„Geschichten zu erzählen liegt in der Natur des Menschen, und die Wurzel jeder menschlichen Kultur sind die Erzählungen, die wir Mythen nennen.“
Wenn man beim Versuch, den Sinnhorizont antiker Mythen zu erschließen, ein wenig in sich hinein horcht, dann kann und wird man sich selbst dabei begegnen. Hier werden nicht nur die Taten von Göttern und Helden ergreifend erzählt, sondern Lebensfragen und menschliche Probleme abgebildet, die heute wie damals aktuell sind. Da wir uns als Menschen seit der Antike nicht verändert haben und uns vermutlich niemals wirklich ändern werden, verlieren auch die Mythen ihre Bedeutung nicht. Sie sind die Spiegel, in denen uns das eigene Schicksal bewusst und deutbar wird. Dieser Bedeutungsträchtigkeit haben es die antiken Mythen zu verdanken, dass sie im Laufe der Menschheitsgeschichte, je nach Zeitgeist und Religion, immer wieder aufgegriffen, verändert und neu gedeutet werden, wurden und werden werden. Diese Rezeption ist oft abhängig von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, abgesteckt von den Mächtigen einer jeden Zeit. Zu solchen stark vom Zeitgeist abhängigen Mythen gehört die Geschichte vom unsterblich in seine Skulptur verliebtem Bildhauer Pygmalion.
Ausgehend von der Aufklärung und von Rousseaus Bedeutung für das 18. Jahrhundert, wird die Deutung seines Pygmalions einerseits Gegenstand dieser Arbeit sein. Dabei werde ich zunächst kurz und allgemein die Herkunft des Mythos’ und seine Rezeptionsgeschichte bis ins 18. Jahrhundert erklären, um dann speziell auf Rousseau einzugehen. Parallel soll die Bearbeitung des Pygmalions in der bildenden Kunst untersucht werden. Nach dem Erkunden der Motive in Rousseaus Pygmalion werde ich dann konkret auf bildkünstlerische Bearbeitungen eingehen. Da diese, gerade in Bezug auf Pygmalion immer in Beziehung zum Wettstreit der Künste gesehen werden müssen, werde ich im dritten Teil meiner Arbeit vom Paragone ausgehend zur Bearbeitungen des Mythos’ in den bildenden Künsten gelangen und diese am Ende mit Rousseaus Pygmalion in Verbindung zu bringen versuchen. Meine Arbeit wird sich besonders auf die Abhandlungen über Rousseaus Pygmalion von H. Schlüter und E. Laaths stützen. Ich werde aber auch andere Quellen, wie den Katalog zu „Wettstreit der Künste“ - 2002 in München - berücksichtigen. Im Folgenden beginne ich meine Arbeit mit einem geschichtlichen Abriss zum Mythos Pygmalion.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Pygmalion und sein Weg in das 18. Jahrhundert
2.1. Jean-Jacques Rousseau
2.2. Drei Motive bei Rousseaus Pygmalion
2.2.1. Das „Galathée-Thema“
2.2.2. Das „Motiv der Selbstanalyse“
2.2.3. Das „Pygmalion-Motiv im engeren Sinne“
3. Die Bedeutung des Pygmalion-Mythos‘ für die bildendende Kunst
3.1. Der Wettstreit der Künste
3.1.1. Paragone
3.1.2. Pygmalion und die bildende Kunst des 18. Jahrhunderts
3.1.2.1. Falconets Pygmalion
3.1.2.2. Das Pygmalion-Gemälde im 18. Jahrhundert
4. Zusammenfassung
5. Bildteil
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rezeptionsgeschichte des antiken Pygmalion-Mythos mit einem besonderen Fokus auf Jean-Jacques Rousseaus literarische Bearbeitung im 18. Jahrhundert sowie deren Wechselwirkung mit der bildenden Kunst und der zeitgenössischen Theoriebildung. Ziel ist es, die Wandlung des Stoffes im Kontext der Aufklärung und des sogenannten „Paragone“ (Wettstreit der Künste) aufzuzeigen.
- Rousseaus Bedeutung für die moderne Interpretation des Pygmalion-Stoffes.
- Die Analyse zentraler Motive (Galathée-Thema, Selbstanalyse, Künstlerverhältnis).
- Das Verhältnis von Bildhauerei und Malerei im theoretischen Diskurs des 18. Jahrhunderts.
- Die Bedeutung von Sinneswahrnehmung und pädagogischen Ansätzen in der Mythos-Rezeption.
Auszug aus dem Buch
2.2.1. Das „Galathée-Thema“
Hervorzuheben ist, dass Rousseau der Erste ist, von dem die Statue einen Namen be-kommt. Es handelt sich hier aber nicht um irgendeinen Namen. Denn Rousseau entlehnte ihn ebenfalls der antiken Mythologie. Die Statue Galathée zu nennen, wird im Text begründet: „...ich wollte eine Nymphe bilden...“ sagt Pygmalion einmal über seine Statue. Bei Galatea handelt es sich um den Mythos einer schönen Meernymphe, der beispielsweise von Raffael in seinem „Triumph der Galatea“ (1514) aufgegriffen wurde. Sie ist die Tochter des Nereús und der Okeanide Doris und wird aus glühender Liebe von dem Kyklopen Polýphemos verfolgt. Viele spätere Werke aus Literatur und bildender Kunst beziehen sich auf diese Namensgebung Rousseaus.
Mit dem Namen, der möglicherweise auf den Umstand der Verfolgung aus Liebe anspielen soll, erhält die Statue eine Identität und ist am Ende nicht mehr Statue, aber auch nicht einfach Mensch, sondern sie ist die konkrete Person Galathée. Und wenn es um Identität geht, kommen die Theorien des Sensualismus von Locke und Condillac ins Spiel.
Der englische Philosoph, Psychologe und Pädagoge John Locke (1632 – 1704) gilt als Begründer des Sensualismus und sieht in der Sinneswahrnehmung die Grundlage aller Erkenntnis. Er prägte das Symbol der „Tabula rasa“, der unbeschriebenen Tafel, als Anfang allen Menschseins. Etienne-Bonnot de Condillac (1715 – 1780), französischer Philosoph der Aufklärung, griff Lockes Theorie auf und entwickelte an einem theoretischen Experiment das Symbol einer leblosen Statue, die durch das schrittweise Erleben und Erfahren der Welt durch ihre Sinne zum Leben erweckt wird, und die durch ihren wichtigsten und zuletzt erfahrenen Sinn, den Tastsinn, das eigentliche Bewusstsein über sich selbst erlangt. Um diese Theorien darzustellen, ist Pygmalion wie geschaffen – ein Geschenk an die Pädagogen des 18. Jahrhunderts.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die zeitlose Faszination antiker Mythen ein und umreißt die Zielsetzung, den Pygmalion-Stoff aus der Perspektive Rousseaus und der bildenden Kunst zu untersuchen.
2. Pygmalion und sein Weg in das 18. Jahrhundert: Dieses Kapitel behandelt die Entstehungsgeschichte des Mythos bei Ovid und die schwierige Rezeptionsgeschichte bis ins 18. Jahrhundert, in dem der Stoff durch ein liberaleres Weltbild eine neue Aufmerksamkeit erfährt.
2.1. Jean-Jacques Rousseau: Der Autor stellt Rousseau als pädagogischen Reformator und Begründer einer neuen Menschlichkeit vor, deren Wirkung bis in die Moderne reicht.
2.2. Drei Motive bei Rousseaus Pygmalion: Hier werden die zentralen inhaltlichen Pfeiler der Rousseau-Interpretation erarbeitet und um das vom Autor identifizierte „Motiv der Selbstanalyse“ erweitert.
2.2.1. Das „Galathée-Thema“: Dieses Kapitel erläutert die Namensgebung der Statue durch Rousseau und setzt sie in Beziehung zu den sensualistischen Theorien von John Locke und Étienne Bonnot de Condillac.
2.2.2. Das „Motiv der Selbstanalyse“: Der Fokus liegt hier auf Pygmalions innerem Prozess der Selbstreflexion und seinem rationalen Ringen mit den Gefühlen gegenüber seinem Werk.
2.2.3. Das „Pygmalion-Motiv im engeren Sinne“: Hier wird das Verhältnis des Künstlers zu seinem Kunstwerk im Kontext der entstehenden Kunstgeschichtsschreibung und der Ideen von Johann Joachim Winckelmann betrachtet.
3. Die Bedeutung des Pygmalion-Mythos‘ für die bildendende Kunst: Das Kapitel verortet Pygmalion im Kontext des Paragone-Streits zwischen Malerei und Bildhauerei.
3.1. Der Wettstreit der Künste: Es wird der geschichtliche Hintergrund des Paragone beleuchtet, bei dem verschiedene Gattungen um die Vorherrschaft der Wahrhaftigkeit konkurrierten.
3.1.1. Paragone: Erläuterung des theoretischen Diskurses, der im 16. Jahrhundert durch Leonardo da Vinci und spätere Gelehrte zur Theoretisierung der Kunst beitrug.
3.1.2. Pygmalion und die bildende Kunst des 18. Jahrhunderts: Untersuchung, wie die Malerei des 18. Jahrhunderts den Pygmalion-Stoff als Argument im Wettstreit der Künste nutzte.
3.1.2.1. Falconets Pygmalion: Analyse des Bildhauer-Gegenentwurfs von Falconet, der eine intime, von göttlicher Fügung befreite Darstellung wählt.
3.1.2.2. Das Pygmalion-Gemälde im 18. Jahrhundert: Zusammenfassung der künstlerischen Entwicklungen, bei denen Maler weiterhin an traditionellen Motiven festhielten, bis hin zu späteren, modern-aufgeräumten Darstellungen im 19. Jahrhundert.
4. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung bündelt die Ergebnisse und betont, dass die künstlerischen Bearbeitungen des Mythos Spiegel für die Sehnsüchte und Ideale ihrer Schöpfer sind.
5. Bildteil: Der Bildteil präsentiert die im Text erwähnten Skulpturen und Gemälde zur Veranschaulichung der theoretischen Ausführungen.
Schlüsselwörter
Pygmalion, Rousseau, Mythos, Paragone, Bildhauerei, Malerei, Aufklärung, Galathée, Sensualismus, Rezeptionsgeschichte, Kunstgeschichte, Selbstanalyse, Wettstreit der Künste, Ästhetik, Falconet
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den antiken Pygmalion-Mythos und dessen Rezeptionsgeschichte, mit einem speziellen Fokus auf die literarische Bearbeitung durch Jean-Jacques Rousseau im 18. Jahrhundert und deren Bedeutung für die bildende Kunst.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Themenkomplexe des „Wettstreits der Künste“ (Paragone), die ästhetische Theoriebildung im 18. Jahrhundert und die psychologische sowie philosophische Interpretation von Rousseaus Pygmalion-Dichtung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie der Pygmalion-Mythos als symbolträchtige Figur genutzt wurde, um die Künste sowohl gegeneinander abzugrenzen als auch theoretisch zusammenzuführen, und wie dabei moderne pädagogische Ansätze und Sensualismus-Theorien einflossen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Literatur- und Bildanalyse, wobei sie auf bedeutende Forschungsliteratur (u.a. von Hermann Schlüter und Erwin Laaths) zurückgreift und diese mit historischen Kunstkatalogen synthetisiert.
Was behandelt der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Rousseau’schen Motive (Galathée, Selbstanalyse) und eine Untersuchung, wie Maler und Bildhauer den Mythos im „Paragone“ als Argument für die Überlegenheit ihrer jeweiligen Kunstgattung verwendeten.
Welche Schlüsselbegriffe definieren den Inhalt?
Die zentralen Begriffe sind Pygmalion, Paragone, Aufklärung, Rousseaus Lyrische Szene, Sensualismus, sowie der historische Diskurs über den Stellenwert von Malerei versus Bildhauerei.
Inwiefern beeinflussten Lockes Theorien die Interpretation von Rousseaus Pygmalion?
Rousseau integrierte Aspekte des Sensualismus, indem er Galathée durch einen Lernprozess mittels ihrer Sinne zum Menschen werden lässt, was dem pädagogischen Geist des 18. Jahrhunderts entsprach.
Welche besondere Bedeutung kommt dem „Motiv der Selbstanalyse“ zu?
Die Autorin stellt heraus, dass Pygmalions Reflexion über sein eigenes Handeln und sein schwindendes Genie ein wesentliches, oft vernachlässigtes Element bei Rousseau darstellt, das einen aufgeklärten Geist offenbart.
- Quote paper
- Anne Silbereisen (Author), 2003, Rousseaus Pygmalion und die bildkünstlerische Tradition, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112115