In der vorliegenden Arbeit sollen die Darstellungen von Behinderung in der Kinder- und Jugendliteratur aufgezeigt und miteinander verglichen werden. Verglichen wird die Darstellung der 70er-Jahre mit der gegenwärtigen Darstellung des Werks "Rico, Oskar und die Tieferschatten" von Andreas Steinhöfel. Dabei soll folgende Forschungsfrage beantwortet werden: Sind Veränderungen in der Darstellungsweise von Behinderung in der Kinder- und Jugendliteratur im Vergleich der 70er-Jahre und der Gegenwart zu erkennen?
Während in der NS-Zeit die Diskriminierung und die Stigmatisierung von behinderten Menschen vollzogen wurde, gab es bis in den 60er Jahren in der Literatur ein geschlossenes Wertesystem, mit denen behinderte Figuren dargestellt wurden. Erst die 70er Jahre stellten u.a. mit den Werken von Max von der Grün "Vorstadtkrokodile" oder "Das war der Hirbel" von Peter Härtling, das erstmals ein geistig behindertes Kind als Protagonisten aufstellte, einen Wendepunkt dar. Seit den 2010er gibt es eine Vielzahl von Werken, die verschiedene Beeinträchtigungen aufnehmen, u.a. "Sebi will spielen" von Kornelia Laurin oder "Planet Willi" von Birte Müller.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2.Definition des Begriffs „geistige Behinderung“
3. Umgang mit Behinderung in der Gesellschaft
4.Darstellung in der Kinder- und Jugendliteratur bis Ende der 70er
5.Analyse des Werkes „Rico, Oskar und die Tieferschatten“
5.1 Inhaltsangabe
5.2 Darstellung der Behinderung
5.3 Vergleich zu den Darstellungen der 70er Jahre
6.Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel der Darstellung von Behinderung in der Kinder- und Jugendliteratur. Im Fokus steht dabei die Forschungsfrage, ob und wie sich die literarische Repräsentation von Menschen mit Behinderung von den Werken der 1970er Jahre bis zum heutigen Kinderroman „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ verändert hat.
- Historische Entwicklung der Darstellung behinderter Figuren in der Kinderliteratur.
- Analyse der Protagonistenrolle und der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Behinderung.
- Kontrastierung von Integrationsansätzen in der 70er-Jahre-Literatur mit dem zeitgenössischen Roman.
- Reflektion über die emanzipatorische Darstellung von geistiger Beeinträchtigung.
Auszug aus dem Buch
5.2 Darstellung der Behinderung
Auf Grund der geistigen Behinderung besucht Rico ein Förderzentrum, da er vor allem eine Schwäche in der Rechtschreibung hat (Steinhöfel, 2013, S.18). Jedoch wird er von Herrn Wehmeyer, seinem Klassenlehrer, als „guten Erzähler“ betitelt und soll deswegen in den Sommerferien ein Tagebuch mit Hilfe eines Rechtschreibprogramms von seinem Computer schreiben (ebd., S.49). Rico erzählt die Handlung also selbst, weshalb die Geschichte in der Ich-Form geschrieben ist. Dabei können die Leserinnen und Leser den Gedankengang und die Gefühle des Protagonisten nachempfinden. „Sie sagt nie Förderzentrum, weil sie weiß, wie sehr ich das hasse“ (ebd., S.18). Dabei muss man selbst als RezipientIn entscheiden, ob das Erzählte von Rico wirklich zuverlässig ist. So erzählt er von einem Märchen, das aus Fragmenten von zwei verschiedenen Geschichten zusammengesetzt ist und unverbessert stehen bleibt. „Hänsel und Gretel war von den Vögeln des Waldes auch ihre Brotspur aufgefuttert worden, und wo waren die beiden am Schluss gelandet? Richtig, beim großen bösen Wolf!“ (ebd., S.31).
Rico bezeichnet sich selbst nicht als geistig behindert, sondern als „tiefbegabt“ (ebd., S.147). Es fällt ihm schwer sich zu konzentrieren, sodass er schnell vom Wesentlichen abkommt. Das wird direkt bei seiner Beschreibung deutlich, als er meint, dass er häufig beim Erzählen vom roten Faden abkommt; „[…] er könnte aber auch grün oder blau sein […]“ (ebd., S.11). Außerdem fällt es ihm schwer seine Gedanken zu ordnen, die er mit einer „drehenden Bingotrommel“ vergleicht (ebd., S.11). Dieses Durcheinander macht sich auch bei seinem Orientierungssinn bemerkbar. Er selbst sieht sich in diesem Bereich „[…] wie eine besoffene Brieftaube in einem Schneesturm bei Windstärke 12“ (ebd, S.30). Andere Begriffe für seine Einschränkung, wie z.B. „Schwachkopf“, „beknackt“ oder „Behinderung“, hasst er und machen ihn teilweise wütend (ebd., S.148).
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz der Inklusionsthematik ein und definiert die Forschungsfrage bezüglich der Veränderung in der Darstellung von Behinderung.
2.Definition des Begriffs „geistige Behinderung“: Das Kapitel erläutert medizinische und soziale Definitionen und diskutiert die Problematik sowie Stigmatisierung durch aktuelle Begrifflichkeiten.
3. Umgang mit Behinderung in der Gesellschaft: Es wird der gesellschaftliche Wandel vom Ausschluss bis hin zur Forderung nach Inklusion und Menschenrechtsorientierung historisch aufgearbeitet.
4.Darstellung in der Kinder- und Jugendliteratur bis Ende der 70er: Hier wird der historische Wandel von der „göttlichen Bestrafung“ hin zu einer realistischeren, problemorientierten Darstellung in der Kinderliteratur untersucht.
5.Analyse des Werkes „Rico, Oskar und die Tieferschatten“: Die Analyse beleuchtet sowohl die Inhaltsangabe als auch die spezifische, emanzipierte Darstellung Ricos und vergleicht diese mit früheren Werken.
6.Fazit: Das Fazit fasst den Wandel von der Fremdbestimmung der behinderten Figur hin zur Hauptrolle als emanzipiertes Subjekt zusammen und betont die Notwendigkeit weiterführender toleranter Literatur.
Schlüsselwörter
Behinderung, Inklusion, Kinder- und Jugendliteratur, Rico Oskar und die Tieferschatten, geistige Behinderung, Integrationsgeschichte, gesellschaftlicher Wandel, Literaturdidaktik, Stigmatisierung, Emanzipation, Selbstbild, Fremdbild, 70er Jahre Literatur, Protagonisten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie sich die literarische Darstellung von Menschen mit Behinderung in Kinder- und Jugendbüchern im Laufe der Jahrzehnte verändert hat, speziell im Vergleich zwischen der Literatur der 1970er Jahre und der Gegenwart.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die historische Entwicklung des Behindertenbegriffs, der gesellschaftliche Wandel der Inklusionsdebatte und die literarische Analyse von Kinderbüchern in Bezug auf Stereotype und deren Aufbruch.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob eine Veränderung in der Darstellungsweise von Behinderung erkennbar ist – insbesondere ob sich die behinderte Figur vom gesellschaftlichen „Objekt“ zum selbstbewussten Protagonisten entwickelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wurde angewandt?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse sowie einen komparativen Ansatz, bei dem Werke der 70er Jahre wie „Das war der Hirbel“ mit dem modernen Roman „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ verglichen werden.
Was wird im Hauptteil der Analyse konkret behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Innenansicht des Protagonisten Rico, seine Selbstbezeichnung als „tiefbegabt“ sowie seine Interaktionen mit dem sozialen Umfeld im Vergleich zur damaligen „Exklusions-Problematik“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Inklusion, Stigmatisierung, Emanzipation, Literaturdidaktik, Kinder- und Jugendliteratur sowie der Wandel von der Integration zur Selbstbestimmung.
Warum bezeichnet sich der Protagonist Rico selbst als „tiefbegabt“?
Rico lehnt diskriminierende Fremdbezeichnungen wie „Schwachkopf“ oder „behindert“ ab und nutzt diesen Begriff als individuelle Strategie, um seine spezifischen kognitiven Einschränkungen positiv umzudeuten.
Wie unterscheidet sich die Darstellung in „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ von der Literatur der 70er Jahre?
Während in den 70er-Jahre-Werken die Gesellschaft als Akteurin im Fokus stand und die behinderte Figur oft den „Antagonismus“ zur Umgebung verkörperte, steht Rico in seinem Werk als autonomer Hauptcharakter selbst im Zentrum der Handlung.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2021, Gegenwärtige Darstellung von Behinderung in der Kinder- und Jugendliteratur in "Rico, Oskar und die Tieferschatten" im Vergleich mit den 70er-Jahren, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1119539