Serienmörder im Europa des 20. Jahrhunderts


Fachbuch, 1997

78 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Buchdeckel

Innencover

Vorwort von Prof. Schurich

Der Fall Dennis Nilsen (Großbritannien)

Der Teufel von Rostov (Andrej Chikatilo, Ukraine)

Das Monster von Florenz (Pietro Pacciani, Italien)

Jack The Stripper (unbekannt, Großbritannien)

Verlangen nach Aufmerksamkeit (Beverly Allitt, Großbritannien)

Die rote Spinne (Lucian Staniak, Polen)

Warmherzige, allein stehende Frau gesucht (Bela Kiss, Ungarn)

Paul Ogorzov, der 5-Bahn-Vergewaltiger (Deutschland)

Vertrauensarzt Dr. Petiot (Frankreich)

Der Yorkshire Ripper (Peter Sutcliffe, Großbritannien)

Die Moormörder (Ian Brady und Myra Hindley, Großbritannien)

Adolf Seefeldt - ein ungelöstes Rätsel (Deutschland)

Der Kannibale (Karl Denke, Deutschland)

Das Goldkind (Jürgen Bartsch, Deutschland)

Warte, warte nur ein Weilchen… (Fritz Haarmann, Deutschland)

Die Kindermörderin aus der Goutte d’Or (Jeanne Weber, Frankreich)

Der Würger vom Rillington Place (John Christie, Großbritannien)

Peter Kürten - Der Sadist von Düsseldorf (Deutschland)

Jack Unterweger, Literat und Mörder (Österreich)

Die Beschuldigungen gegen Pastor Pandy (Belgien)

Vorwort zurück zum Inhaltsverzeichnis

Klopf. Klopf.

Ehemann: Wer da?

Stimme: Jack the Ripper.

Ehemann: Für Dich, Liebes!

(Benny Hill Show 1980)

Serienmörder scheinen Konjunktur zu haben, aber sie sind beileibe keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Die Geschichte des Serienmordes, wenn sie einst geschrieben würde, könnte kaum nachweisen, dass der Serial Killer auf der Geschichtsachse immer gewalttätiger, intensiver und exzessiver seine Mordspuren zieht.

Dennoch ist dieses Thema zeitgemäß. Heute sind wir live dabei. Das macht den Unterschied zu den früheren Taten. Wo immer einer wie ein Raubtier im Dschungel seine Opfer sucht, überschlagen sich die Medien, schnellen Auflagen empor. Quasi wie in einer massenmedialen Reality-Show verübt er, der im Dunkeln, im Unsichtbaren Agierende, aufs Neue seine blutigen Taten. Und ist er dann endlich gefasst, wächst das öffentliche Interesse noch einmal, bis das Urteil gesprochen und - in manchen Ländern - bis zum Tode des Delinquenten vollstreckt ist. Dann wartet man geduldig - auf den nächsten Killer.

Wie kann dieses Phänomen erklärt werden? Einerseits wohl aus der Tatsache, dass vom Serienmörder eine unheimliche Faszination ausgeht. Aus der nüchternen Sicht des wissenschaftlichen Kriminologen wird das oft bestritten, aber es stimmt trotzdem. Es ist das Faszinosum Gewalt, das ihn so attraktiv macht, es ist das Ungeheuerliche, sich kaltblütig über Recht und Moral zu stellen, das Unbekanntes und Verborgenes, Fremdes und zuweilen Eigenes entdecken lässt. Zugleich erzeugt er massenhaft Angst. Diese ungewöhnliche Kombination von Abscheu, Ekel und Faszination ist es, die den „Thrill“ ausmacht.

Serienkiller sind, wie der Name schon sagt, multiple Mörder, aber einer besonderen Art. Deshalb gehört nicht jeder Massenmörder automatisch zu dieser Klasse. Holzwart zum Beispiel (Magdeburg 1845) erschlug seine sechsköpfige Familie, schnitt den Allerliebsten noch die Kehle durch und versuchte, sich selbst zu töten. Letzteres misslang gründlich. Obwohl ein Massenmörder, tötete er nicht in Serienabsicht. Denn er wollte nur seine Familie, die er über alles liebte, mit in den Tod nehmen. Bei ihm war keine Mordgewöhnung ausgebildet, wie der Kriminologe Hans von Hentig einmal schrieb, „die bei jedem echten Massenmörder wächst, als gleite der Mensch immer weiter in alte Bereitschaft der Lebensvertilgung zurück“.

Auch Amokläufer, unbestritten multiple Mörder, können wir nicht zu den Serienkillern rechnen. Der Lehrer Ernst Wagner, der in Degerloch im September 1913 seine Frau und seine vier Kinder durch Stiche in Hals und Brust ermordete, danach nach Mühlhausen an der Enz fuhr und wahllos neun Personen erschoss und weitere elf schwer verletzte, tötete nicht in Serie. Das seiner Tat zugrunde liegende raptusartige Geschehen, zeitweilig ohne Rücksicht auf das eigene Leben, dieses kurzzeitige intensive Morden in der Öffentlichkeit unterscheidet den Amokläufer vom über lange Zeiträume beständigen Serienmörder, der unter vier Augen tötet. Und macht wohl, dass Wagner - im Gegensatz zu Haarmann, Denke und Kürten - fast vergessen ist. Denn beim Amokläufer bricht die Gewalt wutartig für einen Moment heraus,

während der Serienmörder, wie von einer fremden Macht gesteuert, die wutartige Gewalt immer wieder ausbrechen lassen muss.

Nicht leicht zu beantworten ist die Frage: Wie wird man ein Serienmörder? In erster Linie scheinen die Killer geboren zu werden. Zwischen Kannibalismus und sozialer Not, wie im Deutschland der 20er Jahre, als die Verbrechen mehrerer kannibalischer Massenmörder begangen wurden, dürfte jedoch ein Zusammenhang bestehen. Dieses Hinzutreten von sozialen Ursachen zur individuellen Verbrechensdisposition hat der Schriftsteller Hans Pfeiffer sehr treffend in folgende Worte gefasst: „Das kollektive Unbewusste eines Volkes enthält auch einen geheimen Raum für die Schlachtbank eines Großmann, eines Haarmann, eines Denke.“ Wie in der modernen Gesellschaft die Verdinglichung des Menschen zum toten Objekt insgesamt eine neue Dimension von Gewalt geboren hat. Aber dominierend scheint die Macht der Gene zu sein, die zum Zwang der Serie treibt ... Genaueres orten wir aber, leider, immer noch nicht.

Serienmörder sind, wie andere Menschen auf anderen Gebieten, entweder Früh- oder Spätstarter. Wir wissen, dass Tierquälerei, oft nur als Dummen-Jungen-Streich abgetan, für die kriminelle Aufbau- und Übungsphase von Sadisten typisch ist. Will man dem Bericht von Peter Kürten glauben, hat er mit neun Jahren seinen ersten Mord verübt. Andere hingegen beginnen ihr teuflisches Handwerk bedeutend später.

Damit ist schon gesagt worden, dass Serienmörder meist Sadisten sind und, auch wenn sie es nicht sind, bei der Tatausführung fast immer eine sexuelle Saite mitschwingt. Schon ein Blick auf die kleine „Statistik“ dieses Buches lehrt uns zudem, dass es sich um eine herausragende männliche Domäne handelt und Frauen die Ausnahme von der Regel bilden, die in den Tiefen ihrer Seelen aber gleichermaßen sadistisch veranlagt sein können.

Serienmörder werden von Freunden und Bekannten oft als ganz normale, unauffällige Menschen beschrieben. Das macht sie so gefährlich und zugleich - sympathisch. Es könnte immer einer von uns sein, der aber doch anders sein muss und vor dem wir uns in allerletzter Konsequenz fürchten müssen, so wie wir uns zuweilen vor uns selbst fürchten.

Serienmörder, die uns so faszinieren, weil sie sich scheinbar unbeschwert über alle Normen hinwegsetzen können, sind dennoch unglückliche Menschen. So lesen wir in diesem Buch, dass Karl Denke ein Unglücklicher war, der nach den Gesetzen seines Daseins Kreise vollenden musste. Serial Killers leiden sehr an ihrem Anderssein, das aus geheimen Orten des Innern kommt. Es quält sie, dass sie ihren Trieben folgen müssen, aber wir können ihre Erschütterungen nicht seismographisch fassen. Auch aus diesem Grunde agieren sie so unauffällig.

Sie sind insofern ein Produkt der Gesellschaft, als jene allein es ihnen erlaubt, immer und immer wieder die schauerlichsten Verbrechen zu begehen. Denn wären sie beim ersten Mord gefasst und verurteilt worden, hätten, wie die Kriminalgeschichte beweist, dutzendfach viele Menschenleben gerettet werden können. Aber das durch Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht installierte Frühwarnsystem des Gemeinwesens versagt oft. So kam die Untersuchung gegen Albert Howard Fish, der mehrere Kinder umgebracht hatte (New York 1928), erst nach Jahren in Gang, als er der Mutter eines Opfers, Mrs. Budd, 1934 leichtsinnigerweise brieflich unter anderem mitteilte: „Ich habe sie erwürgt, bevor ich sie in kleine Stücke schnitt, um ihr Fleisch mit nach Hause zu nehmen, es zu kochen und zu essen.“ Nur in ganz seltenen Fällen hört der Serial Killer wie von selbst auf mit seinem blutigen Treiben, und bleibt dadurch, wie bei den dreizehn Leichenfunden in Cleveland (USA) 1935 bis 1938, für ewig unentdeckt. Die Regel ist das aber nicht. Andersherum kann, wenn der Abwehrdienst der Gesellschaft funktioniert und schon beim ersten Mord oder beim ersten sadistischen Anschlag die Staatsgewalt zuschlägt, eine derartige Karriere verhindert werden.

Serienmörder sind daher, vor allen Dingen, aber nicht nur aus der Sicht der Kriminalistik, „unsere strengsten Erzieher und sollten uns lehren, mit erneuter Bemühung die Schwächen unseres Wissens zu überwinden, die sie aufzeigen“ - wie es Hans von Hentig einmal formulierte.

Das Buch „Serienmörder im Europa des 20. Jahrhunderts“ von Jens Haberland breitet vor uns neunzehn Fälle aus. Gut recherchiert und spannend erzählt, kann es gar den Fachmann in seinem Bemühen unterstützen, die Psyche dieser Täter zu ergründen, ihren Motiven näher zu kommen und durch die Analyse der Begehungsweisen und Tatabläufe Täterprofile zu erarbeiten. Das Buch ist auch deshalb sehr aktuell, weil es vom Versagen der Justiz erzählt, wenn in der Verfolgungshysterie Unschuldige zu langen Haftstrafen oder zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden oder wenn zu Unrecht Verdächtigte Selbstmord verübten. Ebenso lehrreich sind die zahlreich geschilderten Pannen der Polizei. Peter Sutcliffe, der Yorkshire Ripper, schaffte es, die Tatwerkzeuge Hammer und Messer unter den Augen der Polizei verschwinden zu lassen. Der Fehler konnte schnell ausgebügelt werden, weil ein Beamter, einem Instinkt folgend, am nächsten Tag an den Ort der Festnahme zurückkehrte und die Waffen fand. Erschütternd aber zu lesen ist, dass Anzeigen von Opfern, die den Totschlägern entkommen konnten, mit einer gewissen Regelmäßigkeit von der Polizei nicht ernst genommen werden, wodurch sie, die Polizei, zum geheimen Komplizen der Verbrecher avanciert. In den Fällen Dennis Nilsen, Paul Ogorzov und Jürgen Bartsch ist dieses Unglaubliche beschrieben. Gleichfalls schenkte man dem letzten Opfer von Karl Denke zunächst einen Glauben, sondern es bekam im Gegenzug eine Anklage wegen Bettelns und Landstreicherei. Indizien dafür, dass wir in der Tat noch sehr wenig vom Serial Killer wissen und selbst Ordnungshüter, die einiges darüber gelernt haben müssten, ihm oft blauäugig und leichtfertig gegenübertreten

Wir lesen ferner erstaunt, dass Serienmörder - wie Reginald Christie - ihre Geliebten auf Polizeistationen kennen lernen können und dass - psychologisch interessant - Mordhäusern oft ein trauriges Schicksal zuteil wurde. Entweder wollte dort niemand mehr wohnen oder sie wurden einfach abgetragen, weil Touristen massenhaft Steine als Souvenirs mitnahmen oder Nachbewohner Stimmen hörten und hologrammartige Körper an der Wand sahen. Und in der heutigen Bartle Road in London gibt es, obwohl die Straße nach den schrecklichen Morden zweimal umbenannt wurde und sogar völlig neu entstand, zwischen den Neubauten Nr. 9 und 11 keine Nr. 10 mehr: Nur eine Brache erinnert uns noch an das Unglückshaus...

Die Fälle, über die Jens Haberland berichtet, spiegeln insofern das wirkliche Kriminalistenleben wieder, als sich nicht alle Serienmörder in den Netzen der Fahnder verfangen. Bela Kiss zum Beispiel blieb für immer unauffindbar, und nicht alle Umstände können, wie in der Strafsache Adolf Seefeldt, selbst wenn der Täter gefasst wurde, abschließend und umfassend erhellt werden.

Durch aktuelle Fotografien nicht nur der Tatorte und durch Interviews mit Betroffenen unterscheidet sich dieses Buch erfreulich von der übrigen, ein wenig inflationären Literatur zum Thema. Allerdings muss der in einem Interview geäußerten Auffassung von einer ungezügelten Selbstjustiz energisch widersprochen werden. Denn wenn diese Gesellschaft immer noch nicht richtig weiß, wodurch den entsetzlichen Taten vorgebeugt werden kann, wie man mit Serial Killers umzugehen hat und auf welche Weise diese zur Verantwortung zu ziehen und/oder zu therapieren sind, eines weiß sie mit Bestimmtheit: Die tödliche Rache an ihnen wäre genauso unmenschlich wie ihre Taten.

Prof. Dr. Frank-Rainer Schurich,

Kriminologe

Der Fall Dennis Nilsen zurück zum Inhaltsverzeichnis

Am Abend des 8. Februar 1983 wurde der Klempner Michael Cattran von einem Mieter des Hauses Cranley Gardens in Muswill Hill im Norden Londons angerufen und gebeten, einmal nachzusehen, warum der Abfluss sämtlicher Toiletten seit mehreren Tagen verstopft war. Als er den Kanalschacht des Drainage-Systems öffnete, entdeckte er Unmengen verfaulendes Fleisch. Da sich auch Fingerknochen darunter befanden, hatte er keinen Zweifel, dass es sich um menschliche Leichenteile handelte und informierte die Polizei. Sämtliche Bewohner des Hauses wurden zu dem Fund befragt, unter ihnen der siebenunddreißigjährige Staatsbeamte Dennis Nilsen. Er ließ die Polizei bereitwillig in seine Wohnung eintreten, aus der ihnen ein bestialischer Gestank entgegenschlug. Nach der Ursache befragt, erklärte Nilsen ohne sichtbare Emotion, es handele sich um das verwesende Fleisch zweier Männer, die er kürzlich ermordet habe, und deutete auf zwei Plastiktüten in einer Zimmerecke.

Dennis Nilsen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In den Tüten fanden die Beamten zwei abgetrennte Köpfe sowie einen Schädelknochen, von dem das Fleisch abgezogen worden war, und im Bad stießen sie auf die unversehrte untere Hälfte eines männlichen Torsos. Der dazugehörige Rest lagerte in zerhackten Brocken in zwei weiteren Plastiktüten und einem Papierkorb. Dennis Nilsen wurde verhaftet. Im Polizeiwagen erklärte er auf eine entsprechende Frage von Chief Inspektor Peter Jay vom Hornsey CID, er habe insgesamt fünfzehn oder sechzehn Männer getötet. Und auf der Polizeiwache präzisierte er diese Angaben ohne jede Umschweife und berichtete in stoischer Ruhe von drei Männern, die er in seiner aktuellen Wohnung, und zwölf oder dreizehn weiteren Männern, die er in einem früher von ihm bewohnten Apartment, 195 Melrose Avenue in Cricklewood, getötet habe.

Cranley Gardens Nr. 23

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die meisten von ihnen seien wie er selbst homosexuell gewesen. Es sei eine Erlösung für ihn, sich die Sache von der Seele zu reden. Bei der Durchsuchung der Wohnung und des Gartens in der Melrose Avenue stieß die Polizei auf zahlreiche Menschenknochen sowie ein Scheckbuch und einige Kleidungsstücke, während Nilsen mehrere Tage lang verhört wurde und mit erstaunlicher Erinnerung an kleinste Details von seinen Mordtaten berichtete. Sein erstes Opfer, einen jungen, nie identifizierten irischen Arbeiter, hatte er im Dezember 1978 in einer Taverne in der Nähe der Melrose Avenue kennen gelernt. Man hatte reichlich getrunken und war anschließend in Nilsens Wohnung gegangen, um den Umtrunk dort fortzusetzen. Auf Nilsens Angebot, die Nacht bei ihm zu verbringen, ging der junge Mann nicht ein, schlief aber dann doch, betrunken wie er inzwischen war, im Sessel ein. Nilsen erklärte während seiner Vernehmung, er habe sich nach Gesellschaft gesehnt und gefürchtet, sein Gast würde ihn verlassen, sobald er wieder aufgewacht wäre. So griff er nach einer Krawatte und erdrosselte ihn. Anschließend entkleidete und wusch er die Leiche, ein Ritual, das er von nun an nach jedem seiner Morde vollziehen sollte. Bis in den August hinein versteckte er den Leichnam unter den Dielenbrettern seiner Wohnung, bis er ihn schließlich in den Garten schleifte und in einem offenen Feuer verbrannte. Den Geruch überdeckte er, indem er einen alten Autoreifen mit ins Feuer warf.

Melrose Avenue Nr. 195

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im November 1979 sprach Nilsen in einem Pub in Salisbury einen homosexuellen Chinesen an und nahm ihn mit in seine Wohnung. Der junge Mann hatte ein Faible für abartige Sexspiele und ließ sich bereitwillig auf Nilsens Bett fesseln. Nilsen versuchte, ihn zu erwürgen, aber sein Opfer konnte sich losreißen, floh aus dem Haus und erstattete Anzeige. Die Polizei aber glaubte Nilsens Version, nach der der Chinese ihn habe ausrauben wollen und setzte ihn auf freien Fuß.

Um den 3. Dezember herum lernte Nilsen im Princess Louise in High Holborn einen dreiundzwanzigjährigen Kanadier namens Kenneth James Ockenden kennen. Sie gingen in Nilsens Wohnung, aßen Eier mit Schinken und tranken reichlich Alkohol. Anschließend hockte sich Ockenden vor den Fernseher, wobei er gleichzeitig Kopfhörer trug und Rockmusik aus Nilsens Hifi-Anlage hörte. Dies dürfte der Grund gewesen sein, warum er sein Leben lassen musste. Nilsen wollte Gesellschaft, unterhielt sich gerne und fühlte sich von seinem Gast zurückgewiesen. Als Okenden ihm bis kurz nach Mitternacht noch immer keine Beachtung geschenkt hatte, griff er nach einem Kabel und erdrosselte ihn kurzerhand. Nilsen war selbst viel zu betrunken, um sich um die Leiche zu kümmern, und setzte sich stattdessen nun selber die Kopfhörer auf und hörte stundenlang Musik. Am nächsten Tag versuchte er, sein Opfer unter der Diele zu verstecken, was ihm aber nicht gelang, da mittlerweile die Totenstarre eingesetzt hatte. Also zerstückelte er die Leiche und vergrub sie im Garten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der „Golden Lion“ im Londoner Bezirk Soho war eine von den Kneipen, in denen Nilsen seine Opfer aufgabelte.

Alle seine Morde verliefen nach ganz ähnlichem Muster, wobei Nilsen die Leichenteile teilweise sogar kochte, um sie besser verschwinden lassen zu können, und nur seine Festnahme dürfte verhindert haben, dass ihm weitere ahnungslose junge Männer zum Opfer fielen. Am 24. Oktober 1983 wurde die Gerichtsverhandlung im Central Criminal Court eröffnet, und obwohl er insgesamt fünfzehn Morde und weitere fünf Mordversuche gestanden hatte, wurde Dennis Nilsen nur für sechs Morde und zwei Mordversuche angeklagt. Am 4. November wurde er in allen Anklagepunkten für schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der Mann, der sich selbst mit einem gewissen Stolz als „Englands größter Massenmörder“ bezeichnete, war Schotte und kam am 23. November 1945 in Fraserburgh zur Welt. Seine Mutter Betty, eine geborene Whyte, hatte im Jahr 1942 den norwegischen Soldaten Olav Nilsen geheiratet. Es sollte keine sehr glückliche Ehe werden. Olav war selten zu Hause, trank übermäßig, und so ließ sich Betty nach sieben Jahren wieder scheiden. 1954 heiratete sie zum zweiten Mal und trug von nun an den Namen Betty Scott. Dennis Nilsen aber wuchs im Hause seiner Großeltern auf, und sein Großvater, Andrew Whyte, wurde ihm zum Ersatzvater, an dem er mit ganzem Herzen hing. Nilsen war gerade einmal sieben Jahre alt als Andrew verstarb und Dennis von seiner Mutter ins Haus gerufen wurde, um sich von seinem Leichnam zu verabschieden. Ein ganz offensichtlich traumatisches Erlebnis für den kleinen Jungen, und Nilsen merkte in den umfangreichen Aufzeichnungen, die er während seiner Haft anfertigte, dazu an „damals begannen meine Probleme“. Das Ableben des geliebten Großvaters sei ein derartiger Schock für ihn gewesen, dass er seinen eigenen emotionalen Tod bedeutet habe.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Polizeiplakat des vermissten kanadischen Touristen Kenneth Ockenden

1961 ging Nilsen zur Armee, wo er den Beruf des Kochs erlernte. Es war in dieser Zeit, dass er damit begann, regelmäßig zu trinken, und obwohl er sehr einsam war, lehnte er engere Freundschaften ab. 1972 verließ er die Armee und wurde Polizist, gab auch diesen Beruf nach nur neun Monaten wieder auf, arbeitete eine Weile lang für einen Wachschutz und schließlich als Interviewer für die Manpower Services Comission.

Seit November 1975 teilte sich Nilsen seine Wohnung in der Melrose Avenue mit dem zehn Jahre jüngeren David Gallichan. Nilsen besteht darauf, dass die beiden nie eine homosexuelle Beziehung gehabt hätten, aber trotzdem hatte der junge Mann eine immense Bedeutung für ihn. Und als Gallichan im Mai 1977 beschloss, London zu verlassen und einen Job auf dem Land anzutreten, ließ er einen zutiefst verbitterten Nilsen zurück, der sich unendlich gedemütigt und verlassen fühlte. Das unfreiwillige Ende der Beziehung zu David Gallichan dürfte der entscheidende Faktor gewesen sein, der schließlich die mörderische Gewalt freisetzte, die fünfzehn Männern das Leben kosten sollte.

Der junge Dennis Nilsen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ende der 80´er Jahre hatte Dennis Nilsen im Gefängnis von Wakefield eine Affäre mit dem 32 jährigen Jimmy Butler, der wegen bewaffneten Raubüberfalls einsaß und die Geschichte seiner Liebesbeziehung mit dem Serienmörder später vermarktete.

Der Teufel von Rostov zurück zum Inhaltsverzeichnis

„Warum nur hat Gott mich zur Erde gesandt, mich, einen Menschen, der so liebevoll, zärtlich und nachsichtig ist und doch seinen eigenen Schwächen so vollkommen hilflos ausgeliefert.“

(Andrej Chikatilo)

Es war kalt an diesem trüben Wintertag des 22.12.1978, als das unvorstellbare Grauen einer beispiellosen Mordserie sein erstes Opfer fand. Svetlana Gurenkova, eine pflichtbewusste Bürgerin des ukrainischen Bergarbeiterstädtchens Shakty, stand an der Bushaltestelle und beobachtete mit wachsendem Misstrauen einen großen, kräftig gebauten Mann mit merkwürdig hängenden Schultern, der eindringlich auf ein etwa zehnjähriges Mädchen einsprach. Die Augen hinter großen, getönten Brillengläsern verborgen, trug er eine Plastiktüte in der Hand, aus der der Hals einer Weinflasche herausragte. Die Beiden ergaben ein ungewöhnliches Bild. Dieser nicht mehr junge Mann mit der Weinflasche und das dick vermummte Kind, das dort unsicher zu ihm aufschaute, wirkten auf Svetlana keineswegs wie Onkel und Nichte, und auch wenn sie zu weit entfernt standen, um ihre Worte zu verstehen, so beschloss Svetlana doch, sie im Auge zu behalten. Schließlich machte der Mann Anstalten zu gehen, und das Mädchen lief ihm nach kurzem Zögern hinterher. Vielleicht gehörten die Beiden doch irgendwie zusammen, aber ein leiser Zweifel blieb, als sie den Bus bestieg und nach Hause fuhr.

Andrej Chikatilo, geb. am 16.10.1936 in Yablochnoye, wusste, wie man Kinder ansprach und ihr Vertrauen gewann, hatte er doch selbst einen Sohn und eine Tochter, Yurka und Ludmilla, und war Lehrer an der örtlichen Schule für Bergarbeiterkinder, GPTU-33. Er hatte an der Universität von Rostov am Don Russische Literatur, Ingenieurwesen und Marxismus-Leninismus studiert, beim Militär gedient, war engagiertes Mitglied in der Partei und ein vorbildlicher Familienvater. Nach außen hin der unauffällige Sowjet, der in seinem Leben alles richtig gemacht hatte, sah seine Selbsteinschätzung vollkommen anders aus. Chikatilo würde später erklären, er sei gewissermaßen ohne Augen und ohne Genitalien zur Welt gekommen. Seine Sehschwierigkeiten, die es ihm während seiner Kindheit unmöglich gemacht hatten, die Worte an der Tafel des Klassenzimmers zu erkennen, erfüllten ihn schon früh mit Wut und Selbstmitleid, und während seiner Jugend musste er bald feststellen, dass er zwar wohl zur Ejakulation fähig, aber zu keinerlei Erektion in der Lage war. Die seltenen Ausnahmen, die ihn später mit, wie er es ausdrückte, ´handfester Unterstützung` seiner Frau Fenya zum Vater werden ließen, änderten nichts an seiner Überzeugung, dass er als kastrierter Krüppel zur Welt gekommen war. Und noch ein weiterer Schicksalsschlag mag sein Leben nicht unwesentlich beeinflusst haben. Noch bevor er geboren wurde, war sein Bruder Stepan während der verheerenden ukrainischen Hungersnot der frühen Dreißiger Jahre entführt, ermordet und teilweise aufgefressen worden. Kein Einzelfall damals, aber Chikatilos Mutter war nicht müde geworden, ihm die Geschichte über Jahre hinweg wieder und wieder weinend zu erzählen, wie auch Chikatilos Schwester Tanya später bestätigen sollte. Dabei hatte sich Chikatilo nichts sehnlicher gewünscht als einen älteren Bruder, der ihn, der sich als absolut schwach, wehrlos und zu jeder Widerrede außerstande erlebte, gegen den beißenden Spott seiner Mitschüler in Schutz genommen hätte. Auch während seiner Lehramtstätigkeit fand er kein Mittel gegen die Hänseleien der älteren Schüler, die ihn wegen seiner ´weibischen` Haltung und seines watschelnden Ganges als Gans und in einem Atemzug mit der Behauptung, man habe ihn mit dem Penis eines schlafenden Jungen im Mund erwischt, als jämmerliche Schwuchtel beschimpften. Diese Jungen genossen seine Hilflosigkeit, schubsten und knufften ihn bei jeder Gelegenheit, und als ihn schließlich einer von ihnen im Park von hinten niederschlug, kaufte er sich ein Messer und trug es von nun an ständig mit sich herum.

Andrej Chikatilo hatte sich heimlich eine Zweitwohnung in der Granica Ulica Nr. 26 gemietet, und genau dorthin war er nun unterwegs, mit der neunjährigen Lena Zakotnova, die er an der Bushaltestelle angesprochen hatte, an seiner Seite. Als er die Tür des Hauses öffnete und das Mädchen hineinschob, waren seine letzten Zweifel verflogen. Schließlich hatte er die Wohnung gemietet, um endlich tun zu können, wonach ihm schon so lange gelüstete. Wenn er um die Mädchentoiletten herumgeschlichen war und auf den Knien liegend versucht hatte, einen Blick unter der Tür hindurch zu werfen, oder wenn er sich im Gedränge des Busses zwischen die Kinder schob, sich an ihnen rieb und auch mal eine Hand in ein Höschen gleiten ließ. Er schloss die Tür auf und warf Lena zu Boden. Sie schrie, als er ihr die Jacke aufknöpfte und die Hose herunterzog, und diese Schreie erregten ihn. Aber er musste auf der Hut sein, durfte sich nicht erwischen lassen. Also drückte er seinen Ellenbogen mit ganzer Kraft auf ihren Hals und wickelte ihr schließlich einen dicken Schal um das entsetzte Gesicht. Als er den Geschlechtsakt vollziehen wollte, blieb die Erektion aus. Dennoch bekam er einen Orgasmus. Seinen Samen brachte er mit der Vagina des Opfers in Verbindung und empfand dabei eine pervertierte Art des Vergnügens, dass er selbst hauptsächlich auf den Prozess der Verletzung dieses kleinen Körpers zurückführte. Lena schrie und strampelte noch immer, und Chikatilo dachte an seine Frau, und dass sie ihm dies hier niemals verzeihen würde. Er zog das Messer hervor und stach dem kleinen Mädchen dreimal tief in den Magen.

Mit dem nun schweigenden Kind unter dem einen Arm, und ihrer Schultasche in der anderen Hand trat er aus dem Haus und schaute sich vorsichtig nach Passanten um. Dies mag erklären, warum er vergaß, das Licht zu löschen, und auch nicht bemerkte, wie das Blut aus dem kleinen Körper auf die Straße tropfte. Er eilte zum nahen Fluss Grushevka, warf das Mädchen hinein und schleuderte die Schultasche hinterher.

Am 24.12.1978 wurde Lenas Leiche unter einer Brücke gefunden. Nur dreihundert Meter vom Fundort entfernt wohnte Alexander Kravchenko. Der mittlerweile Fünfundzwanzigjährige war 1970 wegen Vergewaltigung und Mord an einem siebzehnjährigen Mädchen zu zehn Jahren Jugendstrafe verurteilt und nach sechs Jahren vorzeitig entlassen worden. Da er kein Alibi vorzuweisen hatte, wurde er verhaftet.

Sobald Svetlana Gurenkova vom Mord an der kleinen Lena erfuhr, meldete sie sich bei der Polizei und berichtete von ihrer Beobachtung zwei Tage zuvor. Mit ihrer Hilfe wurde ein Phantombild des zweiten Verdächtigen erstellt und unter anderem auch Direktor Andreev von der GPTU-33 vorgelegt, der Chikatilo sofort identifizierte. „Sprechen sie mit niemandem darüber“, instruierten ihn die Beamten, bevor sie die Schule verließen, und der brave Mann hielt sich an die Anordnung.

Am 27.12. entdeckten zwei Streifenpolizisten die Blutspuren vor dem Haus Grania Ulica Nr. 26. Sie nahmen eine Probe und brachten sie ins Labor. Ihre Nachforschungen ergaben, dass das Haus vom verdächtigen Andrej Chikatilo gemietet worden war. Die Nachbarn sagten aus, dass in der fraglichen Nacht Licht im Hause gebrannt habe, und so wurde Chikatilo zum Verhör geladen und verhaftet. Es stellte sich allerdings schnell heraus, dass sich seine Blutgruppe (AB) nicht mit der der Samen (B) deckte, die im Körper des Mädchens gefunden worden waren. Und da nach dem damaligen Kenntnisstand Blutgruppe und Samen eines Mannes immer vom gleichen Typ sind, wurde Chikatilo wieder auf freien Fuß gesetzt. Kurze Zeit später brach der unschuldige Kravchenko unter Schlägen und Drohungen zusammen und legte ein Geständnis ab. Er wurde zum Tode verurteilt, hingerichtet, und der Fall galt zunächst als gelöst.

Aber das Morden sollte weitergehen, und als Issa Kostoev, einer der erfolgreichsten Kriminalisten der Sowjetunion, im November 1985 den Fall übernahm, waren bereits 23 Opfer, Mädchen, Jungen und junge Frauen, in Rostov und Umgebung gefunden worden. Vergewaltigt, erstochen, mit einem Seil erdrosselt und zerstückelt.

Chikatilo war inzwischen dazu übergegangen, seinen Opfern Brustwarzen, Zungen und Geschlechtsteile abzubeißen, und schnitt ihnen Arme und Beine ab, die zum Teil auf verschiedenen Müllplätzen der Stadt gefunden wurden. Vom Täter selbst aber fand man bis auf ein einziges graues Haar nie die geringste Spur, und so konnte auch Kostoev keinerlei Erfolg vorweisen, bis am 6.11.1990 einem Zivilpolizisten in der Nähe eines Wäldchens, in dem mehrere der Morde verübt worden waren, ein grauhaariger Mann auffiel, der sich an einer Pumpe die Walderde von den Schuhen wusch und einige Pilzsammler in auffallend übertriebener Herzlichkeit grüßte. Er ließ sich den Ausweis des Mannes zeigen und berichtete noch am selben Abend seinem Vorgesetzten Kostoev von seiner Beobachtung. Der Mann hieß Andrej Chikatilo. Kostoev suchte nach einer eventuellen polizeilichen Eintragung und stieß nun zum ersten Mal auf die Akte, die ihm bei der Übernahme des Falles nicht einmal ausgehändigt worden war. Er war entsetzt, zu lesen, dass Chikatilo damals mit einem Messer, einem Seil und Vaseline in der Tasche aufgegriffen worden war. Und da er erst kürzlich in einer wissenschaftlichen Zeitung gelesen hatte, dass es in äußerst seltenen Fällen durchaus vorkommen kann, dass Blutgruppe und entsprechende Gruppendefinition des Samens eines Mannes nicht übereinstimmen, ließ er Chikatilo sofort verhaften. Es sollte nicht lange dauern, bis Chikatilo ein umfassendes Geständnis ablegte. Am 14.10.1992 wurde Andrej, Chikatilo wegen 55 fachen Mordes von Richter Akubzhanov in Rostov zum Tode verurteilt.

„Und dass es nie mehr solche Menschen wie mich gäbe!“

Diesen Wunsch schrieb Andrej Chikatilo am 14. Februar 1994 in das Buch „Der Mörder" von M. Kriwitsch und O. Olgin. Dass dieser Tag sein letzter werden würde, wusste er noch nicht, als er den Spruch in das Buch schrieb.

Das Buch gehörte dem Staatsanwalt Anatoli Sadoroschny, der 1992 im Prozess gegen Andrej die Todesstrafe als Vergeltung für die mindestens 53 Morde verlangte. Zwischen dem verurteilten Mörder und seinem Ankläger hatte sich über die letzten zwei Jahre eine recht gute Beziehung entwickelt.

Dass Andrej Chikatilo gesellig und kontaktfreudig war, war niemandem im Gefängnis entgangen. Er passte sich schnell an seine neuen Lebensbedingungen an, las viele Bücher, schrieb Unmengen von Anträgen und Beschwerden und wollte sogar seine Memoiren verfassen.

Als Autor hatte er bereits Erfahrung. Als Lehrer und Mitglied der Kommunistischen Partei der Sowjetunion schrieb er seinerzeit etliche Artikel über Moral.

Wie das Gefängnispersonal berichtete, hatte Andrej Chikatilo große Angst um sein Leben und bat deshalb darum, in einer Einzelzelle untergebracht zu werden. Er hatte aufgrund seiner grausamen Verbrechen nun natürlich berechtigte Angst vor Anschlägen seiner Mithäftlinge. Mit einigen von ihnen, die ihm harmlos erschienen, spielte er oft Schach und nahm als Gewinn Lebensmittel entgegen. Er hatte ständig großen Appetit, konnte diesen jedoch außerhalb der üblichen Malzeiten nicht stillen, da er weder Besuch noch Pakete von seinen Angehörigen bekam.

Augenzeugen berichteten, dass Chikatilo bis zur letzten Minute seines Lebens nicht an seine Hinrichtung glaubte. Er ging offenbar davon aus, dass er - als pathologischer Mörder von wissenschaftlicher Bedeutung und außerdem offenbar geisteskrank - noch begnadigt werden würde. Der Präsident lehnte sein Gesuch jedoch ab. Seine Leiche begrub man auf einem Friedhof in Nowotscherkassk.

Aktuelle Anmerkung und ein Interview:

Am 10. April 1997 wurde der Sohn Andrej Chikatilos, Juri Chikatilo, vom Bezirksgericht Rostov zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt.

Juri war wegen Vergewaltigungen, Erpressungen, Urkundenfälschung und noch einiger anderer Delikte angeklagt worden.

Aufgrund der Furcht der Zeugen, in der Öffentlichkeit gegen Juri Chikatilo auszusagen - er hatte ja kein Kapitalverbrechen begangen und würde also irgendwann entlassen werden - konnte ihn das Gericht lediglich wegen Erpressung bestrafen, heißt es in der Moskauer Presse.

Da Juri vor seinem Prozess bereits ein Jahr in Untersuchungshaft verbracht hatte, wird man ihn im Frühjahr 1998 entlassen. Das Gesetz sieht allerdings vor, beim Tatbestand der Erpressung den Besitz des Verurteilten einzuziehen.

Sämtliche belastende Informationen im Fall Juri Andrejewitsch Odnatschew, ehemals Chikatilo, entstammen der örtlichen Presse bzw. den Aussagen von Personen, die aufgrund des Lebenswegs des Vaters nicht unvoreingenommen sind. Es ist daher keineswegs auszuschließen, dass sich die Umstände, die zur Verurteilung Juris geführt haben, anders verhalten haben als dargestellt. Möglich wäre auch die Version, die sich aus dem Interview mit Juri Odnatschew ergibt.

Bereits 1991 wechselte die Familie Chikatilo den Namen. Der Zusatz Nr. 3 vom 11. Januar 1991 im Registrationsbuch des Standesamtes bezeugt, dass Juri Andrejewitsch Chikatilo, geboren im August 1969, den Geburtsnamen seiner Mutter angenommen hat und sich von nun an amtlich Juri Andrejewitsch Odnatschew nennen darf. Kurz darauf zog die Familie in die Ukraine, doch bald sollte man in Rostov wieder von Chikatilo hören:

Als die Miliz eine Wohnung in Rostovs Stiller Straße aufbrach, war dort alles voller Blut. Der Inhaber dieser Wohnung befand sich jedoch wegen einer Schlägerei mit seinem Vermieter im Krankenhaus, wo er dann schließlich verhaftet wurde. Eigentlich eine übliche Kriminalgeschichte, wie sie zu dieser Zeit in der ehemaligen Sowjetunion tagtäglich vorkam. Nachdem die Milizionäre den Wohnungsinhaber Odnatschew mit einem Haftbefehl aus dem Krankenhaus auf das Revier gebracht hatten, verschlug es dem Chef der Kriminalpolizei Iwan Worobjewski die Sprache. Wen er hier vor sich hatte, war ganz eindeutig der Sohn des Mannes, den er sechs Jahre zuvor im Winter 1990 verhaftete. „Hallo, Onkel Wanja!“, freute sich Juri und blickte Iwan an. Worobjewski hatte sich damals nicht nur aus dienstlichen Gründen sondern vor allem aus Mitleid mit der rechtschaffenen Frau Chikatilo nach der Verhaftung ihres Mannes ein wenig um die Familie gekümmert. Umso entsetzter war er nun, den Jungen vernehmen zu müssen. „Dein Vater wurde hingerichtet und nun kehrst du hierhin zurück, Juri. Was soll das?“ Onkel Wanja, wie ihn Juri zu nennen pflegte, durchzog in diesem Augenblick eine dunkle Vorahnung.

[...]

Ende der Leseprobe aus 78 Seiten

Details

Titel
Serienmörder im Europa des 20. Jahrhunderts
Autor
Jahr
1997
Seiten
78
Katalognummer
V11210
ISBN (eBook)
9783638174305
Dateigröße
1060 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Serienmörder, Bücher, Kriminalität, Myra Hindley, Ian Brady, Ogorzov, Fritz Haarmann, Würger, Rillington Place, John Christie, Jürgen Bartsch, Pandy, Peter Kürten, Peter Sutcliffe, Monster, Lite
Arbeit zitieren
Jens Inti Habermann (Autor), 1997, Serienmörder im Europa des 20. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11210

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