In dieser Arbeit soll ansatzweise herausgearbeitet werden, wie aus dem frühgeschichtlichen Dämon über die vermeintliche tatsächliche Existenz des Vampirs über die Jahrhunderte Geistesgeschichte die Menschen begleitete, sich zur Legende (mit-)entwickelte und Eintritt in die Literatur fand. Ferner sollen anhand einer Klassifizierung der verschiedenen Typen von Vampiren die Wirkung, sowie Wirkungsgenese auf den Menschen, und das psychologische, sowie symbolische Potential erschlossen werden. Anhand eines Meilensteins der Vampirliteratur, Johann Wolfgang Goethes „Die Braut von Korinth“ soll schließlich exemplarisch die Reichhaltigkeit der Varianten des Symbolträgers Vampir dargestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der mythische Vampir
3. Der pathologische Vampir
3.1 Die Toten stehen auf
3.2 Die Einfluss der Kirche
3.2.1 Wer wird Vampir
3.2.2 Abwehrmaßnahmen
3.3 Erklärungsversuche
4. Der fiktive Vampir am Beispiel Johann W. von Goethes „Die Braut von Korinth“
4.1 Vampirismus
4.1.1 Sexualität
4.1.2 Emanzipation
4.2 Ethisch-moralischer Konflikt
4.3 Resümee
5. Der reale Vampir
5.1 Historische Vampire
5.2 Der Vampir in uns
5.2.1 Der soziologische Vampir
5.2.2 Der moderne Vampir
6. Resümee
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Genese des literarischen Motivs des Vampirs von seinen mythologischen und pathologischen Ursprüngen bis hin zu seiner Transformation in der modernen Literatur und Gesellschaft. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Wandlungsfähigkeit der Vampirfigur als Projektionsfläche für menschliche Urängste, gesellschaftliche Tabus und das Spannungsfeld zwischen christlicher Moral und individueller Emanzipation.
- Historische Herleitung des Vampirmotivs aus antiken und mittelalterlichen Mythen.
- Analyse der Vampirhysterie des 18. Jahrhunderts und der Rolle kirchlicher Diskurse.
- Exemplarische Untersuchung von Goethes „Die Braut von Korinth“ als literarischer Meilenstein.
- Psychologische und soziologische Deutung des Vampirismus in der Moderne.
- Das Fortbestehen des Vampirs als Symbol für verdrängte Wünsche und Grenzbereiche der menschlichen Existenz.
Auszug aus dem Buch
4.1 Vampirismus
Goethes „Braut von Korinth“ entsteht im ausgehenden „Jahrhundert der Vampire“ und es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der Dichter nicht nur den antiken Stoff der Lamien kannte, die auch in „Faust“ ihren Eingang fanden. Ebenso die Kenntnis der volkstümlichen Vorstellungen aus Berichten, Traktaten und wissenschaftlichen Werken kann man, in Anbetracht ihrer Verbreitung in Europa, annehmen. Abgesehen davon, dass Goethe selbst sein Werk „ein vampyrisches Gedicht“ genannt hat, sprechen allein die Attribute und Eigenschaften, durch die sich die Braut auszeichnet, für deren Vampirismus.
Ihr „starres Blut“ (125), dass sie so „kalt wie Eis“ (111) ist und die Angabe „es schlägt kein Herz in ihrer Brust“ zeugen deutlich das Fehlen jeglicher biologischen Körperaktivität. Dass ferner der „letzte Schritt“ (52) bereits geschehen ist und sie sich „in die Erde bald verbirgt“ (76), sind nochmals unverkennbare Hinweise auf ihren Status als Untote.
Sie ist „vor Schrecken blaß“ (47) und hebt „eine weiße Hand“ (35) und „mit blassem Munde“ (94) schlürft sie den „dunkel blutgefärbten Wein“ (95). Die Farben, die hier ein Bild ihrer äußeren Erscheinung geben, sind nicht nur zu Goethes Zeiten mit Symbolik behaftet – schwarz wie die Nacht bzw. das Böse, weiß wie blutleere Haut oder die Unschuld, und rot wie Blut sind sie bis heute die klassischen Farben des Vampirs.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die anhaltende Popularität von Vampirfiguren in der aktuellen Literatur und führt in die Zielsetzung der Arbeit ein, den Wandel des Motivs vom mythischen Dämon zum komplexen Symbolträger nachzuzeichnen.
2. Der mythische Vampir: Dieses Kapitel verortet die Wurzeln des Vampirglaubens in verschiedenen Kulturen und Mythen, wobei insbesondere die Figur der Lilith als erste Dämonin und nächtliche Verführerin thematisiert wird.
3. Der pathologische Vampir: Der Fokus liegt hier auf der historischen Vampirpanik im 18. Jahrhundert, wobei das Kapitel sowohl die medizinischen Erklärungsversuche für das Phänomen als auch die Rolle der Kirche bei der Festigung des Vampirglaubens analysiert.
4. Der fiktive Vampir am Beispiel Johann W. von Goethes „Die Braut von Korinth“: Eine detaillierte literaturwissenschaftliche Analyse der Ballade, in der Goethe das Vampirmotiv als Instrument zur Kritik an restriktiver Moral und zur Befreiung sexueller Identität nutzt.
5. Der reale Vampir: Das Kapitel überträgt das Vampirprinzip in die heutige Zeit und untersucht sowohl historische "Vampirmörder" als auch die soziologische und psychologische Bedeutung des Vampirs als Projektionsfläche für menschliche Ambivalenzen.
6. Resümee: Das Fazit fasst die Wandlungsfähigkeit des Vampirs zusammen und konstatiert, dass die Figur als Spiegel der gesellschaftlichen Befindlichkeiten in der Moderne zum Sehnsuchtsobjekt in einer tabuisierten Welt avanciert ist.
Schlüsselwörter
Vampir, Vampirismus, Literaturgeschichte, Johann Wolfgang Goethe, Die Braut von Korinth, Mythos, Untote, Christianisierung, Erotik, Emanzipation, Gesellschaftskritik, Projektionsfläche, Psychologie, Soziologie, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Genese und der historischen Entwicklung des Vampirmotivs, von seinen Ursprüngen in alten Mythen bis hin zu seiner modernen Bedeutung als vielschichtiges Symbol.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen umfassen die mythologische Herkunft, die medizinisch-historische Panik des 18. Jahrhunderts, die Rolle des Christentums bei der Moralisierung des Motivs sowie die literarische Adaption bei Goethe.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Vampirmotiv von einem furchteinflößenden Dämon zu einem Symbol für menschliche Sehnsüchte, Ängste und gesellschaftliche Emanzipationsbestrebungen transformiert wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer geisteswissenschaftlichen Text- und Kontextanalyse, wobei historisches Quellenmaterial sowie literaturwissenschaftliche Theorien zur Interpretation herangezogen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historisch-mythologische Herleitung, eine Analyse des kirchlichen Einflusses auf den Aberglauben und eine vertiefte Untersuchung von Goethes Ballade als Instrument der Gesellschaftskritik.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Begriffen zählen Vampirismus, Symbolik, Erotik, Emanzipation, christliche Moral und der Wandel der gesellschaftlichen Rezeption von Mythen.
Wie interpretiert die Autorin Goethes Nutzung des Vampirmotivs?
Die Autorin sieht in Goethes „Die Braut von Korinth“ ein aufklärerisches Plädoyer, das das Heidentum und die Freiheit der Triebe gegenüber einer lebensfeindlichen, christlichen Askese triumphieren lässt.
Welche Verbindung sieht die Arbeit zwischen realen Mördern und dem Vampir-Mythos?
Die Arbeit identifiziert den Vampir als Projektionsfläche für menschliche Schattenseiten; historische Kriminalfälle, die als „vampirisch“ bezeichnet wurden, werden als Ausdruck von destruktiven menschlichen Trieben gedeutet.
Warum wird der moderne Vampir als „Seelenverwandter“ bezeichnet?
In der modernen Wahrnehmung dient der Vampir als Identifikationsfigur, die für Romantik und die Rebellion gegen eine als „clean“ oder „entpoetisiert“ empfundene Konsumwelt steht.
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- Laura Helm (Author), 2008, Der Vampir. Genese des literarischen Motivs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/112195