Die wissenschaftpropädeutische Fachdidaktik des Unterrichtsfaches Erziehungswissenschaft


Essay, 2008

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Zur Legitimation des Unterrichtsfaches Pädagogik

2 Grundlagen und Begründungen der fachdidaktischen Entscheidungen.

3 Aufgaben und Ziele des Pädagogikunterrichts

4 Inhalte des Unterrichtsfaches Pädagogik

5 Methode des Unterrichtsfaches Pädagogik

6 Plausibilität und Praktikabilität der wissenschaftspropädeutischen Fachdidaktik

7 Literatur

1 Zur Legitimation des Unterrichtsfaches Pädagogik

Nach Derbolav muss das Fach Pädagogik, nach dessen Einführung in die gymnasiale Oberstufe (GOSt), anders als zuvor im Rahmen der höheren Mädchenbildung legitimiert und profiliert werden.[1]

Da das Fach seit den 70ern nicht mehr im höheren Mädchenschulwesen verankert ist und sich damit einher­gehend auch der institutionelle Kontext des Unterrichtsfaches verändert hat, vertritt Derbolav die Auffas­sung, dass das Fach Erziehungswissenschaft (EW) in der GOST nicht mehr als Erbauungsfach und als Vor­bereitung auf pädagogische Berufe und als Bestandteil von Mädchenbildung (im Sinne von »Mütterschu­lung«), legitimiert und profiliert werden darf. EW sollte vielmehr als ein »echtes« Bildungsfach in den Lehr­plan aufgenommen werden und somit ein Bestandteil der gesellschaftlichen Grundbildung am Gymnasium dar­stellen.[2] Der Pädagogikunterricht (PU) sollte des Weiteren weder als eine Station der Berufsausbildung bzw. –vorbereitung betrachtet werden, noch ist die Erziehungsberatung die primäre Aufgabe des Schulfaches Pädagogik.[3]

Der PU sei, so Groothoff, ein wesentliches Element der neuzeitlichen Welt und somit auch der neuzeitli­chen Bildung. Der These von Groothoff liegt die Auffassung zugrunde, dass sich das Individuum durch die Veränderung der gesellschaftlichen Umstände[4] zunehmend mehr emanzipiert hat und dadurch die Erzie­hung als neuer gesellschaftlicher Bereich entstanden ist. Da sich die Herrschaftsstrukturen aufgelöst haben, sind nun eigene moralische Prinzipien erforderlich, die vom Individuum erlernt werden müssen: Jeder muss zur Einsicht in diese Welt gebildet werden und zur Verantwortung für die menschlichen Dinge erzogen wer­den. Dies bedeutet, dass es auf die Entwicklung der Selbstsicht und Selbsttätigkeit, des eigenen Umgangs mit Mensch und Ding und somit der eigenen Erfahrung mit sich und der Welt ankommt. Das Individuum muss sich nun in zwei Welten zurechtfinden: zum einen der öffentlichen Welt, die zugleich die staatliche und die gesellschaftlich-wirtschaftliche Welt ist, und zum anderen in der privaten Welt, die die moralische und reli­giöse Welt in sich vereint. Die Aufspaltung der »alten Welt« in zwei »neue Welten« geht mit der Abtren­nung der Pädagogik von der Politik einher. Der Mensch müsse nun nicht mehr nur Bürger sein, sondern auch Mensch werden. Durch dieses neue »System« erlangt das Individuum mehr Freiheit und die Aufgabe der Pädagogik ist es nun, das Individuum bei dieser Menschwerdung zu unterstützen und zur Selbstverantwor­tung und Selbsttätigkeit zu erziehen. Demnach wird der Erziehung in diesem neuen System ein eigener ge­sellschaftlicher Bereich zugesprochen. Die Emanzipation des Individuums und die Tatsache, dass jeder zur Einsicht in diese Welt gebildet und zur Verantwortung erzogen werden muss und die Tatsache, dass alles auf die Entwicklung der Selbstsicht und Selbsttätigkeit beruht, macht Pädagogik nötig und gibt ihr einen Gegen­stand vor, der sowohl theoretischer als auch praktischer Natur ist.[5]

Das Fach Pädagogik kann auch mit Hilfe der »Empfehlung zur Arbeit in der GOSt « als Unterrichtsfach in der Sekundarstufe II (Sek. II) begründet werden. Da in der GOSt das Prinzip der Gleichwertigkeit aller Fä­cher herrscht und Pädagogik als Unterrichtsfach bereits in die Sek. II aufgenommen ist und daher die Krite­rien für die GOSt erfüllt, ist es fraglich, warum ausgerechnet dieses Fach aus dem Fächerkanon der Sek. II verbannt werden soll. Außerdem leistet das Fach, wie alle anderen Fächer in der GOSt, einen Beitrag zur Wissenschaftspropädeutik und hilft den Schülerinnen und Schülern (SuS), sich selbst in sozialer Verantwor­tung zu verwirklichen. Darüber hinaus erfüllt das Fach Pädagogik, ebenso wie die anderen Fächer der GOSt, die Lernzielschwerpunkte des selbstständigen Lernens (z. B. Reflexions- und Urteilsfähigkeit, Verfügung über sachgemäße Methoden), des wissenschaftspropädeutischen Arbeitens (z. B. Erkennen von Grenzen wissenschaftlicher Aussagen, Verstehen von wissenschaftstheoretischer Fragestellungen) und der Persön­lichkeitsbildung (z. B. Befähigung zur Lebensgestaltung, verantwortliche Mitgestaltung des öffentlichen Lebens).[6]

2 Grundlagen und Begründungen der fachdidaktischen Entscheidungen

Eine Fachdidaktik umfasst nach Köhnlein die wissenschaftlich-systematische Erforschung des „Lehren[s] und Lernen[s]“ eines bestimmten wissenschaftlichen Fachbereiches, um „die Qualität des Unterrichts [zu] verbessern.“[7] Das Aufgabenfeld einer Fachdidaktik erstreckt sich somit auf die Bereiche der Voraussetzung, Bedingung, Zielsetzung, Inhalte sowie der Methoden des fachbezogenen Lehr-Lern-Prozesses. Aus diesem Grund ist die Fachdidaktik der Logik der Sache, den allgemeinen Zielen des Unterrichts und den an den Lehr- und Lernprozessen beteiligten Personen verpflichtet. Diese spezifische Mittelstellung der Fachdidaktik zwischen Fachwissenschaft und Pädagogik ist jedoch nicht im Sinne eines reinen Deduktionszusammen­hangs zu verstehen. Die Fachdidaktik vertritt durch ihr Aufgabenfeld ein spezifisches Erkenntnisinteresse und greift dabei auch Erkenntnisse anderen Wissenschaftsdisziplinen auf. Ihre besondere Position muss des­halb vielmehr als eine Art Vermittlung zwischen Fachwissenschaft, der Lehrsituation, den Lernenden sowie der Gesellschaft verstanden werden. Diese vier Instanzen bilden die Parameter des Bezugsrahmens des fach­didaktischen Aufgabenfeldes und aller fachdidaktischer Entscheidungen.[8]

Diese Orientierungspunkte der fachdidaktischen Theoriebildung soll nun an die Position Baumgarts ange­legt werden. Baumgarts Ausführungen setzen am Bezugspunkt der Lehrsituation an, weil er die fachdi­daktische Grundlegung des PU zuerst mittels der durch ihn hervorgehobenen allgemeinen Lernziele der GOSt (wissenschaftliche Grundbildung, Studierfähigkeit und Selbstverwirklichung in sozialer Verantwor­tung) vornimmt. Eine zweite zentrale Referenz fachdidaktischer Entscheidungen ist ebenfalls unter dem Be­zugspunkt der Lehrsituation zu fassen: Alle fachdidaktischen Konzeptionen müssten sich an der Funktion der Fächer des gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes messen lassen, „den Schülern gesellschaftliche Realität mit den Mitteln wissenschaftlicher Analyse zu erschließen.“[9] Diese Festlegung wirkt sich wiederum auf das Verhältnis zur Fachwissenschaft aus: Nur schulische Arbeit mit einem sozialwissenschaftlich ge­gründeten Erziehungsbegriff bzw. die Orientierung an einer, sich als sozialwissenschaftlich verstehenden EW, könne diesem Anspruch gerecht werden.

Drittes allgemeines Lernziel der GOSt »Selbstverwirklichung in sozialer Verantwortung« verweist nach Baumgart auf die Interessen der Gesellschaft und soll, durch das „Demokratisierungsgebot des Grundge­setzes“[10], bestimmt sein.

[...]


[1] Vgl. Derbolav, J.: Zum Profil des Faches Pädagogik im Gymnasium. Aus: Beyer, K.(Hrsg.): Reader zur Didaktik des Unterrichtsfa­ches Pädagogik. Aufsätze 1965-1975. S. 17-38. In: Bubenzer, K.: Reader: Fachdidaktische Theorien zum Pädagogikunterricht in der Oberstufe. S. 45

[2] Vgl. ebd. S. 47

[3] Vgl. ebd. S. 48

[4] In der neuzeitlichen Geschichte löst sich zum einen die ständische Welt und zum anderen aber auch Reich und Kirche zunehmend auf und es entsteht die europäische Staatenwelt mit ihrer zunehmend rationalisierten Verwaltung und Wirtschaft.

[5] Vgl. Groothoff, H.-H.: Pädagogik als notwendiges Bildungselement in der modernen Welt. Aus: Beyer, K.(Hrsg.): Reader zur Didaktik des Unterrichtsfaches Pädagogik. Aufsätze 1965-1975. S. 17-38. In: Bubenzer, K.: Reader: Fachdidaktische Theorien zum Pädagogikunterricht in der Oberstufe. S. 53f

[6] Vgl. Empfehlungen zur Arbeit in der gymnasialen Oberstufe. Aus: GABI 30. 1978. In: Bubenzer, K.: Reader: Fachdidaktische Theorien zum Pädagogikunterricht in der Oberstufe. S. 57

[7] Köhnlein, W.: Orientierungspunkte fachdidaktischer Theoriebildung. Aus: Beyer, K. (Hrsg.): Grundlagen der Fachdidaktik Pädago­gik. Studientexte zum fachdidaktischen Anteil der Lehrerbildung. Didactica Nova. Bd. 8. Baltmannsweiler 2000. S. 6-8. In: Bu­benzer, K.: Reader: Fachdidaktische Theorien zum Pädagogikunterricht in der Oberstufe. S. 31f

[8] Vgl. ebd. S. 31f

[9] Baumgart, F.: Aufgaben und Ziele des EWU als wissenschaftspropädeutisches Fach im gesellschaftswissenschaftlichen Aufgaben­feld. Aus: Baumgart, F.: Maßgaben für eine Didaktik des Pädagogikunterrichts nach den KMK-Beschlüssen von 1972. Bochum 1980. S. 3 - 11. In: Bubenzer, K.: Reader: Fachdidaktische Theorien zum Pädagogikunterricht in der Oberstufe. S. 60

[10] Vgl. ebd. S. 62

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die wissenschaftpropädeutische Fachdidaktik des Unterrichtsfaches Erziehungswissenschaft
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Pädagogisches Institut)
Veranstaltung
HS: Fachdidaktische Theorien zum Pädagogikunterricht
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
12
Katalognummer
V112079
ISBN (eBook)
9783640107599
ISBN (Buch)
9783640109500
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fachdidaktik, Unterrichtsfaches, Erziehungswissenschaft, Fachdidaktische, Theorien, Pädagogikunterricht
Arbeit zitieren
Britta Wertenbruch (Autor), 2008, Die wissenschaftpropädeutische Fachdidaktik des Unterrichtsfaches Erziehungswissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112079

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