„Wie niemals ein größerer, schönerer und nützlicherer Plan den menschlichen
Geist beschäftigt hat als der eines ewigen und umfassenden Friedens unter allen
Völkern Europas, so hat auch kein Autor in stärkerem Maße die Beachtung der
Öffentlichkeit verdient als derjenige, der Mittel und Wege zur Verwirklichung
dieses Planes vorschlägt“.1 Mit diesem Satz leitet Rousseau seinen „Extrait“ ein.
Im 18. Jahrhundert entwickelt sich, ausgehend von Saint-Pierre, eine Debatte
über die Verwirklichung des Ewigen Friedens in Europa. Philosophen und
Staatsoberhäupter beteiligen sich an der aufkeimenden Diskussion. Diese ist aber
nicht neu. So war es Pierre Dubois, der 1305 einen ersten europäischen
Friedensplan entwickelt. Ihm folgten Erasmus von Rotterdam 1517, Juan Luis
Vives 1529 und William Penn 1682. Eine große Wirkung auf die ihm folgenden
Autoren, hatte der Herzog von Sully, der sein Werk um 1617 verfasste. Allerdings
erreicht die Debatte im 18. Jahrhundert, also im Zeitalter der Aufklärung, eine
neue Qualität. Dominiert wird sie in dieser Zeit von den französischen Aufklärern.
Drei Autoren spielen dabei eine herausragende Rolle. Abbé Charles Irénée
Castel de Saint-Pierre, der die Diskussion 1813 einleitet, Jean-Jacques Rousseau,
der die Idee des Abbé in seinem „Extrait“ aufnimmt und Immanuel Kant, der sein
Werk nach der französischen Revolution verfasst. Alle drei befassen sich mit der
Idee des Ewigen Friedens. Sie entwickelten allerdings unterschiedlich
Voraussetzungen, die es zu erfüllen galt um diesen großen Plan umzusetzen.
Dabei spielt vor allem die Frage, ob eine Weltrepublik oder einer föderativer
Staatenbund diesen Frieden sichern kann, eine gewichtige Rolle.
In dieser Arbeit möchte ich die Werke der drei Autoren vorstellen und dabei
aufzeigen, welche unterschiedlichen oder auch gemeinsamen Voraussetzungen sie
schaffen, um ihre Idee zu verwirklichen. Ich möchte die Diskussion darstellen, die
es im 18. Jahrhundert über den Ewigen Frieden gab.
1 Rousseau, Auszug aus dem Plan des Ewigen Friedens des Herrn Abbé de Saint-Pierre, S. 1.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Die Idee des Abbé de Saint-Pierre
1.1. EUROPÄISCHER BUND ALS KONZEPT GEGEN DEN NATURZUSTAND
2.1. DAS „ALTE REICH“ ALS VORBILD
3.1. SAINT-PIERRES „UNION EUROPÉENNE“
2. Rousseaus Ansicht in der Aufklärung
1.2. ROUSSEAUS ANSICHT ZUR IDEE DES ABBÉ
2.2. ROUSSEAUS VÖLKERBUND
2.2.1. Die europäische Gemeinschaft
2.2.2. Die Innenpolitik als Denkansatz
2.2.3. Übergeordnetes Zwangsgewalt
3. Kants Werk: „Zum Ewigen Frieden“
1.3. KANTS IDEEN VOM VÖLKERRECHT
2.3. DIE REPUBLIK ALS VORAUSSETZUNG
3.3. ANALOGIE VON MENSCH UND STAAT
4.3. DIE IDEE DES FÖDERATIVEN BUNDES
3.4.1. 2. Definitivartikel
5.3. BEGRÜNDUNG SEINER IDEE
3.5.1. Die theoretische Überflüssigkeit
3.5.2. Der Widerspruch einer Staatenrepublik
3.5.3. Argument der historischen Realität
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Debatte über den ewigen Frieden im 18. Jahrhundert anhand der Werke von Abbé Charles Irénée Castel de Saint-Pierre, Jean-Jacques Rousseau und Immanuel Kant. Das Hauptziel besteht darin, die unterschiedlichen sowie gemeinsamen Voraussetzungen dieser drei Denker aufzuzeigen, um ihre jeweiligen Friedenskonzepte – ob als Weltrepublik oder föderativer Staatenbund – kritisch gegenüberzustellen und ihre Relevanz in den damaligen politischen Diskursen zu bewerten.
- Vergleich der Friedenskonzepte von Saint-Pierre, Rousseau und Kant
- Analyse der Frage nach der Notwendigkeit einer Weltrepublik oder eines föderativen Staatenbundes
- Untersuchung der Rolle von Souveränität und Zwangsgewalt im Kontext des Völkerrechts
- Bedeutung der republikanischen Regierungsform für eine dauerhafte Friedenssicherung
- Reflexion über historische Realität und theoretische Erfordernisse politischer Ordnung
Auszug aus dem Buch
3.1. Saint-Pierres „Union Européenne“
Saint-Pierre skizziert in seinem Werk seine Idee eines europäischen Staatenbundes. Dabei geht es ihm hauptsächlich um die Sicherung des Status Quo. Im vierten Teil seines Werkes entwirft Saint-Pierre den Vertrag, der aus 12 Grundartikeln und sieben wichtige Artikel besteht, der zur Gründung des Bundes führen würde. Dieser sieht vor, dass in einer freien Stadt ein Bundesrat gegründet wird, in dem jedes Mitglied eine Stimme erhält. Im vierten Grundartikel erklären sich alle Mitglieder bereit bisherige Ansprüche zu tilgen, denn ohne einen solchen Verzicht würde nie etwas Dauerhaftes entstehen können. Im achten Grundartikel wird deutlich, dass der europäische Bund die Kompetenzen für den zwischenstaatlichen Bereich erhält. „Kein Herrscher greift zu den Waffen und unternimmt Feindseligkeiten gegen einen anderen, der nicht zum Feind des Völkerbundes erklärt ist.“ Die Einzelstaaten verlieren somit ihre Souveränität bei den äußeren Angelegenheiten. Von grundlegender Bedeutung sind die Gesetze des Bundes, denn sie bilden das wahre Band des Bundes, das fest und dauerhaft ist, wenn die ganze Macht und Autorität des Bundes hinter ihnen steht und gegen jeden zur Geltung bringt, der sich gegen die Richter widersetzt. Dies macht deutlich, dass sich Saint-Pierre einen Bund vorstellt, der mit der Macht ausgestattet ist, die Beschlüsse und Gesetze auch gegen Widerstand durchsetzen zu können.
Innerhalb von Saint-Pierres Idee entsteht allerdings ein Widerspruch. Er nimmt das „Alte Reich“ als Vorbild eines europäischen Bundes, um den Naturzustand dauerhaft verlassen zu können, was zu einem Verlust der Souveränität der einzelnen Staaten führen würde. Diese Konsequenz ergibt sich daraus, dass es zur Überwindung des Naturzustandes der Bildung eines neuen Staates bedarf. Nur dieser wäre in der Lage die Mitglieder einem System von objektiv gültigen Rechten und Pflichten zu unterwerfen, gegen das sie kein Recht auf Widerstand haben. Der neu zu schaffende Bund ist daher mehr ein Bundesstaat.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Debatte des 18. Jahrhunderts über den ewigen Frieden ein und stellt die drei zentralen Autoren Saint-Pierre, Rousseau und Kant vor.
1. Die Idee des Abbé de Saint-Pierre: Das Kapitel erläutert Saint-Pierres Plan eines europäischen Staatenbundes als Instrument zur Überwindung des kriegerischen Naturzustandes der Staaten.
2. Rousseaus Ansicht in der Aufklärung: Hier wird Rousseaus kritische und zugleich ergänzende Auseinandersetzung mit Saint-Pierres Friedensprojekt dargestellt, wobei der Schwerpunkt auf der innenpolitischen Dimension liegt.
3. Kants Werk: „Zum Ewigen Frieden“: Dieses Kapitel analysiert Kants Schrift, in der er den Übergang von der Weltrepublik zum föderativen Völkerbund vollzieht, um den ewigen Frieden auf rechtsphilosophischer Basis zu sichern.
4. Schluss: Der Schluss fasst die Gemeinsamkeiten und Widersprüche der drei Autoren zusammen und reflektiert die Unmöglichkeit der historischen Umsetzung ihrer Friedenskonzepte.
Schlüsselwörter
Ewiger Frieden, Weltrepublik, Staatenbund, Saint-Pierre, Rousseau, Kant, Völkerrecht, Souveränität, Naturzustand, Republik, Föderalismus, Politische Theorie, Aufklärung, Friedenssicherung, Zwangsgewalt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Debatte im 18. Jahrhundert zur Erreichung des „Ewigen Friedens“ unter besonderer Berücksichtigung der Konzepte von Saint-Pierre, Rousseau und Kant.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den zentralen Themen gehören das Völkerrecht, die Frage nach der Souveränität von Staaten, die Bedeutung politischer Verfassungsformen und die Möglichkeiten einer dauerhaften Friedensordnung zwischen Nationen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab zu klären, unter welchen theoretischen Voraussetzungen die Autoren einen dauerhaften Frieden für möglich hielten und warum sie dabei zwischen einer Weltrepublik und einem föderativen Staatenbund unterschieden.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit wendet eine vergleichende ideengeschichtliche Methode an, um die politischen Theorien der drei genannten Autoren auf ihre Konsistenz und ihre praktischen Implikationen hin zu prüfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Darstellung und den Vergleich der Ansätze von Saint-Pierre (Bund als Stabilisierung), Rousseau (Fokus auf Innenpolitik) und Kant (Rechtsphilosophische Begründung eines föderativen Friedensbundes).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die wichtigsten Schlüsselwörter umfassen den Ewigen Frieden, Völkerrecht, Souveränität, Naturzustand, Republik, Weltrepublik und den föderativen Staatenbund.
Warum lehnt Kant in seiner Friedensschrift die Idee einer Weltrepublik ab?
Kant lehnt eine Weltrepublik aus Sorge vor der Unregierbarkeit eines solch großen Gebildes sowie aus rechtstheoretischen Überlegungen ab, die die Eigenständigkeit und den moralischen Status der einzelnen Staaten betonen.
Welche Rolle spielt die „Analogie von Mensch und Staat“ in der Argumentation?
Die Analogie dient dazu, den Übergang aus einem gesetzlosen Naturzustand in einen rechtlichen Zustand, der für Individuen innerhalb eines Staates gilt, auch auf das Verhältnis der Staaten untereinander zu übertragen, um so die Notwendigkeit von Rechtsvereinbarungen zu begründen.
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- Simon Schermuly (Author), 2006, Weltrepublik oder Staatenbund, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111963