Die Anfänge der deutschen Eugenik

Wilhelm Schallmayer (1857-1919)


Seminararbeit, 2003

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Die Beschäftigung mit Geschichte darf nicht auf rein deskriptivem Niveau verbleiben

B. Leben, Werk und Wirkung
1. Schallmayers Leben im zeitgeschichtlichen Kontext
1.1 Wirtschaftliche und soziale Entwicklungen
1.2 Politische und weltanschauliche Einflüsse
2. Rationalisierung der menschlichen Fortpflanzung: “Vererbung und Auslese. Grundriß der Gesellschaftsbiologie und der Lehre vom Rassedienst”
2.1 Die wissenschaftlichen Grundlagen des Rassedienstes
2.1.1 Biologische Grundlagen
2.1.2 Warum jetzt Rassedienst nötig ist
2.1.3 Historische und sozialphilosophische Überlegungen
2.2 Ziele und Wege des Rassedienstes
2.2.1 Volksmehrungspolitik
2.2.2 Wege der Volkseugenik
3. Kontroversen in der Rezeption
3.1 Rassismus oder internationale Selektion?
3.2 Kritische Würdigung und Wirkungsgeschichte

C. Das Risikopotential der eugenischen Bewegung wird mit politischem Weitblick beurteilt

Literaturverzeichnis

A. Die Beschäftigung mit Geschichte darf nicht auf rein deskrip­ti­vem Niveau verbleiben.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gelangt Thomas Mann in „Dr. Faustus“ zu einer sonder­baren Interpretation der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft: Er deutet sie als dä­mo­nisches Wesen, dem es dank seiner bösen Zauberkraft gelungen war, „eine ursprüng­lich biedere, rechtlich gesinnte, nur allzu gelehrige, nur allzu gern aus der Theorie lebende Menschen­art in die Schule des Bösen“[1] zu schicken.

Dem deutschen Romancier sind keine rationalen Erklärungen für das Geschehene geblieben – ein ganzes Volk wurde schier verhext. Noch im „Zauberberg“ hatte Thomas Mann mit enormer Detailliebe, großem Feingefühl und intelligenter Ironie ein ausdrucks­starkes Bild der gesellschaftlichen Stimmungen vor dem Ersten Weltkrieg gezeichnet. Im Mikro­­kosmos des Davoser Sanatoriums „Berghof“ werden die Ursachen politischer Strö­mungen und geschichtlicher Kapriolen verständlich.

Doch auch das Dritte Reich legte sich nicht wie ein dämonischer Zauber über Deutsch­land und deshalb ist es von großer Bedeutung, die wirklichen Umstände und Voraussetzungen seiner Entstehung zu begreifen. Dieser Abschnitt unserer Geschichte muss verstehbar werden, mag auch das gesamte Ausmaß der Katastrophe nie rational nachvollziehbar sein. Aber Menschen sind eben nur zu einem Teil von ihrer Vernunft geleitet!

Die schlichte Beobachtung, bestimmte nationalistische, völkische und eugenische Ge­danken hätten sich offenbar zu einer bestimmten Zeit entwickelt, genügt also nicht. Ge­schich­te muss immer nach Gründen fragen und darf nicht auf einem rein deskriptiven Niveau ver­bleiben. Am Beispiel Wilhelm Schallmayers lassen sich soziale, politische und wissen­schaftliche Faktoren aufzeigen, die der Entstehung einer Lehre der Rassenhygiene zugrunde liegen. Wie sich zeigen wird, hatte Schallmayer selbst keine rassistischen Gedanken; dennoch wurde sein Werk von der völkischen Bewegung begierig rezipiert und zum Zwecke der eigenen Ideologie instrumentalisiert.

B. Leben, Werk und Wirkung

Zunächst soll die Biographie von Wilhelm Schallmayer im historischen Rahmen wiedergegeben werden, um anschließend wichtige soziokulturelle Einflüsse auf sein Werk identifizieren zu können.

1. Schallmayers Leben im zeitgeschichtlichen Kontext

Im schwäbischen Mindelheim wird Wilhelm Schallmayer 1857 geboren. Sechs Jahre nach der Gründung des Deutschen Reiches legt er 1877 sein Abitur ab und dient vor Studienbeginn ein Jahr freiwillig. Während dieser Phase lernt er den auch in Süd­deutsch­land damals recht ausgeprägten Militarismus hassen.

Zunächst beginnt er Jura zu studieren, belegt aber ab 1879 Medizin und Philosophie in Leipzig und später München. Seine Promotion betreibt er bei Prof. Bernhard von Gudden, der später als Arzt von König Ludwig II. große Bekanntheit erlangen sollte. Thematische Aspekte seiner 1886 abgeschlossenen Dissertation über „Die Nahrungsverweigerung und die übrigen Störungen der Nahrungsaufnahme bei Geisteskranken” finden sich vielfach in Schallmayers Hauptwerk wieder.

Als Facharzt für Dermatologie lässt er sich in Kaufbeuren nieder, reist viel und wird in seiner zweiten Ehe Vater von Zwillingen. Im Dreikaiserjahr 1888 beginnt die Regierungs­phase des 29-jährigen Wilhelm II. und damit besonders außenpolitisch eine sehr unruhige Zeit.

Mit der Schrift „Über die drohende physische Entartung der Culturvölker” erscheint 1891 die erste deutschsprachige Veröffentlichung eugenischer Gedanken. Bis zum öffent­lich­­keits­wirksamen Erfolg Schallmayers durch die Zuerkennung des Krupp-Preises 1900 finden diese Ideen jedoch kaum Resonanz. Ab 1894 hält sich Schallmayer einige Jahre in China auf und betreibt dort Studien der chinesischen Kulturgeschichte – eine Erfahrung, die sich auch in seinem Hauptwerk niedergeschlagen hat.

Nach seiner Rückkehr gibt er 1897 die Praxis auf, um sich in München ganz dem Studium der Rassenhygiene und Eugenik zu widmen. Seinen mit dem Krupp-Preis ausgezeichneten Beitrag veröffentlicht Schallmayer 1903 unter dem Titel “Vererbung und Auslese”. Das sehr erfolgreiche erste deutsche Standardlehrbuch der Eugenik erscheint 1918 – am Ende des Ersten Weltkrieges – in einer dritten, völlig neu überarbeiteten Auflage. Nach seinem Tod im Oktober 1919 wurde diese Fassung unverändert nochmals aufgelegt; falls nicht anders vermerkt, wird diese vierte Auflage von 1920 im Folgenden zitiert. Insgesamt hat Wilhelm Schallmayer etwa 50 Publikationen zu medizinischen und eugenischen Themen veröffentlicht.

Während seines Lebens ereigneten sich tiefgreifende gesellschaftliche und politische Umwälzungen, die sicherlich Schallmayers Denken und Persönlichkeit prägten. Die Wilhelminische Epoche stellt den geschichtlichen Rahmen seines Werkes dar, und die

Auflage von 1918 steht besonders unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges. Das Ende der Monarchie in Deutschland, die Annahme des Versailler Vertrages und der Beschluss der Weimarer Verfassung 1919 waren historische Ereignisse, die in seinen letzten Lebens­monaten stattfanden.

1.1 Wirtschaftliche und soziale Entwicklungen

Das Phänomen der Industrialisierung prägte die gesellschaftlichen Verhältnisse der Wilhel­minischen Zeit. Durch die verzögerte politische Einheit Deutschlands setzte diese wirt­schaft­liche Entwicklungen später ein als in den übrigen europäischen Nationalstaaten, dafür aber um so heftiger.

Zwar lässt sich anhand der Be­schäf­tig­tenzahlen bereits ab 1850 ein ver­stärk­tes Wachstum im sekundären Sektor fest­stellen, aber erst die Reichs­einigung zu­sammen mit der franzö­sischen Kriegs­ent­schädi­gung führten zu den „Gründer­jahren“ 1871–73. Die enorme Dynamik dieser Jahre kollabierte jedoch im anschließenden „Gründerkrach“. Doch die Grundtendenz aus den ersten Jahren des Deutschen Reiches blieb erhalten: Nach 1870 lebte die Hälfte der Deutschen vom Erwerb in der Landwirtschaft. Ab 1890 übertraf die industrielle die agrarische Wertschöpfung und ab 1900 überwogen auch die Beschäftigtenzahlen in der Industrie.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Beschäftigte in Deutschland[2]

Diese primär wirtschaftlichen Veränderungen wandelten die Agrar- zur Industrie­gesellschaft: Familienstrukturen änderten sich, Arbeitsplatz und Wohnstätte waren nicht mehr identisch und die Landflucht führte zur Entstehung des „Proletariats“ in den großen Ballungsräumen.

Das Elend in den Städten nahm unvorstellbare Ausmaße an; 1867 wohnen durchschnittlich 7 Personen in einem Raum einer Berliner Arbeiterwohnung. Persönliche Entfaltung und Familienleben waren unter solchen Lebensumständen kaum noch möglich, so dass Alkoholismus und Prostitution stark zunahmen. Auch infektiöse und umwelt­bedingte Krankheiten wurden durch das Zusammenleben vieler Menschen auf engem Raum und unter ärmlichen Bedingungen begünstigt. Diese Erkenntnis förderte die Entstehung der Hygiene als wissenschaftliche Disziplin von der sich letztlich auch die Eugenik als Rassenhygiene ableitet.

Diese massiven Veränderungen und besonders die Verstädterung werden aus eugenischer Sicht sehr negativ beurteilt, „denn die Großstadt wirkt wie ein Katalysator, in dem rassische Verdrängungs­pro­zesse, Rassenmischung und damit zusammenhängende »Umweltwirkungen« zum rasch voranschreitenden Rassenverfall führ[t]en“[3].

Neben den Lösungsvorschlägen früher Eugeniker wurden auch vielfältige andere Versuche unternommen, die Dramatik der „sozialen Frage“ zumindest zu lindern. Dabei ist besonders der Beginn staatlicher Sozialpolitik unter Bismarck bedeutsam. Bis 1889 waren erste Regelungen zur Kranken- und Unfallversicherung und sogar zu einer gesetzlich geregelte Altersversorgung gesetzlich verankert. Die Idee des Sozialstaates war initiiert, wenn­gleich die Leistungen keineswegs angemessen waren. „Die Sozialversicherung ver­kürzte die »soziale Frage« auf die Absicherung von Daseinsrisiken (...), blieb verteilungs- und wettbewerbsneutral.“[4] Die Anfänge unter­nehmerischer Fürsorge und die von Papst Leo XIII. 1891 erlassene Sozialenzyklika „Rerum Novarum“ sind weitere Versuche die sozialen Konsequenzen der Industrialisierung zu mil­dern. Ein gewisser Ausgleich wurde zwar geschaffen, aber die bestehenden Missstände konnten nicht beseitigt werden. Sie gaben Anlass nach den Ursachen zu fragen; könnte nicht die Rassenhygiene hierzu ihren Beitrag leisten?

1.2 Politische und weltanschauliche Einflüsse

Zusätzlich motivierte die veränderte außenpolitische Situation Deutschlands viele Ideen der Rassenhygiene. Bis zur Reichsgründung hatte der lose Verbund deutscher Fürstentümer eine schwache Stellung im Konzert der europäischen Mächte. Auf diese unglücklichen Zustände im ungeeinten Deutschland weist Heinrich Heine 1844 in seinem beißend satirischen Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“ hin. Kleinstaaterei und Philisterhaftigkeit der deutschen Bürger treffen auf nationale Träume von der deutschen Großmacht:

„Franzosen und Russen gehört das Land,

Das Meer gehört den Briten,

Wir aber besitzen im Luftreich des Traums

Die Herrschaft unbestritten“[5]

Nach dem Krieg 1870/71 war das Mächteverhältnis in Europa zugunsten des geeinten Deutschen Reiches verändert. Die Rivalitäten der europäischen Staaten blieben bis 1890 im Bismarckschen Bündnissystem kontrollierbar, entfalteten nach dem Rücktritt des Reichskanzlers jedoch eine zunehmende Eigendynamik. Sie schlug sich in der imperialisti­schen Kolonialpolitik, einem enormen Rüstungswettlauf und letztlich auch im Bestreben nach einem starken, gesunden Volk nieder. Einige Wissenschaftler und Politiker kamen deshalb zu dem Schluss, nur durch konsequente Zuchtauswahl sei dieser Kampf zu bestehen! Sie fanden die Selektionsidee auch in der weltpolitischen Lage wieder.

[...]


[1] Mann: Dr. Faustus, S.731

[2] Henning: Industrialisierung in Deutschland, S.20

[3] Gerstenhauer: Rassenlehre und Rassenpflege, S.32

[4] Ullmann: Politik im Deutschen Kaiserreich, S.23

[5] Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen, S.592

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Anfänge der deutschen Eugenik
Untertitel
Wilhelm Schallmayer (1857-1919)
Hochschule
Hochschule für Philosophie München
Veranstaltung
Seminar "Geschichte und Bedeutung der Eugenik"
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V111979
ISBN (eBook)
9783640135639
ISBN (Buch)
9783640135844
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anfänge, Eugenik, Seminar, Geschichte, Bedeutung, Eugenik
Arbeit zitieren
Johannes Huber (Autor), 2003, Die Anfänge der deutschen Eugenik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/111979

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