I. Einleitung
„Keine Partie an dem an Schwierigkeiten so reichen Lehrgedicht des Lukrez hat in den letzten Jahrzehnten den Philologen mehr Kopfzerbrechen bereitet als das Proömium des 1. Buches“, stellte Karl Barwick bereits 1923 fest. Auch 80 Jahre später hat der Beginn von Lukrez´ De rerum natura nicht an Brisanz eingebüßt und gilt nach wie vor als „ein Dauerproblem der Lukrezforschung“.
Neben Fragen und Untersuchungen zum Aufbau des Proömiums sowie zur Komposition des Gesamtwerkes, bei denen besonders die Echtheit der Verse 44-49 Diskussionsgegenstand ist, beschäftigen die Forschung vor allem die ersten 43 Verse des ersten Proömiums, in denen Lukrez sein um 50 v.Chr. verfasstes Lehrgedicht mit einer Hymne an die Göttin Venus einleitet und sie um Inspiration für seine Dichtung und Frieden für die Römer bittet. Denn wie, so fragt man sich, konnte der Dichter sein Werk über die epikureische Konzeption der Welt, in der die Götter keine Rolle spielen und nicht in das Weltgeschehen eingreifen, ausgerechnet mit der Anrufung einer traditionellen Göttin des Pantheons beginnen lassen und sie darüber hinaus auch noch um Hilfe bitten? Die Antworten der Forschung hierauf erstrecken sich von komplexen und sehr unterschiedlichen Erklärungs- und Rechtfertigungsversuchen bis hin zum hämischen Vorwurf des „Anti-Lucretius“ : deinde vocet demens quos tentat perdere Divos/ immemor ipse sui.
In dieser Arbeit soll der Beginn von De rerum natura einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. Dazu soll der Venushymnus des Lukrez (I, 1-43) analysiert und interpretiert werden, um seine Problematik und Brisanz näher zu beleuchten. Der Rest des Proömiums, das bis V.148 reicht, wird nicht in die Textanalyse miteinbezogen, da sich die Venusthematik auf die angegebene Textstelle beschränkt und diese sich insofern vom folgenden Teil des Proömiums absetzt. Gegebenenfalls jedoch wird bei der Interpretation auch auf andere Stellen des Lehrgedichts zurückgegriffen werden.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Übersetzung des Hymnus an Venus (Lukrez, De rerum natura I, 1-43)
III. Interpretation des Venushymnus
1. Inhalt und Aufbau
2. Erläuterungen zum Inhalt
3. Sprache und Stil
4. Interpretationsansätze in der Forschung
5. Textimmanente Deutung
IV. Diskussion und abschließende Interpretation
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die inhaltliche und interpretatorische Problematik der ersten 43 Verse des lukrezischen Lehrgedichts "De rerum natura" zu analysieren, um das Paradoxon der Anrufung einer traditionellen Göttin innerhalb einer epikureisch geprägten Weltanschauung zu beleuchten.
- Analyse des Venushymnus als Auftakt des epikureischen Lehrgedichts
- Untersuchung der strukturellen, sprachlichen und inhaltlichen Gestaltung
- Vergleichende Darstellung zentraler Forschungspositionen zur Venus-Problematik
- Bewertung der Venus als allegorische oder poetische Konzepte
Auszug aus dem Buch
3. Sprache und Stil
Hermann Diels vergleicht in seinen „Lukrezstudien“ den Beginn von De rerum natura mit einem „dreifach gegliederte[n], figurengeschmückte[n] gotische[n] Portal“. Damit spielt er einerseits auf den kunstfertigen Aufbau der Textpassage, jedoch besonders auch auf die Fülle an rhetorischen Figuren und Bildern an, die die Struktur der Verse noch komplexer und eindrücklicher erscheinen lassen.
Den Auftakt der Hymne bildet die dreifache Invokation der Göttin zu Beginn (V.1/2) und die Nennung des Namens als Höhepunkt gegen Ende dieser Reihe. Darüber hinaus enthält die Passage weitere für den Hymnus typische Elemente wie Relativsätze, die Häufung von Personal- und Possesivpronomina (te, V.6; tuum, V.7; tibi, V.7/8) sowie die bereits oben erwähnte Korrelation des positiv (per te, V.4) und negativ (sine te, V.22) ausgedrückten Leistungskatalogs.
Des Weiteren spielt Lukrez vor allem mit der Lexik und der Anordnung der Wörter und verwebt so kunstvoll die einzelnen Sinnabschnitte miteinander. So skizziert er mit den Worten caeli, V.2, mare, V.3 und terra, V.3, den drei Sphären, den Wirkungsraum der Venus. In Vers 6-9 werden diese Bereiche mit tellus, aequora und caelum wiederaufgenommen. Diesmal jedoch erfolgt die Aufzählung in umgekehrter Reihenfolge, so dass das Bild einer wohl geordneten Welt entsteht, über die das geistige Auge des Lesers vom Himmel über das Meer zur Erde und wieder zurück gleitet und in deren Mittelpunkt – zum Ausdruck gebracht durch die „Du“-Prädikation – Venus steht.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Darstellung der forschungsgeschichtlichen Problematik und der Ambivalenz des Proömiums im epikureischen Lehrgedicht.
II. Übersetzung des Hymnus an Venus (Lukrez, De rerum natura I, 1-43): Bereitstellung der deutschen Übersetzung des betrachteten Textabschnitts zur inhaltlichen Vorbereitung.
III. Interpretation des Venushymnus: Detaillierte Analyse von Aufbau, Inhalt, sprachlicher Gestaltung und kritische Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur.
IV. Diskussion und abschließende Interpretation: Synthese der Interpretationsergebnisse und kritische Bewertung der verschiedenen Deutungsmodelle zur Funktion der Venus.
Schlüsselwörter
Lukrez, De rerum natura, Venushymnus, Epikureismus, Venus, Mars, Philosophie der Antike, Proömium, Literaturwissenschaft, Klassische Philologie, Allegorie, Poetik, Naturerkenntnis, Antike Mythologie, Memmius.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Proömium des lukrezischen Lehrgedichts "De rerum natura", speziell den einleitenden Venushymnus (Verse 1-43).
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die literarische Analyse des Hymnus, die epikureische Götterlehre und die Frage, wie ein explizit epikureisches Werk mit einer mythologischen Götteranrufung beginnen kann.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage widmet sich der Auflösung des scheinbaren Widerspruchs zwischen dem religiösen Stil des Venushymnus und dem epikureischen Weltbild, das Götter als nicht in das Weltgeschehen eingreifend betrachtet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textinterpretation angewandt, die durch die Analyse von Metaphorik, Rhetorik und den Vergleich mit der aktuellen Forschungsliteratur gestützt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Inhalt, Aufbau, Sprache und Stil des Hymnus sowie die wichtigsten Forschungsansätze, von allegorischen Deutungen bis hin zu politisch-historischen Interpretationen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind vor allem Lukrez, Venus, Proömium, Epikureismus, Göttervorstellung und poetische Allegorie.
Welche Rolle spielt Memmius in der Interpretation?
Memmius wird als Adressat des Werkes und historische Persönlichkeit analysiert, wobei die Anrufung der Venus auch als Ehrerbietung gegenüber seinem Patronat gedeutet wird.
Wie bewertet die Autorin die allegorischen Deutungsansätze?
Die Autorin betrachtet die allegorische Deutung, Venus als Metonymie für epikureische Konzepte zu verstehen, als plausibelsten Ansatz, weist jedoch auf die Vieldeutigkeit des Textes hin.
Was bedeutet das von Lukrez verwendete Wort "voluptas"?
Voluptas wird als Schlüsselbegriff der epikureischen Philosophie verstanden, der im Hymnus als schöpferische Lebenskraft und sexuelle Lust gleichermaßen interpretiert wird.
Gibt es eine endgültige Antwort auf die Problematik?
Nein, die Autorin kommt zu dem Schluss, dass die Vieldeutigkeit des Textes und sein Facettenreichtum eine einzelne, exklusive Interpretation ausschließen und als Einladung zum Weiterlesen verstanden werden sollten.
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- Katharina Tiemeyer (Author), 2006, Aeneadum genetrix - Der Venus-Hymnus des Lukrez, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112097