Der Abschuss der Flugmaschine im April 1994, in welcher sich der ruandische Präsident Habyarimana befand, setzte den Beginn für einen 100 Tage andauernden Völkermord, in dessen Verlauf etwa 800.000 Tutsi in systematischer Weise von Hutu ermordet wurden. Vor dem Hintergrund der Art und Intensität der Gewalt wird in der Arbeit die Frage aufgeworfen, inwiefern die situative Dynamik jener Gewalt als Erklärungsfaktor für das exzessive Handeln der Hutu betrachtet werden kann.
Zunächst wird im Folgenden die „Theorie der Konfrontationsspannung“ nach Collins als Grundlage der Untersuchung jener situativen Gewaltdynamik dargestellt, nach welcher die Gewalt einen mikrosoziologischen Moment der Anspannung und physiologischen Erregung passieren muss, damit Akteure in den Tunnel der Gewalt eintreten können. Methodisch ergänzt wird der theoretische Rahmen durch die qualitative Inhaltsanalyse, die in ihren Grundzügen dargestellt und nach einer Skizzierung des Völkermordes, welcher von den Vereinten Nationen definiert wird, über „Handlungen, die in der Absicht begangen werden, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“ (Art. II der UN-Völkermordkonvention), an von Hatzfeld durchgeführten Interviews der Täter und Opfer Anwendung finden wird. Die dabei deduktiv abgeleiteten und an den Textkorpus angelegten Kategorien Besessenheit, Autopilot und Gruppenzwang sollen im Ergebnis die Grundlage zur Beurteilung bilden, inwiefern die situative Dynamik der Gewalt als Erklärungsfaktor für die Gräueltaten des Völkermordes betrachtet werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Verortung und Methodik
2.1 „Theorie der Konfrontationsspannung“ nach Collins
2.2 Qualitative Inhaltsanalyse
3. Empirie: Völkermord in Ruanda
4. Mikrosoziologische Analyse: Situative Gewaltdynamik im ruandischen Völkermord
4.1 Textkorpus und Analyseeinheiten
4.2 Kategoriensystem und Kodierleitfaden
4.3 Ergebnisse
5. Einfluss der situativen Gewaltdynamik auf das Handeln der Hutu
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit die situative Gewaltdynamik nach Randall Collins als Erklärungsfaktor für das exzessive Handeln der Hutu während des Völkermordes in Ruanda dienen kann, um bestehende kulturelle, ökonomische und politische Erklärungsansätze zu ergänzen.
- Mikrosoziologische Analyse von Gewaltdynamiken
- Anwendung der „Theorie der Konfrontationsspannung“
- Qualitative Inhaltsanalyse von Täter- und Opferinterviews
- Einfluss von Gruppendruck und Routine auf das Tötungsverhalten
- Rolle des ruandischen Staates bei der Mobilisierung
Auszug aus dem Buch
2.1 „Theorie der Konfrontationsspannung“ nach Collins
Collins mikrosoziologische Betrachtung der Gewaltdynamik basiert maßgeblich auf der Annahme einer physiologischen Erregung, im Sinne von Angst und Stress, in Konfrontationsbegegnungen (2008: 43). Dieser Zustand entfalte eine negative Auswirkung auf die Wahrnehmung, Feinmotorik und Koordination der Akteure. Damit die Gewalt jedoch realiter umgesetzt werden kann, muss eine Barriere der „Konfrontationsspannung“ überwunden werden. Motivationen zur Ausübung von Gewalt aufgrund von rassistischen Überzeugungen, Unterdrückung, Armut, Wut und Hoffnungslosigkeit seien dafür noch nicht ausreichend, da die reale Umsetzung emotional schwer durchzuführen sei (Collins 2016: 18).
Gewalt meint nach Collins die Umgehung der Konfrontationsspannung, die u.a. mit den beiden hier zentral zu betrachtenden Mechanismen realisiert werden kann: die Suche nach einem schwachen Opfer, das dominiert werden kann, sowie die Orientierung an dem Publikum (Collins 2016: 20). Wird die Barriere überschritten, erfolgt der Eintritt in einen „Tunnel der Gewalt“, welcher mit Erfahrungen von Wahrnehmungsstörung und Besessenheit einhergehe. Collins führt eine zeitliche Differenzierung des Tunnel-Modells an, jedoch erscheint in dieser Betrachtung aufgrund der Dauer des Völkermordes besonders der „lange“ Tunnel von Relevanz (ebd.: 22).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert den Kontext des ruandischen Völkermordes und stellt die Forschungsfrage nach der Relevanz der situativen Gewaltdynamik für das Handeln der Hutu.
2. Theoretische Verortung und Methodik: Dieses Kapitel erläutert Collins „Theorie der Konfrontationsspannung“ und das methodische Vorgehen der qualitativen Inhaltsanalyse.
3. Empirie: Völkermord in Ruanda: Hier werden die historischen Hintergründe des Völkermordes sowie existierende Erklärungsansätze für die Eskalation dargelegt.
4. Mikrosoziologische Analyse: Situative Gewaltdynamik im ruandischen Völkermord: Das Kapitel beschreibt das methodische Design der Analyse, das Kategoriensystem und präsentiert die Ergebnisse der Interviewauswertung.
5. Einfluss der situativen Gewaltdynamik auf das Handeln der Hutu: Diese Sektion interpretiert die Analyseergebnisse im Kontext der Arbeitshypothese und beleuchtet die Mechanismen der Gewaltausübung.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und bestätigt die Relevanz mikrosoziologischer Prozesse als Ergänzung zu kontextualen Erklärungsfaktoren.
Schlüsselwörter
Völkermord, Ruanda, situative Gewaltdynamik, Randall Collins, qualitative Inhaltsanalyse, Besessenheit, Autopilot, Gruppenverstrickung, Konfrontationsspannung, Tunnel der Gewalt, Hutu, Tutsi, Gewaltspezialisten, Mikrosoziologie, Handlungszwang.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Handeln der Täter während des Völkermordes in Ruanda aus einer mikrosoziologischen Perspektive, um zu verstehen, wie aus „normalen“ Akteuren Gewalttäter wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Theorie der Gewaltdynamik nach Collins, die Bedingungen für den Eintritt in einen „Tunnel der Gewalt“ sowie die Rolle von Gruppendruck und Gewöhnungsprozessen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, zu zeigen, dass kulturelle und politische Faktoren allein nicht ausreichen, um die Grausamkeit des Völkermordes zu erklären, und dass situative Faktoren eine entscheidende ergänzende Rolle spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring auf Basis narrativer Interviews mit Tätern und Überlebenden durchgeführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der deduktiven Entwicklung eines Kategoriensystems aus den Collins’schen Mechanismen (Besessenheit, Autopilot, Gruppenverstrickung) und deren Anwendung auf das Interviewmaterial.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie situative Gewaltdynamik, Gruppenverstrickung, Konfrontationsspannung und den Prozess der Professionalisierung von Gewaltakteuren.
Wie unterscheidet sich die „Besessenheit“ von der „Gruppenverstrickung“?
Besessenheit (K1) bezieht sich auf die individuelle psychologische Verfassung und Ekstase beim Töten, während Gruppenverstrickung (K3) den sozialen Druck und die hierarchischen bzw. horizontalen Beziehungen innerhalb der Tätergruppe adressiert.
Welche Bedeutung hat der „Autopilot“ für die Täter?
Der Autopilot beschreibt einen Zustand, in dem durch Routine und Gewöhnung an das Töten die physiologische Erregung sinkt, wodurch die Akteure effizienter und „professioneller“ handeln können.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2017, Völkermord in Ruanda. Einfluss der situativen Gewaltdynamik auf das Handeln der Hutu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1119823