Die Modalpartikeln der deutschen Gegenwartssprache

Klassifikationsansätze und deren Probleme sowie Hindernisse bezüglich der Vermittlung an Fremdsprachler


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
29 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung: Vorbemerkungen zum Forschungsstand

II. Hauptteil
1. Vergleichende Gegenüberstellung diverser Klassifikationsansätze
1.1 Abtönungspartikeln bei Hentschel/ Weydt (1989/ 2003)[1]
1.2 Abtönungs- und Modalpartikeln in der IDS- Grammatik
1.3 Peter Eisenberg[2] und seine Klassifikation der Abtönungspartikeln
1.4 Abtönungspartikeln in der Duden- Grammatik[3]
2. Kritikerhebung an den untersuchten Klassifikationsansätzen
3. Warum sind Modalpartikeln so schwer an Fremdsprachenlerner zu vermitteln?

III. Schlussbemerkung

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung: Vorbemerkungen zum Forschungsstand

Seit mittlerweile über fünfunddreißig Jahren weisen die Modalpartikeln (auch Abtönungs-/ Einstellungspartikeln genannt) der deutschen Sprache ein nicht abreißendes Forschungsinteresse auf. 1963 wagte sich zunächst Aleksej Kriwonossow auf das Glatteis der Modalpartikeln, indem er seine Doktorarbeit „Die modalen Partikeln in der deutschen Gegenwartssprache“[4] veröffentlichte. Im Jahr 1969 zog Harald Weydt mit seiner bahnbrechenden Arbeit[5] nach und regte zur verstärkten Auseinandersetzung mit den „Läuse[n] im Pelz unserer Sprache“[6] an, die der Linguistik stets, wie diese Bezeichnung eindringlich aufzeigt, große Probleme bereiteten, weil sie in formale Grammatikmodelle nicht leicht zu integrieren waren. Aufgrund dessen fristen die Abtönungspartikeln auch heute noch in vielen Grammatiken ein Nischendasein, oft wird eine intensive Auseinandersetzung mit dem komplexen Forschungsgegenstand vermieden, weil auf die artikulierten Fragestellungen bisher keine überzeugenden Lösungen und Antworten gefunden werden konnten. So erschien in den neueren Handbüchern für Syntax und Semantik zum Beispiel gar keine Zusammenfassung des Modalpartikelforschungsstandes. Eine beeindruckende Auswahl an Negativwertungen von Partikeln findet sich bei Weydt[7].

Harald Weydt`s Interesse an den Abtönungspartikeln riss dennoch nicht ab. Ihm gebührt das Verdienst, als erster Probleme und Fragen, die im Zusammenhang mit Partikeln stehen, formuliert und dargestellt zu haben. 1983 veröffentlichte er im Rahmen, des von ihm 1981 organisierten Partikelkolloquiums, einen weiteren Band: „Partikeln und Interaktion“[8]. Darin lassen sich deutlich neue Tendenzen der Partikelforschung erkennen: Der kritische Versuch, eine übergreifende Bedeutung von Abtönungspartikeln herauszuarbeiten (Pauschalbedeutung), die Untersuchung dialektaler Varianten, das Berücksichtigen diachronischer Gesichtspunkte bezüglich der Bedeutungserklärung sowie die Behandlung der Beschreibungsproblematik von Abtönungspartikeln in ein- bzw. zweisprachigen Wörterbüchern und deren Vermittlung im Fremdsprachenunterricht. Denn wohingegen ein Muttersprachler die Partikeln bereits im Kindesalter intuitiv richtig zu beherrschen versteht, auch wenn er sich deren Verwendung im Nachhinein nicht mehr bewusst ist, scheinen viele Ausländer große Probleme dabei zu haben, die Partikeln richtig einzusetzen und sie aufgrund ihrer „Bedeutungsarmut“ gleichsam zu verstehen.

Im Jahr 1985 bereicherte Monika Doherty die Partikelforschung mit ihrem anspruchsvollem Werk „Epistemische Bedeutung“[9]. Abtönungspartikeln, die von M. Doherty als Einstellungspartikeln (doch, etwa, denn, ja, wohl) bezeichnet werden, werden als Ausdrucksmittel für epistemische Einstellungen von Sprechern und/oder Hörern verstanden (Grade der Wahrscheinlichkeit). Einstellungspartikeln werden hierbei nicht einzeln analysiert, sondern immer im Bezug auf bestimmte Kontextklassen. Leider lässt Doherty frühere Arbeiten zu den Modalpartikeln völlig außer Acht.

Maria Thurmair stellt in ihrer, im Jahr 1989 veröffentlichten Arbeit, „Modalpartikeln und ihre Kombinationen“[10] das Formkriterium (Syntax) in den Mittelpunkt ihres Klassifikationsansatzes. Sie versucht die Polyfunktionalität der Modalpartikeln zu erfassen sowie ihre Distribution in den Satzmodi. Dabei geht sie von der Grundlegenden Annahme aus, dass jede Modalpartikel in ihrem jeweiligen Kontext nur eine Bedeutung hat. Leider muss an ihrer Arbeit kritisiert werden, dass sie die anspruchsvollere Untersuchung M. Dohertys`[11] zwar gelegentlich erwähnt, eine tiefere Auseinandersetzung mit dieser jedoch vermeidet.

Als großes Problem der gesamten Literatur kann die Uneinheitlichkeit der Darstellung erachtet werden. Vier Ansätze liefern meist vier verschiedene Auffassungen darüber, wie der Partikelbestand beschaffen ist, welche Bedeutungen den einzelnen Partikeln in bestimmten Situationen zuzuschreiben sind oder ob die Modalpartikeln überhaupt als eigene Wortart (Kategorie) erachtet werden können.

Einig sind sich die Forscher jedoch darin, dass Modalpartikeln mit großer Häufigkeit in der gesprochenen Sprache und dort besonders häufig in der Umgangs- und Jugendsprache Verwendung finden. Weniger häufig treten sie dagegen in der geschriebenen Sprache auf, wobei ihre Vorkommensfrequenz in verschiedenen Textsorten auch variiert. Doch wozu benötigt man überhaupt Modalpartikeln, wenn diese doch, wie oft beschrieben, keine greifbare, eindeutige Bedeutung aufweisen? Viele Autoren sind sich auch darin einig, dass Modalpartikeln der Sprache mehr Flüssigkeit verleihen, ein Grund, weshalb sie vielleicht gerade bei den Jugendlichen so beliebt sind. Würde man Modalpartikeln einfach aus der Sprache streichen, so würde diese viel schroffer und manchmal sogar unhöflicher klingen. Ihre Funktion besteht demnach darin, ein gewisses Gesprächsklima herzustellen, den Gesprächspartner zu beeinflussen, indem ihm Hintergründe oder Absichten des Sprechers mitgeteilt werden usw.

Die Zahl der Veröffentlichungen über Modalpartikeln nimmt auch heute noch stetig zu. Zahlreiche Veröffentlichungen zeugen vom regen Interesse, welches den einst verfehmten Winzlingen entgegengebracht wird. Wie es in 3. noch näher erläutert werden wird, gibt es nicht nur zahlreiche Lern- und Vermittlungsmöglichkeiten der Abtönungsartikeln an Fremdsprachler, sondern die Wissenschaft untersucht auch die Existenz solcher Wörter in anderen Sprachen als dem Deutschen, von verwandten germanischen Sprachen über das Finnische bis hin zum Apache.[12]

II. Hauptteil

1. Vergleichende Gegenüberstellung diverser Klassifikationsansätze

1.1 Abtönungspartikeln bei Hentschel/ Weydt (1989/ 2003)

Zunächst liefern Hentschel/ Weydt eine allgemeine Definition für Partikeln. An erster Stelle steht hierbei das Kriterium der Unflektierbarkeit, wobei explizit darauf hingewiesen wird, dass die Flektierbarkeit als ein sehr unsicheres Kriterium zur Wortklasseneinteilung erachtet werden sollte, aufgrund dessen, dass die dadurch „erarbeiteten Definitionen im besten Fall jeweils nur für einzelne Sprachen Gültigkeit haben.“[13][14] Denn dadurch müsste man alle Adjektive des Englischen und in China sogar alle Wörter zu den Partikeln rechnen, was wohl eher weniger sinnvoll wäre. Aber auch eine Beschränkung des Kriteriums auf die deutsche Sprache wirft Probleme auf, weshalb es nach Hentschel/ Weydt sinnvoll erscheint, „bei der Definition der Partikeln auf grundlegende semantische Aspekte zurückzugreifen: Auf die Unterscheidung von kategorischen (lexikalischen), deiktischen, kategoriellen und synkategorischen Bedeutungen. Auf dieser Grundlage können zunächst „Partikeln im weiteren Sinne“ als Synkategorematika, also als Wörter ohne kategorematische und ohne kategorielle Bedeutung definiert werden.“[15] Partikeln entfalten dementsprechend ihre Semantik nur im Zusammenhang mit anderen Wortarten. Somit grenzen Hentschel/ Weydt die, für diese Gruppe in Frage kommenden Wortarten ein, indem sowohl die sogen. Modalpartikeln, als auch Adverbien und Interjektionen (Onomatopoetika, Kurzformen aus Comics: ächz, kreisch, emotionale Äußerungen: aua, pfui) nicht zu den synkategorematischen Wortarten zählen. Die große Gruppe der übrig gebliebenen „Partikeln im weiteren Sinne“ gliedern Hentschel/ Weydt in sechs weitere Untergruppen und liefern damit zunächst einen groben Überblick. Zu ihnen zählen: Präpositionen, Konjunktionen, Konjunktionaladverbien, Modalwörter, Abtönungspartikeln, Intensivpartikeln, Fokuspartikeln sowie Antwort- und Negationspartikeln.[16] Im Folgenden sollen nur die Abtönungs-/ Modalpartikeln einer näheren Betrachtung unterzogen werden. „Unter Abtönungspartikeln versteht man eine Gruppe von Partikeln, wie denn, doch und mal in Kontexten wie: Wie heißt du denn ?, Das ist doch unerhört!, Na, hör mal !. Abtönungspartikeln funktionieren nicht innerhalb der wörtlichen Ebene des Satzes, in dem sie stehen, sondern sie kommentieren ihn als Gesamtäußerung von einer Metaebene aus.“[17]

Ein wichtiger Aspekt, der die Abtönungspartikeln von anderen Wortarten unterscheidet ist, dass diese stets Sonderverwendungen von Wörtern mit primär anderer Funktion sind.[18] Nicht mit dieser Regel kompatibel ist jedoch die Abtönungspartikel halt, insofern sie nicht mit dem Verb halten oder dem Substantiv Halt verwandt ist. Mit besonderer Häufigkeit kommen Partikeln deshalb in der mündlichen Rede vor, wenn die Sprecher versuchen, persönliche Beziehungen zueinander aufzunehmen, was jedoch keinesfalls ausschließt, dass Partikeln auch in der geschrieben Sprache anzutreffen sind. Viele mündliche Äußerungen wie: Wieviel Uhr haben wir eigentlich ? Wie ist denn das Wetter? wären ohne Partikeln gar nicht denkbar. Abtönungspartikeln drücken funktional eine Stellung des Sprechers zum Gesagten aus, sie liefern zusätzliche Informationen zur Einordnung der kommunikativen Einheit, „[s]ie geben dem Gegenüber Informationen darüber, in welchem Zusammenhang ein Satz geäußert wurde und ermöglichen es ihm, ihn pragmatisch einzuordnen.“[19] Die einzelnen Abtönungspartikeln sind dabei auf bestimmte syntaktische Satztypen (Fragesatz, Ausrufesatz…) beschränkt, auf den ganzen Satz bezogen und in diesen integriert. So lassen sich sogar Regeln über pragmatische Effekte von Partikeln in bestimmten syntaktischen Kontexten aufstellen: Denn wirkt in Bestimmungsfragen meist freundlich: Warum bist du denn traurig? In Entscheidungsfragen drückt denn ein Erstaunen aus: Kannst du denn Altgriechisch? Bei Ausrufen über ein vergangenes Ereignis sollte man lieber vielleicht als aber verwenden: Die letzte Stunde war vielleicht interessant! Negativ- rhetorische Bestimmungsfragen werden mit auch gebildet: Warum sollte er auch kommen, (wo du ihn doch gestern so eingeschüchtert hast)?[20] Des Weiteren können sie nicht die erste Stelle im Satz einnehmen, sie sind jedoch relativ frei im Mittelfeld distribuierbar.[21] „Die Stellung der Abtönungspartikeln hängt dabei von der Thema- Rhema- Gliederung des Satzes ab: Die Abtönungspartikel steht immer vor dem Rhema; Ausnahmen bilden die Fälle, in denen die Stellung vor dem Rhema nicht möglich ist, da das Rhema entweder das Vorfeld besetzt oder vom finiten Verb gebildet wird….In diesen Fällen steht die Partikel gewöhnlich am Ende des Satzes.“[22] Abtönungspartikeln, so fahren Hentschel/ Weydt fort, können außerdem nicht die Antwort auf eine Frage (Weder Entscheidungs- noch Bestimmungsfrage) und keinen selbstständigen Satz bilden. Dieses Kriterium grenzt die Abtönungspartikeln von den Satzadverbialen (bestimmt, wahrscheinlich etc.) ab. Häufig werden Abtönungspartikeln kombiniert oder sie treten in Gruppen auf: „Das ist ja denn doch wohl ein bisschen zu viel“.[23]

[...]


[1] Hentschel, E.; Weydt, H.; Sprechen mit Partikeln, Berlin, New York, 1989/ Hentschel, E.; Weydt, H.; Handbuch der Deutschen Grammatik, Berlin, New York, 2003, S. 271

[2] Eisenberg, Peter, Grundriß der deutschen Grammatik, Bd. 2, Der Satz, Stuttgart, Weimar, 1999

[3] Duden, Die Grammatik, Bd. 4, Mannheim, 2005

[4] Kriwonossow, Aleksej, Die modalen Partikeln in der deutschen Gegenwartssprache, Göppingen, 1963

[5] Weydt, Harald, Abtönungspartikeln. Die deutschen Modalwörter und ihre französischen Entsprechungen, Bad Homburg, Berlin, Zürich, 1969

[6] Reiners, Ludwig, Deutsche Stilkunst, München, 1944, S.283

[7] Weydt, Harald, Abtönungspartikeln. Die deutschen Modalwörter und ihre französischen Entsprechungen, Bad Homburg, Berlin, Zürich, 1969, S.23 und S.83; Hier ist von „Füllwörtern“ und „Flickwörtern“ die Rede, so dass der Leser verleitet wird, dass Partikeln nur zum Ausfüllen von Löchern oder zum Ausbessern schadhafter Stellen in der Sprache nützlich seien, jedoch keinerlei Bedeutung oder Funktion haben. Ein Trugschluss, wie sich im Lauf der Arbeit noch herausstellen wird.

[8] Weydt, Harald (Hg.), Partikeln und Interaktion, Tübingen, 1983

[9] Doherty, Monika, Epistemische Bedeutung, Berlin, 1985

[10] Thurmair, Maria, Modalpartikeln und ihre Kombinationen, Linguistische Arbeiten 223, Tübingen, 1989

[11] Doherty, Monika, Epistemische Bedeutung, Berlin, 1985

[12] Vgl. Heinrichs, Werner, Die Modalpartikeln im Deutschen und Schwedischen, Eine kontrastive Analyse, Tübingen 1981; Abraham, Werner; Wuite, Eva; Kontrastive Partikelforschung unter lexikographischem Gesichtspunkt: Exempel am Deutsch – Finnischen, In: Folia Linguistica XVIII/1 – 2, Berlin, 1984, S.155 – 192; Liebe- Harkort, M. –L., Zu den Partikeln in den Apache- Sprachen, In: Weydt, Harald (Hg.), Partikeln und Interaktion, Tübingen, 1983, S.106- 117;

[13] Weydt, H. (Hg.); Sprechen mit Partikeln, Berlin, New York, 1989/ Hentschel, E.; Weydt, H.; Handbuch der Deutschen Grammatik, Berlin, New York, 2003, S. 271

[14] Hentschel, E.; Weydt, H.; Handbuch der Deutschen Grammatik, Berlin, New York, 2003, S. 271

[15] Hentschel, E.; Weydt, H.; Handbuch der Deutschen Grammatik, Berlin, New York, 2003, S. 272

[16] Vgl. a.a.O., S.274

[17] Weydt, H. (Hg.); Sprechen mit Partikeln, Berlin, New York, 1989, S.14

[18] Vgl. Hentschel, E.; Weydt, H.; Handbuch der Deutschen Grammatik, Berlin, New York, 2003, S.311

[19] a.a.O., S.313

[20] Vgl.a.a.O., S.315

[21] Vgl. a.a.O., Beispiel, S.318

[22] Weydt, H. (Hg.); Sprechen mit Partikeln, Berlin, New York, 1989, S.14

[23] a.a.O., S.14

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Modalpartikeln der deutschen Gegenwartssprache
Untertitel
Klassifikationsansätze und deren Probleme sowie Hindernisse bezüglich der Vermittlung an Fremdsprachler
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar: Die Wortarten des Deutschen
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
29
Katalognummer
V112050
ISBN (eBook)
9783640107346
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Modalpartikeln, Gegenwartssprache, Hauptseminar, Wortarten, Deutschen
Arbeit zitieren
Eva Ortegel (Autor), 2006, Die Modalpartikeln der deutschen Gegenwartssprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112050

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