)
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
22
Katalognummer
V1119518
ISBN (eBook)
9783346484673
ISBN (Buch)
9783346484680
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kritik, offenen, gesellschaft, william, bartley, joachim, fest, schwierige, freiheit, flucht, engagement
Arbeit zitieren
Philipp Neudert (Autor:in), 2018, Kritik an der Offenen Gesellschaft bei William W. Bartley und Joachim Fest. "Schwierige Freiheit" und "Flucht ins Engagement", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1119518

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