Wenn Libeskinds Bauten dekonstruktivistische sind, was sind dann die Zeichen dekonstruktivistischer Architektur? Da Libeskinds Architektur zwar als jene deklariert, insbesondere jedoch als textuelle Architektur in architekturtheoretischen Diskurs interpretiert wird, sollen dafür bezeichnende Gestaltungselemente der Museumsbauten Jüdisches Museum Berlin und Felix Nussbaum-Haus in Osnabrück mittels der Theorie der textuellen Architektur nach Peter Eisenmann und des semiotischen Ansatzes nach Umberto Eco betrachtet werden. Die als Zeichen abstrahierten Elemente der Architektur wie Türen, Fenster oder Materialien werden von Daniel Libeskind ganz bewusst eingesetzt. Traditionelle Vorstellungen von Ort und Zeit werden verschoben. Ein allein dem Zweck dienendes Gebäude gelingt dem Architekten nicht und will ihm nicht gelingen.
Wie können Zeichen und Symbole des Gebauten deren beabsichtigte Wirkung unterstützen? Was kommunizieren darüber hinaus der grundlegende Zusammenhang von Form und Funktion sowie die Chaos und Ordnungs-Dichotomie über die Gesellschaft bzw. über den Architekten?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff des Dekonstruktivismus
3. Architektur als Text am Beispiel des Jüdischen Museums Berlin
3.1 Architektur als Erfahrung des Anderen
3.2 Der architektonische Text
3.3 Das architektonische Zeichen nach Umberto Eco
4. Grundlegende Gestaltungselemente Libeskinds Museumsbauten
4.1 Die Chaos und Ordnungs-Dichotomie
4.2 Der Form und Funktions-Zusammenhang
4.3 Die Symbole Leere und Labyrinth
4.3.1 Das Felix Nussbaum-Haus – form follows memory
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht Daniel Libeskinds Museumsbauten unter dem theoretischen Aspekt der "Architektur als Zeichen". Dabei wird analysiert, wie Libeskind durch eine dekonstruktivistische Formensprache und den Einsatz architektonischer Symbole eine expressive Raumsprache erzeugt, die den Betrachter aktiv in den Sinnstiftungsprozess einbezieht und über rein funktionale Zweckbauten hinausgeht.
- Dekonstruktivismus als geistige Haltung in der zeitgenössischen Architektur
- Die Theorie der textuellen Architektur nach Peter Eisenmann
- Semiotische Ansätze zur Interpretation architektonischer Zeichen nach Umberto Eco
- Analyse des Jüdischen Museums Berlin als narrativer "Text"
- Fallstudie zum Felix Nussbaum-Haus in Osnabrück
Auszug aus dem Buch
3.3 Das architektonische Zeichen nach Umberto Eco
Auch semiotisch betrachtet stellt Architektur eine Herausforderung dar, weil die Objekte scheinbar nichts mitteilen, sondern funktionieren (vgl. Eco 2002 [1972]: 295f). Gewöhnlich aber kommunizieren architektonische Objekte mit uns. Schon Roland Barthes sagte (1964), dass „von dem Moment an, wo es Gesellschaft gibt, sich jeder Gebrauch in das Zeichen dieses Gebrauchs verwandelt“ (ebd. zit. n. Barthes 1964: 298). Eine Höhle fördere die Handlung, Schutz zu suchen und teile eine mögliche Funktion mit. Der architektonische Code erzeuge einen ikonischen Code, wodurch die Höhle ein Gegenstand wird, der kommuniziert, auch wenn er nicht benutzt wird. (Vgl. Eco 2002: 297f)
Wie lassen sich demnach architektonische Zeichen charakterisieren? Architektonische Zeichen sind Signifikanten. Interpretiert man sie mit Hilfe bestimmter Codes, können sie präzise Funktionen denotieren, wodurch ihnen Signifikate zugesprochen werden. (Vgl. ebd.: 306) Das primäre Signifikat eines Gebäudes denotiert das wohnen bzw. aufbewahren, ausstellen, sammeln, forschen etc. im Falle eines Museumsbaus. Diese Denotation trifft auch dann zu, wenn man von der Bewohnbarkeit bzw. Nutzbarkeit des Objekts keinen Gebrauch macht. Fenster, die eine Funktion denotieren, obwohl sie nicht funktionieren, können im architektonischen Kontext funktionieren, indem sie kommunikativ als Fenster erfahren werden. Neben dem, das sie eine Funktion denotieren und an Wohnen und Nutzen erinnern, konnotieren sie verschiedene Auffassungen von der Funktion, die von dem Architekten bestimmt wird, z.B. die Form, Anzahl und Anordnung von Fenstern einer Fassade.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die historische Entwicklung des Dekonstruktivismus ein und skizziert die biographischen sowie theoretischen Hintergründe von Daniel Libeskind.
2. Der Begriff des Dekonstruktivismus: Hier wird der Dekonstruktivismus als Möglichkeit einer geistigen Haltung und nicht als bloßer Baustil definiert, wobei der philosophische Bezug zu Jacques Derrida und dem Poststrukturalismus zentral ist.
3. Architektur als Text am Beispiel des Jüdischen Museums Berlin: Das Kapitel beleuchtet die Architektur als Medium für erzählerische Inhalte, bei dem der Besucher durch die "Lektüre" der Räume zum aktiven Akteur wird.
4. Grundlegende Gestaltungselemente Libeskinds Museumsbauten: Diese Sektion analysiert die spezifische Formensprache Libeskinds, insbesondere die Verwendung von Chaos, Leere und Labyrinthen, unter Einbeziehung des Felix Nussbaum-Hauses.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass Libeskinds Architektur durch ihre Polysemie den Status eines autonomen Kunstwerks erreicht und als kulturelles Kommunikationsmedium fungiert.
Schlüsselwörter
Daniel Libeskind, Dekonstruktivismus, Architekturtheorie, Jüdisches Museum Berlin, Felix Nussbaum-Haus, Architektur als Text, Semiotik, Umberto Eco, Peter Eisenmann, Architektur des Affekts, Zeichensysteme, Raumkonzepte, Erinnerungskultur, Raumwahrnehmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Architektur als Zeichensystem funktioniert und wie Daniel Libeskind seine Museumsbauten nutzt, um komplexe gesellschaftliche und historische Inhalte zu vermitteln.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen der Dekonstruktivismus, die Theorie der "textuellen Architektur", semiotische Interpretationsansätze und die bauliche Umsetzung von Erinnerung und Emotion.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die beabsichtigte Wirkung von architektonischen Zeichen und Symbolen in Libeskinds Bauten sowie deren Beitrag zur Interpretation von Geschichte und Gesellschaft zu ergründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin bedient sich der Theorie der textuellen Architektur nach Peter Eisenmann sowie des semiotischen Ansatzes nach Umberto Eco, um die Architektur als kommunikatives Medium zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Dekonstruktivismus, die Analyse des Jüdischen Museums Berlin als "Text" sowie die Untersuchung spezifischer Gestaltungselemente wie die Leere und das Labyrinth.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Dekonstruktivismus, Zeichen, Architektur als Text, Erinnerungskultur und räumliche Semiotik zusammenfassen.
Wie definiert Libeskind den Zusammenhang von Form und Funktion in seinen Bauten?
Libeskind bricht mit der traditionellen Kausalität von Form und Funktion zugunsten einer "poetischen Fiktion", bei der die Architektur nicht dem reinen Zweck folgt, sondern die Geschichte und das Gedächtnis des Ortes in den Vordergrund stellt.
Warum spielt das "Felix Nussbaum-Haus" eine so zentrale Rolle für die Argumentation?
Das Gebäude dient als konkrete Fallstudie, um zu zeigen, wie durch Materialwahl, Raumstruktur (den "Nussbaum-Gang") und symbolische Anordnungen eine traumatische Vergangenheit architektonisch erfahrbar gemacht wird.
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- Maria Hillegaart (Author), 2008, Architektur als Zeichen am Beispiel von Daniel Libeskinds Museumsbauten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112160