Stirner und Landauer - das ungleiche anarchistische Paar

Individuum über Alles oder Nichtigkeit des Individuums?


Seminararbeit, 2006
23 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Festlegungen

2. „Individuum“ und „Individualismus“

3. Biographien
3.1 Max Stirner (1806 – 1856)
3.2 Gustav Landauer (1870 – 1919)

4. Unterschiedliche Auffassungen vom Individuum
4.1 Stirners „Einziger“
4.2 Landauers „Ewiger Seelenstrom“ und Meinungen zu Stirner
4.3 Ergänzungen zu Landauer

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Festlegungen

1. „Individuum [.] (lateinisch: das Unteilbare), Bezeichnung für das menschliche Einzelwesen, das nicht geteilt werden kann, ohne dass seine Existenz etwas von ihrer Wesensart verliert. Eine weitergehende Definition ist gemäß dem im Mittelalter geprägten Diktum „individuum est ineffabile” („das Individuum ist unaussagbar”) kaum möglich.“[1]

- Microsoft® Encarta® Enzyklopädie Professional 2003

2. „In|di|vi|du|a|lis|mus, der; - <lat.> (Anschauung, die dem Individuum den Vorrang vor der Gemeinschaft gibt)“

„In|di|vi|du|a|li|tät, die; -, -en <franz.> (nur Sing.: Einzigartigkeit der Persönlichkeit; Eigenart; Persönlichkeit)“

„In|di|vi|du|um […du-um], das; -s, …duen <lat.> (Einzelwesen, einzelne Person; abwertend für Kerl, Lump)“[2]

- DUDEN

3. „ Als Individuum wird ein Wesen mit der Fähigkeit zum Denken bezeichnet. Damit ist keine Aussage über die Schärfe oder Tiefe des Denkens getroffen, weshalb der Ausdruck gelegentlich als Beleidigung gebraucht wird.“[3]

4. „ Unter einem Individuum (lat.: unteilbar, aber auch nicht zu Teilendes) versteht man etwas Einzelnes in seiner Gesamtheit mit allen Eigenheiten und Eigenarten, die in ihrem Gesamtgefüge wiederum bestimmend sind für seine Individualität. Es bezeichnet also das räumlich und qualitativ einmalige Einzelwesen (seltener auch Einzelding).

Der Begriff Individuum wird praktisch ausschließlich auf Lebewesen und auf den Menschen angewendet; Einheit und intakte Ganzheit ist bei ihnen lebensnotwendig. Bei Menschen wird statt von Individuen mit derselben Bedeutung auch von Personen geredet“[4]

- Wikipedia.org

5. „Das Einfache ist das Atomare, Unteilbare, [.], Individuelle.“[5]

- Historisches Wörterbuch der Philosophie

6. „Anarchie – die Selbstherrlichkeit des Individuums“[6]

- Gustav Landauer

Schon vom Begriff her, ist das Individuum falsch: das „ Unteilbare “. Wie man sieht, ist es alles andere als unteilbar. Denn ist nicht auch das Herz und jedes andere Organ, ja jede einzelne Zelle, dieses „Individuums“ nicht auch ein Individuum, weil individuell, weil von anderen verschieden und genau bestimmbar? Auch Steine und ihre Bestandteile sind so Individuen.

Früh wurde dies erkannt und gesagt, ein Individuum ist erfüllt mit Leben. Doch wie gezeigt, auch Zellen leben schließlich, so auch z.B. Pflanzen. Um nun wirklich auf das gewollte zu kommen, führte man weitere Eingrenzungen ein: das Individuum denkt (Descartes: cogito ergo sum), es hat Persönlichkeit (Thomas von Aquin). Doch auch hier gibt es Probleme, wie man heutzutage z.B. dargestellt in der Science Fiction sieht: wenn nun eine künstliche Intelligenz denkt, ja Persönlichkeit hat – lebt es dann auch und ist ein Individuum? Individuell ja, aber sicher kein Individuum im Sinne der Herren Philosophen, die ja zu gerne nur vom Menschen sprachen!

Es gibt aber kein Individuum, zumindest keine individuellen, gibt es doch so viele Überschneidungen von Eigenschaften, Eigenheiten, Äußerlichkeiten, ja sogar Erfahrungen und Einstellungen. Denn welcher Mensch hat schon eine vollkommen individuelle Persönlichkeit? Es gibt immer mindestens zwei, die gleich sind, ob nun äußerlich oder innerlich! Darauf kann in dieser Arbeit aber leider nicht eingegangen werden, trotzdem soll die Nichtigkeit des einzelnen Individuums bewiesen werden, was wiederum die Frage aufwirft, ob Stirners Thesen überhaupt Bestand haben können und wie es mit einigen politischen Ideen, im speziellen nun dem Anarchismus, dann bestellt wäre – hätten sie überhaupt Berechtigung?

Wie nun Gustav Landauer bereits so treffend formulierte, geht es beim Anarchismus hauptsächlich um das Individuum und seinen Individualismus. Wie aber definieren Anarchisten den Individuums-Begriff? Um dies zu zeigen möchte ich hiermit zwei der eher ungewöhnlichen Anarchisten untersuchen, nämlich Max Stirner, den Individualanarchisten par excellence, sowie Gustav Landauer, den sozialistischen Anarchisten. Max Stirner und Gustav Landauer vertreten nicht nur die gegensätzlichsten Annahmen überhaupt, nein, auch war Landauer früherer Anhänger von Stirner, der sich später aber abwandte und eigene Überlegungen anstellte.

Max Stirner gilt als einer der wichtigsten Vertreter des so genannten „Individualanarchismus“. Er hebt das Ich, das einzelne Individuum, mit seinem Egoismus über alles andere. Bearbeitet wird hierbei hauptsächlich die „Zweite Abteilung: ICH“ in Stirners „ Der Einzige und sein Eigentum “. Im Folgenden wird hierbei meist abgekürzt als vom „Einzigen“ gesprochen. Zitate werden mit EE angegeben. Betrachtet wurde die area-Version von 2005, um der größeren Verbreitung und häufigeren Nutzung der Stuttgarter Reclam-Ausgabe von 1991 aber gerecht zu werden, wird stattdessen ebendiese zitiert.

Gustav Landauer, Revolutionär, Sozialist und Anarchist, aber auch Künstler und Kunstliebhaber, Einzelgänger und friedvolles Wesen, findet nur wenig Erwähnung in den Reihen der Anarchisten, doch war er anarchistischer Revolutionär und lieferte einige interessante Einblicke zum Verständnis des Individuums. Hierbei finden besonders seine Artikelreihe „Zur Entwicklungsgeschichte des Individuums“ im Sozialist, als auch seine Publikation „ Skepsis und Mystik “ besonderen Schwerpunkt in dieser Betrachtung. Dabei wurden die „Signatur: g.l.“ von 1986 im Suhrkamp-Verlag sowie der „Skepsis und Mystik“ (zitiert als SM) aus dem Verlag Büchse der Pandora des Jahres 1978 zur Betrachtung gezogen.

Zur Einleitung wird es einen Überblick über die philosophiegeschichtliche Entwicklung der Begriffe „Individuum“ und „Individualität“ geben. Einstieg in den Hauptteil werden die Biographien von Max Stirner und Gustav Landauer sein. Schließlich wird es dann im Hauptteil selber um die jeweiligen Ansichten und Begrifflichkeiten dieser beiden gehen, wo sie sich unterscheiden und kritisieren, vor allem aber auch überschneiden.

2. „Individuum“ und „Individualismus“

Zwei Begriffe für dasselbe: Demokrits Atomos (Atom) waren die kleinsten, nicht sichtbaren Teilchen. Dieses Atom wurde von Cicero ins lateinische „Individuum“ übersetzt, und von da an war das „Einfache [.] das Atomare, Unteilbare, Nicht-Zusammengesetzte, Individuelle.“[7] Anfangs waren Atom und Individuum also noch nahezu dasselbe, fortan entwickelten sie sich aber unterschiedlich.

Aber nun zum Individuum.

Am Anfang war Aristoteles. Zwar war er nicht der Erste, der sich Gedanken über die Einzigartigkeiten von Personen und des Menschen gegenüber der restlichen Welt machte, doch war er der Erste, der konkret versuchte, es zu definieren und niederzuschreiben, auch wenn er noch abwechselnd und unklar definiert von Atomos und Individuum sprach. Er nannte das Individuum ein konkretes und ganzheitliches Einzelwesen, numerisch unterschieden von anderen, also etwas „Einzelnes“. Plotins Schüler Porphyrios sagte weitergehend: „Individuen aber heißen solche Wesen, weil jedes aus Eigentümlichkeiten besteht, deren Gesamtheit bei keinem anderen jemals dieselbe sein wird“[8], also Individuen sich durch bestimmte Eigenheiten unterscheiden. Dies meinte auch Jahrhunderte später Richard von St. Victor, doch erstmal stritten sich die Griechen noch eine Weile weiter, was wir jetzt nicht bis ins Detail beleuchten wollen. Die meisten stimmten aber darin überein, dass sie nur das als Individuum betrachteten, was sie sehen konnten.[9] Außerhalb des Ichs „erfühlte“ und gesehene Materie hat aber keine Existenz.[10]

Boethius war der Erste, der davon sprach, dass sowohl überhaupt unteilbares (wie der Geist), wegen Härte unteilbares (wie Stahl) und alles, dessen Beschreibung auf nichts anderes zutrifft, ein Individuum sei. Von dieser Lehre gingen für Jahrhunderte nahezu alle Philosophen, die so genannten Scholastiker des Mittelalters, aus. Adelard von Bath griff im 12.Jh. Ideen von Boethius und Aristoteles auf, als er sagte, dass Individuen numerisch verschieden sind und im Ganzen, in der Art, betrachtet, nicht untergehen.

Laut Thomas von Aquin ist alles, was ist, was existiert, auch ein Individuum, doch höher entwickelte Wesen „mehr“ Individuum sind als niedere, wobei die menschliche Individualität die Persönlichkeit genannt wird, und „’wenn kein Sinneswesen vorliegt, ist kein Mensch’ (si non est animal, non est homo)“[11], man also erst vom Mensch sprechen kann sobald es denkt (Vergleiche hierzu die Diskussion, ab wann ein Fötus ein Mensch ist), wogegen Thomas Hobbes, einer der letzten Scholastiker, Individualität als Identität eines Körpers, beurteilt nach dem ihm zugewiesenen Namen versteht. Dieses Problem mit den zugewiesenen Namen, war ziemlich beliebt bei den Scholastikern. Weiterhin verband die Scholastik das Ich-Bewusstsein (Individualität) mit Vernunftaktivität (Rationalität), also dem Denken[12], sprich, mit dem Denken käme das Ich-Bewusstsein (siehe Thomas von Aquin).

Leibniz war der Erste, der wirklich versuchte diesen Kreis zu durchbrechen. Zwar übernahm er die aristotelischen Grundbegriffe, erweiterte das komplette System aber. Er unterteilte das Universum in Monaden, wobei einige dieser Monaden Bewusstsein und Gedächtnis haben. Leibniz beeinflusste damit Kant, welcher Dinge unterschied, die grundsätzlich wahr und gegeben sind und solche, die man erst erkennen muss damit sie wahr werden. Kant brachte die zwei Äste der bisherigen Erkenntnistheorien, nämlich durch Sinne erkannte oder durch den Verstand vollbrachte, zusammen. Für ihn definierte sich das Individuum aus einer Idee, die man hat.

Kant stopfte aber noch nicht alle Lücken, woran sich dafür J.G. Fichte machte. Er verleugnete Individualität und ein Individuum gäbe es nur, wenn dieses etwas anderes auch als Individuum ansieht. „Jedes I[individuum] ist ‚charakterisiert durch eine bestimmte, ihm ausschließlich zukommende Äußerung der Freiheit“[13] und etwas, das eigentlich zu Stirner passt: „Ich bin als I[individuum] ‚in jedem Momente meiner Existenz’ ‚ derjenige, zu welchem ich mich mit Freiheit mache, und bin es darum, weil ich mich dazu mache’[14] Doch das Allgemeine herrscht über das Individuelle.

Aus dieser Zeit stammt auch Descartes bekannter Ausspruch: cogito ergo sum, (Ich denke, also bin ich). Wie man erkannte, ist das Ich am stärksten mit dem Prozess des Denkens verbunden, während man zu Gefühlen oftmals eher distanziert dasteht (vgl. Descartes und Thomas von Aquin), und dieses Denken führt schließlich auch erst zum Ich.[15]

Durch objektbezogenes Denken verbindet sich das Ich mit der empirischen Wirklichkeit. Denn die so genannte Ich-Aktivität führt zu Erkenntnis und die Erkenntnis zur Wissenschaft. Doch die Erkenntnis allgemeiner Gesetze führt gleichzeitig zu einer Gefährdung der Individualität, da die Wissenschaft gern alles „natürlich“ und rational betrachtet.[16] Zu dieser Gruppe der Rationalisten gehörte schon Kant, aber auch später Marx. Dazu jedoch später mehr.

Die auf diese Zeit folgenden Romantiker, sahen es etwas anders. Schlegel befand das Individuum als ein beständiges Werden, immer unvollendet, was zu wahrer Individualität führt und somit zur Unsterblichkeit, da „die I[ndividualitä]t [.] das Ewige im Menschen [ist] und nur diese kann unsterblich sein“[17]

Humboldt sah Individualität als Einheit der Verschiedenheit und jedes Individuum als „dargestellte Idee“an. Auch Sprache individualisiert.[18]

Hegel beschrieb ein Individuum als ebendieses, wenn dessen Teile „Eins“ sind[19] und Schopenhauer befand die Individualität für umso stärker, je höher entwickelt das Lebewesen ist, was wieder sehr an Thomas von Aquin erinnert.[20]

Karl Marx sah das Individuum als Ausdruck seines Verhältnisses zu anderen Dingen und sah im Individuum „das gesellschaftliche Wesen“[21] Anders sah es Nietzsche, der heimliche Stirner-Nachfolger. Für ihn war das Individuum „etwas ganz Neues und Neuschaffendes, etwas Absolutes, alle Handlungen ganz sein Eigen“[22] und Individualität zu erreichen das höchste Gut.

[...]


[1] Microsoft® Encarta® Enzyklopädie Professional 2003. Version 12.0.0.0602

[2] Individualisieren. In: DUDEN. Rechtschreibung der deutschen Sprache. Weltbild Sonderausgabe. Augsburg (Weltbild Verlag AG) 1999, S. 368

[3] Individuum. In: Wikipedia.org. http://de.wikipedia.org/wiki/Individuum (3.1.2006)

[4] Individuum. In: Wikipedia.org. http://de.wikipedia.org/wiki/Individuum (8.1.2006)

[5] Kaulbach, F.: Individuum und Atom. In: J. Ritter, K. Gründer (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Basel / Stuttgart: Schwabe & Co Verlag, 1976, S. 299

[6] Landauer, Gustav: Zur Entwicklungsgeschichte des Individuums, Teil I. In: Link-Salinger, R. (Hrsg.), Signatur: g.l. Gustav Landauer im Sozialist (1892 – 1899). Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1986, S. 326

[7] Kaulbach, a.a.O., S. 299

[8] Porphyrios, Isag. 7, 21 – 23. Zit. nach: Th. Kobusch: Individuum, Individualität, Teil I. In: ebenda, S. 301

[9] Hegge, Hjalmar: Freiheit, Individualität und Gesellschaft. Eine philosophische Studie zur menschlichen Existenz. Stuttgart (Verlag Freies Geistesleben) 1992, S. 58

[10] Hegge: ebenda, S. 79

[11] Thomas von Aquin, In de causis 11 (235). Zit. nach: Oeing-Hanhoff, L.: Individuum, Individualität, Teil II. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 307

[12] Hegge, a.a.O., S. 59

[13] J.G. Fichte: System der Sittenlehre. Werke, hg. I.H. Fichte 4, 221. Zit. nach: Oeing-Hanhoff, S. 314

[14] Ebd.

[15] Hegge, a.a.O., S. 59f

[16] ebenda, S. 61f

[17] Fr. Schlegel: Philos. Frg. II, Nr. 488. KA 18, 69. Zit. nach: Oeing-Hanhoff, S. 315

[18] vgl. Borsche, T.: Individuum, Individualität, Teil III. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 316

[19] vgl. ebenda, S. 317f

[20] vgl. ebenda, S. 319f

[21] Karl Marx: Ökonomisch-philos. Mss. (1844). MEW Erg.-Bd. 1, 538. Zit. nach: ebenda, S. 321

[22] Fr. Nietzsche: Der Wille zur Macht, hg. P. Gast (Kröner 78) 512, Nr. 767. Zit. nach: ebenda, S. 321

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Stirner und Landauer - das ungleiche anarchistische Paar
Untertitel
Individuum über Alles oder Nichtigkeit des Individuums?
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Proseminar „Philosophie des Anarchismus“
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V112007
ISBN (eBook)
9783640104888
ISBN (Buch)
9783640239818
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stirner, Landauer, Paar, Proseminar, Anarchismus“, Anarchismus, Sozialismus, Individuum
Arbeit zitieren
Andre Schuchardt (Autor), 2006, Stirner und Landauer - das ungleiche anarchistische Paar, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112007

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